John Cage - Concert for Piano and Orchestra (1957/58)

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    • John Cage - Concert for Piano and Orchestra (1957/58)

      Das einzig Konsistente in diesem Stück war, dass ich nicht konsistent zu sein brauchte. John Milton Cage Jr. (5. Sep 1912 - 12. Aug. 1992)

      Mit dem Concert for Piano and Orchestra wird die Nichtdeterminiertheit in der Musik auf einen künstlerischen Höhepunkt geführt. Nichtdeterminiertheit heißt zunächst ganz allgemein, dass ein Stück bei jeder Aufführung anders klingt. Es gibt verschiedene Wege um dies zu erreichen. Bereits vor Cage bediente man sich der graphischen Notation, die zusätzlich zu oder anstelle von herkömmlichen Elementen der Notenschrift Symbole und Texte verwendet. Die Symbole können z.B. durch Spielanweisungen näher erklärt sein oder aber ohne jegliche Erläuterungen belassen werden. Dadurch erhalten Interpreten gewisse Freiheiten bei der Ausführung, im Extremfall gibt es lediglich Anweisungen zur freien Improvisation. Als erstes gänzlich graphisches Werk seit den Neumen des Mittelalters gilt die Komposition December 1952 von Earle Brown. Einen anderen Weg ging Karl Heinz Stockhausen, der sein Klavierstück XI in 19 Abschnitte unterteilte, die in jeder beliebigen Reihenfolge gespielt werden können. Am Ende eines Abschnitts werden die Spielanweisungen für den nachfolgenden festgelegt, wodurch ein Abschnitt abhängig von der Reihenfolge immer anders erklingt. Cage selbst hatte durch die Verwendung des Radios in Kompositionen wie Imaginary Landscape Nr. 4 dafür gesorgt, dass keine genaue Vorhersage, dessen was zu hören sein wird, möglich ist. Nicht zu verwechseln ist die Indeterminiertheit mit Zufallsoperationen, die bei der Komposition angewandt werden. Das Concert verwendet beide Methoden gemeinsam, indem Nichtdeterminierte Materialien durch Zufallsoperationen erzeugt werden. Die Absage an den Komponistenwillen, die Freiheiten für die Interpreten und die Hörer (von der Vorgabe, ein Stück nur auf eine bestimmte Weise zu spielen bzw. zu hören) und das Vertrauen auf die Ästhetik des Zufalls (die Schönheit dessen, was sich ereignen mag) werden im Concert in aller Konsequenz umgesetzt.

      Kernstück des Concert ist das Solo für Piano, ein Buch aus 63 Blättern, in dem laut Cage 84 unterschiedliche Kompositions- und Notationstechniken zum Einsatz kommen. Einige Teile sind rein graphisch notiert, andere basieren auf einer modifizierten Notenschrift. Das Buch kann ganz oder teilweise in einer beliebigen vom Interpreten festgelegten Reihenfolge aufgeführt werden. Zu dem Solo für Piano gesellen sich 13 unabhängige Einzelstimmen für 3 Violinen, 2 Bratschen, Cello, Kontrabass, Alt- oder Piccoloflöte, Klarinette, Fagott oder Baritonsaxophon, Trompete, Posaune und Tuba. Eine gemeinsame Partitur gibt es nicht, jeder Part wird individuell und unabhängig von den anderen realisiert. Die Auswahl und Kombination der Begleitstimmen ist der Entscheidung der Interpreten überlassen, das heißt, das Stück kann als reines Klaviersolo, als Duo oder ohne den Klavierpart als Orchesterstück aufgeführt werden. Auch Realisierungen für z.B. Flöte Solo oder Streichquartett sind denkbar. Sogar die gleichzeitige Aufführung mit anderen indeterminierten Kompositionen von Cage ist möglich. Bei der Ausgestaltung der Stimmen wurde versucht, das größtmögliche Spektrum von Klängen abzudecken. Zu konventionellen und unkonventionellen Spieltechniken kommen erweiterte Möglichkeiten der Klang- und Geräuscherzeugung, bis hin zur Demontage der Instrumente. Als ob dies nicht genug der Unbestimmtheit wäre, komponierte Cage noch einen unabhängigen Part für den Dirigenten. Die bei der Ausarbeitung der Einzelstimmen durch den Interpreten festgelegten Einsatzzeiten und Dauern werden nochmals einer unvorgesehenen Wandlung unterzogen, indem der Dirigent, der als eine Art menschliche Uhr fungiert, ein flexibles Zeitmaß festlegt.

      Das Concert for Piano und Orchestra wurde am 15 Mai 1958 in der New Yorker Town Hall mit David Tudor am Piano und Cages Freund Merce Cunningham als Dirigent uraufgeführt. Das Konzert fand im Rahmen einer 25 Jahre Cage Werkschau statt, die bezeichnenderweise von einem Jazzproduzenten organisiert wurde. Das Publikum bestand zum überwiegenden Teil aus bildenden Künstlern, dann Tänzern und nur einer Minderheit von Vertretern der klassischen Musik. Die Reaktionen reichten von lautstark zum Ausdruck gebrachtem Unmut bis zu wohlwollender Unterstützung, wobei sich das Publikum mit der Zeit in zwei Lager spaltete. Ein anwesender Zeuge der Uraufführung von Stravinskis Sacre im Jahre 1913 meinte, dass es seinerzeit genau so viel Hohn und Spott aber auch weniger Beifall gegeben hatte. Skandalöser geriet die europäische Uraufführung in Köln. Die Musiker wussten mit der gebotenen Freiheit nichts anderes anzufangen, als in Infantilismus zu verfallen.

      Cage wehrte sich stets dagegen, dass Musik (nicht nur seine, sondern jede) verstanden werden soll. Er sah darin die Gefahr, dass die Kunst von Leben getrennt wird, anstatt zu helfen, jemandem mit dem Leben, das er führt, besser bekannt zu machen. Dennoch ist das Verständnis für die Hintergründe der Komposition des Concert sicher hilfreich, um einen Zugang zu dieser Musik zu finden.
      Die Idee einer vollkommen zufallsgesteuerten Musik war als Gegenpol des Serialismus, bei dem alle Parameter einer Komposition durch die Reihenbildung determiniert waren, logisch und notwendig. Ebenso war die massenhafte Verbreitung von Tonträgern, die zu dem Glauben führte, man könne ein Musikstück besitzen, ein Anlass, um so radikal auf die prinzipielle Unwiederholbarkeit einer Aufführung hinzuarbeiten. Cage musste einmal erleben, wie Zuhörer die Aufführung eines vom Komponisten selbst dirigierten Werkes von Stravinsky kritisierten, weil es nicht so klang, wie sie es von ihrer Schallplattenaufnahme gewohnt waren.
      Ein wirklich tieferes Verständnis erwächst vor allem vor dem Hintergrund von Cages Studium des Zen-Buddhismus bei Daitez T. Suzuki (1870 - 1966). Als praktisch orientierte Variante des Buddhismus, sucht Zen den Zugang zur Allgegenwart in der ungehinderten Wahrnehmung der Dinge. Diese wird meist durch den wertenden Geist verstellt, der versucht, das Leben zu zwingen, mit einem abstrakten Begriff von Leben übereinzustimmen. Ungehindertheit ist, wenn man sieht, dass im gesamten Raum jedes Ding und jedes menschliche Wesen im Zentrum steht. Begriff und Realität werden als verschiedene Dinge gesehen und es ist ein unnötiger Umweg, über das begriffliche Denken den Weg zur Realität und zum eigenen Leben zu finden. In der Musik macht Cage die Harmonielehre als Pendant des begrifflichen Denkens aus und sieht in ihr eine erzwungene abstrakte Beziehung, die das wahre Wesen der darunter gefassten Klänge verdeckt.
      Vor diesen Hintergründen ist die Unabhängigkeit der einzelnen Solostimmen im Concert nur konsequent. Ebenso wird verständlich, warum es dem Zufall überlassen wird, ob das Resultat harmonisch oder schön ist. Das Concert soll wirken wie die Natur, etwa wie das, was bei einem Spaziergang im Wald oder entlang einer befahrenen Strasse zu hören ist. Es ist typisch, dass Cage hier keine Unterscheidung vornimmt und Strassengeräusche der Natur zurechnet, ebenso wie natürliche Klänge von Instrumenten und Geräusche in seinem Werk gleichwertig nebeneinander stehen. Es gibt keinen Punkt, von dem aus sich beurteilen ließe, auf welche Bereiche des Lebens man sich konzentrieren und welche man außer Acht lassen soll. Es gibt kein übriges Leben. Cage fordert die Wahrnehmung dessen was ist, in diesem Augenblick und er hilft uns, indem er sich der Erfüllung irgendwelcher wie auch immer gearteten Erwatungen widersetzt. Ohne Bevorzugung von etwas ist alles, auf das wir stoßen, genau passend.
      Letztlich bleibt jeglicher Versuch, in das Concert eine Bedeutung hinein zu interpretieren kontraproduktiv, in dem Sinne wie das Reden über Zen, -etwas das Begrifflichkeit negiert- in sich paradox ist. Lassen wir deshalb Cage das letzte Wort: Ich will nicht, dass es etwas bedeutet. Ich will, dass es etwas ist.

      Die John Cage Database listet 5 Aufnahmen des Concert:
      - David Tudor, Ensemble Merce Cunningham; Wergo 6247-2, 1958 (Mitschnitt der Uraufführung)
      - Burkhard Wissemann, Ensemble Musica Negativa, Rainer Riehn; EMI Classics 2344542, 1971 (simultan mit Solo for Voice 1 und 2)
      - David Tudor, Ensemble Modern, Ingo Metzmacher; Mode 57, 1992 (live)
      - Joseph Kubera, The Orchestra of the S.E.M. Ensemble, Peter Kotik; Wergo 6216-2, 1992
      - The Barton Workshop; Etcetera KTC 3002, 1992 (ohne Violinen und Bratschen)
      Daneben existieren etliche Einspielungen als Solo für Piano und von anderen Versionen, vor allem Solo-Aufnahmen für diverse Instrumente (Flöte, Posaune, Cello, Baritonsaxophon, Trompete) und Duos (Piano/Kontrabass, Piano/Fagott, Flöte/Viola).

      In meinem Regal befinden sich (ich wage nicht zu schreiben, dass ich sie besitze) die Aufnahmen mit Tudor/Cunningham, Tudor/Metzmacher und Kubera/Kotik.
      Bei der Uraufführung von 1958 glaube ich die avantgarditische Aufbruchstimmung, die Lust am radikalen Experimentieren und die Freude am Chaos deutlich zu hören. Einen völlig anderen Weg geht Ingo Metzmacher bei der 34 Jahre später mit dem gleichen Pianisten entstanden Aufnahme. Das klingt sehr geglättet und oft regelrecht klangschön, radikale Ausbrüche findet man selten. Auch dies ist eine Möglichkeit die Freiheiten zu nutzen und es wäre letztlich gegen Cages Philosophie, die Aufnahme deswegen abzulehnen. Irgendwo dazwischen liegt die sehr ernst wirkende Realiserung von Kubera/Kotik. Mein in einem Bündel von Vorlieben und Abneigungen gefangener Geist klassifiziert diese Einspielung als absolute Lieblingsaufnahme. Wer es objektiver beschrieben haben will: Sie ist.

      Alle kursiven Cage-Ziate wurden in dem Buch: David Revill, Tosende Stille, List Verlag (1995) gefunden.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • RE: John Cage - Concert for Piano and Orchestra (1957/58)

      Lieber Dox,

      herzlichen Dank für diesen schönen Cage-Thread!
      Deiner Einleitung kann man gar nicht mehr viel zufügen, nur vielleicht ein paar Details:

      der Titel "Concert for piano and orchestra", das fällt einem vielleicht gar nicht gleich auf, kann zwar mit "Klavierkonzert" übersetzt werden, aber im englischen müsste es dann ein "Concerto" sein, denn ein "Concert" bedeutet eher so etwas wie den Anlass (etwa ein "Symphoniekonzert"), nicht die Gattung. Damit ist also im Titel schon angelegt, dass Piano und Orchester hier zusammenkommen, aber nicht um zu konzertieren im musikalisch-formalen Sinn, sondern sie kommen eher wie Gäste zu einem Musikkonzert. Folglich kann das Klavier eben auch problemlos fehlen...

      Das Stück stammt aus jener Zeit, in der Cage sich gerade wirklich voll und ganz dem Zufall verschrieben hatte. Es zeigt Cages zu jener Zeit entwickelte Techniken wie in einem Lexikon versammelt. Die Partitur selber ist ein grafisches Abenteuer, welches man sich mit Genuss auch als Nichtmusiker ansehen kann. Cage war seit je her ein wunderbarer Notenkalligraph gewesen. Später sah er darin ein Problem, denn diese persönliche Handschrift passte nicht so recht zu einer Philosophie der Selbst-Losigkeit. Später, als er eine eher an konventionelle Notation angelehnte Schreibweise benutzte, löste er das Problem damit, dass ein Notensetzer die Stücke ins Reine schrieb.

      Der Part des Dirigenten ist übrigens ebenfalls eine eigene Stimme. Er dirigiert auch nicht, sondern fungiert als eine Art Uhr (er gibt also weder Einsätze noch sonst was, sondern bewegt nur die Arme, damit man sich zeitlich an ihm orientieren kann. Man kann aber auch diesen Dirigenten konsequenterweise weglassen.
      Dem Werk waren vor allem Solostücke vorausgegangen, die benefalls miteinander kombiniert werden können, etwa

      27'10.554" For a Percussionist
      26'1.1499" For a String Player
      31'57.9864" for a Pianist
      1' ½" For a String Player
      1' 14" For a String Player
      1' 18" For a String Player
      1' 5½" For a String Player
      57½" For a String Player
      59½" For a String Player

      Man sieht bei diesen Stücktiteln schon, dass es einen Zeitplan gab, der das Stück dann eigentlich bestimmte. Beim Concert kann ein solcher von den Ausführenden selber geschaffen werden, oder man nimmt ein anderes Stück, welches den Zeitrahmen bestimmt.
      Eines muss allerdngs ganz deutlich gesagt werden: wer denkt, man könne in Cages Stücken tun und lassen, was man will, der irrt sich ganz gewaltig. Gerade die oben erwähnten Zeitstücke sind auf Sekundenbruchteile genau notiert, nur nicht in einer normalen Notation. Die Stücke für String Player etwa sind so genau geschrieben wie nichts mir bekanntes: für jede einzelne Saite gibt es ein eigenes System, in dem jeweils der genaue Druck auf die Saite, der Winkel, in dem der Bogen dazu stehen soll etc. aufgezeichnet sind. Dass man das nur mit einer grafischen Notation kann, wird einleuchten (sonst müsste man so notieren wie etwa Bo Nilsson in seinen "Quantitäten" für Klavier, wo es z.B. Werte für die Dynamik gibt, die zwischen 1 und 10 liegen, jeweils noch mit 0,5er-Schritten oder gar noch extremer, daran erinnere ich mich nicht mehr so genau).

      Das Concert versucht nun, genau solche Einzelstücke unter einem Dach zu vereinen. Warum Cage nicht normal notierte hat übrigens durchaus Gründe, die man lange diskutieren könnte. Wer sich einmal intensiv mit ihm befasst, wird feststellen, dass er unter anderem große Probleme damit hatte, für Orchester zu schreiben (erst viel später hat er es gewagt, z.B. in den "Quartets", das Orchester eher in Richtung eines Klangkörpers aufzufassen). Er hatte 1947 ein Stück namens "The Seasons" geschrieben (ich hatte darüber meine Abschlussanalyse gemacht), und er war völlig überfordert damit, weshalb ihm Virgil Thompson und Lou Harrison ziemlich unter die Arme griffen. Das Resultat war nicht befriedigend. Ähnlich erging es ihm mit dem, allerdings viel kleiner besetzten Concerto for Prepared Piano and Chamber Orchestra.
      Cage musste 10 Jahre vergehen lassen, bevor er sich, im Concert for Piano and Orchestra, wieder einen so großen Apparat vornehmen konnte, auf eine viel unverfänglichere Weise.
      Übrigens gibt es später bei ihm noch viel komplexere Häufungen unabhängiger Individuen, etwa in seinem Riesenwerk HPSCHD oder im Musicircus, wo gleich ganze Häuser mit eunheimlich vielen verschiedenen Dingen beschallt werden.

      Ich muss gestehen, dass mir heute Cages Stücke aus dieser Phase weniger gefallen, ich mich aber live ihnen immer wieder gerne hingebe, mich gerne überraschen lasse. Aufnahmen, die ja eigentlich von Cage überhaupt nicht geschätzt wurden, sind da weniger geeignet.
      Wenn man sich näher mit den Stücken befasst, sind sie auf jeden Fall faszinierend. Hören kann man sie aber nur, wenn man sich voll drauf einlässt, seine "Tasse vorher leert", wie irgend ein Zenmeister einmal sagte. Und was vielleicht viel wichtiger ist: man muss ein gewisses Quantum Humor mitbringen. Cage lachte gern und viel und liess sich am liebsten selber von "seinen" Stücken überraschen. Er war einmal bei einer Bekannten eingeladen, die ihm eine Aufnahme eines seiner eigenen Stücke vorspielte, ihm aber dies nicht explizit ankündigte. Cage hörte interessiert zu und fragte: "Es klingt hübsch. Von wem ist es?"



      Herzlich,
      S A T I E
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • RE: John Cage - Concert for Piano and Orchestra (1957/58)

      Lieber Satie,

      vielen Dank für deine kenntnisreichen Ergänzungen.

      Original von Satie
      Das Stück stammt aus jener Zeit, in der Cage sich gerade wirklich voll und ganz dem Zufall verschrieben hatte. Es zeigt Cages zu jener Zeit entwickelte Techniken wie in einem Lexikon versammelt. Die Partitur selber ist ein grafisches Abenteuer, welches man sich mit Genuss auch als Nichtmusiker ansehen kann.


      Mittels Standardsuche war im Netz leider nichts dazu aufzutreiben. Jetzt habe ich hier doch noch ein Besipiel gefunden. Der ganze Artikel (eine Cage-Kurzbiographie) ist sehr sehens- und lesenwert, weil er die Unmöglichkeit schafft, dem Komponisten auf nur 2 Seiten einigermaßen gerecht zu werden.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Lieber Richard,

      unter dem Vorbehalt, dass Empfehlungen von Aufnahmen allen Intentionen des Concerts zuwiderlaufen, empfehle ich die Aufnahme mit David Tudor und dem Ensemble Modern / Ingo Metzmacher wegen des hochkarätigen Begleitprogramms:
      Das unbedingt hörenswerte Concerto for Prepared Piano and Chamber Orchestra wurde hier mit einer sehr warmen Klangästhetik realisiert.
      Fourteen, eines der zum Spätwerk von Cage gehörenden Number Pieces, ist -befreit von jeglichem philosophisch-theoretischen Ballast- Klang gewordenes transzendiertes Zen.
      Dazu kommt der sehr tiefe Einsichten in das Cagesche Werk vermittelnde Begleittext von Stephen Drury, dem Pianisten der beiden genannten Aufnahmen.

      :hello Jochen

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • ...Aufnahmen des Concert:
      - David Tudor, Ensemble Merce Cunningham; Wergo 6247-2, 1958 (Mitschnitt der Uraufführung)
      - Burkhard Wissemann, Ensemble Musica Negativa, Rainer Riehn; EMI Classics 2344542, 1971 (simultan mit Solo for Voice 1 und 2)
      - David Tudor, Ensemble Modern, Ingo Metzmacher; Mode 57, 1992 (live)
      - Joseph Kubera, The Orchestra of the S.E.M. Ensemble, Peter Kotik; Wergo 6216-2, 1992
      - The Barton Workshop; Etcetera KTC 3002, 1992 (ohne Violinen und Bratschen)
      Mittlerweile ist die Diskographie des Concert um ein weiteres Exemplar angewachsen. Der hochgehandelte Kontrabassist Stefano Scodanibbio hat das Werk mit Fabrizio Ottaviucci am Klavier und einem Ensemble mit Posaune, Geige, Flöte, Cello, Kontrabass und Percussionsgruppe eingespielt. Näheres zu dieser hier sehr gelobten Aufnahme, die ein spannendes Rahmenprogramm (u.a. Dream und Ryoanji) bietet, findet sich auf der Labelseite.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Na sowas! Da ist mir doch glatt seit 3 Jahren eine Neuaufnahme entgangen, die so klammheimlich veröffentlicht wurde, dass nicht einmal die enzyklopädische Datenbank des John Cage Trust aktualisiert wurde. Wie schon anno 1992 bei Wergo bilden Joseph Kubera und Petr Kotik das Tandem aus Solist und Dirigent. Die Orchesterstimmen übernimmt die Ostravská Banda, ein US-Europäisches Ensemble, das sich ganz der Neuen Musik verschrieben hat. Neben einigen wenigen Altvorderen des letzen Jahrtausends, namentlich John Cage, Morton Feldman, György Ligeti, Luigi Nono, Edgard Varése und Iannis Xenakis, werden bekannte Zeitgenossen wie u.a. Louis Andriessen, Elliot Carter, Alvin Lucier, Christian Wolff, Salvatore Sciarrino und Wolfgang Rihm aufgeführt, sonst kümmert man sich vor allem um junge aufstrebende Komponisten. Das hilft freilich nichts, wenn man das so mies vermarktet, dass nicht mal enthusiatische Anhänger des Hauptwerks etwas von dieser CD erfahren. Die lohnt sich allemal, denn es findet sich hier einiges an attraktivem Neuland, das man mehr als nur einmal betreten möchte.


      On Tour; Ostravska Banda, Petr Kotik
      • Luca Francesconi; Riti Neurali
        Hana Kotková (Violine)
      • Petr Bakla; Serenade
      • Paulina Zalubska; Dispersion
      • Somei Satoh; The Passion
        Thomas Buckner (Bariton), Gregory Purnhagen (Bariton), Canticum Ostrava
      • John Cage; Concert For Piano and Orchestra
        Joseph Kubera (Piano)
      • Petr Kotík; In Four Parts (3, 6 & 11 For John Cage)
        Tamás Schlanger, Ádám Maros, László Tömösközi (Percussion)
      • Bernhard Lang; Monadologie IV
        Tamás Schlanger, Ádám Maros, László Tömösközi (Percussion)
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Es gibt weiteren Zuwachs zur Diskographie des Concerts zu vermelden. Auch in diesem Fall hat man es wieder den unergründlichen Wegen des Dao überlassen, ob die CD von irgendjemandem gefunden wird oder nicht und so hat es bei mir wieder einige Zeit gedauert. Die Aufnahme entstand am 11. Februar 2012 beim Avant Music Festival in New York City anlässlich eines zur Feier des 100. Geburtstags von Cage aufgeführten, mit "Cage, Unlocked" betitelten Konzerts und wurde im selben Jahr veröffentlicht. Solistin ist Vicky Chow. Dazu gesellen sich acht weitere Stimmen (Klarinette, Trompete, Posaune, Violine, Viola und Flöte und 2x Stimme). Ob es sich bei den -für das Concert nicht vorhergesehenen- Gesangsstimmen um Transkriptionen handelt oder ob andere Werke (z.B. Aria oder Solo for Voice) parallel aufgeführt wurden, konnte ich nicht herausfinden. Es gibt (--> hier) eine auf 200 Exemplare limitierte Ausgabe auf CD, welche die Original-Programmnotizen enthält, ansonsten habe ich das nur als MP3 Download gesehen. Auch im Falle dieser Veröffentlichung war der John Cage Trust nachlässig; in deren Datenbank ist sie nicht gelistet.


      John Cage; "Cage Unlocked"
      Vicky Chow et al.

      Streng genommen wird hier chronologisch ein Zyklus der Sonaten für Präpariertes Klavier Nr. III - VIII geboten, dabei jedoch die Nummern V, VI, IX, X und XIII an den jeweils passenden Stellen wie folgt ersetzt: Interlude 1, Concert for Piano, Interlude 2, Ryoanji (Version für Posaune, Sopran, Spazierstock und Gong) und Interlude 4, wobei die Interludien an der Stelle stehen, an der sie auch bei der vollständigen Aufführung der Sonatas & Interludes erklingen würden. Keine Frage, dass da echte Cage-Enthusiasten bei der Programmgestaltung am Werk waren.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Original von Cetay
      Streng genommen wird hier chronologisch ein Zyklus der Sonaten für Präpariertes Klavier Nr. III - VIII geboten, dabei jedoch die Nummern V, VI, IX, X und XIII an den jeweils passenden Stellen wie folgt ersetzt (...)

      Dieser Satz macht so überhaupt keinen Sinn. Ich kann nicht mehr editieren, also stelle ich richtig. Es muss natürlich heißen:
      Streng genommen wird hier chronologisch ein Zyklus der Sonaten für Präpariertes Klavier Nr. III - XIII geboten, dabei jedoch die Nummern V, VI, IX, X und XIII an den jeweils passenden Stellen wie folgt ersetzt (...)

      Mittlerweile habe ich die CD geordert und schon vorab digital samt Booklet heruntergeladen. Aber auch dort bleibt die Frage, wo die Gesangsstimmen im Concert herkommen, unbeantwortet.
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    • Eine weitere Aufnahme, die im November letzten Jahres mit 50 Jahren Verspätung zur Erstveröffentlichung gelangte, ist der Mitschnitt vom Tudorfest, San Francisco Tape Music Center, 3. April 1964. Das Festival, bei dem Werke von Pauline Oliveros, George Brecht, Toshi Ichiyanagi, Alvin Lucier und John Cage zur Aufführung kamen, wurde für den Pianisten David Tudor organisiert.


      David Tudor (Klavier), Stuart Dempster (Posuane), Warner Jepson (Klaiver), Douglas Leedy (Horn), Robert Mackler (Viola & Viola d’amore), Pauline Oliveros (Horn & Tuba), Loren Rush (Kontrabass), Linn Subotnick (Viola,) Morton Subotnick (Klarinette), Ian Underwood (Flöte, Piccolo), Ramon Sender (Dirigent)

      [OT]Falls bei etwas breiter aufgestellten Hörern beim Namen Ian Underwood etwas klingelt: Er stieß drei Jahre später als Multi-Instrumentalist zu Frank Zappa & The Mothers of Invention. Sein Saxophon-Solo auf The Gumbo Variations (Hot Rats, 1969) ist unvergesslich.[/OT]
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Die Realisierungen als Solo for Piano fand ich weniger interessant - bis Sabine Liebner ihren Beitrag dazu geleistet hat. Ihre Interpretation füllt fast eine komplette CD und ist damit deutlich länger als die Konkurrenz. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass es bei ihr viel mehr Musik gibt. Ein Kritiker meinte mal, wer eine Cage-CD kauftzahlt immer einen Großteil für Stille und das trifft bei Liebners Interpretation des Klavierparts aus dem Concert ganz besonders zu. Wie sie bei der Erarbeitung einer spielbaren Fassung aus der graphischen Partitur darauf gekommen ist, habe ich nicht herausfinden können. Aber es ist egal - das Ergebnis zählt. Und bei der Bewertung halte ich mich an Frank Zappas ultimative Regel: 'If it sounds good to YOU, it's bitchin'; if it sounds bad to YOU, it's shitty."

      Und ich finde es bitchin'. Auf das erste Hör wirkte es noch wie ein etwas trockenes Kompendium, mit dem gezeigt wird, was man alles mit (und neben, unter, in oder auf) einem Klavier und anderen Gegenständen anstellen kann. Aber einige dieser Klangobjekte erwiesen sich als so verführerisch, dass bald der Wunsch nach Wiederhören aufkam. Mittlerweile bin ich regelrecht süchtig danach und setze diese Platte an die Spitze der mir bekannten Cage-Diskographie. Ich habe zwar keinen blassen Schimmer, welchem Konzept die Künstlerin gefolgt ist und warum sie es so und nicht anders macht, aber es passt. Der Hörer (ich) fällt aus der Zeit und findet sich in einer unbekannten, mal abstrakten, mal leeren, mal üppigen Klanglandschaft wieder, begegnet Tönen, die er noch nie gehört hat, findet immer mal wieder Vertrautes, weiß nie, was hinter der nächsten Biegung lauert und schreitet neugierig und gespannt voran. Diese Pianistin hat ein sagenhaftes Gespür für die Interpretation der Moderne - selbst weit von der Norm-Ästhetik entfernte Geräusche, Klänge und Tonfolgen klingen nie abweisend. Ihre Interpretation des Solo for Piano ist eine aufregende Platte, die wahrscheinlich beim 100. Hören noch neues offenbart. Sprichwörtlich eine Aufnahme für die Ewigkeit.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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