Mel Bonis

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    • Dieser Beitrag wurde ursprünglich für Capriccio geschrieben, aber da ich für die Musik von Mel Bonis gerne Werbung machen möchte, erlaube ich mir, mich selbst zu zitieren und stelle ihn auch hier ins Forum, ich hoffe, das ist okay.

      Wie ich immer wieder gerne erwähne, arbeite ich in einer Musikbibliothek, die auch Konzerte veranstaltet.Vor kurzem war ein Konzert des "Ensemble Mel Bonis" der Kammermusik französischer Komponistinnen gewidtmet. Gespielt wurden Werke von Lili Boulanger, Germaine Tailleferre und Mel Bonis.
      Mir ging es (mal wieder) so, daß ich da saß und "alles gut fand".
      Vor allem die Musik von Mel Bonis war so grandios, daß ich beschlossen habe, das Wenige, was ich über sie weiß, ins Forum zu stellen und ihre Musik jedem dringend ans Herz zu legen. Die ist nämich so wunderschön, daß es völlig gleichgültig ist, ob sie von einem Mann, einer Frau oder einem Marsmenschen geschrieben wurde.

      Mel Bonis wurde als Mélanie Hélène Bonis 1858 geboren, ihr Familie war in keiner Weise musikalisch "vorbelastet", allerdings befand sich im Haushalt ihrer Eltern dennoch ein Klavier, auf dem sie stundenlang klimperte und sich nach und nach die ersten Grundkenntnisse erarbeitete. Als ein Bekannter der Familie ihre musikalische Begabung entdeckt, setzt er sich dafür ein, daß sie Klavierunterricht erhielt, obwohl ihre Eltern dem skeptisch gegenüber standen.
      Als sie, durch einen weiteren Bekannten arrangiert, die Bekanntschaft von César Franck macht, setzt der durch, daß sie
      das Conservatoire Supérieur National besuchen darf. Sie studiert Harmonielehre und Klavierbegleitung, erhält während ihrer Studienzeit zahlreiche Preise. Zu ihren Mitschülern gehört Cladue Debussy. Dennoch sehen ihre Eltern nach wie vor einen "weiblichen" Beruf für sie vor: das Mädchen soll Näherin werden. Kurz danach muß sie das Conservatorium verlassen: sie verliebt sich in einen Komilitonen der um ihre Hand anhält. Ihre streng katholischen Eltern weigern sich einen Musiker als Schwiegersohn zu akzeptieren und verbieten Mélanie den Besuch des Konservatoriums.
      1883 drängt ihre Familie sie in die Ehe mit einem 22 Jahre älteren Witwer mit 5 Kindern: Albert Domange. Mélanie erzieht in den folgenden Jahren seine Söhne, schenkt drei eigenen Kindern das Leben, führt den Haushalt. Gegen 1889 trifft sie ihren ehemaligen Verehrer Amédée Landély Hettich wieder, der sie ermutigt, wieder zu komponieren. Es entstehen vor allem Lieder (die ich noch nicht kenne, aber das soll anders werden...). Da zu jeder unglücklichen Romanze ein Skandal gehört, kommt es auch hier, wie es kommen muß: angeblich soll Madame Domange einem kleinen Mädchen das Leben geschenkt haben, dessen Vater nicht der Herr Gemahl war und das 20 Jahre lang glaubte, ihre Mutter sei ihre Patin. Als sie die Wahrheit erfuhr, soll es zugegangen sein wie in einer italienischen Oper: großes Drama.
      Zwischen 1900 und 1914 entstehen ihre wichtigsten Kompositionen: Kammermusik, Klaviermusik, Orgelwerke, Lieder. Und ihr grandioses 1. Klavierquartett, das bei unserem Konzert gespielt wurde und mich vom Sitz gepustet hat: Glück pur.
      Ich kann Musik nicht mit Worten beschreiben und will es auch gar nicht versuchen, aber ich denke, wenn man das Stück nicht gehört hat, hat man etwas sehr, sehr schönes verpasst. Das Werk ist Jean Gounod (ja, dem Sohn von Charles) gewidtmet. Während der Urauffühurng im privaten Kreis (Mel Bonis saß am Klavier) war Camille Saint-Saens anwesend, nach dem Konzert soll er zu Jean Gounod gesagt haben: „Ich hätte nie geglaubt, dass eine Frau fähig ist, so etwas zu schreiben. Sie kennt alle Tricks unseres Handwerks.“
      Mit dem Beginn des 1. Wletkrieges findet ihre Schaffenskraft zunächst ein Ende: Mel Bonis, die als sehr religiös galt, widtmet sich nun karitativen Werken. Sie kümmert sich um Waisenkinder und Kriegsgefangene und verausgabt sich bis zu völligen Erschöpfung. Es entstehen nur wenige Werke. 1918 stirbt ihr Mann, 1932 ihr jüngster Sohn. Bonis Neigung zu Depressionen wird durch diese Ereignisse verstärkt, dennoch komponiert sie weiter: Kammermusik (u.a. das 2. Klavierquartett), religiöse Werke und Kinderstücke die ihren 15 Enkeln zugeeignet sind. Viele dieser zuletzt entstandenen Werke veschwanden fast sofort danach in der Schublade. In einem Brief an ihre Tochter Jeanne schrieb sie: „Mein großer Kummer: nie meine Musik zu hören.“ 1937 stirbt Mel Bonis im Alter von 79 Jahren in ihrem Haus in der Nähe von Paris.
      Was nun ihre Musik angeht, erlaube ich mir, Auszüge aus der Homepage des "Ensemble Mel Bonis" zu zitieren:

      Eine sehr französische Musik kommt uns hier entgegen, die sich im Paris der Jahrhundertwende entfaltet und entwickelt und ebenso Ausdruck des „postromantisme“ wie des Traditionalismus des Pariser Konservatoriums ist. Aber trotz aller Anklänge an Fauré, Franck und Saint-Saëns hat sie dennoch zu einer eigenen, sehr originellen Musiksprache gefunden, die sogar, wie im Fall der Flöten- und Violinsonate, echte Repertoirelücken schließt. Mit dem Werk und der musikalischen Welt ihrer recht zahlreichen Kolleginnen lässt sie sich nur bedingt vergleichen. Louise Farrenc, stark von der deutschen Klassik und Romantik geprägt, gehört einer früheren, Jeanne Leleu und Germaine Tailleferre gehören einer späteren Generation an, Lili Boulanger und Augusta Holmès haben sich vorwiegend mit den großen Formen, mit Orchester- und Chorwerken verwirklicht. Nur zu Cécile Chaminade ergibt sich eine Parallele durch beider wertvolle Beiträge zur pädagogischen Klavierliteratur.
      Im Umkreis des Impressionismus Debussys
      Das Klavier war ihr ureigenstes Instrument, und am Klavierklang entwickelte Mel Bonis eine außergewöhnliche Experimentierfreude. Vielen ihrer Werke ist anzuhören, dass die harmonischen Neuerungen Debussys – in der Konservatoriumszeit einer ihrer Studienkollegen – sie fasziniert haben müssen, wie es die häufige Verwendung der Ganztonleiter, des Tritonus, der Chromatik und die Fülle der Arpeggien in ihren Werken bezeugen. Gelegentliche Ausflüge in den Impressionismus bestätigen diese Faszination. Dennoch sind Werke wie ihr Klavierstück „La Cathédrale blessée“ trotz aller thematischen Verwandtschaft zu Debussys „Cathédrale engloutie“ und der offensichtlich gewollten Anlehnung an den Impressionismus Debussys von grundlegend anderem Charakter. Debussys Stück ist eine Musik der Unschärfe, Pianissimo-Akkorde zeichnen ein chimärenhaft geheimnisvolles Bild, das sich jeder konkreten Vorstellung entzieht. Mit kräftigen, nur scheinbar willkürlich aneinander gereihten Akkorden wird dagegen bei Mel Bonis die Zerbrechlichkeit auch größerer Strukturen symbolisiert. Diese Musik ist - anders als bei Debussy - konkret, fassbar.
      So sehr sie auch von den impressionistischen Bausteinen gefesselt war, den Weg zum Impressionismus ist Mel Bonis nicht mitgegangen. Die Auflösung bisher gültiger Strukturen zugunsten lockerer Klanggebilde und Harmoniefolgen war nicht ihre Welt. Auch dem Weg Debussys heraus aus der Tonalität stand sie kritisch gegenüber, obwohl sie selbst gelegentlich in ihrer harmonischen Experimentierfreude Grenzen auslotete. Der Verbleib in der Tonalität war für sie Ausdruck innerer Überzeugung; Musik ohne Bauplan, ohne fassbare Strukturen bedeutete Zerfall und Auflösung – die Einflüsse Francks und ihres Lehrers Guiraud blieben für sie lebendig und bestimmend.
      Würdigung
      Mit dem ersten Klavierquartett, den drei großen Sonaten, dem Septett und weiteren Kammermusik- und Klavierwerken von Mel Bonis sind Musikstücke auf uns zugekommen, an denen uns die hohe Kunst des Kompositionshandwerks mit dem Einsatz aller bekannten Mittel der Kontrapunktik und harmonischen Auskleidung von einer Komponistin vorgeführt wird, die sich zudem als begnadete Melodikerin erweist. Walter Labhart hat das 1996 treffend formuliert: „Was sie an musikalischen Werken hinterließ, zeugt von einer großen melodischen Begabung und von einem Naturell, das sich zu konzentrieren verstand und lange an Stücken herumfeilte, die dann infolge ihrer Mischung aus Formvollendung und zarter Expressivität, von instrumentaler Brillanz und fein abgestufter Klangkultur zum Bedeutendsten gehören, was kurz vor oder nach der Wende zum 20. Jahrhundert von komponierenden Frauen geschaffen wurde.“
      Mit ihrer Kammermusik hat Mel Bonis Werke geschaffen, die nicht nur unter dem Blickwinkel der Musik von Komponistinnen eine hervorragende Rolle spielen, sondern sich mit den bedeutendsten Kammermusikkompositionen der damaligen französischen Schule vergleichen lassen und neben den Meisterwerken von Fauré, Saint-Saëns und Debussy bestehen können.
      Dr. Eberhard Mayer, Bern 2000




      melbonis.de

      Der Name "Mel Bonis " war im Übrigen ein Pseudonym das Mélanie Hélène Bonis, spätere Domange gewählt hat, um ihre Identität als Frau zu verschleiern, sei es, um Ärger mit der Familie zu vermeiden, sei es um ungerechter Beurteilung ihrer Musik aufgrund der Tatsache daß eine Frau sie geschrieben hat, zu entgehen
      Eine CD mit Kammermusik von Mel Bonis ist beim Mel-Bonis-Ensemble zu haben, weitere CDs bei amazon.

      Hier kann man Auszüge ihrer Musik hören: mel-bonis.com/
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)

    • Klavierwerke
      Près du ruisseau, Romance sans paroles, Berceuse, Six pièces, Menuet, Pavane, La cathédrale blessée, Sevilliana, Bourrée, Ballade, Barcarolle, Barcarolle-Etude, La chanson du rouet, Il pleut!

      Madeleine Stucki
      (CD, Relief, 1996)

      Aller Ehren wert Madeleine Stuckis Einsatz für diese Musik. Nicht bloß höchsten Repertoirewert zeichnet dieses Album aus - es wird feinfühlig interpretiert, & zwar eine Musik von ganz eigenem Gepräge - zwar im Franck-Fahrwasser & mit hörbaren Anklängen an Faure & die Impressionisten. Doch begibt sich Bonis nie ganz wie Letztere in klangliche Nebelbänke, bewahrt sich ihren klaren, zartherben Charakter - faszinierend! Heraus ragen für mich die düstere "Cathédrale blessée", die vielgestaltige "Barcarolle" & "Il pleut!" - laut Booklet ein seinerzeit (1913) beliebtes Bravourstück, das die "Jardins sous la pluie" aus den Estampes von Bonis' einstmaligem Kommilitonen Debussy persifliert.

      Frau Stucki bringt all das ausgezeichnet zur Geltung, der Klang ist formidabel - leider kein Wort über das Instrument.
    • Kürzlich erst das obige Album mit Bonis' Klavierwerken entdeckt, wollte es der Zufall oder die Vorsehung, daß mir nun diese CD auf einem Stapel bei einem meiner turnusmäßigen Brocki-Streifzüge ins Auge fällt. Ein brutales Kurz-Fazit vorab: dieser Silberling ist interessant, die Solo-Piano-Scheibe ist weitaus interessanter. In ihren Klavierwerken ist Frau Bonis moderner, experimentier-& risikofreudiger.

      Anders als Solitaire kann ich mich für das 1905 entstandene erste Quartett nicht restlos begeistern. Zu sehr herrscht hier der schwelgend-süßliche Ton der Spätromantik vor, dabei deutlich von der Violine dominiert - ihr ist meist die erste Stimme zugedacht. Stellenweise tönt es geradezu salonhaft. Einzig der 2, Satz, Intermezzo, bringt eine annähernde Ausgeglichenheit der Stimmanteile, kammermusikalische Dialoge werden ermöglicht. Auch dringt der energetische rhythmische Puls angenehm ins Ohr.

      Weitaus eigenständiger das 2. Quartett von 1927. In allen denkbaren Belangen machte Bonis hier einen deutlichen Schritt nach vorn: die Harmonik ist lichter, freier, die Sprache sicherer, weniger suchend. Bemerkenswert auch die emotionale Glut & der lebensvolle Drang der 70jährigen Komponistin. Stilistisch bleibt es allerdings ein Werk von gestern, hochromantisch-leidenschaftlich!



      Klavierquartette Nr. 1 B-dur & Nr. 2 D-dur

      Gordan Nikolitch, Violine
      Jean-Philippe Vasseur, Bratsche
      Jean-Marie Trotereau, Cello
      Laurent Martin, Klavier
      (CD, Voice Lyrics, 2000)

      Beste Anwälte dieser Musik sind hier am Werk, es wird angemessen glutvoll musiziert. Die Aufnahmequalität ist gut, wenn auch nicht von letzter Transparenz & Natürlichkeit.