Bruckners Achte

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    • Bruckners Achte

      Die Entstehung

      Der Karajan-Biograph Richard Osborne hat es trefflich formuliert:

      "Bruckners Achte ist so etwas wie der Mount Everest unter den Sinfonien des 19. Jahrhunderts." (Osborne, Richard: Karajan dirigiert Bruckner und Ouvertüren der deutschen Romantik. Begleittext zur Karajan-Aufnahme 1957, EMI 2005)

      Tatsächlich ist die letzte vollendete Symphonie Bruckners von einem Umriss, wie nichts vor ihr. Ich will jetzt nicht allzu viel zur Entstehung sagen, schließlich steht das in (fast) jedem Begleitheft. Aber ein bisschen muss schon sein.:D

      Bruckner begann die Arbeit an seiner Achten im Juli 1884 und schloss die Rohfassung im August 1885 ab. Es begann die Orchestrierung, die er am 03. Juli 1887 abschloss. Inzwischen hatte er auch die Gesamtanlage verändert, indem er die Position von Scherzo und Adagio tauschte. Im September desselben Jahres schickte Bruckner eine Kopie der Partitur an Hermann Levi, wobei die erhoffte Reaktion ausblieb.
      Im März 1889 begann Bruckner eine Umarbeitung der Symphonie, die er im März 1890 abschloss. Nach einigen Startschwierigkeiten wurde die Symphonie dann 1892 veröffentlicht.
      Auch das Werk zur erstmaligen Aufführung zu bringen war nicht ohne Probleme. Levi gab seit 1890 keine Konzerte mehr in München und Felix Weingartner, der erst zugesagt hatte, das Werk zu dirigieren, schob immer neue Gründe vor, um die Aufführung zu umgehen. Schließlich wechselte er nach Berlin. Levi gegenüber gestand er, dass das Werk für das Orchester und für ihn zu große Schwierigkeiten mit sich gebracht hätte.
      Schließlich erklärte sich Hans Richter bereit, das Werk in Wien mit den Philharmonikern aufzuführen. Am 18.12.1892 kam es dann zur Uraufführung. Hier einige Stimmen zur Rezeption:

      Die Fassungen

      Die Achte bringt ein nicht zu vernachlässigendes Fassungsproblem mit, das aus den Umarbeitungen Bruckners resultiert.

      Hier ein grober Überblick

      Originalfassung 1887 (hg. von Leopold Nowak 1972)
      - hier endet der erste Satz im Fortissimo
      - hier steht der Höhepunkt des Adagio noch in C-Dur, später dann in Es-Dur

      Alternativfassung des Adagio 1888 (nicht veröffentlicht)

      Fassung 1890 (hg. von Robert Haas 1939)
      - Haas stellte eine Mischfassung aus den unterschiedlichen Versionen 1887/1890 zusammen, in die er auch selbst kompositorisch eingriff. Obwohl dieses Vorgehen kaum als wissenschaftlich gelten kann, wird die Version auch heute noch viel gespielt. (Georg Tintner im Begleittext zu seiner Aufnahme der Originalfassung 1887 der Achten und der „Nullten“ 1996, Naxos 1998, S. 3: „Robert Haas, the brilliant first editor of Bruckner’s original scores, claimed to know which changes were imposed on Bruckner in this symphony and which of those he himself felt the need for; his version presents the ‘best of both worlds’. He restores sections that were excised from the 1887 version which he rightly considered essential. However his method may be objected from the ‘scientific’ point of view, his is the best of the three versions.” Ähnliche zitiert Ewald Markl Pierre Boulez im Begleittext zu seiner Aufnahme der Achten in der Haas-Version, DG 1996: "Natürlich stellt sich bei der Wiedergabe einer Bruckner-Symphonie stets die Frage, welche Fassung zu bevorzugen sei. Eine Frage mit der sich auch Pierre Boulez konfrontiert sah. Er entschied sich für die Haas-Fassung, weil ihm die Striche der Nowak-Version unnötig erscheinen. 'Das stört manchmal die Symmetrie, die Logik und die Konstruktion." )
      -ganz besonders relevant sind seine Änderungen das Adagio und das Finale betreffend

      Fassung 1890 (hg. von Leopold Nowak 1955)
      - setzt sich von Haas deutlich ab: „Der in der 1. Auflage 1939 von Robert Haas eingeschlagene Weg, an einzelnen Stellen auf die erste Fassung zurückzugreifen, konnte nicht beibehalten werden, weil er irreführende Folgen nach sich zog. Man darf nach den Grundsätzen einer kritischen Gesamtausgabe nicht verschiedene Quellen vermischen; eine so entstandene Partitur entspricht weder der einen noch der anderen Fassung und damit auf keinen Fall dem Willen Bruckners. Es wurden daher alle von Bruckners Hand im Adagio und im Finale verfügten Kürzungen, soweit sie Haas in der 1. Auflage ‚aufgemacht’ hatte, wieder eingeführt. [...] Die Mischungen konnten gleichfalls nicht stehen bleiben, zumal ja alle Korrekturen im Autograph von Bruckner herrühren und keinerlei fremde Hände nachweisbar sind. Daß der Meister hierin den Ratschlägen seiner Freunde folgte, ist hier wie anderwärts eine Tatsache, mit der man sich abfinden muß, die man aber, sobald Bruckner eigene Handschrift vorliegt, nicht abändern darf.“ (Leopold Nowak im Vowort zu: Anton Bruckner Gesamtausgabe. VIII. Symphonie c-moll. Fassung 1890. Wien 1955.

      Fassung 1892 (Schalk/Bruckner)
      - Aufführungsversion, die im Wesentlichen Änderungen in Instrumentation und wenige Kürzungen vornahm.

      Ein Programm?

      Bruckner hat Aussagen bezüglich eines den einzelnen Sätzen unterliegendes Programms gemacht. Natürlich gibt es nicht nur unter Bruckner-Freunden, sondern auch in der Fachwelt immer wieder die Diskussion, ob dieses „Programm“ ernst zu nehmen sei. Die Diskussion gleich hier in der Eröffnung aufzurollen, würde den Rahmen sprengen, darum hier nur die programmatischen Aussagen selbst:

      „Im 1. Satze ist der Trop. – und Cornisatz aus dem Rhythmus des Thema: die Todesverkündigung, die immer sporadisch stärker endlich sehr stark auftritt, am Schluß: die Ergebung.
      Scherzo: Hpth.: Deutscher Michel genannt; in der 2. Abtheilung will der Kerl schlafen, u. träumerisch findet er sein Liedchen nicht; endlich klagend kehrt es selbes um.
      Finale. Unser Kaiser bekam damals den Besuch des Czaraen in Olmütz; daher Streicher: Ritt der Kosaken; Blech: Militärmusik; Trompeten: Fanfare, wie sich die Majestäten begegnen. Schließlich alle Themen; (komisch), wie bei Thannhäuser im 2. Akt der König kommend, so als der deutsche Michel von seiner Reise kommt, ist alles schon im Glanze. Im Finale auch der Totenmarsch u. dann (Blech) Verklärung.“
      (Brief Bruckners an Weingartner vom 27. Januar 1891)


      Bezüglich des Adagios:

      „Über das 1. Thema des 3. Satzes, des mit über 26 Minuten Aufführungsdauer wohl längsten Adagio der Musikgeschichte, soll der Meister gesagt haben, da habe er ‚einem Mädchen tief in die Augen geblickt.’“ (Martin Geck: Von Beethoven zu Mahler. Hamburg 2000. 397.)


      Die Einspielungen

      Ich besitze nur einen Bruchteil der Diskographie und es gibt noch immer die ein oder andere Aufnahme, die mich wahrhaftig interessiert. Folgende Einspielungen liegen mir vor uns alle haben für mich ganz unterschiedliche Qualitäten.

      Furtwängler (1949) 15.17 / 14.14 / 25.13 / 22.22 (Ed. 1890, Ed Furtwängler/Haas)
      Karajan (1957) 17.05 / 16.04 / 27.31 7 26.17 (Version 1890, Ed. Haas)
      Mravinsky (1959): 14.57 / 13.11 / 23.07 / 22.25 (Version 1890, Ed. Haas)
      Jochum (1964): 13:36 / 13:54 / 26:35 / 19:49 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Solti (1966): 15:25 / 14:53 / 25:13 / 21:10 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Horenstein (1970): 15.41 / 14.47 / 25.30 / 25.11 (Version 1890, Ed. Haas)
      Böhm (1976): 14.51 / 14.23 / 27.47 / 23.00 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Wand (1979) 15.44 / 15.04 / 26.10 / 24.24 (Version 1890, Ed. Haas)
      Inbal (1982): 14:01 / 13:26 / 26:47 / 21:09 (Version 1887, Ed. Nowak)
      Tennstedt (1983): 14.16 / 14.01 / 26.02 / 21.03 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Giulini (1984): 17.07 / 16.25 / 29.24 / 24.36 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Rögner (1985): 12:34 / 13:19 / 26:21 / 22:45 (Version 1890, Ed. Haas)
      Karajan (1988): 16:56 / 16:25 / 25:13 / 23:59 (Version 1890, Ed. Haas)
      Maazel (1989): 16:05 / 14:09 / 25.53 / 23:24 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Celibidache (1993): 20:56 / 16:05 / 35:04 / 32:08 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Skrowaczewski (1993) 15:30 / 16:02 / 28:14 / 22.23 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Sinopoli (1994): 17:19 / 15:19 / 27:52 / 25:20 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Haitink (1995) 16.48 / 15.04 / 27.26 / 23.47 (Version 1890, Ed. Haas)
      Boulez (1996): 15.08 / 13.39 / 24.52 / 22.19 (Version 1890, Ed. Haas)
      Tintner (1996) 17.41 / 15.14 / 31.10 / 25.10 (Version 1887, Ed. Nowak)

      Meinen Favoriten gebe ich hier (noch) nicht preis. Allerdings bin ich insgesamt eher ein Freund der ruhigen Herangehensweise, besonders wenn der Dirigent in der Lage ist, die ruhigen Tempi durchzuhalten (besonders im Adagio und im Finale). Des Weiteren bin auch ich – trotz der editorischen Bedenklichkeit - eher ein Freund der Haas-Version, die ich besonders im Adagio als ausgesprochen ausgewogen empfinde.

      So, vielleicht entspinnt sich ja eine interessante Diskussion!

      :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Agravain ()

    • Hallo,

      von Bruckners 8. Sinfonie besitze ich einige Aufnahmen, von denen mir einige richtig gut und andere eher weniger gefallen.

      Beim Kauf der jeweiligen Aufnahmen hatte ich weniger drauf geachtet, ob ich eine Aufnahme mit der Haas-, oder der Nowak-Version kaufe. Für mich spielten da eher so Kriterien, wie Tempowahl und Spannungsbögen eine Rolle.

      Beim Durchsichten meiner Aufnahmen stellte ich eben fest, dass die Aufnahmen der Nowak-Version überwiegen.

      Folgende Aufnahmen habe ich:

      Originalversion 1887:
      - RSO Frankfurt, Eliahu Inbal, Teldec (1982; + 9. Sinfonie mit kompletten Finale)

      - National Symphony Orchestra of Ireland, G. Tintner, Naxos (1996; + 0. Sinfonie)

      Haas-Version 1887/90:
      - NDR Sinfonieorchester, G. Wand, BMG/RCA (1987)
      - NDR-Sinfonieorchester, G. Wand (Video-Mitschnitt vom SHMF-Eröffnungskonzert 2000 und auf CD gebrannt:
      1. Satz: 17:46 / 2. Satz: 16:38 / 3. Satz: 29:15 / 4. Satz: 26:58)

      Nowak-Version (1890):
      - Wiener Philharmoniker, C.M. Giulini, DG (1984)
      - Berliner Philharmoniker, L. Maazel, EMI (1989)
      - Berliner Philharmoniker, N. Harnoncourt, Teldec (2000)
      - Staatskapelle Dresden, G. Sinopoli, DG (1994)
      - Chicago Symphony Orchestra, G. Solti, Decca (1990)

      Bearbeitungen:
      - Orgelversion: Lionel Rogg, BIS (1997)

      Die Aufnahmen mit den Originalversionen sind insofern interessant, dass sie eben einen Einblick auf Bruckners 1. Gedanken und Ideen zu diesem Werk bieten. Im Vergleich zu den späteren Versionen wirkt manches vielleicht noch nicht so ausgereift, strukturiert oder wie auch immer. Bruckners Orginalfassung der 3. Sinfonie finde ich im Vergleich dazu überzeugender. Der Pianissimo-Schluss des 1. Satzes in den späteren Versionen finde ich besser, weil logischer.
      Die beiden o. g. Aufnahmen der Originalfassung sind sicherlich auf einem guten Niveau und auch ambitioniert aber ich würde mir wünschen, wenn z. B. mal die Berliner oder die Wiener Philharmoniker die Originalfassung aufnehmen würden aber bitte nicht mit Thielemann.

      Die beiden Aufnahmen mit der Haas-Version sind zufälligerweise beide mit dem NDR-Sinfonieorchester unter Leitung von Günter Wand. Die Aufnahme von 1987 ist ein Live-Mitschnitt vom SHMF-Abschlusskonzert aus dem Lübecker Dom. Schade, dass diese Aufnahme nicht in der Hamburger Laisz-Halle entstand, weil mich stört der z. T. üppige Nachhall im Lübecker Dom. Ansonsten zeigt Wand in dieser Aufnahme seine unbestrittene Bruckner-Kompetenz. Das hat alles Hand und Fuss und vor allem die Spannungsbögen werden schön aufgebaut.
      Auf dem gleichen interpretatorischen Niveau ist Wands spätere Aufnahme, die, ich glaube vom SHMF-Eröffnungskonzert 2000 aus der Lübecker Musik- und Kongreßhalle stammt. Wand wählt hier insgesamt geringfügig etwas langsamere Tempi im Vergleich zur früheren Aufnahme aus dem Lübecker Dom. Die Tempiunterschiede sind aber nicht gravierend und sie fallen erst recht nicht störend auf.

      Zu den Aufnahmen der Nowak-Version:

      Ich fange mit dem Negativem an: Enttäuscht bin ich von der Harnoncourt-Aufnahme. Ich kann bei Harnoncourt kein Konzept erkennen und das gerade bei ihm, wo er doch bei jedem Werk, das er dirigiert, ausgedachte Ideen hat und er nicht einfach so dirigiert. Das ist klingt für mich uninspiriert, belanglos und damit langweilig. Für mich eine überflüssige Aufnahme. Harnoncourts Bruckner-Aufnahmen der 5. und 9. Sinfonie finde ich um Klassen besser als diese.

      Maazels Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern finde ich etwas besser als Harnoncourts Aufnahme. Allerdings finde ich bei Maazel, dass er zu sehr die schönen Stellen auskostet und dabei den Blick für das Gesamtwerk verliert. Das finde ich insgesamt bestenfalls befriedigend aber auf gar keinem Fall überzeugend. Ich habe den Eindruck, dass Maazel sagte: "Ok, jetzt dirigiere ich halt mal Bruckners 8. Sinfonie, weil ich mal Lust dazu habe..."

      Dann Sinopolis Aufnahme: Für mich ein Highlight und überhaupt hat Sinopoli bei Bruckner (nur seine Aufnahme der 4. Sinfonie kenne ich nicht) seine überzeugensten Orchesteraufnahmen machte und sie gehören damit für mich zu den besten Bruckner-Aufnahmen überhaupt. Sinopolis Fähigkeit, eine Partitur genau zu durchleuchten und Nebenstimmen herauszuarbeiten, erweist sich gerade bei Bruckner als sehr vorteilhaft.

      In Soltis Live-Aufnahme aus dem Leningrader Konservatorium merkt man recht gut die Spannung, die ein Live-Mitschnitt bietet. Manches geht vielleicht auch unter, was zuvor in den Proben besprochen wurde ich halte diese Aufnahme für gelungen, weil Solti den Spannungsbogen sehr gut halten kann. Höchstens im Adagio ist er mir manchmal etwas zu schnell aber im Scherzo und vor allem im Finale gibt es richtig große Momente mit Gänsehautfaktor.

      Giulinis Bruckner-Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern gehören für mich zu den absoluten Super-Aufnahmen. Er schafft die ideale Tempowahl. Langsamer ist vielleicht nur noch Celibidache aber der ist mir zuuuuu laaaangsam. Bei Giulini ist alles organisch in sich aufgebaut. Nebenstimmen werden nicht zugedeckt. Das klingt alles sehr transparent und die Steigerungsbögen klingen bei ihm meiner Meinung nach am überzeugensten. Dazu kommt der phänomenale Klang der Wiener Philharmoniker.


      Eine interessante Randerscheinung ist noch Lionel Roggs Aufnahme einer Orgelfassung der 8. Sinfonie. Bruckner war großartiger Orgelvirtuose und vor allem mit seinen Improvisationen sorgte er international für Aufsehen. Leider hatte Bruckner nur wenige Orgelwerke hinterlassen, so dass diese nur einen ungefähren Eindruck über seine Virtuosität geben. Aus diesem Grund ist die Orgelfassung der 8. Sinfonie ganz interessant, weil so hätte es sich vielleicht angehört, wenn Bruckner selbst dieses Werk auf der Orgel gespielt hätte.

      Meine Favouriten sind also:
      Giulini, gefolgt von Sinopoli, Solti und Wand (2000), die alle auf gleicher Ebene sind.

      Gruß
      Armin
    • Bitte sehr, das Finale so wie es angezeigt ist fest zu kürzen; denn es wäre viel zu lange und gilt nur späteren Zeiten und zwar für einen Kreis von Freunden und Kennern.

      Über die 8. will ich nicht viele Worte verlieren, da haben sich schon genügend Geister im weltweiten Netz darüber ausgelassen. Es findet sich alles, von höchst esoterischen Werkanschauungen (die 8. als Channeling-Botschaft von hohen Lichtwesen) bis hin zu Berichten über ganze Symposien, die sich ausschließlich mit Fragen zur Authenzität der Fassungen beschäftigen, bzw. damit, was überhaupt eine Fassung und was eine Version ist. Ich schlage mich hier auf die Seite der Esoteriker, das erspart mir, darüber nachdenken und reden/schreiben zu müssen und mich statt dessen aufs Hören zu verlegen. :D
      Diese Musik will er-hört werden und kann dann zu einer regelrecht initiatischen Erfahrung werden.

      Wie das obige Zitat verdeutlicht, sind Interpretationsfragen zweitrangig. Bei einer Musik, die für die Zukunft gedacht ist, braucht man sich nicht um Aufführungstraditionen kümmern, ebensowenig um zeitgeschichtliche Bezüge, die von Bruckner zunächst selbst ins Spiel gebracht, aber dann wieder konterkariert wurden. Deshalb als Ergänzung zum Einführungsbeitrag nur noch ein paar Worte zum Thema Furtwängler. Seine Deutung der Achten wurde im März 1949 zwei mal aufgenommen, einmal ohne Publikum für den Rundfunk und einmal live mit Publikum. Die Aufnahmen werden oft durcheinander gebracht. Die unter Brucknermaniacs als besonders legendär geltende, ist die Live-Aufnahme mit Publikum vom 15.03 - deutlich zu erkennen an den Hustern. Das Aufnahmedatum 15.03 wird manchmal auch der ungestörten, aber weniger intensiven Aufnahme vom 14.03 untergeschoben - im Zweifelsfalle also erst mal reinhören. Ab und an sind die Huster doch zu etwas gut...



      Meinen Favoriten verrate ich sofort. Er befindet sich nicht in der Liste des Eröffnungsbeitrags - daraus kenne ich nur die Fettgedruckten; was m.E. für einen Hobby-Hörer total gesponnen ist, angesichts der Tatsache wieviel ungehörte gute Musik es da draussen sonst noch gibt.

      Furtwängler (1949) 15.17 / 14.14 / 25.13 / 22.22 (Ed. 1890, Ed Furtwängler/Haas)
      Karajan (1957) 17.05 / 16.04 / 27.31 7 26.17 (Version 1890, Ed. Haas)
      Mravinsky (1959): 14.57 / 13.11 / 23.07 / 22.25 (Version 1890, Ed. Haas)
      Jochum (1964): 13:36 / 13:54 / 26:35 / 19:49 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Solti (1966): 15:25 / 14:53 / 25:13 / 21:10 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Horenstein (1970): 15.41 / 14.47 / 25.30 / 25.11 (Version 1890, Ed. Haas)
      Böhm (1976): 14.51 / 14.23 / 27.47 / 23.00 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Wand (1979) 15.44 / 15.04 / 26.10 / 24.24 (Version 1890, Ed. Haas)
      Inbal (1982): 14:01 / 13:26 / 26:47 / 21:09 (Version 1887, Ed. Nowak)
      Tennstedt (1983): 14.16 / 14.01 / 26.02 / 21.03 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Giulini (1984): 17.07 / 16.25 / 29.24 / 24.36 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Rögner (1985): 12:34 / 13:19 / 26:21 / 22:45 (Version 1890, Ed. Haas)
      Karajan (1988): 16:56 / 16:25 / 25:13 / 23:59 (Version 1890, Ed. Haas)
      Maazel (1989): 16:05 / 14:09 / 25.53 / 23:24 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Celibidache (1993): 20:56 / 16:05 / 35:04 / 32:08 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Skrowaczewski (1993) 15:30 / 16:02 / 28:14 / 22.23 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Sinopoli (1994): 17:19 / 15:19 / 27:52 / 25:20 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Haitink (1995) 16.48 / 15.04 / 27.26 / 23.47 (Version 1890, Ed. Haas)
      Boulez (1996): 15.08 / 13.39 / 24.52 / 22.19 (Version 1890, Ed. Haas)
      Tintner (1996) 17.41 / 15.14 / 31.10 / 25.10 (Version 1887, Ed. Nowak)

      Mein Favorit ist:
      Knappertsbusch (1955, Live aus der Bayerischen Staatsoper): 12.31 / 13.01 / 21.59 / 22.08 (Version 1890, Ed. Schalk/von Oberleithner 1892)
      Ich vermute, das entspricht der im Einführungsbeitrag genannten Fassung 1892 (Schalk/Bruckner), die dort als eine Aufführungsversion bezeichnet wird und damit mit der Erstdruckfassung identisch sein sollte - hier könnte man jetzt eine Diskussion über Versionen und Fassungen lostreten, aber s.o. :D
      Man achte auf die Zeiten, die keineswegs mit den wenigen Strichen der in der 1892 Version erklärbar sind. Kna peitscht das Orchester durch die Partitur und schafft es trotzdem, die Musik aus einer inneren Ruhe heraus strömen zu lassen. Sein Spannungsbogen ist von heftigen Ausbrüchen und Oasen von kontemplativer Versenkung zerklüftet, aber das ist nur die Oberfläche. Die Tiefendimension jenseits des Sagbaren ist entscheidend, und die erfahre ich in dieser Eindringlichkeit auf keiner anderen mir bekannten Aufnahme.



      Ergänzen will ich noch Lopez-Cobos. Er wird bei Mahler und Bruckner regelmäßig vergessen, gehört für mich jedoch immer an die vorderste Front.
      Lopez-Cobos (1993): 15:17 / 13:51 / 24:38 / 22.19 (Version 1890, Ed. Nowak)
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Ein interessanter Beitrag, den ich gleich zu Anlass nehmen will, zu einigen der Einspielungen, die ich oben genannte habe, etwas zu sagen.

      Zunächst jedoch zum Beitrag selbst:

      Original von Cetay
      Bitte sehr, das Finale so wie es angezeigt ist fest zu kürzen; denn es wäre viel zu lange und gilt nur späteren Zeiten und zwar für einen Kreis von Freunden und Kennern.

      Wie das obige Zitat verdeutlicht, sind Interpretationsfragen zweitrangig. Bei einer Musik, die für die Zukunft gedacht ist, braucht man sich nicht um Aufführungstraditionen kümmern, ebensowenig um zeitgeschichtliche Bezüge, die von Bruckner zunächst selbst ins Spiel gebracht, aber dann wieder konterkariert wurden.


      So kann man's natürlich halten, aber mir will die Argumentation nicht so recht einleuchten, denn Bruckners Zitat macht ja gerade klar, wie sehr er auf Verständnis des Werkes in der Zukunft hoffte. Was blieb ihm - dem so oft Unverstandenen - auch anderes, hatte doch selbst Levi, dem er die glückliche Aufführung der Siebten zu verdanken hatte, der neuen Symphonie gegenüber voller Unverständnis gezeigt.

      Das Verständnis des Werkes offenbart sich aber mittels der Interpretation.
      Was sagte Wilhelm Killmayer doch nach einer Aufführung von Tschaikowskys Fünfter unter dem späten Celibidache in München: "Ich habe das Werk bisher nicht gekannt." Die Interpretation kann der Schlüssel zum Verständnis des Werkes sein, darum finde ich gerade Fragen der Interpretation spannend.

      Hinzu tritt - und dies ist jetzt eine grundsätzliche Haltung Kunst gegenüber - die Frage nach dem autonomen Kunstwerk. Hier können nur Positionen vertreten werden, eine Diskussion ist da oft kaum möglich. Ich bspw. kann nicht anders, als das Kunstwerk in seinem soziohistorisch bedingten Entstehungskontext zu betrachten. Ich habe mich - glaube ich - in irgendeinem anderen Faden schon einmal diesbezüglich geäußert: manchmal beneide ich anderer Hörer um die Unbefangenheit esoterischen Hörens.

      Nun aber zu einigen Einzeleinspielungen.

      Furtwänglers Live-Aufnahme der Achten vom 15.03.1949 mit den Berliner Philharmonikern ist ein Mythos. Und in der Tat, die Einspielung ist ein interessantes Dokument der Bruckner-Auffassung Furtwänglers. Wuchtig drohend im Eingangssatz, mit breitem und elegantem Klang, selten wirklich so markiert, wie Bruckner es vorschreibt. Der zweite Satz ist geprägt von einem geradezu extrem genommenen Gegensatz zwischen Scherzo und Trio. Das Scherzo – eigentlich ja nur „Allegro moderato“ nimmt Furtwängler eher als „con spirito“, ja vielleicht sogar „con fuoco“. Unglaublich schnell das. Anschließend das Trio eher wie ein Notturno, sehr breit, wirklich durch und durch romantisch, biedermeierlich, michel-mäßig.
      Das Adagio ist auch hier Kern der Einspielung. Großräumig, mit weitem Bogen, großer Geste, gleichzeitig höchst verinnerlicht, ausgewogen. Ganz großartig, packend und höchst emotional auch das Finale. Tatsächlich immer noch eine der intensivsten Bruckner-Einspielungen.

      „Wer immer den ‚wirklichen' Karajan sucht – [...] – kann sich eigentlich auf seine Bruckner- und Sibelius-Interpretationen beschränken.“ So Richard Osborne, und diesem Urteil, das ja ein sehr geschmack- und auch gefühlsbetontes ist , kann ich mich im Grundsatz anschließen. Die Einspielung der Achten, die Karajan drei Jahre nach seiner Ernennung zum Dirigenten auf Lebenszeit bei den Berliner Philharmonikern, vorlegt, gibt – so finde ich – ein sehr beredtes Zeugnis von Karajans Vorstellung von Bruckner. Langsame und auch langsam durchgehaltene Tempi (Bruckner gibt ja in der Regel langsame Tempi vor und selbst wenn hier ein „Allegro“ steht, so wird es ja durch das stets beigefügte „moderato“ ja sofort wieder abgeschwächt), weiträumige Entwicklung, mächtige, aber nicht übermächtige oder zu vehemente Ausbrüche und Höhepunkte. Der Charakter dieser Einspielung ist allerdings ein ganz anderer als der seiner späten Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern. Hat jene einen Hauch von verklärter Jenseitigkeit, von jenem „Mysterium“ mit dem Bruckner seine Symphonie gleichsetzte, so ist die Einspielung von 1957 eher düster, bedrohlich, dräuend. Ganz grandios gelingt das Scherzo, das – so scheint es mir - nicht nur den träumerischen Aspekt des „deutschen Michel“ zum Thema nimmt, sondern auch immer im Auge hat, dass diese Figur, mit der Bruckner diesen Satz identifizierte – also die Personifikation Deutschlands – zwar (auch) ein Träumer ist, aber eben auch – wehe, wenn er losgelassen - ein gewaltiger, aggressiver Streiter sein kann. Mir scheint dieser Satz – und mir macht dies diese Aufnahme mehr als deutlich – den Charakter des wilhelminischen Deutschlands gut zu treffen.

      Sehr beeindruckend das Adagio, dessen eingangs gewähltes Tempo Karajan fast durchgehend durchhält. Als Folge kommt es zu einer ganz erstaunlichen Sogwirkung, deren ungeheure Spannung mir immer wieder deutlich macht, warum man Karajans Art zu musizieren auch mit dem Begriff „kontrollierte Ekstase“ umschrieb. Obwohl der Höhepunkt des Satzes, die große Es-Dur Apotheose geradezu herbeigesehnt wird, erlebt man hier ein ganz spektakuläres – ja schon fast erotisches – Hinauszögern, einen Akt musikalischer Selbstbeherrschung. Mich beeindruckt das. Bruckner-Forscher Deryck Cooke zu der Aufnahme: „Sie zeigt die Sinfonie als ein Werk von epischer Größe, ein gewaltiges, sich langsam bewegendes, farbenreiches Schauspiel von ehrfuchtgebietender Schönheit.“

      Mravinsky gelingt 1959 mit den Leningrader Philharmonikern eine ganz andere Art der Deutung entlang jener Parameter, die auch seine Tschaikowsky-Deutungen berühmt gemacht haben. Unprätetiöses Musizieren, sehr straff (im Scherzo für meinen Geschmack allerdings deutlich zu schnell), deutliche Betonung des Rhythmischen. So lässt er beispielsweise die erste Achtel der Triole im Eingangsmotiv ganz deutlich „triolisch“ spielen, sodass hier ein Pulsieren zu Stande kommt, dass in deutlichem Gegensatz zu der verbreiteten schwebenden Darstellung des Motivs (wie z.B. bei Jochum) steht. Mit seiner Darstellung des letzten Satzes knüpft Mravinsky Bruckner an seine Nachfolger an. Da klingt besonders die Arbeit am „Kosakenritt“-Thema schon sehr nach den vehementen Ausbrüchen in Mahlers 6. oder bei Schostakowitsch.

      Jochums 1964 eingespielte Version der Achten lässt die Frage aufkommen, warum seine Bruckner-Deutung manchmal als altbacken oder behäbig bezeichnet werden. Neben Rögner (1985) wählt er im ersten Satz das zügigste Tempo der mir vorliegenden Aufnahmen, auch im zweiten gehört Jochum zu den Schnellen. An mangelndem Drive kann es also kaum liegen. Was im Vergleich zu Solti (s.u.) deutlich wird, ist ein sehr viel eleganterer Streicherklang. Jochum lässt viel binden, bevorzugt eher ein weiches Klangbild und hat vielleicht ab und an etwas zu wenig, was Solti (s.u.) zuviel hat. Auch wenn der Satz deutlich zügiger genommen wird, so wirkt doch – vielleicht auch aufgrund des Klangbildes – nichts gehetzt. Zügig: ja, hektisch oder zerfahren: nein.
      Auch das Scherzo gehört zu den zügigeren. Auch hier wünschte ich mir etwas mehr Zeit, wenngleich Jochum die Takte nach Ziffer „D“ im Trio sehr schön gelingen. Brilliant das Adagio, das bei Jochum – nach einem recht düster-brütenden Einstieg – jenen Klang entwickelt, der mich immer wieder an die quasi-jenseitige Ewigkeit hoher Berge denken lässt, die – man entschuldige meine blumige Ausdrucksweise – immer wieder aus Wolken auftauchen und wieder in ihnen verschwinden. Ich erinnere mich – ein kleiner Exkurs – hier immer genau daran, wie ich als Jugendlicher zu Bruckner gekommen bin, nämlich durch die Tatsache, dass das Adagio als Hintergrundmusik einer Reportage über den Himalaya genutzt wurde. Seitdem habe ich bisweilen Probleme das Bild loszuwerden.
      Leider macht auch Jochum das, was bei der Darstellung des Adagios recht gängig ist (auch Furtwängler macht das so). Ab etwa Ziffer „S“ gibt es ein großes – nicht vorgeschriebenes – Accelerando, ab „V“ dann statt „Etwas bewegter“ deutlich langsamer (!), damit das Ganze nicht auseinander bricht. Wenn ich das höre, habe immer noch einen meiner alten Musiklehrer im Kopf, der stets betonte: Crescendo ist nicht gleich „schnell“ und Decrescendo ist nicht gleich „langsam“. Hier (und vielen anderen Einspielungen) wird jene Gleichsetzung vorgenommen und ich gebe zu, das liegt mir nicht.
      Dafür gehört der Abgesang zum Schönsten, was Jochum überhaupt je dirigiert hat.

      Solti gelingt mit den Wiener Philharmonikern 1966 ein sehr dramatischer erster Satz der Achten. Ohnedies scheinen Dramatik, Wucht und Monumentalität die Eigenschaften zu sein, die Solti bei seiner Deutung des Werkes geleitet haben, auch dort, wo etwas mehr Differenzierung nicht übel gewesen wäre. So ist der zweite Satz schon viel zu flott, mir nicht behäbig genug und geht mir zuviel an Detail verloren. Auch das Trio ist mir nicht „romantisch“ genug, bspw. in der sich herrlich aufschwingenden Figur in den Violinen (T 29 ff.), die von fern noch einmal an Schumann- oder Mendelssohnsche Romantik gemahnt. Außerdem lässt mir Solti zu oft marcato, ja staccato spielen, auch dort, wo es Bruckner nicht vorschreibt. Man kann so Passagen, die entsprechend gestaltet sein sollen, oft kaum mehr von anderen unterscheiden. Völlig fremd bleibt mir Soltis Darstellung des Adagios. Beginnt es an sich einigermaßen durchschnittlich, ähnlich, aber nicht ganz so rhythmusbetont wie bei Mravinksy, so neigt Solti auch hier dazu, oft keinerlei Bögen spielen zu lassen, sondern über weite Strecken stark „markig“, wie es bei Bruckner bisweilen heißt. Auf Anweisung wie „sanft und zart, sehr gesangvoll“ oder „zart hervortretend“ legt Solti nicht so recht wert. Ganz besonders unerfreulich finde ich allerdings seine starken agogischen Freiheiten, besonders die nicht vorgeschriebenen Accelerandi, die bei ihm noch extremer wirken, als bei Jochum. Das Finale ist wiederum recht stimmig, liegt es doch charakterlich nahe an dem, was Solti anscheinend diese Symphonie betreffend vorschwebt.
      :hello

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    • Original von Cetay
      ...angesichts der Tatsache wieviel ungehörte gute Musik es da draussen sonst noch gibt.


      Das bringt mich im Übrigen auf eine Sache, die mich schon seit längerem beschäftigt und die ich schon fast zum Anlass genommen hätte, einen eignen Faden zu eröffnen.
      Die mich zunehmend quälende Frage ist nämlich: Gibt es tatsächlich so viel unerhörte Musik da darußen? Ich erlebe an mir selbst zunehmend das folgende Phänomen: Je mehr Musik ich kenne und kennen lerne, desto kleiner wird das Repertoire an Musik, die mir das Gefühl vermittelt, gut zu sein. Seltsam, gell?
      :hello
    • Original von Agravain

      Original von Cetay
      Bitte sehr, das Finale so wie es angezeigt ist fest zu kürzen; denn es wäre viel zu lange und gilt nur späteren Zeiten und zwar für einen Kreis von Freunden und Kennern.

      Wie das obige Zitat verdeutlicht, sind Interpretationsfragen zweitrangig. Bei einer Musik, die für die Zukunft gedacht ist, braucht man sich nicht um Aufführungstraditionen kümmern, ebensowenig um zeitgeschichtliche Bezüge, die von Bruckner zunächst selbst ins Spiel gebracht, aber dann wieder konterkariert wurden.


      So kann man's natürlich halten, aber mir will die Argumentation nicht so recht einleuchten, denn Bruckners Zitat macht ja gerade klar, wie sehr er auf Verständnis des Werkes in der Zukunft hoffte. Was blieb ihm - dem so oft Unverstandenen - auch anderes, hatte doch selbst Levi, dem er die glückliche Aufführung der Siebten zu verdanken hatte, der neuen Symphonie gegenüber voller Unverständnis gezeigt.

      Das Verständnis des Werkes offenbart sich aber mittels der Interpretation.
      Was sagte Wilhelm Killmayer doch nach einer Aufführung von Tschaikowskys Fünfter unter dem späten Celibidache in München: "Ich habe das Werk bisher nicht gekannt." Die Interpretation kann der Schlüssel zum Verständnis des Werkes sein, darum finde ich gerade Fragen der Interpretation spannend.



      Vielleicht hätte ich deutlicher sagen müssen: Fragen nach der richtigen Interpretation. Bei dieser Diskussion wird gerne das herangezogen, was du als soziohistorisch bedingten Entstehungskontext bezeichnest. Zu Zeiten von XY ist man auf eine bestimmte Art gesessen, hat bestimmte Instrumente benutzt, hat auf eine bestimmte Art phrasiert und artikuliert, die Tempoangaben hatten eine bestimmte Bedeutung und jede Interpretation, die davon abweicht, ist nicht richtig. Bei Bruckner fällt das in gewissem Sinn heraus, weil er sich darum scheinbar wenig Gedanken gemacht hat. Dass er die Fremd-Änderungen an seinen Werken, die sie den damaligen Publikumsgepflogenheiten anpassen sollten, gebilligt hat, zeugt davon, dass er die Essenz für autonom hielt und es den Interpreten der Zukunft überließ, sie zu finden.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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    • Original von Cetay
      Zu Zeiten von XY ist man auf eine bestimmte Art gesessen, hat bestimmte Instrumente benutzt, hat auf eine bestimmte Art phrasiert und artikuliert, die Tempoangaben hatten eine bestimmte Bedeutung und jede Interpretation, die davon abweicht, ist nicht richtig.


      In der Tat halte auch ich das für eine völlig irrwitzige Herangehensweise an Kunst. Ich möchte noch weiter gehen, ja jegliche Hemmung fallen lassen und behaupten: Es gibt keine "richtige" Kunstinterpretation. Es gibt höchstens (und selbst das m.E.) Näherungswerte.

      Zu Kna:

      Wie Du ja in der Übersicht gesehen habe, kenne ich die Aufnahme nicht. Was Du schreibst und auch die Spieldauer der Sätze lässt mich aber auf eine interessante Einspielung schließen, die bald auf meinem "Neuzugangsstapel" liegen könnte. :D
      Was ich von Lopez-Coboz bisher so kenne, finde ich allerdings dermaßen uninteressant, dass ich mich da etwas sträube.

      :hello
    • Original von Armin70
      Die beiden o. g. Aufnahmen der Originalfassung sind sicherlich auf einem guten Niveau und auch ambitioniert aber ich würde mir wünschen, wenn z. B. mal die Berliner oder die Wiener Philharmoniker die Originalfassung aufnehmen würden aber bitte nicht mit Thielemann.


      Warum?

      Maazels Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern finde ich etwas besser als Harnoncourts Aufnahme. Allerdings finde ich bei Maazel, dass er zu sehr die schönen Stellen auskostet und dabei den Blick für das Gesamtwerk verliert. Das finde ich insgesamt bestenfalls befriedigend aber auf gar keinem Fall überzeugend. Ich habe den Eindruck, dass Maazel sagte: "Ok, jetzt dirigiere ich halt mal Bruckners 8. Sinfonie, weil ich mal Lust dazu habe..."


      Tatsächlich? Ich finde, dass dies so ein bisschen die typische Maazel-Kritik ist, die ich, je öfter ich sie für mich überprüfe, immer weniger haltbar finde.
      Gerade die Aufnahme der Achten finde ich ausgesprochen gelungen. Einen etwas umfangreicheren Eindruck steuere ich später bei. Vielleicht ganz interessant zu lesen DIES.

      Dann Sinopolis Aufnahme: Für mich ein Highlight und überhaupt hat Sinopoli bei Bruckner (nur seine Aufnahme der 4. Sinfonie kenne ich nicht) seine überzeugensten Orchesteraufnahmen machte und sie gehören damit für mich zu den besten Bruckner-Aufnahmen überhaupt. Sinopolis Fähigkeit, eine Partitur genau zu durchleuchten und Nebenstimmen herauszuarbeiten, erweist sich gerade bei Bruckner als sehr vorteilhaft.


      Wir sind uns da völlig einig. Mir geht es da wie ganz bei seinen Elgar-Einspielungen. Ich wollte mir in näherer Zukunft einmal seine Mahler-Box gönnen. Kennst Du sie und wenn ja: Wie ist dein Eindruck?

      Giulinis Bruckner-Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern gehören für mich zu den absoluten Super-Aufnahmen.


      Auch hier mein Eindruck in den nächsten Tagen.

      :hello
    • Hallo,

      also mit Thielemanns Aufnahmen kann ich mich nicht so recht anfreunden. Diese lassen mich irgendwie kalt. Höchstens seine Aufnahme von Strauss' "Alpensinfonie" halte ich für gelungen. Aber bei Bruckner finde ich Thielemann nicht so prickelnd. Im Fernsehen sah ich mal einen Mitschnitt von dem Antrittskonzert bei den Münchner Philharmonikern mit Bruckners 5. Sinfonie und mir kam es so vor, als wenn er seinen Vorgänger "Celi" in Bezug auf die Tempi nachahmt. Das war eine sehr zähe Angelegenheit.

      Maazels Aufnahme war meine erste der 8. Sinfonie und anfangs war ich auch sehr zufrieden bis ich dann später Wand hörte. Seit dem habe ich den Eindruck, dass Maazel mehr an der Oberfläche bleibt. Das klingt alles sehr schön, das Blech strahlt und die Streicher verströmen einen seidigen Glanz. Alles in allem ist mein Eindruck von dieser Aufnahme sicherlich "Jammern auf hohem Niveau" aber Wand, Giulini oder Sinopoli packen mich da doch mehr. Abgesehen davon schätze ich Maazel aber sehr und ich mag z. B. seine Mahler- und Sibeliusaufnahmen.

      Von Sinopolis Mahler-Aufnahmen habe ich die der 3., 7. und der 9. Sinfonie + der Kindertotenlieder mit Bryn Terfel und diese gefallen mir ausgesprochen gut. Höchstens das Stimmtimbre der Altistin Hanna Schwarz in der 3. Sinfonie gefällt mir nicht so gut. Ihre Stimme klingt mir irgendwie nasal aber ich bin jetzt nicht der Gesangsexperte und kann es nicht so treffend beschreiben. Jedenfalls mag ich z. B. Christa Ludwigs Stimme bei Bernstein da passender. Sinopoli trifft den Kern von Mahlers Musik sehr gut. Die Partituren leuchtet Sinopoli sehr gut aus und dadurch werden Details hörbar, die ich in anderen Aufnahmen nicht gehört habe.

      Gruß
      Armin
    • Hallo Cetay und ihr anderen Bruckner-Freunde,



      von dieser Aufnahme, die schon fast jahrzehntelang mein Bandarchiv zierte, bevor sie von Orfeo veröffentlicht wurde, bin auch ich sehr beeindruckt. Die spätere Studio-Produktion mit den Münchner Philharmonikern bei Westminster (1963) hat bei weitem nicht diese Dichte. 1951 führte Kna die 8. mit den Berliner Philharmonikern im Titania-Palast auf, er benötigte da 78:30, die Orfeo-Aufnahme von 1955 läuft viel schneller, nämlich 70:14, bei Westminster 85:23. Ich vermute, dass er auf unterschiedliche Fassungen zurückgriff, ich habe das jedoch noch nicht untersucht.
      Auf eine andere wichtige Aufnahme möchte ich hier noch ergänzend sowie empfehlend hinweisen, sie hat Herbert Kegel , m.E. der bedeutendste Dirigent der DDR, mit seinem Rundfunk Sinfonie-Orchester Leipzig aufgenommen.

      Grüße Amadé
    • Original von Amadé
      Auf eine andere wichtige Aufnahme möchte ich hier noch ergänzend sowie empfehlend hinweisen, sie hat Herbert Kegel , m.E. der bedeutendste Dirigent der DDR, mit seinem Rundfunk Sinfonie-Orchester Leipzig aufgenommen.


      Danke für den Tipp. Bin durchaus ein Freund Kegels. Schon die zweite anzuschaffende CD...

      :hello
    • Original von Agravain
      Original von Cetay
      ...angesichts der Tatsache wieviel ungehörte gute Musik es da draussen sonst noch gibt.


      Das bringt mich im Übrigen auf eine Sache, die mich schon seit längerem beschäftigt und die ich schon fast zum Anlass genommen hätte, einen eignen Faden zu eröffnen.
      Die mich zunehmend quälende Frage ist nämlich: Gibt es tatsächlich so viel unerhörte Musik da darußen? Ich erlebe an mir selbst zunehmend das folgende Phänomen: Je mehr Musik ich kenne und kennen lerne, desto kleiner wird das Repertoire an Musik, die mir das Gefühl vermittelt, gut zu sein. Seltsam, gell?


      Das ist eine interessante Frage, die eine eigene Diskussion verdienen könnte. Zumal ich mich das auch immer wieder mal frage, auch aus Platz- und Zeitgründen?

      Sollte man anstatt der 5. (3.? 10.?) Interpretation/CD von Bruckners 8. eher kennenlernen (falls noch nicht der Fall):

      Bruckners 0.?
      Die Sinfonie von Hans Rott?
      eine Sinfonie von Berwald?
      J. Haydns Sinfonie Nr. 52?
      eine Sinfonie von Michael Haydn?
      eine Sinfonie von Krommer?
      eine Sinfonien von Martinu?
      eine Sinfonie von Petterson?
      eine Sinfonie von Onslow?
      x von y?

      Wooster
    • Hallo Wooster
      Diese Fragen habe ich mir auch schon gestellt, zumal ich mich seit einiger Zeit nach den nicht unbedingt gängigen Werken des Klassik-Kanons umsehe. Es gibt in der Tat so manches, was noch mehr gehört werden will.
      Zum Beispiel:
      - Joseph Haydn: Feldparthien, Linos Ensemble, 2003, Capriccio, 67 069
      - Antonio Caldara: XII Sinfonie a Quattro, ars antiqua austria, Gunar Letzbor, 2005 Arcana, A 324
      - Johann Caspar Ferdinand Fischer: Musica Sacra, Rastatter Hofkapelle, Jürgen Ochs, 2007, Carus, 83.172
      - Heinrich Ignaz Franz Biber: Missa Salisburgensis, Musica Antiqua Köln, Reinhard Goebel, Archiv Produktion, 457 611-2

      Viele Grüsse
      Stefan
      "Nur weil Du nicht paranoid bist, heisst das nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind." (Terry Pratchett)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cantus Arcticus ()

    • Angeregt durch diese Diskussion viel mir Karajans Aufnahme von Bruckners 8. Sinfonie ein, die er 1944 mit der Staatskapelle Berlin machte und das Finale sogar in Stereo eingespielt wurde. Vor ein paar Jahren hatte ich mal im Radio etwas über diese Aufnahme gehört.



      Leider ist auf dieser Aufnahme der 1. Satz nicht enthalten. Entweder gingen die Aufnahmebänder verloren oder der 1. Satz wurde damals nicht aufgenommen, was ich aber nicht glaube.

      Interessant finde ich, dass der 4. Satz in Stereo aufgenommen wurde und das 1944. Die Sätze 2 und 3 sind dagegen in Mono.

      Bei Youtube gibt es Ausschnitte des Finale aus dieser Aufnahme zu hören:

      Finale1

      Finale2

      Finale3

      Ich muss zugegeben, dass ich beim Anhören zunächst mehr auf die Klangqualität achtete und diese ist schon erstaunlich in Anbetracht des Alters. Zur Interpretation ist mir aufgefallen, dass Karajan damals recht langsame Tempi wählte aber dies gefällt mir ganz gut. Das Orchester spielt sehr gut.

      Meiner Meinung ein interessantes historisches Tondokument, wobei ich aber auch irgendwie ein mulmiges Gefühl habe wenn ich an die Zeit denke, in der diese Aufnahme damals entstand.

      Gruß
      Armin
    • Original von Cantus Arcticus
      Es gibt in der Tat so manches, was noch mehr gehört werden will.


      Ist das wirklich so? Wie geht das, dass "so manches gehört werden will"? Wer ist da der7die/das Wollende?
      Nähert man sich dem Wesen der Musik durch das Hören von Vielem oder eher durch rekursives Hören von wenigen Stücken? Wie definiert sich ein "Schlüsselwerk"? Sehr schwere Fragen. Vielleicht sollte ich doch einen eigenen Thread eröffnen...?

      :hello
    • Hallo Zusammen
      Ich habe hier noch einen bescheidenen Beitrag zu Bruckners 8ter, denn ich beisteuern kann:



      Eugen Jochum und die Berliner Philharmoniker, Ed. Leopold Novak 1887-90

      Ebenso von ihm:


      Staatskapelle Dresden, 1976, keine Vers. Angabe. Ich vermute mal so aus dem Nichts heraus, dass es die Urfassung sein könnte.


      Und natürlich: Günter Wand, Kölner Rundfunk-Symphonie-Orchester, 1979, 2te Fassung 1890, Ed. Robert Haas.



      Für mich sind diese 3 Einspielungen nahezu gleichwertig, Die Dresdner Einspielung von Jochum ist aber mein Favorit, da sie mich mit ihrer Transparenz und Ausgewogenheit am meisten anspricht.

      Grüsse
      Stefan
      "Nur weil Du nicht paranoid bist, heisst das nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind." (Terry Pratchett)