Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande




      Ich habe mir heute mal vorgenommen, Beethovens Sinfonie Nr.6 zu hören.
      Normal lege ich seine Sinfonien selten auf, aber gerade mit dem Beginn der Pastorale verbinde ich ein erhebendes, leichtes und angenehmes Gefühl. Der Programmtitel des ersten Satzes trifft es eigentlich recht gut.
      Sicherlich, wenn Beethoven einen anderen Titel gewählt hätte, hätte ich das vielleicht auch behauptet. Aber der Programmtitel ist nun mal in die Welt gesetzt, hat sich bei mir im Kopf festgesetzt und will da einfach nicht mehr raus.

      Nun stellte sich mir die Frage: Welche Aufnahme soll ich hören?

      Ich hatte zur Auswahl:
      • Karajan 1963
      • Karajan 1984
      • Blomstedt 1977
      • Suitner 1980
      • Rattle 2004
      • Harnoncourt 19?? (Chamber Orchestra of Europe)


      Das Kriterium der Beurteilung war: Bei wem stellt sich das erhebende, leichte und angenehme Gefühl am ehesten ein?
      Man kann auch sagen: Wer stellt den Programmtitel am besten dar?

      Ich habe aus Zeitgründen nur je die ersten 2 Minuten gehört, das hat aber auch gereicht.

      Bevor ich meinen Favoriten präsentiere, will ich fragen, ob Ihr bei der Pastorale genauso empfindet, wie ich. (Heitere Empfindungen / Stellung der Pastorale innerhalb der restlichen Sinfonien)
      Ausserdem würden mich Eure Favoriten interessieren.

      Grüße
      Jürgen
    • RE: Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande

      Nun, ich die 6. Sinfonie gehört nicht zu meinen Lieblingssinfonien Beethovens.

      Aber ich kann Deine Assoziationen gut nachvollziehen:
      Es war 2005 auf der Fahrt nach Lugano; ich habe am Viewaldstätter See übernachtet. Als ich am nächsten, strahlendschönen Morgen losfuhr, lag die 6. Sinfonie (übrigens Harnoncourts Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe) im Player. Das war so ein tolles, erhebendes Gefühl, diese Musik zu hören und durch diese wunderschöne Landschaft (bis auf den Gotthard) zu fahren! Das werde ich nie vergessen!

      Nikolaus.
    • RE: Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande

      Original von nikolaus
      Nun, ich die 6. Sinfonie gehört nicht zu meinen Lieblingssinfonien Beethovens.

      Aber ich kann Deine Assoziationen gut nachvollziehen:
      Es war 2005 auf der Fahrt nach Lugano; ich habe am Viewaldstätter See übernachtet. Als ich am nächsten, strahlendschönen Morgen losfuhr, lag die 6. Sinfonie (übrigens Harnoncourts Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe) im Player. Das war so ein tolles, erhebendes Gefühl, diese Musik zu hören und durch diese wunderschöne Landschaft (bis auf den Gotthard) zu fahren! Das werde ich nie vergessen!

      Nikolaus.


      Es sind diese seltenen Momente, wenn man die Musik nicht nur mit den Ohren hört, sondern die wunderschöne Landschaft, die Sonne und vielleicht noch die frische Luft auf die Sinne wirken, die unvergessliche Musikerlebnisse erzeugen.

      Grüße
      Jürgen
    • Original von Gerion
      Ja, solche Erlebnisse kenne ich auch gut.


      Dem kann ich mich natürlich anschließen. Ich erinnere mich gut daran, was für ein schon fast holistisches Erlebnis es war, als ich vor einigen Jahren einige Tage im stürmigen, aber sonnigen Spätherbst auf der der irischen Westküste vorgelagterten Insel Inishmore war und an einem wunderbaren Tag das Meer betrachtete. Dazu hier ein Pic.

      Aus irgendwelchen Gründen (ich glaube, weil ich im Anschluss an den Urlaub ein Konzert mit gleich genanntem Stück zu geben hatte), hatte ich einen Discman und Orffs "Carmina burana" (im der von mir favorisierten Jochum-Aufnahme) dabei. Ich setzte ihn auf, hörte das große "O Fortuna" und war wie eins mit dieser arachaischen Natur. Ich muss heute immer, wenn ich das Werk höre, an diese Momente denken...

      Aber wir sind ja nicht in einem Thread zu Musik und Natur (obwohl das sicher auch recht interessant wäre), noch bei Orff, sondern bei Beethoven.

      Ich persönlich mag die "Pastorale", vielleicht, weil sie eben nicht so typisch beethovensch ist. Keine innere Dramatik, kein Ringen, keine Vehemenz, keine dynamischen Rückungen, keine Tragik. Stattdessen eben die angesprochene heiteren Empfindungen, Entspannung, Ausgeglichenheit.
      Was für eine Veränderung nach der fünften Symphonie. Beethoven entdeckt das Land neu, einen locus amoenus, allerdings im Zuge Rousseaus. Keine Schäfer, Nymphen und erotische Standardbilder, kein Watteux, kein Rokoko. Dafür quasi "natürliche" Natur (obschon der Hirte ja im Titel des letzten Satzes noch auftaucht) oder zumindest der Ausdruck des Eindrucks, den sie auf Beethoven macht. Man hört in dieser Musik, was Beethoven auch verbal formulierte: "Kindlich freue ich mich darauf (= Aufenthalte auf dem Land); wie froh bin ich, einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können, kein Mensch kann das Land so lieben wie ich." Mich erinnert das immer das den künstlerischen Produktionsprozess, wie ihn der englische Dichter William Wordsworth 1804 in einem seiner schönsten Naturgedichte (= "The Daffodils") beschreibt, nämlich:

      For oft, when on my couch I lie
      In vacant, or in pensive mood,
      They flash upon that inward eye
      Which is the bliss of solitude;
      And then my heart with pleasure fills,
      And dances with the daffodils."

      Erst sehen, erleben, dann sich plötzlich des emotionalen Eindrucks erinnern und das Kunstwerk quasi ungewollt hervorbringen. Ich denke hier begegnen sich beide Künstler, sollte beethovens Symphonie doch erst "Pastoral-Sinfonie oder Erinnerung an das Landleben" tragen. Darum auch mehr empfindung als Malerei.

      Am Ende ist es Beethovens Liebe zur Natur, die den Hörer gefangen nimmt, wobei - und das weist auch schon auf die sich anbahnende romantische Naturauffassung hin (immerhin schreiben wir das Jahr 1808) - nicht nur das Schöne beglückt, sondern auch das Erhabene fasziniert, wie die Hineinnahme des "Gewitters" in seine "Natursymphonie" zeigt.

      Ich kann nur nochmals sagen: Ich höre die "Pastorale" gern, und zwar nicht nur - aber dann besonders gern - , wenn ich mit dem Wagen übers Land in den Urlaub fahre.

      Und welche Aufnahme höre ich? Ganz klar diese:

      :hello Agravain
    • Original von Agravain
      Keine Schäfer, Nymphen und erotische Standardbilder, kein Watteux, kein Rokoko. Dafür quasi "natürliche" Natur (obschon der Hirte ja im Titel des letzten Satzes noch auftaucht) oder zumindest der Ausdruck des Eindrucks, den sie auf Beethoven macht. Man hört in dieser Musik, was Beethoven auch verbal formulierte: "Kindlich freue ich mich darauf (= Aufenthalte auf dem Land); wie froh bin ich, einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können, kein Mensch kann das Land so lieben wie ich."



      Ich habe auch den Eindruck, dass Beethoven hier fast autobiographisch seine eigenen Eindrücke seiner Landausflüge aufs Notenpapier gebracht hat. Und dazu brauchte er keine "Krücken", wie Nymphen oder andere antike Gottheiten. Er wollte lediglich das einfache wie wunderbare, den Duft von frisch gemähtem Gras, nachdem er die letzten mehrgeschossigen Häuser längst hinter sich gelassen hatte. Er saugt die Farben von blühenden Wiesenblumen in sich auf, rastet im Schatten hundertjähriger Eichen und genießt sogar das Aroma von frischem Viehdung.
      Deine Ausführungen, wie auch Dein Zitat, unterstützen mich da.

      Ich habe mal in die von Dir genannte Klempereraufnahme hineingehört und gebe Dir, was die Interpretation angeht, recht. Moderates Tempo und dennoch heiter, Spannung aufbauend.
      Aber die Tonqualität ist hart an meiner Schmerzgrenze. Starkes Rauschen und obwohl es frühes Stereo aus dem Jahre 1957 ist, ein Klangbild wie in einer Einzelgarage aufgenommen. Es stützt mein Vorurteil vieler EMI-Aufnahmen gegenüber.

      Ein Rezensent verwies auf die fast gleichaltrige Decca-Aufnahme unter Pierre Monteux mit den Wiener Philharmonikern. Und siehe da, der Klang ist um eine Größenordnung besser, aber auch die Interpretation sprüht Heiterkeit aus. Da muss ich nochmal nachbohren.

      Nun aber mal zu den Aufnahmen, die ich nicht nur in halbminütigen Schnipseln gehört habe.

      Ich beginne mit meinem Schlusslicht, Harnoncourt, den Nikolaus auch schon erwähnt hat.



      Warum gefällt sie mir nicht? Weil schon das Eingangstempo so niedrig ist, dass keine heiteren Empfindungen aufkommen wollen, eher getragene Dramatik. Möglicherweise sind dabei Details hörbar, die in anderen Aufnahmen untergehen, was diese Aufnahme zumindest aussergewöhnlich macht. Wenn aber der mir wichtig erscheinende Grundgedanke nicht mehr zum Tragen kommt, macht mir die Aufnahme keinen Spaß.

      Es erinnert mich an Harnoncourts Aufnahme von Smetanas "Mein Heimatland", wo er auch Schwierigkeiten hatte, die ländlich-natürliche Frische heiter darzustellen.


      Grüße
      Jürgen
    • Auch wenn man womöglich einem Beethoven-Sinfonien-Muffel nichts glauben sollte :wink , so fiele mir hier als erstes zu nenne doch sofort folgendes ein:

      Erich Kleiber: Concertgebouworkest Amsterdam
      Aufgenommen zwischen 28. und 30. September 1953.

      Gelegentlich stößt man zwar auf Aussagen, dass seine frühere Aufnahme von 1948 mit dem London Philharmonic - obzwar zwei Minuten rascher - die noch ruhendere und schönere und auch noch bessere sei. Neuerdings gibts auch eine Radiomitschnitt mit dem RSO Köln von 1955 (medici). Ich habe beide nie gehört bin aber jedesmal schon bei der 53-Aufnahme fasziniert, wie wunderbar unsentimental, komplex in der Linienführung, aber doch jede für sich durchsichtig ist. Ich finde, der ungewönlich zügige langsame Satz tut der Musik gut.

      Geben tuts sie in verschiedensten Ausgabe. (Ich habe sie einmal in einer Italienischen Serie in Händen bekommen, gemeinsam mit CMv.Weber-Sinfonie Nr. 1.) Keine Ahnung ob die DECCA-Ausgabe der von Archipel klanglich vorzuziehen ist, die Box mit den Sinfonien 3,5,7&9 von Andromeda dürfte vemutlich auf dem Archipel-Material beruhen.

      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von ab ()

    • Original von Jürgen
      Ich beginne mit meinem Schlusslicht, Harnoncourt, den Nikolaus auch schon erwähnt hat.



      Warum gefällt sie mir nicht? Weil schon das Eingangstempo so niedrig ist, dass keine heiteren Empfindungen aufkommen wollen, eher getragene Dramatik. Möglicherweise sind dabei Details hörbar, die in anderen Aufnahmen untergehen, was diese Aufnahme zumindest aussergewöhnlich macht. Wenn aber der mir wichtig erscheinende Grundgedanke nicht mehr zum Tragen kommt, macht mir die Aufnahme keinen Spaß.


      Harnoncourt ist mir hier zwar auch deutlich zu langsam, aber das Tempo ist keineswegs unüblich. Er benötigt für den Satz ziemlich exakt genauso lange wie Klemperer oder G. Wand (13 min mit Wdh.) Furtwängler braucht 11:30 ohne Wdh., was nochmal ein ganzes Stück langsamer ist.
      Abgesehen vom zu langsamen Tempo finde ich den "rustikalen" Charakter bei Harnoncourt ziemlich gut getroffen (liegt u.a. an der Präsenz und Artikulations der Holzbläser und der Bordunstellen in den Streichern). In den anderen Sätzen sind die Tempi ebenfalls durchschnittlich (Aber es ist weder meine Lieblingssinfonie noch meine favorisierte Interpretation).

      Wooster
    • Original von Wooster
      Harnoncourt ist mir hier zwar auch deutlich zu langsam, aber das Tempo ist keineswegs unüblich. Er benötigt für den Satz ziemlich exakt genauso lange wie Klemperer oder G. Wand (13 min mit Wdh.) Furtwängler braucht 11:30 ohne Wdh., was nochmal ein ganzes Stück langsamer ist.


      Du hast recht, das physikalisch messbare Tempo ist hier weniger ausschlaggebend.
      Es ist vielmehr das gefühlte Tempo. Bei Harnoncourt habe ich halt den Eindruck, der Satz fiele bei ihm auseinander.

      Original von Wooster
      Abgesehen vom zu langsamen Tempo finde ich den "rustikalen" Charakter bei Harnoncourt ziemlich gut getroffen


      Aber gerade beim ersten Satz finde ich den "rustikalen" Charakter nicht am rechten Platz. Ich suggeriere mit der Ankunft auf dem Lande eben das Inhalieren von Natur und Landschaft und den damit verbundenen Chill-Out-Faktor, aber weniger das ländlich/dörflich Derbe ("rustikal").
      Beim lustigen Zusammensein der Landleute ist das etwa anderes.

      Nun komme ich zu Karajan (1963/84). Beide Aufnahmen sind nicht unähnlich, im Tempo wie in der Lesart. Die ältere Aufnahme rauscht allerdings recht ordentlich (ist aber noch akzeptabel). Karajan hat von meinen Aufnahmen das höchste Tempo, was daher tänzerisch und leicht herüberkommt. Nachdem ich aber viele Aufnahmen gehört habe, ist es mir eine kleine Nuance zu schnell. Bei mir rangieren beide Karajan-Interpretationen deutlich über dem Durchschnitt.

      Genauso lieb ist mir Suitner mit gemäßigterem Tempo, dennoch die Spannung aufrechthaltend.

      Bei Rattle mit den Wiener Philharmonikern habe ich den Eindruck, es werde lieblos heruntergespielt. Ich konnte nur zweimal anspielen, da ich mir das freiwillig nicht nochmal antun wollte. Ich habe mal gelesen, dass die WP so spielen, wenn sie einen Dirigenten nicht leiden können.
      Dass das hier auch der Fall sein sollte, ist natürlich eine reine Mutmaßung.

      Mein Testsieger heißt Blomstedt. Er braucht für den ersten Satz 9:30 und ist damit nur geringfügig langsamer als Karajan, was aber durchaus hörbar ist. Seine Interpretation ist feinfühlig, sein Ausdruck ist zart aber dennoch deutlich.

      Grüße
      Jürgen
    • Original von Jürgen
      Das Kriterium der Beurteilung war: Bei wem stellt sich das erhebende, leichte und angenehme Gefühl am ehesten ein?


      Angeregt durch Amadés derzeitige Vergleichshörsitzungen (siehe „Was höre ich gerade jetzt“ – Thread)
      möchte ich auf die zu Recht viel gelobte, hier jedoch noch nicht genannte Einspielung von Karl Böhm mit den Wienern von 1971



      hinweisen. Ich besitze noch 3 weitere Aufnahmen der Pastorale:

      Bernstein/NYPO
      Bernstein/WPh
      Blomstedt/StK Dresden,

      aber Böhm ist hier mein eindeutiger Favorit. Jedes mal wenn ich die CD höre bin ich mir wieder aufs Neue sicher: Schöner und stimmungsvoller kann man diese wunderbare Musik nicht spielen.

      Und ich denke so bei mir: Die Welt ist noch nicht verloren, alles wird gut!
    • Original von jünter
      Karl Böhm mit den Wienern von 1971
      (...)
      Schöner und stimmungsvoller kann man diese wunderbare Musik nicht spielen.

      Und ich denke so bei mir: Die Welt ist noch nicht verloren, alles wird gut!


      Meine volle Zustimmung. Das ist eine außerweltlich klangschöne Aufnahme mit einer einmaligen Kombination aus orchestraler Fülle und ätherischer Schwerelosigkeit.
      - quasi die Hummel, die allen physikalischen Gesetzen zum Trotz fliegt ( :hello @ Fairy)

      Ich höre mehr Wiener Philharmoniker als Beethoven, aber in diesem Falle bleibt der Zeigefinger unten - das ist einfach zu betörend.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Nachdem ich drei vergebliche Anläufe unternommen habe, etwas zu diesem Werk zu schreiben, belasse ich es dabei, ohne weitere Begründung zu bemerken, dass es für mich zum Schönsten gehört, das Musikgeschichte hervorgebracht hat. Ich halte es mit Franz Winter, der in seinem Beethoven-Hörbuch mutmaßt, dass die Ankunft auf dem Lande eigentlich für die Ankunft im Paradies stehen soll. Das ist himmlische Musik (ohne Kitsch und Pathos, die bei diesem Attribut in den Sinn kommen könnten.)

      Jedesmal, wenn ich die Pastorale gehört habe, denke ich, dass ich sie eigentlich viel zu selten höre. Da wurde jetzt Abhilfe geschaffen, denn in letzten Tagen habe ich rund drei Dutzend verschiedene Aufnahmen gehört - bezeichnenderweise hat mir dieser Vergleichsmarathon das Werk in keinster Weise verleidet. Die 6. erscheint mir sehr robust gegenüber den unterschiedlichsten Interpretationsansätzen; es gab kaum Aufnahmen, die mir so gar nicht gefallen wollten und bei der Masse sind die vielen "guten" letzlich nur Durchschnitt.
      Um beim Blindtest herauszuragen, muss eine Einspielung etwas Besonders haben und wenn es "nur" die vielleicht wertvollste Besonderheit ist, sich -scheinbar ohne Zutun des Dirigenten- natürlich und selbstverständlich zu entfalten.

      Meine Favoriten:

      Mengelberg / Concertgebouw Orchestra (Live 1940)
      Konwitschny / Gewandhaus Orchester Leipzig (1959)
      Böhm / Wiener Philharmoniker (1971)
      Kegel / Dresdener Philharmonie (1982)
      Norrington / RSO Stuttgart(!) (2003)
      Abbado / Berliner Philharmoniker (2008)

      Mengelberg ist Subjektivität pur: Temposchwankungen, Portamentos, verbogene Phrasierungen, dramatische Gesten. Natürlich "darf" man das heutzutage nicht mehr machen und angesichts der immer öder werdenden Interpretationslandschaft ist das fast zu bedauern. Denn bei Mengelberg wirkt nichts willkürlich, im Gegenteil, es ist in sich ungemein stimmig und manchmal regelrecht erhellend. Ich kann mich der Faszination dieses Konzertmitschnitts nicht entziehen und werde regelrecht in die Musik hineingesaugt.

      Konwitschny und Kegel sind das genaue Gegenteil, das wirkt sehr objektivierend im oben beschriebenen positiven Sinne. Wer einen [Kritikerphrasen-Textbaustein] vom Interpreten weitgehend unverstellten Blick auf das Werk [/Kritikerphrasen-Textbaustein] erhaschen möchte, liegt hier wahrscheinlich richtig.

      Norrington überflutet den Hörer mit einer Fülle an sonst kaum gehörten Details - die Szene am Bach ist mehr Malerei als Ausdruck der Empfindung, da wird Sonnenlicht von Nebelschwaden gebrochen, spiegeln sich Wolken in Gewässen, überall plätschert, brummt, kreucht und fleucht es... Die großen Linien bei der absoluten Gleichberechtigung und röntgenographischen Ausleuchtung aller Stimmen noch zu verfolgen, ist schwierig. Dennoch hat die Aufnahme einen unwiderstehlichen Reiz. Es ist auch spannend zu hören, wieviel bei den "großen" Mainstreamaufnahmen zugunsten einer äußerlichen Dramatik geopfert wird.

      In eine ähnliche Richtung wie Norrington geht Abbado, federleicht und transparent, dabei weder die innere Dramatik noch den großen Bogen aus den Augen verlierend. Das wäre vielleicht die Top-Empfehlung, wäre da nicht...

      ...Böhm, der für mich konkurrenzlos bleibt, weil unter seiner Fuchtel die Anfangsprämisse, dass es sich hier um paradiesische Musik handelt, beglückend in Töne umgesetzt wird.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Lieber Cetay,

      Kegel ist - bisher - meine absolute Spitze, neben Erich Kleiber COA, was der da alles aus der Partitur herausholt! Böhm und Abbado-BP finde ich auch sehr gut. Norrington-SWR dirigiert den zweiten Satz bewegt, ich finde zu bewegt. Merkwürdig ist auch in diesem Satz, dass er die langgezogenen Triller der 1.Geigen ab T.7 immer auffallend einen Ton höher beginnt, dass ist für mich gewöhnungsbedürftig. Am besten gelungen finde ich bei dieser Aufnahme die drei letzten Sätze. Die übrigen genannten Aufnahmen besitze ich auch, habe sie jedoch noch nicht gehört. Bisher sind in meiner Durchschau erst ein Drittel der Aufnahmen begutachtet worden. Mehr als drei oder vier schaffe ich nicht am Tag.

      Gruß Amadé
    • Nun, ich die 6. Sinfonie gehört nicht zu meinen Lieblingssinfonien Beethovens.

      Zu meinen auch nicht. Aber sehr gelungen finde ich die Einspielung in dieser Box:



      Gerade die 6. verträgt meiner Meinung nach diese schlanke Interpretation besonders gut. Das ist leicht, aber nicht flach. Gefällt mir ausgesprochen gut.
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Mit welcher Musik kann man der Frühling schöner begrüßen als mit Beethovens "Pastorale"?

      Ich besitze über 20 Aufnahmen. Meine liebsten sind:



      Heute habe ich mir Furtwänglers Version von 1952 angehört. Technisch eine seiner besten Aufnahmen, verbreitet sie eine selten poetische Stimmung, mit ihren gemessenen Tempi, die jedes Detail auskosten - man sieht eine herrliche Sommerlandschaft vor sich, mit Schmetterlingen, einem murmelnden Bach und Vogelgezwitscher ..... Da spielt es keine Rolle, daß es noch kein Stereoklang ist!
      Ähnlich geht es mir bei Bruno Walter, der vor allem die "frohen und dankbaren Gefühle nach dem Sturm" wunderbar auskostet, und Otto Klemperers Version von 1957 verbreitet ebenfalls eine fröhliche Stimmung. Er wiederholt sogar die Exposition des Kopfsatzes, damals noch eine Seltenheit.
    • Cavaradossi schrieb:

      Mit welcher Musik kann man der Frühling schöner begrüßen als mit Beethovens "Pastorale"?
      Lieber Cavaradossi, ich war heute bei Freunden und wir veranstalteten wieder einmal 'Blindhören' mit klassischer Musik. Und während einer der Pausen standen wir auf der Terrasse und schauten uns den von Gewitterblitzen erleuchteten Nachthimmel an und waren alle der Meinung, dass wir eigentlich nun die Pastorale hören müssten. :)

      Leider kam es nicht dazu. Kennst du Furtwängler Live-Aufnahmen aus dieser Box?



      Wie beurteilst du diese? Ich muss gestehen, ich habe sie lange, lange nicht mehr gehört, könnte mir aber vorstellen, dass v.a. die 1. Version von 1947 ganz besonders intensiv ist, da es das 1. Konzert in Berlin nach dem Kriege war. Und hoch emotionale Momente stachelten ihn ja immer besonders an.

      LG Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Kennst du Furtwängler Live-Aufnahmen aus dieser Box?


      Zumindest ich kenne sie und schätze sie auch, wie alles bei Furtwängler ist sie eine höchst subjektive Angelegenheit.


      Leider ist weder die Aufnahmequalität besonders gut noch ist die Interpretation mit seiner Stockholmer Aufnahme von 1948 auf gleicher Höhe. Wie bei ihm üblich fasst er die 6. zu einem zweisätzigen Werk zusammen aber der große Bogen der z.B. die Stockholmer Aufnahme auszeichnet fehlt fast gänzlich.


      Ich schätze die Interpretation dennoch da sie Zeugnis von seiner letzten Phase ablegt. Allerdings mag ich sie nicht im gleichen Maße wie die schon erwähnte Stockholmer.


      Nun ist aber Furtwängler bei Beethovens 6. ohnehin nicht meine erste Wahl, -das wäre vielmehr Rene Leibowitz mit dem "Royal Philharmonic Orchestra" von 1961-.


      MFG Günther
    • Falstaff schrieb:

      Kennst du Furtwängler Live-Aufnahmen aus dieser Box?
      Lieber Falstaff,

      leider nein. Ich besitze nur ganz wenige Live-Aufnahmen. Obwohl ich kein Technik-Freak bin, stören mich bei Mitschnitten die Nebengeräusche sehr. Vor allem bei älteren Aufnahmen. Furtwänglers Studio-Pastorale aus Wien ist mir gerade deshalb so lieb, weil sie so gut klingt, aber natürlich auch wegen der herrlichen Interpretation. Nie habe ich so viel liebevolle Kleinmalerei erlebt wie in dieser Aufnahme.
      Es gibt aber noch eine, die mit ganz besonders ans Herz gewachsen ist, diese:


      Erich Kleiber mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam (1952).
      Die hat einen ganz anderen Interpretationsansatz, ist aber auf ihre Art genauso fesselnd wie Furtwänglers.
      Kleiber steht mit seiner Lesart René Leibowitz näher, dessen GA ist sehr schätze, aber ich persönlich halte gerade dessen Pastorale für eine der weniger spannenden Versionen. Doch das ist natürlich Geschmacksache.


      Auf die Opernarien komme ich später zurück - mein Sohn steht schon neben mir und will einen Frühlingsspaziergang machen. Bis später!


      LG :hello Cavaradossi