Aus dem Rossini-Raritätenkabinett: IL VIAGGIO A REIMS

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    • Aus dem Rossini-Raritätenkabinett: IL VIAGGIO A REIMS

      "Il Viaggio a Reims ossia l'albergo del Giglio d'oro", wie die Oper vollständig heißt, war ein Auftragswerk zu den Krönungsfeierlichkeiten für Charles X. von Frankreich und wurde am 19. Juni 1825 im Théatre Italien uraufgeführt. Es war die letzte italienische Oper Rossinis und markierte den Beginn seiner Karriere in Paris.
      Bereits nach 4 Aufführungen zog Rossini "Il Viaggio" zurück, wobei er dies eigentlich bereits nach der geschlossenen Vorstellung für die Hofgesellschaft und der offiziellen Premiere tun wollte, doch aufgrund des großen Erfolges ließ er sich zwei weitere Reprisen abringen. Danach verschwand die Oper und galt lange Zeit als verschollen, sieht man von den Teilen ab, die Eingang in den "Comte Ory" gefunden haben.
      Möglicherweise - die Quellenlage ist da etwas diffus - wollte Rossini, von dem man eine weitere italienische Oper erwartete, die gesamte Viaggio in eine neue Oper "La figlia dell'aria" umarbeiten, doch ließ er diesen Plan, so er je ernsthaft angegangen wurde, bald fallen.

      Lange Zeit galt es unter Experten als ausgewiesen, dass Rossini die besten Nummern der Viaggio in den "Comte Ory" transferiert hatte und daher um den verschollenen Rest nicht schade sei. Ein großer Irrtum, wie sich in den 70er-Jahren des 20. Jhdts. herausstellte, als der Rossini-Forscher Philip Grosset nach und nach die wesentlichen unbekannten Teile in diversen Musikarchiven zu Tage förderte.
      Die vollständige Originalpartitur blieb bis heute verschollen, man geht davon aus, dass der Großteil nach der Drucklegung des "Comte Ory" vom Pariser Verleger Troupenas vernichtet worden ist.

      Aber in der Bibliothek des Pariser Conservatoire tauchten die aus dem Original kopierten Stimmen für Instrumentalisten und Sänger auf, die Rossini in Auftrag gegeben und selbst zweimal benutzt hatte, einmal für ein Benefizkonzert und dann eben als Grundlage für den "Comte Ory". Sie enthält 6 der insgesamt 9 Nummern des Werkes.
      1848 bastelte man daraus eine allerdings von Rossini nicht authorisierte Revolutionsoper "Andremo a Parigi", wo die Badegäste nicht nach Reims reisen (wollen), sondern in Paris auf die Barrikaden steigen.

      Dann fand man in der Bibliothek des Conservatorio di Santa Cecilia in Rom alle originalen Viaggio-Teile, die nicht im "Comte Ory" enthalten sind, also die Nummern 3 und 8, Teile von 4 und 9 und die Rezitative zu 2,3,5,7 und 8. Laut Titelblatt hat Rossini sie seiner Gattin Olympia gewidmet, die sie vor ihrem Tod 1878 seinem Arzt Vio Bonato schenkte.

      Noch fehlten wichtige Teile, die Philip Grosset in der Nationalbibliothek in Wien aufspürte, und zwar in Form der Singstimmen zu einer "Viaggio a Vienna", die 1854 anlässlich der Hochzeit von Kaiser Franz Joseph und Elisabeth angefertigt worden war. Auch hierbei handelte es sich um eine von Rossini nicht authorisierte Bearbeitung.

      Aus diesen vielen Puzzleteilen gelang es schließlich, die Musik fast vollständig zu rekonstruieren. Die noch fehlenden Teile - der Chorsatz "L'allegria è un sonno" aus dem Finale und die Rezitative aus Nr.4.-6 wurden nachkomponiert.

      Die ursprünglich fehlende Ouvertüre - bei der Uraufführung erklang statt dessen Pessius patriotische Hymne "Vive le Roi, vive la France" - wurde aus einer Reihe von Tanzstücken aus "Le Siege de Corinthe" zusammengebastelt, wobei eines davon wiederum auf ein Klarinettenmotiv aus dem Finale der Viaggio zurückgreift.

      Zum Erfolg von "Il Viaggio a Reims" trug auch das Libretto bei, obwohl heute gerade das eine Renaissance dieser wunderbaren Oper eher erschwert. Luigi Balocchi bediente sich bei Madame de Staels Roman "Corinne ou l'Italie" (1807), der stark autobiographische Züge trägt und als der erste "Italien-Sehnsuchtsroman" der Romantik gilt. Die Stael sah sich selbst als Corinne, in die einerseits die griechische Lyrikerin und Lehrerin Pindars, andererseits Isabella Pellegrini, eine berühmte Improvisationskünstlerin des 18. Jhdts., einfloss, und stilisierte alle anderen Personen zu "Nationalcharaktere" mit klischeehaften Zügen. Einige davon - Don Profondo, Lord Sidney, Chevaler Belfiore - übernahm der Librettist ebenso wie die Titelheldin.

      Musikalisch zählt "Il Viaggio a Reims" heute zu den Meisterwerken Rossinis, wieso es trotzdem nur selten auf den Spielplänen auftaucht, hat verschiedene Gründe:

      1. Das Libretto: Abgekoppelt vom "Anlassfall" der Krönung Karls X löst es eher Befremden aus, fehlen doch neben einer wirklichen Handlung fast alle Ingredienzien, die man sich als Opernbesucher von einem Werk des 19.Jhdts. erwartet: Die großen Leidenschaften, Intrigen, Machtkämpfe usw. Zwar werden einige dieser Motive zart angetupft, aber nicht ernsthaft bis hin zu einer Klimax entwickelt, sodass man mit keinem der Charaktere wirklich mitleiden oder mitzittern kann. Man lernt zwar eine Reihe recht origineller Typen kennen, erfährt aber im Grunde herzlich wenig über sie und kann sich daher auch mit keinem so richtig identifizieren. Alles wirkt sehr skizzenhaft, wie eine Kette aus Momentaufnahmen, die zwar nicht ungeschickt aufgefädelt werden, einen aber doch ziemlich unbefriedigt zurücklassen.
      Für das Publikum der Uraufführung sah das natürlich ganz anders aus: Nicht nur, dass es ja tatsächlich einer Krönungsfeier beiwohnte und diese verhinderte Reise zu ihr wahrscheinlich recht witzig gefunden haben wird, hatte für sie natürlich auch die internationale Zusammensetzung der fiktiven Reisegesellschaft einen besonderen Zeichencharakter: 10 Jahre nach den Wirren der napoleonischen Kriege war natürlich die Hoffnung auf ein befriedetes Europa unter der starken Führung ihrer restaurierten Monarchen groß.

      2. Die Besetzung: Rossini stand bei der Uraufführung natürlich ein Spitzenensemble, bestehend aus den weltbesten Belcantisten, zur Verfügung - schließlich feierte man die Krönung des französischen Königs, wo Geld keine Rolle spielte.
      Leider befinden sich heutige Intendanten in einer weniger glücklichen Lage........ Sieht man von Maddalena, Delia, Don Prudenzio und Don Luigino ab, gibt es in der "Viaggio" praktisch keine Nebenrollen, man braucht also mindestens 10 Spitzensänger des Belcantofachs, um diese Oper auf einem adäquaten musikalischen Niveau realisieren zu können.
      Kein Wunder also, dass die meisten Operndirektoren vor einem solch kostspieligen (und auch logistisch nicht einfachen) Mammutprojekt zurückschrecken und halt lieber auf die üblichen Verdächtigen zurückgreifen, wo man mit Sopran, Tenor und Bassbariton das Auslangen findet.

      So, Pause, bald geht's mit der Inhaltsangabe weiter!

      lg Sevi :hello
    • Il Viaggio a Reims - Inhaltsangabe

      Im Badehotel "Giglio d'Oro (Goldene Lilie = Symbol der bourbonischen Könige) in Plombières hat sich eine illustre internationale Gesellschaft zusammengefunden:
      Corinna, eine berühmte römische Improvisationskünstlerin, begleitet von einem griechischen Waisenmädchen
      Marchesa Melibea, polnische Edlefrau und Witwe eines italienischen Generals, lose verbandelt mit dem Conte di Libenskof
      Contessa di Folleville, junge Witwe aus Paris und Modefreak
      Madama Cortese, Hotelinhaberin mit Tiroler Wurzeln, verheiratet mit einem meist abwesenden franz. Kaufmann
      Cavalier Belfiore, franz. Offizier und Frauenheld
      Conte di Libenskof, russischer General und verliebt in die Marchesa
      Lord Sidney, englischer Oberst, stiller Verehrer von Corinna
      Don Profondo, Literat, verrückt nach Antiquitäten
      Barone di Trombonok, deutscher Major und Musikliebhaber, organisiert mit deutscher Gründlichkeit die Reise nach Reims
      Don Alvaro, spanischer Admiral, Rivale des Conte in der Gunst Melibeas

      Zu Beginn der Handlung herrscht Aufbruchsstimmung, Maddalena, die Hausdame, scheucht die Dienerschaft herum, die alles für die Abreise der Gäste zur Krönungsfeierlichkeit des Königs in Reims vorbereiten sollen. Aber offensichtlich hat sie gewaltige Autoritätsprobleme, denn alles macht sich über ihre hektischen Anordnungen lustig.
      Der Badearzt Don Prudenzio kann den Abbruch der Kur zwar nicht befürworten, aber leider auch nicht verhindern, also überprüft er wenigstens noch einmal, ob das Frühstück seinen Diätvorschriften entspricht, während die anwesenden Gäste seine Fürsorge preisen.

      Madame Cortese freut sich über das gute Reisewetter und bedauert, sich der Gesellschaft nicht anschließen zu können, aber ihr Gatte weile wieder einmal auf Geschäftsreise und sie könne das Hotel natürlich nicht alleine lassen. Dann vergattert sie die Dienerschaft und erteilt genaue Anweisungen, wie die Gäste zu behandeln seien, denn auch wenn sie noch heute abreisen, sollen sie ihr Etablissement doch in bester Erinnerung behalten. So solle mit Don Profondo über alte Urkunden, mit dem Chevalier über "belle femine", mit dem Conte Libenskof über die Weite des russischen Reiches, mit Corinna über das Kapitol und Baron Trombonok über den Kontrapunkt parliert werden. Die Diener, leicht genervt über diese sichtlich nicht zum ersten Mal erteilten Direktiven, versichern, alles zur Verbreitung des "nobil fama" der "Giglio d'Oro" beitragen zu wollen.
      Madame Folleville nähert sich inzwischen bedrohlich einem hysterischen Anfall und scheucht ihre mirgänegeplagte Zofe herum, weil ihre neueste Garderobe aus Paris immer noch nicht eingetroffen ist. Aber es kommt noch schlimmer, denn ihr Cousin Don Luigino, mit dem Transport beauftragt, bringt die Hiobsbotschaft, dass die Kutsche umgestürzt und die kostbare Fracht ruiniert ist. Angesichts dieses worst case kann eine modebewusste Frau nur in Ohnmacht fallen, was einen medizinischen Disput zwischen dem zur Hilfe eilenden Baron Trombonok und dem Badearzt auslöst. Dieser ist sich nämlich nicht sicher, ob die Systole, Diastole oder doch die Synkope zum auf jeden Fall zu erwartenden Tod der Bedauerenswerten führen werde. Die Synkope habe schon bei Mozart, Hayden, Beethoven und Bach wahre Wunder bewirkt, spottet der Deutsche, während die Totgesagte sich wieder erhebt und das große Unglück ihrer perdu-gegangenen Garderobe beklagt. Unmöglich könne sie nun zu den Krönungsfeierlichkeiten reisen und dort ihre Nation würdig vertreten!! Madame Follevilles Gram weicht aber schlagartig Entzücken, als man ihr eine Schachtel bringt, die gerettet werden konnte und ein Hütchen nach der allerneuesten Pariser Mode enthält. Während sie den Göttern für diese Linderung ihres Schmerzes dankt, machen sich die Umstehenden über sie lustig.
      Immerhin weist nun Baron Trombonok, der von der illustren Gesellschaft zum Kassawart und Reiseleiter ernannt worden ist, die Diener an, das Gepäck aller besonders sorgfältig zu verladen, bevor er noch ganz unter dem Eindruck der eben erlebten Szene zu der Erkenntnis gelangt: "Di matti una gran gabbia ben si può chiamar il mondo" (Einen Käfig voller Narren kann man die Welt wohl nennen!)

      Don Profondo zahlt seinen Anteil in die Reisekasse und Don Alvaro stellt den anderen die Marchesa Melibea vor, die sich ihnen anschließen wolle. Während sie flötet, wie geehrt sie sich fühle, in Gesellschaft von so gebildeten und vornehmen Menschen reisen zu dürfen, schäumt im Hintergrund der Conte di Libenskof vor Eifersucht, ist er doch rasend in die Schöne verliebt, die ihn aber offensichtlich mit Don Alvaro hintergeht. Aber auch dieser beobachtet argwöhnisch den Rivalen.
      Ungeduldig wartet man auf die Pferde, damit es endlich los gehen kann. Libenskof pirscht sich inzwischen an Melibea heran und wirft ihr Untreue vor, dann provoziert er Don Alvaro, der die Herausforderung prompt annimmt, ängstlich beobachtet vom Streitobjekt und spöttisch kommentiert von Don Profondo. Aber bevor die beiden Kampfhähne ihren großsprecherischen Worten Taten folgen lassen können, besänftigen schlagartig Harfenklänge und Gesang ihre erhitzten Gemüter: Corinna flirtet in ihrem Zimmer mit ihrer "arpa gentil", fühlt das heilige Feuer der Muse in ihr brennen und beschwört ein goldenes Zeitalter, in welchem brüderliche Liebe die Herzen der Menschen regieren werde.
      Gerührt lauschen alle diesem Gesang, der Conte und Don Alvaro vergessen augenblicklich, dass sie sich eben noch duellieren wollten, und gehen friedfertig auseinander.

      Zurück bleibt Madame Cortese, die über Lord Sidney spottet, der Corinna liebt, aber nicht den Mut aufbringt, sich ihr zu erklären, obwohl sie doch seine Gefühle erwidert. Das sei jedem klar, nur dem Engländer nicht, und mit der weisen Erkenntnis, dass Frauen in Liebesdingen eben klarer sähen, zieht sie sich zurück.

      Lord Sidney hingegen lässt wie jeden Tag körbeweise Blumen vor dem Fenster seiner Angebeteten verteilen und aalt sich wortreich in seinem Liebeskummer. Don Profondo unterbricht den schmachtenden Lord mit einem Anliegen: Er möchte von ihm wissen, wo er Fingals Schwert, King Arthurs Rüstung und Alfreds Harfe für seine Antiquitätensammlung finden könne. Da verliert sein Gegenüber beinahe seine englische Contenance: "è matto", schießt im Abgehen aber doch noch den guten Rat nach, er möge sich in einem Museum umsehen.
      Don Profondo findet zwar, das sei nicht die feine englische Art, übt sich dann aber in Nachsicht, weiß er doch auch von der unglücklichen Liebe des Lords zu Corinna.
      Diese kommt mit ihrem Schützling Delia, der Don Profondo positive Nachrichten vom Stand des griechischen Freiheitskampfes überbringt. Corinna bewundert nicht ohne Rührung das Blumenmeer ihres schüchternen Verehrers und steckt sich eine Blüte in den Ausschnitt.

      Siegessicher nähert sich der Schürzenjäger Belfiore den Damen, überzeugt, dass die schöne Dichterin seiner Charmeoffensive nicht widerstehen könne. Aber seine schwülstigen Liebesbeteuerungen und gar der theatralische Kniefall wecken nur Corinnas Verachtung und sie lässt ihn eiskalt abblitzen. Natürlich weigert sich der Frauenversteher, diese Niederlage zu akzeptieren, und während Corinna wütend abrauscht, redet er sich ein, das sei nur die übliche weibliche Finte, denn das Gebot der Schicklichkeit verlange vom schönen Geschlecht, sich erst zu zieren und Widerstand zu leisten, aber "oggi combatton, domani credon" (Heute kämpfen sie, morgen fallen sie.)

      Don Profondo, der im Hintergrund diese Szene beobachtet hat, amüsiert sich über die Schlappe des Casanovas, aber dann ruft die Pflicht, denn im Auftrag des Barons muss er eine Inventarliste mit dem Hab und Gut der Reisegesellschaft erstellen. Er nützt dies, um sich über die verschiedenen Nationalitäten ein wenig lustig zu machen. (Arie "Io, Don Profondo....")
      Die Contessa di Folleville sucht Belfiore und erfährt nach einigem Herumgedruckse von Don Profondo, dass er eine "lezione di poesia" genommen habe, was sie sofort richtig interpretiert und schwört, sich für seine Untreue zu revanchieren. (Diese Rache erfolgt aber nie!)

      Don Alvaro nörgelt, warum sie eigentlich immer noch in Plombières herumhängen, wird eben von Don Profondo beruhigt, als der Baron völlig aufgelöst hereinstürzt: Man solle sofort alle zusammenrufen, es gebe schlechte Nachrichten! Diese überbringt Zefirio: In der ganzen Stadt seien keine Pferde aufzutreiben, die Reise somit geplatzt.
      Zunächst herrscht natürlich große Bestürzung, aber schon ist Trost zur Stelle in Form eines Briefes, den Madama Cortese von ihrem in Paris weilenden Gatten erhalten hat und den nun Don Profondo vorliest. Am Tag der Rückkehr des Königs nach Paris soll ein großes Fest stattfinden, das alle, die nicht an den Krönungsfeierlichkeiten teilnehmen konnten, entschädigen soll. Spontan bietet sich die Contessa als Gastgeberin für alle in ihrem Pariser Palais an, was natürlich begeistert angenommen wird.

      Schon morgen will man mit den regelmäßig verkehrenden Postkutschen in die Metropole aufbrechen, heute aber soll noch in Plombières zünftig gefeiert werden, und zwar unter Heranziehung der gemeinsamen Reisekasse. Der Rest soll an Bedürftige gespendet werden.
      Madama Cortese wird beauftragt, für "una cena squisita" zu sorgen und gibt ihrem Haushofmeister Antonio sofort entsprechende Anweisungen. An Lebensmitteln fehle es nicht, wie Gelsomino erinnert, denn für den bevorstehenden "Jahrestag des Königs", der traditionell groß gefeiert wird, habe man bereits genügend Vorräte gebunkert.

      Alle freuen sich auf das Fest und natürlich auf die Reise nach Paris, nur der harmoniesüchtige Baron Trombonok ist noch nicht ganz zufrieden: Er möchte Frieden stiften zwischen dem Conte di Libenskof und der Marchesa, die doch füreinander bestimmt seien. Melibea beteuert ihrem eingeschnappten amante, er sei völlig grundlos eifersüchtig und kenne offensichtlich das Wesen einer wahrhaftigen und edlen Liebe nicht. Libenskof gibt sich geschlagen und bittet um Verzeihung, doch nun lässt sie ihn zappeln und spielt die Gekränkte. Das hält sie aber nicht lange durch, zu sehr rührt sie des Contes sichtliche Zerknirschung, und schließlich bietet sie ihm "la mano, il cor", worauf beide selig in einer "gioia incomparabile" schwelgen.

      Maddalena lobt Antonio, der inzwischen im Garten eine prächtige Festtafel arrangiert hat, und informiert ihn, dass auf Einladung des Barons eine Wandertruppe von Musikanten und Sängern für die Unterhaltung der Festgäste sorgen werde, was beim Haushofmeister auf begeisterte Zustimmung stößt, ist er doch ein leidenschaftlicher Tänzer.
      Alle versammeln sich nun im Garten. die Hotelgäste ebenso wie das Personal und die Bauern der Umgebung. Baron Trombonok spielt wieder mit deutscher Gründlichkeit den Zeremonienmeister und fordert alle der Reihe nach zu einem Trinkspruch auf. Er selbst beginnt mit der deutschen Hymne, Marchesa Melibea folgt mit einer Polacca, Libenskof stimmt ein russisches Lied an, Don Alvaro ein spanisches, Lord Sidney kennt leider nichts anderes als "God save the King", Cavalier Belfiore und die Comtessa treten als französisches Duo auf und Don Profondo und Madama Cortese beschließen den musikalischen Reigen mit einem Tiroler Volkslied.
      Nun fehlt noch Corinna, die einzige wirkliche Künstlerin, die aber als echte Diva noch ein wenig gebeten werden will. Dann aber fordert sie alle auf, ihr ein Thema zu nennen, auf das sie improvisieren könne. Jeder notiert also seinen Vorschlag auf einen Zettel, und wenig überraschend zieht Don Profondo den mit dem Namen König Karls X aus der Urne.
      Corinna besingt also, begleitet auf der Lyra, die Tugenden des neuen Königs und alle vereinen sich in dem Wunsch, dass die königliche Lilie auf ewig blühen und gedeihen möge. Mit dem Ruf "Vive la Francia, il Prode Regnatore!" endet die Feier und die Oper.

      lg Severina :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Severina ()

    • Liebe Sevi,

      vielen Dank für diese wunderbare Doppeleinführung, nach der mir zu dem Werk selbst kaum noch etwas zu sagen bleibt. Wie jammerschade, dass es von den drei großen und großartig besetzten Aufführungen Claudio Abbados in Pesaro, Wien und Berlin nur halblegale TV-Mitschnitte in meist problematischer technischer Qualität gibt und auch das nur wenig veränderte Remake der Scala von 2009 mit (u.a.) Patricia Ciofi und Annick Massis unter der Leitung von Ottavio Dantone nur als TV-Mitschnitt kursiert. Allerdings, und hier hat das Libretto einen starken Vorteil, ist es auch nicht unmäßig wichtig, das Bild dazu zu sehen, obwohl sich die Regisseure viel Amüsantes dazu haben einfallen lassen.

      So bleiben für einen optimalen Genuss immerhin die beiden Audioaufnahmen Abbados, die beide mit einem erstrangigen Ensemble aufwarten und einander wenig nachgeben:

      .


      Hier ist ausnahmsweise wirklich jeweils die Aufnahme die beste, die mann gerade hört, und Gleiches gilt auch für die TV-Mitschnitte. Wenn man mehrere erhaschen kann, sollte man sich nach der besten technischen Qualität orientieren, und wie die ausfallen könnten, kann man immerhin auf YouTube testen. Meine (ganz leichte) Präferenz gilt den jeweils älteren Aufnahmen, also Pesaro im Falle der cd und Wien im Falle einer DVD (Pesaro gibt es leider nur in sehr mäßiger technischer Qualität), aber die Unterschiede sind marginal.

      Sehr lohnenswert ist übrigens auch der neue Mitschnitt der Scala, auch wenn er musikalisch deutlich hinter Abbados zurück bleibt. Aber er enthält eine fantastische Dokumentation, in der der Restaurator der Partitur, Philip Gosset, deren Entdeckung und, schöner noch, die Impulse erläutert, die der Regisseur und die Darsteller dieser Beinahe-Weltpremiere gegeben haben, was alleine schon für eine Rossini-Partitur etwas höchst Besonderes ist, weil wir die Einflüsse der Praktiker auf die Werke der Klassiker normalerweise ja nur vom Hörensagen kennen, wenn überhaupt.

      Mehr dazu vielleicht noch ein andermal, wenn ich auch noch auf die Unterschiede zu LE COMTE ORY eingehen möchte, denn die sind sehr kennzeichnend und fallen keineswegs zugunsten des späteren Werkes aus, so genial das auch sonst ist.

      Für heute aber erst einmal ein abschließender DVD-Tipp, der, im Gegensatz zu der Veröffentlichung von Valeri Gergiev, keineswegs gering zu schätzen ist. Es ist die spanische Aufführung unter Jesus Lopez Cobos, die visuell nicht weniger bestechend ist und weit weniger als befürchtet Grund hat, sich vor Abbados Ensembles zu verstecken, die allerdings unerreicht bleiben.


      Wer keine dieser Einspielungen kennt, weiß leider nicht, was ihm/ihr entgeht und sollte das schleunigst ändern.

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Ich erinnere mich, dass ich damals, am frühen Morgen aus London kommend, am Abend Karten für die Berliner Aufführung von 'Il Viaggio' habend, absolut keine Lust hatte, den anstrengenden Weg von Hamburg nach Berlin anzutreten. Ich hatte nicht übel Lust, die Karten verfallen zu lassen. Aber dann wurde ich überredet und schließlich hatten wir lange genug dafür angestanden. Und das in bitterster Kälte. :)



      Und es war wirklich ein überwältigendes Erlebnis. Dort habe ich noch einmal ganz tief empfunden, dass die Musik von Rossini einen wirklich glücklich machen kann.

      Es war sooo witzig (obwohl nur halbszenisch und wir auch noch hinter dem Orchester saßen), sooo unglaublich gut gesungen, sooo leicht und locker serviert.

      'Il Viaggio' verlangt ja wirklich eine Art 'Weltmeistertreffen'. Sicherlich ein Grund, warum es so wenig wirklich überzeugende Aufnahmen und Aufführungen gab und gibt.

      Kennt jemand neben den von Abbado noch andere, ähnlich großartige Aufführungen? Die Caballé hat es in, ich glaube, in Wien gesungen. Aber ich weiß nicht, ob da eine offizielle Aufnahme existiert.

      :hello Falstaff