Gustav Mahler: Die Sinfonie der Tausend (die 8.) => Ungreifbar?

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    • Gustav Mahler: Die Sinfonie der Tausend (die 8.) => Ungreifbar?

      Mahler's 8. Sinfonie öffnete mir jüngst den Zugang zu einer ganz anderen Art des Musikverstehens. Mahler schafft es in zwei Sätzen, sich nicht nur mit zwei völlig unterschiedlichen Materien auseinander zu setzen. Gerade mit dem Finale des 2. Satzes lässt er dem Hörer bewusst werden, dass der Kosmos nahezu unendlich und unerforscht ist, dies alles unter Vertonung von Goethe's Faust.

      Ich hatte das Glück, dieses Werk neulich live zu erleben. Seither lässt es mich nicht mehr los. Meine beiden favorisierten Aufnahmen sind:





      Wie steht Ihr zu dem Werk? Welche Aufnahmen bevorzugt Ihr?
    • RE: Gustav Mahler: Die Sinfonie der Tausend (die 8.) => Ungreifbar?

      LIeber Jeremias,

      von allen Mahler-Sinfonien war mir die 8. immer ein Rätsel, zu disperat die beiden Sätze, bis ich neulich die Chailly-Einspielung hörte, da zündete der Funke. Kennengelernt habe ich das Werk mit der Wiener Solti-Aufnahme. Ich muss mich noch näher mit der Sinfonie beschäftigen, Nagano liegt auch noch ungehört im Regal.

      Gruß Amadé
    • Hallo Jeremias,

      leider kenne ich weder Nagano noch Rattle mit Mahler 8.

      Daher zu Deiner Frage:

      Noch zu LP-Zeiten habe ich die Sinfonie kennegelernt durch Solti und Kubelik.

      Auf CD dann wurde Bernstein (Sony) prägend. Ich lernte mit den Jahren viele Interpretationen kennen, konnte am ende aber nicht mehr nachvollziehen, was mich an dieser Sinfonie so fasziniert hatte.

      Bis ich vor einigen Monaten wieder Solti auf CD zu hören bekam, ein sehr gutes Ensemble gepaart mit einer akzentuierten Interpretation, wo man das, was man hören möchte, glasklar zu hören bekommt. Ich nehme als Beispiel bloß die gezupften tiefen Streicher zu Beginn des zweiten Satzes: Viele spielen das gelangweilt herunter darauf wartend, dass die Musik erst später beginnt. Die Wiener starten das Kunstwerk vom ersten Takt an.
      Der für damalige Verhältnisse hervorragende Decca-Klang wirkt unterstützend.

      Kurzum, Solti ist mein derzeitiger Favorit bei Mahler 8.


      Grüße
      Jürgen
    • lieber jeremias,

      ich muss gestehen, dass ich mit mahlers achter bisher noch nicht so richtig warm geworden bin - von allen mahler-symphonien ist sie mir als einzige trotz oftmaligem hören immer etwas fremd geblieben.

      der komponist selber bezeichnete das werk zwar als sein "opus summum", jedoch erscheint mir die diskrepanz zwischen eingesetzten mitteln (8 solisten, 2 chöre, kinderchor, riesenorchester) und musikalischem gehalt etwas groß geraten. natürlich enthält auch diese symphonie großartige musikalische einfälle und "große momente", etwa den phantastischen schluss, v.a. im zweiten satz finden sich imo aber auch so manche längen, wodurch die spannung, der große bogen etwas verloren geht.

      außer nagano kenne ich alle bisher genannten aufnahmen, dazu noch ein paar andere (haitink, inbal, neumann, ozawa, tabakov). am besten gefällt mir einmal mehr chailly, der den spagat zwischen aufrechterhaltung des großen bogens und herausarbeitung musikalischer details schafft. ich finde aber auch die anderen aufnahmen recht gut, mit ausnahme von tabakov, dessen solisten leider unfreiwillig an der grenze zur komik agieren.
    • Fragt man mich nach der 8ten, weiß ich immer nicht so recht was ich sagen soll.
      Insgeheim gebe ich mich dem Ding manchmal gerne hin. Gestehe mir ein, dass ich sie sehr mag.
      Dann kommt aber vielleicht auch sowas wie Scham. Einfach solche Gedanken wie "Überambitionierterschmonzpomp". Und natürlich stehen andere Sinfonien Mahlers mir näher und, an sich, weit über der 8ten.

      Die neue Boulez gefällt mir sehr gut, weil er sie mit Distanz angeht (was für mich bei ihm, zumindest bei seinem Mahler, nicht die Regel ist). So gibt er auch mir die Möglichkeit eines gelösteren und neutraleren Blickes; ich bekomme mit, was ich an dem Ding mag und was ich nicht so mag. Ausserdem ist es einfach superb dirigiert.

      Dann kam ich durch Zufall mal zur Einspielung unter Sir Colin Davis, die ich für eine Genietat halte. Völlig überwältigend ohne plakativ oder pathetisch zu sein und eine tolle Klangtechnik, wo sie nötig ist und es Sinn macht.
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    • Bei mir ist die Achte das klare Schlusslicht. Mahlers Ambition, den Kosmos selbst zum Tönen zu bringen, ist mir eigentlich ganz sympathisch und der gigantische Aufwand ist per se auch nicht zu verwerfen. Ich stimme uhlmann zu, es gibt bei dieser Sinfonie unerhörte "große Momente", die es mir unmöglich machen, das Werk einfach zu ignorieren. Andererseits kann ich es kaum ertragen, wenn nach der Einleitung und am Schluss des ersten Abschnitts das Solistenensemble im Einsatz ist. Das finde ich völlig over the top und noch um Potenzen missliebiger als das Solistienensemble in Beethovens Neunter. Eine Aufnahme der Achten wird mir niemals wegen der Sänger gefallen, sondern trotz der Sänger.
      Dass es mir ausgerechnet bei Emil Tabakovs Aufnahme mit dem Philharmonieorchester Sofia gelingt, das auszublenden, scheint für regelmäßige Vokalhörer schwer nachvollziehbar zu sein.

      Original von uhlmann
      ich habe diese achte zwar schon länger nicht mehr gehört, erinnere mich aber noch lebhaft an die "sänger". was die hier abliefern, geht wirklich an die schmerzgrenze, das ist eigentlich slapstick.

      Ganz so schlimm finde ich das nicht, aber ich höre durchaus, dass man das viel versierter singen kann, etwa beim Vergleich mit dem Ensemble bei Solit/CSO.
      Musikalisch reisst Tabakov die Ungereimtheiten der Vokaldarbietung mehr als raus. Schon die ersten Sekunden machen das deutlich. Extrem klar ist die Dispositon der Instrumentengruppen -wo hört man sonst die Pauke so prägnant, wo die Diffenzierung der hohen und tiefen Blechbläser? Das Bild wird in Elementarereignisse zerlegt ohne dass Homogenität oder Wucht verloren gehen, im Gegenteil, das ist viel intensiver als bei den berüchtigten Orchesterpeitschern. Tabakov läßt es nicht krachen, sondern es kracht. Oder hören wir das einleitende Adagio zur Schlussszene, wenn am Höhepunkt kurz vor Ende ein unfassbar ergreifendes Motiv ertönt, das sich für ewig ins Hirn brennt. Wie natürlich und organisch das hier herauswächst, ohne dass vorher das Orchester aufgewiegelt werden musste oder gar die Sentimentalitätskeule herausgeholt wird, das ist ganz große Klasse.

      Man kann dieser Aufnahme neben den Sängern vieles vorwerfen und mit gespitzen Ohren den einen oder anderen schiefen Ton oder verpassten Einsatz heraushören wollen - schließlich handelt es sich hier um ein osteuropäisches Orchester. Aber das geht für mich am Wesentlichen vorbei. Die anderen Beiträge in diesem Thread weisen darauf hin, dass besonders bei der Achten das Wohl und Wehe von der "richtigen" Interpretation abhängt und da hat jeder Hörer andere Präferenzen. Mir ist natürliches und organisches Musizieren mit nie nachlassender Innenspannung wichtiger als interpretatorische Kunstkniffe, ich mag weder Bombast noch Pathos und ich will Mahler eher absolut als biographisch verstehen. Tabakov bietet das alles und dafür kann ich gerne auf die letzte Perfektion verzichten.
      Die Achte bleibt vorerst Schlusslicht, aber ich habe mich dem Werk wieder ein Stück angenähert.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()



    • Oft habe ich Mahlers Achte noch nicht gehört in den vergangenen vierzig Jahren Beschäftigung mit Musik. Vor allem noch nicht oft sehr bewusst.

      Eben habe ich mir die Achte in der Solti-Aufnahme zu Gemüte geführt.

      Ich tendiere zur Position einer eigentlich für den Komponisten untypischen weitgehenden Aussparung des Ironischen, des Gebrochenen, verbunden mit einem gehörigen Schuss Hypertrophie. Auf der anderen Seite steht die Auseinandersetzung mit Bach, mit der Kontrapunktik, ebenso die mit dem Belcanto einer damals noch nicht vergangenen Zeit. Es findet sich eine Melodik, die wie nirgends sonst bei Mahler an Wagner erinnert - und es finden sich keine Trauermärsche :cool .

      Sehr interessant ist die Deutung, welche Der Konzertführer von Attila Csampai /Dietmar Holland (Hrsg.), erschienen in Reinbek bei Rowohlt, in der Auflage von 2005 (vgl. S. 630 und S. 640) anbietet. Schade, dass mir nur die hübsche Dialektik aufgefallen ist, während ich mir die Beobachtungen per se angelesen habe. (Den Thread zur vierten Sinfonie werde ich jetzt gleich lesen - sollte sich eine solche Beobachtung dort bereits finden, belastet mich das auch nicht. :P )

      So schreibt Holland zum Schluss der vierten Sinfonie:

      Am Ende schläft die Musik so paradox zum Textinhalt ("daß alles für Freuden erwacht") ein, daß niemand glaubt, sie würde jemals wieder erwachen. (S. 630)

      Einer der weiteren Autoren, Michael Querbach, der ausgewogen kritisch und ähnlich geistvoll wie Holland bezüglich der Vierten zum Schluss der Achten Stellung bezieht, formuliert wie folgt:

      "Das ewig Weibliche zieht uns hinan" - aber was da inszeniert wird, ist der Sieg des Ewig-Männlichen. (S. 640)

      Ist Mahler demnach in der Achten hinter der Vierten zurückgeblieben - oder doch nicht? 8+)

      :wink: Wolfgang

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Andréjo ()

    • Original von Cetay
      Man kann dieser Aufnahme neben den Sängern vieles vorwerfen und mit gespitzen Ohren den einen oder anderen schiefen Ton oder verpassten Einsatz heraushören wollen - schließlich handelt es sich hier um ein osteuropäisches Orchester.

      :wink Noch ein schönes Beispiel für eine gelungene osteuropäische Produktion: Antoni Wit mit dem Warschauer Nationalen Philharmonischen Orchester und guten Solisten. Entweder billig bei Amazon etc. zu erstehen (da von Naxos herausgebracht) oder kostenlos bei Spotify zu hören:

      amazon.com/Symphony-No-8-G-Mahler/dp/B000EQHS14

      open.spotify.com/album/27tv3ht9zh1vEimrzmN3FF