Mozart - Sinfonie Nr. 38 KV 504 "Prager"

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    • Mozart - Sinfonie Nr. 38 KV 504 "Prager"

      Irgendwer hat mch vor nicht allzu langer Zeit zu Mozart bekehrt (vorher mochte ich nur das Requiem und einige Opern). Und wie gelang es? Mit dieser Sinfonie. Daher widme ich ihr jetzt mal einen eigenen Thread.

      Diese Sinfonie in D-Dur KV 504 komponierte Wolfgang Amadeus Mozart im Jahr 1786. Das Werk trägt den Beinamen „Prager Sinfonie“.

      1. Satz: Adagio – Allegro
      2. Satz: Andante
      3. Satz: Presto

      Die Struktur der Sinfonie ist bei Wiki sehr schön ausführlich beschrieben.

      Warum gefällt mir die Sinfonie eigentlich so? Vielleicht, weil der quasi nicht enden wollende erste Satz so geistreich ist; ich neige da einerseits zum inneren Mitsingen, dann wieder erstaunt mich diese Vielfalt an Einfällen und verzwickten Verwicklungen immer aufs Neue. Vielleicht gefällt es mir aber auch gerade, weil das Menuett fehlt (verzärtelt gespielte Menuette nervten mich bei Mozart früher besonders an). Oder vielleicht mag ich auch besonders dieses interessante Finale, über das Einstein sagte: „Und das Finale ist einer jener seltsamen D-Dur Sätze Mozarts, die bei aller scheinbaren Heiterkeit und wirklichen Vollkommenheit eine Wunde in der Seele hinterlassen: mit der Schönheit verbunden ist der Tod.“ Wahrscheinlich ist es von allem ein bißchen.

      Was die Aufnahmen angeht weiß ich nicht besonders viel darüber, ich habe bisher folgende drei, die ich alle ganz gern höre:

      1. Berliner Philharmoniker, Böhm



      2. English Baroque Soloists, Gardiner



      3 Freiburger Barockorchester, Jacobs



      Dann habe ich gestern im Radio eine Aufnahme (1. Satz) mit Abbado gehört, die mir auch gut gefiel, das war eigentlich der letzte Auslöser für diesen Thread.

      Also, vielleicht haben die Mozart-Kenner einige weitere Anregungen, warum mögt ihr diese Sinfonie, oder warum nicht, welche Aufnahmen sind hörenswert, welche sollte man meiden?

      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Hallo,

      bei Mozart gehts mir umgekehrt wie Heike: Seine Instrumentalmusik mochte und mag ich nach wie vor sehr. Schwerer tue ich mich mit seinen Opern. So richtig ist der Funke da bei mir noch nicht übergesprungen, vielleicht mit Ausnahme der Zauberflöte.

      Die Gattung der Sinfonie hatte Mozart einige Jahre vernachlässigt. Erst als er in Wien war beschäftigte sich Mozart ab Mitte der 1780er Jahre wieder mit der Komposition von Sinfonien. Der Anlass war u. a. der, dass zu jener Zeit einige Sinfonien von Joseph und Michael Haydn, Antonio Rosetti, Pleyel und Kozeluch in Wien von Mozarts Verlegerfirma Artaria veröffentlicht wurde. Mozart schaute sich einige seiner früheren Sinfonien an und empfand den Stil als überholt bzw. konservativ, wenn auch sehr gut ausgearbeitet.

      Die "Linzer Sinfonie" KV 425 markiert dann bereits schon einen Wendepunkt hin zu einem moderneren Stil, den Mozart in der "Prager Sinfonie" dann eindrucksvoll fortsetzt. Ursprünglich komponierte Mozart die "Prager Sinfonie" für Adventskonzerte in Wien im Jahr 1786 aber die Uraufführung erfolgte am 19. Januar 1787 in Prag. Als Mozarts Witwe Constanze im Februar 1794 nach Prag reiste, besuchte sie dort ein Konzert in dem u. a. die "Linzer" und die "Prager" Sinfonie aufgeführt wurden.

      An Mozarts "Prager Sinfonie" bzw. überhaupt an Mozarts späten Sinfonien mag ich, dass er dort eine große Tiefe und Ausdruckskraft erreicht, die der damaligen Zeit meiner Meinung nach schon voraus war. Gleichzeitig zeigen diese Werken auch, dass sich Mozart in jenen Jahren mit Bach und Händel beschäftigte, was man man beispielsweise an einer gereiften Kontrapunktik merkt.

      Mozarts "Prager Sinfonie" habe ich in folgenden Aufnahmen:

      Karl Böhm:


      Sowie zweimal Charles Mackerras:

      und


      Die Böhm-Aufnahme ist mir ehrlich gesagt zu behäbig und schwerfällig. Ganz anders dagegen sind die beiden Aufnahmen von Charles Mackerras, wobei es da auch Unterschiede gibt:

      In der früheren Prager Aufnahme von 1986 lässt Mackerras komplett auf modernen Instrumenten spielen und zusätzlich setzt er auch ein Cembalo als Continou-Instrument ein, was der damaligen Aufführungspraxis anscheinend entsprochen hat. Dies ist vielleicht der einzigste Kritikpunkt dieser Aufnahme, da meiner Meinung nach das Cembalo in Mozarts späten Sinfonien nicht so richtig passt.

      In der zweiten Aufnahme von Mackerras aus dem Jahr 2007 wird glücklicherweise kein Cembalo eingesetzt. Des weiteren spielt das Scottish Chamber Orchestra teilweise auf Originalinstrumenten (Trompeten, Hörner und Pauken). Dadurch entsteht ein geschärfterer pointierter Klang. Überhaupt wirkt Mackerras zweite Aufnahme in sich gereifter. Insgesamt wählt Mackerras zwar sehr schnelle Tempi, die aber meiner Meinung nach nie gehetzt wirken, sondern das ist ein sehr entspanntes Musizieren. Ein großer Vorteil der zweiten Aufnahme ist des weiteren noch die sehr gute Klangqualität, die ein Musterbeispiel für Transparenz darstellt. Die Telarc-Klangqualität ist zwar auch gut aber dort ist das Orchester aus einer etwas größeren Distanz aufgenommen, während die Linn-Techniker das Orchester direkter aufgenommen haben.

      Letztlich ergänzen sich die beiden Mackerras-Aufnahmen ganz gut, wobei ich dann doch mehr die Aufnahme von 2007 höre.

      Armin
    • Gerade, wenn es ein bisschen flotter und HIP-orientiert sein soll, schwöre ich auf die Gesamtaufnahme der Sinfonien mit dem English Concert unter Trevor Pinnock. Die hat mir damals meinen Böhm kräftig mit einer überzeugenden Alternative durchgelüftet. Gerade die Prager Sinfonie ist ein Musterbeispiel dafür.

      Leider gibt es die nur zu Mondpreisen oder als kompletten Klotz, aber wer da dran kommt, tut sicher keinen Fehlgriff.


      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Original von Armin70
      Die Böhm-Aufnahme ist mir ehrlich gesagt zu behäbig und schwerfällig.


      Hallo Armin
      Ich habe ein bisschen ein ambivalentes Verhältnis zu Böhms Mozartdeutung, was die Symphonien betrifft. Einerseits sind damit meine Wahrnehmungen von klassischer Musik in meiner Kindheit verknüpft und es ist ein mir sehr vertrautes Klangbild. Andererseits ist die Üppigkeit der Streicher und des Orchesters im allgemeinen auch nicht unbedingt mein Geschmack.
      Hier greife ich viel lieber auf Hogwood zurück (siehe weiter oben).

      Ebenfalls gefällt mir diese Interpretation:



      Vielleicht hat jemand unter uns dies GA ebenfalls, um Meinungen dazu würde ich mich freuen.

      Gruss
      Stefan
      "Nur weil Du nicht paranoid bist, heisst das nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind." (Terry Pratchett)
    • Original von Cantus Arcticus
      Ebenfalls gefällt mir diese Interpretation:



      Vielleicht hat jemand unter uns dies GA ebenfalls, um Meinungen dazu würde ich mich freuen.


      Hallo Stefan,

      die Gesamtaufnahme der Mozart-Sinfonien mit Hans Graf habe ich zwar nicht aber mir ist eingefallen, dass ich zumindest die letzten 4 Sinfonien daraus in einer Edition des "Rings der Musikfreunde" vom Bertelsmann-Verlag aus den frühen 1990er Jahren besitze. Da ich diese Aufnahmen lange nicht mehr hörte, habe ich ich vollkommen vergessen, dass ich sie habe.

      Vorhin habe ich mir dann mal die "Prager-Sinfonie" in der Graf-Aufnahme angehört und diese hat mir auch gut gefallen. Das Mozarteumorchester Salzburg spielt auf modernen Instrumenten, ohne Cembalo und die Tempi sind insgesamt frisch und unterscheiden sich in der Hinsicht gar nicht mal so von den beiden Mackerras-Aufnahmen. Die Adagio-Einleitung zum ersten Satz wirkt mir bei Graf im Vergleich zu Mackerras II aber etwas spannungslos. Lediglich was die Wiederholungen insbesondere im ersten und dritten Satz angeht, nimmt es Graf nicht so genau im Gegensatz zu Mackerras, der konsequent sämtliche Wiederholungen spielen lässt aber das ist vielleicht eher eine Geschmacksfrage.

      Gerade im Vergleich zu den betagten Böhm-Aufnahmen aus den 1960er Jahren stellt die Graf-Aufnahme aus den späten 1980er Jahren auf jeden Fall eine regelrechte "Frischzellenkur" dar was die Mozart-Sinfonien betrifft. Heutezutage im Vergleich mit HIP-Aufnahmen (Brüggen, Gardiner, Pinnock, Jacobs etc.) bzw. Aufnahmen auf modernen Instrumenten, die HIP-beeinflußt sind (Harnoncourt, Mackerras etc.), sind die Graf-Aufnahme durchaus ordentlich.

      Armin
    • Original von Armin70
      ....
      Vorhin habe ich mir dann mal die "Prager-Sinfonie" in der Graf-Aufnahme angehört und diese hat mir auch gut gefallen. Das Mozarteumorchester Salzburg spielt auf modernen Instrumenten, ohne Cembalo und die Tempi sind insgesamt frisch und unterscheiden sich in der Hinsicht gar nicht mal so von den beiden Mackerras-Aufnahmen. Die Adagio-Einleitung zum ersten Satz wirkt mir bei Graf im Vergleich zu Mackerras II aber etwas spannungslos.Lediglich was die Wiederholungen insbesondere im ersten und dritten Satz angeht, nimmt es Graf nicht so genau im Gegensatz zu Mackerras, der konsequent sämtliche Wiederholungen spielen lässt aber das ist vielleicht eher eine Geschmacksfrage.
      ...
      Armin


      Lieber Armin
      vielen Dank für Deine Ausführungen :thanks
      Ich werde einmal in die Mackerras-Aufnahmen 'reinhören. Die Konsquenz, die Du bei Mackerras ansprichst, legt Hogwood ebenfalls an den Tag. Dadurch gerät aber z.B. die "Linzer"-Symphonie beinahe ein wenig langatmig, zumal die Tempi nicht so rasch genommen werden (wie es z.B. Harnoncourt mit dem Royal Concertgebouw auf Teldec macht). Wie Du richtig schreibst, es ist eine Frage des Geschmacks.

      Viele Grüsse
      Stefan
      "Nur weil Du nicht paranoid bist, heisst das nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind." (Terry Pratchett)
    • Die 38. (und noch etwas mehr die 39.) von Mozart gehört für mich zu den Höhepunkten der Sinfonik, weil hier eine dramatische Dichte erreicht wird, die im weiteren Verlauf der Musikgeschichte nur noch in Verbindung mit hörbaren kompositorischen Willensanstrengungen zu bekommen ist.

      Die Anforderungen an einen Interpreten bestehen für mich darin, die Ummittelbarkeit, mit der dieses Instrumentaldrama direkt vom Himmel in Mozarts Kopf gefallen ist, zu vermitteln. Deshalb mag ich hier ausnahmsweise die HIPesque Spitzhacke nicht so sehr - die Prager hat es gar nicht nötig, deratig aufgemöbelt zu werden. Im Gegenteil, wenn schon die langsame Einleitung dämonisiert und künstlich mit Spannung aufgeladen wird, dann bleibt für den Stau und Ausbruch der Energien in zweiten Teil der Durchführung nicht mehr genügend Reserve.

      Exemplarisch hat es Joseph Krips in seiner Aufnahme mit dem Concertgebouw vorgemacht. Er wählt -wie es vor 40 Jahren halt üblich war- gemäßigte Tempi, flüssige, weitgeschwungene Phrasierungen und entlockt dem (großen) Orchester einen sehr warmen und farbenreichen Klang. Trotz dieser (vermeintlich altmodischen) Vorrausetzungen ist die Aufnahme hinschtlich dramatischer Intensität kaum zu überbieten. Das wirkt verblüffend authentisch, weil die Steigerungen und Entladungen im Kopfsatz aus sich selbst heraus stattfinden, ohne auf modisch-historisierende, oberflächliche Ausdrucksmittel angewiesen zu sein. Wahrscheinlich macht das für die kleine, manchmal mystizistisch überhöhende Krips-Fangmeinde die Faszination aus: Hier wird Mozart nicht dirigiert; er geschieht einfach.

      Solo ist die Aufnahme von Pentatone als SACD wiederaufgelegt worden. Das könnte bei dem betörend schönen Orchesterklang unter klanglichen Gesichtspunkten lohnend sein. Hat die jemand gehört?



      Oder man greift zur halben GA:



      Meiner Jäger und Sammler Mentalität habe ich bei Mozart leider nur für die Jupitersinfonie freien Lauf gelassen, deswegen kenne ich zur Prager nur wenig Vergleichseinspielungen. Böhm und Marriner sind längst verkauft, Gardiner findet ab und zu noch den Weg in die Schublade und -das Werk scheint man kaum totzukriegen- auch mit Levine in Wien macht es noch eine gehörige Portion Spass.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 7 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Lieber Cetay,
      ich glaube, du hattest mir damals die Prager ans Herz gelegt, auch mit Krips. Den gab es aber bei Dussmann an meinem Probehörtag nicht, daher nahm ich zwei andre CDs mit.
      Jetzt kommt Krips wieder auf die Wunschliste.
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Stimmt, ich war der Übeltäter ... und auch ich dachte, es wäre vor
      nicht allzu langer Zeit
      gewesen. Das ist aber dann doch relativ, wie sich hier zeigt.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Krips ist ein ganz großartiger Klassiker und dieser Mozart gehört eigentlich in jede gute Sammlung,
      :down :times10
      ich kenne aber nur die Box, nicht die Neuausgabe und kann daher leider nicht sage, ob da etwas verbessert wurde.

      Ich bin übrigens ganz großer Fan der Linzer Symphonie und liebe diesen langsamen Satz wie keinen anderen von Mozarts Symphonien; und besonders in derAufnahme von Harnoncourt aus Amsterdam, dessen dereinst hochberühmt oder -berüchtigten Aufnahmen ich sonst sehr durchwachsen finde. Die Prager mag ich von ihm nicht besonders.
      :hello
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)

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