Beethovens Gesamtwerk - BRILLIANT gegen am@do classics

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    • Beethovens Gesamtwerk - BRILLIANT gegen am@do classics

      Zwei Boxen mit dem Anspruch, das Gesamtwerk Beethovens zu bringen, gibt es im Moment konkurrierenderweise auf dem Markt:



      Zwar hat Brilliant inzwischen eine um 15 CDs erweiterte Box herausgegeben, mW sind da nur historische Aufnahmen dazu gekommen, keine weiteren Werke - für eine Korrektur bin ich dankbar.

      Wenn man die beiden Boxen vergleicht, so ist Cascade "kompletter" - u.a. weil die Box auch Werkeaus dem Hess-Verzeichnis aufgenommen hat. Ich plane, beide Boxen hinsichtlich ihres Repertoirewertes durchzugehen und folge dabei der Reihenfolge der Cascade-Box.

      Am Anfang beider Boxen stehen die Sinfonien Beethovens. Da ich eine größere Anzahl von Gesamteinspielungen habe, ist das für mich ohnedies ein weniger wichtiger Punkt, aber beim näheren Hinsehen wird doch schon eine wichitige Sache bemerkbar. Brilliant hat sich auf die zuverlässige Gesamteinspielung von Kurt Masur verlassen, Cascade stellt Aufnahmen zusammen, die ich vom grauen Markt kenne: Angaben zu Dirigent und Orchester sind nicht zuverlässig, in der Regel sind es Pseudonyme. Das braucht nicht schlechtere Qualität zu bedeuten, manchmal sind es auch geltende Verträge, die von einem bekannten Ensemble umgangen werden. Hier allerdings bedeutet es schlechtere Qualität:


      Norddeutschen Philharmonie unter Eugen Duvier - Kurt Masur mit dem Gewandhausorchester Leipzig

      Nun ja, fangen wir mit der ersten bösen Überraschung an, der erste Takt des ersten Satzes fehlt, einfach so fehlt der. Die Interpretation Duviers liegt im guten Mittelmaß (er hat den Takt sicher nicht vergessen), aber klanglich ist die Einspielung unterdurchschnittlich. Insgesamt ist die Aufnahme wenig transparent, das ist aber - denke ich - der Tonmeister, der ziemlich viel blechernen Klang liefert (vgl. Beginn des Allegro con brio) den Bassbereich recht mulmig klingen lässt. Die Tempi sind OK, Wiederholungen werden brav gemacht. Durch die klanglichen Bedingungen hört man leider zu wenig.

      Kurt Masur mit dem Gewandhausorchester Leipzig ist klar besser als Duvier. Da kommt zu dem kleinen Plus in Sachen Interpretation noch ein Orchester, bei dem man viel hört - und das auch exzellent ausgeführt. Auch hier ist der Klang noch nicht optimal, die 35 Jahre, die die Aufnahme auf dem Buckel hat, hört man ihr schon an. Auch ist die Interpretation eher im Mainstream, aber für einen Einsteiger ist sie rückhaltlos zu empfehlen, mE schon mal eine gute Visitenkarte für Brilliant.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • Gekoppelt ist die 1. Sinfonie mit der 6. auf der ersten CD der Cascade-Box. BTW:Auf der Vorderseite der Kartontaschen steht am@do. classics, auf der Rückseite "Produced by CASCADE Medienproduktions- und Vertriebs- GmbH, dort auch der Verweis auf cascade-medien.com. Im Zusammenhang mit der Box werde ich beide Bezeichnungen benutzen.

      Die Einspielung der 6. unter "Eugen Lindenberg" (er dirigiert das Orchester der Wiener Volksoper) hatte ich als eine der besseren aus der Cascade-Box in der Erinnerung, aber genaueres Hinhören verdirbt dann leider den Eindruck. Im ersten Satz fehlt die Wiederholung der Exposition, aus vielen Gründen für mich ein nicht gutzumachender Stockfehler. Kein Wunder, dass die Zeit dann so kurz ist. Ansonsten liegt Lindenberg eher bei den ruhigeren (ich habe eine kleine private Tabelle der Zeiten an bestimmten "Checkpoints" der Sinfonie, so dass ich das auch bei solchen Auslassungen gut einordnen kann). Es fallen für mein Gehör die etwas scharf genommenen Bläserstimmen auf, das kann aber nichts mehr gut machen ...

      Masurs Tempo entspricht in etwa dem von "Lindenberg", aber seine Stärke ist der wunderbare Klangkörper des Gewandhausorchesters. Man vergleiche einmal den Buchstaben D im ersten Satz mit "Lindenberg", was da an Klangzauber kommt, ist schon schön. Allerdings nimmt er im Verlauf des 1. Satzes etwas an Tempo heraus und klingt für mich an einigen Stellen ein wenig zu zögerlich.

      Erste Zusammenfassung: Dass sich Cascade auf dem grauen Markt bedient hat, sorgt für eine bestenfalls durchschnittliche Interpretation der Sinfonien, Masur bietet zwar Mainstream, allerdings in einer guten Interpretation mit einem hervorragenden Klangkörper, dem Leipziger Gewandhausorchester.

      Nun gibt es so viele exzellente Einspielungen der Beethovensinfonien - nach gusto von dem ersten Karajanzyklus bis zu dem von Paavo Järvi - dass man die paar Euro drauflegen kann, Argumente für die Cascadebox werden noch kommen. Aber die Sinfonien ....

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • Original von Peter Brixius
      Die Einspielung der 6. unter "Eugen Lindenberg" (er dirigiert das Orchester der Wiener Volksoper)...


      Solange es nicht Udo Lindenberg ist, der das Panik-Orchester dirigiert...Aber vielleicht wäre das auch ne spannende Aufnahme einer Beethoven-Sinfonie. Was ich aber bis jetzt so über diese "Gesamtwerk-Editionen" lese, bestätigt mich darin, davon besser die Finger zu lassen und zwar generell.
    • Original von Armin70
      Was ich aber bis jetzt so über diese "Gesamtwerk-Editionen" lese, bestätigt mich darin, davon besser die Finger zu lassen und zwar generell.


      Lieber Armin,

      im Prinzip hast Du Recht, obwohl es auch Gesamt-Editionen hoher Qualität gibt (etwas die Chopin-Gesamt, die ich im Regal habe) - wenn auch nicht von Brilliant & Co. Aber - man findet leider auch sehr viel, was man anders als über diese Editionen nicht erreichen kann. Und die lobenswerten Gesamteditionen (etwa bei Beethoven und bei Mozart) sind schneller vom Markt, als man sich das Geld dafür zurücklegen kann. Wenn man -aus welchen Gründen auch immer auf das ganze Werk zurückgreifen will, vor allem in vernachlässigten Sparten wie etwa Beethovens Lieder, staunt man wieder, wie gut die genannten Editionen besetzt sein können.

      Um beim Beispiel zu bleiben: keine der beiden Editionen hätte ich wegen der Beethoven-Sinfonien gekauft, dafür habe ich schon viel zu viele Einspielungen und es kommen immer wieder welche dazu (Paavo Järvi darf ich herzlichst empfehlen, aber da gibt es noch einen Zyklus mit dem OAE unter unterschiedlichen Dirigenten (dabei eine 4. unter Jurowski,die einem den Stuhl unter dem Hintern wegzieht) oder einen unter van Zweden und und ...

      Wer also eine der Boxen wegen Lücken im Mainrepertoire kauft, möchte ich eher abraten.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • CD 2 - 2. Sinfonie

      Erstaunlicherweise bietet Hanspeter Gmür mit einer Süddeutschen Philharmonie mehr als ich erwartet habe. Sowohl er wie Masur bieten eine gute Mainstream-Darbietung von Beethovens Zweiter. Wie unglücklich man in der Rezeption mit diesem Werk ist, zeigen die vielen Versuche, es zu retten. Es scheint das Idyllische zu sein (man konstruiert da einen Kontrast zu dem zeitnahen "Heiligenstädter Testament" (als das geschrieben wurde, war die Sinfonie allerdings schon vollendet), Neitzel sieht eine mythologische Schilderung des erwachenden Frühlings, Goldschmidt als eine Musik über eine andere Musik - Mozarts Zauberflöte. Begeisterung eines Einsteigers werden mE weder Masur (langsamer und ein wenig "klumipig") noch wecken.Wenn man sich unfairerweise Paavo Järvis Einspieliung der Sinfonie anhört (1. Satz: Gmür 12:21 - Masur 13:10 - Järvi 11:24) höre ich das, was ich hören will: ein Musizieren auf dem Grat, bei dem die Erde brennt, eine Transparenz, die mich jede Gegenstimme hören lässt, die mich teilhaben lässt an der dauernden Gestaltung und Umgestaltung, den immer wieder neu gut dosierten Überraschungen, mit dem Beethoven erwartete Fortsetzungen verlässt und überzeugt, dass es nur so weiter gehen kann.

      Auch das Larghetto wird von Masur (BRILLIANT) deutlich langsamer genommen als von Gmür (10'52 gegenüber 13'08). Klanglich wunderbar ist das Gewandhausorchester eingesetzt, gerade die lyrischen Stellen sind eine wahre Ohrenweide. Aber die Einspielung unter Gmür, die die dramatischen Momente überzeugender gestaltet, hält insgesamt gut mit. Wer sich wohl hinter der Süddeutschen Philharmonie verbirgt? Auf jeden Fall sind beide Einspielungen für meine Ohren auf Augen-, bzw. Ohrenhöhe. Im Scherzo unterscheiden sich beide Dirigenten im Tempo nicht - nun klingt die Einspielung von Masur jenes Quäntchen besser, das eine gute von einer durchschnittlichen Aufnahme unterscheidet. Masur nimmt das Scherzo schneller als Gmür und setzt die Reserven im Trio ein, was gerade die Bläser schön klingen lässt. Aber nun sind die Aufbrüche da, die ich im Larghetto bei Masur ein wenig vermisste.

      Im Verschnitt von Rondo- und Sonatensatz-Finale lässt Beethoven alle Geister los, die bislang gebändiigt erschienen. Dass den Zeitgenossen da was zugemutet wurde, ist beim ersten Hören vermerkbar. Das kecke Spiel zwischen den Instrumentengruppen, der wilde Rhythmus, die Forte-Ausbrüche, das mutwillige Einhalten, bevor der Tanz weitergeht, es macht die Freude an diesem Satz aus. Da hier Gmür der Wagemutigere ist, Masur hin und wieder ein Bleigewicht an den Füßen zu hängen scheint, hat Gmür - für mich mehr als erstaunlich - die Nase vorne - vielleicht weil er die Zweite ein wenig mehr Ernst nahm?

      Belohnen werde ich mich jetzt auf jeden Fall mit Järvis wildem Tanz (5:54 - Masur 6:46 - Gmür 6:24) - atemberaubend!

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • CD 2 - 4. Sinfonie

      Die vierte Sinfonie in der Cascade-Ediditon wird dirigiert von Anton Nanut, der Träger eines Namens, der einem schon hin und wieder begegnet. Es spielt das RSO Ljubljana, ein Aufnahmedatum ist nicht angegeben.

      Die Aufnahme entzieht sich dem Vergleich mit der Aufnahme von Kurt Masur, dafür ist sie von der Aufnahme her grottenschlecht. Vieles ist nur zu erahnen (wie der Pianissimo-Trommelwirbel auf b), zu viel wird einfach verschluckt von der Akustik.

      Kurt Masur bringt eine beschwingte, wenn auch gegenüber etwa Paavo Järvi viel zu brave Auffassung. Es ist eben keine wolkenlose Szenerie, in das mit dem Riesenspannungsbogen der Einleitung erreichte B-dur mischt sich immer wieder ein tonartenfremdes ges (bzw. in enharmonischer Verwechselung ein fis mit Bezug auf H). Welche Energien man daraus gewinnen kann, zeigt etwa auch Jurowski mit dem OAE.

      Hier geht der Punkt also klar an Brilliant, dort landet man allerdings im (gut musizierten) Mainstream.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)

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