Verismus auf der Opernbühne

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    • Verismus auf der Opernbühne

      Guten Morgen.
      Veristische Bühnenwerke haben nur ganz wenige den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft.
      Der Verismus als Begriff ist gleichzusetzen mit real,kühn aus dem Leben gegriffen.
      Er entstand im 19. Jahrhundert in Italien.
      In den Werken dieses Genres gibt es keine Helden. Nur Verlierer und Gestrandete.

      Hauptvertreter des Verismus sind Pietro Mascagni und Ruggiero Leoncavallo.
      Beide schrieben zahlreiche Opern. Aber nur ein Werk von beiden errang Weltruhm.
      Mascagnis Hit war der Einakter CAVALLERIA RUSTICANA . Auf deutsch Sizilianische Bauernehre.
      Viele halten dieses Werk für die ital. Nationaloper. Nicht den Nabucco.
      Liebe, Eifersucht und tödliche Rache beherrschen die Szene. Und das alles spielt sich ausgerechnet am Ostersonntagmorgen ab!

      Leoncavallos Oper I PAGLIACCI spielt im Artistenmilieu.
      Sie ist wesentlich differenzierter in den kompositorischen Mitteln.
      Es gibt auch hier unvergessliche Melodien.

      Puccini hat zwei Opern in dieser Art geschrieben .
      TOSCA und IL TABARRO.
      Ueber die erste ist alles gesagt.
      Maria Callas macht daraus auch auf der Platte ein menschliches Drama.

      Der Verismus ist auch auf Deutschland übergeschwappt.
      Ein Werk, das immer noch bekannt ist, schrieb Eugen D`Albert,
      TIEFLAND.

      Der Tonträgermarkt liefert zahlreiche Aufnahmen.

      R.
    • Verismus auf der Opernbühne

      Guten Morgen.
      Veristische Bühnenwerke haben nur ganz wenige den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft.
      Der Verismus als Begriff ist gleichzusetzen mit real,kühn aus dem Leben gegriffen.
      Er entstand im 19. Jahrhundert in Italien.
      In den Werken dieses Genres gibt es keine Helden. Nur Verlierer und Gestrandete.

      Hauptvertreter des Verismus sind Pietro Mascagni und Ruggiero Leoncavallo.
      Beide schrieben zahlreiche Opern. Aber nur ein Werk von beiden errang Weltruhm.
      Mascagnis Hit war der Einakter CAVALLERIA RUSTICANA . Auf deutsch Sizilianische Bauernehre.
      Viele halten dieses Werk für die ital. Nationaloper. Nicht den Nabucco.
      Liebe, Eifersucht und tödliche Rache beherrschen die Szene. Und das alles spielt sich ausgerechnet am Ostersonntagmorgen ab!

      Leoncavallos Oper I PAGLIACCI spielt im Artistenmilieu.
      Sie ist wesentlich differenzierter in den kompositorischen Mitteln.
      Es gibt auch hier unvergessliche Melodien.

      Puccini hat zwei Opern in dieser Art geschrieben .
      TOSCA und IL TABARRO.
      Ueber die erste ist alles gesagt.
      Maria Callas macht daraus auch auf der Platte ein menschliches Drama.

      Der Verismus ist auch auf Deutschland übergeschwappt.
      Ein Werk, das immer noch bekannt ist, schrieb Eugen D`Albert,
      TIEFLAND.

      Der Tonträgermarkt liefert zahlreiche Aufnahmen.

      R.
    • RE: Verismus auf der Opernbühne

      Lieber Rolf ,
      und was ist mit Umberto Giordanos "Andrea Chénier" . Chénier war eine real existierend ePersönlichkeit im 18. Jahrhundert in Frankreich . Er gilt noch heute als bedeutender Dichter der Gattung Lyrik .
      Während er Französischen Revolution wurde er enthauptet .
      Meine Aufnahmen
      1. Corelli - Merrill - Stella und
      2. Corelli - Bastinanini - Tebaldi .
      Um es direkt anzuknüpfen : Die Callas-Aufanhme ( EMI ) leidet unter der grauenvollen Technik . U nd ihr sonst so berühmtes "La mamma morta" ist nicht identisch mit dem aus dem Film "Philadelphia" .
      Viele Grüsse , Ganong
    • RE: Verismus auf der Opernbühne

      Lieber Rolf ,
      und was ist mit Umberto Giordanos "Andrea Chénier" . Chénier war eine real existierend ePersönlichkeit im 18. Jahrhundert in Frankreich . Er gilt noch heute als bedeutender Dichter der Gattung Lyrik .
      Während er Französischen Revolution wurde er enthauptet .
      Meine Aufnahmen
      1. Corelli - Merrill - Stella und
      2. Corelli - Bastinanini - Tebaldi .
      Um es direkt anzuknüpfen : Die Callas-Aufanhme ( EMI ) leidet unter der grauenvollen Technik . U nd ihr sonst so berühmtes "La mamma morta" ist nicht identisch mit dem aus dem Film "Philadelphia" .
      Viele Grüsse , Ganong
    • Beim Nachblättern von Threads in diesem Forum stieß ich auf diesen, der am längsten nicht mehr bestückt wurde, was ich in höchstem Maße unverdient finde, denn die Defiinition dieser Gattung fasziniert mich schon lange und eigentlich mehr als die Musterbeispiele selbst. Der Verismus ist nämlich alles andere als mein liebstes Operngenre, aber ganz so wenige Werke, wie hier versammelt, gibt es denn doch nicht. Dafür aber eher wenig Versuche, die Gattung zu definieren und von ähnlöichen Beispielen abzusetzen.

      Welche gattungstypischen Merkmale unterscheiden zum Beispiel Leoncavallos LA BOHÉME von seinen PAGLIACCI?

      Oder D'Alberts DIE TOTEN AUGEN von seinem TIEFLAND - außer dass die jeweils Letztgenannten in allen ein schlägigen Lexika erwähnt werden und Erstere kaum?

      Was ist mit Cileas ADRIANA LECOUVREUR, ganz zu schweigen von manchen Opern Wolf-Ferraris oder Menottis, die im Zusammenhang mit dieser Gattung so gut wie nie genannt werden?

      Die Frage, die mich hier interessieren würde, weil ich auch den Wikipedia-Artikel etwas unbefriedigend finde, wäre also:

      Was kennzeichnet die Oper des Verismus und setzt sie ab von Werken wie, z. B. dem WOZZECK oder Zemlinskys FLORENTINISCHER TRAGÖDIE?

      Nur die ENtstehungszeit und die Sprache? Das Milieu schon mal nicht.

      Ich hoffe auf eine anregende Diskussion

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Lieber Rideamus,

      ich mag Werke des Verismo sehr, trotzdem fällt es mir relativ schwer, die von Dir gesuchte eindeutige Definition zu geben - wobei ich jetzt zu faul bin nachzugoogeln, was wiki Kluges dazu zu sagen hat.

      Was macht also für mich Verismo aus? Und da stoße ich schon an, weil es kaum ein Merkmal gibt, das auf alle Werke zutrifft, die ich diesem Genre zuordne. Sage ich z.B. "größere Realitätsnähe des Libretto", so stimmt das bei Leoncavallo und Mascagni, aber schon nicht mehr bei Zandonais "Francesca da Rimini", die ich aber trotzdem zum Verismo rechne.

      "Verismo ist mir zu vulgär!" begründete vor vielen Jahren eine Bekannte ihre Ablehnung, und vielleicht ist das der Ansatzpunkt:

      Verismo-Opern behandeln zwar immer noch die gleichen "großen" Gefühle wie alle ihre Vorgängerinnen, aber auf eine wesentlich direktere, ungeschminktere, brutalere Art und Weise. Zandonais Gianciotto lässt mich auf eine andere Weise frieren als Jago, Luna, Enrico und andere Opernbösewichter, denn obwohl die Plots in einer ähnlich lang vergangenen Zeit angesiedelt sind, fühle ich zu ihm eine größere Nähe, ist seine Bösartigkeit authentischer als die doch sehr stilisierte eines Jago. Giancotto könnte auf der Nachbarstiege wohnen, einen Luna kann ich mir dort ebenso wenig vorstellen wie andere Fieslinge der Vor-Verismo-Zeit.

      Auch die Sprache erscheint mir weniger poetischer, natürlicher - so können sich Menschen tatsächlich unterhalten! (Insofern trägt auch "La Bohème" Verismo-Züge, aber eben nur das Libretto.)

      Ein bestimmtes Milieu alleine genügt sicher nicht als Kennzeichen, entscheidend ist die Zeichnung des Milieus, und deshalb ist die "Bohème" eben wiederum ganz und gar nicht Verismo, denn Rodolfo und seine Freunde hungern und frieren zwar, aber trotz allem sind die Szenen im Atelier eine verlogene Idylle, wird das erbärmliche Leben der Bohemiens anders als in Murgers Romanvorlage in sehr romantischem Licht gezeigt.

      Verismo setzt nicht auf Schöngesang, sondern auf Expressivität, auf Ausdruck, deshalb sind markantere Stimmen mehr gefragt als zwar schön timbrierte, aber langweilige. Außerdem ist hier das ein Stilmittel, was bei anderen Opern verpönt ist, nämlich außermusikalische Effekte wie schluchzen, stöhnen, lachen, schreien. (Dass viele Sänger jede ihrer Partien veristisch umformen, ist eine andere Sache und für mich eine persönliche Unart, die ich ablehne!) Und Verismo verlangt Singschauspieler, auf der Bühne herumstehen und Noten abliefern geht da gar nicht. (Das geht eigentlich nie, aber bei Verdi tröstet man sich dann halt mit schönen Stimmen.) Johan Botha ertrage ich als Otello gerade noch, als Turridu nie und nimmer. (Da passt auch seine Stimme überhaupt nicht!)

      ABER - und damit beantworte ich Deine Frage, warum "Wozzeck" nicht mehr dazu zählt - Verismo bewegt sich immer noch auf dem Boden der Melodik, ist also banal formuliert "schöne Musik", die sich angenehm ins Ohr schmiegt, aber ohne die Elemte, die viele Verdi als "Humptata" ablehnen lässt.

      So, das waren jetzt ein paar Gedankengänge, und ich betone ausdrücklich, dass ich damit keine allgemeingültigen Aussagen getroffen habe, was Verismo ist, sondern nur, was er FÜR MICH ist.

      lg Severina :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Severina ()

    • Liebe Severina,

      vielen Dank für diese spontanen Ausführungen, denen ich mich vorbehaltlos anschlißen kann. Ist also Verismo Expressionismus mit Melodie?

      Warum eigentlich nicht? Das würde auch noch auf Wolf-Ferrari und Menotti passen.

      Vielleicht hilft es, einmal potenzielle Kandidaten zu sammeln (oder ggf. aus den Vorschlägen hier abzulehnen).

      Ich finde, Leoncavallos BOHÉME ist tatsächlich näher am Verismo als die von Puccini. Schade, dass man das nur ganz selten überprüfen kann. Dasselbe gilt natürlich für weitere Werke der beiden Starveristen Leoncavallo und Mascagni, die ich auch zu wenig kenne. IRIS vielleicht - oder ist das schon zu sehr gehobene Tragödie?

      Von Puccini kämen für mich am ehesten IL TABARRO und TOSCA in Frage.

      Aber gibt es nicht doch auch noch mehr nichtitalienische Verismo-Opern?

      Wikipedia nennt Massenets LA NAVARRAISE, die ich noch zu wenig kenne. Charpentiers LOUISE gehört für mich ebenfalls dazu.

      In Deutschland ging man offenbar nahtlos von Wagner über Strauss zum EXpressionismus über, für den dann Zemlinsky und Schreker, vielleicht auch Korngold stehen. Allerdings rechnet Wikipedia VIOLANTA (1916) schon zu den Totengräbern des Verismo.

      Das würde bdeuten, dass der Verismo für knapp drei Jahrzehnte lebendig blieb, nämlich von Mascagnis CAVALLERIA RUSTICANA (1890) und Leoncavallos PAGLIACCI (1892), vielleicht schon Puccinis EDGAR (1889) und Catalanis LA WALLY (1892) über Charpentierss LOUISE (1900), Wolf-Ferraris I GIOIELLI DE LA MADONNE (1911) bis zum (für mich) krönenden Abschluss der Gattung, nämlich Puccinis IL TABARRO (1918).

      Der Rest zwischen Ponchiellis LA GIOCONDA (1876) und Menottis THE MEDIUM (1946) wären Vor- und Ausläufer.

      Vermutlich gibt es aber noch veristische Opern in Spanien.Tomàs Brétons LA DOLORES (1895) wäre da mit Sicherheit zu nennen. Vieleicht auch DeFallas LA VIDA BREVE (1913, der allerdings schon 1905 einen ähnlichen Wettbewerb gewann wie CAVALLERIA RUSTICANA).

      Hat jemand noch Kandidaten oder möchte Widersprüchen anmelden?

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Lieber Rideamus,

      keine Widersprüche, denn viele der von Dir aufgezählten Werke kenne ich kaum oder gar nicht. (Das ist der Nachteil, wenn man auf "oper live" fixiert ist, wo einem bekanntlich nur ein winziger - und immer gleicher - Ausschnitt aus dem riesigen Kosmos Oper angeboten wird!)
      "La Wally" allerdings habe ich vergessen (Danke!), das gehört natürlich unbedingt zum Verismo.

      Mit Deiner Definition bin ich auch sehr einverstanden!

      So, und nun freue ich mich auf die ganz und gar nicht veristische "Bohème"-Übertragung aus Salzburg mit Netrebko und Beczala. (Romantischer Sozialkitsch wird einem in dieser Inszenierung allerdings nicht geboten, das zeigen schon die Trailer. Ich bin mächtig gespannt, denn Damiani Michielettos "Polliuto" hat mir ja gar nicht gefallen, hoffentlich liegt ihm dieses Werk besser.) Sorry für dieses OT :D!

      lg Sevi :hello
    • Ich hole diese fast schon Uralt-Diskussion aus der Versenkung, denn da gibt es sicher noch eine Menge zu sagen, zumal ja viele moderne Regisseure dazu neigen, veristische Elemente in alle möglichen Inszenierungen einzubauen, nicht nur bei Werken, die dem Verismo im engeren Sinn zugeordnet werden. Es ist das also ein Phänomen, das sich oft gar nicht genau abgrenzen läßt.

      Weil Severina weiter oben jemand zitiert hat, dem Verismus zu vulgär ist: Genau diese Auffassung scheint mir auf einem Mißverständnis zu beruhen. Denn Verismo ist nicht vulgär, zumindest nicht, wenn wir Werke wie "Wozzeck" - wie ich glaube, mit Grund - nicht unter diesem Begriff einordnen. Das Musterbeispiel der Gattung, Mascagnis "Cavalleria" belegt das sehr gut, besonders, wenn man Mascagnis authentische Interpretation (1940) anhört. Kreischen und Schluchzen etc. ist da nur in sublimierter Form zulässig. Vergleicht man diese Oper, die im Bauernmilieu spielt, etwa mit einer anderen "Bauern"-Oper, sagen wir: Donizettis "L'elisir", dann ist schon klar, daß Nemorino, Adina und Giannetta trotz ihres rustikalen Standes sich nicht wirklich wie Bauern vehalten, während Turiddu, Alfio und Santuzza das sehr wohl tun. Dennoch haftet den Sizilianern kein wirklicher Erd- und Zwiebelgeruch an. Ihre Veredelung ist ehr gedämpft, aber letztlich noch immer maßgebend. Erst im Expressionismus wird diese "schöne" Hülle abgestreift und die Psyche echt brutal bloßgelegt. Leoncavallos "Pagliacci" streifen da schon eher an das Radikale an, aber letztlich gehört Canios "A te!" in die gleiche Kategorie wie Don Josés "Eh bien, damnée". Wenn Severina ganz richtig auf die Melodik als sozusagen unverzichtbare Basis verweist, dann ist das natürlich als pars pro toto zu verstehen. Für mich ist ganz klar: Wer Verismo mit dem Holzhammer verwechselt (oder kombiniert), der befindet sich auf dem Abweg.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Waldi ()

    • Waldi schrieb:

      Wer Verismo mit dem Holzhammer verwechselt (oder kombiniert), der befindet sich auf dem Abweg.
      Lieber Waldi,

      das ist ein wahres Wort!

      Leider ist es aber viel zu häufig der Fall, ich nenne insbesondere die beiden "klassischen" Verismus-Opern "I Pagliacci" und "Cavalleria rusticana", die in den meisten mir bekannten Aufnahmen mit außermusikalischen Effekten, wie Schluchzern, Seufzen, lautes Jammern etc. "angereichert" wurden. Ein besonders negatives Beispiel dafür ist z.B. Mario del Monaco, der vor allem in Leoncavallos "Bajazzo" des Guten Zuviel tat, ganz abgesehen von seiner groben und lautstarken Interpretation, die kaum Zwischentöne kannte. Aber auch der von mir hoch geschätzte Giuseppe di Stefano hat in der Serafin-Aufnahme (EMI) mit Maria Callas viel zu stark auf die Tränendrüse gedrückt. Weitere Negativ-Beispiele, die mir spontan einfallen: Franco Corelli, Richard Tucker (es gibt sicher noch mehr). Damit ist prinzipiell nichts gegen den Gesang dieser Künstler gesagt, aber die histrionischen Beigaben wirken in meinen Ohren eher kontraproduktiv, wobei sie auch von manchem Dirigenten noch unterstützt bzw. nicht zurückgepfiffen wurden.

      Für mich sind die besten Gegenbeispiele der oben genannten Werke die Aufnahmen unter Herbert von Karajan aus dem Jahr 1965 (DGG), die zum Glück auch heute noch auf CD präsent sind. Zum einen räumt dieser Dirigent radikal mit der Patina auf, die diese Opern im Lauf ihrer langen Wirkungsgeschichte angesetzt hatten. Er hat beide Stücke von allen schlechten Traditionen gereinigt und macht daraus wahre Meisterwerke. Dabei wird er von der mitwirkenden Sängerschar bestens unterstützt: Vor allem Carlo Bergonzi, dieser wohl kultivierteste italienische Tenor der Nachkriegszeit, vermeidet alles außermusikalische Beiwerk und lässt damit die Musik allein für sich sprechen. Weiters sind Joan Carlyle, Giuseppe Taddei (Bajazzo) und die großartige Fiorenza Cossotto (Cavalleria) hervorzuheben, die hier ganz außergewöhnliche Leistungen vollbringen. Und der Chor und das Orchester der Mailänder Scala klingen unter Karajan fast wie die Berliner Philharmoniker, ein Indiz, wie intensiv der Dirigent die Aufnahmen mit seinem Team vorbereitet hat.
      Dabei hat Karajans Interpretationsstil, als die Aufnahmen erstmals erschienen, keineswegs ungeteilten Beifall gefunden. Ein Kritiker verstieg sich gar zu der Bemerkung, Karajan habe sich "im Seidenfrack unter die Bauern" gestellt. Dabei hat er nur gründlich mit dem wildwüchsigen Naturalismus aufgeräumt, der die meisten anderen Aufnahmen mehr oder weniger beeinträchtigt. Zumindest ist das mein Eindruck. Ich besitze von den beiden Opern jeweils mindestens ein halbes Dutzend Aufnahmen, aber ich greife fast immer zu Karajans Versionen, wenn ich sie hören möchte. Sie sind eine Wohltat gegen manche grobschlächtigen oder zu überzogenen Sentimentalitäten neigenden Konkurrenzeinspielungen.

      Gruß, Cavaradossi

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cavaradossi ()

    • Lieber Cavaradossi,

      Die Karajan-Interpretationen schätze ich auch sehr, obwohl die Bemerkung bezüglich des Seidenfracks nicht gänzlich ungerechtfertigt ist (ich glaube, das war auch weniger als Kritik denn als Charakterisierung gemeint - tatsächlich mixt HvK gelegentlich etwas Puccinihaftes in die Wiedergabe). Mir gefällt ein gut geschnittener Seidenfrack aber außerordentlich!
      Das Schluchzen etc. ist zeitstilig. Das wurde damals irgendwie vom Publikum auch erwartet. Wir sehen das heute natürlich als übertriebene Sentimentalität an. Einen Romantiker des 19.Jahrhunderts hätte es hingegen nicht gestört. Da durfte und sollte ein Mann durchaus weinen. So ändern sich die Zeiten... Ein Mascagni wollte das natürlich nicht. Santuzza wandelt sich bei ihm auch kurzfristig nicht zur Megäre und Turiddus Abschied bleibt zwar anrührend, aber frei von übertriebenem Pathos. Das heißt aber nicht, daß Empfindung zu kurz kommt. Dramatische Spannung zu schaffen, ist aber eine höchst schwierige Kunst, die viele Regisseure nur glauben zu beherrschen. Und selbst gute auch nicht immer. Selbst Zeffirellis bekannte "Cavalleria" würde ich persönlich nicht unbedingt zu seinen Glücksleistungen zählen. Die "Pagliacci" sind ihm wesentlich besser gelungen.
    • Waldi schrieb:

      das war auch weniger als Kritik denn als Charakterisierung gemeint
      Lieber Waldi,

      nein, das war nicht als Charakterisierung gedacht, sondern schon eine harsche Kritik!
      Ich habe sie in meinen Unterlagen gefunden, da heißt es wörtlich in einer vergleichenden Besprechung der beiden Kurzopern: "..... allzu diffizile Auffassungen sind hier in der Tat eher fehl am Platz. Dies erweist schlagend Karajan mit seiner domestizierten, eminent sensiblen Scala-Produktion von "Cavalleria" und "Pagliacci". Ausgerechnet hier verlegt er sich auf gebremsten Schaum, auf exquisite Klangverliebtheit und zelebrierendes Dehnen, stellt sich sozusagen im Seidenfrack unter die Bauern. Der luxuriöse Klang ist sicher bestechend, die Sänger glanzvoll - aber das Ganze klingt doch viel zu artifiziell" (Peter Mario Katona, 1971). Das war damals ein renommierter Musikkritiker, der jahrelang in FonoForum regelmäßig Beiträge veröffentlichte.

      Ich kann mich dieser Kritik nicht anschließen; für mich rettet Karajan die Werke vor einer allzu vordergründigen Auffassung, die mehr die plakativen Effekte unterstreicht und den Partituren einen nachgeordneten Rang einräumt. Bestätigt wird das durch die Aufnahme von "Cavalleria rusticana" aus dem Jahr 1940, die der Komponist Pietro Mascagni höchstpersönlich dirigiert hat und seinen Sängern (u.a. Gigli, der ja sehr zu histrionischen Effekten neigte) keine außermusikalischen "Mätzchen" erlaubte. Leider ist sie klangtechnisch natürlich mehr als dürftig. Ich persönlich habe erst durch Karajans Aufnahmen von 1965 den eigentlichen Stellenwert dieser Musik erkannt; vorher waren das für mich eher musikalische Reißer, aber keine Meisterwerke. Doch das mag natürlich auch Geschmacksache sein.

      Übrigens, Zefirellis "Cavalleria" war auch wenig nach meinem Geschmack. Ich habe sie zweimal in TV gesehen, überzeugt hat sie mich nicht. Da wurde aus dem kleinen sizilianischen Dorf eine Großstadt, mit großen Häusern und einer Riesenkathedrale. Das passte wenig zu dem Sujet. Aber immerhin hat Zefirelli uns die heute üblichen Verunstaltungen dieser Werke erspart. Seine "Bajazzo"-Inszenierung kenne ich leider nicht.

      Liebe Grüße,
      Cavaradossi

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cavaradossi ()

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