Gustav Mahler - Sinfonie Nr. 5 cis-moll

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    • Gustav Mahler - Sinfonie Nr. 5 cis-moll

      Gustav Mahlers 5te Sinfonie gehört zu meinen absoluten Lieblingenswerken. Nur anders als bei den meisten anderen Sinfonien Mahlers finde ich hier sehr selten Aufnahmen, die für mich in die engere Auswahl kommen würden, geschweige denn eine Referenz darstellen.

      Vielleicht hat das damit zu tun, wie ich diese Sinfonie sehe, bzw. mit dem, was mir für eine gelungene Interpretation wichtig erscheint.

      Oftmals wird sie als dreigeteilt bezeichnet, wobei die ersten beiden, der mittlere und die letzten beiden Sätze jeweils als zusammengehörig bezeichnet werden. Dabei entsteht beim gesammten Ablauf so etwas wie eine "von der Nacht in den Tag" bzw. "von der Verzweiflung ins Licht" Dramaturgie (erinnert mich immer an Beethoven 5).

      Jedoch sind das Adagietto sowie das Finale nochmals von so unterschiedlicher Stimmung/Natur, dass sich diese Sinfonie im Prinzip aus 4 Komplexen zusammenfügt, nämlich dem düsteren Trauermarsch der ersten beiden Sätze, dem spielerischen Scherzo, welches ich als eine Ablenkung oder Versteuung empfinde, dem sanften Adagietto, eine Liebeserklärung Mahlers an seine Alma, und schließlich das Rondo Finale, in dem sich, nach und nach, immer wieder alles zu versammeln scheint, bis genügend Kraft und Optimismus gesammelt ist triumphal zu Trumphieren.

      Somit deckt diese Sinfonie ein weites Spektrum an Stimmungen ab, welches zusätzlich noch durch ein, am Ende des zweiten und am Ende des dritten Satzes, auftretendes Thema unterbrochen wird. Dieses erscheint immer bezugslos, wie von der Ferne her und erst bei seinem Erscheinen am Ende des Finales verschwimmt es vollkommen mit dem Rest.

      Ich hoffe meine Sichtweise ist nachvollziehbar.

      Das Problem ist nun eine Interpretation zu finden, die alle einzelnen Stimmungen unterstützt und ihren sehr spezifischen Charakter erfasst und zum anderen dennoch ein hommogenes Ganzes darstellt.

      Oft schlimmer als eine Auswalzung oder unnötige Sentimentalisierung der Adagiettos empfinde ich häufig den Übergang von diesem ins Finale. Diese Stelle wirkt auf mich oftmals wie ein Loch oder etwas irritierend.

      Bisher überzeugt mich Vaclav Neumanns Leipziger Einspielung am deutlichsten.
      Diese Einspielung ist durchgehend fast zügig und flott, sehr transparent und immer voller Ausdruck. Der Trauermarsch ist von einer heftigen Umnachtung umgeben, des Scherzo ist immer dynamisch und wirklich durchsichtig, das Adagietto hat von nichts zuwenig, von nichts zuviel, und der Beginn des Finales wirkt wie ein Erwachen und sich bewusst sein, dass jetzte der Moment da ist, nach einer gewissen Anstrengung, auch mal Licht zu sehen.

      Ich habe das ganze jetzte vielleicht etwas programmmusikhaft und wahrscheinlich bildlicher beschreiben, als ich das beim Hören selbst vor Augen habe, denn insgesammt fasse ich das Werk schon eher als sog. "absolute Musik" auf.

      Die letzten Tage habe ich, nachdem ich da und dort davon gelesen hatte, noch die Einspielung von Wyn Morris kennengelert.

      Auch diese Aufnahme überzeugt mich sehr durch ihre Geschlossenheit, bei Berücksichtigung aller Stimmungen. Im Vergleich zu Neumann kommt die Geschlossenheit aber eher durch eine "blockhafte hermetik" zustande. Die Einspielung wirkt klanglich sehr schwarz und viele Nuancen werden expressionistisch ausgespielt. Ich ringe noch nach den rechten Begriffen,
      habe aber eine hier sehr seltene Sicherheit. Bis dahin...


      Wie steht es bei euch? Habt ihr bei der 5ten ähnliche/andere Probleme oder gar eine ganze Reihe an gelungenen Einspielungen?
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      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Dr. Schön ()

    • Die 5. ist eines der Werke, das mir -nachdem ich mich zuvor fast nur für die Moderne interessiert habe- den Zugang zur "echten" Klassik verschafft hat. Entsprechend viele Einspielungen haben sich im Laufe der Zeit angesammelt: Wit, Bernstein/NY, Bernstein/WP, Mitropolous, Haitink, Walter, Barshai. Jede der Aufnahmen hat ihre Meriten, mit Ausnahme von Haitink, den ich so kühl und steril empfand, dass ich ihm nie wieder eine Chance gegeben habe. Eine Interpretation ragt für mich wie ein Monolith heraus: Die Aufnahme mit Bruno Walter und den New Yorker Philharmonikern aus dem Jahr 1947.

      Die Einspielung ist ziemlich sachlich und -im Fachjargon- unidiomatisch geworden. Das heisst aber nicht, dass ihr irgend etwas fehlt.
      Von Mahler selbst stammt die Aussage: "Das Wichtigste in der Musik steht nicht in den Noten". Das kann man so auffassen, dass der Dirigent die Aufgabe hat, dieses Wichtigste hinzuzufügen. Oder man vertritt die Sichtweise, dass dieses Wichtigste dann von selbst zur Sprache kommt, wenn die Noten erklingen. In diesem Sinne, besteht die Aufgabe des Dirigenten darin, die Noten zum "sprechen" zu bringen und sich selbst dabei weitgehend zurückzunehmen, ohne dass es buchstabiert wirkt. Bei Walter wird der Trauermarsch nicht streng gespielt sondern er ist streng. Die zweite Hälfte des ersten Teils ist stürmisch bewegt und mit größter Vehemenz.

      Walter schlägt ein rekordverdächtiges Tempo an, das allerdings den Intentionen des Komponisten (die Walter als Dirgent der Uraufführung genau kennt) entspricht. Er nimmt das Adagietto in 7'35 und braucht für das ganze Werk gerade mal 61 Minuten. Spätere Interpreten lassen sich bis zu einer viertel Stunde länger Zeit, wodurch fast ein anderes Werk entsteht. Das zügige Temop und der Verzicht auf die gewollt dramatische Ausgestaltung von einzelnen Stellen läßt die grandiose Architektur des Werkes fast plastisch vor dem Hörer (soll heißen: vor mir) erscheinen. Bei Walter hab ich endlich verstanden, was damit gemeint ist, dass das Adagietto eine Hochebene im Formverlauf darstellt. Dazu muss man nicht unbedingt die Atmosphäre einer Almhochfläche in die Musik hineininterpretieren.

      Wenn ich einer Aufnahme Geschlossenheit attestieren sollte, dann dieser. Blockhaft ist dabei nichts, sondern alles fließt so stimmig und "logisch"-organisch ineinander und wieder auseinander hervor, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, wie es noch "besser" gehen sollte.



      Wer angesichts des Aufnahmedatums bedenken hat: Die Sony-Aufnahme wurde direkt von den Schellack-Mastern überspielt. Für eine Aufnahme aus dem Jahr 47 klingt das Ergebnis unglaublich farbig und dynamisch, so dass die Störgeräusche nicht ins Gewicht fallen sollten.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Original von Dr. Schön
      Gustav Mahlers 5te Sinfonie gehört zu meinen absoluten Lieblingenswerken. Nur anders als bei den meisten anderen Sinfonien Mahlers finde ich hier sehr selten Aufnahmen, die für mich in die engere Auswahl kommen würden, geschweige denn eine Referenz darstellen.


      bei mir ist das bei der fünften genau umgekehrt: ich habe einen haufen aufnahmen (12 stück, wenn ich keine vergessen habe) und kann mit allen irgendwie ganz gut leben. das kann mehrere gründe haben: entweder habe ich noch keine richtige referenz gefunden, oder alle meine aufnahmen sind wirklich ganz gut, oder ich weis nicht so recht, wie diese symphonie für mich klingen soll und finde daher in allen aufnahmen interessante aspekte. ich tendiere zu letzterer annahme.

      ich habe mahler seinerzeit über die fünfte kennen gelernt. anfangs konnte ich nicht so viel damit anfangen, aber über den umweg der ersten und zweiten bin ich schließlich wieder zur fünften gekommen, und später auch zu allen anderen symphonien (nur mit der achten habe ich auch heute noch meine problemchen).

      wenn ich aus meinen aufnahmen eine empfehlen sollte, wäre es wohl barbirolli (für mich neben walter die mahler-instanz). aufgrund der recht subjektiven lesart wird diese interpretation aber sicher nicht jedem gefallen.

    • Original von uhlmann
      Original von Dr. Schön
      Gustav Mahlers 5te Sinfonie gehört zu meinen absoluten Lieblingenswerken. Nur anders als bei den meisten anderen Sinfonien Mahlers finde ich hier sehr selten Aufnahmen, die für mich in die engere Auswahl kommen würden, geschweige denn eine Referenz darstellen.



      wenn ich aus meinen aufnahmen eine empfehlen sollte, wäre es wohl barbirolli (für mich neben walter die mahler-instanz). aufgrund der recht subjektiven lesart wird diese interpretation aber sicher nicht jedem gefallen.



      dem schließe ich mich an.

      Liebe Grüße :hello
      Otilie Baur
    • Original von Dox Orkh

      Walter schlägt ein rekordverdächtiges Tempo an, das allerdings den Intentionen des Komponisten (die Walter als Dirgent der Uraufführung genau kennt) entspricht.



      Der Komponist hat die Uraufführung, die 1904 in Köln stattfand, selbst geleitet.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • RE: Gustav Mahler - Sinfonie Nr. 5 cis-moll

      Oh dieser Thread kommt zur rechten Zeit, diese Sinfonie werde ich mir morgen im Konzerthaus Berlin aunhören:
      Young Euro Classics, Philharmonia Moments Musicaux (Chinese Taipei), Dirigent Ching-Po Chiang
      Hebre
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Original von Zelenka
      Original von Dox Orkh

      Walter schlägt ein rekordverdächtiges Tempo an, das allerdings den Intentionen des Komponisten (die Walter als Dirgent der Uraufführung genau kennt) entspricht.



      Der Komponist hat die Uraufführung, die 1904 in Köln stattfand, selbst geleitet.

      Gruß, Zelenka


      :A :A

      Lieber Zelenka,

      danke für den Hinweis. Da habe ich in der Tat eine Passage im Booklet flasch verstanden.
      Immerhin war Walter zu der Zeit Assistent von Mahler und war bei der Uraufführung zugegen, so dass die Folgerung, dass Walter die Inentionen des Komponisten kannte, intakt bleibt.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Original von Dox Orkh

      :A :A

      Lieber Zelenka,

      danke für den Hinweis. Da habe ich in der Tat eine Passage im Booklet flasch verstanden.
      Immerhin war Walter zu der Zeit Assistent von Mahler und war bei der Uraufführung zugegen, so dass die Folgerung, dass Walter die Inentionen des Komponisten kannte, intakt bleibt.


      Lieber Dox:

      Ja, Walter war in Köln dabei und durfte auch vor Mahler ausführlich Alma in Wien von dem nicht gerade durchschlagenden Erfolg der Premiere berichten, während der Komponist nach Amsterdam zu Mengelberg reiste. Nach der Uraufführung hat Mahler weiter an der Symphonie gearbeitet und seinen Verleger mit seinen Korrekturwünschen fast in den Wahnsinn getrieben.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Zelenka ()

    • Lieber Herr Dr. Schön:

      Besten Dank für die Fadeneröffnung! Knapp 104 Jahre nach der Uraufführung der Symphonie in meiner Stadt gehöre ich leider immer noch zu der "Schafherde" von Publikum, die nur blöken kann und nichts "capirt" (Mahler). Trotz aller Bemühungen und einiger Ausgaben bin ich immer noch nicht bekennender Mahlerianer. An der 5. stört mich vor allem der aus meiner Sicht reichlich banale Schlußsatz, der nach dem Voraufgegangenen für mich eher enttäuschend ist.

      Ob das famose Adagietto wirklich eine Liebeserklärung an Alma war, zieht der maßgebliche Mahler-Biograph de la Grange übrigens (entgegen Mengelberg) sehr in Zweifel.

      Zumindest der Komponist ist wohl von einer deutlichen Dreiteilung der Symphonie ausgegangen, ursprünglich waren sowohl der Übergang vom 1. zum 2. als auch der vom 4. zum 5. "attacca" zu spielen, auch gemeinsame Themen legen das nahe.

      Die Zahl meiner Aufnahmen (4) entspricht in etwa meinem Status als Mahler-Schaf. Ich besitze die schon weiter oben gelobte Aufnahme von Barbirolli (EMI GROC), Bernstein (Sony), Abbado (DG) und Zander (Telarc).

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Irgendetwas am Finale hat mich auch nie 100%tig schlafen lassen. "Banal" finde ich, obwohl ich das Werk mag und "bekennender Mahlerianer" lustig finde, nichtmal völlig verkehrt.
      Da beginnt aprupt etwas von wesentlich einfacherer und spielerischerer Gangart als zuvor.

      Da mischt sich etwas aus (a) einer von mir von jeder interpretation gelösten Vorstellung eines Werkes, mit (b) keiner letzgültigen Sicherheit Mahler betreffend, mit (c) dem aus (b) resultierenden Wunsch nach einem Interpreten, der alles rettet, mit (d) einer letzten Merkwürdigkeit und Ungoutierbarkeit, die ich an Mahler sehr reizvoll finde. (Vielleicht Off Topic, weil ich das bei Mahler generell so sehe)

      Anders vielleicht: Vielleicht nicht überragende, aber doch eine Fülle an recht guten und akzeptablen, Einspielungen der Beethoven Sinfonien gibt es zuhauf. Das letzte Quentchen Konkret & Sicher will sich aber auch bei den gelungensten Mahler Einspielungen nicht einstellen. Da bin ich manchmal etwas verzweifelt (für Momente sind es auch Zweifel an Mahler selbst), andererseits aber immer sicher das mir an Mahler mit das meiste liegt. (Deswegen mag ich auch die oft etwas verschmähte 7te so besonders).
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    • Liebe Mahler-Freunde,

      die 5. nimmt bei mir unter den Mahler-Sinfonien ein vorderen Platz ein, obwohl mir das Finale nicht auf dem sonst hohen kompositorischen Niveau der restlichen Sätze stehen will, dafür bemüht es sich zu auffällig einen gelungenen Schluss hinzukriegen. Weniger gelungen halte ich auch den 3. Satz, das Scherzo, das mir entschieden zu lange dauert. Mahler hat zwar 5 Sätze komponiert, diese jedoch in 3 Abteilungen zusammengefasst Abt.I Sätze 1 und 2, Abt.II Scherzo, Abt. III 4. und 5. Satz. Daraus kann man schließen, dass das Scherzo in der Mitte des Werkes einen zentralen Platz einnehmen soll, entsprechend lang ist es komponiert, nämlich 819Takte, zum Vergleich der schnelle 2.Satz 576 Takte. Ich nenne hier mal einige Spielzeiten für den 3. Satz:
      Mitropoulos 15'43, Leinsdorf 17'24, Kubelik 17'55, Bernstein-NY 17'44, Bernstein-WP 19'02, Abbado-BP 17'26, Mehta 18'00.
      Der Dirigent Hermann Scherchen, auch ein Wegbereiter der Musik Gustav Mahlers, hatte auch Probleme mit der Läge des Scherzos der 5. Sinfonie. Er erlaubte sich, den Satz auf ein Drittel zusammenzustreichen. Mir liegen zwei Aufnahmen vor, in denen der Satz bei ihm nur 5'35 bzw. 5'42 dauert. In der Fachpresse vermisste ich seinerseits eine gründliche Auseinandersetzung über diesen Tatbestand.
      Scherchens Aufnahmen wurden produziert mit dem Orchestre National d'ORTF (HMF) sowie mit dem Philadelphia Orchestra (Tahra), beides Konzert-Mitschnitte.


      Meine Lieblings-Aufnahmen der 5. sind die schon erwähnten CDs mit Walter (die auch die kürzeste Spielzeit aufweist, abgesehen von H.Sch.), Barbirolli sowie Solti. Zuletzt läuft Haitink mit den Berl.Ph. mit 78'35 über die Zielgerade, gefolgt von einer ziemlich neuen Aufnahme unter Ltg. von Fabio Luisi und dem MdR Sinfonie-Orchester mit 75'52.

      Herzliche Grüße
      Amadé
    • Lieber Amadé,
      du bist mir wirklich etwas zuvor gekommen, den ich hatte heute beim Blick ins Regal Scherchens 5te entdeckt und wollte sie heute noch erwähnen, zunächt aber wiedermal hören. :thanks



      Ich habe die Wiener Studioeinspielung von 1952 auf westminster.

      Scherchens Leseart ist mitunter sehr extrem. Er lässt stellenweise ungewöhnlich schnell, manchmal fast etwas überstürzend musizieren. Dabei ist er oftmals etwas unschön, schroff, brüchig und grell, aber es gibt durchaus versunkene und strahlende Momente, auf die man etwas warten muss.
      Das ist keine Aufnahme für jeden Tag, aber wirklich ein fesselndes und packendes Mahler Ereignis.

      Es gibt wirklich keine Mahler Einspielung Scherchens, die ich nicht zu den Besten zähle. Für am gelungensten halte ich seine 7te.

      (Mit der 5 von Barbirolli konnte ich mich immer nur bedingt anfreunden. Ich halte das für und wundervolle Interpretation. Nicht mehr nicht weniger. Aber irgendwie liegt für mich auf dem ganzen eine Decke)
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    • Ich nenne hier mal einige Spielzeiten für den 3. Satz:
      Mitropoulos 15'43, Leinsdorf 17'24, Kubelik 17'55, Bernstein-NY 17'44, Bernstein-WP 19'02, Abbado-BP 17'26, Mehta 18'00.
      Der Dirigent Hermann Scherchen, auch ein Wegbereiter der Musik Gustav Mahlers, hatte auch Probleme mit der Läge des Scherzos der 5. Sinfonie. Er erlaubte sich, den Satz auf ein Drittel zusammenzustreichen. Mir liegen zwei Aufnahmen vor, in denen der Satz bei ihm nur 5'35 bzw. 5'42 dauert. In der Fachpresse vermisste ich seinerseits eine gründliche Auseinandersetzung über diesen Tatbestand.


      Bei meiner Scherchen 5 dauert das Scherzo übrigens die vollen 18'06 Minuten.
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    • Lieber Dr.Schön,

      das ist ja interessant. Die Schallplatte, als Dokument, bringt die vollständige Ausgabe, verständlich, nachvollziehbar, im Konzert kürzt Scherchen jedoch kräftig! Leider kenne ich keine Äußerungen des Dirigenten über seine Kürzung in der öffentlichen Darbietung, die Beihefte verlieren darüber kein Wort.
      Die Dauer konnte für ihn kein Kriterium sein, da er z.B die 7. in 78' dirigierte.

      Grüße Amadé
    • Hier ein paar kernige Sprüche zu Scherchens Westminster-Aufnahme der 5.:

      That said, let's clear a piece of comparative junk out of the way - the Westminster reissue of a slapdash, slipshod Fifth Symphony that Hermann Scherchen recorded in 1952 with the "Vienna State Opera Orchestra." Vienna was still recovering from WW2 (and would for another 20 years). The Staatsoper an der Ring still lay in ruins, meaning rank and file players in a pool of 140 did a lot of jobbing under various names for smaller companies (Westminster/Nixa, Epic, Vox, et al.), often with little or no rehearsal. The self-governing Philharmonic skimmed the cream, though it was not very busy in the recording studio from 1947 until the early and later '50s. With mostly left-over players Westminster filled some holes in the catalog, but its product lacked consistency, and predictability in the case of Scherchen, an erratic autodidact. His American debut didn't come until 1964, two years before his death at 74, when he led the Philadelphia Orchestra in a mangled Mahler Fifth one can hear in the orchestra's first self-produced volume of broadcast material.

      Here at least he didn't move sections of the score from one movement to another. But this Westminster is chiefly a historical document: the first complete commercial recording of No. 5. The opening solo trumpet calls sound as if the player hadn't eaten for several days, although horns and trombones manage to play robustly later on. Wind intonation is haphazard, the strings lack weight (probably understaffed, given Westminster's budgets), and the reading - well, you remember the car chase in Bullitt? It's not a matter of timings which are conventional if a shade quick, but what happens inside them. There are Mahler Fifths by the carload - the one I've kept is Abbado's thrilling 1993 live performance with the Berlin Philharmonic on DGG; a couple of minutes slower overall than Scherchen's but everywhere to Mahler's advantage. Interestingly, both take 9 minutes for the Adagietto, with Abbado 14 seconds quicker, but the difference in playing and sound makes this Westminster a relic, at its worst a parody.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Naja, gerade Peter Yates' Steve McQueen-Vehikel "Bullitt" strotzt doch vor Anschlussfehlern und dramaturgischen Schwächen.

      Wer nicht mit Walter Legge nach England gegangen ist musste sich nunmal mit der Wiener Situation arrangieren. Wobei ich denke, dass Scherchen auch keine schönere Ästhetik angestrebt hätte, wären seine Musiker gut ernährt gewesen. Für mich bleiben Scherchens Aufführungen singuläre Monumente in der Mahlerlandschaft.
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    • Original von Dr. Schön
      Naja, gerade Peter Yates' Steve McQueen-Vehikel "Bullitt" strotzt doch vor Anschlussfehlern und dramaturgischen Schwächen.

      Wer nicht mit Walter Legge nach England gegangen ist musste sich nunmal mit der Wiener Situation arrangieren. Wobei ich denke, dass Scherchen auch keine schönere Ästhetik angestrebt hätte, wären seine Musiker gut ernährt gewesen. Für mich bleiben Scherchens Aufführungen singuläre Monumente in der Mahlerlandschaft.


      Lieber Herr Dr. Schön:

      Ich wollte nur darauf hinweisen, daß Scherchens Mahler-Fünfte mit einiger Vorsicht genossen werden sollte, sowohl die vollständige Wiener Version als auch die verstümmelten beiden anderen.

      Gruß, Zelenka
      "Mit Kempff habe ich nur ein einziges Mal gespielt, und er meinte hinterher, er werde nie wieder mit mir spielen, weil ich beim Dirigieren singe. Und dabei war er eines meiner Idole gewesen." Sir Colin Davis
    • Hallo liebe Mahler-Freunde!

      Die 5. Symphonie bringt neben der 9. jene Zerissenheit, die Mahler häufig zugeschrieben wird, am deutlichsten zur Geltung. Die ersten beiden Sätze gehören für mich mit zum besten, was er je geschrieben hat. Dieser strenge Trauermarsch zu Beginn, der in die gewittrig-stürmische Bewegtheit des 2. Satzes mündet: - zusammen bilden sie eine wunderbare Einheit. Ich bekomme sie nach dem Hören kaum noch aus dem Kopf. Schon der Beginn mit der Solotrompete... Die beiden Anfangssätze transportieren zudem eine ähnliche Stimmung wie die 6. Symphonie, meine Lieblings-Mahler-Komposition, welche ich als wesentlich homogener empfinde.

      Danach steht das fast zwanzigminütige Scherzo, welches auf mich sehr grotesk wirkt - der geradezu gemütlich-behagliche Beginn wird im weiteren Verlauf immer mehr aufgelöst. Die Stimmung geht ins Bedrohliche über und gewinnt einen totentanz-artigen Charakter - aber die Melodiefragmente des Anfangs tauchen immer wieder auf. Mahler selbst sprach dem Scherzo den Ausdruck reiner Daseinsfreude zu, was ich nicht so richtig nachvollziehen kann. Ich höre hier eher Sarkasmus.

      Das Adagietto bringt dann wieder einen krassen Bruch - Streicher und Harfen verbreiten eine melancholisch-entrückte Aura. Es kommt mir vor, als seien beide Teile aus völlig verschiedenen Symphonien entlehnt. Das abschliessende Rondo hingegen knüpft wieder deutlich an das Scherzo an. Nur scheint die "Daseinsfreude" diesmal ungebrochen und sie trägt einen deutlich "Wienerischen" Charakter.

      Gestern habe ich Rudolf Barshai mit der Jungen Deutschen Philharmonie 1999 (Brilliant) und Leonard Bernstein mit den Wiener Philharmonikern 1987 (DGG) gehört. Beide Interpretationen sind sehr unterschiedlich, so dass sie sich gut zum Vergleich eignen:

      Barschai klingt insgesamt gesehen wesentlich "abgedunkelter", rauher und - trotz des jungen Orchesters - teilweise recht analytisch. Bernstein wählt langsamere Tempi - bis auf eine Ausnahme, zu der ich nachher komme - und die Wiener steuern ihren Strahleklang bei. Sehr beeindruckend wirkt Barshai bei den ersten beiden Sätzen: - gerade seine kompromisslose "Schwarz-Weiß"-Ästhetik liefert die richtigen Orchesterfarben für diesen Teil der Symphonie. Ordentlich Wucht und Monumentalität bringen allerdings beide ein - diese Lesart scheint also zwingend für recht unterschiedliche Dirigenten-Persönlichkeiten zu sein. Bernstein hatte hier eine sehr präsente Aufnahmetechnik zur Verfügung, mit deren Hilfe sein geniales Gespür für Steigerungen gut zur Geltung kommen kann. Barshai agiert etwas kompakter im 2. Satz, was diesem meiner Ansicht nach angemessen ist - bei Bernstein ziehe ich speziell in dem Part ein wenig seine ältere Aufnahme mit dem New York Philharmonic vor (welche allerdings einen dünnen Raumklang hat). Nichtsdestotrotz - beide meistern den ersten Teil der Symphonie ganz vorzüglich.

      Obwohl es Scherz(o) heißt, versteht Barshai an diesem Punkt keinen solchen mehr und beginnt mit der Analyse. Wollte er die Fähigkeiten der jugendlichen Musiker testen? Hier wird das Ganze bei ihm ein wenig zäh und anstrengend - obwohl Bernstein länger braucht als der Russe, klingt es in Wien lebendiger und aufgeweckter. Ich sage mit Absicht "es wird", denn eigentlich ist Barshai hier noch gut hörbar. Andererseits mag es auch an Mahler liegen. Der Komponist war höchst unzufrieden mit der Instrumentation des 3. Satzes und überarbeitete ihn mehrmals. Bruno Walter: "Die Instrumentation brachte das komplizierte kontrapunktische Gewebe der Stimmen nicht zur Klarheit; wirklich hat er später die Instrumentation der gründlichsten Umarbeitung unterzogen, zu der sich je bewogen fühlte." Ich hatte es oben schon angedeutet: - mir ist auch nach der Überarbeitung nicht recht klar, was Mahler hier will.. Will er dem Genre des Scherzo eine neue, komplexere Form geben - geht es um das rein musiktechnische Experiment? Welchen Inhalt soll es ausdrücken? Ein gewisser enigmatischer Reiz bleibt...

      Das Adagietto ist natürlich einfach wunderschön. Ich denke, man sollte sich Zeit für den ruhigen 4. Satz nehmen. Barshai und Bernstein leuchten beide diese sparsamen Töne sehr schön aus, nur ist der Russe etwas ungeduldiger und will partou nicht mehr als acht Minuten dem Wohlklang opfern. Aber Sentimentalitäten sind sowieso nicht die Sache eines Barshai - dafür braucht es einen Bernstein. Seine Version mit ihren elf Minuten kommt deutlich intensiver und nachhaltiger. Man soll eben die Feste feiern wie sie fallen... - und nicht zu kurz...

      Ihre Probleme mit dem fünften Satz haben ja schon einige Forumianer geschildert. Mir geht es ebenso: - irgendwie hätte ich mir mehr dramatische Entwicklung gewünscht, etwas mehr "Ringen" (a la letzter Part des "Titanen") - und nicht jene banale "Dampferfahrt" in den Erfolg. Andererseits besitzt dieses Stück wenigstens einige Ohrwurmqualitäten. Wenn man das Ganze mit "Wiener Schmelz" spielt, mit einer gewissen Nostalgie - ja, dann wird zumindest ein erfreulich musikantisches Erlebnis daraus. Das lässt sich bei Bernstein und den Wienern nachhören. Barshai hingegen misslingt der Abschluss völlig - er bleibt vor der Musik stehen, analysiert, dehnt aus, grübelt zuletzt - und verpasst den "Wiener Charm"... Ausgerechnet hier benötigt der alternde, späte Bernstein eine dreiviertel Minute weniger.

      Trotz aller Problematik: - ich liebe die Symphonie und beide Einspielungen höre ich oft und gerne.

      Herzliche Grüsse!
      Nordolf
      "Ein Ding um seiner selbst willen tun" (Richard Wagner)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nordolf ()

    • Schöne Ergänzungen.

      Die Sechste ist ob ihrer Homogenität auch meine liebste (die 5 ist auf Platz 5).

      Die Barschai fand ich in den ersten beiden Sätzen sehr gelungen. Danach wird es, ähnlich wie du beschreibst, etwas problematischer. Besonders das zähere Scherzo war für mich immer die Bremse. Dennoch insgesammt eine interessante Sache.
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