Mendelssohn: Violinkonzert Op. 64 e - moll

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    • Mendelssohn: Violinkonzert Op. 64 e - moll

      "Ich möchte dir wohl auch ein Violinkonzert machen für nächsten Winter; eins in e - moll steckt mir im Kopfe, dessen Anfang mir keine Ruhe lässt."
      So schrieb Mendelssohn am 30. Juli 1838 an seinen Jugendfreund und den damaligen Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, Ferdinand David. Trotzdem dauerte es ganze 6 Jahre, bis Mendelssohn das Konzert tatsächlich vollendete, und erst 1845 wurde es mit Ferdinand David als Solist unter dem Dirigat von Niels Gade (Mendelssohn selbst war durch Krankheit verhindert; er führte es zusammen mit David im Dezember selben Jahres auf).
      Das Konzert wurde von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen und wurde bald als eines der schönsten Violinkonzerte aller Zeiten betrachtet. Führende Interpreten waren u.a. Joseph Joachim und Pablo de Saraste.
      Auch heute gehört es zum Standardrepertoire jedes Geigers, es ist wohl auch eins der ersten romantischen Violinkonzerte, die ein Geiger lernt.


      Mendelssohn wandte sich mit dem Konzert ab von der klassischen Konzertform, zumindest teilweise, es blieb bei den traditionellen 3 Sätzen in der Reihenfolge schnell-langsam-schnell.

      1. Satz: Allegro molto appasionato
      Ganz am Anfang schon die erste Neuerung: Das Hauptthema wird nicht vom Orchester vorgestellt, sondern die Sologeige setzt schon im 2. Takt mit dem lyrischen, und doch reißendem Thema ein. Auch die Kadenz ist an einer sehr unüblichen Stelle, nämlich ungefähr nach 2/3 des 1. Satz , und sie dient auch nicht (nur) der Zurschaustellung der technischen Fähigkeiten, sondern sie ist ganz in den natürlichen Verlauf des Konzertes eingewoben, sowohl der Anfang als auch das Ende werden fast unbemerkbar übergeleitet. Am Ende der Kadenz kommt dann wieder das Hauptthema, diesmal in den Flöten und es geht durch eine Art Repriese auf den Schluss des ersten Satzes zu.

      2. Satz: Andante
      Ein einzelner Fagotton leitet in den 2. Satz über, auch das ein neues Element, die Verknüpfung der Sätze, das auch in der Überleitung zum 3. Satz beibehalten wird.
      Der 2. Satz ist sehr gesanglich gehalten, sehr gefühlvoll und steht in C-Dur, mit einem Zwischenteil in a - moll, nach welchem der 1. Teil wiederkommt. Ein kurzes, 14-taktiges Zwischenspiel (Allegretto non troppo) leitet in den 3. Satz über.

      3. Satz: Allegro molto vivace
      Der 3. Satz ist sehr spritzig und fröhlich (steht in E - Dur), mit vielen spiccati und staccati (-> sehr kurze Noten), und verlangt dem Geiger am Ende nach dem schon nicht gerade leichten 1. Satz nochmals einiges ab. Geprägt ist er von einem immer wieder auftauchendem Thema, das gegen Ende auch stark weiterentwickelt wird. Ganz am Ende folgt noch eine feurige Coda, bevor das Konzert mit fulminanten Akkorden endet.

      Meine Aufnahmen:

      Francescatti, Zino; Szell, George; The Cleveland Orchestra (1961)
      Heifetz, Jascha; Beecham, Sir Thomas; Royal PO (1949)
      Menuhin, Yehudi; Furtwängler, Wilhelm; Berliner PO (1952)
      Milstein, Nathan; Stock, Frederick; Chicago SO (1949)
      Oistrakh, David; Ormandy, Eugene; The Philadelphia Orchestra (1955)
      Oistrakh, Igor; Konwitschny, Franz; Gewandhausorchester Leipzig (1959)
      Stern, Isaac; Ormandy, Eugene; Philadelphia SO (1958)
      Verhey, Emmy; Jóo, Arpad; Budapest Symphony Orchestra

      Die meisten der Aufnahmen hab ich schon lang nicht mehr gehört, deswegen möchte ich nur zu einer Aufnahme etwas sagen. Ich werde die anderen in den nächsten Tagen durchhören und dann hier entsprechend ergänzen.


      Stern, Isaac; Ormandy, Eugene; Philadelphia SO (1958)

      Bisher meine Lieblingsaufnahme. Vor allem der 1. Satz gefällt mir sehr gut, sehr gesanglich und emotional, nicht schleppend, aber auch nicht zu schnell, dann ein sehr inniger 2. Satz, gefolgt von einem durchaus spritzig-fröhlichem 3. Satz, der aber doch noch etwas frecher sein könnte.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • RE: Mendelssohn: Violinkonzert Op. 64 e - moll

      Eine klassische Auswahl an Interpreten hast Du da getroffen. Meine Lieblingsaufnahme ist aufgrund ihrer (vielleicht überraschenden) Schnörkellosigkeit die folgende:



      Recht trefflich wird sie hier besprochen:

      arkivmusic.com/classical/album.jsp?album_id=151598

      Viele Grüße
      Agravain
      :hello Agravain

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Agravain ()

    • RE: Mendelssohn: Violinkonzert Op. 64 e - moll

      Original von Nicolas_Aine

      Mendelssohn wandte sich mit dem Konzert ab von der klassischen Konzertform, zumindest teilweise, es blieb bei den traditionellen 3 Sätzen in der Reihenfolge schnell-langsam-schnell.


      Und vor allem gibt es wohl kaum ein Violinkonzert bei dem der Solist derart schnell ins Geschehen einsteigen muss wie bei diesem VK.

      Zu den mir bekannten Aufnahmen äußere ich mich später.
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • RE: Mendelssohn: Violinkonzert Op. 64 e - moll

      Original von Agravain


      Und vor allem gibt es wohl kaum ein Violinkonzert bei dem der Solist derart schnell ins Geschehen einsteigen muss wie bei diesem VK.



      Ja, nur bei Sibelius geht das annähernd flott.


      Und Nielsen ist nicht zu vergessen.

      Zum Mendelssohn-VK kann ich wenig beitragen,weil ich es überhaupt nicht mag (dieses "Schicksal" teilt es mit Bruch und Tschaikovsky). Mich stößt der Schlagercharakter der Themen ab und der Violinpart erscheint mir zu vordergründig. Es wirkt auf mich wie ein Konzert, das lediglich geschrieben wurde, damit die Solisten etwas zum einstudieren und vorspielen haben. Die musikalische Substanz verschließt sich mir als Nicht-Notenleser vollkommen.

      Immerhin ist es ein Gradmesser für gewisse Qualitäten der Solisten. Wer er schafft, dass ich nicht abschalte, ist zumindest in punkto Tongebung absolut Top. Hier wäre Janinie Jansen zu nennen. Die Aufnahme, die sie auf CD gemacht hat, kenne ich zwar nicht, aber das schon öfters in Funk und TV gelaufene Tokyo-Konzert mit Roger Norrington ist sehr gelungen.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Mischa Elman

      Um etwas abseits der geläufig genannten Aufnahmen zu sagen: Mischa Elman, der große Geiger der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit diesem unsagbar schönen Violinton hat im hohen Alter dieses Konzert noch einmal in Wien unter Vladimir Golschmann aufgenommen, als die Wiener Philharmoniker nach der Nazi-Zeit kurzfristig sich ausschließlich Staatsopernorchester Wien nennen durften. Laut dem großen Violinistenbuch (dessen Autor mir gerade nicht einfallen will) nur mehr ein müder Abklatsch von seiner früheren Zeit (vgl. etw die Naxos-Historical-Ausgabe mit Tchaikovsky!!!), aber nichtsdestotrotz ein Zeugnis unglaublicher Musikalität.

      Zum Glück ist Vanguard Classics wieder auferstanden und somit diese Aufnahmen wieder zugänglich gemacht worden. (Ich habe sie noch unter anderem CD-Cover) Ich möchte sie keinesfalls missen und ziehe sie den perfekteren aber zumeinst auch sterilen Aufnahmen jüngerer Zeit vor.



      (Auf der CD findet sich insbesondere auch das Lalo-Konzert, dessen Eingangstakte wohl nie ähnlich interpretiert worden sind und auch nie mehr werden werden, so dass diese Aufnahme (trotz Mängel) musikalisch zu meiner Lieblingsaufnahme dieses Konzerts geworden ist.)

      Was für ein trefflicher Untertitel auf dem Coverbild auf der Seite links!
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von ab ()

    • Beim Mendelssohn Violinkonzert besteht immer eine recht große Gefahr in eine gewisse Art der romantischen Beliebigkeit zu entschwinden.

      Unter den vielen doch recht guten Aufnahmen ist bis heute jene von Jascha Heifetz eine meiner Liebsten.



      Ohne den romantischen Charakter des Werks zu zerstören gelingt Heifetz eine klare, eine für seinen eigenen Geigenton so spezifische Aufnahme, voller Klarheit im Geigenpart, voller brillianter Augenblicke, in der keine Note verloren geht, jedes Detail ausgeleuchtet wird und dennoch ein stimmiger gesamtheitlicher Ausdruck bestehen bleibt.

      Einer, wenn nicht DER, Favorit meinerseits....
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Hi,

      Tangua: tut mir Leid, das weiß ich gar nicht, ich hab die Aufnahme aus der Jahrhundertgeiger Box der SZ, da steht das nciht drin:/ Ist aber von 1958, vielleicht hilft dir das weiter...


      Oistrakh, Igor; Konwitschny, Franz; Gewandhausorchester Leipzig (1959)

      Eine sehr gute Aufnahme, der 1. Satz ist sehr präzise, trotzdem sehr leidenschaftlich, genau so wie der 2. Satz und vor allem der 3. Satz hat mich richtig mitgerissen, einfach wunderbar, ein richtiges Feuerwerk mit einer großen Portion Spielwitz.
      Das einzige, was mich etwas gestört hat, war, das mir der Ton etwas eng vorkam, aber trotzdem ebenfalls eine Empfehlung:)

      Gruß,
      Cornelius
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • RE: Mendelssohn: Violinkonzert Op. 64 e - moll mit Stern

      Hallo Tangua,

      ich denke Du meinst sicher die fetzige Stern-Aufnahme mit dem Philadelphia Orchstra / Ormandy (SONY).
      Dies Aufnahme war meine Erste, damals auf einer CBS-LP und ich finde sie bis heute als eine der Spielfreudigsten. Sie müßte von 1958 sein und ist in Stereo.

      *** Auf CD habe ich mir später als Stern-Begeisterter (bei Mendelssohn) die neuere Stern-Aufnahme von 1981 gekauft: Dies ist eine CBS-CD die mit den beiden Beethoven-Romanzen gekoppelt ist. Es spielt hier das Boston SO / Seiji Ozawa (CBS, 1981, ADD).
      Leider ist aber diese alte CBS-CD, die laut CD-Cover 1989 erschienen ist, nirgens mehr zu finden.
      Klangtechnisch ist sie der Ormandy-Aufnahme klar überlegen, orchestral etwas sachlicher als Ormandy, aber nie mit fehlender Energie und Power. Stern damals wie später in TOP-Form !
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Oistrakh, David; Ormandy, Eugene; The Philadelphia Orchestra (1955)


      den 1. Satz fand ich genial, hat mir noch besser gefallen als Stern. Oistrakh spielt sehr dicht mit sehr viel Vibrato, was mich überraschenderweise nicht gestört hat, ich bin eigentlich nicht so der Fan von viel Vibrato, aber es hat für mich nie übertrieben gewirkt. Durch die Dichte ist es auch nie langweilig geworden, es blieb immer spannend, und vor allem, es steckt trotzdem viel Liebe zum Detail drin.
      Der 2. Satz hat mir auch sehr gut gefallen, sehr gesanglich, wirklich toll:)
      Den 3. Satz fand ich nicht ganz so gut wie die ersten beiden, vor allem fand ich sein Staccato etwas zu hart und der Spielwitz von seinem Sohn hat einfach gefehlt.
      Trotzdem alles in allem eine sehr gute Aufnahme:)
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Mendelssohn VC mit Stern und Francescatti

      Hallo Nicolas und alle Mendelssohn-Interessierten,

      in den letzten Tagen habe ich in verschiedene Aufnahmen reinbgehört und muß wirklich sagen, das die Ormandy-Aufnahme mit dem Philadelphia Orchestra (CBS, 1958, AAD) mit Stern wirklich Klasse ist. Auch klangtechnisch nicht übel für die Zeit. Ich habe die Aufnahme in AAD auf einer CBS-Doppel-CD mit dem Bruch-VC1 und dem Dvorak - VC und der Romanze.
      Ormandy erweist sich genau wie in zahlreichen anderen Violinlonzerten, wie das Tschaikowsky - VC, das Sibelius - VC als fabelhafter Orchesterbegleiter, der den Solisten "anzuheizen" versteht und somit eine spannende Interpretation erzielt. Stern als Solist in Bestform !


      **** Eine neue SONY-CD des Mendelssohn-VC mit Zino Francecatti, hat es aber auch in sich. Hier ist George Szell mit seinen Cleveländern ein idealer Begleiter:


      SONY, 1961, ADD (Mendelssohn); 1965, ADD (Tschaikowsky)

      Tempomäßig setzten beide noch eins drauf und gehen straff, wie bei Szell üblich und hochvirtuos zur Sache. Sie vermeiden damit unnötig überromantisches Geschnulze:
      1. Satz 11:19
      2. Staz 06:54
      3. Satz 06:02 ................. Klasse Aufnahme mit Pepp und Spielwitz.
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • RE: Mendelssohn VC mit Stern und Francescatti

      Original von teleton

      **** Eine neue SONY-CD des Mendelssohn-VC mit Zino Francecatti, hat es aber auch in sich. Hier ist George Szell mit seinen Cleveländern ein idealer Begleiter:


      SONY, 1961, ADD (Mendelssohn); 1965, ADD (Tschaikowsky)

      Tempomäßig setzten beide noch eins drauf und gehen straff, wie bei Szell üblich und hochvirtuos zur Sache. Sie vermeiden damit unnötig überromantisches Geschnulze:
      1. Satz 11:19
      2. Staz 06:54
      3. Satz 06:02 ................. Klasse Aufnahme mit Pepp und Spielwitz.


      Die Aufnahme besitze ich auch und finde sie einfach nur schrecklich. Sorry! :A
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Meine (erst) 3 Aufnahmen:

      Mutter/Karajan, X( für mich heute ein böser Fehlgriff aus der ersten Anfangszeit meiner vertieften Beschäftigung mit klassischer Musik X(

      Szeryng/Dorati

      Mullova/Gardiner.

      Mir persönlich gefällt die recht "coole", unromantische Mullova-Aufnahme tendeziell besser, wie überhaupt das Geigenspiel und der Ton von Frau Mullova meiner Idealvorstellung sehr nahe kommen.

      Ich glaube einer unserer Administratoren ist auch Mullova-Fan!
    • Original von jünter


      Mullova/Gardiner.

      Mir persönlich gefällt die recht "coole", unromantische Mullova-Aufnahme tendeziell besser, wie überhaupt das Geigenspiel und der Ton von Frau Mullova meiner Idealvorstellung sehr nahe kommen.

      Ich glaube einer unserer Administratoren ist auch Mullova-Fan!


      Die Aufnahme ist wegen Frau Mullova's Geigenton bemerkenswert, jedoch habe ich Gardiner etwas "steif" in erinnerung!

      Es gibt aber 2 Aufnahmen mit Mullova!

      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • RE: Szell - Francescatti

      Hallo Rachmaninov,

      als ich meinen Thread zu dieser Aufnahme schrieb, hatte ich mir gleich gedacht, da da etwas von deiner Seite kommen würde ... denn Du hast schon mehrfach etwas im Forum über Deine gewisse Abneigung zu Francescatti geschrieben.
      Die Aufnahme besitze ich auch und finde sie einfach nur schrecklich. Sorry!


      :hello Aber das macht nichts, jeder hat seine Vorlieben und mir gefällt diese hochvirtuose Sicht, die auf romantisches Geschnulze verzichtet.
      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • RE: Szell - Francescatti

      Original von teleton
      Hallo Rachmaninov,

      als ich meinen Thread zu dieser Aufnahme schrieb, hatte ich mir gleich gedacht, da da etwas von deiner Seite kommen würde ... denn Du hast schon mehrfach etwas im Forum über Deine gewisse Abneigung zu Francescatti geschrieben.


      Das stimmt nicht!
      Ich habe NIE zezielt etwas gegen Francescatti als solchen geschrieben.
      Mir geht es um DIESE Aufnahme.
      _____

      Administrator: Das Klassikforum