DVD - Oper aus der Flimmerkiste

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Lieber Dulcamara, danke für diese Hinweise, ich hätte mich mal besser vorher über den MET Don Carlos informiert, denn ich diesem Fall hâtte ich die Karten gar nicht gekauft. Aber ich lasse mich halt immer lieber unvoreingenommen überraschen...... sei's drum!
      Die Argumente des Rezensenten kann man zwar nachvollziehen, aber ich teile seine positive Einschätzung der Inszenierung trotzdem nicht. Was ich gut fand, sind die sehr steifen Kostüme der Hauptdarsteller, an der Grenze zur Lächerlichkeit und das monumentale Grabmal Karls des V. Sowie insbesondere die Personenregie zwischen don Carlo und Elisabetta.

      Die Darstellung der erstickenden Atmosphäre am Escorial ist dem Bühnenbild m.E. misslungen, im Fontainebleau -Akt mangelt es an Phantasie- was man daraus machen kann hat Konwitschny unglaublich eindrucksvoll gezeigt!
      Hier fällt dagegen der Kleiderwechsel der Elisabetta kaum auf, so harmlos ist das gemacht. Wenn Villazon und Poplavskaja nciht so grossartige Rollendarsteller wären, wäre dieser Akt fast verzichtbar gewesen, das ist er aber keinesfalls!
      Zur so interessanten Figur der Eboli fällt der Regie gerade mal gar ncihts ein. Ihre Affâre mit dem König bleibt total unmotiviert und überhaupt wird das Beziehungsgeflecht viel zu wenig ausgelotet. Er konzentriert sich nur auf Don Carlo und Elisabetta- der Rest kann sehen, wo er bleibt.

      Und dann die miserable Autodafé-Szene, die für mich ein Schlüsselpunkt der Oper ist. :S

      Nein, für mcih war selbst McVicar in Frankfurt besser und der war mit dem Don Carlo auch nciht gerade in seinem besten Element.
      Aber dank der herausragenden Besetzung ist es dann trotzdem eine Referenz. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, wie Alagna die Intensität bzw Authentizität von Villazon erreichen soll, das wird ein vollkommen anderes Rollenporträt werden. Ich nehme mal an , dass die Regie mit Alagna noch stärker die drängenden erotischen Avancen herausarbeiten kann- die Unreife des Don Carlos im Vergleich zur Elisabetta und sein rücksichtsloses Verhalten dieser schmerzgeplagten Frau gegenüber deutlich zu machen, ist der grosse Pluspunkt dieser Inszenierung. Bei Villazon ist das noch sehr gebrochen durch seinen hilflosen und entwaffnenden Jungen-Charme, der dann wiederum Eilisabettas halb frauliche halb mütterliche Verliebtheit serh gut motiviert. Mit Alagna wird das Erotische ungebrochener rüberkommen und vielleicht dann auch der Vater Sohn Konflikt noch anders motiviert?
      Bin gespannt, was andere dazu sagen werden.
      F.Q.
      Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein (Voltaire)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fairy Queen ()

    • Liebe Fairy,
      freut mich, dass Du unsere Begeisterung über diesen Carlos teilst! :D Was die erstickende Atmosphäre des Escorial betrifft, so ist wohl Willie Deckers Inszenierung unübertroffen - da frierst Du teilweise wirklich beim Zuschauen.
      Was den Artikel betrifft, so verstehe ich nicht ganz, wo der Rezensent in diesem Bühnenbild 16.Jhdt. ortet????? Nicht einmal das Grabmal passt da stilistisch hinein. Wobei mich DAS natürlich nicht gestört hat, weil ich auf historierende Bombastik nicht den geringsten Wert lege, sondern in erster Linie die grässlichen Farben. Und natürlich die absolut lächerlichen "Flammennachthemdchen" der Häretiker - dieses Bild so zu vergeigen, ist auch chon wieder eine Kunst.
      Was also die Inszenierung betrifft, so steht Mister Hytner an vierter Stelle meiner gesammelten Don Carli, hinter Decker, Konwitschny und Bondy. (Wobei 1 und 2 durchaus ihre Position wechseln können, je nachdem, welche DVD ich mir gerade anschaue. Ich finde beide wunderbar.)
      Personenführung orte ich eigentlich in erster Linie bei Furlanetto, desen Philipp wirklich Nuancen zeigt, die ich bei ihm noch nie gesehen habe, und ich habe ihn wahrlich schon oft in dieser Partie erlebt. Das dürfte also die Handschrift des Regisseurs sein, während Villazón und Keenlyside das auch ohne ihn so hingekriegt hätten. Dringend einer führenden Händ hätte Sonia Ganassi bedurft, eine derart harm- und profillose Eboli habe ich gottlob nur selten erlebt.

      Alagna gefällt mir übrigens in der Luc-Bondy-Inszenierung sehr gut, aber damals befand er sich erst am Anfang seines stimmlichen Abstiegs. Aktuell möchte ich ihn als Carlos lieber nicht hören müssen, und so jungenhaft wie einst wirkt er natürlich auch nicht mehr. Im Gegenteil, ich erschrecke immer wieder, wie alt er inzwischen ausieht, älter als er in Wirklichkeit ist. Finde ich zumindest.
      lg Sevi :hello
    • Ich habe Roberto Alagna in der Französischen Fassung als Carlos in durchaus guter Erinnerung – stimmlich, nicht darstellerisch und da es mit der Stimme ja seit geraumer Zeit hapert frage ich mich schon, wie er sich heute als Carlos durchschlagen will. Villazón ist zur Zeit weiß Gott gut beraten, den Carlos bleiben zu lassen, könnte sich aber immer noch mit seiner Darstellung über Wasser halten, auch wenn es stimmlich zur Zeit wohl ein Fiasko wäre, und das schreibe ich wahrlich nicht gerne...
      . Mit Alagna wird das Erotische ungebrochener rüberkommen und vielleicht dann auch der Vater Sohn Konflikt noch anders motiviert?

      Also ich weiß nicht...Alagna und erotisch? :coolWas Alagna m.E. darstellen und glaubhaft machen könnte wäre Lust auf Sex mit Elisabetta, nicht erotische Spannung, falls mit diese deutlichen Worte und diese Unterscheidung erlaubt sind. :ignore
      Sex kriegt er hin, für Erotik und den daraus entstehenden Konflikt ist er m.E. nicht sensibel, feinsinnig genug. Okay, ich bin gemein, aber Alagna (den manche auch „Rocco“ nennen, was ich sehr passend finde... :D) gehört für mich zu den Sängern, die verloren haben wenn es mit der Stimme nicht mehr klappt, da sie außer einen schönen Stimme nichts zu bieten haben. Zumindest nicht für mich, die seelischen Abgründe eines Villazón-Carlos wird er nie ausloten können und das m.E. schon ein erhebliches Manko.
      Einig sind wir uns wohl alle, daß Furlanetto als Filippo phänomenal war und wohl DER Interpret dieser Rolle derzeit.
      Ich bin jedenfalls auf die Berichte von der Übertragung gespannt!
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)
    • Liebe Solitaire, ich bin, was Alagnas Ausstrahlung angeht, 100%ig deiner Meinung. Pardon für die falsche Wortwahl meinerseitsl, denn du hast es mit Sex statt Erotik genau getroffen.
      Raffinesse oder Mehrdeutigkeit habe ich bei diesem Tenor eher selten erlebt- er hatte halt eine schöne Stimme und ansonsten ist er mit zunehmenden Stimmproblemen immer mehr die Karikatur eines Tenors. Rocco oder Rambo (siehe Aida...) passt jedenfalls hervorragend.
      Ich suche derzeit einen Abnehmer für die Met Karten, denn meine Lust, mir das anzusehen, ist am Nullpunkt. Nach Rolando kann es einfach keinen anderen Carlo in DIESER für mich sehr mittelmässigen Inszenierung geben. :I
      F.Q.
      Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein (Voltaire)
    • Naja, immerhin ist ja die übrige Besetzung wirklich gut, und wer weiß, vielleicht wächst Alagna ja über sich hinaus. Immerhin hat er mich neulich als Faust sehr positiv überrascht...
      @Fairy
      Wenn der arme Rocco wüßte, was Frauen wirklich von ihm denken... :D :ignore
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)
    • Bizet, CARMEN (ROH 2007)

      Wer spannendes Musiktheater und eine nahezu ideale Besetzung der beiden Hauptpartien erleben will, dem sei diese DVD vom ROH ans Herz gelegt! Das ist wirklich Werbung für die Oper!

      Verglichen mit Martin Kusejs aufregender Carmendeutung in Berlin kommt Francesca Zambellos Regie zwar ziemlich bieder daher, aber das stört mich ausnahmsweise gar nicht, weil bis zum letzten Choristen und Statisten so großartig gespielt wird, dass das Rundherum zur Nebensache wird.
      Das Bühnenbild ist schlicht und praktikabel: Vier rostrote, hoch aufragende und perspektivisch aus dem Lot geratene Wände mit zwei Türöffnungen und einigen kleinen, viereckigen Luken, die in jedem Akt ein wenig anders ausgerichtet sind, reichen aus, um mit einigen wenigen mobilen Ausstattungsstücken - Orangenbaum und Wasserrrinne im 1. Bild, Tische und Bänke in Lillas Pastias Schenke, Sonnensegel in der Schmugglerschlucht - den Schauplatz zu charakterisieren. Die Kostüme entsprechen dem romantischen Carmen-Klischée, ohne aber kitschig zu wirken.

      Die Meriten dieser Regie liegen in der Personenführung, die wie schon erwähnt ausnahmslos alle Protagonisten umfasst. Selten erlebt man einen Chor, der sich so natürlich und der Situation angemessen bewegt, wo jeder Einzelne ein individuelles Profil aufweist, wirklich agiert und reagiert wird. Selbst wenn der Chor gerade nur die stumme Rolle des Zuschauers einnimmt (z.B. in der Schmugglerschlucht), sieht man kein unbeteiligtes Gesicht, jeder ist völlig in der Handlung drin, drückt mimisch und gestisch Verwunderung/Entsetzen etc. über das aus, was sich gerade vor seinen Augen abspielt.

      Das schafft einen ungemein authentischen Rahmen für das Drama, das sich zwischen den Hauptakteuren abspielt.

      Anna Caterina Antonacci ist endlich wieder einmal eine Carmen, der man abnimmt, dass sie alle Männer verrückt macht. Sie geizt nicht mit ihren körperlichen Reizen, heizt den Männern ein, ohne aber oridinär zu wirken, genießt ihre Macht, die Puppen tanzen zu lassen und ganz nach Belieben Zuckerbrot oder Peische einzusetzen. Stimmlich versprüht Frau Antonacci nicht ganz so viel Erotik , ist sie mir manchmal etwas zu leichtgewichtig, aber im Großen und Ganzen erbringt sie eine zufriedenstellende Leistung. (Wenn man halt bei jedem Ton Agnes Baltsa im Ohr hat, ist das ein ziemliches Handicap bei der objektiven Beurteilung jeder anderen Carmen....)

      Frasquita und Mercedes werden von Elena Xanthoudakis und Viktoria Vizin nicht nur hervorragend gespielt, sondern auch auf einem Niveau gesungen, wie es bei diesen Partien nicht selbstverständlich ist.

      Der einzige weibliche Schwachpunkt ist Norah Amsellem, die mich als Micaela verfolgt, denn sie ist nicht nur auch auf der DVD aus Berlin zu hören, sondern beglückt uns leider auch immer wieder live auf der Bühne der WSO. Ihre Stimme ist ebenso farblos wie ihre Persönlichkeit, auch fehlt ihr jede Innigkeit, die sie bei ihrer großen Arie zum Ausdruck bringen müsste, von Mädchenhaftigkeit ganz zu schweigen. Aber als unbedarftes Landei geht sie durch, und bei ihr als Alternative muss man auch nicht lange überlegen, ob Don José die richtige Wahl getroffen hat.....

      Wobei wir bei der männlichen Hauptperson angelangt wären! Jonas Kaufmann ist eine in jeder Hinsicht ideale Besetzung des Don José, wobei ich es besonders interessant finde, dass er diese Partie innerhalb eines Jahres in zwei völlig unterschiedlichen Regiekonzepten realisiert hat. Zwischen dem Don José, den er in Zürich unter Matthias Hartmann gespielt hat, und dem in London liegen Welten, und ich warte sehnsüchtig, dass endlich beide auf DVD vorliegen und man wirklich en detail vergleichen kann.
      Bei Zambella ist er kein verklemmtes Muttersöhnchen, sondern ein gestandenes Mannsbild, das durchaus Erfahrungen mit Frauen gesammelt hat, aber mit seiner Gesamtsituation als eher unfreiwilliger Soldat unzufrieden und zunächst nicht zum Flirten aufgelegt ist. Aber Carmen schafft es im Handumdrehen, die schlummernden Hormone zu wecken......
      Bei Lillas Pastias geht dann im wahrsten Sinn des Wortes die Post ab, wobei Kaufmann den Konflikt zwischen Pflichtbewusstsein und Begehren mitreißend gestaltet. Und wie er die Blumenarie interpretiert, ist schlicht großartig - so als wüsste er bereits jetzt, dass diese Liebe sein Verhängnis werden wird, das ja schon einige Minuten später seinen Lauf nimmt, gekrönt von einem herzergreifenden "Je t'aime" in einem Piano zum Niederknien :down :down Als er unmittelbar darauf begreift, dass sein Seelenstriptease bei Carmen eher Belustigung auslöst, geht das Temperament mit ihm durch und es kommt zum erotischen Infight, der nur durch den zweiten Zapfenstreich gestoppt wird.

      In der Schmugglerschlucht stehen sich Antonacci und Kaufmann wie zwei Raubkatzen gegenüber, die einander im nächsten Augenblick an die Gurgel springen wollen. Hier bedauere ich besonders, dass die Kamera so oft auf nur einem der beiden ruht, weil ihre Mimik so großartig ist, dass man keinen Augenblick verpassen will. Die Mischung aus Eifersucht, unterdrücktem Zorn bis hin zu blanker Mordlust, die aus Kaufmanns Augen blitzt, ist wirklich oskarreif.
      Das kommt natürlich besonders gut im Zweikampf mit Escamillo zum Ausdruck, in dem sich beide nichts schenken und ohne Rücksicht auf Verluste (und blaue Flecken) aufeinander los gehen.
      Ildebrando D'Arcangelo ist ein Toreador wie aus dem Bilderbuch und damit eine absolut glaubwürdige Alternative zu Don José. Wie Carmen betrachtet er die Liebe in erster Linie als Spiel und ist damit nicht so anstrengend wie der eifersüchtige José, der Exclusivansprüche auf seine temperamentvolle Geliebte zu besitzen glaubt.
      Auch vokal schlägt sich D'Arcangelo sehr gut, einen 100%ig überzeugenden Escamillo habe ich seit Ruggero Raimondi und Samuel Ramey nicht mehr gehört.

      Ja, und dann der Schluss.... Ich könnte diese Szene in Endlosschleife laufen lassen, weil ich mich am intensiven Spiel von Antonacci und Kaufmann einfach nicht satt sehen kann. Don José tritt auf, mit zerrissenem Hemd und brennenden Augen, wie einer, der tagelang ohne Schlaf umhergeirrt ist und nun weiß, dass er in jeder Beziehung am Ende seiner Wanderung angelangt ist. Er befindet sich in einem psychischen Ausnahmezustand, sein Blick leer, ausgebrannt, beinahe abwesend, er weiß, dass es auf alles oder nichts hinausläuft. Trotzdem blitzt phasenweise auch so etwas wie Hoffnung auf - Carmen MUSS doch verstehen, dass sie ihm alles bedeutet, sein Leben ist, es MUSS doch noch eine Chance geben. Aber nein, es gibt keine mehr, und diese Erkenntnis lässt die anfangs stille Verzweiflung in rasende Wut umschlagen.
      Auf der anderen Seite steht eine Carmen, die sich des Alles oder Nichts genauso bewusst ist, die weiß, dass es hier und jetzt eine Entscheidung geben muss, dass es um Freiheit oder Unterwerfung geht, und sie unterwirft sich nicht, selbst um den Preis des Lebens nicht.

      Stimmlich läuft Kaufmann in dieser Schlussszene, wo andere Tenöre bereits am letzten Loch pfeifen, noch einmal zu absoluter Hochform auf. Scheinbar mühelos gestaltet er die dramatischen Ausbrüche, jeder Ton kommt absolut kontrolliert, voll und ohne Schärfe, an keiner Stelle muss er auf Sparflamme herunterschalten. Am Ende, mit der toten Carmen im Arm, läst Kaufmann seine ganze Verzweiflung in einen herrlichen Schwellton ausströmen, in dem man das Schluchzen mithört, das er sich als vordergründigen Effekt gottlob versagt.

      Mein Fazit: Ich würde diese DVD jetzt nicht als Jahrhunderteinspielung bezeichnen, aber im Moment kenne ich keine, die dieser die Numer-1-Position bei mir streitig machen könnte.

      lg Severina :hello
    • Hallo Severina!
      Ich muß gestehen., daß diese DVD seit geraumer Zeit bei mir liegt, ich es aber bisher immer noch nicht geschafft habe, sie in Ruhe anzusehen und nur mal kurz reingeschaut habe.
      Nach deiner begeisterten Schilderung sollte ich mir endlich mal die Zeit nehmen und die DVD in Ruhe und am Stück ansehen.
      Danke für den virtuellen Tritt in den Allerwertesten! :cool
      An Norah Ansellem kommt man wohl wirklich nicht vorbei, ich habe sie nicht live erlebt, aber auch mir rennt sie via DVD hinterher... :I
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • Das Christkind hat mir diese DVD gebracht, die hier ja schon Thema war:


      Gestern habe ich sie mir endlich angesehen und möchte nun auch meine 50 Cents dazu loswerden.
      Musikalisch muß ich wohl nicht viel sagen, La Dessay und JDF - besser konnte man die Oper wohl nicht besetzen. Auch den Chor und die Nebenrollen fand ich sehr gut, besonders auch Michele Pertusi als Graf. Ist es eine Schande wenn ich gestehe, daß ich seinen Namen vorher nie gehört habe?
      Wie auch immer, musikalisch fand ich die Aufführung wirklich toll. Ich kannte die Oper bisher nur dem Namen nach, leidglich "Ah non credea..." habe ich natürlich gehört, als Callas-Fan kommt man daran ohnehin nicht vorbei, und das größte Kompliment daß ich Dessay machen kann ist, daß sie die einzige ist, die ich in Belcantorollen nicht ständig mit Callas vergleiche. :down :down :down


      Die Handlung der Oper ist m.E. ja schon ein etwas dünnes Brett: verliebt -, sich böse- und wieder verliebt sein im ersten und ständig sich böse und am Schluß wieder verliebt sein am Schluß, mehr Bühnenhandlung passiert ja eigentlich nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum mich die Oper nicht ganz so gepackt hat wie die fulminante, phänomenale und ganz grandiose "Fille du regiment" in der gleichen Besetzung.
      Vielleicht war ich aber auch einfach nicht in der rechten Stimmung für ein weiteres femme-fragile-Drama, das nur zufällig gut ausgeht, und auch das nicht wirklich...
      Bei der ersten Begegnung mit einer für mich neuen Oper sehe ich sie eigentlich gerne in einer traditionellen Inszenierung, umso spannender (im besten Fall) sind dann eventuelle spätere modernere Auslegungen, aber in diesem Fall kann ich mir ziemlich gut vorstellen, wie eine traditionelle Sonnambula schlafwandelt. Da wird es wohl viele bunte Bauernkostüme im ersten und mächtig viel Mondlicht sowie wehende Tüllschleier und Haare im zweiten Teil geben. Naja, hübsch anzuschauen ist das bestimmt und ich möchte die Oper gerne mal so sehen.

      Die auch im Booklet erwähnte Doppelbödigkeit der Inszenierung hat mir sehr gut gefallen, wie für Amina Traumerleben und Wachzustand ineinander verschwimmen, so verschwimmen für ihre Interpretin Bühnengeschehen und Alltagsleben. Daß bei einer sensiblen Künstlerin die Rollenidentifikation so weit geht, daß sie selber beginnt zu schlafwandeln und sich bei einem ersten eher alttäglichen Krach mit ihrem Freund wie die Heldin einer Belcantooper benimmt finde ich spannend, auch wenn das in dieser Form in der Realität sicher nicht vorkommt. (Auf der anderen Seite habe ich neulich ein Interview mit einer Schauspielerin gesehen die ein schwer magersüchtiges Mädchen gespielt und gesagt hat, daß es gefährlich sei, sich ZU sehr in eine so fragile Persönlichkeit einzufühlen, das Phänomen scheint es also bis zu einem gewissen Punkt zu geben.)

      Also: diesen Teil der Inszenierung fand ich sehr gelungen. Auch Michele Pertusis Graf hat mir gefallen, ich weiß ja nicht, ob ich die Regisseurin richtig verstanden habe, aber für mich war dieser "Graf" ein weltberühmter Bariton auf dem Höhepunkt seiner Kunst (jeder mag sich da seinen persönlichen Liebling denken, meiner dürfte wohl klar sein... :cool), der aus irgendwelchen Gründen einer nicht ganz so berühmten Opernkompanie zu vokalem Glanz verhilft und ein bißchen mit der aufstrebenden jungen Kollegin flirtet. Daß das dem Tenor nicht passt ist fern der Bühne ebenso Realität wie auf den Brettern, also stimmig. Witzig fand ich den Gedanken, daß eine Kompanie die soeben eine Oper einstudiert in der es um das Phänomen des Schlafwandelns geht nicht daran glaubt, daß es das "in Wirklichkeit" tatsächlich gibt, und es für eine ganz besonders dämliche Ausrede hält.
      Unstimmig waren für mich lediglich zwei Momente: das Liebesduett zwischen Amina und Elvino gegen Ende des ersten Aktes. Eigentlich ist das ein sehr erotischer Moment: die beiden haben sich gezankt und wieder vertragen, sie werden morgen heiraten, dürfen aber, in der Zeit in der das Stück eigentlich spielt, vermutlich nicht mal ohne Anstandswauwau spazieren gehen. Jetzt sind sie voller Vorfreude auf die morgige Hochzeit und das darauf folgende Alleinsein. Prophetisch singt Amina davon, daß sie im Schlaf bei ihm sein wird, weil es anders (noch) nicht sein darf.
      In dieser Inszenierung jedoch habe ich mich gefragt, warum sie nach der Probe, dem Krach und der Versöhnung nicht einfach erstmal essen gehen, wie es jeder normale Mensch tun würde...daß es dann doch noch ein poetischer Moment wurde lag m.E. einzig an den beiden Hauptdarstellern, vor allem an Frau Kammersängerin.

      Der zweite Aspekt in dem die Inszenierung für mich unstimmig war, war die Reaktion der "Dorfbewohner" (hier also: Opernchor, Kostümbildner etc.). Ich will ja nicht behaupten, daß es unter Künstlern zugeht wie in Sodom und Gomorrah, aber wenn die Primadonna des Hauses kurz vor der Hochzeit mit dem Tenor im Bett des Baritons erwischt wird, wird das vermutlich Gelächter, Schadenfreude, Häme und vielleicht auch klammheimliche Bewunderung für soviel Frechheit auslösen, aber moralische Entrüstung?
      Nehmen wir mal kurz an, daß eine gewisse Russin einen gewissen Mexikaner umgarnt und ihn dann für einen gewissen Kerl aus Uruguay verlässt und niemand nix genaues weiß, dann hechelt man sowas bei Gelegenheit und entsprechender Stimmung gerne mal durch und fragt sich, ob es wohl stimmt oder nicht, aber moralische Empörung löst das wohl heute kaum noch aus, oder? :engel :D
      Wie gesagt, hier fand ich die Inszenierung nicht stimmig. Das jemand auch (und vor allem) im 21. Jahrhundert erst geliebt, dann verachtet und dann wieder geliebt wird, glaube ich sofort, aber wohl kaum wegen eventueller sexueller Eskapaden. Vielleicht bin ich ja aber auch nur ein verdorbenes Luder ohne Moral... :cool
      Gut gefallen hat mir dann wieder der Schluß: nach Ende aller Leiden und dem Happy End kann die Kompanie endlich eine herrlich kitschige Staubi-Sonnambula geben. Und Mary Zimmermann sich liebevoll ironisch über derartige Veranstaltungen mokieren.

      Im Übrigen frage ich mich ja schon, ob unsere Primadonna auf lange Sicht mit dem Bariton nicht besser fahren würde...
      Um es mit meinem Gatten zu sagen: "Der Mistkerl quält sie so mit seiner Eifersucht, daß sie selbst im Schlaf davon verfolgt wird!"
      Wenn die Männer recht haben soll man ihnen nicht widersprechen... :)
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • Liebe Solitaire, ich habe die Sonnambula in dieser Besetzung und Inszenierung im Met Kino gesehen und kann deshalb deiner Kritik gut folgen. Leider hat Bellini oft sehr schwache Libretti vertont, bzw veredelt und ich habe mal eine serh interessante Analyse zu all den ohnmächtigen schlafwandelnden, halbbewussten Frauen gelesen. Angeblich symbolisieren all diese Frauen Siziilen, seine geliebte Heimat. Sizilien wurde seit Jahrtausenden immer wieder von fremden Eroberern besetzt, überfallen, eingenommen- mal gewaltsam, mal in friedlicher Weise.
      Mal wurde die Insel nur als Kornkammer ausgebeutet(z.B. von den Spaniern und leider auch vom geeinten Italien), mal ist sie durch die Besatzung/Neubesidelung zu grosser Blûte gekommen (z.B. durch die Araber oder Friedrich den Staufer). Die Sizilianer haben sich mehr oder weniger melancholiisch resignierend in ihre Schicksale ergeben udn ihre Devise lautet bekanntlch "nicht sehen, ncihts hôren, ncihts sagen". Dem Wahnsinn zu verfallen oder schlafzuwandeln, in halb bewussten Zuständen zu sein, hilft da beim Ertragen doch serh weiter... oder aber man emigiriert.....
      Mich hat diese Deutung ziemlich fasziniert, zumal Bellini, wie so viele Sizilianer, seiner Heimat in unauflöslicher Hassliebe zeitlebens engstens verbunden blieb und seine sterblchen Überreste dann ja gottseidank auch wieder von Paris nach Catania überführt worden.

      Wenn man also ein wenig vom Wortlaut der Texte abstrahiert und das ganze metaphorisch liest, wurd es ein bisschen weniger abstrus. Die Tenöre bei Bellini sind vielleicht auch deshalb so unsympathisch, weil sie fûr die Eroberer, Besatzer stehen...... langfristig kann man mit Besatzern eh nicht glücklich werden- oder? :D

      Sängerisch war ich genauso begeistert wie du und mir hat auch die Inszenierung weitestgehend gut gefallen. Angesichts der Schwierigkeit diese Opern zu inszenieren nochmal mehr. Natalie Dessay ist die ideale Bellini-Heroine, ihre einsame Szene auf den Brett mit "Ah non credea mirarti" werde ch mein Lebtag nciht vergessen. Ich warte sehnsüchtig auf ihre Elvira!!!!!
      F.Q.

      P.S. ich plane gerade meine erste Sizilien Pilgerreise.... und dabei ist mein Vater beinahe Sizilianer, eine Schande, dass ich noch nciht dort war!
      Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein (Voltaire)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Fairy Queen ()

    • Hallo Fairy!

      Danke für den Hinweis auf Sizilien, das ist wirklich sehr interessant, und es ist ja auch wirklich auffällig, daß bei Bellini der Tenor in manchen Fällen den Besatzer nicht nur symbolisiert, sondern tatsächlich einer ist (Norma) bzw. zu den politischen und religiösen Gegnern der Heldin gehört (I Puritani). Die Situation ihrer Heimat mehr oder weniger verbrämt in Musik setzen haben italienische Komponistinnen offenbar gerne getan, wenn ich da an Verdi und seine frühen Opern denke.

      Ja, die Szene auf dem Dielenbrett war großartig, das war Regietheater wie es in seinen besten Augenblicken sein kann, und natürlich ist Dessay allein schon rein optisch die ideale Vertreterin all dieser zarten Frauengestalten.
      Auch wenn es rein stimmlich vermutlich nicht in jeder Sekunde ideal war und sie an ihre Grenzen gekommen sein dürfte: ich hätte was drum gegeben ihre erste (und vermutlich einzige) Violetta zu erleben.
      Ihre Elvir würde ich auch gerne erleben, ich kenne nur Auszüge daraus und habe die ganze oper bisher "nur" mit Sutherland und Pavarotti auf CD erlebt. Wenn allerdings Big P. "A te o cara" singt ist es um mich geschehen und ich schmelze dahin. 150 Kilo hin oder her :D
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)
    • Original von Solitaire

      Auch wenn es rein stimmlich vermutlich nicht in jeder Sekunde ideal war und sie an ihre Grenzen gekommen sein dürfte: ich hätte was drum gegeben ihre erste (und vermutlich einzige) Violetta zu erleben.
      Liebe Mina,
      dann musst Du 2013 nach Wien kommen, da soll sie nämlich die Violetta in unserer Neuinszenierung sein! Obwohl ich ehrlich gesagt nicht wirklich daran glaube, denn zwei Jahre sind viel im Leben einer Sängerin, und wie Du richtig sagst, wäre sie schon jetzt stimlich ziemlich an der Grenze des Machbaren, wenn nicht schon drüber.

      Im Übrigen hast Du natürlich Recht mit Deinen "antilogischen" Einwänden gegen die Inszenierung, bloß ist diese Story wirklich so verquast, dass ich auch noch nie eine logische konventionelle Aufführung gesehen habe. Bei uns z.B. wandelt Amina barfuß und im dünnen Nachthemdchen über einen Lawinenkegel(!!!!), der zuvor das Panoramafenster des Kurhotels zerdeppert hat, herein, und jeder vernünftige Mensch weiß, dass sie schon längst erfroren sein müsste, denn sie kommt eindeutig von draußen...

      Da verzeihe ich Mary Zimmermann gerne die beiden Hoppalas, denn ansonsten finde ich ihr Konzept sehr überzeugend und auch witzig, was eben der Absurdidität der Geschichte ein wenig die Spitze nimmt.
      Außerdem habe ich Flórez noch nie so locker, natürlich und überzeugend SPIELEN gesehen, und alleine das geschafft zu haben, ist eine Meisterleistung der Regisseurin.

      lg Sevi

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Severina ()

    • Hallo Severina!
      Du wirst lachen, aber für 2013 haben mein Mann und ich tatsächlich einen wien-Besuch ins Auge gefasst! Das wär ja was, wenn es klappen würde1
      Aber es wudnert mich schon, daß Dessay an der Traviata festhält, immerhin hat sie ja die Amina, die ihr ja scheinbar in die Kehle geschrieben wurde aufgegeben, und dann diese Rolle...
      Freuen würde ich mich jedenfalls. Mich persönlich stört es z.B. auch nicht, wenn die Violetta mit einer „zu“ leichten Stimme besetzt wird (was man Dessay und ähnlich veranlagten Kolleginnen ja immer mal wieder vorhält), da es sich bei aller Erfahrenheit in den Lasterhöhlen dieser Welt ja immer noch um eine sehr junge und überdies krankeFrau handelt von deren Schicksal da erzählt wird. Ein Koloratursopran der in den dramatischen Momenten ein paar Abstriche machen muß stört mich persönlich da weit weniger als eine zu dramatische, zu üppige und zu „gesunde“ Stimme. Daher ist z.B.
      auch Netrebko für mich rein stimmlich keine ideale Violetta, so sehr ihre Darstellung in Salzburg auch nach wie vor schätze.

      Zum Thema:
      Auch wenn die Logik in „La Sonnambula“ wirklich keine große Rolle spielt, wunderschöne Musik ist es allemal, und wenn es schon nicht logisch ist, daß Amina eine Gletscherwanderung unbeschadet übersteht, so ist immerhin der Gletscher selbst logisch.
      Spielt ja schließlich in der Schweiz.
      Im Übrigen ist es doch erstaunlich, wie häufig der Peruaner Florez auf der Bühne die Krachledernen anziehen muß: „La fille“, „La Sonnambula“. :rofl
      Und ja: er hat klasse gespielt. Dessay hat im Interview übrigens erzählt, daß die schwarzen Klamotten die sie unter den Probekostümen trägt aus ihrem eigenen Kleiderschrank stammen. So gehe sie meist selber zur Probe.
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)
    • Ist ein bisschen OT, aber ich denke, es passt dennoch hierher:
      Mir läßt die Frage keine Ruhe, warum so viele Frauen in so vielen Belcantoopern vorübergehend oder dauerhaft wahnsinnig werden, schlafwandeln oder sich sonst wie in einem Zwischenreich befinden.
      Neben der nachtwandelnden Amina haben wir da Lucia di Lammermoor, Linda di Chamonix, Elvira, Ophélie, Dinorah um mal nur die zu nennen, die mir spontan einfallen, vermutlich gibt noch die eine oder andere die ich nicht kenne, das KANN nicht nur mit Sizilien zu tun haben. :wink

      Als ich im Internet ein bisschen nachgeforscht habe bin ich auf ein Buch gestoßen, das vor kurzem erschienen ist, es handelt sich offenbar um eine Dissertation mit dem Titel
      „Heiliger Wahnsinn auf der Bühne: Die Figur der Hysterika in der Belcanto-Oper“ von Bernhard Loges.
      Hier kann man sich ein bisschen einlesen:
      Klick

      hier kann man das Buch bestellen.
      Ich habe in der Mittagspause ein bisschen geschmökert, da ich in der medizinischen Materie nicht bewandert bin, brauche ich wohl etwas Ruhe zum lesen, aber der erste Eindruck war ein durchaus spannender, ich werde es wohl bei Gelegenheit bestellen.
      Vielleicht hat ja noch jemand Interesse.
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)
    • Donizetti L'Elisir d'Amore (Liceu 2005)

      Live-Mitschnitt vom Gran Teatro del Liceu (Barcelona) vom Juni 2005:

      Adina ............ Maria Bayo
      Nemorino........ Rolando Villazón
      Dulcamara....... Bruno Praticò
      Belcore........... Jean-Luc Chaignaud
      Gainetta......... Cristina Obregón

      Dirigat: Daniele Callegari
      Regie: Mario Gas


      Ich habe ja schon bei diversen Gelegenheiten erwähnt, dass mich mein sonst so "geliebter" Rolando Villazón als Nemorino immer ein bisschen nervt, weil er ihn irgendwo zwischen Dorftrottel und Clown ansiedelt, deshalb lag die DVD von der Produktion aus Barcelona - ein Weihnachtsgeschenk - ziemlich lange herum, bevor ich ihr eine Chance gab.
      Und um es gleich vorwegzunehmen: Villazón hat sich mit dieser Einspielung in meinen Augen voll und ganz rehabilitiert! Kaum zu glauben, dass nur zwei Monate zwischen der Wiener Aufnahme und der aus dem Liceu liegen, denn hier präsentiert sich ein völlig anderer Nemorino. Natürlich liegt das an der Inszenierung, denn im Unterschied zur Wiener Blödelpartie, für die Otto Schenk verantwortlich zeichnet, nimmt Regisseur Mario Gas die Personen der Handlung ernst, er zeigt keine Slapstickkomödie, sondern die Geschichte einer unglücklichen, weil über weite Strecken einseitigen Liebe mit Happyend. Was mich viel mehr erstaunt, dass Villazón in diesem kurzen zeitlichen Abstand das Umschalten von der einen zu einer völlig konträren Interpretation so überzeugend und problemlos hinkriegt. Ich habe nämlich schon oft erlebt, dass ein Sänger von einer Inszenierung in die nächste etwas mitnimmt, mal mehr, mal weniger. Villazón hingegen hat den Schalter wirklich umgelegt und in Barcelona eine völlig neue Sicht auf seine Rolle
      geboten.

      Mario Gas verlegt die Handlung ins Italien um 1950, auf die Piazza einer Kleinstadt. Rotbraune, malerisch verwitterte Hausfassaden bilden den Rahmen, zwei Treppen links und rechts führen auf eine Galerie, von der man die einzelnen Wohnungen betritt. Ebenerdig sind einige Lokale untergebracht, eine Bar, eine Tabaktrafik und ein Zeitschriftenkiosk, den Nemorino betreibt. Dort kauft Adina auch die Illustrierte, in der sie die Geschichte der Regina Isotta und ihrem L'Elisir entdeckt.
      Dementsprechend besteht der Chor auch nicht aus Bauern, sondern aus Handwerkern, Arbeitern und Hausfrauen.
      Adina ist wohl die Wirtin, eine elegante junge Frau mit vielen Verehrern. Einer davon ist Nemorino, zunächst allerdings ohne Erfolg. Aber er ist in dieser Inszenierung kein naiver Tölpel, auch kein überdrehter Clown wie in Wien, sondern ein netter junger Mann, der von Anfang an durchaus eine Option sein könnte. Er hat halt nur das Pech, dass seine Liebe nicht auf Gegenliebe stößt, was ja vorzukommen pflegt. Villazóns Nemorino ist auch kein unreifer und in Liebesdingen unerfahrener Jüngling, er weiß schon, wie's geht, nur verfängt seine Methode bei Adina nicht. Aber auch sie setzt etwas andere Akzente als man es üblicherweise sieht: Sie macht sich über Nemorino nicht lustig, man hat im Gegenteil von Anfang an das Gefühl, dass er ihr nicht ganz gleichgültig ist. Deshalb erscheint die Eifersuchtskomödie, die sie mit Hilfe des ahnungslosen Belcore inszeniert, auch plausibler als sonst, wo man sich den plötzlichen Gesinnungswandel oft nicht erklären kann.
      Bei der Inszenierung von Mario Gas gibt es zwar weniger zu lachen als gewöhnlich, ich finde sie aber in sich stimmiger und auch berührender.

      Auch die Besetzung ist sehr gut.
      Maria Bayo ist nicht unbedingt meine erste Wahl als Adina, aber das ist ein reines Geschmacksurteil von mir, sie macht ihre Sache ausgezeichnet.
      Bruno Practico gibt einen etwas schmierigen Dulcamara, der nicht ganz so liebenswürdig-schlitzohrig daher kommt wie die meisten seiner Kollegen, aber er beherrscht das Parlando perfekt.
      Jean-Luc Chaignaud ist ein schneidiger Belcore, stimmlich solide und wesentlich besser als die ziemlich schaurigen Live-Erfahrungen in letzter Zeit.

      Rolando Villazón spielt wie schon gesagt einen ungewohnt ernsthaften, beinahe melancholischen Nemorino, verfällt nie in hektischen Aktivismus (Dazu neigt er leider!) und wahrt auch in den komischen Szenen die Balance. Stimmlich präsentiert er sich in ausgezeichneter Form (2005 befand er sich auf dem Zenit seiner Karriere), obwohl mir "Una furtiva lagrima" auf der Wiener DVD noch besser gefällt. Aber das liegt eben an der Tagesverfassung. Mir kommt vor, dass er es da noch nuancierter, subtiler singt, noch mehr Gefühl hineinlegt, aber auch das ist wohl Geschmackssache.

      Insgesamt ist das eine DVD, die mir wesentlich besser gefällt als die Wiener Klamaukpartie, die allerdings in Anna Netrebko die für mich bessere Adina aufbietet.

      lg Severina :hello
    • Hallo Severina!
      Nur ganz kurz ehe ich zur Arbeit muß: ich mag diese Inszenierung auch sehr, und du hast recht: es ist erstaunlich, die schnell und gut RV den Schalter umgelegt hat.
      Ich finde Nemorinos Entschluß zum Militär zu gehen hier um ein vielfaches bedrohlicher und tragischer als in der Wiener Inszenierung, denn hier ist eine echte Armee in der man echt totgeschossen werden kann, im Gegensatz zu Otto Schenks Operettensoldaten. Auch Belcore wirkt um einges beunruhigender, ich möchte z.B. nicht wissen, auf welcher Seite der während des italienischen Faschismus stand...
      Allerdings höre und sehe ich zur Zeit kaum CDs oder DVDs mit RV. Es macht mich einfach zu traurig...
      Schön blöd ich weiß. :cool
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • Original von Solitaire
      Hallo Severina!
      Allerdings höre und sehe ich zur Zeit kaum CDs oder DVDs mit RV. Es macht mich einfach zu traurig...
      Schön blöd ich weiß. :cool


      Liebe Mina,
      gar nicht blöd, diese Phase hatte ich auch. Andererseits bin ich süchtig nach dieser Stimme, aber ein Schuss Masochismus ist bei jeder Rolando-Session dabei, weil ich natürlich auch um den Gedanken nicht herum komme, wie jammerschade es um ihn ist :I :I :I.

      lg Sevi :hello
    • Vor einigen Tagen ist mir noch ein verspätetes Geburtstagsgeschenk von meinen lieben Kollegen ins Haus geflattert: Igor Stravinskys "Le Rossignol":


      Besetzung:
      Die Nachtigall: Natalie Dessay
      Das Kind: Hugo Simcic
      Die Köchin: Marie Mc Laughlin
      Der Tod: Violeta Urmana
      Der Fischer: Vsevolod Grivnov
      Der Kaiser: Albert Schagidullin
      Der Kammerherr: Laurent Naouri
      Der Oberpriester: Maxime Mikhailov
      Chor & Orchester Opera National de Paris
      James Conlon


      Man kann diese Produktion nicht wirklich als Opernfilm oder Filmoper bezeichnen, es handelt sich wohl eher um Videokunst, denn die bekannte Geschichte vom chinesischen Kaiser und der Nachtigall spielt hier in einer Art virtueller Realität und ist stark computeranimiert. Daß diese virtuelle Realität keine Kalte, Seelenlose ist, sondern im Gegenteil poetisch nud manchmal auch erschreckend aktuell, ist das große Verdienst des Regisseurs, der hier m.E. ein kleines, kostbares Meisterwerk geschaffen hat.
      Die filmischen Elemente die er verwendet hat erinnern mich ein bißchen an Walt Disneys Klassiker "Fantasia" und vielleicht kann man "Le Rossignol" tatsächlich als eine Art Fantasia für Opernfreunde bezeichnen.
      Die Handlung beginnt in der Werkstatt eines chinesichen Töpfers. Ein kleiner Junge beobachtet heimlich seinen Großvater wie er auf der Töpferscheibe eine Vase herstellt und in den Brennofen stellt. Als der Großvater die Töpferei verläßt bleibt der Junge allein zurück und betrachtet die anderen, bereits fertig bemalten Vasen die sich dort befinden. Er wird müde, und plötzlich scheint die Malerei auf einer Vase lebendig zu werden:
      ein Fischer fährt über einen nächtlichen See auf der Suche nach der Nachtigall. Der Junge beobachtet die Szene fasziniert und wird nach und nach als, mal neugieriger, mal erschreckter, Beobachter Teil der Handlung.
      Die Nachtigall erscheint schließlich: ein kleiner, brauner, unscheinbarer Vogel der bald hierhin bald dorthin flattert und dem niemand die Magie ansieht, die ihm Innewohnt.
      Hinter ihm erscheint Natalie Dessay, auch sie klein, zierlich, in ein kurzes graues Hemd gehüllt und fast erschreckend zerbrechlich. Die Nachtigall beginnt zu singen und Dessay wandelt, träumerisch und nahezu schwerelos durch ein Kaleidoskop all der Dinge und Motive, die man im Westen im Allgemeinen mit China und der asiatischen Welt verbindet: Fächer, Sonnenschirme, bemalte Teller und Vasen.

      Währenddessen ist man am Hofe des Kaisers auf der Suche nach einer Nachtigall: der Kaiser begehrt, sie singen zu hören. Allerdings weiß niemand, wie das Wundertier aussehen, wie sein Gesang klingen könnte. Das Muhen einer Kuh und das Quacken eines Frosches kommen in die engere Auswahl. Zum großen Amüsement der Köchin, die als einzige weiß, wie eine Nachtigall aussieht und wie sie anzulocken ist. Auf einem Handy zeigt sie ein Bild einer Nachtigall.
      Während dieser Szene sieht immer wieder unzählige Computerbildschirme, auf denen Suchmaschinen nach Bild- und Tondateien der Nachtigall suchen. Die Mitglieder des Hofstaates, die in rote Lampenschirme wie in seltsame Kokons eingesponnen und nicht wirklich zu erkennen sind, beauftragen die Köchin über den Kammerherren die Nachtigall zu bringen. Der Vogel erscheint schließlich, und ist bereit, für den Kaiser zu singen.

      Ein großes, lärmendes Fest am Hofe des Kaisers: es wird fast völlig ohne Menschen dargestellt, Gegenstände, Musikinstrumente, Ornamente etc. übernehmen die Aufgabe, die auf der Bühne CChor und Statisterie hätten: sie stellen daß bunte Treiben am kaiserlichen Hof da. Mikrophone recken sich der Köchin entgegen, sie soll Antwort geben: wie sieht die Nachtigall aus? Wie singt sie? Wo hat sie sie gefunden?
      Der Kaiser erscheint, er wird in einer Art großen, gläsernen, blumengefüllten Monstranz hereingetragen, ohne wirklichen Kontakt zur Außenwelt.
      Als er die Nachtigall bittet für ihn zu singen, flattert sie herbei und läßt sich auf einem Stab nieder. Hintr ihr steht Natalie Dessay und beginnt zu singen.
      Die Nachtigall singt, und der Hofstaat bricht ihn begeisterten, hysterischen und sehr oberflächlichen Beifall aus.
      Spätestens hier fragt sich der geneigte Zuschauer, ob nicht auch ein sensibler Künstler in unseren Tagen manchmal eine Nachtigall ist, die ihre Seele klingen läßt ohne daß irgendjemand im hysterischen Opernzirkus wirklich begreift, welch ein Wunder sich gerade offenbart hat...
      Der einzige der der Nachtigall wirklich zugehört hat ist der Kaiser: er hat Tränen in den Augen und will der Nachtigall ein kostbares Geschenk machen. Sie antwortet, daß sie bereits das Kostbarste bekommen hätte, was der Kaiser ihr schenken könnte: seine Tränen.
      Dies wird von Hofleuten kommentiert mit "Welch charmante Koketterie!"...
      Der Kaiser will die Nachtigall zur ersten Sängerin seines Hofes machen, aber in einem unbeobachteten Moment flattert sie davon: sie kann nicht in Gefangenschaft leben.
      Hände erscheinen aus dem Nichts, Hände die mit Etikettierern bewaffnet sind wie wir sie aus dem Warenhaus kennen: Sonnenschirme, Fächer, Porzellan, ja Mitglieder des Hoftaates werden mit Barcodes beklebt. Alles und Jeder in dieser Welt ist käuflich und verkäuflich. Da erscheint die Delegation des japanischen Kaisers, in ihrer Mitte ein kleiner Mann im knallbunten Bühnenshow-Outift. Ein Mann, dessen Jacketkronen noch bis in die letzten Winkel Chinas funkeln, der sich permanent in den Schritt greift, und der von weitem fatal an Silvio Berlusconi erinnert. Als die Kamera näher fährt sehen wir: es IST Berlusconi, der Anno 2002 (als der Film entstand) zwar noch nicht italienischer Ministerpräsident, aber ein internationaler Medienmogul und Multimillionär und bereits so zwielichtig wie ein Zuhälter auf St. Pauli war.
      Er passt perfekt in diese Welt des künstlerischen und seelischen Sommerschlußverkaufs.

      Die Jahre sind vergangen, die Dinge haben sich verändert: die bunte, quirlige Welt ist still und kalt. In einer Ecke sitzt der Tod an einem Verkaufstresen: die Krone des Kaisers auf dem Haupt, sein Schwert und Zepter neben sich.
      Der Kaiser liegt in seiner gläserenen Monstranz, die Blumen sind leicht verwelkt und feucht, das Ganze erinnert an einen Sarg. Er muß sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzten, angstvoll ruft er nach Musikern, seine Seelenpein zu lindern.
      Die Nachtigall flattert herbei und singt für den Kaiser, dessen Gesicht und Gemüt sich merklich entspannt.
      Sie bittet den Tod,noch vom Kaiser abzulassen. Der Tod verlangt als Gegenleistung, daß die Nachtigall für ihn singt. Sie tut es, der Tod ist bewegt, gibt dem Kaiser die Insignien seiner Macht wieder und zieht sich schließloch still zurück.
      Der genesene Kaiser bittet die Nachtigall, für immer bei ihm zu bleiben. Sie lehnt ab: ein Vogel kann eben nicht in Gefangenschaft leben. sie sagt dem Kaiser, daß sie niemals seine Tränen vergessen wird und verspricht ihm, jede Nacht zu ihm zu kommen und bis zum Morgengrauen für ihn zu singen.
      Natalie hängt ein Handy an den Rahmen der Monstranz. Als die Nachtigall davonfliegt zertrümmert der Kaiser mit der Hand die Glasscheibe und tritt heraus. Er ist frei.
      Der kleine Junge läuft auf ihn zu, der Kaiser schließt ihn freudestrahlend in die Arme.

      Der Morgen ist da: der kleine Jnuge erwacht in den Armen seines Großvaters, der ihn fragt, ob er schön geträumt habe.


      Die Tonspur der DVD kann man übrigens mit und ohne Effekte abspielen, wenn man nur der der Produktion zugrinde liegenden CD-Aufnahme von 1999 lauschen will.

      Klick

      Klick


      Klick
      Ah, music! A magic beyond all we do here...
      (Albus Dumbledore)

      Dieser Beitrag wurde bereits 8 mal editiert, zuletzt von Solitaire ()

    • liebe Mina,

      diese DVD war eine der ersten, die ich mir zulegte, nachdem ich endlich einen DVD-Player bekommen hatte. Ich finde diese Aufnahme in jeder Hinsicht zauberhaft, sie entführt einen wahrhaftig in ein Fantasia und Natalie Dessay ist mit ihrer fragilen Physis, den sprechenden Augen und der glockenhellen Stimme die Idealbesetzung für die Nachtigall.
      Leider habe ich diese DVD in den letzten Jahren in der Fülle etwas aus den Augen verloren - danke, dass Du sie mir wieder in Erinnerung gerufen hast! Sie wird demnächst auf dem Drehteller landen!

      lg Sevi :hello