Heinrich Schütz - bedeutendster deutscher Komponist des 17. Jahrhunderts

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    • Heinrich Schütz - bedeutendster deutscher Komponist des 17. Jahrhunderts

      Hallo zusammen,

      als "saeculi sui musicus excellentissimus", als "hervorragendster Musiker seines Jahrhunderts" wurde Heinrich Schütz auf seinem Grabstein bezeichnet. Warum geriet der bedeutendste deutsche Komponist des 17. Jahrhunderts nach seinem Tod für über 200 Jahre in Vergessenheit? Warum kennen heute viele Musikliebhaber zwar seinen Namen, haben aber noch nie Musik von ihm gehört?

      Heinrich Schütz um 1660, Portrait von Christoph Spetner

      Heinrich Schütz wurde am 18. Oktober 1585 in Köstritz (Thüringen) geboren. 1590 zog die Familie nach Weißenfels, weil Schütz' Vater dort einen Gasthof übernahm. Dort hörte 1599 der durchreisende Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, der den Beinamen "der Gelehrte" hatte und auch selbst komponierte, den jungen Schütz und erkannte sein musikalisches Talent. Er bot den Eltern an, ihren Sohn mit nach Kassel zu nehmen und ihn gründlich ausbilden zu lassen. Schütz wurde in Kassel als Sänger ausgebildet, sang Sopran in der Hofkapelle und erhielt durch den Besuch des Collegium Mauretanium eine gründliche humanistische Bildung. Als der Stimmbruch einsetzte, erhielt Schütz Unterricht im Orgelspiel und im Komponieren.

      Ab 1607 studierte Schütz Jura in Marburg und war auf dem besten Weg, ein hervorragender Jurist zu werden. Landgraf Moritz versuchte ihn jedoch davon zu überzeugen, sich allein der Musik zu widmen und bot Schütz eine Studienreise nach Italien an. Schütz willigte schliesslich ein (noch als alter Mann schrieb er, er hätte vielleicht besser daran getan, doch Jurist zu werden) und reiste 1609 nach Italien, wo er in Venedig von Giovanni Gabrieli (1557-1612) unterrichtet wurde. Dort entstanden als einziges weltliches Werk, das von Schütz erhalten geblieben ist, 1611 die "Italienischen Madrigale" ("Il primo libro de madrigali di Henrico Sagittario Allemanno, Venezia 1611").

      1613 kehrte Schütz nach Deutschland zurück und wurde Organist am Hof in Kassel. Der Hof in Dresden, der damals die beste und bedeutendste Hofkapelle Deutschlands hatte, zeigte ebenfalls Interesse an Schütz, Landgraf Moritz wollte ihn jedoch nicht ziehen lassen. Nach einigen diplomatischen Verwicklungen zwischen den beiden Fürstenhäusern konnte Schütz schliesslich 1615 seine neue Stelle als Hofkapellmeister in Dresden antreten, die er bis zu seinem Tode innehaben sollte. 1619 veröffentlichte Schütz sein zweites grosses Werk, die "Psalmen Davids". Im gleichen Jahr heiratete er.

      Ein Jahr zuvor war durch den Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 der Dreißigjährige Krieg ausgelöst worden, in dessen Verlauf das Musikleben in Deutschland fast völlig zum Erliegen kam. 1623 veröffentlichte Schütz die "Auferstehungshistorie", 1625 folgten die "Cantiones sacrae" mit lateinischen Texten von Augustinus (durchaus ungewöhlich für einen protestantischen Musiker), in denen die Expressivität der italienischen Madrigale Einzug in die geistliche Musik hielt und die Texte geradezu mystisch ausgedeutet werden.

      1625 starb Schütz' Ehefrau. Im Gegensatz zu den damaligen Gepflogenheiten heiratete er nicht wieder. Innerhalb weniger Jahre starben danach seine Eltern und seine beiden Töchter. 1627 komponierte Schütz die "Tragicomoedia von der Dafne", die als erste deutsche Oper gilt. Leider ist von dieser Oper nur der Text erhalten, die Noten wurden bei einem Brand vernichtet. Überhaupt ist bemerkenswert, dass von Schütz - abgesehen von den "Italienischen Madrigalen" - keinerlei weltliche Kompositionen erhalten sind, auch keine Instrumentalwerke, obwohl Schütz als Kapellmeister und Organist in Dresden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit solche Werke komponiert haben muss.

      1628 reiste Schütz erneut nach Italien und erhielt Unterricht bei Claudio Monteverdi (1567-1643). Nach dieser Reise komponierte er den ersten Teil der "Sinfoniae sacrae", die er 1629 veröffentlichte und die deutlich durch die Italienreise geprägt waren. 1636 folgten die "Musikalischen Exequien" (komponiert für die Trauerfeier seines Landesfürsten) und der erste Teil der "Kleinen geistlichen Konzerte", die als Folge des Krieges nur noch für kleine Besetzung komponiert waren (Gesangssolisten und Basso continuo). Im Vorwort dieses Werks schreibt Schütz, dass "die löbliche Music von den anhaltenden gefährlichen Kriegs-Läufften in unserm lieben Vater-Lande Teutscher Nation nicht allein in grosses Abnehmen gerathen, sondern an manchem Ort gantz niedergeleget worden". Er habe daher die Ansprüche an die Besetzung so weit wie möglich verringert, "damit mein von Gott verliehenes Talentum in solcher edlen Kunst nicht gantz ersitzen bleiben sondern nur etwas weniges schaffen und darreichen möchte". Der zweite Teil der "Kleinen geistlichen Konzerte" folgte 1639. 1647 veröffentlichte Schütz den zweiten Teil der "Sinfoniae sacrae", diesmal im Gegensatz zum ersten Teil mit deutschen Texten.

      Die 1648 veröffentlichte "Geistliche Chormusik" stellt insofern einen Wendepunkt in Schütz' Schaffen dar, als der Einfluss der italienischen Musik zurückgedrängt wird von dichtester kontrapunktischer Arbeit, die für die protestantische Kirchenmusik in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stilbildend werden sollte.

      Als am 24. Oktober 1648 nach langen Verhandlungen der Westfälische Friede geschlossen wurde, war Schütz bereits 63 Jahre alt. Am Wiederaufbau des Musiklebens nach dem Krieg war er maßgeblich als Sachverständiger und Lehrer beteiligt. Seine Schüler waren unter anderem Matthias Weckmann (1619-1674), Johann Theile (1646-1724), Adam Krieger (1634-1666) und sein Meisterschüler Christoph Bernhard (1628-1692). Schütz nutzte seine guten Kontakte zu den Fürstenhöfen immer wieder, um andere Musiker zu unterstützen. Ohne ihn hätte das blühende Musikleben in Sachsen und Thüringen, in das Bach und Händel hineingeboren wurden, nicht existiert.

      1650 veröffentlichte Schütz den dritten Teil der "Sinfoniae sacrae", 1657 wird ihm von seinem Landesfürsten ein weitgehender Rückzug aus seinen Aufgaben bewilligt. Schütz zog wieder nach Weißenfels und wurde dort von einer seiner Schwestern versorgt, die unverheiratet geblieben war. Von 1664 bis 1666 komponierte er die drei Passionen nach Lukas, Matthäus und Johannes sowie die Weihnachtshistorie. 1671 entstand sein letztes Werk, den "Schwanengesang", eine Sammlung von Motetten mit den Texten des 119. und 100. Psalms. Bei seinem Schüler Christoph Bernhard bestellte er sich eine Begräbnismotette über das Lied "Mit Fried und Freud fahr ich dahin", an der er "keine Note zu bessern wusste". Ein Jahr später starb er im Alter von 87 Jahren - er, der sein Leben als "qualvolle Existenz" beschrieb, hatte sogar viele seiner Schüler überlebt.

      Obwohl von seinen Zeitgenossen hochgerühmt, war Schütz bald nach seinem Tod vergessen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde er wiederentdeckt, 1885 begann Philipp Spitta mit der Veröffentlichung einer Gesamtausgabe der erhalten gebliebenen Werke. 1936 erschien eine erste Biografie über Schütz, 1955 begann die Internationale Heinrich-Schütz-Gesellschaft mit der Veröffentlichung einer neuen Gesamtausgabe. Das allgemein gebräuchliche Verzeichnis seiner Werke ist das Schütz-Werke-Verzeichnis (SWV) von Werner Bittinger.

      Welche Werke von Schütz kennt Ihr, welche Aufnahmen habt Ihr?

      Viele Grüsse
      Andreas
    • Lieber Andreas,

      vielen Dank für den Start dieses Fadens, der mir Heinrich Schütz mal wieder in Erinnerung gerufen hat, von dem ich einige wenige Aufnahmen besitze und von dem ich vor vielen Jahren auch einige Madrigale im Rahmen eines Madrigalprogramms mitsingen konnte.

      Diese Aufnahmen besitze ich, alle höre ich – wenn auch zur Zeit eher selten – ausgesprochen gerne:


      Weihnachtshistorie SWV 435
      Schütz-Akademie / Howard Arman


      Il primo libro de madrigali
      The Consort of Musicke / Anthony Rooley


      Die sieben Worte Jesu Christi am Kreuz SWV 478 u. a.
      Ensemble Clément Janequin, Les Saqueboutiers de Toulouse / Konrad Junghänel


      Musikalische Exequien Teil I-III SWV 279-281 u. a.
      The Monteverdi Choir, The English Baroque Soloists / John Eliot Gardiner


      gleiche Besetzung, aber anderes Cover und nur:
      Historia der Auferstehung Jesu Christi SWV 50
      Kammerchor Stuttgart, Musica Fiata Köln, Stuttgart Baroque Orchestra / Frieder Bernius

      Keine Abbildung - da offensichtlich nicht auf CD erschienen – habe ich von einer LP-Aufnahme der Musikalischen Exequien mit dem Instrumentalensemble der Schola Cantorum Basiliensis und dem Vokalensemble Nigel Rogers unter Hans-Martin Linde (EMI: 1C 065-03 828)

      Und damit liegt er bei mir sicher hinter Monteverdi, aber gleichauf mit Gesualdo und Lassus, die ich alle außerordentlich schätze.

      Viele Grüße,
      Wolfgang
      Wir sollten uns nicht brüsten, der Gipfel der Evolution zu sein, sondern uns daran freuen, eine Art Freak der Natur zu sein.
      So etwas wie uns wird die Evolution nie wieder hervorbringen. (Paul Sereno, Paläontologe)
    • RE: Heinrich Schütz - bedeutendster deutscher Komponist des 17. Jahrhunderts

      Original von Tranquillo

      Warum geriet der bedeutendste deutsche Komponist des 17. Jahrhunderts nach seinem Tod für über 200 Jahre in Vergessenheit? Warum kennen heute viele Musikliebhaber zwar seinen Namen, haben aber noch nie Musik von ihm gehört?



      Lieber Andreas,

      zunächst einmal ganz herzlichen Dank für diese schöne Einführung!

      Tja, warum ist Schütz vergleichsweise unbekannt? Zu den Klängen von "Schaffe in mir Gott, ein reines Herz" assoziere ich mich mal spontan vor mich hin: Diese Musik macht nicht viel her, sie ist karg und herb, ihre Süße entdeckt man womöglich erst nach einer Weile, es gibt keine barocke Prachtentfaltung, keine Pauken und Trompeten, man spürt und hört den 30-jährigen Krieg, man hört es an der Sparsamkeit in der Besetzung, man spürt es am Schmerz, der immer wieder aufklingt. Man sieht es nicht zuletzt an einem Cover wie diesem



      das drastischer kaum sein könnte. Es ist viel Tod und Leid in dieser Musik, wenn man genauer hinhört allerdings auch viel Trost und Hoffnung. Nur: Mainstream ist das alles natürlich nicht...

      Gruß, Carola
      Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart. J.S. Bach
    • Original von Carola
      Diese Musik macht nicht viel her, sie ist karg und herb, ihre Süße entdeckt man womöglich erst nach einer Weile, es gibt keine barocke Prachtentfaltung, keine Pauken und Trompeten, man spürt und hört den 30-jährigen Krieg, man hört es an der Sparsamkeit in der Besetzung, man spürt es am Schmerz, der immer wieder aufklingt.

      Liebe Carola,

      das ist die eine Seite seiner Musik - es gibt aber noch eine andere, nämlich die in seinen von der italienischen Musik beeinflussten Werken. An erster Stelle sind hier die "Psalmen Davids" zu nennen:



      Hier wird venezianische Mehrchörigkeit geboten, die man auch von seinem Lehrer Gabrieli kennt - das ist (früh-) barocke Prachtentfaltung, wie man sie sich prachtvoller kaum vorstellen kann, und natürlich sind auch Pauken und Trompeten dabei! Natürlich: Der Krieg war noch nicht ausgebrochen, als Schütz diese Musik komponierte, und er freute sich auf seine bevorstehende Hochzeit. Wer aber Schwierigkeiten mit dem kargen, herben Schütz hat, sollte sich seine Musik mit diesem Werk erschliessen.

      An zweiter Stelle sind die "Sinfoniae sacrae" zu nennen - ebenfalls italienisch beeinflusst, aber eher von Monteverdi. Auch hier findet man eine ausgesprochen farbige Instrumentierung (die übrigens von Schütz - zu dieser Zeit eher unüblich - genau vorgeschrieben war). Als Einstieg ist die folgende CD geeignet, die früher bei Erato erhältlich war:



      Auch die nach dem Dreißigjährigen Krieg entstandenen Werke empfinde ich nicht unbedingt als karg und herb - hier überwiegen Trost und Hoffnung. Man muss sich natürlich erst einmal hineinhören, da stimme ich Dir zu...

      Viele Grüsse
      Andreas
    • Lieber Andreas,
      auch von mir herzlichen Dank für diesen längst überfälligen Thread. Ein Grund für die mangelnde Popularität Schützens heute mag vielleicht tatsächlich sein, dass seine Instrumentalwerke nicht erhalten sind und man ihn halt irgendwie mit "geistlicher Vokalmusik" assoziiert.
      Auf jeden Fall werde auch ich die Gelegenheit nutzen, mich jetzt wieder mehr mit ihm zu befassen, ist er doch ein Paradebeispiel für Textausdeutung und Affektendarstellung. Voller Bestürzung nämlich stellte ich eben fest, dass ich fast keine Aufnahmen seiner Werke besitze (Literatur über ihn hingegen schon). Richtig peinlich ist das!
      Das schätze ich an diesem Forum: erinnert zu werden, sich dadurch erneut zu befassen mit Komponisten, die man vernachlässigt hat.

      Liebe Grüße,
      S A T I E
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Original von Tranquillo
      Original von Carola
      Diese Musik macht nicht viel her, sie ist karg und herb, ihre Süße entdeckt man womöglich erst nach einer Weile, es gibt keine barocke Prachtentfaltung, keine Pauken und Trompeten, man spürt und hört den 30-jährigen Krieg, man hört es an der Sparsamkeit in der Besetzung, man spürt es am Schmerz, der immer wieder aufklingt.

      Liebe Carola,

      das ist die eine Seite seiner Musik - es gibt aber noch eine andere, nämlich die in seinen von der italienischen Musik beeinflussten Werken. An erster Stelle sind hier die "Psalmen Davids" zu nennen:



      Hier wird venezianische Mehrchörigkeit geboten, die man auch von seinem Lehrer Gabrieli kennt - das ist (früh-) barocke Prachtentfaltung, wie man sie sich prachtvoller kaum vorstellen kann, und natürlich sind auch Pauken und Trompeten dabei!

      Viele Grüsse
      Andreas


      Lieber Andreas,

      Du hast völlig recht - bei den Psalmen Davids gibt es prachtvolle Pauken und Trompeten zu hören. Ich habe jetzt noch mal die von Dir gezeigte Aufnahme mit Cantus Cölln aufgelegt - es klingt wunderbar!

      Gruß, Carola
      Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart. J.S. Bach
    • Geistliche Chormusik 1648

      Hallo zusammen,

      einige Werke und Aufnahmen sind ja schon genannt worden - ich möchte nun drei Aufnahmen der "Geistlichen Chormusik" von 1648 kurz vorstellen.



      Diese Aufnahme mit dem Knabenchor Hannover und einem Instrumentalensemble unter der Leitung von Heinz Hennig stammt aus dem Jahr 1984. Schütz widmete die "Geistliche Chormusik" dem Thomanerchor, möglicherweise schwebte ihm daher eine chorische Besetzung vor. Da es Frauen damals untersagt war, in Kirchen zu singen, ist ein Knabenchor sicher historisch richtig. In dieser Aufnahme werden die Stücke in wechselnden Besetzungen gesungen: solistisch (wobei auch hier der Sopran von einem Knaben gesungen wird) oder mit dem ganzen Chor, entweder a capella oder mit Instrumentalbegleitung (Basso continuo), teilweise werden Chorstimmen durch Instrumente ersetzt oder die Instrumente spielen die Chorstimmen mit (colla parte). Der Chor dominiert jedoch und die Instrumente sind eher als zusätzliche Klangfarbe wahrnehmbar (ausser in den solistisch besetzten Stücken). Besonders interessant: Einige Stücke sind auf der zweiten CD in einer alternativen Besetzung enthalten. Das zeigt, dass es auch andere Besetzungsmöglichkeiten gibt und die Ausführenden hier - dem Brauch der damaligen Zeit entsprechend - Freiräume hatten.



      Diese Aufnahme mit dem Ensemble Weser-Renaissance unter der Leitung von Manfred Cordes geht einen ganz anderen Weg: Hier wird durchweg solistisch gesungen (Sopran von einer Frau), was natürlich beim Colla-parte-Spielen die Balance zwischen Sängern und Instrumenten verändert. Teilweise sind mir die Instrumente zu dominant, obwohl sie natürlich auch für ein sehr abwechslungsreiches, opulentes und farbenprächtiges Klangbild sorgen. Viel häufiger als Hennig ersetzt Cordes Singstimmen durch Instrumente, was ich nicht immer als überzeugend empfinde. Nur wenige Stücke werden a capella gesungen. Ich vermisse hier doch den Chorklang, schliesslich handelt es sich um eine "Chormusik".



      Die letzte Aufnahme mit dem Dresdner Kammerchor und der Cappella Sagittariana unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann ist relativ neu (im letzten Jahr erschienen) und mein derzeitiger Favorit: Der Dresdner Kammerchor ist ein eher kleines Ensemble, der Sopran ist mit Frauen besetzt. Der Gesang wirkt sehr natürlich, der Chor klingt ausgesprochen homogen. Instrumente werden nur verstärkend und sehr dezent eingesetzt. Chorstimmen werden grundsätzlich nicht durch Instrumente ersetzt; vom Chor unabhängige Instrumentalstimmen gibt es nur dort, wo Schütz sie auskomponiert hat (z. B. in "Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört"). Der Chor singt in einigen Stücken auch solistisch. Im Basso continuo spielt neben der Orgel eine Laute mit, was für eine zusätzliche dezente Klangfarbe sorgt.

      Die Herreweghe-Aufnahme kenne ich leider nicht - wer hat sie und kann dazu etwas schreiben?

      Viele Grüsse
      Andreas
    • RE: Geistliche Chormusik 1648

      Original von Tranquillo

      Die Herreweghe-Aufnahme kenne ich leider nicht - wer hat sie und kann dazu etwas schreiben?

      Viele Grüsse
      Andreas


      Das Problem mit dieser Aufnahme ist, dass das Cover mehr verspricht, als die CD hält.



      Aus der Geistlichen Chormusik sind nämlich nur 11 Stücke enthalten (von 29). Weitere 6 Werke sind aus den Kleinen geistlichen Konzerten. Andererseits ist diese Mischung aber auch recht apart und abwechslungsreich, die eingestreuten kleinen geistlichen Konzerte sind nämlich stets solistisch besetzt, während die Motetten vom gesamten Chor gesungen werden. Der Chor ist nicht eben klein, es singen 19 Sängerinnen und Sängern. Auch das Continuo ist recht reichhaltig, es spielen Orgel, Laute, Cello und Bass. Dies allerdings in wechselnder Besetzung, mal steht die Laute im Vordergrund, mal die Orgel, mal die Streicher - das ist schön gemacht. Auch sonst gefällt mir die Aufnahme sehr gut. Einziger Kritikpunkt: Die Textverständlichkeit könnte manchmal besser sein. Und ich finde es schade, dass im Beiheft zu den Texten nicht die jeweilige Quelle angegeben wird (meist sind es Psalmen, aber welche genau?).

      Interessant ist vielleicht noch ein Zitat von Günter Grass, das im Beiheft zur Charakterisierung von Schütz verwendetet wird. In der 1979 erschienenen historischen Erzählung "Das Treffen in Telgte", in der Grass das letzte Jahr des Dreißigjährigen Krieges beschreibt, heißt es: "Da keiner wie er aufs Wort setzte und seine Musik einzig dem Wort zu dienen hatte, es deuten, beleben, seine Gesten betonen und in jede Tiefe, Weite und Höhe versenken, dehnen, erhöhen wollte, war Schütz streng mit Wörtern und hielt sich entweder an die überlieferte lateinische Liturgie oder an Luthers Bibelwort."

      Das stimmt allerdings nicht ganz, "O süßer, O freundlicher", SWV 285 ist zum Beispiel die Vertonung eines Gebets von Augustinus. Trotzdem beschreibt das Grass-Zitat nach meiner Meinung sehr schön, wie wichtig für Schütz der zu vertonende Text, seine detaillierte Ausdeutung und Belebung durch die Musik war.

      Gruß, Carola
      Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart. J.S. Bach
    • RE: Geistliche Chormusik 1648

      Original von Carola
      Aus der Geistlichen Chormusik sind nämlich nur 11 Stücke enthalten (von 29).

      Liebe Carola,

      das ist schade - ich dachte, Herreweghe hätte eine Gesamtaufnahme gemacht. Trotzdem herzlichen Dank für die Beschreibung!

      Interessant ist vielleicht noch ein Zitat von Günter Grass, das im Beiheft zur Charakterisierung von Schütz verwendetet wird. In der 1979 erschienenen historischen Erzählung "Das Treffen in Telgte", in der Grass das letzte Jahr des Dreißigjährigen Krieges beschreibt, heißt es: "Da keiner wie er aufs Wort setzte und seine Musik einzig dem Wort zu dienen hatte, es deuten, beleben, seine Gesten betonen und in jede Tiefe, Weite und Höhe versenken, dehnen, erhöhen wollte, war Schütz streng mit Wörtern und hielt sich entweder an die überlieferte lateinische Liturgie oder an Luthers Bibelwort."

      Was meinte Grass wohl mit "überlieferter lateinischer Liturgie"? Mir ist nicht bekannt, dass Schütz etwas in dieser Richtung vertont hat.

      Das stimmt allerdings nicht ganz, "O süßer, O freundlicher", SWV 285 ist zum Beispiel die Vertonung eines Gebets von Augustinus.

      Es gibt etliche Beispiele, wo Schütz eben nicht Texte aus der Bibel verwendet hat. Die Texte der gesamten "Cantiones sacrae" sind von Augustinus, und in der "Geistlichen Chormusik" verwendet er auch Texte von Kirchenliedern: "Was mein Gott will, das g'scheh allzeit" (Nr. 24, für zwei Singstimmen und vier Instrumente) oder "So fahr ich hin zu Jesu Christ" (Nr. 11). Vielleicht finde ich die Zeit, im Vokalmusik-Thread noch einen Beitrag zur "Geistlichen Chormusik" allgemein zu schreiben, dort wäre dann auch Raum für die Herkunft der verwendeten Texte und deren Bedeutung im protestantischen Christentum - Schütz hat diese Texte sicher nicht zufällig ausgewählt.

      Viele Grüsse
      Andreas
    • RE: Geistliche Chormusik 1648

      Original von Tranquillo

      Was meinte Grass wohl mit "überlieferter lateinischer Liturgie"? Mir ist nicht bekannt, dass Schütz etwas in dieser Richtung vertont hat.

      Viele Grüsse
      Andreas


      Ich habe gerade mal meine Aufnahmen durchgesehen und nichts Lateinisches gefunden, schon gar nichts aus der Liturgie.

      Dass Schütz so viel von Augustinus vertont hat, wusste ich bisher auch noch nicht. Ich kenne hauptsächlich Psalmvertonungen.

      In den letzten Jahren hat sich doch die ein oder andere Schütz-CD bei mir angesammelt, ich habe aber noch längst nicht alle Werke von ihm.

      Hier mein Bestand:





      Es ist keine dabei, die ich nicht empfehlen würde. Besonders beeindruckt bin ich immer noch von meiner ersten Schütz-CD überhaupt, das sind die Musikalischen Exequien mit Herreweghe. Ich bin aber nicht sicher, ob man diese CD noch irgendwo zu einem akzeptablen Preis bekommt. Bei jpc und amazon.de jedenfalls nicht.

      Gruß, Carola
      Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart. J.S. Bach
    • Schütz Edition

      Hallo zusammen,

      Brilliant Classics hat vor einiger Zeit eine Schütz-Edition begonnen, aber meines Wissens nicht fortgeführt. Die ersten drei CD-Boxen (mit jeweils vier CD's) sind erschienen, wobei aktuell nur noch Vol. 3 verfügbar zu sein scheint:



      Zur Vervollständigung fehlen noch die Musikalischen Exequien, die Geistliche Chormusik, ein Teil der Kleinen Geistlichen Konzerte und die Sinfoniae sacrae Teil 3.

      Die Aufnahmen haben ein paar Schwächen (z. B. osteuropäischer Akzent einiger Sänger in den Sinfoniae sacrae Teil 2, teilweise etwas zu dominante Continuo-Orgel, tontechnisch ein paar Übersteuerungen), das musikalische Niveau ist aber dennoch recht hoch. Man kann sich mit diesen CD's sehr preiswert einen Überblick über Schütz' Werke verschaffen und auch weniger bekannte Stücke kennenlernen.

      Viele Grüsse
      Andreas

      EDIT: Gerade eben habe ich gesehen, dass Vol. 1 und 2 noch bei Amazon erhältlich ist (beide Boxen enthalten jeweils fünf CD's und nicht vier), bei Brilliant Classics selbt sind sie nicht mehr gelistet:



      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tranquillo ()

    • RE: Schütz Edition

      Original von Jürgen
      Hallo Andreas,

      wo schaust Du denn nach?

      Hallo Jürgen,

      ich hatte bei brilliantclassics.com nach "Messori" gesucht, da ich mir nicht sicher war, ob das "ü" bei "Schütz" in der Suche korrekt verarbeitet werden würde. Bei der Suche nach "Messori" bekomme ich nur Vol. 3 angezeigt, bei der Suche nach "Schütz" auch Vol. 1 und 2 - das ist etwas merkwürdig...

      Danke für den Hinweis, es sind also noch alle drei Boxen verfügbar.

      Viele Grüsse
      Andreas
    • Hallo zusammen,

      ich bin wirklich erstaunt, wieviele Aufnahmen wir hier innerhalb kurzer Zeit zusammengetragen haben - damit hätte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet.

      Original von Carola
      Es ist viel Tod und Leid in dieser Musik, wenn man genauer hinhört allerdings auch viel Trost und Hoffnung.

      Wenn diese Beschreibung voll und ganz zu einem Werk von Schütz passt, dann zu den "Musicalischen Exequien" (die ebenfalls in einem eigenen Thread zu würdigen wären).



      Ich habe diese relativ neue Aufnahme, die ich vorbehaltlos empfehlen kann. Es wird sehr sensibel und introvertiert, fast schon meditativ musiziert, Chor und Solisten singen hervorragend. Zusätzlich sind die "Sieben Worte Jesu Christi am Kreuz" und zwei thematisch passende Motetten aus der "Geistlichen Chormusik" enthalten ("Die mit Tränen säen" und "So fahr ich hin zu Jesu Christ").

      Viele Grüsse
      Andreas
    • RE: Geistliche Chormusik 1648

      Original von Tranquillo

      Es gibt etliche Beispiele, wo Schütz eben nicht Texte aus der Bibel verwendet hat.

      Viele Grüsse
      Andreas


      Gerade habe ich in diesem Zusammenhang noch eine interessante Anmerkung in Reclams Chormusik- und Oratorienführer gelesen. Dort heißt es auf Seite 145 über Schütz: Seine Fortschrittlichkeit zeigt sich in seiner Zurückhaltung den liturgischen Formen und dem Kirchenlied gegenüber, in dem Überwiegen expressionistischer Züge und individueller Gestaltungsweisen, seine Traditionsverbundenheit im Festhalten an den alten, ... motettischen Formen.

      Ob man wirklich von einer Zurückhaltung dem Kirchenlied gegenüber sprechen kann? Einige Kirchenlieder werden doch durchaus zur Vorlage genommen, oder? Ich weiß zu wenig darüber.

      Sehr speziell finde ich die Historien von Schütz. Ich kenne die Auferstehungs-Historie, SWV 50, und die sehr viel später entstandene Weihnachts-Historie, SWV 435. Vor allem die große Bedeutung der Evangelisten, musikalisch gesprochen der Rezitative, fällt sofort auf. Das ist für auf das Bachsche Weihnachtsoratorium geeichte Ohren erst mal recht fremd. Auch große, weit ausschwingende Chöre sollte man hier nicht erwarten. Aber viel Expressivität und Dramatik.

      Gruß, Carola
      Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden Gegenwart. J.S. Bach
    • RE: Geistliche Chormusik 1648

      Original von Carola
      Gerade habe ich in diesem Zusammenhang noch eine interessante Anmerkung in Reclams Chormusik- und Oratorienführer gelesen. Dort heißt es auf Seite 145 über Schütz: Seine Fortschrittlichkeit zeigt sich in seiner Zurückhaltung den liturgischen Formen und dem Kirchenlied gegenüber, in dem Überwiegen expressionistischer Züge und individueller Gestaltungsweisen, seine Traditionsverbundenheit im Festhalten an den alten, ... motettischen Formen.

      Ob man wirklich von einer Zurückhaltung dem Kirchenlied gegenüber sprechen kann? Einige Kirchenlieder werden doch durchaus zur Vorlage genommen, oder? Ich weiß zu wenig darüber.

      Liebe Carola,

      genau solche Sätze wie der von Dir zitierte sind einer der Gründe, warum ich keinen einzigen Musikführer besitze. Sie klingen beim Lesen zunächst gelehrt und richtig, wenn man sie aber hinterfragt, fallen sie in sich zusammen.

      Was versteht der Autor unter "Zurückhaltung"? Sicher, liturgische Formen und Kirchenlieder spielen bei Schütz keine herausragende Rolle, aber gemieden hat er sie auch nicht. Schauen wir uns mal die "Geistliche Chormusik" an: Nr. 4 ("Verleih uns Frieden gnädiglich"), Nr. 11 ("So fahr ich hin zu Jesu Christ"), Nr. 19 ("Herzlich lieb hab ich dich, o Herr", drei Strophen!) und Nr. 24 ("Was mein Gott will") sind Kirchenlieder. Nr. 18 ("Die Himmel erzählen die Ehre Gottes") schliesst mit der sogenannten Doxologie ("Ehre sei dem Vater und dem Sohn und auch dem Heiligen Geiste"), die fester Bestandteil der Liturgie im evangelisch-lutherischen Gottesdienst war und es immer noch ist. Nr. 13 ("O lieber Herre Gott") verwendet den Text einer vorreformatorischen Adventskollekte ("Excita domine") in der Übersetzung Martin Luthers und hat damit einen liturgischen Ursprung. Sicher, die Bibeltexte dominieren (was sicher auch durch das reformatorische "Sola scriptura" begründet ist), aber von Zurückhaltung gegenüber Liturgie und Kirchenlied würde ich hier nicht sprechen wollen.

      Was sind bei Schütz "expressionistische Züge" und "individuelle Gestaltungsweisen", die überwiegen sollen? Gegenüber was sollen sie überwiegen? Mit "expressiven Zügen" wäre ich einverstanden gewesen, aber "expressionistisch" ist ein Begriff für Literatur und Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts, in der Musik wird er meines Wissens nicht verwendet (und schon gar nicht für Musik des 17. Jahrhunderts). "Individuelle Gestaltungsweisen" wären Gestaltungsmerkmale seiner Musik, die ihn vom Stil seiner Zeit und seiner Zeitgenossen abheben - was ist das ganz konkret? Im Zitat ist das nur eine beliebig zu füllende Worthülse, denn jeder Komponist wird - sofern er nicht einfach nur andere imitiert - irgendwo individuelle Gestaltungsweisen haben. Die Frage, was Schütz' Musik in besonderer Weise von derjenigen seiner Zeitgenossen unterscheidet, wird letztlich nur von Spezialisten zu beantworten sein, denn: Was kennen wir als Nichtspezialisten schon für Musik von seinen Zeitgenossen, die wir in Beziehung zu seiner Musik setzen könnten?

      Sehr speziell finde ich die Historien von Schütz. Ich kenne die Auferstehungs-Historie, SWV 50, und die sehr viel später entstandene Weihnachts-Historie, SWV 435. Vor allem die große Bedeutung der Evangelisten, musikalisch gesprochen der Rezitative, fällt sofort auf. Das ist für auf das Bachsche Weihnachtsoratorium geeichte Ohren erst mal recht fremd. Auch große, weit ausschwingende Chöre sollte man hier nicht erwarten. Aber viel Expressivität und Dramatik.

      Genau, und das mit im Vergleich zu Bach sehr sparsamen musikalischen Mitteln. Die drei Passionen von Schütz gehen in die gleiche Richtung: Die Rezitative werden noch nicht einmal vom Continuo begleitet, es gibt keine Arien und Choräle als Ruhepunkte, die Handlung in Form des biblischen Berichts schreitet ohne Unterbrechung und unausweichlich bis zum Höhepunkt voran. Das klingt für Ohren, die die Opulenz der Bachschen Passionen (vor allem der Matthäus-Passion) gewohnt sind, sehr karg, und doch sind viele Elemente der Bachschen Passionen schon bei Schütz zu finden, z. B. die Turba-Chöre. Durch das konsequente Vermeiden aller oberflächlichen Reize wird der Hörer bei Schütz auf das Wesentliche zurückgeworfen: die Worte des biblischen Passionsberichts, die nun eine ungeahnte Intensität entfalten können (so habe zumindest ich das empfunden, als ich die Passionen von Schütz zum ersten Mal gehört habe).

      Viele Grüsse
      Andreas
    • Über meine Schütz - Bemühungen kann ich eine kleine Geschichte erzählen.

      Er ist der Lieblingskomponist des Dirigenten, dessen schöne Aufführungen mich dazu brachten (Amateur-) Tonmeister zu werden.

      Da ich noch nie vorher Schütz bewußt gehört hatte, war ich auch von dem damals aufgeführten Werk beeindruckt und habe mir eine CD davon gekauft. Zuhause wollte sich aber der günstige Eindruck der live - Aufführung nicht mehr einstellen.

      Ich kaufte in der Folge ca. 20 Schütz - CD's von denen ich die mit Cantus Köln "natürlich" am besten fand. Jedoch hat sich keine Begeisterng eingestellt. Auch nach x-maligem Hören. Nur schwer konnte ich mir eingestehen, daß ich Schütz dauerhaft nicht mag - mit einer Ausnahme, sein Gesellenstück in Venedig, das erste Buch der Madrigale hat einen optimistischen Grundton und jugendlichen Schwung.

      Die Beteuerungen der Profis, daß seine Stücke besonders kunstreich gebaut seien kann ich nicht so gut nachvollziehen wegen meiner Unfähigkeit Partitur zu lesen geschweige denn mir die Musik beim Lesen der Partitur vorzustellen. Ich kann zum Beispiel kaum eine Entwicklung seines Stils entdecken, die Stücke klingen für mich irgendwie gleich. (Ganz so schlimm wie bei Pärt ist es aber nicht.)

      Es ist aber wohl ziemlich einfach und Carola und andere haben es schon gesagt, seine Stücke triefen von Tod und Leid. Die Hoffnung ist nicht aufs Irdische gerichtet sondern eher jenseitig-sterbefreudig, wie das Barock generell. (Bei Bach gibt es zwar auch solche Texte aber seine Musik steht in einem deutlichen Gegensatz dazu, sie läßt immer auf einen so intakten Persönlichkeitskern schließen, daß ich mich bei ihm wohlfühle.)

      Im Ernst, Schütz war wohl durch seine trostlosen Erfahrungen traumatisiert wie viele Menschen nach dem zweiten Weltkrieg auch und hätte eine Therapie gebraucht.

      Der größte deutsche Komponist des 17. Jahrhunderts ist für mich eher Buxtehude. Im Frühbarock gibt es noch einen Amateur(?)-Komponisten, der nur Werke für Violine solo geschrieben hat, die klingen wie wenn sie von 1725 wären, leider fällt mir sein Name im Augenblick nicht ein. Den halte ich für ein absolutes Genie. Sein Werk ist aber zu klein um für den Komponistenthron in Frage zu kommen.


      Gruß, Leif.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Leif Erikson ()

    • Original von Leif Erikson
      Es ist aber wohl ziemlich einfach und Carola und andere haben es schon gesagt, seine Stücke triefen von Tod und Leid. Die Hoffnung ist nicht aufs Irdische gerichtet sondern eher jenseitig-sterbefreudig, wie das Barock generell.

      Lieber Leif,

      nicht alle seiner geistlichen Stücke triefen von Tod und Leid, aber Dein Eindruck geht sicher in die richtige Richtung. "Denn Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn" - das ist ein Glaube, der uns völlig fremd ist. Wir können ihn nicht nachvollziehen, weil unsere Hoffnung auf das Irdische gerichtet ist. Allerdings werden wir damit oft genug bitter enttäuscht. Wenn es ans Sterben geht, hilft uns diese "Hoffnung" keinen Deut weiter, sie treibt uns eher in die völlige Verzweiflung.

      Im Ernst, Schütz war wohl durch seine trostlosen Erfahrungen traumatisiert wie viele Menschen nach dem zweiten Weltkrieg auch und hätte eine Therapie gebraucht.

      Das ist eine ganz wichtige Parallele. Ich habe vor einiger Zeit gelesen, dass in den evangelischen Kantoreien kurz nach dem 2. Weltkrieg besonders viel Schütz gesungen wurde - vielleicht gerade deswegen, weil man sich mit seiner eigenen Erfahrung von Leid und Tod damals in dieser Musik wiedergefunden hat. Heute erscheint uns diese Erfahrung mitunter genauso fremd und unwirklich wie die Berichte unserer Eltern und Großeltern über das Grauen des letzten Krieges. Leid und Tod ist in unserer jugendbetonten Spassgesellschaft ein Tabu-Thema, das wir hinter möglichst dicke Krankenhaus-Mauern verbannen - weil wir irgendwo ahnen, dass wir letztlich genauso machtlos dagegen sind wie die Menschen des 17. Jahrhunderts. Ich behaupte: Schütz' Erfahrung ist auch ein Stück weit die unsere, nur ist uns seine Hoffnung (und die seiner Zeitgenossen) verlorengegangen.

      Viele Grüsse
      Andreas