Bruckners Achte

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Falstaff schrieb:

      Ich habe mehrfach die 8. im Konzert erlebt. Sinopoli, Wand, Celibidache. Sinopoli war damals für mich ein weiterer Grund, Bruckner total abzulehnen. Diese Phase war bedingt durch Konzerterlebnisse, die mich ganz stark an Bruckner zweifeln ließen. Nichtwissend, dass es eher die Interpreten und nicht der Komponist war, der mir diese Musik verdarb. (Allerdings hatte ich noch Jahre später ein Erlebnis mit Sinopoli und der 4., wobei ich fast beim Zuhören kollabiert wäre. Es lag also nicht nur an meiner damaligen Bruckner-Abstinenz. :D )

      Erst Wand, Barenboim, Giulini brachten mir Bruckner wieder näher. Und dann kam:



      Er schaffte es, die 80 Minuten auf gut 120 zu dehnen. (Ich beziehe mich hier nicht auf obige Aufnahme, sondern auf ein Konzert in HH.) Und trotzdem war jede einzelne Minute spannend, erregend, erleuchtend. Celibidache schaffte es, trotz des extrem langsamen Tempos, einen Bogen zu schaffen und entstehen zu lassen, der alle Teile der Sinfonie miteinander verband. Man spürte immer, dass er mit seinem großen Atem eben auch den gedanklichen Bogen hatte, dass er alle Teile intellektuell und emotional verbinden konnte.

      :hello Falstaff


      ich kenne die Aufnahme nicht, aber ich schaue immer wieder auf youtube einen live Mitschnitt der Münchner unter Celi aus Tokyo an, von 1990. Mich fasziniert das völlig. Ich glaube, bei ihm entstehen die großen Linien und Bögen gerade durch das langsame Tempo. Man wird dadurch richtig drin reingesogen und kommt nicht mehr heraus, so geht es mir jedenfalls.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Ich habe mir diese Aufnahme vor ein paar Jahren zugelegt, um nachzuprüfen, was es mit den oft gehörten Attributen wie "meditativ" oder "spirituell" auf sich hat - das Cover will offenbar auch in diese Richtung deuten. Ich empfand sie allerdings als nur langsam. Das war moglichweise meinem stark nachlassenden Interesse an Bruckner geschuldet. Mittlerweile höre ich ihn gar nicht mehr, aber jetzt hab ich doch Lust bekommen nochmal zwei Stunden zu investieren. Ich bin gerade frisch aus Asien zurück und auch wenn es dort vornehmlich ums Geschäft und ums Saufen geht (das ist dort untrennbar miteinander verbunden) nehme ich mir immer Zeit, mich in buddhistischen oder bevorzugter noch in taoistischen Tempeln aufzuladen - insofern ist jetzt ein guter Zeitpunkt. Ich werde berichten. :hello
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Falstaff schrieb:

      Cetay schrieb:

      Ich werde berichten.
      Bin sehr gespannt und hoffe nur, dass nicht der Whiskey die erhoffte Wirkung von Celibidache/Bruckner übernommen hat. ;)
      LG Falstaff

      Das muss kein Entweder-oder sein, sondern kann sich durchaus synergetisch ergänzen, so wie es Komponist und Interpret auf dieser wirklich außergewöhnlichen Scheibe tun. Ich habe extra etwas gewartet, weil ich nach überwältigenden Hörerlebnissen zum übereuphorischen Berichten neige und dann beim Nachhören nicht mehr verstehen kann, was mich da geritten hat. Aber die hier habe ich jetzt drei Mal nachgehört und jedes Mal die selbe vollkommene Befriedigung erlebt. Aslo raus damit:

      Mein früheres Verdikt, diese Interpretation sei nur langsam, nehme ich hiermit ausdrücklich zurück. Das ist der Vorteil, wenn man ein Werk eine Weile nicht mehr gehört hat und ohne Erwartungen herangeht, wie das richtig zu interpretieren sei. Wenn man einfach auf das hört, was sich ereignet, tritt genau der Effekt ein, den Nicolas_Aine beschrieben hat: Man wird (...) richtig drin reingesogen und kommt nicht mehr heraus (...). In der Tat, keine Sekunde des auf 35 Minuten ausgedehnten Adagios (Kna '55 macht es in 22 Minuten) lässt die Spannung nach, im Großen wie im Kleinen. Es ist faszinierend, wie hier mit stoischer Ruhe Schicht für Schicht übereinander gelegt wird und trotzdem stets ein Vorwärtsdrang zu spüren bleibt. Neben dem Tempo ist auch die Klangbalance ein entscheidender Faktor. Gerade so viel Farbe wie nötig, um die Stimmen gut zu differenzieren, aber so wenig wie nötig, um dem ganzen einen asketischen Anstrich zu verleihen und das Ohr auf die Struktur zu lenken. Das ist unfassbar transparent, jedes kleinste Elementarereignis kann mühelos aufgelöst werden – aber es fällt nicht aus dem Großen und Ganzen heraus. Der dritte und entscheidende Punkt: Celibidache entwickelt die Interpretation rein vom Klang her, er beschäftigte sich mit der Physik Schallausbreitung im Raum und ähnlichen Dingen. Die Frage ist nicht, inwieweit das alles Hand und Fuß hat, sondern dass hier offenbar für ideologische Ausdeutungen der Werkidee kein Raum ist – und auch das hört man. Da donnert oder jubiliert kein Blech, da schwelgen keine Streicher. Diese Achte ist einfach.

      Fazit: durch das extrem langsame Tempo, die spezielle Klangbalance und die strenge Objektivität klingt das kaum noch nach Bruckner - zumindest lässt er sich anhand dieser Aufnahme nicht mehr zu Schubert und Beethoven zurückverfolgen. Er steht da wie ein Monolith der völlig aus der Geschichte gefallen ist. Das ist alles andere als Willkür, denn Bruckner war sich bewusst, dass er seiner Zeit voraus war (s. meine Einleitung zum Beitrag Nr. 4). Diese Platte macht es hörbar und steht für mich als Singularität in der Geschichte der Tonaufzeichnung da. Weder leitet sie bei mir bei mir eine Bruckner-Renaissance ein (mir wird ab jetzt ohnehin alles andere als gehetzt und subjektivistisch vorkommen) noch werde ich zum Celibidache-Fan (ich hab Brahms mit ihm versucht, aber da kann auch er nichts ausrichten). Mehr Bruckner oder Celibidache braucht es nicht, aber diese eine ist unverzichtbar.

      Ich bin mir durchaus bewusst, dass das alles wenig Sinn macht, was ich da verzapfe. Aber das ist es, was für mich ganz große von großer Musik unterscheidet. Dem letzten Quäntchen mehr an "Magie" komme ich mit Worten einfach nicht bei und das ist auch gut so.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Cetay schrieb:

      Ich bin mir durchaus bewusst, dass das alles wenig Sinn macht, was ich da verzapfe. Aber das ist es, was für mich ganz große von großer Musik unterscheidet. Dem letzten Quäntchen mehr an "Magie" komme ich mit Worten einfach nicht bei und das ist auch gut so.
      Lieber Cetay, das, was du geschrieben hast, macht durchaus Sinn. Dank an dich für diese eindrucksvolle Analyse. Nuun kannst du sicherlich verstehen, wie ich damals aus Konzert ging. Und auch heute noch, über zwanzig Jahre später, habe ich es als ein wirklich singuläres Konzertereignis im (Körper)Gedächtnis.

      LG Falstaff
    • Benutzer online 1

      1 Besucher