Beethoven: Klaviersonate Nr. 30, op.109

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    • Beethoven: Klaviersonate Nr. 30, op.109

      Ich wollte umbedingt mal wieder etwas zu diesem Klaviermusik-Forum beitragen, schließlich spiele ich ja selber Klavier und fühle mich somit praktisch von Haus aus mit Klaviermusik besonders verbunden.

      Und mit einer gewissen Freude entdecke ich gerade, dass einige meiner Lieblings-Beethovensonaten "noch nicht vergeben sind". Ich hab besonders die späten Sonaten gerne; Und nicht umbedingt gerade die berühmten. Für euch werden es wohl trotzdem altbekannte Werke sein, aber vielleicht rege ich ja zum öfteren hören an. Das wäre schön! Und außerdem meine ich hat ab einmal geschrieben: "jede Beethovensonate hat einen eigenen Thread verdient", und ich denke auch, dass es in diesem Kosmos der 32 Sonaten immer genug Gesprächsstoff gibt.

      Anfangen will ich gleich mal mit einem Lieblingswerk von mir, der


      Klaviersonate Nr. 30, op. 109
      in E-dur

      Beethoven komponierte diese Sonate 1820.
      Nach der Hammerklaviersonate, benutzt er hier wieder kleine Formen, was die Sonate recht persönlich erscheinen lässt.
      Sie ist die erste der drei letzten Klaviersonaten op.109 - op. 111.

      ___________________

      Vivace ma non toppo
      Diese etwas unscheinbare Sonate beginnt auch unscheinbar. So fängt doch kein Sonatenthema an!?
      Und doch zieht sie einen (auch wenn ich hier natürlich nur von mir sprechen kann) sofort in ihren Bann. Obwohl die Anfangsidee harmonisch nur auf einer einfachen Sequenz in E-dur beruht, hat sie doch eine, nur dem späten Beethoven eigene, ganz befreite Romantik.

      Auch formal gesehen ist der erste Satz interessant, da er die Sonatenform durch eine lyrische Grundstimmung sprengt. Es gibt keinen spannungsgeladenen Kontrast á la Sonatensatz. Und hat schon etwas revolutionäres, wenn die Anfangsbewegung schon bald ins leere läuft, und ein rezitativ-artiger Teil (Adagio espressivo) folgt. Und nach einigen schon improvisatorisch wirkenden Läufen kehrt die Musik zum dem, einfach durch Vertauschung der Stimmen variierten, ersten Gedanken zurück.
      In einem weiten Bogen steigert sich die Bewegung zum Höhepunkt, in dem die Anfangstakte, diesmal im forte und in weiter Lage, zurückkehren.

      Viel mehr braucht der Satz auch gar nicht, denn schon nach dem zweiten Adagio espressivo scheint die Musik langsam zu verklingen. In seiner Kürze rauscht der Satz mit seinen breiten "Klangflächen" an einem vorbei, und so fällt seine Schönheit beim ersten hinhören vielleicht noch gar nicht so auf. Fast ein "Lyrisches Intermezzo" könnte man sagen, wenn der Satz nicht am Anfang stände. Aber in sich ganz wunderbar!

      Der gesuchte Kontrast kommt schon mit dem 2. Satz: Ein effektvoll-drammatisches Prestissimo als Antwort jetzt in E-moll.
      Hier wird ein Thema, "angereichert" durch spannende rhythmische Einwürfe, bis zum Ende durchgeführt. (Es gibt da z.B. einen wunderbaren kurzen Moment - Takt 51, wenn das was hilft :wink - in dem die Melodie durch Pausen gegen die Taktzeit "swingt". (Jedenfalls spielt ihn Gulda so :D)
      Die Figur wird eine Oktave höher wiederholt und dann: zwei Oktaven tiefer die Antwort. Klingt einfach gut, gefällt mir ungemein!:D)
      Doch auch dieser Satz währt nicht lange (Manchmal wird er sogar zum ersten hinzugerechnet).

      Es folgt der langsame Variationssatz, der das Zentrum des Werkes bildet.
      Andante, molto antabile ed espressivo
      Gleich ins Deutsche übersetzt von Beethoven selber: "Gesangvoll mit innigster Empfindung".
      Was soll man dazu sagen?
      Ein herrlicher Variationssatz mit typisch beethovenschem (aber trotzdem schönen :tongue:) Thema.

      Die I. Variation hat bereits eindeutige Chopin-Anklänge!
      Die II. Variation hat in ihrem Mittelteil eine so unglaubliche Steigerung, dass einem echt die Luft wegbleibt! Ich liebe diese Stelle. Ich denke, wenn ihr´s hört wisst ihr was ich meine... So eine unglaubliche Tiefe der Musik!
      Nach dieser eher breitflächigen Variation folgt die motorische (und auch nicht ganz einfach zu spielende) III. Variation. Sie spielt so eine Art "lustiges Spiel" mit dem Anfangsthema.
      Die IV. Variation:"fließende Glückseeligkeit"
      Dann fehlt mit V. natürlich noch eine Fuge, die sich sehr gut in das Geschehen, vor der letzten Variation einfügt. (Eigentlich ist dass immer so was mit Beethoven und Fuge :ignore aber hier passts; sie ist auch einfach gut!)
      Die letzte Variation hebt die Musik dann, ähnlich wie in der Arietta aus der letzten Sonate, in andere Sphären: Von Viertel über Achtel, Triolen, Sechzehntel und lange Trillerketten hien zu einer Art Phase "himmlischen Freiheit", in der sich Beethoven einfach mal ausgespielt hat.
      Der Satz schliesst cantabile mit dem Variationsthema.

      Ihr habt gemerkt, ich mag diese Sonate gerne; Wohl auch, weil mein Vater sie früher öfters gespielt hat. Ich freu mich schon auf eure Antworten zu dieser Sonate,

      Kreisler

      (Wenn ich darf mach ich dann morgen mit der "Les Adieux" weiter...:wink)

      P.S. Aufnahmen kenne ich neben Goulda nur noch Pollini und Gould auf Platte. Vielleicht kann ich die ja morgen nachreichen...
      Aber ich hoffe natürlich auch, dass ihr viele andere Einspielungen ins Spiel bringt, die ich nicht kenne!
      von eurem kreislerianer

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von kreisler ()

    • Hallo Kreisler,
      ich mag auch Beethovens Klaviersonaten besonders gern, eigentlich alle, insofern freue ich mich sehr, wenn du nach und nach den fehlenden einen eigenen Thread widmest!

      Von Nr. 30 op. 109 habe ich folgende Aufnahmen: Schnabel, Richter, Serkin, Gould. Bis auf Gould mag ich die eigentlich alle gern, (Gould mit Beethoven höre ich eigentlich nur aus analytisch-akademischem Interesse). Ich hab sie auch schon öfter im Konzert gehört und war dann immer ganz fasziniert.

      Ich finde die Nr. 30 ganz und gar nicht unscheinbar. Der erste Satz ist ungewohnt, aber außerordentlich interessant. Er klingt fast wie improvisiert, irgendwie manchmal diffus, ist es aber keineswegs, sondern sehr diffizil. Und es ist für mich wie ein kleines Wunder, dass jemand, der nicht hören kann, sowas komponierte.

      Der zweite Satz ist mir grad nicht so präsent, da muss ich mal nochmal reinhören.

      Aber dann wieder, die Variationen! Ich meine, dass Beethoven hier seine ganze Kunst, aber auch unheimlich viel Verzweiflung reingelegt hat. Ich liebe diesen Satz in seiner ganzen Emotionalität. Beethoven und Fuge? Ich meine, hier ist er Bach ganz ebenbürtig!

      So jetzt werd ich mir mal die Sonate wieder auflegen :)
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Hallo Heike,

      Von Schnabel habe ich leider ausgerechnet diese Sonate nicht! Und ich bin heute leider noch nicht dazugekommen, die anderen Aufnahmen - obwohl es ja nur drei sind - wie geplant zu vergleichen.
      Ich hab in Erinnerung, dass mich Gould bei der 32. Sonate schwer enttäuscht hat, ich glaube deswegen auch nicht das mir diese Sonate mit ihm gefällt, aber ich höre es mir noch einmal an. Pollini habe ich in letzter Zeit öfter gehört: Ich empfand die Sonate bei ihm recht klassisch und "geschmackvoll" (wie J. Kaiser hier mal zu recht schreibt). Zwar weiß er auch, "wann es romantisch werden muss" aber er hat halt nicht den musikalischen Ausdruck z.B: eines Gilels. ZU Gulda weiß ich gar nichts mehr. Ich habe also meine Idealinterpretation noch nicht gefunden.

      Nun gut, wirklich unscheinbar finde ich die Sonate auch nicht, aber ich finde schon, dass besonders der erste Satz durch seine Formlosigkeit etwas "schwindend" erscheint und nicht so ganz handfest ist wie etwa die Hammerklaviersonate.

      Aber irgendwie scheinen wir uns ja bei der Musik (und besonders beim letzten Satz) sehr einig zu sein.
      Nur bei Beethoven und Fugen nicht ganz... Aber diese spannende Disskusion könnte man ja in einen anderen Thread ("Fugen komponieren nach Bach"?) verlegen:J

      Liebe Grüße,
      Kreisler
      von eurem kreislerianer
    • Hallo Kreisler,

      ich habe mir gerade unter Verwendung deiner sehr schön geschriebenen "Hörhilfe" das Werk angehört; zunächst die Aufnahme mit Barenboim aus den 60ern, dann Gulda (eloquence) und dann -natürlich- Gould.

      Ich konnte mit Nr. 30 lange Zeit nichts anfangen und das wird nachvollziehbar anhand deiner Beschreibung, die -wie ich finde- den Finger in die Wunde legt. Ich übersetze mal sehr frei: Improvisatorisches Geklimpere im ersten Satz, Presto-Gedonnere im Zweiten und schließlich uneinheitliche, sinnlos aneinandergereiht wirkende Variationen im dritten Satz. :P Vielleicht nehmen sich die meisten Interpreten hier einfach zu viel vor, wollen der Musik Tiefe und Ausdruck verleihen, die Kontraste aufzeigen, Einzelheiten der Partitur herausarbeiten und irgendwie noch den Großen Bogen darüber spannen und das natürlich immer unter genauer Beachtung des Notentextes und der Spielanweisungen - und am Schluss ist dem Ganzen vor lauter Wollen die Seele abhanden gekommen.

      Gould rauscht im Eiltempo durch das Stück hindurch, hält sich nicht lange mit Details auf und ebnet die Kontraste ziemlich ein. Aber es ist absolut stimmig, weil er auf diese Art und Weise dieses heterogeone Monster als Ganzes in den Griff bekommt und ihm durch sein unglaublich organisches Musizieren Seele einhaucht. :engel

      Rein subjektiv geschmäcklerisch: Die ausgewogene Barenboim-Aufnahme höre ich ebenfalls sehr gerne, mit Gulda bin ich noch nie so recht warm geworden, während ich Brendel (wirr) und Solomon (kalt) bei den späten Sonaten überhaupt nicht mag. Auf meiner Wunschliste steht noch Maria Grinberg - da gibt es ein tolles Cover als Dreingabe:

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Hallo Kreisler,
      Nur bei Beethoven und Fugen nicht ganz... Aber diese spannende Disskusion könnte man ja in einen anderen Thread ("Fugen komponieren nach Bach"?) verlegen

      In der Tat wäre das eine spannende Diskussion!
      Jetzt nur soviel: Sicherlich war Bach virtuoser, aber Beethoven wiegt das hier mit Emotionalität auf :) Naja und dieser Schluss klingt auch irgendwie sowieso wie eine kleine Huldigung an Bach, keine Ahnung, ob das beabsichtigt war.
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Der Kopfsatz ist keineswegs formlos, sondern ein regulärer, nur ein klein wenig freier Sonatenhauptsatz! Die fantasieartigen Adagio-Abschnitte fungieren als 2. Thema, die Durchführung beginnt unmittelbar nach dem Adagio bei "Tempo I", die Reprise setzt auf dem Höhepunkt (bei Pollini ca. 1:30) ein, nach der Wiederkehr des Adagio-Abschnitts folgt eine (gemessen an den Dimensionen des Satzes recht lange) Coda wieder im Vivace-Tempo.

      Das Prestissimo ist ein sehr dichter, durchkomponierter Satz mit Stimmvertauschung (was als eine Art "Trio" oder lyrisches Seitenthema auftaucht, ist von der Unterstimme vom Anfang abgleitet) und anderen kontrapunktischen Finessen.

      Der Variationensatz mag teils an Barockmusik erinnern, weil es sich beim Thema um eine Art Sarabande (wenn auch etwas zu langsam) handelt. Die 3. Variation hat die Form einer zweistimmigen Invention, die 5. beginnt als drei oder 4stimmige Fuge.
      Das ist einer meiner liebsten Variationssätze, den ich gegenüber dem in op.111 klar bevorzuge. Noch grandioser ist höchstens der in op.131.

      Gould ist hier eher bizarr, da stimme ich zu (die mit Abstand beste seiner späten ist op.110). Gulda vielleicht ein wenig zu kühl, gefällt mir aber teils sehr gut in den ersten beiden Sätzen und mit einem schlichten fließenden Beginn der Variationen (die meisten sind hier m.E. zu langsam, in den späteren Variationen ist er mir dann aber etwas zu flott). Gilels ist durchweg sehr langsam, aber auf seine Weise sehr gut, Pollini ein wenig kühl, aber klar und leuchtend, mit vernünftigen Tempi, sicher eine der besseren aus seiner Box mit den späten. Ich müßte hier aber nochmal direkt vergleichend nachhören. Eine wirklich rhapsodische Lesart des Kopfsatzes ist mir noch nicht begegnet.

      :hello

      Wooster
    • Erstmal Dox Orkh:

      Original von Dox Orkh
      Improvisatorisches Geklimpere im ersten Satz, Presto-Gedonnere im Zweiten und schließlich uneinheitliche, sinnlos aneinandergereiht wirkende Variationen im dritten Satz. :P


      Vollkommen falsch verstanden :P :P :D

      Also Barenboim wollt ich mir schon immer mal zulegen, nachdem ich die 27. Sonate mit ihm gehört habe!


      Wooster:

      Also bei den Aufnahmen empfinde ich ganz ähnlich wie du (nur das ich Gilels leider nicht kenne).

      Es lässt sich wohl auch darüber streiten, ob der Kopfsatz ein Sonatensatz ist. Natürlich hat er einige Elemente noch behalten: 2. gegensätzliche "Themen" (die keine Sonatenthemen im Sinne der früheren Sonaten mehr sind!) Aber diese Themen stehen für mich jedenfalls nicht in einem wirklichen Kontrast: Es gibt keine These - Anithese und schon gar keine Synthese der beiden Gruppen. BTW: welches Seitenthema im klassischen Sonatensatz kennst du, dass A. ein vollkommen anderes Tempo hat und B. auf der "Verminderten Siebten Stufe" (ich weiß den Fachbegriff grad nicht :ignore) steht?

      Und ob man die Takte (16-48) wirklich als Durchführung bezeichnen kann finde ich auch sehr fraglich, auch wenn eine eindeutige Reprise folgt. Und irgendwie stimmen, wie du sagst, die Proportionen nicht ganz. Es fehlt übrigens auch eine klare Exposition, die wiederholt erden könnte.

      Also ich finde, man kann den Satz in die Form zwängen, wenn man will. Und er ist auch sicherlich aus ihr entstanden, bildet aber dann etwas fast vollkommen neues.

      @Heike

      Wusstest du, dass Beethoven eine große Art Fugen-Symphonie oder sowas über das Thema B-A-C-H schreiben wollte? Der hatte noch ganzschön viel vor nach seiner 9....

      Viele Grüße euch dreien,
      Kreisler
      von eurem kreislerianer

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von kreisler ()

    • RE: Beethoven: Klaviersonate Nr. 30, op.109

      Original von kreisler
      P.S. Aufnahmen kenne ich neben Goulda nur noch Pollini und Gould auf Platte. Vielleicht kann ich die ja morgen nachreichen...
      Aber ich hoffe natürlich auch, dass ihr viele andere Einspielungen ins Spiel bringt, die ich nicht kenne!


      Ich habe mich in der letzten Woche wieder ausgibig mit den letzten 3 Klaviersonaten Beethovens beschäftigt unter anderem mit den Neuzugängen Salomon, Arrau und eben Maurizio Piollini, mit dem ich immernoch auf Kriegsfuß stehe. Jedoch muss ich mir seine früheren Aufnahmen noch einmal anhören und die anderen natürlich auch, dann werd ich hier noch etwas schreiben.
      Fest steht jedoch schon, dass diese Sonate von mir selbst sehr gern gehört wird und dass ich diesen Thread zu seiner Entstehungszeit garnicht wahrgenommen habe. Ein guter Vorsatz von dir Severin ist, dass du dich den Sonaten einzeln widmen möchtest, denn das verdienen fast alle Sonaten Beethovens. Und Einzelthreads sind allemal interessanter als Gesamtbesprechungen, auch wenn sie mehr Arbeit machen!

      Grüße
      Daniel
      Jesus spricht: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich." (Johannes 14, Vers 6)