Henry Purcell - Der "Orpheus britannicus"

    • Henry Purcell - Der "Orpheus britannicus"

      Hallo, meine lieben Mitforianer!

      Ich habe festgestellt, dass hier noch kein Thread zu Ehren von Henry Purcell existiert. Also habe ich beschlossen, meinen zweiten Lieblingskomponisten neben Georg Friedrich Händel auf diese Art und Weise ein wenig mehr ins Gespräch zu bringen.
      Viele von euch werden Purcell sicherlich über das ausnehmend schöne Instrumental-Duett zwischen Trompete und Orgel, nämlich "Trumpet Voluntary" kennen. Auch ich glaubte noch vor einigen Monaten, dass man Purcell posthum zurecht mit diesen Federn schmückt, jedoch hat sich dies als historischer Fehler entpuppt. Der wahre Komponist dieses Opus' ist nämlich Jeremiah Clarke, der es "Prince of Denmark's March" nannte. Auch bei dem vielleicht etwas weniger bekannten "Trumpet Tune in D" stand Clarke im Schatten von Purcell, obwohl dieser auch hier als der eigentliche Urheber identifiziert werden konnte.

      Mittels dieser Foupats der Musikforschung erhielt Jeremiah Clarke nie den Ruhm, der ihm eigentlich gebührte, was sehr schade ist. Aber, ich habe diesen Thread Purcell und nicht Clarke gewidmet. Also:

      Zu den bekanntesten Werken Purcells zählen neben seinem großartigen "Te Deum" und dem "Jubilate" auch die beiden Opern "Dido and Aeneas" und "The Indian Queen", wobei letztere im eigentlichen Sinne keine Oper darstellt, sondern eine so genannte "Semi-Oper" oder "Masque" (Maskerade). Die Form der Masque war ausschließlich im englischen Barock verhaftet und verknüpfte gesungene, getanzte und rein instrumentale Sequenzen miteinander. Wie das Wort "Maskerade" schon bereits besagt, handelt es sich bei "Semi-Oper" meist um sehr schauspielhafte Aufführung mit musikalischen Darbietungen. Mit Purcells Tod hatte die Ära der "Masques" ihren Zenit bereits deutlich überschritten und ging ihrem nahen Ende zu.

      Besonders schätze ich die Oper "Dido and Aeneas", die sogar heute noch vereinzelt und dann jedoch meist nur konzertant aufgeführt wird. Wer kennt die tragische Liebesgeschichte wohl nicht zwischen der karthagischen Königin Dido und dem trojanischen Prinz Aeneas, der von den Göttern damit beauftragt wurde, Land für ein neues Rom ausfindig zu machen. Mehr zufällig macht er auf karthagischem Gebiet eine kurze Rast und will danach sofort wieder weiter, verliebt sich dann jedoch unsterblich in die besagte Dido. Doch die Götter befehlen Aeneas unverzüglich seinem Auftrag nachzukommen und der Prinz gehorcht. Als Dido am nächsten Morgen aufsteht, sieht bereits die Schiffssegel am Horizont. Unsagbar voll des Grames, richtet sie sich selbst.

      Die Fassung der Oper kommt ohne eine leichte Dramatisierung der Handlung natürlich nicht aus: Hier will sich die Oberhexe (brilliant: David Thomas) mit ihren Vertrauten an der verhassten Königin rächen. Sie lässt eine ihrer Mithexen, als Gott Merkur getan, Aeneas erscheinen und ihm den Befehl der Weiterreise überbringen. Von da an läuft die Geschichte dann jedoch normal weiter.

      Ich habe bereits auf David Thomas hingewiesen, der der Oberhexe in der DECCA-Aufnahme unter Christopher Hogwood grandios Leben einhaucht. Einen Bariton eine ältere Frau darstellen zu lassen, war im Barock durchaus ein zulässiges komödiantisches Mittel. Leider gibt es sonst keine mir bekannte Einspielung dieser Oper, die dieses Prinzip beibehält. Was diese Oper auch noch zu einem Erlebnis werden lässt, ist Didos berühmtes Lamento "When I am laid in earth", bevor sie Suizid begeht. Die "Academy of Ancient Music" spielt, wie es sich für ein auf Barockmusik spezialisiertes Orchester geziemt, natürlich auf Originalinstrumenten; ein besonderes Klangerlebnis.



      Wer bis hierher mit dem Lesen durchgehalten hat: ( :J) Was sind eure bisherigen Erlebnisse mit Purcell gewesen?

      Ganz liebe Grüße, Jan! :)
      Klassische Musik ist der wahre Seelenbalsam. :)

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    • RE: Henry Purcell - Der "Orpheus britannicus"

      Original von Papageno

      Was sind eure bisherigen Erlebnisse mit Purcell gewesen?



      Ich muss zugeben, dass ich mich mit Leben und Werk dieses Komponisten bisher noch nicht beschäftigt habe. Was ich von ihm kenne, sind mehr oder weniger Zufallsbekanntschaften von der dhm 50 Jubiläums-CD und die Stücke von der folgenden CD, die allerdings zum Bewegensten gehören, was bisher an Barocker Vokalmusik an meine Ohren gekommen ist.
      Die "Funeral Music on the Death of Queen Mary" ist eine Trauermusik, die durch ihren überweltlichen Charakter eine äquivalente Dosis Trost vermittelt und gleichnishaft höhere Einsichten vermittelt, wie sie auch im Begleittext zu lesen sind:

      Der eigentliche Sinn des Gedankens an den Tod ist der Gedanke an das Leben, um es im Hinblick auf seine Begrenztheit immer wieder neu zu orientieren. Der Gedanke an den Tod ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Lebenskunst, denn er ist eine Ermutigung zum Leben, ein Ansporn zum Auskosten der Fülle des Lebens. Gäbe es den Tod nicht, man müsste ihn wohl erfinden, um nicht ein unsterblich langweiliges Leben zu führen, das darin bestünde, das Leben endlos aufzuschieben (Quelle: Begleittext zur CD: Bach Purcell Motetten und Kantaten; Dhm (Sony BMG); B000UH8BS6)

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Hallo, Dox Orkh!

      Die "Funeral Music on the Death of Queen Mary" war mir bisher noch gar kein Begriff. Wenn sie wirklich so ergreifend ist, wie du es geschildert hast, werde ich sie mir demnächst wohl auch beschaffen. Danke für diesen Hinweis!

      Wenn du Purcell als Opernkomponisten erfahren möchtest, seien dir die von mir bereits präsentierte Opern-Gesamtaufnahme von "Dido and Aeneas" und die Gesamteinspielung von "The Indian Queen" (Naxos) mit dem namhaften "Scholar's Baroque Ensemble" empfohlen. Die Handlung der "Indian Queen" ging über die vielen Jahrhunderte leider Gottes weitesgehend verloren, doch die Musik, speziell die Tenor-Arie mit Chor >I come to sing great Zempolla's Story<, erreichen einen auch nach dieser Vielzahl von Jahren noch immer, selbst, wenn man die Handlung der Oper nicht mehr ganz aufgrund mangelhafter Überlieferung nachvollziehen kann.



      Liebe Grüße, Jan! :)
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    • RE: Henry Purcell - Der "Orpheus britannicus"

      ich schätze henry purcell als einen der größten barockkomponisten überhaupt. sein einfallsreichtum und der ausgeprägte volkstümliche charakter seiner musik hat mich von beginn an fasziniert. auch wenn seine musik vielleicht von der kunstfertigkeit her nicht mit der späterer kollegen - etwa händel und bach - mithalten kann, empfinde ich sie meist spritziger, inspirierter und eingängiger als die der genannten. purcell kann ich fast immer hören, er macht mir einfach spass.

      dido und aeneas und the indian queen wurden schon genannt, empfehlenswert sind imo eigentlich alle seiner opern oder semiopern: king arthur, the fairy queen, the prophetess, the tempest, timon of athens.

      was aufnahmen betrifft macht man mit william christie nie etwas verkehrt, er bringt purcell irgendwie "very british" rüber und hat meist großartige sänger. auch gardiners aufnahmen sind sehr gut, weniger begeistert bin ich von harnoncourts versuchen (etwa seiner sehr unterkühlten fairy queen). eine unbedingte empfehlung, v.a. wenn man auch unbekanntes entdecken möchte, ist die 6-cd-box der theatermusik unter christopher hogwood.



      von brilliant classics gibt es eine 7-cd-box mit der kammermusik purcells (pieter-jan belder), die recht gut rezensiert wurde, ich aber nicht kenne. kennt die vielleicht jemand?

      wie bei allen barockkomponisten bin ich auch bei purcell wenig begeistert von älteren non-hip-aufnahmen. das muss imo heute nicht mehr sein.
    • Hallo, uhlmann!

      Ich freue mich sehr, dass du auch nichts dagegen hast, Purcell gewissermaßen in einem Atemzug mit Händel und Bach zu nennen. "Spritzigkeit" scheint mir genau das Wort zu sein, mit dem ich immer versucht habe, seine Musik zu beschreiben und von anderen Barockkomponisten, wie Händel und Co., erfolgreich etwas abzugrenzen. Purcell kann mit dem späteren "Orpheus britannicus" Händel meiner Meinung nach, was seine Opern betrifft (Kammermusik oder dergleichen ist mir von ihm leider überhaupt nicht geläufig. Kennt davon vielleicht irgendjemand etwas Gutes und Empfehlenswertes?), sehr gut mithalten und übertrifft ihn für mich sogar häufig noch an Originalität.
      Das kann auch daran liegen, dass ich Händels Opern bisher nur äußerst flüchtig gehört habe, da ich für Italienisches nicht so sehr bin. Englisches verstehe ich hingegen eigentlich recht gut auf Anhieb (Schulenglisch lässt grüßen... :D).

      Liebe Grüße, Jan! :)
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    • Original von Papageno
      Was diese Oper auch noch zu einem Erlebnis werden lässt, ist Didos berühmtes Lamento "When I am laid in earth", bevor sie Suizid begeht.
      (...)
      Wenn du Purcell als Opernkomponisten erfahren möchtest, seien dir die von mir bereits präsentierte Opern-Gesamtaufnahme von "Dido and Aeneas" (...) empfohlen.


      Hallo Papageno,

      ich habe die Empfehlung erst mal nur im Hinterkopf gespeichert, weil ich gerade eher wenig Barockmusik höre. Doch jetzt bin ich auf einem ziemlich schrägen Umweg wieder darauf gestossen. Die wahnwitzige 4. Sinfonie der Zeitgenossin Gloria Coates basiert lose auf dem von dir erwähnten Lamento. Jetzt musste ich unbedingt das Original haben. :engel
      Nach etwas Hörschnipselei ist meine Wahl auf die Aufnahme mit Simone Kermes bei alpha gefallen:



      Ich bin gespannt...
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Hallo, Dox Orkh!

      Ich bin mir sicher, dass du die Anschaffung von "Dido & Aeneas" nicht bereuen wirst. Sie ist voll wunderbarer, barocktypischer Musik. Allerdings darf man bei den meisten Barockopern kein komplett besetztes Sinfonieorchester erwarten. Die meisten beschränken sich in ihrer instrumentalen Besetzung auf Streicher und das den Generalbass ausführende Cembalo. Auch die oftmals sehr kurzen Chöre und Arien, die immer wieder mit zahlreichen Rezitativen durchmischt werden, sind charakteristisch für gerade diese musikalische Epoche. Doch wenn man sich auf dieses Stück Musikhistorie einlässt, wird man Ungeahntes entdecken.

      Du hast meiner Meinung nach eine sehr gute Wahl getroffen! Viel Spaß beim Anhören dieses Juwels.

      Ganz liebe Grüße, Jan! :)
      Klassische Musik ist der wahre Seelenbalsam. :)
    • Kürzlich entdeckte ich bei 2001 die folgende außerordentlich preiswerte Brilliant-Box, die ich aus Neugierde mitnahm – meine erste Bekanntschaft mit Purcell überhaupt:



      Henry Purcell, Complete Chamber Music.
      Musica Amphion, Pieter-Jan Belder

      Ich bin gerade erst dabei, mich in diese Musik einzuhören, und finde, daß es auf jeden Fall lohnt (auch wenn ich mich an den Stil alles in allem noch etwas gewöhnen muß).
      Hat jemand Erfahrung mit dieser Ausgabe und/bzw. den darauf eingespielten Werken?

      Schöne Größe,
      Sarastro
      "Ich hätte das nicht so gemacht!" (Kozeluch zu Mozart über ein Haydn-Quartett). "Ich auch nicht! Und wissen Sie warum? Weil weder Sie noch ich auf diesen Einfall gekommen wären."

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sarastro ()

    • Kann mir jemand der Purcell-Kenner eine CD mit Purcells Liedern empfehlen?
      Ich mag es eher sparsam instrumentiert und ungekünstelt gesungen, in möglichst guter Tonqualität (also tendenziell eher eine neue Aufnahme). Tonlage egal.
      Merci!
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Original von Heike
      Kann mir jemand der Purcell-Kenner eine CD mit Purcells Liedern empfehlen?
      Ich mag es eher sparsam instrumentiert und ungekünstelt gesungen, in möglichst guter Tonqualität (also tendenziell eher eine neue Aufnahme). Tonlage egal.
      Merci!
      Heike


      Hallo Heike,

      ich bin zwar kein Purcell-Kenner aber ich denke, dass folgende Aufnahmen etwas für dich sein könnten:

      Die englische Sopranistin Emma Kirkby ist sicherlich für dieses Repertoire eine versierte Interpretin:

      Lieder und Duette für Sopran und Bass jeweils nur mit der Laute begleitet:


      Lieder für Sopran nur mit Continou-Begleitung:


      Die Sopranistin Dorothee Mields kenne ich bis jetzt zwar nur als Solistin in Bachs Kantaten bzw. Passionen aber mir gefällt ihre Stimme sehr gut, so dass diese Aufnahme sicherlich auch interessant sein könnte, wobei sie hier von einem größer besetzten Ensemble begleitet wird:


      Vielleicht haben aber noch andere hier Tipps zu weiteren Aufnahmen.

      Armin
    • Liebe Heike,

      Purcell ist ja einer meiner persönlichen Augensterne. Darum findet sich so einiges von seinen Werken in meinem Plattenschrank - unter anderem auch die von Armin schon so trefflich benannten Kirkby-CDs. Die Dorothee-Mields CD kenne ich hingegen (noch...?) nicht.

      Zwei ganz exzeptionelle Scheiben möchte ich Dir zusätzlich noch ans Herz legen. Zum einen einen Klassiker:



      "Music for a While" ist vielleicht die beste Platte Alfred Dellers überhaupt und vereint eine Reihe der berühmtesten Lieder Purcells in paradigmatischen Darstellungen. William Christie sitzt am Cembalo und Wieland Kujiken, Sigiswalds Bruder, bedient die "bass viol".

      Die zweite Aufnahme, die ich Dir ans Herz legen möchte, ist diese:



      Sicher, Gerard Lesnes Englisch hört man hier und da den Franzosen an, aber wirklich nur, wenn man ein Ohr dafür hat. Ein Grund zu mäkeln wäre das ohnehin nur, wenn man es schaffte, über den wunderbaren Gesang Lesnes, der in meinen Ohren einer der gegenwärtig überzeugensten Countertenöre ist, wegzuhören.

      :hello Agravain
    • Ich muss gestehen, dass ich recht wenig von Purcell kenne, wenig im Konzert oder in der Oper gehört habe. Und irgendwie habe ich immer das Gefühl dass es ein Fehler ist. Da muss ich wohl mal dringend Lücken schließen.

      'Dido and Aeneas' natürlich. Kennengelernt habe ich das Werk allerdings in einer Aufnahme von 1951. Weit entfernt von heutigen Sichtweisen, aber immerhin bemüht, einen anderen Klang zu finden:



      Und bis heute fasziniert mich, mit welch einer schlanken und beweglichen Stimme, die nicht mehr ganz junge Flagstad (56 Jahre alt) nach all den Isoldes und Brünnhildes diese Partie gestaltet.

      Zudem besaß ich mal diese Version:




      Irgendwie ging mir diese Aufnahme abhanden, ich weiß gar nicht mehr warum.

      Ansonsten kenne ich Purcell v.a. durch Bearbeitungen von Britten, der ihn ja sehr geschätzt hat.




      'The Young Person's Guide to the Orchestra' variiert ja ein Thema von Purcell. Es gibt aber auch Liedbearbeitungen von Britten und ihn selber als Dirigenten:





      Sicherlich kein Norrington, Christie oder Harnoncourt, sprich nicht auf dem neuesten oder einem neueren Stand der Rezeption. Aber Britten, mit all seiner Liebe zu Purcell, bringt für mich eine ganz besondere Qualität für diese Musik mit. Wärme, Zuneigung mit Sicherheit, aber auch ein 'Brückenschlagen', ein Herüberholen in die Gegenwart ohne akademisch zu sein. Das schaffen andere Dirigenten vielleicht auch, aber ich kenne, was das Stück angeht, halt nur Britten.


      :hello Falstaff
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