Mauricio Kagel gestorben

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    • Mauricio Kagel gestorben

      Wie ich gerade erfahre, ist der Komponist Mauricio Kagel heute gestorben:

      spiegel.de/kultur/musik/0,1518,579034,00.html

      Ich selber kenne seine Musik allerdings nur flüchtig (zB das Stück "Match" für 2 Celli (das sind die Spieler) und Schlagzeuger (der ist Schiedsrichter und neben Schlaginstrumenten auch mit Tennisbällen bewaffnet ;) ), daher möge man es mir nachsehen, wenn ich hier keinen ausführlichen Kommentar zu seinem Werk abliefern kann. Als Ersatz verweise ich mal auf wikipedia:

      de.wikipedia.org/wiki/Mauricio_Kagel

      Gruß,

      Normann
      zwischen weißem rauschen und nichtton

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von EinTon ()

    • RE: Mauricio Kagel gestorben

      Und wieder ein bedeutender Komponist, der von uns geht. Obwohl ich Kagels Werk gegenüber anderen auch eher vernachlässigt habe, ist mir einiges in Erinnerung geblieben. Sehr schön waren einige Sachen, die anlässlich einer langen Nacht der Filmmusik hier im Konzerthaus aufgeführt wurden, so etwa seine Filmmusik zu Bunuels "Chien Andalou", im direkten Vergleich zu jener von Josef Anton Riedl. Am selben Abend wurde auch sein äußerst witziger Film zu seiner Komposition "Kantrimiusik" gezeigt (da sitzen beispielsweise die Interpreten in einem fahrbaren Käfig, während allerhand Bauernhoftiere frei davor herumlaufen). Neben seinen Streichquartetten und der "Musik für Renaissanceinstrumente" ist mir sein "Quodlibet" in Erinnerung geblieben, welches in einer Fernsehreihe von Gerd Albrecht und dem Komponisten selbst vorgestellt wurde. Kagel zeigte sich dort als witziger, recht legerer Typ. "Match" ist ein absoluter Klassiker, vor allem der Experimentalfilm von Kagel mit Siegfried Palm und Klaus Storck (Celli) sowie Christoph Caskel (Schlagzeug).
      Des weiteren ist mir seine "Dressur" als sehr witzig in Erinnerung, ein Stück für Schlagzeugtrio. Es beginnt mit den ersten fünft Tönen des Mallett-Paradestücks "Erinnerung an Zirkus Renz", später wird mit allerhand Ruten etc. auf die Marimbas und Xylophone eingedroschen. Besonders lustig wirkte das mit dem Trio Lecercle (alle drei Spieler tragen lange Bärte, sozusagen die ZZ-Top der neuen Musik).

      Kagels Bedeutung kann man durchaus sehr unterschiedlich beurteilen. Er hatte eine starke Affinität zu theatralischen Werken (exemplarisch etwa "Staatstheater"), oft steckt sehr viel Humor in seinen Stücken, der manch Intellektuellem zu platt sein mag. Ich jedenfalls habe seine Stücke stets genossen, sie aber eben auch nicht all zu ernst genommen.
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Seit einigen Tagen höre ich mit großer Begeisterung immer wieder diese CD:


      Maurizio Kagel; Kantrimiusik
      Nieuw Ensemble, Ed Spanjaard

      Herrlich! Und da sage noch jemand, Neue Musik sei verkopft.
      Die Kantrimusik für Stimmen (Mindestens Sopran, Alt, Tenor und nach Belieben weitere, auch Kinder und Laien - auf dieser Aufnahme sind nur 3 Profis zu hören), Klarinette, Trompete, Tuba, Geige, Klavier und zwei Spieler von diversen Gitarreninstrumenten (Tenorbanjo, Ukulele, Mandoline, Oktavgitarre, Spanische Gitarre, Westerngitarre, Mexikanischer Baß) besteht aus 15 zum Teil vokalen, zum Teil instrumentalen Teilen, in deren Verlauf 4 Tonbandzuspielungen eingeblendet werden. Das ergibt eine pastorale Reise durch verschiedene Länder, dabei ist nicht die echte Folklore Ausgangsbasis für das musikalische Material, sondern die harmlosen volkstümlichen Verfälschungen. Kagel schreibt: Das Stück stellt absichtlich keinen Anspruch auf Authentizität der Quellen, im Gegenteil: es will gewöhnliche apokryphe Tonkunst weiterverarbeiten. Wieviel Parodie und Karikatur oder verselbständigter Ernst hier vorhanden sind, müßte aus jeder akkuraten musikalischen Interpretation deutlich zu hören sein.
      Ich höre das nicht, aber es ist auch völlig egal. Ob ernst gemeint oder nicht, das ist ein Stück wie aus einem Guss. Es klingt unüberhörbar nach Avantgarde ohne mit Gewalt jeglichen Unterhaltungsanspruch zu leugnen. Ganz große Klasse!
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Ich höre viel zu selten Mauricio Kagel und jedes Mal, wenn ich ihn höre, denke ich, dass eine systematische Beschäftigung unbedingt lohnend wäre. Er nervt und enttäuscht nie. Seine Späße und Provokationen erhalten angesichts der Tatsache, dass er aus einem totalitären Staat emigrierte, um dann mit dem totalitären kompositorischen Anspruch der Nachkriegs-Avantgarde konfrontiert zu werden, einen zeitgeschichtlichen Kontext. Vor diesem Hintergrund darf das Hinterfragen des Konzert- und Theaterbetriebs unter Verwendung von platter Satire und vordergründigem Klamauk, durch das Einbeziehen von Laien und Kindern, sowie durch das Verarbeiten von primitiven Musikstilen, auf ernstes Verständnis hoffen. Mich begeistert bei Kagel, dass er meist zugänglich und unterhaltsam bleibt, ohne faule Kompromisse einzugehen. Seine Musik befriedigt des Neuton-Hörers Bedürfnis nach akustischen Abenteuern, bei denen man nie weiß, was als nächstes kommt, klingt aber nicht gewollt avantgardistisch oder verkopft. Exemplarisch kann man das auf dieser wunderbaren Neuerscheinung hören:


      Mauricio Kagel; Die Stücke der Windrose (für Salonorchester)
      Ensemble Aleph

      Kagel vertont hier die acht Himmelrichtungen (freilich aus der Sicht des Argentiniers, der bei 'Süden' eher an Polarkälte als an Palmen denkt), indem er Folkloristisches aus den vom Kompasspfeil angezeigten Gegenden holt und in Form der Collage mit modernen Elementen verflechtet. Instrumentiert ist das für Salonorchester (Klarinette, Streichquartett, Kontrabass, Klavier, Harmonium und Schlagwerk), erweitert um Pan-Flöte, Schneckenhorn, Schwirrholz und Maultrommel. Befürchtungen, bei dieser Besetzung könne nur Crossover oder Weltmusik heraus kommen, sind unbegründet - das ist und bleibt Kagel, der vom Ensemble Aleph ganz vorzüglich gespielt wird.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Cetay schrieb:

      Ich höre viel zu selten Mauricio Kagel und jedes Mal, wenn ich ihn höre, denke ich, dass eine systematische Beschäftigung unbedingt lohnend wäre.
      Es wäre übertrieben, von systematischer Beschäftigung zu reden, aber ich habe in den letzten Tagen doch ein rundes Dutzend CDs gehört und einiges über Kagel gelesen und zähle ihn nun zu meinen Lieblingskomponisten. Kagel ist eine echte Wundertüte. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Sein Oeuvre überstreicht die ganze Bandbreite von einfacher Salonmusik bis zur avantgardistischen Geräuschcollage - das kann auch innerhalb von einer Komposition der Fall sein und manchmal gleichzeitig. Aber es wirkt auf mich trotzdem immer stringent -Jungheinrich spricht vom Paradox der systematischen Unordnung- und das gilt auch dann, wenn Kagel nicht-klassische Musikstile und Genres mit einbezieht. Jazz, Weltmusik und populäre Stile werden nicht im Sinne des Crossover verwurstet, sondern dienen als Ausgangsmaterial, das zeitgenössischen Kompositionsmethoden unterworfen wird. Durch die Miteinbeziehung von Sprache und Alltagsgeräuschen wird die Grenze zum Hörspiel durchlässig und konsequenterweise hat Kagel viele Stücke explizit fürs Radio geschrieben.

      Da Kagel häufig nicht nur die Musik niederschreibt, sondern auch konkrete Aktionen der Ausführenden bis hin zu Mimik und Gesten festlegt, ist der Konsum von CD oftmals nur die halbe Wahrheit. Beim 1. Streichquartett sollen die Spieler erst mal zu dritt beginnen, der vierte zu spät kommen, aber sich dennoch erst mal ganz lässig eine Kippe anzünden... Solcherlei Scherze mögen für Sauertöpfe Grund genug sein, sich erst gar nicht mit diesem Komponisten zu beschäftigen. Man kann sich aber sicher sein (lies: ich bin mir aber sicher), dass es bei Kagel immer einen doppelten Boden gibt und wenn man den Hohlraum ausleuchtet, warten transzendierende Einsichten und Erkenntnisse, die man sonst nicht so ohne weiteres erlangen kann. Nicht mehr und nicht weniger macht für mich große Kunst aus.

      Mein aktueller Dauerbrenner:


      Playback Play - Radiostück für Tonband und 10 Musiker
      Ensemble Musik Fabrik NRW

      Kagel verarbeitet hier die kakophonischen Eindrücke, die er beim Durchstreifen einer Musikmesse gewonnen hat. Die verschiedenen Schnipsel von hoher Kunstmusik über Jazz bis hin zu billigem Synthie-Pop werden gekonnt kontrapunktiert. Darum herum spielt eine Rahmenhandlung, in der unter anderem die ausführenden Musiker eine Rolle haben (ihre Namen werden am Anfang per Lautsprecher aufgerufen, um sich für ihre Aufführung einzufinden und später ist ihr -gründlich misslungener- Auftritt ein Teil des Hörspiels). Das ist sicher nichts für Verfechter von absoluter Musik, aber solange -und das ist bei Kagel fast immer so- das Programm wiederum von der Musik selbst, ihrer Entstehung, Aufführung, kulturellen Bedeutung und dem ganzen Betrieb drum herum handelt, lasse ich mir das gerne gefallen.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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