John Cage - Number Pieces

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    • John Cage - Number Pieces

      In den letzten sechs Jahren seines Lebens (1987-1992) schrieb John Cage (*1912) eine Reihe von Stücken, die lediglich durch die ausgeschriebene Anzahl der Aufführenden betitelt sind. Verschiedene Stücke für die gleiche Besetzungsstärke werden durch fortlaufende Exponenten auseinander gehalten. Five^4 ist somit in dieser Reihe die chronologisch vierte Komposition für fünf Spieler.

      Die Nummernstücke sind der Kulminationspunkt einer Entwicklung, die in den 40er Jahren begann, nachdem Cage mit den philosophischen Systemen des Ostens, vor allem dem Zen, in Berührung gekommen ist. Die Einbeziehung von Zufallsoperationen, insbesondere mit Hilfe des chinesischen Orakelbuches I-Ging, waren Ausdruck einer Haltung, die das im Zen wichtige Konzept der Absichtslosigkeit in den kompositorischen Prozess einfließen ließ. Cages Kompositionen wurden immer offener und überließen den Interpreten viele Entscheidungen selbst. Nicht der Komponistenwille, sondern die Schönheit dessen, was sich ereignen mag, machte das Wesen vieler seiner Komposition aus. Mit der radikalen Ausweitung des musikalischen Materials auf Geräusch und Stille wurde die Trennung zwischen Kunst und Leben vollends überwunden und die Einheit, die für die religiöse Auffassung der asiatischen Kultur eine zentrale Rolle spielt, symbolisiert. Das alles findet sich in den Nummerstücken wieder, freilich gesehen durch die Brille der Altersweisheit, die von dem ehemaligen Bürgerschreck John Cage kaum noch etwas erahnen lässt.

      Nach der gemeinsamen Idee hinter den Number Pieces gefragt, pflegte Cage zu sagen, dass die Idee wäre, dass alle verschieden sind. Dennoch kann man einige verbindende Elemente ausmachen, etwa den Gebrauch von so genannten Zeitklammern als kompositorisches Mittel. Jede Stimme verfügt einen Satz von Zeitklammern. Diese legen fest, zu welchem Zeitpunkt der Aufführung mit einem Ereignis frühestens zu beginnen und wann spätestens zu enden ist. (Die Uhr wird damit zum unerlässlichen Hilfsmittel; sie ersetzt die Taktstriche und den Leitwolf.) Ein Ereignis kann in einem Fall völlig unbestimmt, also allein dem Ausführenden überlassen sein, im anderen Fall bis auf einen vierzehntel Mikro-Ton genau notiert und mit präzisen Spielanweisungen versehen sein. Bei manchen Kompositionen sind die Zeitklammern und das Material festgelegt, aber der Interpret kann die Zuordnung selbst vornehmen und auswählen, was er in welchem Zeitraum spielen will. Zeitklammern können fix oder flexibel sein. Im zweiten Fall sind die möglichen Zeitpunkte für den Beginn und das Ende wiederum aus einem Zeitraum auszuwählen. Damit kann je nach Wahl des Ausführenden ein Ereignis über eine große Dauer verteilt gespielt werden oder –wenn sich die Intervalle für Beginn und Ende überlappen- überhaupt nicht stattfinden.

      Im hohen Alter fand Cage, dass seine Probleme nicht mehr von kompositorischer, sondern eher von sozialer Natur seien. Mit dem Number Pieces hatte Cage diese gelöst. Er konnte den Interpreten Freiheiten lassen, ohne dass sie albern werden. Seine Kompositionen boten den Rahmen für ein Zusammentreffen, um verantwortungsvoll (miteinander) zu musizieren ohne sich einer Autorität unterwerfen zu müssen, mit Ausnahme der Zeit. Es ist charakteristisch, dass Cage auf die Frage, wie er überhaupt auf die Idee der Nummerstücke gekommen sei, antwortete, dass er mit der Idee von 30 Minuten begonnen hat.

      Die geschaffene Form der aufgeklärten Anarchie führt keineswegs zwangsläufig zu "misstönenden" Ergebnissen. Auch in dieser Beziehung schöpft Cage aus dem gesamten Fundus. Es gibt Stücke bei denen er die Stimmen so führt, dass meist konsonante Intervalle entstehen, wenn sich mehrere Stimmen überlagern, bei anderen Stücken führt er dagegen die Stimmen in mikrotonalen Intervallen aneinander vorbei, wodurch sich Reibungen ergeben, die nichts mit gewöhnlichen Dissonanzen zu tun haben. Cage verlangt sehr oft mehrfaches Pianissimo; und Spielanweisungen wie "getuscht", "wie ein Naturlaut" oder "wie bei einer Kalligraphie" zeigen, dass es hier nicht darum geht, gegen das Publikum zu komponieren. Dafür lenkt Cage die Aufmerksamkeit des Hörers auf den einzelnen Ton, auf seine Entstehung, seine Wandlungen und sein Verklingen in der Stille, auch hier wieder radikal die östliche Philosophie vertretend und den Einzelton aus seiner für die abendländische Musik charakteristischen Reduzierung auf die Funktionalität innerhalb von horizontalen und vertikalen Intervallen befreiend.

      Die Besetzungsstärke der rund 50 Number Pieces reicht von One (davon gibt es 13 Stück) bis 108. Die überwiegende Mehrheit ist für kammermusikalische Ensembles bis zu zehn Instrumentalisten geschrieben. Bei One^7 erweist Cage noch einmal seiner Sturm und Drang Zeit Referenz, indem er die Instrumentierung offen und den Ausführenden 12 beliebige Klänge wählen lässt. In aller Regel verlangt Cage jedoch eine relativ konventionelle Instrumentierung, da es sich bei den meisten Nummernstücken um Auftragswerke handelt. So finden sich unter anderem Werke für Solo-Cello, Flöte & Piano (Two, das erste Stück der Reihe), Streichquartett, Saxophonquartett, Vokalensemble, Bläseroktett und für 26 Violinen. Bezüglich ungewöhnlichen Instrumentariums verhalf Cage der Sho, einem traditionellen japanischen Rohrblasinstrument, zu einem gewissen Bekanntheitsgrad. Auch das mit Nylonfäden gestrichene Klavier aus Fourteen und Twenty-Six, die mit Wasser gefüllten Muschelschalen aus Two^3 (die andere Stimme ist für die Sho) und die chilenischen Regenstöcke aus Four^3 verdienen eine besondere Erwähnung. Interessierte finden auf der englischen Wikipedia-Seite eine komplette Auflistung aller Besetzungen.

      Der Verbreitung der Nummerstücke ist über die Kreise von Avantgarde-Freunden hinaus bescheiden geblieben. Dies liegt möglicherweise daran, dass man einem Komponisten, der ein stummes Stück "geschrieben" hat, das gleichzeitige plärren lassen von Radios zur Kunst hochstilisierte und mit Stücken für "any number of players performing any kind of actions" die kompositorische Verantwortung den Interpreten zugeschoben hat, von Seiten des konservativen Publikums kaum zutraut, ästhetisch attraktive Musik zu schaffen. Doch das sind die Nummerstücke zweifellos. Ich kenne zwar nur rund ein drittel davon (einige Aufnahmen werde ich zu einem späteren Zeitpunkt vorstellen), aber darunter findet sich kaum etwas, was sich mit Cages zweifellos nicht ganz einfach zu hörenden Werken der 50er vergleichen ließe. Die Nummerstücke sind kontemplativ, zwingen zum aufmerksamen Hinhören und danken es dem besonders an Klängen interessierten Hörer mit einer schier unendlichen Vielfalt an (auch "schönen") neuen Erfahrungen. Wo sonst findet man noch eine Komposition für Englischhorn, 2 Klarinetten, Bassklarinette und Pauke?
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • RE: John Cage - Number Pieces

      Hallo,
      ich mag ja derlei Experimente, daher frage ich mal nach:
      Mich würden am ehesten One und Two interessieren. Was gibt es denn da konkret?
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Heike ()

    • Die wenigen Ones, die ich kenne, gehören nicht zu meinen Favoriten unter den Nummernstücken. One^5 für Piano finde ich etwas dröge. Realtiv bekannt wurde One^8 für Cello in der Aufnahme mit Julius Berger - vielleicht wegen der Werkkopplung mit Sofia Gubaidulinas Preludien. Die CD erhielt seinerzeit gute Kritken. Spezialitäten sind One^9 für Sho, und One^11 (kein Musikstück, sondern ein Film), weil sie gleichzeitg mit Orchesternummernstücken aufgeführt werden (können). Aber damit greife ich schon den Einzelbesprechungen vor. Bei diesen werden auch Two^4 und Two^6 dabei sein.
      Ich darf aber noch um etwas Geduld bitten. :engel

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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Lieber Cetay!
      Zwar habe ich immer noch überhaupt keine Zeit, aber ich will mir nicht nehmen lassen, Dir zu danken für diesen schönen Thread und die gelungene Einführung. Cages wundervolles Alterswerk verdient, einmal ausführlich besprochen zu werden. Vielleicht komm ich ja doch mal noch dazu, auch meinen Senf dazu zu geben. Nochmals vielen Dank!

      Herzlich,
      S A T I E
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Die Zahl der verfügbaren Aufnahmen von Nummerstücken ist überraschend hoch. In den meisten Fällen gibt es mehrere Alternativeinspielungen, was besonders spannend ist, weil nicht nur Interpretations-, sondern auch Realisierungsvergleiche angestellt werden können. Absoluter Primus ist Five (das erste der Stücke für fünf Spieler, die Hochzahl wird in diesem Fall weggelassen), von dem rund 20 Interpretationen vorliegen. Diese stattliche Zahl erklärt sich dadurch, dass die Instrumentierung offen und die Spieldauer mit fünf Minuten sehr kurz ist. Damit können es die unterschiedlichsten Ensembles (auch solche mit ungewöhnlichen Instrumentierungen) ins Repertoire aufnehmen und auf Programm- oder Querschnitt-CDs findet sich immer ein Plätzchen.

      Der Aufbau von Five ist symmetrisch. Jede Stimme hat fünf Zeitklammern, von denen vier variabel sind. Im Zentrum, genau um die zeitliche Mitte herum steht eine fixe Zeitklammer, mit einer fast schon verschwenderischen Anzahl von drei Tönen. Damit entsteht ein Verlauf, der mit Stille oder sehr ruhigen ätherischen Einzelklängen, die sich zu einfachen oder komplexen Akkorden oder gar nicht überlagern, beginnt, dann für eine halbe Minute in plötzliche Aktivität aller Akteure übergeht und danach unvermittelt wieder in den kontemplativen Zustand zurückfällt.

      Der Barton Workshop, ein niederländisches Ensemble, das sich zu einer der feinsten Adressen im Cage-Kosmos gemausert hat, kann gleich zwei Einspielungen aufweisen:



      Auf der Compilations-CD ist eine Version für Klarinette, Flöte, Kontrabass und zwei Schlagzeuger (zum Teil mit gestimmten Instrumenten) zu finden. Die CD bietet einen guten Überblick über alle Schaffensperioden von Cage, allerdings nehmen die "schwierigen" Werke aus den 50ern viel Raum ein und das andere Nummernstück, das 52-minütige Seven^2, ist eine echte Geduldsprobe, so dass ich Einsteigern eher abraten würde. Die andere Aufnahme, die sich in der exklusiven Gesellschaft der vier anderen Fives befindet, ist mit fünf Klarinetten realisiert.

      Gleich zwei Versionen von Five finden sich auf der ganz ausgezeichneten Zusammenstellung, die von einer Kollaboration des Ensemble Avantgarde mit dem Leipziger Streichquartett vorgelegt wurde.
      Eine Ausführung ist mit Klavier (wobei die Saiten mit Rosshaar gestrichen werden) und Streichquartett, die andere mit Flöte, Klarinette, Trompete, Harmonium und Stimme realisert; eine reizvolle Gegenüberstellung von gestrichen und geatmet. Die CD enthält auch die Music for Eight. Die Music for..., in der bereits die Zeitklammern zum Einsatz kommen, kann als Vorstufe zu den Number Pieces gesehen werden. Im Vergleich zu den äußerst reduzierten Nummerstücken wirkt Cage hier noch regelrecht redselig. Zweites Hauptwerk dieser CD ist das unbedingt hörenswerte String Quartet in Four Parts, das 1949/50 noch vor den Zufallskompositionen entstanden ist. Bei diesem Werk kann der Hörer auf faszinierende Weise die Geburt einiger neuer Ideen mitverfolgen - vor einem noch relativ konventionellen Hintergrund.





      Hatten wir nicht mal ein Spiel, bei dem man seine Wünsche an die Plattenabels äußern durfte? Ich wünsche mir als allererstes eine CD randvoll mit Versionen von Five. 15 Stück würden drauf passen! Bei der Instrumentierung wären der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Wie wäre es mit einer vollständigen Gambenfamilie oder dem Versuch mit Englischhorn, Fagott, 2 Saxophonen und Synthesizer einen John-Adams Sound zu konstruieren...
      Ihr Labels der Welt, bitte erhört mein Flehen! :hello
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    • Five^3 und Two^6

      • Ab und an ist der Vorwurf zu hören, die Nummernstücke würden nur wenig kompositorische Substanz besitzen und zum größten Teil von den Leistungen der Interpreten leben. Das einzige, was mir -außer der Frage, ob eine Aufführung nicht immer von den Interpreten lebt- dazu einfällt, ist: na und? Es gibt von den Number Pieces interpretatorisch überragende Einzelaufnahmen, die nie entstanden wären, wenn Cage nicht den Anlass dazu geliefert hätte. Wer dem ein miefiges "das hätte ich auch gekonnt" entgegensetzt, muss sich fragen lassen, warum er es dann nicht getan hat.
      Eine meiner favorisierten Aufnahmen ist die Einspielung von Five^3 für Posaune und Streichquartett mit Monique Buzzarté und dem Arditti String Quartet. Schon alleine das Cover -eine Radierung von Cage mit dem Titel 9 Stones- ist zum niederknien. Das 40-minütige Stück ist mikrotonal komponiert (die Oktave wird in 72 Intervalle geteilt) und die Tonbildung soll so erfolgen, als ob die Töne in die Existenz getuscht werden. Cage hat immer wieder Parallelen zur Kalligraphie gezogen, bei der die Bewegung im dreidimensionalen Raum beginnt und wieder endet und die auf dem Blatt sichtbaren (niemals abgesetzten) Linien lediglich einen Ausschnitt aus dieser fortwährenden Bewegung im Raum darstellen. In diesem Sinne wollte Cage die Töne aus dem höherdimensionalen Raum der Stille kommend verstehen. Während im herkömmlichen Konzertbetrieb der Ton möglichst ansatz- und geräuschlos, quasi auf einmal da sein soll, geht es Cage um die Geburt des Tones, um den Moment des Übertretens aus der Stille in die Welt des Hörbaren. Die Ardittis beherrschen dieses Spielen im äußersten Pianissimo virtuos und ohne Brüche. Wo hört das Bogengeräusch auf, wo fängt der Klang an? Die Fragilität und die Intensität sind atemberaubend und wenn sich diese noch kaum richtig in die Existenz getretenen Proto-Klänge aneinander reiben und Schwebungen induzieren, dann ist das, als ob die Zeit angehalten wird. In diesen Klängen kann man sich bis zum Zustand der meditativen Entgrenztheit verlieren. Wenn das zu abgehoben erscheint, dann verweise ich auf die einen Beitrag weiter oben gezeigte Aufnahme mit dem Barton Workshop (auf der CD mit den Five's), die deutlich bodenständiger ist. Als Werk steht Five^3 jedenfalls auf der Nummerstücke-die-man-gehört-haben-sollte Liste ganz weit oben.



      Eine weitere Schippe drauf setzen Ami Flammer und Martine Joste mit ihrer Realisierung von Two^6 für Violine und Klavier. Das Stück dauert 20 Minuten und hat eine offenere Struktur als viele andere Nummernstücke. Die Zeitklammern sind leer und können von den Ausführenden aus einem Satz von Material selbst gefüllt werden. Die Violine verfügt neben einigen Phrasen über mikrotonale Sechstelton-Akkorde, die im sechsfachen Pianissimo gespielt werden sollen. Das Material für das Klavier besteht aus zufallsgenerierten Variationen über Eric Saties Klavierstück Vexations (ein über 12-stündiges Mammutwerk, an dessen Uraufführung Cage beteiligt war), die äußerst ruhig und langsam gespielt werden. Stille ist für beide Instrumentalisten immer eine Option. Die ohnehin schon kargen Nummernstücke erfahren in Two^6 eine weitere Reduzierung. Das wahrscheinlich letzte vollendete Nummerstück wurde von den beiden Widmungsträgern in Anwesenheit des Komponisten, kurz vor dessen Tod uraufgeführt. Die posthume Einspielung erhält dadurch den Charakter eines Requiems und die unfassbare Intensität und Konzentration, mit der hier gespielt wird, verweist in der Tat in immaterielle Sphären. Die CD enthält noch eine Aufnahme von Four^3 für Violine, 2 Klaviere und 12 Regenstöcke (3 für jeden Spieler). Das Stück wirkt eng verwandt mit Two^6, weil für die beiden Klavierparts ebenfalls die Vexations als Grundlage dienen. Eines der Klaviere soll als "Ferninstrument" abseits, möglich außerhalb des Raumes platziert werden. Auch hier erwächst aus Konzentation und Sparsamkeit eine große Kraft.



      Zu Two^6 existieren zahlreiche Vergleichsaufnamen, von denen ich die mit Irvine Arditti und Stephen Drury ebenfalls sehr empehle, während die bei Brilliant erschienene Einspileung im Vergleich dazu als Bestätigung dienen kann, dass in der Tat die Interpreten das Stück tragen - oder eben auch nicht.

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    • Auf die Frage, ob er glaube, dass ihn sein Werk überdauern werde, sagte Cage, dass er das befürchte, es aber unmöglich sei, alles zu vernichten, es gäbe einfach zu viele Kopien. Ob Cage dabei vielleicht daran gedacht hat, dass sein Spätwerk ausgerechnet in New Age Kreisen gewaltig reüssieren würde? Der latente meditative Charakter vieler Number Pieces wird in Fourteen durch den Einsatz des Bowed Piano noch mal potenziert. Die Saiten des Klaviers werden mit einem behandelten Nylonfaden gestrichen, wodurch ein ätherischer Klang entsteht, der an das Sandawa, welches in besagten New Age Kreisen unter anderem zur Planetentonmeditation eingesetzt wird, erinnert. Der Klang scheint von nirgenwo herzukommen und fügt sich wunderbar in das Cage’sche Konzept der aus der Stille geborgten Töne ein.

      Dem Klavierpart kommt in der Struktur eine besondere Rolle zu. Es hat als einziges Instrument keine leeren Zeitklammern. Zusammen mit der eigenartbedingten klanglichen Dominanz führt das zum Eindruck eines Konzert für Solo und Orchester. Die anderen 13 Stimmen (Flöte, Bassflöte, Klarinette, Bassklarinette, Horn, Trompete, 2 unspezifizierte resonanzreiche Schlaginstrumente, Streichquartett und Kontrabass) spielen meist lange ausgehaltene Einzeltöne oder kurze und kräftige Laute. Dies reflektiert eine weitere Ökonomisierung des Kompositionsstils, zu der sich Cage gezwungen sah, weil er den zunehmenden Aufträgen kaum noch nachkommen konnte, aber niemanden enttäuschen wollte. Er lies einfach die Dynamikangaben weg und gab stattdessen die allgemeine Anweisung, dass die Lautstärke proportional zur Länge der Töne sein soll. Weil für es für jede einzelne Stimme mehrere leere Zeitklammern gibt (die Bassflöte muss sich während des 20-minütigen Stücks mit 5 Einsätzen begnügen), ändert sich die Textur ständig und das Werk gerät zu einer faszinierenden Klangstudie.

      Trotz der großen Besetzung spielt auch bei diesem Stück Stille eine tragende Rolle und vielleicht ist Fourteen eines der besten Bespiele dafür, wie man Stille (die es, wie Cage mit 4’33’’ gezeigt hat, nicht gibt) definiert, indem man sie umspielt. Stephen Drury schreibt im Begleittext zu der gezeigten Aufnahme (mode57): In seinen letzten Kompositionen nahm die äußerste Sparsamkeit (…) einen dramatischen, fast erschütternden Charakter an. (…) die lumineszente Unbeweglichkeit der ausgehaltenen Töne wird eine Metapher für die Stille des Todes.

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    • Die Werke für Sho

      1990 traf Cage in Donaueschingen Mayumi Miyata, eine weltbesten Spielerinnen der Sho. Die Sho ist eine mit 17 (davon 2 stummen) Bambusrohren versehene Mundorgel, die im Gagaku, der höfischen Zeremonienmusik Japans, eine wichtige Rolle spielt. Cage war von der Künstlerin und dem Klang des Instruments angetan. Der ätherisch-körperlose Klang, entfernt an ein Akkordeon in hohen Lagen erinnernd, und die die Möglichkeiten, Cluster (bis zu 6 Töne) zu erzeugen, sowie durch Zirkularatmung Töne sehr lange auszuhalten, machen das Instrument wie geschaffen für die Intentionen der Nummernstücke. Cage machte sich mit den Möglichkeiten des Instruments gründlich vertraut, mit den Einzeltönen und den gebräuchlichen Standardclustern, wie auch mit ungebräuchlichen Tonkombinationen. Am Ende verfügte er über ein Klang-Kompendium, aus dem er durch Zufallsoperationen auswählte und das Material auf die Zeitklammern verteilte. Auf diese Weise entstand zunächst One^9, eine Suite aus 10 Sätzen, die sich über insgesamt 120 Minuten erstrecken. Die Teilung war notwendig, weil die Sho wegen der starken Kondensation nicht länger als 15 Minuten ohne Pause gespielt werden kann. Seinem Hang zur Ökonomisierung folgend, verwendete Cage die identische Suite in Two^3 und fügte lediglich eine Percussionsstimme -zu spielen auf fünf mit Wasser gefüllten Muschelschalen- hinzu. Weiter können 3 beliebige Sätze aus One^9 ausgewählt und mit 108 (das "größte" Nummernstück) zeitgleich gespielt werden, wodurch quasi ein Konzert für Sho und Orchester entsteht. Das ist sehr reizvoll, weil Cage in 108 lange Stillesequenzen eingebaut hat und so eine Kadenzwirkung erzielt wird. (Randbemerkung: 108 kann auch mit One^8 zum "Cellokonzert oder mit Two^3 zum "Doppelkonzert" kombiniert werden.)
      Einen von One^9 unabhängigen Part bekam die Sho in Two^4 für Sho (oder Klavier) und Violine. Der -mit 14-facher Teilung des Ganztons- mikrotonale Violinpart ist fast ausschließlich auf langgezogene Einzeltöne beschränkt, um die sich die Cluster des Begleitinstruments herumwinden.

      Ich finde die Kompositionen für Sho besonders reizvoll. Der friedvoll-meditative Klang des Instruments würde zur kontemplativen Zerstreuung einladen, wären da nicht die -manchmal hart an der Grenze zum schmerzhaften- dissonanten Cluster, die den Hörer zuverlässig auf der Erde halten. Mit Einspielungen auf CD sieht es allerdings schlecht aus. Von One^9 allein gibt es lediglich eine vollständige Aufnahme, die allerdings auf dem Akkordeon (keine allzu fernliegende Wahl) von Edwin A. Buchholz realisiert wurde. Two^3 gibt es meines Wissens nur auf DVD-Audio - ich kenne keine der geannten Aufnahmen.
      Die Widmungsträgerin hat die Konzertversion One^9 and 108 mit dem WDR-Sinfonieorchester sowie Two^4 mit Irvine Arditti an der Violine aufgenommen. (Eine weitere Aufnahme von Two^4 mit Miyata und dem Ives Ensemble ist leider gestrichen.)



      Daneben existiert noch eine Version für Cello und Akkordeon. Die Aufnahme mit Julius Berger und Stefan Hussong schätze ich ganz besonders wegen der intelligenten Kopplung mit Toshio Hosokawas Werk In die Tiefe der Zeit. Letzteres ist eine Feier des einzelnen Tons und seiner individuellen Lebendigkeit und geht den Weg der musikalischen Kalligraphie, den ich in dieser Interpretation auf faszinierende Art ud Weise nachvollziehen kann.

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    • One^11 and 103

      Ich will auf meinem einseitig-kritikfreien Streifzug durch die Welt der Cage'schen Nummernstücke noch eine Spezialität vorstellen.

      One^11 ist eine Komposition für Kameramann. Wie die "Instrumentierung" unschwer vermuten läßt, handelt es sich um ein visuelles Werk. Auf die Frage, was ihn dazu bewegt habe, einen Film zu machen, antwortete Cage, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibe.
      One^11 ist das visuelle Pendant zu dem stummen Stück 4'33'' und soll zeigen, dass Leere nicht existiert. Cage: Der Film wird natürlich über die Wirkung von Licht in einem leeren Raum sein. Aber kein Raum ist tatsächlich leer und das Licht wird zeigen, was darin ist. Und all dieser Raum und dieses Licht werden mittels Zufallsoperationen gesteuert werden. (Quelle: Medienkunstnetz).

      Vermutlich ergeht es One^11 wie 4'33''. Sie werden viel diskutiert und hinterfragt aber wenig gesehen bzw. gehört und reflektiert. One^11 kann zusammen mit 103 aufgeführt werden. In diesem Fall bekommt der Film einen Soundtrack oder die Musik ein Video, je nach Betrachtungsweise. Beide dauern 90 Minuten und haben 17 Teile, aber ansonsten besteht -wie könnte es anders sein- keinerlei Beziehung zwischen den beiden. Der Film wurde von Regisseur Henning Lohner realisiert. Auf der DVD kann aus 2 verschieden Aufnahmen von 103 ausgewählt werden und es ist reichlich Bonusmaterial vorhanden.

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    • Natura abhorret vacuum

      Lieber Cetay,

      ich bewundere die Entschlossenheit, mit der Du - weitgehend ohne Ermutigung oder offen bekundetes Interesse - diesen Faden fortführst.

      Ich vermute, daß Du diesen Film bereits gesehen hast. Meine Fragen: Hast Du alle 90 Minuten gesehen, alles in einem Rutsch und konzentriert? Wie war Dein Eindruck? Was hast Du nebenbei gemacht? Welchen Grund gibt es (außer reiner Neugier), daß ich mir das ansehen und -hören sollte? Ich könnte mir vorstellen, daß das gewisse Eigenschaften erfordert, die in unserer aufmerksamkeitsdefizitären Gesellschaft (ich will mich da nicht ausnehmen) ziemlich rar sind, und deren Besitzer möglicherweise sogar als verschroben gelten könnten.

      Mich erinnert das ein wenig an das Theaterstück "Kunst" von Yazmina Reza (oder so ähnlich). Allerdings - wie gesagt - kenne ich nichts davon und kann somit leider keinen Beitrag zu einer Diskussion leisten.

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Shiki soku ze ku, ku soku ze shiki

      Original von Gamaheh
      Lieber Cetay,

      ich bewundere die Entschlossenheit, mit der Du - weitgehend ohne Ermutigung oder offen bekundetes Interesse - diesen Faden fortführst.

      Och, das bin ich gewohnt. Immerhin gab es vor dir schon zwei Reaktionen, was im Vergleich zu manch anderen Fäden, die ich eröffnet habe (Boulez, Lucier, Lindberg, Killmayer), schon sehr üppig ist. :D

      Ich vermute, daß Du diesen Film bereits gesehen hast. Meine Fragen: Hast Du alle 90 Minuten gesehen, alles in einem Rutsch und konzentriert? Wie war Dein Eindruck? Was hast Du nebenbei gemacht?

      Ich habe ihn gesehen, wie jeden Film. Im (fast) Dunkeln, in Ruhe, konzentriert, am Stück und nebenbei habe ich immer wieder an einem Glas Auchentoshan 12 years genippt (die Marke ist eine Variable, die von Film zu Film anders sein kann oder auch gar nicht auftreten muss). Mein Eindruck war, dass der Film interessanter ist, als 90% von dem, was ich sonst so sehe. Nicht nur die Natur mag keine Leere, sondern offenbar auch das Bewußtsein. Ich habe in diesen s/w Licht- und Schattenspielen bald alles mögliche gesehen, viele Assoziationen gingen in Richtung abstrahierte Natur, etwa Wolken über Mondlicht.

      Welchen Grund gibt es (außer reiner Neugier), daß ich mir das ansehen und -hören sollte?

      Welchen Grund gibt es, diese Frage zu stellen? Ich interpretiere sie so, als ob du von Kunst etwas erwartest, etwas haben willst (das könnte der Wunsch sein, berührt zu werden oder die Suche nach intellektueller Ansprache oder gar die Hoffnung, befreit und erhoben zu werden). Ich glaube, dass Kunst so funktionieren kann, denke aber, dass das nicht der einzige Zugang ist. Für das unmittelbare Erleben ist Absichtslosigkeit der Schlüssel. Ich fürchte, ohne diesen Schlüssel gibt es kaum einen Grund, sich den Film anzusehen oder sich überhaupt mit Cage zu beschäftigen. Andererseits kann die Beschäftigung mit Cage diesen Schlüssel liefern; das ist Ausnahmsweise mal kein Kreis aus dem man schwer herauskommt, sondern in den man schwer hineinkommt.

      Ich könnte mir vorstellen, daß das gewisse Eigenschaften erfordert, die in unserer aufmerksamkeitsdefizitären Gesellschaft (ich will mich da nicht ausnehmen) ziemlich rar sind, und deren Besitzer möglicherweise sogar als verschroben gelten könnten.

      Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen ihre Erwartungen an einen Film (wie auch an ein Buch oder ein Musikstück) negativ formulieren. Keine "unnötige" Gewalt, keine Pornographie, keine aussschweifenden Dialoge, keine Politik... und dann gerne noch mit dem Zusatz "so etwas sehe ich mir grundsätzlich nicht an". Das nenne ich verschroben. In diesem Sinne müsste One^11 eigentlich ein breites Publikum finden, denn zumindest wird niemand mit etwas belästigt, das er nicht sehen will. Aber keine Handlung, keine schönen Bilder, das ist dann offenbar wieder zu wenig. Wir schneiden uns aus der Kunst-Realität immer genau den schmalen Teil heraus, der uns beliebt. Hinterfragt wird das selten, stattdessen werden die zerschnittenen Reste ignoriert, offen abgelehnt oder gar bekämpft. Künstler wie Cage, die anregen könnten, das zu hinterfragen, gehören zu den von vorne herein Weggeschnittenen - das ist der fast schon tragisch-paradoxe Witz an der Sache. (Man könnte natürlich mit gleichem Recht hinterfragen, warum man seine Selektion überhaupt hinterfragen sollte, anstatt sich daran zu erfreuen, dass einem der Ausschnitt das gibt, was man erwartet.)
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    • Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen ihre Erwartungen an einen Film (wie auch an ein Buch oder ein Musikstück) negativ formulieren. Keine "unnötige" Gewalt, keine Pornographie, keine aussschweifenden Dialoge, keine Politik... und dann gerne noch mit dem Zusatz "so etwas sehe ich mir grundsätzlich nicht an". Das nenne ich verschroben.


      :times10

      Wenn man Menschen fragt, was sie denn stattdessen sehen (hören) möchten, dann wird es ja richtig interessant!
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Ich merke immer wieder, dass mir Cages Werke aus den 70ern und frühen 80ern lieber sind als die späten "Number Pieces". Ohne dass ich diese also speziell aufgesucht habe, sammelt sich natürlich auch so einiges davon an. Zum Beispiel:

      Two² for two pianos

      (Die Aufnahme durch die Widmungsträger Edmund Niemann und Nurit Tilles gibt es bei amazon als Bezahldownload für 77 Cent. Nicht so teuer für eine halbe Stunde gute Musik.)
      Two² handelt von einzelnen langen Liegetönen im Bass und Akkorden in Mittellage und Diskant. Das Haltepedal spielt eine große Rolle, trotzdem entsteht kein Klangbrei - das Stück ist langsam genug, dass das Verklingen, Weiterklingen und Sich-Überlagern der Töne nachvollzogen werden kann, ohne dass der Sound zu dick wird. Two² arbeitet sehr viel stärker mit repetitiven Elementen, Melodiefetzen und stellenweise sogar harmonischen Elementen als die großartigen "Etudes Australes", an die es entfernt erinnert, und ist dadurch wahrscheinlich für manchen eingängiger, für mich aber auch deutlich langweiliger als jene.

      Two5 for trombone and piano

      "Two5" hat mich genervt. Ewig lange Liegetöne in der Posaune, dazu meist Dreiklänge im Klavier, lange Pausen. Bei "Two5" hatte ich erstmals den Eindruck, dass der späte Cage manchmal auch ein bisschen in Routine versackte. Oder liegt's an der Interpretation? Kann ich mir nicht vorstellen: Fulkerson ist als Mitglied des "Barton Workshops" Teil eines der inspiriertesten Ensembles für neue Musik.

      Grüße
      vom Don
    • Original von Don Fatale

      "Two5" hat mich genervt. Ewig lange Liegetöne in der Posaune, dazu meist Dreiklänge im Klavier, lange Pausen. Bei "Two5" hatte ich erstmals den Eindruck, dass der späte Cage manchmal auch ein bisschen in Routine versackte. Oder liegt's an der Interpretation? Kann ich mir nicht vorstellen: Fulkerson ist als Mitglied des "Barton Workshops" Teil eines der inspiriertesten Ensembles für neue Musik.

      Grüße
      vom Don


      Routine kann man sicher nicht wegleugnen, da die meisten Nummernstücke Auftragskompositonen waren und schnell fertig werden mussten, um rechtzeitig für die Feierlichkeiten zu Cages 80. Geburtstag einstudiert zu sein - leider ist der Tod des Protagonisten dazwischen gekommen. Allein 15 Number Pieces entstanden in der zweiten Jahreshälfte von 1991.

      Die Cage-Interpretationen durch den Barton-Workshp wirken auf mich (zu) ernst und korrekt. Mir scheint, Fulkerson will keinerlei esoterische Assoziationen aufkommen lassen und hält sich sklavisch an Cages alte Idee der Entsubjektivierung. Mir sagt diese staubtrockene Leseart weniger zu. Ob das immer im Sinne des Komponisten ist, weiß ich nicht. Immerhin hat Cage einmal über seine Nummerstücke gesagt: I'm finally writing beautiful music. Bei Fulkerson und dem Barton Workshop höre ich davon wenig.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Was Fulkerson betrifft, stimme ich dir zu, und offenbar haben wir ähnliche Erwartungen an eine gelungene Cage-Interpretation. Das Zitat trifft es genau - beautiful music sollte eben auch beautifully performed werden...
      Für den Barton Workshop in toto möchte ich aber das Verdikt des staubtrockenen Musizierens nicht gelten lassen. Eines meiner Lieblings-Nummerstücke ist "Seven²" in der Interpretation eben dieses Ensembles:



      "Seven²" ist ein Fest für die Freunde von Tieftönern: es ist geschrieben für Bassflöte, Bassklarinette, Bassposaune, Percussion, Cello und Kontrabass. Die zwei Perkussionisten sollen "any very resonant instruments" benutzen. Gewidmet ist das 1990 entstandene Werk den deutschen Musikpublizisten Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn. Dauer in dieser Aufnahme rund 52 Minuten. - Auch hier überwiegen lang ausgehaltene Töne, aber die Instrumentalisten (bis auf Fulkerson, der in der Tat auch hier etwas eintönig rüberkommt - war mir vorher gar nicht so aufgefallen) bieten eine große dynamische Bandbreite, viele crescendi und decrescendi, viel gefühlvolles Vibrato. Ich liebe dieses schwingende Ineinanderübergehen und Sich-Überlagern der tiefen Töne in dieser Aufnahme sehr!



      "Three" ist geschrieben für "a variety of recorders", also alle möglichen Blockflöten. Widmungsträger sind die drei Damen des Ensembles "Trio Dolce", von dem auch die vorliegende Aufnahme stammt. Sie haben während des Spiels ständig die Instrumente zu wechseln (Spieler 1 hat Sopranino, Sopran, Alt und Tenor; Spieler 2 Sopranino, Sopran, Alt, Tenor, Basset und Bass; Spieler 3 Sopran, Alt, Tenor, Basset und Großbass). "Three" besteht aus 11 Sätzen; die beiden äußeren (mit "1" und "2" betitelt) sind obligatorisch, über die Ausführung oder Nichtausführung der mittleren neun, A bis I, entscheiden die Interpreten (oder der seinen CD-Player entsprechend programmierende Hörer). - Blockflötenklänge mag ich gerne, Spitzentöne der Sopranino aber, die etwa bei einem Vivaldikonzert nur mal kurz angetippt werden, sind ziemlich hart zu hören, wenn sie im forte lang ausgehalten werden. Deshalb ist "Three" teilweise eine recht schmerzhafte Angelegenheit. "Trio Dolce" gehören eher zu der staubtrockenen Aufführungstradition, ein bisschen Vibrato und etwas mehr dynamische Abwechslung hätte der Aufnahme gut getan. So hat man oft eher den Eindruck, einem Orgelstück zu lauschen. Orgel ist auch okay, aber Blockflöte könnte eben was anderes sein.

      Grüße
      vom Don
    • Der Schlagzeuger Glen Freemann ist einer loyalsten Anwälte von Cages Spätwerk. Seit 1998 bringt er auf seinem eigenen Label OgreOgress in loser Folge Ersteinspielungen von Nummerstücken heraus; bisher gibt es 9 Volumina. Eine Übersicht -das ist ein Fremdwort für die Website des Labels- findet man bei cdbaby. Um das bei den große Besetzungen erfordernden Stücken in einem überschaubaren finanziellen Rahmen zu halten, wurde auf einen nicht ganz astreinen Trick zurückgegriffen. Die Inhalte der Zeitklammern wurden lediglich von einer Handvoll von Spielern aufgenommen und dann im Overdub-Verfahren zusammengeschnitten. Die Diskussion, ob das die Zustimmung von Cage gefunden hätte, überlasse ich den Puristen. Interessanter ist das hörbare Ergebnis und das ist in einigen Fällen nicht weniger als überwältigend.

      Die Stücke für 20er-Besetzungen unterscheiden sich stark von den meisten anderen Kompositionen der Serie. Cage-untypisch gibt es hier keinerlei Momente der Stille; die Zeitklammern sind so gesetzt, dass ein konstanter Drone entsteht. (Weitere solche Ausnahmen im Oeuvre sind Three^3 und Six, auch bei OgreOgress zuerst eingespielt). Twenty-Six, Twenty-Eight und Twenty-Nine bilden ein Baukastensystem. Das Erste ist für 26 Violinen gesetzt, beim Zweiten kommen 28 Bläser zum Einsatz und das Letzte bedient die unteren Streicherregister und die Schlagzeuger inklusive der Cage'schen Spezialität, dem gestrichenen Klavier. Konsequenterweise können die 3 Stücke jedes für sich und in allen möglichen Kombinationen aufgeführt werden und das wurde von Freemans Truppe komplett realisiert:


      I. Twenty-Six // II. Twenty-Nine // III. Twenty-Eight; Twenty-Eight mit Twenty-Six; Twenty Eight mit Twenty-Nine // IV. Twenty-Six mit Twenty-Nine; alle 3 zusammen.

      Strukturell ist das jeweils dasselbe (Drone + Drone = Drone), der Reiz zwischen den Stücken liegt in der jeweils anderen Klangkonstellation und innerhalb der Stücke sind es die kaum merklich, aber ständig changierende Feintextur und die meditative Kraft des Drone, die die Aufmerksamkeit locker über eine halbe Stunde auf sich ziehen können. Das klingt mehr nach DarkAmbient oder AmbientDrone als nach zeitgenössischer Avantgarde, allerdings kenne ich aus erstgenannten Genres wenig, dass die hier berührte spirituelle Tiefendimension ähnlich weit auslotet.

      In diesem Punkt setzen die auf 108 basierenden Aufnahmen noch eins drauf. Trotz der großen Besetzung ist hier Stille wieder omnipräsent; es gibt in 108 ausgedehnte Passagen, in denen nichts zu hören ist. Ich habe nicht nachgestoppt, ob die drei langen Tecet-Sequenzen zusammen 4 Minuten und 33 Sekunden ergeben, aber die Größenordnung stimmt auf jeden Fall und dass das Werk 43 Minuten und 30 Sekunden lang ist, gibt einen weiteren Fingerzeig auf Cages Magnum Opus. Auch 108 kann mit verschiedenen anderen Stücken kombiniert werden. Auf die Einspielung von One^9 and 108 für Sho und Orchester habe ich schon weiter oben hingewiesen. OgreOgress hat inzwischen die Version für Orchester allein, die Version mit Solo-Cello (One^8 and 108) und das "Doppelkonzert" für Sho, Percussion und Orchester (Two^3 and 108) vorgelegt. Das ist eine dieser CDs (bzw. in diesem Fall 96kHz|24bit Audio DVD), bei der mir die Worte wegbleiben, die das Erleben auch nur annähernd adäquat beschreiben könnten. Besonders im "Cellokonzert" gibt es haufenweise jene magischen Momente, die mir ein inneres Lächeln in die Seele zaubern und das Gefühl vermitteln, dem Vorecho von Liedern jenseits der Menschen bei Paul Celan (Fadensonnen, 1965) zu lauschen.

      "Fadensonnen über der grauschwarzen Ödnis
      Ein baum-hoher Gedanke
      greift sich den Lichtton
      Es sind noch Lieder zu singen jenseits
      der Menschen."

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    • Vor rund 7 Jahren habe ich in diesem Faden vermeldet:

      Cetay schrieb:

      Two^3 gibt es meines Wissens nur auf DVD-Audio
      Wu Wei und Stefan Hussong haben diese Lücke mittlerweile geschlossen und eine vollständige Einspielung vorgelegt. Um die gewaltige Ausdehnung von über zwei Stunden etwas abzukürzen und abwechslungsreicher zu gestalten, wird die Stimme der Sho abwechselnd von Akkordeon und Sheng (eine der Sho ähnliche chinesische Mundorgel) übernommen und einige der 10 Sätze werden paarweise gleichzeitig gespielt (4 & 7, 1 & 6, 5 & 10), wodurch sich die Stimmen der beiden Instrumente überlagern. Eine Besonderheit wird mit den Sätzen 3 und 9 geboten. Die gibt es sowohl einzeln als auch gemeinsam zu hören. Nummer 2 und 8 stehen schließlich für sich alleine. Der PR-Text spricht vom allmählichen Wandel eines an- und abschwellenden, von Phasen der Stille unterbrochenen Klangbandes, aus dem einzelne Signale wie Rufe in der Wüste oder geheime Zeichen des Einvernehmens herausragen.




      Die Pianistin Sabine Liebner hat sich in den letzten Jahren einen ausgezeichneten Ruf als Interpretin der Neuen Musik, speziell der New York School und insbesondere von Werken Cages erworben. Ihre Einspielung von One7 und Four6 erhält Lob für Urteilsvermögen, Scharfsinn und Feingefühl, sowie für nachdenkliches, gewandtes und verantwortungsvolles Spiel. Das ist interessant, hat sie sich doch ausgerechnet die beiden ganz offenen Nummernstücke herausgepickt.

      Cetay schrieb:

      Bei One^7 erweist Cage noch einmal seiner Sturm und Drang Zeit Referenz, indem er die Instrumentierung offen und den Ausführenden 12 beliebige Klänge wählen lässt.
      Nach welchen Kriterien will man beurteilen, ob die genannten Attribute zutreffen? Letztendlich ist man als Hörer mit sich allein gelassen - Cages Forderung lautet: "welcome whatever happens next“ und jegliches Urteil widerspricht der Intention des Komponisten, für den der persönliche Geschmack die Wahrnehmung der Klänge, wie sie sind, verstellt. Aber ich muss dennoch konstatieren, dass ich insbesondere Four6 für ganz vorzüglich gelungen halte. Die für die vier Stimmen geforderte Instrumentierung any way of producing sounds wurde mit einer tiefen Verbeugung vor dem Meister realisiert: konventionell gespieltes Klavier, präpariertes Klavier, gestrichenes Klavier und das Klavier als Perkussionsinstrument.

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    • Keine Neuerscheinung, sondern eine Wiederveröffentlichung ist die 1993 entstandene Einspielung von Thirteen durch das Ensemble 13. Die Komposition wurde von der Stadt Gütersloh für eben dieses Ensemble und dessen Leiter Manfred Reichert in Auftrag gegeben. Es blieb Cages letzte vollendete Komposition und wurde zu seinen Lebzeiten nicht mehr aufgeführt. Geschrieben ist das halbstündige Werk für Flöte, Oboe, B-Klarinette, Fagott, C-Trompete,Tenor-Posaune, Tuba, 2 Xylophone und Streichquartett. Die dreizehn Stimmen sind unabhängig und die Einsatz- und Endzeiten für das Notenmaterial werden durch flexible Zeitklammern festgelegt. Lange Töne sollen pianissimo gespielt werden,für kurze Töne ist die Dynamik frei wählbar. Auf der CD befinden sich zwei Versionen, so dass man sich selbst ein Bild machen kann, wie durch die verschobenen Einsatzzeiten und den teilweise freien Umgang mit der Dynamik ein anderes Werk, das dennoch dasselbe ist, erklingt. Durch die relativ vielen kurzen Noten wird das kontemplative Element stets von einer gewissen Unruhe überlagert– und ich finde in Version 2 kommt das stärker heraus. Es gibt nur eine Alternativeinspielung von Thirteen (bei mode mit dem Essential Music Ensemble), insofern ist das eine willkommene Wiederbereichung der Number Pieces-Diskographie.

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