Die 9. von Gustav Mahler

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    • Das Rauskramen nehme ich zum Anlass, ein eigenes Zitat zu meinem Geheimfavoriten hierherzukopieren:

      Das ist eine sehr rauhe und grob gemeißelte Interpretation, deren soghafte Innenspannung nie nachlässt. Der große Mahler Experte Lewis Smoley lässt allerdings kein gutes Haar an dieser Aufnahme. Es sei offenbar zu wenig geprobt worden und die schlampige und ungenaue Spielweise würde alle guten Interpretationsansätze zunichte machen.

      Ich sehe das anders. Eine solch extreme Sichtweise wäre mit einem Orchester, das weiß, wie es "richtig" gemacht wird, nur schwer umzusetzen, daher ist es eher ein Glücksfall, dass hier ein Orchester aus der 2. Reihe zu Gange war. Den hier gebotenen, hochgradig zerklüfteten Interpretationsansatz würden Schönklang und Perfektion eher hindern, seine bestürzende Wirkung zu entfalten.
      Wichtig: Da ist nichts von Psychodrama ("Ich-Geschrei" :hello sfantu) zu spüren, sondern Barbirolli hebt das auf die elementare geistige Ebene, dem Ringen von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung - und setzt uns diesen Kräften ohne Filter aus. Dass der Komponist als Subjekt aus der Gleichung regelrecht herausfällt, macht diese Interpretation für mich so einzigartig.

      Die Rede ist von der Live-Aufnahme, die Barbirolli mit dem Turiner RAI-Orchester gemacht hat. Ich habe mir kürzlich die japanische Delta-Ausgabe zugelegt. Die rauscht ziemlich und eine gewisse Muffigkeit ist ebenso vorhanden wie einige Verzerrungen. Aber was solls, wenn man dafür mit einem solchen interpretatorischen Elementarerignis belohnt wird.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Einen direkten Vergleich habe ich nicht, aber ich habe die BPO Aufnahme sehr viel glatter, den großen langen Atem auspielend in Erinnerung. Die unmittelbar ins Geschehen hineinziehende Wirkung habe ich dort nicht erlebt.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Die Neunte mit Rattle und den BPh wird morgen im Radio übertragen:

      DRadio Kultur, 4.11.2011, 20.03 Uhr
      Philharmonie Berlin, Aufzeichnung vom 3.11.11
      Helmut Lachenmann- "Tableau", Stück für Orchester
      Gustav Mahler -Sinfonie Nr. 9 D-Dur
      Berliner Philharmoniker
      Leitung: Sir Simon Rattle
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Vielleicht nat es ja im Radio jemand aufgenommen, oder angehört: Rattle und die Berliner Philharmoniker. Ich habs heute live gehört. War nicht übel, aber hat mich auch nicht umgehauen.

      Der Streicher- Klang ist toll, auch die Bläser sind super, allen voran das Horn. Aber Rattle hat es irgendwie nicht völlig geschafft, dem Werk diese morbide Struktur zu geben, die mich anspricht. Er verzettelt sich und bringt dann auch imer wieder Details, die absolut störend sind (z.B. das übertrieben romantische Vibrato des ersten Geigers, oder die schmierenden Glissandi der Violinen im Finalsatz). Andere Details waren wieder schön, so die ruppigen Streicher am Beginn des zweiten Satzes, oder die Bratschen, oder der Zusammenklang der Hörner. Und die lange Ruhe am Schluss, nach dem letzten Ton.

      Insgesamt war mir das etwas zu breit, zu theatralisch, wie oft bei Rattle. Abbado war besser mit den Berlinern. Aber schön wars doch, die Neunte ist einfach tolle Musik.
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis

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    • Original von Heike
      Rattle und die Berliner Philharmoniker. Ich habs heute live gehört.


      Ich kann Deine Eindrücke von gestern Abend im wesentlichen bestätigen: Wie erwartet getragene langsame Sätze, vielleicht objektiv (???) gesehen für dieses Werk fast zu klangschöne Darstellung.
      Aber ich finde insgesamt schon, dass Mahler bei Rattle gut aufgehoben ist und er diese einzigartige Musik auf seine Weise äußerst intensiv „sprechen lässt“.

      Der zweite Satz hätte für meinen Geschmack noch ein wenig„täppischer und derber“ sein können, im 3. hat Rattle das Trotzige, Aggressive jedoch sehr gut getroffen.

      Der Orchesterklang (Streicher und Blech!) war grandios, ebenso wie die lange Stille nach dem Ersterben des letzten Tons.
    • Mahlers 9te mit dem Luzern-Festivalorchester und Abbado:

      youtube.com/watch?v=1JYixB9PIC0 - die zweite Hälfte des Finales und was danach (nicht) passiert.

      Wahrscheinlich kennen das die Mahler-Enthusiasten längst. Es geht um die letzten Minuten, so etwa ab 11:00. Ich habe so etwas noch nie gesehen, geschweige denn erlebt.
      Das gehört zwar in die "Video-Clips online"-Sektion, ich bringe es dennoch hier, weil es mehr als seitenlange Abhandlungen über die potentielle Wirkkraft des Werks aussagt.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Hat man für ein Werk erst mal eine vollkommene Einspielung gefunden -und das ist für mich im Falle der Neunten ohne wenn und aber die unter Emil Tabakov- bleibt eigentlich nur noch die Jagd nach dem Außergewöhnlichen oder dem Extremen. Hier schicke ich Kazuo Yamada ins Rennen. Yamada studierte bei Mahler-Schüler Klaus Pringsheim Komposition und war als Avantgarde-Komponist stark von Mahler beeinflußt. Bei seiner Einspielung mit dem New Japan Philharmonic kommt er nach 93:30 ins Ziel -fast 24 Minuten später als Bruno Walter bei seiner Pionieraufnahme- und dürfte damit nach meinen Recherchen der Langsamste im Vergleichsfeld sein. Überraschenderweise wirkt das keineswegs langatmig. Das Auseinanderdröseln bis ins letzte Detail, verbunden mit einer auf einem tiefenlastigen Fundament ruhenden, blockhaften Klangsprache und objektiviertem Ausdruck bleibt immer hochgradig spannend. Eine willkommende Alternative.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Eine Frage, da es sich dabei um Mahlers 9. Symphonie handelt:
      Ich bin im Besitz der ersten Stereoeinspielung mit Barbirolli von His Masters Voice von 1964.
      Es handelt sich um 2 einzelne Vinyl, wobei die zweite Platte nur einseitig bespielt ist.
      Auf den Covern ist jeweils ein Aufkleber um den Rand herum angebracht mit einer Nummer (STE 91 363 und STE 91 364).
      Kann mir jemand sagen, was diese Nummern zu bedeuten haben? Auf dem Vinyl finden sich diese Nummern nicht wieder.
      Danke!
      kikiriki
    • Hallo kikiriki,

      herzlich willkommen - schön, dass Du da bist!
      Die Nummern, die Du nennst, sind nach meiner Einschätzung die Serien-oder Registriernummern der Plattenfirma. "STE" legt die Bedeutung "stereo" nahe. 1964 zähle ich noch knapp zur Frühzeit der Stereophonie. Oftmals waren noch Altgeräte mit asymetrisch geschliffenen Abtastnadeln & auch mit einer auf Mono zugeschnittenen Verkabelung & Signalausgabe in Gebrauch. Der Umstieg auf modernere Geräte war damals für die breite Masse noch eine Anschaffung, die man finanziell erstmal zu stämmen hatte. Drum haben in dieser Zeit viele Firmen eine Zeit lang parallel mono- & stereotaugliche Pressungen herausgegeben. Manchmal ist auf dem Cover auch etwa "Original Stereo, auch mono abspielbar" abgedruckt. Umgekehrt kann es sein, dass originale Mono-Aufnahmen nachträglich "stereophonisiert" wurden, die Signale also nachträglich in zwei Kanäle gesplittet wurden um auf Stereo-Equipment einen stereophonen Klangeindruck zu erzeugen - das ist mal mehr, mal weniger gut gelungen. Im Falle eines so grossen Namens wie EMI würde ich tippen, dass es 1964 auf jeden Fall eine original Stereo-Aufnahme ist. Ist denn auf dem Cover / Klappentext explizit eine Aufnahmedatum (abweichend vom Veröffentlichungs-Jahr) erwähnt? Wenn nein, würde ich mit grosser Wahrscheinlichkeit stereo vermuten. Wie ist denn Dein Höreindruck? Klingt es natürlich oder künstlich?
      Dass eine von 4 Seiten unbespielt bleibt, gab's auch in den Siebzigern öfter noch: Werk zu lang für eine, zu kurz für volle zwei Scheiben. Keine geeignete Kopplungsmöglichkeit oder aber das Werk wird als zu singulär für eine Kopplung betrachtet.
      Die Frage passt vielleicht besser in die "Technikecke" im "Hinterzimmer" (weiter unten im Forum).

      Viele Grüsse, Sfantu
    • ...& da es sich um fortlaufende Nummern handelt, kannst Du davon ausgehen, dass sie auch zusammen gehören. Im Falle einer Box sieht man auf dem Rückenschnitt auch schonmal (um Dein Beispiel aufzugreifen): STE 91 363-4 oder STE 91 363/4. Dann weisst Du, es gehören komplett 2 Schallplatten in diese Box. Stünde da etwa 91 363-7 oder 91 363/7, bedeutete das: 5 Schallplatten. Für den Fall, dass ein zusätzlicher Hinweis wie "5 LPs" fehlt.
      Die Tatsache, dass die Nummern per Sticker nachträglich aufgeklebt sind, ist nicht automatisch ein Zeichen von Produkt-Piraterie oder Etikettenschwindel. Oft gibt es hierfür betriebs-, also fertigungstechnische Gründe (Umstieg auf eine neue Codierung etwa).
    • Hallo Kikiriki,

      auch von mir ein herzliches Willkommen.
      Diese beiden LPs besitze ich auch, jedoch tragen sie bei mir die Bestellnummern C 161-00 237/8S. Auf den Venyls ist jeweils 00 237 bzw. 00238 S eingedruckt. Es handelt sich einwandfrei um eine Stereo-Aufnahme, die kurz nach ihrem Erscheinen zu Recht mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Eine gültige Interpretation!

      Gruß Amadé
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