Mozarts Serenade G-Dur, KV 525 "Eine kleine Nachtmusik"

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    • Mozarts Serenade G-Dur, KV 525 "Eine kleine Nachtmusik"

      Mozart komponierte seine G-Dur Serenade 1787 für Serenadenquintett (2 Violinen, Viola, Cello und Kontrabass) und versah sie in seinem thematischen Werkverzeichnis mit dem Titel "Eine kleine Nachtmusik".
      Das Manuskript soll in großer Eile niedergeschrieben worden sein, Ort, Zeit und Zweck der Aufführung sind unbekannt. Als weitere Auffälligkeit ist anzumerken, dass dieses Werk ursprünglich füfsätzig war, I. Allegro II. Menuet und Trio III. Romance IV. Menuet und Trio V. Finale, wobei zu einem späteren Zeitpunkt das erste Menuet mit Trio feinsäuberlich aus dem Manuskript herausgetrennt worden sind.

      KV 525 gilt zwischenzeitlich als das bekannteste Werk Mozarts und findet sich in allen möglichen Besetzungsstärken und Bearbeitungen wieder, weshalb ich diese Thread auch unter "Instrumentalmusik" eröffne und nicht unter "Kammermusik", wird es in der original Besetzung doch eher selten aufgeführt.

      Meine Fragen nun an euch:

      Hört der Klassikkenner überhaupt noch diese Serenade?
      Ist sie ein Menschheitswerk, ein Weltkulturerbe oder bloß Rokokokitsch?
      Was haltet ihr ganz allgemein und auch speziell von der kleinen Nachtmusik?

      Und welche Aufnahmen kennt ihr und welche empfehlt ihr?

      Ich persönlich habe mir dieses Werk seit mehr als 10 Jahren wieder einmal angehört und bin dabei zu dem Entschluss gekommen, dass die kleine Nachtmusik als nicht unwesentlicher Teil des abendländischen Kulturkanons einen einen eigenen Thread verdient, den ich hiermit eröffne.

      Beste Grüße
      Uhrwerker
      non serviam
    • RE: Mozarts Serenade G-Dur, KV 525 "Eine kleine Nachtmusik"

      Lieber Uhrwerker,

      es gibt Werke, die man sich nur noch selten anhört, weil man ihrer durch übermäßigen "Konsum" überdrüssig geworden ist, dazu gehört bei mir auch KV 525 sowie Beethovens 5. . Ab und zu möchte ich die kleine Nachtmusik doch mal wieder hören, am liebsten dann in der Aufnahme mit Ferenc Fricsay und den Berliner Philharmonikern, im Augenblick hierdrin erhältlich:



      Fricsay nimmt das Werk ernst, einige mögen sagen, zu ernst, da hier der Serenadenton zugunsten einer Vertiefung der Musik zurückgenommen wurde.

      Gruß Amadé
    • RE: Mozarts Serenade G-Dur, KV 525 "Eine kleine Nachtmusik"

      Lieber Uhrwerker,
      ich danke Dir, dass Du diesen Thread eröffnet hast, denn dieses Werk ist ungeachtet allen Überdrusses meiner Meinung nach (und auch Mozarts eigener, wenn ich richtig informiert bin) ein großes. In der kleinen Besetzung höre ich es daher gerne, wenn auch selten (dies wiederum hat dieselben Gründe, die schon Amadé nannte).
      Kompositorisch ist die kleine Nachtmusik wundervoll, ein wahres klassisches Werk. Gerade so etwas ist nicht leicht zu komponieren, das war auch Mozart bewusst: es erscheint leicht, daher ist es auch ein gefundenes Fressen für jeden Klassik-Einsteiger, ja selbst Leute, die eigentlich gar nichts mit Klassik anfangen können haben doch sehr wahrscheinlich zumindest dieses Werk Mozarts schon einmal gehört (ob ganz oder nur in Ausschnitten). Eigentlich drängt sich hier einmal eine kleine Analyse auf, die ich hoffentlich gelegentlich mal nachreichen kann. Zunächst aber einmal herzlichen Dank. Ich hoffe sehr, dass auch gerade zu einem Werk wie diesem etwas tiefergehende Beiträge folgen werden.

      Herzlich,
      S A T I E
      “A gentleman is someone who can play the accordion, but doesn't.” Tom Waits
    • RE: Mozarts Serenade G-Dur, KV 525 "Eine kleine Nachtmusik"

      Lieber Uhrwerker, lieber Satie,
      ganz bestimmt zählt die "Kleine Nachtmusik" zum "Weltkulturerbe", daran gibt es gar keinen Zweifel. Ich stimme mit Dir, Satie, völlig darin überein, daß es sich um ein großes Werk handelt, auch wenn man das heute kaum noch glauben mag. Groß ist es nämlich durch den knappsten, ökonomischen Einsatz der Mittel - ein Musterbeispiel an klassischer Ausgewogenheit und Formvollendung! Das sieht man sehr deutlich in dem auf ein Minimum reduzierten, schwungvollen Menuett (A-Teil 16 Takte, B-Teil 20 Takte), im Grunde aber auch an allen übrigen Sätzen, wo alles äußerst komprimiert und dabei doch effektvoll gesetzt ist. Man könnte keinen Takt, ja keinen Ton ohne Schaden für das Ganze weglassen. In dieser kaum noch zu übertreffenden Konzentration liegt meines Erachtens die wahre Größe dieses kleinen Werkes!

      Natürlich ist das eine ganz andere Art von Größe als etwa, sagen wir, bei Mozarts letzten Symphonien oder seinen besten Klavierkonzerten und überhaupt vielen seiner Werke, die die formal-strukturellen Qualitäten mit weit größerer Vertiefung und Intensität des Ausdrucks kombinieren und darum bei einem offenenund aufnahmebereiten Hörer dann eben wohl doch den größeren Eindruck hinterlassen ...

      An der Bedeutung des Werks ändert es nichts, daß jeder die "Kleine Nachtmusik" kennt und man sie kaum noch unbefangen hören kann. Obwohl ich ein sehr großer Mozartfreund bin, höre auch ich das Werk nur mehr äußerst selten, wenn sich mal die Gelegenheit ergibt (wo ich es dann aber durchaus genießen kann). Diese gewisse Zurückhaltung hindert mich aber nicht, die hervorragenden Qualitäten dieses Werks anzuerkennen.

      Herzliche Grüße,
      Sarastro
      "Ich hätte das nicht so gemacht!" (Kozeluch zu Mozart über ein Haydn-Quartett). "Ich auch nicht! Und wissen Sie warum? Weil weder Sie noch ich auf diesen Einfall gekommen wären."

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Sarastro ()

    • Hallo Uhrwerker,

      warum nicht ab und zu mal die KLEINE NACHTMUSIK ?
      Das Werk gehörte zu den Schallplatten, die meine Eltern zu meiner Zeit als Kleinkind im Schallplattenschrank hatten, :D die ich in allen Geschwindigkeiten 33,45,78 hörte, wenn ich alleine zu Hause war.

      Heute habe ich eine Aufnahme auf CD - und steinigt mich - aber mir gefällt sie sehr gut, weil diese sehr frisch und fröhlich dieses beliebte Mozart-Meisterwerk angemessen wiedergibt:

      Bei mir in einer anderen DG-Kopplung, aber es ist diese Karajan-Aufnahme.
      Karajan / Berliner Philharmoniker
      DG, 60er, ADD
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Hallo teleton,

      Popularität ist kein Qualitätskriterium kann aber manchmal zum Fluch werden.
      Die kleine Nachtmusik ist m. E. eines der bedeutendsten Werke von Mozart, wenn nicht überhaupt eines der bedeutendsten Werke überhaupt, auf Grund ihres Bekanntheitsgrades und ihrer Popularität neigt der Kenner aber dazu, sie nicht mehr recht wahrzunehmen, was sehr schade ist.

      Und mit Verlaub, wenn man als Klassikfreund von anderen Klassikfreunden dafür gesteinigt werden sollte, weil man die kleine Nachtmusik hört, dann müssen die grundsätzlich etwas falsch verstanden haben.

      Ich jeden Falls habe mir n den letzten Tagen meine drei Aufnahmen (Manze, Harnoncourt, Hogwood) dieser Serenade im Vergleich angehört und dabei festgestellt, dass es bei aller Eingängigkeit und Bekanntheit doch gravierende Unterschiede gibt:
      Die kammermusikalische Interpretation von Hogwood sagt mir von der Besetzung her am besten zu, aber das Salomon-Quartett, das den Löwenanteil dieser Aufnahme trägt, könnte doch direkter und frischer zupacken, irgendwie macht mir diese Aufnahme einen zu bedächtigen Eindruck auf mich.
      Harnoncourt spielt sie mit dem Concentus Musicus für meine Geschmack etwas arg rustikal, so dass mir trotz größerer Besetzung Manzes Einspielung mit dem English Concert am besten zusagt: frisch, direkt und durchaus etwas keck, wobei bei aller Heiterkeit durchaus auch das Ernsthafte immer wieder aufblitzt.

      Und es würde mich sehr freuen, wenn Satie seine kleine Analyse durchführen würde, denn die kleine Nachtmusik ist eigentlich zu schade dafür, dass ihre Popularität ihr zum Fluch wird.

      Beste Grüße
      Uhrwerker
      non serviam
    • Über eine kleine Analyse würde ich mich ebenfalls freuen, wobei dies vielleicht sogar von einem Laien gewagt werden könnte (bitte nicht mich anschauen! :D). Hierin liegt gerade die Genialität des Werks: dass mit äußerster Klarheit der aufs notwendigste reduzierten Mittel eine große Fülle und Reichhaltigkeit auf engstem Raum realisiert wurde.
      Für mich konkurrenzlos ist die Einspielung mit dem Academy of St. Martin-in-the-Fields Chamber Ensemble (1984, Philips) in der originalen Quintett-Besetzung. Die allürenfreie Darbietung wird der Selbstverständlichkeit des Werkes in jeder Sekunde gerecht.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • RE: Kleine Nachtmusik mit Karajan

      Hallo Uhrwerker,

      Und mit Verlaub, wenn man als Klassikfreund von anderen Klassikfreunden dafür gesteinigt werden sollte, weil man die kleine Nachtmusik hört, dann müssen die grundsätzlich etwas falsch verstanden haben.

      Da hast Du Recht, aber ich meinte etwas anderes:

      Herbert von Karajan ist allgemein nicht der große Mozart-Interpret.
      Mit meiner Anspielung - steinigt mich- meinte ich, dass ich trotzdem seine DG-Aufnahme der Kleinen Nachtmusik gut finde und auch keine andere brauche - ich habe nur die Karajan-Aufnahme.
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Liebe Mozartfreunde und solche, die es (noch?) nicht unbedingt sind,

      ich bin zwar kein Fachmann, aber da Dox meint, man könnte es auch als Laie versuchen, so will ich mich mal dran wagen, die "Kleine Nachtmusik" ein wenig unter die Lupe zu nehmen.
      Wer meine dilettantischen Ausführungen anhand einer Partitur überprüfen will und keine zur Hand hat, kann dies hier tun (einfach rechts die Köchelnummer 525 eingeben).
      (Leider ist es wohl nicht möglich, einzelne Ausschnitte hierher zu kopieren, oder? Das wäre natürlich bequemer).

      Der erste Satz ("Allegro"), G-Dur, beginnt mit dem allseits bekannten fanfarenartigen Thema und enthält, wie es in der Einleitung meiner Taschenpartitur (Philharmonia Partituren No. 366) so schön heißt, "alle wesentlichen Teile eines Sonatensatzes, in unvergleichlicher Anordnung und Auswertung auf den kleinsten Umfang zusammengezogen".
      Nach der in Takt 20 einsetzenden Modulation mit einem effektvollen Crescendo (wie eine Reminiszenz an die berühmten "Mannheimer Walzen") setzt in Takt 23 piano ein neues Thema, wie üblich in der Dominante (also D-Dur), ein. Anders als Haydn so gerne und häufig arbeitet Mozart auch hier – bei aller größtmöglichen Ökonomie der Mittel – nicht monothematisch, sondern stellt dem "männlichen" Hauptthema ein "weibliches" Seitenthema gegenüber. Takt 39ff. bringt einen Wechsel von Forte- und Pianopassagen, die Exposition steigert sich zu einem rauschenden Schluß, die letzten beiden Takte (54-55, also vor dem die Wiederholung verlangenden Doppelstrich) sind aber piano – ein wirkungsvoller Kontrast.

      Die Durchführung ist abgesehen davon, daß sie äußerst kurz ist (auch an dem bei Mozart sonst Üblichen gemessen und natürlich nicht etwa an Beethoven), dadurch bemerkenswert, daß in dieser kurzen Zeit mehrere Tonarten berührt werden: Die beiden ersten Takte (56-57) bringen das Hauptthema in der Dominante, also in D-Dur, das ist natürlich nichts Besonderes. Danach (T. 58-59) aber kein leitereigener Dominantseptakkord in Analogie zur Exposition, also nicht g-e-g-e-g-e-cis-e-a – das wäre an dieser Stelle ja langweilig – sondern vielmehr a-fis-a-fis-a-fis-dis-fis-h! Nach diesem gebrochenen Akkord würde man nun eine Fortsetzung in E-Dur oder e-Moll erwarten, aber es geht (T. 60ff.) überraschend weiter in C-Dur, indem nun die Figuren von Takt 35ff. verarbeitet werden. In wenigen Takten vollzieht sich die Überleitung zur Reprise (T. 76ff.), im Unterschied zur Exposition klingt der Satz aber nicht ruhig verhalten, sondern lebhaft und beschwingt aus.

      Der zweite Satz, "Romanze Andante" (C-Dur), repräsentiert die dreiteilige Liedform:
      Teil A1, C-Dur, mit dem eigentlichen Romanzenthema (ich nenne es mal so) ist seinerseits in zwei regelmäßige (und zu wiederholende) Perioden zu je acht Takten gegliedert.
      Teil A2 (Takt 16ff.; der Beginn ist ein Auftakt und fällt darum in denselben Takt wie das Ende von A) bringt ein neues kurzes Thema, das von C-Dur in die Dominante moduliert und eine Takt 21ff. eine kurze Durchführung erlebt, die wieder verschiedene Tonarten berührt. Nach einer fünftaktigen kontrapunktischen (was kaum auffällt) Überleitung kommt wieder, in sich stimmig und organisch passend, die erste Hälfte des A1-Teils mit dem Romanzenthema.
      Hier könnte der Satz zu Ende sein, aber ganz so kurz ist er ja auch nicht. Wie in der Romanze des d-Moll-Klavierkonzerts (KV 466) kommt jetzt ein bewegter Mittelteil, nennen wir ihn B, in Moll (genauer: c-Moll). Gewiß, in KV 466 ist dieser Mittelteil weit dramatischer und expressiver gestaltet, aber in der "Kleinen Nachtmusik" ist nun einmal alles viel komprimierter!
      Nach einer kurzen Rückführung (T. 49-50) geht es in T. 51 wieder zum Hauptteil A1+2. Mit einer stimmungsvollen Coda klingt der Satz leise und verhalten aus.

      Der dritte Satz, "Menuetto Allegretto" (G-Dur), hat wieder so ziemlich die kürzestmögliche Form, die so ein Menuett haben kann. Dem forschen A-Teil mit zwei achttaktigen Perioden steht ein sanfterer B-Teil in der Dominante (8+12 Takte) gegenüber.

      Der vierte Satz, ein sehr spritziges "Rondo Allegro" (G-Dur), kombiniert Rondo- und Sonatenform, d.h. zum eigentlich Rondo- und Hauptthema gibt es wieder in Seitenthema in der Dominante (T. 17ff.), worauf dann sozusagen als Fortsetzung des Seitenthemas wieder das Hauptthema folgt, aber in veränderter Form. Im Unterschied zum Kopfsatz ist der Charakterunterschied zwischen Rondo-/Hauptthema und Nebenthema bewußt weniger markant ausgeprägt.
      In der Durchführung gelangt Mozart auf dem kürzesten Weg (d.h. nach dem Forte d-fis-a c-c-c-c es, T. 57-59) nach Es-Dur, also nicht gerade in nächste Nähe (was aber natürlich gerade den besonderen Reiz ausmacht), wo er immerhin dreizehn(!) Takte lang (60-72) verweilt, dann geht es über mehrere Sequenzen zurück zum Nebenthema (T. 85ff.) und dann zum Hauptthema (T. 101ff.).
      Eine auffallend lange(!) Coda (T. 131-165) führt über eine sehr wirkungsvolle kontrapunktische, aber überhaupt nicht "gelehrt" oder aufgesetzt wirkende Passage (T. 140-153) zum rauschenden, fast ekstatischen Höhepunkt.

      Ich muß ja zugeben, daß mich die übergroße Popularität der Kleinen Nachtmusik und ihre offenkundige (scheinbare?) "Einfachheit" seit Jahren etwas abgeschreckt hatte (im Gegensatz etwa zur Zauberflöte, die ja auch sehr populär ist, die für mich aber nie ihren Zauber verloren hat, im Gegenteil!) und ich, nachdem wir sie seinerzeit in der Schule im Detail durchgenommen hatten, irgendwann anfing, darüber die Nase zu rümpfen ("classic for millions"). Wenn ich genauer darüber nachdenke, und dieser Faden hat mich dazu angeregt (danke, Uhrwerker!), wird mir aber klar – und als Mozartfreund habe ich es da sicher leichter als jemand, dem dieser Komponist wenig(er) bedeutet – daß diese Vorbehalte mehr an der immensen Popularität liegen als am Werk selbst.
      Natürlich gibt es Werke von Mozart, die mich auf ihre Weise – als Ganzes oder über weite Strecken - unendlich viel tiefer berühren als die "Kleine Nachtmusik". KV 525 ist eben Unterhaltungsmusik, aber auf höchstem Niveau, das muß klar sein. Wie es Dox oben formuliert hat (und wie es schon noch weiter oben mit anderen Worten festgestellt wurde), liegt die Genialität dieses Werkes aber darin, "dass mit äußerster Klarheit der aufs notwendigste reduzierten Mittel eine große Fülle und Reichhaltigkeit auf engstem Raum realisiert wurde".

      Herzliche Grüße,
      Sarastro
      "Ich hätte das nicht so gemacht!" (Kozeluch zu Mozart über ein Haydn-Quartett). "Ich auch nicht! Und wissen Sie warum? Weil weder Sie noch ich auf diesen Einfall gekommen wären."

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Sarastro ()

    • Hallo Sarastro!

      der Unterhaltungsaspekt ist m. E. für Musik des 18. Jhdts eher ein positiver, denn nagativer Aspekt, war doch allein schon die komplette weltliche Barockmusik nur Unterhaltung und die geistliche zum großen Teil auch.
      Aber um jetzt konkret auf die Nachtmusik zu sprechen zu kommen, vom Manuskript her ist sie ja eigentlich ein Torso, wird aber nicht so wahrgenommen, da sie durch den fehlenden 2. Satz gleichsam den formalen Aufbau einer Sinfonie erhält.
      Es fragt sich jetzt bloß, wer hat das erste Menuet aus der Handschrift herausgetrennt? Mozart selbst? Seine Erben? Und wo ist es hingekommen?
      Die Fragen sind mangels Beantwortungsmöglichkeiten eher rhetorisch gestellt, nichtsdestotrotz wäre es aber interessant, wie die Musikwissenschaft dazu steht.

      Beste Grüße
      Uhrwerker
      non serviam
    • Hallo Uhrwerker,
      "Unterhaltung" war auch keiner Weise irgendwie negativ von mir gemeint, und daß das im 18. Jahrhundert ein insgesamt positiv bewerteter Aspekt war, ist zweifellos richtig!

      Hier ist ein Link zu einer Befragung des Würzburger Musikwissenschaftlers und Mozartexperten Ulrich Konrad:zeit.de/2006/02/M-Nachtmusik?page=1
      Ich möchte ihm da ohne weiters zustimmen.

      Schöne Grüße,
      Sarastro

      PS. Ich werde zuhause mal nachschauen, ob ich zu der Frage, was mit dem gestrichenen Menuett geworden ist, etwas finden kann.
      "Ich hätte das nicht so gemacht!" (Kozeluch zu Mozart über ein Haydn-Quartett). "Ich auch nicht! Und wissen Sie warum? Weil weder Sie noch ich auf diesen Einfall gekommen wären."
    • Original von Uhrwerker

      Es fragt sich jetzt bloß, wer hat das erste Menuet aus der Handschrift herausgetrennt? Mozart selbst? Seine Erben? Und wo ist es hingekommen?
      Die Fragen sind mangels Beantwortungsmöglichkeiten eher rhetorisch gestellt, nichtsdestotrotz wäre es aber interessant, wie die Musikwissenschaft dazu steht.


      Lieber Uhrwerker,
      ich habe jetzt etwas gefunden, was ein wenig zur Klärung dieser Frage beiträgt:
      Konrad Küster, Mozart. Eine musikalische Biographie, Stuttgart 1990 (ich zitierte nach der zweiten Auflage 1991), 31. Kapitel "Eine Romanze und ihre Umgebung. Eine kleine Nachtmusik KV 525", 292-296, besonders 292-293, hält es für unwahrscheinlich, daß das verlorene Blatt 3 (Mozart hat die Blätter eigenhändig durchnumeriert!) aus dem Gesamtautograph herausgetrennt wurde, eher seien die Einzelteile des Manuskripts vom Komponisten nicht ausreichend gesichert worden.

      Da Mozart neben Papierbögen (Doppelblättern) auch Einzelblätter verwendet hat, ist das Blatt mit dem ersten Menuett anscheinend, wie Küster plausibel meint, "schlicht verloren gegangen" (S. 293).
      Die folgende Übersicht, die ich auf Grund der Angaben Küsters angefertigt habe, soll die Situation verdeutlichen:
      Blatt 1-2 = 1 Papierbogen, 1. Satz, Allegro
      [Blatt 3, = 1 Einzelblatt, ursprünglich 2. Satz, Menuett I, verloren]
      Blatt 4-5 = 1 Papierbogen, (ursprünglich 3. Satz,) heute 2. Satz, Romanze Andante
      Blatt 6-8 = 3 Einzelblätter, (ursprünglich 4. und 5. Satz,) heute 3. und 4. Satz Menuett (II)/ Rondo Allegro

      Beste Grüße,
      Sarastro
      "Ich hätte das nicht so gemacht!" (Kozeluch zu Mozart über ein Haydn-Quartett). "Ich auch nicht! Und wissen Sie warum? Weil weder Sie noch ich auf diesen Einfall gekommen wären."

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Sarastro ()

    • Hallo Sarastro!

      Danke für deine Mühe, mein Wissensstand war nämlich bis dato der, dass der zweite Satz feinsäuberlich herausgetrennt worden sein sollte.
      Und wenn man davon ausgeht, dass dieser Satz von der gleichen Qualität, wie die letzten drei war, dann ist da der Welt etwas verloren gegangen.

      Beste Grüße
      Uhrwerker
      non serviam
    • Original von Sarastro
      Liebe Mozartfreunde und solche, die es (noch?) nicht unbedingt sind,

      ich bin zwar kein Fachmann, aber da Dox meint, man könnte es auch als Laie versuchen, so will ich mich mal dran wagen, die "Kleine Nachtmusik" ein wenig unter die Lupe zu nehmen.


      Lieber Sarastro,

      vielen Dank für deine alles andere als dilletantischen (sag ich jetzt mal von Laie zu Laie) Ausführungen zum formalen und harmonischen Bau des Werkes.

      Jetzt suche ich noch eine(n) Freiwillige(n) die/der (-ist das anstrengend, geschlechtspolitisch korrekt zu sein!-) sich den thematischen Verwandtschaften, auch über die Sätze hinweg annimmt (Also etwa: "der Auftakt des Hauptthemas im Allegro taucht in der Begleitfigur des Mittelteils im Andante mit verdoppelten Notenwerten wieder auf"). Es macht m.E. den besonderen Reiz der KNM aus, dass man das hier so unmissverhörlich serviert bekommt. Ich biete an, aus der formal-harmonischen Analyse von Sarastro und der gesuchten thematischen Analyse einen dritten Teil abzuleiten, der die esoterische Werkidee enthüllt. :D
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Zu dem fehlenden 2. Satz weiß das Vorwort der Henle-Ausgabe folgendes zu berichten:

      Im eigenhändig von Mozart geführten Werkverzeichnis findet sich unter dem 10. August 1787, samt Incipit des Kopfsatzes, folgender Eintrag: "Eine kleine NachtMusick, bestehend in einem Allegro, Menuett und Trio. - Romance, Menuett und Trio, und finale - 2 Violini, Viola e Baßi".


      (...) denn das im eigenhändigen Werkverzeichnis zwischen "Allegro" und "Romance" genannte erste "Menuett und Trio"-Paar gilt seit jeher als verschollen. Es muss aber existiert haben, denn im erhalten gebliebenen und von Mozart durchgehend folierten Autograph fehlt Blatt 3, auf dem sicher dieser Satz notiert war. Die Blätter 1 und 2 bilden nämlich das Eröffnungs-Allegro, die Blätter 4 und 5 die Romance, Blatt 6r das (zweite) Menuett-Trio-Paar und die Blätter 6v bis 8v schließlich das Rondo.


      Auch interessant:

      Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass ein separat überliefertes Fragment eines Larghetto in C-dur im 3/4 existiert (16 Takte nur Violine 1, autographe Instrumentenbezeichnung und identisches Papier wie bei KV 525), das sicherlich den ersten Anlauf für den langsamen Satz darstellt (...)





      LG,
      Hosenrolle1
    • Uhrwerker schrieb:

      Popularität ist kein Qualitätskriterium kann aber manchmal zum Fluch werden.

      Die kleine Nachtmusik ist m. E. eines der bedeutendsten Werke von Mozart, wenn nicht überhaupt eines der bedeutendsten Werke überhaupt, auf Grund ihres Bekanntheitsgrades und ihrer Popularität neigt der Kenner aber dazu, sie nicht mehr recht wahrzunehmen, was sehr schade ist.
      Ich stimme dir absolut zu. Vielleicht ist genau hier die Idee von Leopold, "ohnmusikalisches" und Kenner unter einen Hut zu bringen, umgesetzt?
    • Die "Kleine Nachtmusik" war wie kaum ein anderes Stück verantwortlich für meine Liebe zur klassischen Musik. In den 1950ern habe ich sie bei einem Onkel unermüdlich gehört und genossen, und noch heute gehört sie zu meinen unverzichtbaren Lieblingsstücken, auch wenn ich sie natürlich jetzt nicht mehr so oft auflege - einfach weil es auch noch andere wunderbare Musik gibt. Aber die "Kleine Nachtmusik" bleibt trotzdem etwas Besonderes. Dabei kann ich nicht einmal eine Favorit-Einspielung nennen. Sie klingt sogar dann sehr gut, wenn sie nicht erstklassig interpretiert wird.
    • Meine Güte, auf welche Wege das 'Klassikforum' einen dann letztlich doch bringen kann. :D

      Es gibt so einige Musikstücke, um die ich, 'dank' ihrer Popularität immer einen weiten Bogen gemacht habe. Holst: Planeten, Bruch: Violinkonzert, Beethoven: Für Elise (seit den 70igern, als es aus einer zeittypischen Spieluhr ständig erklang, nicht mehr gehört). Und eben auch die 'Nachtmusik', von der ich allerdings nur den 1. Satz kannte. (Wie wohl die meisten.)

      Und nun lese ich diese Thread und denke: Ups, ist da vielleicht doch was dran? In meine gar nicht mal so spärlich bestückte CD-Sammlung musste ich nicht erst schauen. Ich habe (naturgemäß, weil s.o.) keine Aufnahme des Stücks. Also habe ich mir Fricsay auf YouTube angehört. Und denke: Mist, was ist mir da entgangen. Der Fluch der Popularität.

      Was für eine wunderbare, scheinbar schlichte Musik. Wie natürlich, quasi zwangsläufig läuft es ab. Ich will es gar nicht analysieren und kann es auch nicht. Aber für mich klingt es wie bester Mozart mit dieser Selbstverständlichkeit, dieser Leichtigkeit, dieser Zwangsläufigkeit. Welch eine Freude!

      Aber vielleicht liegt auch gerade darin diese unglaubliche Popularität. (Man muss bei Google nur 'Mozart ei' eingeben, schon ist es da.) Was mir schon fehlt, ist die Tiefe, auch das unterschwellig Sperrige, das Mozarts Musik so oft auszeichnet. Die Verbindung zwischen der 'Nachtmusik' und einer 'Mozartkugel' ist doch sehr leicht herstellbar. Oder liegt es daran, dass ich noch nicht die richtige Interpretation gehört habe? (Manze habe ich übrigens gleich danach auch noch gehört.)

      Aber muss die 'Tiefe' immer da sein? Reicht es nicht, dass man ein wunderbar komponiertes Musikstück hört, das einfach nur Freude macht wegen der scheinbaren Leichtigkeit und Stimmigkeit der Komposition.

      Eine Frage in unserem 'Sinfoniker-Zirkel' war vor kurzem, ob es reine Freude oder Glück in der Musik gäbe, ob Musik sie ausdrücken könne. Ich habe dieser Idee vehement zugestimmt. Aber unabhängig davon, gibt es sie mit Sicherheit als Hörerlebnis. Und ich muss gestehen, die 'kleine Nachtmusik' gehört für mich nun auch dazu.

      :hello Falstaff
    • Und dann habe ich glatt doch noch eine Version in den Tiefen meiner CD-Regale entdeckt.



      Ich mag ja den Furtwänglerischen Mozart. Das ist so eine seltsame Mischung. Einerseits lässt er die Musik wunderbar fließen, andererseits verweigert er sich der Leichtigkeit des damals vorherrschenden 'Wiener'-Klangs, gibt ihr Schwere und Bedeutung und hellt sie trotzdem auf. Immer ist ein doch leicht verstörender Unterton zu spüren. Das ist festlich und angenehm, und trotzdem ist da mehr. Natürlich weit von HIP etc. von heute entfernt (die Aufnahme ist von 1949), aber nichts desto trotz, da ist etwas, was gegen den Strich geht, der damals üblich war.

      :hello Falstaff
    • "Böse Zungen" bringen folgende zeitlichen Zusammenhänge aufs Tapet (alles 1787):

      Im Mai 1787 stirbt Leopold Mozart, das Verhältnis Wolfgangs zu ihm war zwar grundsätzlich freundschaftlich, fachlich aber oft kontrovers (Leopold z.B. anerkannte den Mannheimer Abbé Vogler als guten Komponisten, während Wolfgang dies weniger tat).

      Wolfgang bezeichnet ihn in einem Brief von 1777 als „eder [öder] musikalischer spaß-macher. ein Mensch der sich recht viel einbildet und nicht viell kann“.

      Im weiteren Verlauf von 1787 (Eintragung im eigenhändigen Werkverzeichnis bereits im Juni 1787) entsteht das "Dorfmusikanten-Sextett" (K 522), wenig später die "Kleine Nachtmusik" (K 525).

      Die zeitliche Nähe zum Tod des Vaters führte bei den og. "bösen Zungen" nun zur Spekulation: Das Dorfmusikanten-Sextett charakterisiert die Welt des Vaters, Salzburgs, des "elenden Nests". In dieser Umgebung ("Dorfmusikanten") entstehen halt solche Werke.

      Wie es richtig gehen soll, zeigt dann die "Kleine Nachtmusik".

      Mir hat diese verwegene Spekulation gut gefallen, auch wenn es keine Belege dafür gibt. :)
      --
      "Seine Arbeit ist genial! Nur hie und da... nur hie und da, so schien es mir..." - "Was meinen Eure Majestät?" - "Rosenberg, wie drückt man das aus?" - "Zu viele Noten, Majestät!" - "Exakt! Glänzend formuliert!"
      (Aus "Amadeus")