Unvergesslich - KV 505 Ch'io mi scordi di te?

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    • Unvergesslich - KV 505 Ch'io mi scordi di te?

      In einem ganz anderen Zusammenhang stieß ich auf eine Konzertarie, die zwar sehr berühmt und beliebt ist, mir bis dato jedoch völlig unbekannt war. Nun aber bin ich von ihr so begeistert, dass ich gerne einen Thread dazu anstoßen möchte, auch wenn der ziemlich außerhalb der von mir nomalerweise begangenen Pfade liegt.

      Die Rede ist von Mozarts Konzertarie "Ch'io mi scordi di te?". KV 505, aus dem Jahr 1786, die eine sehr besondere Geschichte hat.

      Die erste Version der Arie trägt die KV Nr. 490. Mozart schrieb sie für eine Privataufführung des IDOMENEO, wo sie den zweiten Akt einleitete (daher das gegenüber der späteren Fassung deutlich ausführlichere Rezitativ). Die obligate Violine dieser Fassung weist bereits auf die spätere Einführung des obligaten Klaviers in der späteren Fassung voraus, aber insgesamt hat das Stück eher Eigenschaften einer frühen, leicht flüchtigen Gelegenheitsarbeit oder Vorstudie.

      Aufnahmen dieser frühen Version gibt es dennoch eine ganze Reihe, unter anderem mit Barbara Hendricks, Christiane Oelze, Kathleen Battle, Judith Blegen und diese frühe mit Elisabeth Grümmer:



      Hier kann man sie im originalen Kontext und der ursprünglichen Stimmenverteilung in einer Aufnahme unter Marc Minkowski hören und sehen: http://www.youtube.com/watch?v=GDaERBm_WAQ&feature=related

      Als Konzertarie, gesungen von Dame Kiri Te Kanawa, gibt es sie hier:
      youtube.com/watch?v=GDaERBm_WAQ&feature=related

      Das eigentliche Kunstwerk ist aber die spätere Arie KV 505. Sie ist der englischen Sängerin Nancy Storace gewidmet. Diese Londonerin kam 1783 zusammen mit ihrem Bruder Stephen, der einer von Mozarts Kompositionsschülern wurde und später die sehr hübsche Oper GLI EQUIVOCI komponierte, als Mitglied eines italienischen Opernensembles nach Wien, wo sie bis 1787 blieb und unter anderem 1786 die erste Sängerin der Susanna bei der Uraufführung von Mozarts LE NOZZE DI FIGARO war. Wir können nur darüber spekulieren, wie innig das Verhältnis von Komponist und Sängerin war, aber die Konzertarie, die Mozart für ihr Abschiedskonzert am 23. Februar 1787 schrieb, bei dem er sie höchstwahrscheinlich selbst am Klavier begleitete, ist nicht nur ein qualitativer Quantensprung gegenüber der vergleichsweise konventionellen Erstfassung, sie ist eine kaum verhüllte Liebeserklärung in Noten.

      Der revidierte Text, der nötig war, weil Mozart ein konzentrierteres Rezitativ benötigte, stammte vermutlich von Lorenzo da Ponte, und die Ersetzung des Violinsolos durch das Klavier ging offensichtlich auf Mozarts Wunsch zurück, die Sängerin selbst an dem Instrument zu begleiten, das er am virtuosesten beherrschte. Der Kommentar des Musikwissenschaftlers und Mozartkennter Alfred Einstein sagt eigentlich schon alles über diese einzigartige Kombination aus Klavierkonzert und Konzertarie: “Mozart goss seine ganze Seele in diese Komposition. Heute haben wir den Eindruck, dass er die Erinnerung an Nancys Stimme darin bewahren wollte, die nicht für eine virtuose Darbietung geschaffen war, sondern voller Wärme und Zartheit. (Man möchte auch glauben), dass er ihr mit der Klavierstimme eine Erinnerung an die Sinnlichkeit seines Klavierspiels und die Tiefe seiner Gefühle für sie hinterlassen wollte.“ (zitiert nach The Mozart Companion. London 1956).

      Ungeachtet der Sopranstimme der Widmungsträgerin, die, nach der Stimmlage der Susanna zu schließen, durchaus etwas dunkler getönt gewesen sein könnte, finde ich, dass die Arie etwas dunkleren Stimmen etwas besser liegt als den ganz hellen Sopranen (womit nichts gegen die Interpretation einer Diana Damrau gesagt sein soll). Das illutriert ganz besonders diese Version der ungarischen Sopranistin Sylvia Sass, die auf einer leider vergriffenen Aufnahme von Andras Schiff und dem Orchester der ungarischen Staatsoper unter Ervin Lukas begleitet wird. Zum Glück kann man sie noch hier auf YouTube hören: youtube.com/watch?v=c3-oqFBwhwU

      Hier noch der Text der Konzertarie zum Mitlesen.

      Ch'io mi scordi di te?
      Che a lui mi doni puoi consigliarmi?
      E puoi voler che in vita?
      Ah no! Sarebbe il viver mio di morte assai peggior.
      Venga la morte, intrepida l'attendo.
      Ma, ch'io possa struggermi ad altra face,
      ad altr'oggetto donar gl'affeti miei, come tentarlo?
      Ah, di dolor morrei!

      Non temer, amato bene,
      per te sempre il cor sarà.
      Più non reggo a tante pene,
      l’alma mia mancando va.
      Tu sospiri? O duol funesto!
      Pensa almen, che istante è questo!
      Non mi posso, oh Dio! spiegar.
      Stelle barbare, stelle spietate,
      perchè mai tanto rigor?

      Alme belle, che vedete
      le mie pene in tal momento,
      dite voi, s’egual tormento
      può soffrir un fido cor?

      Eine englische Übersetzung findet sich bei Wikipedia hier: „en.wikipedia.org/wiki/Ch%27io_mi_scordi_di_te%3F“

      Welches ist (sind) Eure Lieblingversion(en), und kann jemand erklären, was außer dem obligaten Soloinstrument diese Arie so besonders macht?

      :hello Riddleamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von Rideamus ()

    • Mit Mozarts Konzertarien habe ich mich bislang kaum bis gar nicht beschäftigt aber das ist dennoch ein interessanter Bereich in Mozarts Schaffen.

      Konzertarien waren damals im 18. Jahrhundert meistens Auftragsarbeiten von Sängern, welche diese dann auch aufführten. Das waren damals sowas wie Marketinginstrumente. Daher waren diese Arien sehr stark auf die persönlichen Wünsche und Möglichkeiten der Auftraggeber/innen zugeschnitten.

      Mozart komponierte allein 28 Konzertarien für Sopran und darunter befinden sich wohl auch einige unterschwellige Liebeserklärungen. So komponierte er z. B. einige Arien für seine Schwägerin Aloysia Weber, in der er sich wenige Jahre vor seiner Hochzeit mit Constanze verliebte. Dies blieb allerdings eine einseitige Liebe.

      Wie Rideamus bereits erwähnte, komponierte Mozart die Konzertarie KV 505 für die damals sehr berühmte englische Sopranistin Nancy Storace, die eine große Primadonna war. Sie sang die "Susanna" in der Uraufführung der "Hochzeit des Figaro" und so war diese Konzertarie vielleicht eine Art Dankeschön an sie. Das besondere ist der virtuose Klavierpart, der an Mozarts späte Klavierkonzerte erinnert und es ist sehr wahrscheinlich, dass Mozart diesen selbst spielte, um damit vielleicht die Zweisamkeit/Nähe mit Nancy Storace zu suchen...

      Ich persönlich kann folgende Aufnahme empfehlen, die auch die Konzertarie KV 505 enthält:



      Miah Persson singt voller Charme und mit einer wundervollen Leichtigkeit, so dass mir diese Aufnahme viel Spass macht. Den Klavierpart in dieser Aufnahme spielt übrigens Yevgeny Subdin und das Schwedische Kammerorchester unter der Leitung von Sebastian Weigle spielt sehr spritzig und transparent.

      (Quelle: klheitmann.com/2008/11/12/1786…tarien-kv-505-und-kv-528/)
    • Liebe Freunde von KV 505, in einem anderen Forum und vor einigen Jahren habe ich mal an einer bildhören udn einer anschliessenden Besprechung der verschiedensten Versionen dieser (einer der schönsten) Konzertarie teilgenommen und damals Sylvia Sass plus Andras Schiff ohne zu wissen um wen es sich handelte, zu meinen persönlichen Siegern gekrönt. Hochkarätige Konkurrenz wie Elisabeth Schwarzkopf konnte mich nicht annhâhernd so überzeugen. Ich habe zu dieser Arie ein serh intimes Verhältnis und kenne jede einzelne Note, denn auf meinem allerersten Kammermusikworkshop wurde von einem Pianisten der Wunsch zu einer Aufführung an mich herangetragen, den ich leider ablehnen musste, so gut mir dieses Werk auch gefällt. Aber anders als viele andere der Konzertarien von Mozart ist es eben nicht für eine hohe Koloraturstimme geschrieben, sondern für einen satten lyrischen Sopran in Richtung Spinto- eben eine Susanna und kein Blondchen. Auch wenn Kathleen Battle oder Elly Ameling das Werk eingespielt haben, sehe ich das genauso wie Ridamus. Hôhen oder nachtigallenmässig gibt es hier ncihts zu holen, dafür aber eine satte Tiefe und Mittellage- man muss sich nur Susannas grosse Arie "Deh vieni non tardar" ansehen, dann hat man die Tessitura und den Charakter, den Mozart seiner Nancy in die Kehle komponierte und mit der er ihre Fertigkeiten ins rechte Licht rücken wollte. Genau aus diesem Grund ist eine Anna Netrebko auch heutzutage die passnede Susanna- ich stelle mir Nancy Storaces Stimme viel mehr in dieser Richtung vor als in der von Miah Persson. (obschon sie in der Mc Vicar Inszenierung die Rolle ausserordentlich gut singt und spielt)
      Warum mir diese Arie gefält?
      Wegen des Klavierparts und des zärtlcihen Dialogs mit der Stimme und wegen der ersten Textzeile "Ch'io mi scordi di te" die sämtliche romantischen Gefûhle und Romanszenen aus Mozarts Leben in mir evoziert- auch wenn ncihts davon einer realistischen Prüfung standhalten sollte.
      Kaiser Joseph II fand die Storace übrigens zu fett und zu hässlich und war ncith gut auf diese serh beliebte Sängerin zu sprechen, aber der war wohl eh kein sonderlcih galanter Typ......
      Sie taucht jedenfalls in einem Jane Austen Film dann wieder auf und singt dort die Arie der Susanna zu Ehren Mozarts und sie hat noch eine lange und ansehnliche Karriere mit dem Repertoire das Mozart ihr geschrieben hat, gemacht.
      Freud würde das wahrscheinlich Sublimierung nennen, ich nenne es einen Glûcksfall für die Musik und die Menschheit.
      :engel
      Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein (Voltaire)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fairy Queen ()

    • KV 490 u.505......

      Habe mir heute Mittag mal verschiedene Aufnahmen angehört( eine schöne Erinnerung an Rideamus).

      Mir gefällt diese Konzertarie schon immer , dabei ist mir sehr wichtig das sie sehr gefühlvoll vorgetragen wird, und nicht wie oben schon erwähnt , als Koloraturnummer gesungen wird!
      Meiner Empfindung nach kommt mir die Interpretation von Margaret Price sehr entgegen, da ist nichts
      künstliches nur reines Gefühl und James Lockhart spielt das Piano wunderbar!
      Als zweite meine Favoriten ist Veronique Gens zu nennen , auch sie trifft den typischen Charakter
      dieser Arie, der kleine Wermutstropfen , es ist mir etwas zu schnell.
      Sehr schön ist das Pianoforte gespielt von Melvyn Tan !!!!!
      Und dann gefällt mir noch Irmgard Seefried , leider nur KV 490 und ohne Recitativ , die Violine
      spielt W.Schneiderhan .
      Margaret Price singt beide Versionen auf der wunderschönen Mozart Doppel CD.

      Liebe Fairy Queen, dein Vergleich mit der Rosenarie ist vortrefflich !
      Ja wenn man selbe singt, weiß man wovon man spricht !!!!! :)





      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Die ist wirklich eine ganz bezaubernde Arie, voller Empfindsamkeit und Zartheit, dann aber auch wieder mit dramatischen Ausbrüchen und durchaus virtuosen Abschnitten. Und gerade die Verbindung mit dem Klavier macht sie auch für mich immer wieder zu einem ganz besonderen Erlebnis.

      Ich gebe den obigen Ausführungen recht. Das ist keine Virtuosenarie, die Koloraturen sind stark zurückgenommen. Und trotzdem oder gerade auch deshalb ist es wichtig, dass sie am Ende der Arie einschließlich des Trillers genau und präzise kommen.

      Um Palestrinas Empfehlung noch einmal aufzugreifen, hier ein Video mit Margaret Price aus der Hamburger Musikhalle (ich frage mich, warum ich dieses Konzert verpasst habe):



      Eschenbach dirigiert und begleitet.

      Margaret Price verfügte über eine der schönsten Sopranstimmen, die ich kenne. Eine warme, volle, leicht bronzen gefärbte Mittellage, strahlende, weiterhin warme Höhe, nun leicht silbrig und wunderbar verblendet. Einzig die Tiefe war nicht besonders stark. Dazu führte sie ihre Stimme stets mit Eleganz und Ausdruck.

      Eschenbach beginnt am Klavier durchaus recht bestimmt, nimmt es und sich dann aber auch wieder zurück, vielleicht sogar ein wenig zu sehr. Als Dirigent macht er ihr es nicht leicht, ist er doch nicht gerade von der 'schnelle Truppe'.

      :hello Falstaff
    • Empfehlen möchte ich eine jüngere (naja, so neu nun auch wieder nicht mehr) Aufnahme mit Magdalena Kozena:



      Ihr damaliger Noch-nicht-Ehemann dirigierte das Orchestra of the Age of Enlightment mit Jos van Immerseel am Klavier.

      Kozena hatte damals eine wunderbar klare Stimme mit einer angenehmen Prise 'Schärfe'. Weder den technischen Problemen im Finale, noch den Bögen oder Höhen bleibt sie etwas schuldig. Mit relativ wenig Vibrato gesungen, voller Ausdruck und farbenreich geht sie souverän durch die Partitur und passt mit ihrer Herangehensweise wunderbar zu dem recht zügigen Dirigat Rattles und dem wirklich spannend begleitenden Jos van Immerseel.

      Das alles ist weit entfernt von den 'klassischen' Interpretationen einer Price, Schwarzkopf, Jurinac, te Kanawa etc., die alle ihre Meriten haben. Kozena lässt Schärfen in der Stimme zu (alles sehr moderat), verweigert nicht die Anteilnahme, aber führt ihre Stimme eher instrumental. So ergeben sich, gerade im Dialog mit dem Klavier, wunderbare Übereinstimmungen.

      Übrigens lohnt die gesamte CD. Absolut!

      :hello Falstaff