Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

    • Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Hallo,

      mich beschäftigt immer wieder die Frage der Inszenierung von Opern. Tröstet die Musik über eine schlechte Inszenierung? Reicht es, die Augen einfach zuzumachen und nur zu hören. Warum dann aber den Aufwand mit der Oper?
      Habe zuletzt in Dresden Macbeth gesehen, die Musik wunderschön, die Inszenierung war für mich ein Grenzfall. Macbeths Gesellen in Kampfdrillich und mit modernen Waffen. Täuscht mein Eindruck oder kann man in Deutschland den Militarismus nur noch auf der Bühne ausleben?
      Wohl auch kaum eine Nabucco-Inszenierung, die ohne Bezug zum Holocaust auskommt...
      In Dresden dann auch die gleiche Kulisse, wie ich sie kurz zuvor im Fernsehen bei der Don Carlo Inszenierung aus Wien gesehen habe. Nur dass in Dresden die Türen noch eindeutiger als "Klotüren" zu erkennen waren 8wegen des Belüftungsschlitzes). Während der ganzen Aufführung klapperten dann die Türen...
      Ich bin ja nicht grundsätzlich gegen moderne Inszenierungen, habe da auch gute Sachen gesehen, sowohl im Fernsehen als auch auf der Bühne. Aber bei manchem scheint es mir doch bloß um den Skandal bzw. um Selbstinzenierung. Wenn der Inhalt der Inszenierung nicht mehr mit der Musik zusammenpasst ist bei mir Schluss, vielleicht auch etwas eher...
      Na klar hat das alles auch etwas mit persönlichem Geschmack zu tun, aber ich ärgere mich einfach, wenn ich mir den seltenen Opernabend verdorben vorstelle.
      Wie geht es euch damit?

      Gruß Atilla
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Hallo Attila,

      ja die Inszenierung ist irgendwie schon wichtig. Weshalb gehe ich schließlich in die Oper. Nun muß ich allerdings sagen, daß ich aufgrund meiner Erfahrungen mit modernen Inszenierungen eigentlich kaum noch in die Oper gehe. Mich nervt das, diesen Quatsch brauche ich nicht.

      Was mich dabei am allermeisten stört, ist das Sich-in-den-Vordergrund-Drängen des Regisseurs. Diese Leutchen sollen sich nicht so wichtig nehmen. Sie nehmen sich aber leider äußerst wichtig. Und das nervt. Aus dem selben Grund war ich auch seit vielen Jahren schon nicht mehr im Theater.

      Meine letzte Opererfahrung, die noch nicht so lange zurück liegt, war Julius Cäsar mit Händel. Die Regisseurin hatte sich für diesen Opernabend allerlei lustige Ideechen zurechtgelegt. Mit dem Erfolg, daß dort bald eine Stimmung herrschte wie beim Ohnsorgtheater.

      Aber die Aufführungen der Musikhochschule sind ganz nett. Da gehen wir mal wieder hin. Zwar sind die Inszenierungen da vielleicht auch schon mal etwas moderner, aber zumindestens ist es nicht das Ohnsorgtheater.

      Gruß Martin
    • Guten Tag Mime.

      Bravo ! Aus diesen Gründen, weil man , wenn es DVDs mit Inszenierungen aus Stuttgart zu kaufen gibt, ich mir niemals eine anschaffen würde.


      Fast einmal wäre ich schwach geworden. Mit der " Entführung " Gottlob hab ich rechtzeitig einen Bericht darüber gelesen.

      Rolf.
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Hallo Atilla,

      das einzige, was mir wichtig in der Oper war, ist ein gutes Dirigat gewesen. Das tröstete mich über Sängerschwächen, Bühnenbild, Kostüme und auch Inszenierung hinweg. Ich gehörte da wohl zu den Glücklichen. Was mich am meisten noch störte, war schlechte Lichtregie!

      Dann aber sah ich zum ersten (und bislang einzigen) Mal eine wirklich überzeugende moderne Inszenierung: Schönbergs Moses und Aaron von George Tabori. Seither stören mich die Inszenierungen schlagartig und ich kann diese Erinnerung, was denn möglich wäre, kaum mehr ausblenden wie früher, leider...
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Hallo Zusammen!

      Oha, was muss ich lesen, ich bin schockiert. Hier kursieren Einstellungen, die keinesfalls mehr die moderne Musikwissenschaft vetritt.
      Die Inszenierung ist von IMMENSER Bedeutung für das MusikTHEATER. Seit ca. 20 Jahren erlebt man auch in Opernhäusern vereinzelt Regietheater und als Theaterwissenschaftlerin und Sängerin kann ich das nur befürworten. An dieser Stelle ein Hoch auf Peter Sellars, Hans Neuenfels, Achim Freyer, Jürgen Flimm, Robert Wilson, Dietrich Hilsdorf, Christof Loy, Marthaler und andere! :down
      Ein Theaterabend soll mich nicht nur mit schöner Musik einlullen, er soll mich auch intellektuell fordern. Sonst kann ich mir auch eine konzertante Aufführung anschauen. Ich will durch die Regie Sichtweisen auf ein Stück präsetiert bekommen, die mir bisher verschlossen waren. Und der Einzug des Regietheaters in die Oper hat einen weiteren Vorteil: Die schauspielerischen Anforderungen an die Sänger steigen.
      Eine historische Inszenierung hat doch allenfalls musealen Wert, mag auch ganz nett sein, hat mit unserer heutigen Welt nichts zu tun. Das muss die Oper jedoch, wenn sie nicht weiterhin einen kleinen elitären Kreis bedienen möchte, der langsam ausstirbt, schließlich liegt der Altersdurchschnitt des Operpublikums bei ca 50 Jahren, würde ich mal ganz frech schätzen. Mann muss sich nicht wundern, dass überall Opernhäuser schließen, wenn man kein junges Publikum anzieht. Und ich rede nicht von lärmenden Schulklassen, die theaterpädagogischen Veranstaltungen, wie Kinderopern sind ja recht gut besucht. Ich rede von der Gruppe der 20- bis 40-jährigen. Wenn das Regietheater es endlich schaffen sollte, diese Gruppe wirklich anzuziehen, die sich selbstverständlich in einer "werkgetreuen" Inszenierung langweilt, kann man ein gekündigtes Abonnement vom ein oder anderen konservativen Opernbesucher verkraften.
      Aber mal ganz abgesehen, von der Auslastung und der Publikumsstruktur: Unsere heutige Einstellung zur Oper widerspricht völlig der damaligen, die wir doch so originalgetreu nachempfinden wollen. Ich möchte das mal am Beispiel der Barockoper darstellen. Es mag überraschen, da sich die Barockoper durch eine recht strenge und geordnete Form auszeichnet, aber das Publikum war damals auf Spektakel aus. Die Sänger beispielsweise, waren damals immer in der neusten Mode eingekleidet, OBWOHL die Stoffe vorangig schon für damalige Verhältnisse "alt" waren. Eine "Aktualisierung" fand also schon in den Inszenierungen des Barocks statt. Wie kann es dann sein, dass es das heutige Publikum so sehr stört, wenn die Sänger im Anzug und nicht im Rokkoko-Kostüm auftritt? Das lässt sich übrigens auch auf Requisiten wie Waffen übertragen. Und wie war das Publikum damals drauf? Da dominierte dann wirklich die Frage "Was hat sie heute an???" oder "Wie wird sie die Wiederholung des A-Teils in der Da-Capo-Arie verzieren??" Reinhard Strohm, wohl der bedeutenste Wissenschaftler im Bereich Barockoper, vergleicht selbige mit heutigen Unterhaltungsphänomenen, wie Fussball oder Kino.
      Ich könnte noch stundenlang weiterreden und Lanze für Lanze für das Regietheater brechen. Den das bedeutet den Fortschritt. Und in der Beziehung sind wir fast 100 Jahre dem Sprechtheater hinterher. Regisseure sind in der Regel kluge Köpfe und keine pubertierenden Teenies. ich bin auch schon an Grenzen gestossen bei Inszenierungen, in den meisten Fällen wird aber die Inszenierung stimmig, wenn man sich mal etwas genauer mit Text und Musik auseinandersetzt. Dann kann man vielleicht noch sagen: "Das hat mir nicht so gut gefallen, ich hätte mich eher auf einen anderen Aspekt konzentriert, oder den Aspekt anders verrbeitet." Man kann aber ihre Arbeit würdigen. Ich wiederum kann die Arbeit von konservativen Regissueren nicht wirklich schätzen. Da findet keine Auseinandersetzung statt, nicht mit dem Text, nicht mit der Musik, nicht mit der geschichte, dem Komponisten, gar nichts. Das kann ich auch, Madame Butterfly in asiatische Kostüme in einer asiatischen Landschaft stellen und sie einfach ihre Arien singen lassen. Das kann JEDER. Ich würde sogar noch wietergehen: Die Oper ist selbst in modernen Inszenierungen noch viel zu "heilig". Eingriffe in die Musik und oft auch in den Text, wie sie im Sprechtheater schon die Regel sind, sind bei der Oper nämlich immernoch verpönt.
      Aber der Tipp von Martin ist gut. Im Hochschulbereich, wird auch der konservative Opernbesucher weiterhin auf seine Kosten kommen. Da sind nämlich meist keine großen Regisseure am Werk. Obwohl, ich durfte selbst in Detmold bei der Hochschulinszenierung von La Bohème schon eine Musetta in Over-Knee-Stiefeln und Minirock sehen... Nur war es da mit dem Rest der Inszenierung leider nicht besonders stimmig...

      P.S. Ich hoffe, es sind alle bis zum Ende meines Beitrages gekommen...
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Hallo,

      schön, dass es auch andere Meinungen gibt!
      Ich jedenfalls habe mich nicht grundsätzlich gegen moderne Inszenierungen ausgesprochen. Mich stört einfach oft bloß eine gewaltsam herbeigezogene Aktualität. Für mich müssen es keine "Barockkostüme" sein aber wenn ich Shakespare lese, dann stelle ich mir auch halt keine Leute in Kapmpfanzügen und mit Maschinengewehren vor. Die Aktualität der Klassik findet sich nicht im Äußeren sondern im Innern der Personen, der Dialoge, in mir selbst.
      Ich habe vor Jahren mal in Rostock die Iphigenie von Goethe im Theater gesehen und der Gegenwartsbezug wurde durch das ständige spielen von Udo Jürgens "griechischem Wein" hergestellt. Das war einfgach nur lächerlich. Da kann einem die Lust auf Theater vergehen. Damit wird auch kein junges Puplikum angesprochen, sondern verschreckt.
      So viel ich weiß, inszeniert die MET in New York eher konservativ. Die haben da in Amerika wohl weniger Probleme damit als wir in Deutschland.
      Manchmal habe ich auch den Eindruck, es geht bei modernen Inszenierungen nur um Effekte. (Don Carlos in Wien, wo dann die Aufführung durch das ganze Opernhaus zieht).
      Ich wünsche mir ja Aktualität der Inszenierung, aber nicht Effekthascherei und die Suche nach Skandalen. Wenn die "Musetta in Over-Knee-Stiefeln und Minirock" mit der Inszenierung stimmig ist, ist dagegen nichts zu sagen, wenn sie nur provozieren soll, ist es abschreckend. (An der Staatsoper in Berlin habe ich eine wundervolle Bohemeinszenierung erlebt...)

      Gruß Ralf - Atilla
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Hallo Ralf!

      Ich gestehe, dass ich Deine Bedenken auf jeden Fall nachvollziehen kann. Auch ich frage mich manchmal nach den Motiven. Deswegen auch meine Kritik bei der besagen Musetta in Detmold. Die Inszenierung war ansonsten nämlich völlig herkömmlich, keine Überraschungen, genauso wie man sich LaBoheme vorstellt (in Meinen Augen total langweilig :wink). Dann eine Musetta in so einem Kostüm auf die Bühne zu bringen, fand ich nicht angebracht. Es sah ein bisschen aus wie: "Ja, hier an der Hochschule können wir das auch, mit der Nacktheit und so!" Und darum sollte es auf keinen Fall gehen.
      Aber man sollte da keineswegs pauschalisieren. Nicht jede Inszenierung die mit Nacktheit, Blut, Sex, Gewalt, etc. spielt ist nur auf die Skandalwirkung aus. Man sollte den Stoff genau untersuchen, und sich überlegen, wo der Regisseur das her hat. Und ist Provokation nicht auch eine Botschaft? Manchmal gelingt das sehr interessant. Manchmal finde ich es auch daneben. Ein interessantes Beispiel habe ich in einer Fidelio Inszenierung in Essen von Hilsdorf gesehen. Da gibt es doch diesen Chor am Schluss oder so, frag mich jetzt nicht, wie der heißt, kenn mich bei Fidelio nicht so aus. Naja, jedenfalls trieft der in der Regel nur so vor Pathos. Und was hat Hilsdorf gemacht? Während des Chores hat er den Eisernen runterfahren lassen. Auch das Licht im Zuschauerraum war an. Das hat mal ein anderes Licht auf diese Oper geworfen, es gab nicht mehr dieses unreflektierte, bedingungslose Happy End, diesen Schnulz. Und das hat wahnsinnig provoziert! Wenn ein Regissieur jedoch mit Sex und Ekel provozieren möchte und ich überhaupt keine Notwendigkeit dafür sehe, stößt eine Inszenierung auch bei mir an Grenzen.
      Übrigens: Effekthaschereien kommen nicht nur in "modernen" Inszenierungen vor. Die Met ist ein gutes Beispiel: Pferde auf der Bühne? Naja, wie gesagt. Wenn's stimmig ist... Aber dann kann Calixto Bieto in Hannover doch auch ein Auto auf die Bühne stellen.
      Übrigens ist die Inszenierungspraxis in Amerika im Bereich Musiktheater grundsätzlich sehr konservativ, nicht nur an der Met. Aber das passt ja auch zu den Amerikanern. Wo es keinen Sex im Fernsehen geben darf, muss natürlich auch die Bühne keusch bleiben. Aber dieses Volk sollte uns doch kein Vorbild sein, finde ich...
      Ich finde es übrigens gar nicht uninteressant einen Bogen von einem Opernstoff zu unserem aktuellen Kriegsgeschehen zu schlagen.
      Aber grundsätzlich ist es sehr schwierig, über Inszenierungen zu sprechen, die nicht alle Diskussionspartner gesehen haben. Das betrifft all die Beispiele, die wir bis jetzt gegeben haben. Jeder stellt schließlich das Wahrgenommene subjektiv dar. Ich fänd's toll, wenn Du mir ein paar Inszenierungen sagen könntest, die Dich gestört oder erfreut haben. Vielleicht hab ich sie auch gesehen, oder wenn es sie auf DVD gibt, schaue ich mir sie auch gerne extra an. :D Vielleicht siehst Du ja auch in der nächsten Zeit etwas, dann meld Dich doch einfach mal wieder. Dann können wir gescheit diskutieren. Ich jedenfalls finde das Thema sehr interessant.

      Janina.
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Liebe Janina,

      auch ich finde es interessant, Deine Sichtweise, die so ganz anders ist als meine, kennen zu lernen. Möglicherweise bin ich ja auch über die Jahre ein bißchen zu konservativ geworden. Das liegt aber vielleicht auch daran, daß ich mich gewissermaßen mehr und mehr von dieser Art Kultur zurückgezogen habe. Ich habe halt die Rollläden hochgezogen und höre meine Platten und lese meine Bücher.

      Leider verkommt die Diskussion über solche Themen schnell zu einem Austausch gegenseitiger Vorurteile, die man über den anderen hegt. Mich ärgert es halt doch schon, daß die Liehaber konventioneller Inszenierungen anscheinend immer mehr ins Gettho abgedrängt werden, obwohl konservativere Menschen ganz sicher keine so ganz kleine Gruppe potentieller Kunden sind. So gehe ich eben auch nicht mehr ins Theater, nachdem ich früher doch noch gelegentlich ins Thaliatheater ging, aber die sollen jetzt auch Regietheater machen, seitdem interessiert es mich nicht mehr.

      Menschen sind aber an sich viel vielschichtiger als man gemeinhin denkt. Bei mir hat sich das Konservative eben auch über die Jahre entwickelt. Konservativ ist für mich nun beileibe kein Schimpfwort, und ich habe an sich gar nichts dagegen, wenn man dort sieht, nur nehme ich schon für mich in Anspruch auch eine gewisse Vielschichtigkeit zu besitzen.

      Es gibt gute und schlechte Inszenierungen - gar keine Frage. Es gibt langweilige, mittelmäßige Inszenierungen, in der die Oper zu so einer Art besseren Operette verkommt. Das mag auch sein. Aber letzlich kann ich mit einer mittelmäßigen Inszenierung, die dabei geschmackvoll bleibt und sich - das ist wichtig - nicht in den Vordergrund drängt, schon besser leben als mit einer vielleicht sogar besseren, von der ich mich letzlich doch nur belästigt fühle.

      Es gibt da im übrigen noch ganz andere "konservative" Menschen, die Zeter und Mordio schreien und in der Diskussion auch schon recht unangenehm werden können. Dazu zähle ich mich nicht. Zunächst mal schockiert mich sowieso nur sehr wenig. Ich denke da könnte auch in der Zauberflöte der Tamino auf die Bühne scheißen, auch das würde mich nicht stören. Nur fände ich es halt nicht weiter interessant. Und es könnte mich von der Musik ablenken und das möchte ich nicht. Sicher sind die "Provokationen" des modernen Regietheaters nicht so plump, das war jetzt auch nur ein Beispiel.

      Nur die Wirklichkeit, wie wir sie erleben und vor der ich mich nicht verschließe, ist viel härter, brutaler und "provozierender" als alles was das Theater bietet. Ich lebe zum Beispiel in der Nähe von St. Georg, einem der wüstesten Stadtteile Hamburgs, da hast Du das alles vor der Haustür: Sexshops, blutjunge Drogenprosituierte, Fixer die mit den Spritzen im Rasen liegen und ich weiß nicht was alles noch. Ich muß auch nicht aufzählen, was das Fernsehen so alles bietet an teils erfundenen teils erschreckenderweise wahren Geschichten ( denke nur mal an diese widerwärtige Geschichte mit diesem Kannibalen).

      Und wenn Du dann das alles weißt und mal ins Theater oder in die Oper gehst, um vielleicht mal einfach etwas schönes zu erleben, Dich vielleicht auch einfach mal auf eine edle Weise bewegen und berühren zu lassen, dann kommt jemand und will Dich mit irgend etwas provozieren oder zum Denken anregen oder was weiß ich. Und das empfinde ich als Belästigung, da ich kein Mensch bin, der vor irgend einer Wirklichkeit die Augen verschließt und weil solche modernen Inszenierungen zwar pädagogisch wertvoll sein mögen, aber ich bin aus der Schule nun mal lange raus. Ich bin mir im übrigen sicher, daß ich damit sicher auch nur einen Aspekt moderner Inszenierungen wieder gebe, aber das stört mich nun mal.

      Aber bitte: Ich hatte etwa zwei Wagnerinszenierungen in Hamburg. Bei der einen ( Lohengrin) oder eine andere Figur im Wehrmachtshelm oder so, und bei den Meistersingern wurde der letzte Akt unterbrochen, weil ja unbedingt auf der Bühne eine über die Maßen notwendige Diskussion über den "welschen Tand" geführt werden mußte. Wenn Du dann sagst, daß solche Inszenierungen "junge Leute" ansprechen, mag das schon richtig sein. Nur wie lange? Was wird mit diesen jungen Leuten, wenn sie mal erwachsen werden? Ein erwachsener Mensch neigt auch deshalb eher zu einem gewissen Konservativismus, weil er einfach viel erlebt und auch viel nachgedacht hat ( das ist jedenfalls der Konservativismus, den ich für mich in Anspruch nehme, es gibt sicher noch einen anderen, der am liebsten gar nichts erlebt und über nichts nachdenken möchte) und weil er sich durch vordergründige Provokationen und dergleichen einfach wie ein kleines Kind behandelt fühlt, das offensichtlich zu eigenständigem Denken nicht in der Lage ist und über Wagner oder sonst wen durch die Inszenierung belehrt gehört.

      Wenn Du dann schreibst:

      Eine historische Inszenierung hat doch allenfalls musealen Wert, mag auch ganz nett sein, hat mit unserer heutigen Welt nichts zu tun. Das muss die Oper jedoch, wenn sie nicht weiterhin einen kleinen elitären Kreis bedienen möchte, der langsam ausstirbt, schließlich liegt der Altersdurchschnitt des Operpublikums bei ca 50 Jahren, würde ich mal ganz frech schätzen. Mann muss sich nicht wundern, dass überall Opernhäuser schließen, wenn man kein junges Publikum anzieht.


      dann machst Du wirklich einen ganz gewaltigen Denkfehler. Abgesehen davon, daß ich 44 bin und nicht so schnell daran denke "auszusterben" ist das wirklich der älteste Denkfehler jeder progressiven Gesinnung. Daß die Konservativen aussterben darauf warten die Progressiven schons seit Jahrhunderten aber irgendwie klappt es nie. Warum? Weil sich der Geschmack mit zunehmendem Alter allermeistens ( und die Gründe dafür habe ich schon zu erläutern versucht) einfach ändert. Ich habe überhaupt nichts dagegen, die jungen Leute mal mit einer frechen Inszenierung ins Theater zu holen ( Du würdest mich völlig falsch einschätzen, wenn Du das denken würdest), aber wenn Du den konservativen Geschmack nicht mehr bedienst, dann allerdings riskierst Du Verluste, die Du dann allerdings durch nichts mehr auffangen kannst. Die Konservativen bleiben Dir da auf Dauer weg ( und mit elitär hat schon erst gar nichts zu tun) und da diese Gruppe nie kleiner wird, sondern bei einer Radikalisierung des Progressiven eher größer, ekelst Du letzlich einen Großteil der Theater und Opernbesucher auf Dauer weg.

      Gruß Martin
    • Hallo Janina,

      ich schiebe meine Antwort immer vor mir her, weil ich noch keine Oper gefunden habe, von der ich denke, dass wir sie beide kennen können. Ich habe nicht sehr viel auf Video.
      Gestern Abend gab es auf Arte Simon Boccanegra aus Paris. Ich habe das noch nicht gesehen, aber mitgeschnitten. Als ich Zeit hatte, kurz in den dritten Akt zu schauen, kamen mir die Sänger in Unterhemden entgegen. Ich will das noch nicht werten, weil ich den Rest noch nicht kenne. Aber vielleicht ließe sich an dieser Inszenierung mal konkret diskutieren.
      Im Vergleich dazu habe ich einen Simon Boccanegra aus Wien 2002 mitgeschnitten mit Thomas Hampson. Der ist sicher ganz anders.
      Vielleicht wäre das ja was konkretes und aktuelles.

      Gruß Ralf - Atilla
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Original von martin
      Wenn Du dann schreibst:

      Eine historische Inszenierung hat doch allenfalls musealen Wert, mag auch ganz nett sein, hat mit unserer heutigen Welt nichts zu tun. Das muss die Oper jedoch, wenn sie nicht weiterhin einen kleinen elitären Kreis bedienen möchte, der langsam ausstirbt, schließlich liegt der Altersdurchschnitt des Operpublikums bei ca 50 Jahren, würde ich mal ganz frech schätzen. Mann muss sich nicht wundern, dass überall Opernhäuser schließen, wenn man kein junges Publikum anzieht.


      dann machst Du wirklich einen ganz gewaltigen Denkfehler. Abgesehen davon, daß ich 44 bin und nicht so schnell daran denke "auszusterben" ist das wirklich der älteste Denkfehler jeder progressiven Gesinnung. Daß die Konservativen aussterben darauf warten die Progressiven schons seit Jahrhunderten aber irgendwie klappt es nie. Warum? Weil sich der Geschmack mit zunehmendem Alter allermeistens ( und die Gründe dafür habe ich schon zu erläutern versucht) einfach ändert.


      (das betrifft jetzt nicht Operninszenierungen) Ich glaube, dass das falsch ist. Sonst gäbe es kein "Nachwuchsproblem" des Publikums für Klassische Musik, denn alle Leute würden ab ca. 40 in die Oper gehen, sozusagen automatisch, weil sich ihr Geschmack mit dem Alter genändert hat. Tatsache ist aber, dass die meisten Leute um die 40 halt heute immer noch Pink Floyd, Genesis, Queen oder was immer sie als Teenager gehört haben, hören, dazu vielleicht noch ein bißchen andere Popmusik der letzten 20 Jahre. Man wird vielleicht "konservativer", aber eher in dem Sinne, dass man schlicht nicht mehr offen für Neues ist, sondern alles so haben will wie es schon immer war und es gilt oft auch eine Art "Was Hänschen nicht lernt...", genau deswegen muß man versuchen, mehr Leute zwischen 15 und 25 für Klass. Musik und Oper zu begeistern. Gewiß gibt es Ausnahmen, wie man ja in solchen Foren sieht, wenn Leute irgendwann mit 30, 40 merken, dass es noch mehr gibt als Pop. Aber die meisten haben doch spätestens mit Anfang 20 begonnen (auch) klass. Musik zu hören.

      Ich halte es jedoch auch für Unsinn zu glauben, man würde durch eine bestimmte Art der Inszenierung mehr junge Leute ansprechen. Der Punkt ist eher, dass viele "traditionelle" Inszenierungen wirklich stinklangweilig und fantasielos sind, keinerlei Personenregie, statische Kostümfeste.
      Ebenso unsinnig ist aber pauschales Schimpfen aufs "Regietheater" (was soll den Theater ohne Regie sein...?) Die vielgescholtene "Porno-Entführung" in Berlin habe ich z.B. selbst gesehen und auch wenn man gewiß drüber streiten kann, ob das eine akzeptable Deutung ist (m.E. ist sie nicht unplausibel, aber recht einseitig), so war das zum einen nicht mehr Porno als man in jedem öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal zu sehen kriegt, zum anderen spannendes und unterhaltsames Theater. Übrigens war die Auslastung der vorstellungen zeimlich gut, es kam also beim Publikum offenbar an.

      viele Grüße

      J. Bristow
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Original von martin
      ist das wirklich der älteste Denkfehler jeder progressiven Gesinnung. Daß die Konservativen aussterben darauf warten die Progressiven schons seit Jahrhunderten aber irgendwie klappt es nie. Warum? Weil sich der Geschmack mit zunehmendem Alter allermeistens ( und die Gründe dafür habe ich schon zu erläutern versucht) einfach ändert.


      Gutes Argument! Das überzeugt mich!

      Allerdings scheint dies mir kein Argument gegen moderne oder avantgardistische Inszenierungen zu sein, denn letztlich - so behaupte ich - ist nur die Frage, was eine gute Inszenierung ausmacht, gleichgültig ob modern, konservativ oder aber avantgardistisch.

      Freunden "konservativer" Inszenierungen aber nachzusagen, dass sie "schlicht nicht mehr offen für Neues" wären, sondern nur "alles so haben wollen wie es schon immer war" scheint mir (zwar nicht nur gelegentlich sicherlich zuzutreffen) untergriffig am Kern der Sache vorbeizugehen.

      Gute konservative Inszenierungen nämlich, sprich solche die nicht "stinklangweilig und fantasielos sind, keinerlei Personenregie, statische Kostümfeste" sprechen wohl auch Freunde der modernen oder avantgardistischen Inszenierungen an; und das Gleiche gilt für jede dieser Inszensierungsformen.
      Oder?
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)

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    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Original von Jack Bristow
      Ich glaube, dass das falsch ist. Sonst gäbe es kein "Nachwuchsproblem" des Publikums für Klassische Musik, denn alle Leute würden ab ca. 40 in die Oper gehen, sozusagen automatisch, weil sich ihr Geschmack mit dem Alter genändert hat.


      Das scheint mir kein überzeugendes Argument zu sein. Treffend wäre es wohl nur, wenn alle konservativen Inszenierungen sehr gut wären. Weil nun aber - genauso wie bei modernen und avantgardistischen - auch konservative Operninszenierungen (nicht nur selten) sehr schlecht sind, gibt es ein "Nachwuchsproblem". Dort, wo gute Inszenierungen gezeigt werden (aber natürlich nicht nur dort), gehen die Leute auch hin!
      Oder?
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Original von Jack Bristow
      Original von martin
      Wenn Du dann schreibst:

      Eine historische Inszenierung hat doch allenfalls musealen Wert, mag auch ganz nett sein, hat mit unserer heutigen Welt nichts zu tun. Das muss die Oper jedoch, wenn sie nicht weiterhin einen kleinen elitären Kreis bedienen möchte, der langsam ausstirbt, schließlich liegt der Altersdurchschnitt des Operpublikums bei ca 50 Jahren, würde ich mal ganz frech schätzen. Mann muss sich nicht wundern, dass überall Opernhäuser schließen, wenn man kein junges Publikum anzieht.


      dann machst Du wirklich einen ganz gewaltigen Denkfehler. Abgesehen davon, daß ich 44 bin und nicht so schnell daran denke "auszusterben" ist das wirklich der älteste Denkfehler jeder progressiven Gesinnung. Daß die Konservativen aussterben darauf warten die Progressiven schons seit Jahrhunderten aber irgendwie klappt es nie. Warum? Weil sich der Geschmack mit zunehmendem Alter allermeistens ( und die Gründe dafür habe ich schon zu erläutern versucht) einfach ändert.


      (das betrifft jetzt nicht Operninszenierungen) Ich glaube, dass das falsch ist. Sonst gäbe es kein "Nachwuchsproblem" des Publikums für Klassische Musik, denn alle Leute würden ab ca. 40 in die Oper gehen, sozusagen automatisch, weil sich ihr Geschmack mit dem Alter genändert hat. Tatsache ist aber, dass die meisten Leute um die 40 halt heute immer noch Pink Floyd, Genesis, Queen oder was immer sie als Teenager gehört haben, hören, dazu vielleicht noch ein bißchen andere Popmusik der letzten 20 Jahre.


      Das ist sicherlich auch ein ganz wichtiger Punkt, den Du ansprichst. So habe ich es auch nicht gemeint. Das Problem, daß leider leider schon viele Menschen jeglichen Kontakt zur klassischen Musik verloren haben, ist natürlich ein äußerst schwergewichtiges. Daß man diese Menschen nun mit "leichter Operette" erreicht, glaube ich auch nicht.

      Aber: Laßt viele Blüten blühen! Ein Sprung zur klassischen Musik mag zum Beispiel auch das Musical sein. Wenn nun einer Andrew Lloyd Webber genossen hat, und sich dann mal Bizets Carmen in einer "konservativen Inszenierung" angesehen hat, mag das doch auch ein gutes Sprungbrett zur Klassik sein.



      Man wird vielleicht "konservativer", aber eher in dem Sinne, dass man schlicht nicht mehr offen für Neues ist, sondern alles so haben will wie es schon immer war und es gilt oft auch eine Art "Was Hänschen nicht lernt...", genau deswegen muß man versuchen, mehr Leute zwischen 15 und 25 für Klass. Musik und Oper zu begeistern.


      Ich weiß nicht, ich glaube, daß der Konservativismus des Alterns schon auch noch andere Facetten hat als der des "Hänschens". Diesen Konservativismus, den Du meinst, den gibt es allerdings. Diesen Konservativismus des "einmal geprägt seins" und diese Prägung nie aufgebens. Ein ausgesprochen blöder Konservativismus, wenn Du mich fragst.

      Es gibt aber sicher auch noch einen anderen Konservativismus, nämlich den eines älter und gesetzter werdens. Dieser Konservativismus beinhaltet dann schon, daß gewissermaßen andere Dinge wichtig werden ( zum Beispiel daß einen "Provokationen" nicht mehr in dem Maße interessieren).

      Gewiß gibt es Ausnahmen, wie man ja in solchen Foren sieht, wenn Leute irgendwann mit 30, 40 merken, dass es noch mehr gibt als Pop. Aber die meisten haben doch spätestens mit Anfang 20 begonnen (auch) klass. Musik zu hören.


      Ja, das ist schade. Ich habe das nie verstanden. Ich kann das schon verstehen, daß einen in jungen Jahren eigentlich nur die Popmusik interessiert ( und die hat ja auch ihre Reize). Aber dann habe ich immer gedacht, daß man doch einen so vielfältigen, riesigen Kontinent wie die klassische Musik nicht einfach links liegen lassen kann. Aber einige Menschen können das offensichtlich.

      Ich halte es jedoch auch für Unsinn zu glauben, man würde durch eine bestimmte Art der Inszenierung mehr junge Leute ansprechen. Der Punkt ist eher, dass viele "traditionelle" Inszenierungen wirklich stinklangweilig und fantasielos sind, keinerlei Personenregie, statische Kostümfeste.


      Da mag was dran sein. Aber weißt Du, wenn Du klassische Musik wirklich liebst, dann sind Dir "Kostümfeste" herzlich egal. Du hörst Musik und fühlst Dich im Himmel. Und möchtest aus Deinem Himmel nicht durch Regieeinfälle heraus gebracht werden. Aber vielleicht ist dieser Standpunkt sehr der egoistische eine eingefleischten Klassikliebhabers.

      Ebenso unsinnig ist aber pauschales Schimpfen aufs "Regietheater" (was soll den Theater ohne Regie sein...?)


      Na ja, "Komponistentheater" wäre mir ehrlich gesagt schon lieber ....

      Die vielgescholtene "Porno-Entführung" in Berlin habe ich z.B. selbst gesehen und auch wenn man gewiß drüber streiten kann, ob das eine akzeptable Deutung ist (m.E. ist sie nicht unplausibel, aber recht einseitig), so war das zum einen nicht mehr Porno als man in jedem öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal zu sehen kriegt, zum anderen spannendes und unterhaltsames Theater. Übrigens war die Auslastung der vorstellungen zeimlich gut, es kam also beim Publikum offenbar an.


      Ich habe diese Inszenierung nicht gesehen, aber ich denke, Jack, auch wenn wir uns nicht immer einig sind, allein schon ein Begriff wie "Porno-Entführung" finde ich ausgesprochen widerwärtig. Es gibt da nämlich so eine bestimmte Art von "Konservativen", die eigentlich Reaktionäre sind, von denen ich mich einfach aufs schärfste abgrenzen möchte und wo ich auch glaube, daß wir da wirklich einer Meinung sind. Weißt Du solche Leute, die hysterisch werden, wenn mal in einer Inszenierung mal eine weibliche Brust oder was weiß ich zu sehen ist und die dann jegliche Form von "moderner Inszenierung" in die Ecke der Pornographie drücken wollen. Fürchterlich, solche Leute. Verstehe mich also nicht falsch, ich bin absolut kein Spießer, ich denke auch, daß die Provokation in der Inszenierung schon ihren Platz hat, nur wo, das ist immer die Frage. Aber durchgeknallte Spießer finde ich widerwärtig.

      Gruß Martin
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Wahnsinn, soviele weitere Statements, wie interessant, wollte eigenich nur noch kurz online gehen und jetzt musste ich Ewigkeiten lesen und wahrscheinlich noch viel mehr schreiben! :D

      Lieber Martin!
      Das mit den Vorurteilen ist so eine Sache, da hast Du Recht, das ist schwierig. Es fängt schon mit den leidigen Begriffsdefinition an, die dieses Thema so schwierig machen, und die ja auch hier schon mehrmals hinterfragt wurden: Was ist "konservativ"? Was ist "Regietheater"? Was ist im gegensatz dazu "werkgetreu"? Über diese Fragen kann man (und sollte man vielleicht auch) Ewigkeiten diskutieren und nachdenken, letztendlich findet aber wohl jeder seine eigene Antwort darauf.
      Mich ärgert es halt doch schon, daß die Liehaber konventioneller Inszenierungen anscheinend immer mehr ins Gettho abgedrängt werden

      Ich finde sehr interessant, dass Du das so siehst. Denn meine Erfahrungen sind eigentlich eher, dass es die "modernen" Regiekonzepte schwer haben, also dass die Liebhaber "werkgetreuer" Inszenierungen nach wie vor in der Mehrheit sind. Beweis dafür ist die ganze Skandalpublicity, buhende Herren, die den Saal verlassen und so, Hannoveraner Abonnenten die wegen Calixto Bieto aufkündigen etc... Deswegen hält sich mein Mitleid für das "konservative" Opernpublikum in Grenzen :haha
      Ich muss mich allerdings ganz der Meinung von Jack anschließen: Das "Konservative" stirbt sehr wohl aus. Oder vielmehr, es verändert sich. Es werden mit der Zeit andere Haltungen konservativ. Am besten gehen wir von älteren Menschen aus: Was bei den Omas vor hundert Jahren gar nicht ging, akzeptieren meine mittlerweile schon. Konservativ sind sie aber trotzdem, weil sie vielleicht ein Problem mit anderen "modernen" Dingen haben. Vielleicht sind sie religiös nicht mehr so verbohrt, haben aber ein Problem mit homosexuellen. Sie akzeptieren an einer jungen Frau vieleicht mittlerweile eine Hose, aber keinen Mini. Das heißt, jede Zeit verändert sich, und die Menschen wachsen mit. Die "konservative" Oper verändert sich aber null. Und deswegen, würde ich einfach mal so vermuten, Ist sie auch für die zukünftigen "konservativen" nicht interessant.
      Was wird mit diesen jungen Leuten, wenn sie mal erwachsen werden? Ein erwachsener Mensch neigt auch deshalb eher zu einem gewissen Konservativismus, weil er einfach viel erlebt und auch viel nachgedacht hat ( das ist jedenfalls der Konservativismus, den ich für mich in Anspruch nehme, es gibt sicher noch einen anderen, der am liebsten gar nichts erlebt und über nichts nachdenken möchte) und weil er sich durch vordergründige Provokationen und dergleichen einfach wie ein kleines Kind behandelt fühlt, das offensichtlich zu eigenständigem Denken nicht in der Lage ist und über Wagner oder sonst wen durch die Inszenierung belehrt gehört.

      Das hat mich ein bisschen getroffen, weil ich nicht denke, dass ich mir Inszenierungen wünsche, die mich intelektuell fordern, weil ich noch nich erwachsen geworden bin. Man sollte nie aufhören zu denken. Und das ist wirklich ein "konservatives" Problem, dass man irgendwann meint, man habe schon über alles nachgedacht, was die Welt bewegt. Aber das ist keine wirkliche Wesiheit. Und ich rede hier auch nicht vom Theater als moralische Anstalt, der Begriff "belehren" ist da völlig deplatziert. Es geht eher um "darstellen", um eine Verfremdungstechnik, so dass jeder Zuschauer damit selbstständig etwas macht. Und gerade junge Menschen kriegen die Krise, wenn sie irgendwo "belehrt" werden sollen! Zumal die wirklich guten Inszenierung erstmal eh so verwirrend sind, dass man nun wirklich nicht von einer Belehrung sprechen kann, weil man erstmal hinter alles kommen muss. Es geht um Auseinandersetzung mit dem Werk und nicht darum, wie der Zuschauer im Anschluss mit der Welt umgeht. Es geht um neue und vielleicht auch nähere Zugänge. Deswegen denke ich auch, dass es egal ist, ob wir sowas schon in unserer Realität haben. Du sollst schließlich auch nicht aus dem Theater gehen und sagen, "jetzt weiß ich, wie schlimmes in der Welt ist", mal ehrlich, wir haben doch alle im übertragenden Sinne die Prostituierten vor der eigenen Haustür. Aber das Interessante im Leben ist doch Ähnlichkeiten im Unterschiedlichen zu entdecken! Und übrigens habe ich nicht von Teenies gesprochen, als ich "junge Leute" meinte. Ich kenne nämlich auch niemanden um die 30, der in die Oper geht.
      Wenn Du sagst, dass Dir Kostümfeste wirklich lieber sind, hauptsache Du hast schöne Musik, dann lässt sich unsere Diskussion vielleicht zu einem Ergebnis bringen, indem ich feststelle, dass Du kein wirklicher Theaterliebhaber sondern nur Musikliebhaber bist. Ich wiederum finde dann halt immer, dass ich dann auch in ein Konzert gehen kann.

      Lieber Ralf, leiderleider, ahbe ich sie nicht gesehen und kenne die andere Inszenireung auch nicht. Das geht ja schon gut los. :D

      Lieber Jack, ich würde sagen, mit Dir bin echt voll einer Meinung. Besonders Deine Aussage, dass Du die ein oder andere Inszenierung nicht unplausibel findest, jedoch recht einseitig. Das finde ich auch, ich finde das kann man besonders zu vielen "Skandal"- und "Provokations"-Inszenierungen sagen. Wer sich auch noch ein wenig für Sprechtheater interessiert, hat vielleicht von der "Macbeth"-Inszenierung vom Berliner Theatertreffen gehört. Der ist schon ihr Ruf vorausgeeilt: " Die sind nackt, voller Blut, und scheißen auf die Bühne." Als ich die Inszenierung gesehen habe, habe ich gedacht: "Okay, die Grausamkeit und der Dreck sind bei Shakespeare auf jedenfall drin. Aber das ist doch nicht das Einzige. Und ist es wirklich sooo wichtig??" Geekelt habe ich mich sowieso :D, aber das ist für mich nicht unbedingt ein Kriterium, das wäre auch nicht ganz fair, schließlich sind das meine ganz persönlichen Grenzen, so wie Blut in Filmen auch geschmackssache ist.
      Wo wir gleich zum nächsten Pukt kämen, mit dem Du selbstverständlich auch recht hast: Im Fernsehen sehen wir mehr Schweinereien. Nur dieses Argument würde der "konservative" Opernbesucher bestimmt schnell entkräften: Wollen wir denn, dass sich Theater und Fernsehen nicht mehr unterscheiden?

      Und bei Dir, lieber "ab", habe ich das Gefühl, dass wir da wirklich ein bisschen unsere "konservativ" und "modern" Definitionen unterhalten müssen. Ich denke nämlich eigentlich, dass eine GUTE Inszenierung sich auf neue Art mit dem Werk auseinandersetzt und interessante Regieeinfälle hat. Dann ist sie aber nicht mehr konservativ. "Modern" hingegen heißt nicht zwingend, dass man sich ekeln muss. Sondern einfach nur, dass es gegen die Sehgewohnheiten ist. Und dass muss es doch auch, wenn es nicht langweilig sein soll oder? Langweilig heißt schließlich: Kennen wir schon. Und natürlich, für einen "Neuling" in der Opernwelt ist vielleicht noch jede Oper spannend, zumal man die Geschichten vielleicht noch nicht kennt. Aber was ist, wenn er sich die nächste "Carmen" anschaut und die sich von der ersten kaum unterscheidet, lieber Martin?

      Liebe Grüße an alle und gute Nacht!
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Lieber Ralf, leiderleider, habe ich sie nicht gesehen und kenne die andere Inszenierung auch nicht. Das geht ja schon gut los.

      Ein Freund bringt mir am Mittwoch die Pariser Inszenierung in die Uni! er hat sie aufgenommen! Hat er mir gestern erzählt. Ich sag bescheid, wenn ich sie gesehen habe! :D
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      Liebe Janina,

      also diese eine unglückliche Formulierung von dem "unerwachsenen Modernismus" bitte ich mir nachzusehen. Das lag nicht in meiner Absicht. Ich sehe auch, daß Du Dich mit dem Thema sehr gründlich auseinandergesetzt hast, gründlicher sicherlich als ich. Dies kann ich so für mich nicht in Anspruch nehmen, möglicherweise kann das auch Grundlage zu Vorurteilen sein, das mag sein.

      Grundsätzlich wünsche ich mir interessante Inszenierungen ( wer tut das nicht), es müssen aber Inszenierungen sein, die mit Libretto und Musik im Einklang stehen, gewissermaßen eine Einheit bilden. Das kann dann schon zum Problem werden, wenn man etwa hinter den Inhalten einer Wagneroper nicht steht, Wagner zum Beispiel gegen den Strich inszenieren will. Was an sich vielleicht verständlich ist, aber trotzdem unglücklich - für die Oper.

      Ich gebe zu, ich bin in erster Linie Musikliebhaber. Dafür schäme ich mich auch nicht. Immerhin sind denke ich viele Menschen, die in eine Oper gehen, in erster Linie Musikliebhaber. Das geht schon damit los, daß Dir die Handlung einer Oper vielleicht nur in Umrissen bekannt ist, weil sie Dich nicht in dem Maße interessiert. Ich bin da ein Banause, ich gebe es ja zu.

      Aber wenn Du zum Beispiel in einem Deiner früheren Postings sagst, daß die Konservativen ja "aussterben", so finde ich das eben doch auch eine wie soll ich sagen auch nicht eben sensible Sprache gegenüber den Konservativen. Ich habe Dir das aber überhaupt nicht übel genommen.

      Selbstverständlich ändert sich auch der Konservativismus. Aber der Modernismus, oder sagen wir mal das Fortschrittliche auch. Da beide Begriffe gar nicht in dem Sinne scharf definiert sind, ergibt das eigentlich ein sehr unscharfes Bild.

      Also zum Beispiel: Der "Authentizismus" ist ein ausgesprochen modernes Phänomen, Dinge authentisch zu präsentieren, wie sie "ursprünglich einmal gemeint" waren ein weitgehend moderner Anspruch. Deshalb versuchen viele in der Musik alles authentisch wieder zu geben. Man gräbt uralte Instrumente aus, spielt Schubert und Beethoven auf dem Hammerklavier, spielt alte Werke in kleinen Besetzungen, wenn man glaubt, damit dem Urbild nahezukommen usw. Dagegen gibt es nun die "Altmodischen", die Beethoven viel lieber mit modernen Instrumenten hören, in den Tempi, die sie gewohnt sind, in den Besetzungen, die sie gewohnt sind. Wobei dieses Altmodische vielleicht auch mal modern gewesen sein mag.

      Bei modernen Inszenierungen dagegen sieht es doch wohl etwas anders aus. Da geht es darum, die Inszenierung der modernen Zeit anzupassen, keine historischen Gewänder zu tragen usw.

      Ich finde das alles höchst paradox und im Grunde genommen unlogisch. Und viele Dinge sind derart. Wenn Du also davon ausgehst, daß wir im Grunde irgendwie immer moderner werden, weil die Konservativen immer moderner werden und die alten Kacker "aussterben", so kann ich ja umgekehrt darauf hoffen, daß die Modernen von morgen auch nicht mehr die Modernen von heute sein werden. Auch die Modernen von heute werden mit sicherheit mal aussterben.

      Wer weiß, vielleicht hat sich in 100 Jahren das Verhältnis völlig umgekehrt! Die moderne Inszenierung hat sich durchgesetzt und gehört zum Standard, der dann ein konservativer Standard ist. Dagegen gibt es nun eine "moderne Richtung", die im Regietheater auf der Bühne etwas im im Grunde antiquiertes sieht und unter dem Stichwort "Authentizität" eine Form der Inszenierung fordert, die sich, wenn sie Wagner oder Mozart inszeniert, am besten nach dem richten möchte, wie Wagner und Mozart ihre Opern am liebsten selber inszeniert hätten haben möchten, die alte Gewänder hochmodern, weil im höchsten Maße "authentisch" finden usw.

      Was sind also modern und fortschrittlich, konservativ und beharrend? Vom Augenblicksstandpunkt festgefügte Größen, historisch gesehen ziemlich austauschbar. Weil das Beharrungsvermögen als solches ziemlich austauschbar ist, der Wille etwas einfach nur anders zu machen aber auch.

      Vielleicht sind viele konservative Inszenierungen tatsächlich ziemlich langweilig, aber zum Beispiel der Gedanke des Authentischen ist gewissermaßen eine "ewige Idee", die mal von Konservativen, mal von Progressiven aufgegriffen wird und ich glaube überhaupt nicht, daß sie jemals ausstirbt und ist sie einmal völlig abgedrängt, mag sie deshalb doch umso mehr wieder erholen.

      Gruß Martin
    • RE: Wie wichtig ist die Inszenierung für den gelungenen Opernabend?

      "Ein Freund bringt mir am Mittwoch die Pariser Inszenierung in die Uni! er hat sie aufgenommen! Hat er mir gestern erzählt. Ich sag bescheid, wenn ich sie gesehen habe!"

      Das ist ja schön! Wollte gestern Abend anfangen, mir die Inszenierung anzusehen, leider haben die Kinder dann nicht mitgespielt. Aber ich hohle das in den nächsten Tagen nach. Ich denke, das wird sich lohnen, mein erster Eindruck, sehr "modern", Wahlkampf der Guelfen in der heutigen Zeit. Aber ich habe noch nicht viel gesehen.

      Gruß Ralf

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Atilla ()

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