Alban Berg - Wozzeck - Die Wahnsinnsoper der Moderne

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    • Alban Berg - Wozzeck - Die Wahnsinnsoper der Moderne

      Wozzeck ist eine Oper in 3 Akten mit 15 Szenen von Alban Berg.
      Die Spielzeit beträgt rund 90 Minuten.
      Am 14.12.1925 fand die Uraufführung unter der Leitung von Erich Kleiber in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin statt.

      Literarische Vorlage:
      Das Libretto beruht auf dem deutschsprachigen Dramenfragment Woyzeck von Georg Büchner. Woyzeck hat ein oder sogar mehrere historische Personen als Vorbilder. 1836 begann Büchner mit dem Werk er starb schon 1837. Er hinterließ das Fragment, bzw. diverse ungeordnete Episoden in verschiedenen Fassungen. Es ist nicht erkennbar, wie Büchner die vorhandenen 31 Szenen anordnen wollte. Er schrieb in Umgangssprache, was damals ziemlich revolutionär war. Das Woyzeck zu Wozzeck wurde, war keine Absicht, sondern beruht auf einem Übertragungsfehler - Büchners Handschriften müssen sehr schlecht lesbar gewesen sein und das führte zu einer fehlerhaften Übertragung in der Fassung der Libretto-Vorlage.

      Handlung der Oper:
      Wozzeck spielt am Anfang des 19. Jahrhunderts in einer kleinen Garnisonsstadt. Es handelt sich um ein psychologisches und Sozialdrama.

      Der niedere Soldat Wozzeck liebt Marie und hat mit ihr ein Kind. als Soldat darf er nicht heiraten. Zudem reicht sein Geld nicht, um die Familie zu ernähren, er ist ständig dabei, Nebenjobs anzunehmen. U.a. nimmt er an medizinischen Experimenten teil wo er z.B. wochenlang nur Bohnen essen darf.

      Dadurch leidet sein Verstand, er hat Halluzinationen und Visionen: Marie fürchtet sich vor ihm. Sie betrügt ihn mit dem schmucken Tambourmajor, der ihre Sehnsüchte verkörpert. Wozzeck erfährt das. Er wird verspottet, wird immer irrer und tötet Marie. Das Messer wirft er in den Teich und geht ins Wasser in den Tod (hier weicht die Handlung von Büchners Vorlage ab, da ist von einem Suizid nicht die Rede). Als das Kind vom Tod seiner Mutter hört, spielt es unbeeindruckt weiter "hoppe hoppe Reiter".

      Eine ausführliche Szenenübersicht und das Libretto finden sich z.B. hier

      Das Werk besteht aus drei Akten zu je 5 Szenen.
      Dazwischen stehen kurze musikalische Überleitungen bzw ein Orchesterzwischenspiel. Berg gibt so dem Werk eine musikalische Struktur und wählt die Formen dramaturgisch passend zur Handlung aus. Bemerken tut man das als Hörer allerdings kaum. Es dient vielmehr der formalen Orientierung im atonalen, regellosen Raum, wo keine Tonarten Struktur geben können.

      1. Akt – Fünf Charakterstücke
      - Suite (Präludium, Pavane, Kadenz, Gigue, Kadenz, Gavotte-Double I/II, Air, Präludium im Krebsgang) --> der Hauptmann
      - Rhapsodie über drei Akkorde und dreistrophiges Jägerlied --> Wozzecks Freund Andres
      - Militärmarsch --> Maries Traum vom Tambourmajor und Wiegenlied --> Marie denkt über das Schicksal nach
      - Passacaglia (bzw. Chaconne) als zwölftöniges Thema mit 21 Variationen --> der Doktor
      - Andante affettuoso quasi Rondo --> der Tambourmajor

      2. Akt – Symphonie in fünf Sätzen
      - Sonatensatz (Exposition (Haupt-, Seiten-, Schlusssatz), 1. Reprise, Durchführung, 2. Reprise) --> die Eifersucht Wozzecks
      - Fantasie und Fuge über drei Themen --> Wozzeck wird verspottet
      - Largo --> Wozzecks Beschuldigungen gegen Marie
      - Scherzo (Scherzo I (Ländler), Trio I (Lied des 2. Handwerksburschen), Scherzo II (Walzer), Trio II (Jägerchor der Burschen und Lied des Andres), Scherzo I (Ländler variiert), Trio I (Lied variiert zur Predigt des 2. Handwerksburschen), Scherzo II (Walzer mit Durchführung)) --> Marie tanzt mit dem Tambourmajor
      - Rondo martiale con Introduzione --> der Tambourmajor verprügelt Wozzeck

      3. Akt – Fünf Inventionen
      - Invention über ein Thema (Thema, 7 Variationen und Fuge) --> Maries Reue
      - Invention über einen Ton (H) --> Maries Tod
      - Invention über einen Rhythmus --> Wozzeck will vergessen
      - Invention über einen Sechsklang --> Wozzecks Tod
      Orchesterzwischenspiel in d-Moll – Invention über eine Tonart
      - Invention über eine (endlose) Achtelbewegung --> das spielende Kind

      Musik und Besetzung:
      Berg nutzt im Wozzeck alle zu seiner Zeit zur Verfügung stehenden musikalischen Mittel wie Atonalität und Vorformen der Zwölftontechnik. Er schafft so ein vielfach expressionistisch übersteigertes Seelendrama bzw. einen Meilenstein der modernen Oper. Er bricht radikal mit der Operntradition des 19. Jahrhunders, mit der Dur- und moll-Tonalität. Wenn er Reminiszenzen an alte Zeiten einbaut (wie z.B. in dem d moll Orchesterzwischenspiel am Ende), dann reizt er die Grenzen bis zum expressiven Exzess aus.

      Neben dem großen Orchester im Graben (mit mehrfach besetzten Bläsern, großem Schlagzeugapparat und unüblichen zusätzlichen Instrumenten wie Rute und Bombardon) setzt Berg ein zweites Orchester als Bühnenmusik ein.
      Auch die Behandlung der Singstimme ist ungewöhnlich differenziert, da er mehrere Zwischenstufen zwischen gesprochenem und gesungenem Wort vorschreibt.

      Die Personen:
      Wozzeck - Bariton
      Marie - Sopran
      Mariens Knabe - Knabensopran
      Hauptmann - Tenor
      Doktor - Bass
      Tambourmajor - Tenor
      Andres - Tenor
      Margret - Alt
      2 Handwerksburschen - Bass + Bariton
      Narr - Tenor
      Ein Soldat - Bariton
      Soldaten, Burschen, Mägde, Dirnen, Kinder

      Quelle: wiki
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis

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    • Staatsoper im Schiller Theater 30.10.2011
      "Wozzeck"

      Georg Nigl (Wozzeck),
      Nadja Michael (Marie),
      Graham Clarke (Hauptmann),
      Pavlo Hunka (Doktor),
      John Daszak (Tambourmajor),
      Florian Hoffmann (Andres),
      Heinz Zednik (Narr) u.a.

      Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
      Regie: Andrea Breth

      Ich will gar nicht so viel schreiben, weil man dieses Werk gar nicht in seine Rollen auseinander nehmen kann - es wirkt als Gesamtkunstwerk, berührt und bewegt extrem. Ob es gut gesungen war - keine Ahnung- mir fehlt der Vergleich und bei dieser Art Musik weiß ich nicht, ob das so sein muss oder nicht. Egal. Musikalisch war das (zumindest für mich) ein Hochgenuss, diese extrem expressive Musik, die trotzdem unglaublich intensiv und von hoher Transparenz ist. Nie lärmend, voller irrer Sinnlichkeit und oft nahe am Wahnsinn. Toll gespielt von Barenboim und der Staatskapelle, ich saß manchmal kerzengerade im Sitz und fühlte mich wie in diese Musik hineingezogen.

      Die Inszenierung von Andrea Breth war klasse (übrigens mit den von Berg sekundengenau angegebenen Vorhängen zwischen den Szenen). Sehr nahe am Text, perfekt in der Personenführung und Choreographie, die Momentaufnahmen in dichter Folge aneinandergereiht, stimmig und auf das Wesentliche konzentriert. Sie schafft es, mit raffiniert aufgebauten, aber einfach wirkenden Mitteln eine hohe Spannung zu erzeugen und diese noch zu steigern. Eine irre Geschichte bis zum schrecklichen Ende.

      Und dieses Ende berührt besonders, erst das d moll Zwischenspiel nach dem Tod von Marie und Wozzeck, das sich aus kafkaesker Depression mit Mahlerscher Wucht zu einem Höllentrip steigert, dann die unendlichen Achtelketten im Orchester zu dem Reiter-Kinderlied, die nicht aufhören wollen und die groteske Unwirklichkeit dieser Situation in die Unendlichkeit steigern.

      Ein toller Opernabend war das. Das Schillertheater bis auf den letzten Platz voll. Ich frage mich, warum dieses Repertoire so selten auf den Spielplan kommt. Das war für diese Saison heute schon die letzte Vorstellung.
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis