Brahms - "Variationen und Fuge über ein Thema von Händel" op. 24

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    • Diese Aufnahme hatte ich mir eben angehört und ich versuche, meine Eindrücke hier zu schildern:


      (AD: 24./25. Juli 1984, St. Barnabas Church, Finley, London)

      Da dies meine erste Bekanntschaft überhaupt mit den Händelvariationen ist und ich keine Vergleichsmöglichkeiten habe, kann ich jetzt keine fundierte Analyse dieser Aufnahme abgeben. Mein Eindruck ist insgesamt sehr positiv, d. h. die Pianistin gestaltet für mein Empfinden die verschiedenen Variationen sehr abwechslungsreich mit schönen Übergängen. Auch arbeitet sie die verschiedenen barocken Tanzformen wie z. B. Siciliano oder Musette, die Brahms in einigen Variationen verwendete, schön heraus.

      Des weiteren gefallen mir einerseits die Gestaltung der ruhigen-lyrischen Passagen aber auch die der schnellen-brillianten Stellen ganz gut.

      Interessant finde ich an dieser CD auch die Koppelung mit den übrigen Werken, die alle mehr oder weniger einen Bezug zur Barockmusik haben. Besonders einige von Ferrucio Busoni für Klavier bearbeiteten Choralvorspiele op. 122 gefallen mir in dieser Version sehr gut.

      Damit ich aber dann doch mal einen Vergleich habe, werde ich mir demnächst eine weitere Aufnahme zulegen, vielleicht die von Murray Perahia.

      Noch kurz ein paar Daten:
      Die mir bis dahin vollkommen unbekannte Pianistin Lydia Artymiw wurde in den USA geboren und ihre Eltern kommen aus der Ukraine und sie studierte bei Gary Graffman. Für die Händelvariationen benötigt sie insgesamt 27:14 Minuten und für die Fuge 05:17 Minuten.
    • Oh, schön, dass sich doch jemand an unserem Dialog beteiligt :)
      Die vorgestellte Aufnahme kenne ich nicht, aber sie dürfte den Rekord halten in bezug auf langsames Tempo. Jedenfalls kenne ich keine noch langsamere Aufnahme (oder ist die Dauer der Fuge in deiner Dauer der Gesamtspielzeit enthalten??).

      Wer (zum Kennelernen) Vergleichsaufnahmen hören mag, dem empfehle ich z.B. die hier auf Simfy verfügbare, tolle Aufnahme von Katchen.

      hieraus: bzw.

      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis

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    • Original von Heike
      Die vorgestellte Aufnahme kenne ich nicht, aber sie dürfte den Rekord halten in bezug auf langsames Tempo. Jedenfalls kenne ich keine noch langsamere Aufnahme (oder ist die Dauer der Fuge in deiner Dauer der Gesamtspielzeit enthalten??).


      Tschuldigung, da hatte ich mich missverständlich ausgedrückt: Die Dauer der Fuge ist in der Gesamtspieltzeit mitenthalten, also nicht extra.
    • RE: Brahms - "Variationen und Fuge über ein Thema von Händel" op. 24

      Original von Heike
      Ich liebe diese Variationen sehr und habe etliche Einspielungen davon. Mein absoluter Favorit:



      Nachdem ich mir die Aufnahme von Murray Perahia anhörte, kann ich sehr gut nachvollziehen, dass dies Heikes favourisierte Aufnahme ist. Das ist eine sehr abwechslungsreich gestaltete Interpretation und der Wechsel zwischen den lyrischen und den kraftvoll-virtuosen Passagen gelingt Perahia ziemlich gut. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich Perahia in den weiteren Klavierwerken (Rhapsodien op. 79 sowie die Klavierstücke opp. 118 und 119) noch eine Idee besser finde.

      Insgesamt aber hat Murray Perahia mit dieser Aufnahme eine eindrucksvolle Hausnummer hingelegt an der sich jede weitere Aufnahme messen lassen muss. Die Aufnahme von Lydia Artymiw, mit der ich die Händel-Variationen kennenlernte, kann aber für meinen Geschmack den Vergleich mit Perahia ganz gut mithalten.

      Wir befinden uns zwar hier in einem Thread über Klaviermusik aber da es um die "Händel-Variationen" geht, möchte ich diese Aufnahme kurz erwähnen, die ich mir kürzlich zulegte:


      Der englische Komponist Edmund Rubbra (1901 - 1986) hat im Jahr 1938 dieses Werk für Orchester bearbeitet und Arturo Toscanini sowie Eugene Ormandy hatten dieses Orchesterarrangement in ihrem Repertoire. Rubbra geht mit dem Original sehr behutsam um und setzt den Orchesterapparat sehr geschickt ein, z. B. mit schönen Bläserstellen und trifft den Brahms-Tonfall recht gut. Das volle Orchester kommt erst in der abschliessenden Fuge zum Einsatz.

      Von dieser Orchesterbearbeitung gibt es hier einen historischen Konzertmitschnitt vom Januar 1939 mit dem NBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Arturo Toscanini:
      youtube.com/watch?v=HTP3XDIuP24

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    • Die Händel-Variationen scheinen Konjunktur zu haben, auch bei den jungen Pianisten. Hier steht eine Aufnahme des jungen Schweizer Francesco Piemontesi zur Diskussion, aufgenommen wurde sie 2010 und beim kleinen Label Avanti veröffentlicht. Ich erlaube mir gleich vorweg zu sagen, dass die Aufnahme ganz schön enttäuscht, nicht weil Piemontesi dem stellenweise vertrackten und sperrigen Klaviersatz des Komponisten nicht gewachsen wäre, nein, allein die hier gelieferte Interpretation finde ich noch nicht reif. Der Pianist muss sich noch längere Zeit mit diesem Meisterwerk beschäftigen, tief in das Stück eindringen, lernen, die einzelnen Variationen zu verinnerlichen, abzuwägen, und in ein Verhältnis zu ihren Nachbarn zu stellen, hier stehen sie mir noch mehr oder weniger unverbunden nebeneinander. Auffallend ist, dass er am Ende fast jeder Variation mit einem kleinen Ritardando abschließt, das passt manchmal, jedoch nicht generell. Auch die Tempi sollten m.E. überdacht werden, alle zweiten Wiederholungen lässt der Pianist aus.
      Piemontesi steht noch am Anfang seiner Beschäftigung mit Brahms‘ op.24, in einigen Jahren wird er sie (hoffentlich) anders spielen, werkgerechter. Guter Klavierklang.

      Gruß Amadé

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Amadé ()



    • Die Aufnahme mit Bruno-Leonardo Gelber (1992; 27.16 min) beginnt mit einer akzentuierten, fast etwas steifen Aria, die ich nicht so unbedingt mag - mir gefällt es etwas melodischer besser. Auch die erste Variation ist sehr betont buchstabiert, bedeutungsschwer, für mich zu viel Gewicht. Aber im Verlauf stellt sich das dann doch als eine recht gelungene Aufnahme heraus. Ich finde es eher kleinteilig musiziert, aber mit viel Verve und mit spannenden Tempospielereien. Der Klavierklang ist sehr interessant, diskantbetont, manchmal schön leuchtend, dann aber auch wieder merkwürdig fad-eintönig - kann ich schwer beschreiben. Am besten gefällt mir der Schluss mit den letzten Variationen und der Fuge, das ist sehr mitreißend, von einer unmerklichen Unruhe, die ich sehr gelungen finde. Da kann Gelber auch sein technisches Können gut ausspielen. Insgesamt sicher eine gute Aufnahme, aber sie berührt mich insgesamt etwas weniger als z.B. die von Fleisher, die mich als Gesamtkunstwerk mehr anspricht.
      Heike

      P.s. @Armin: Du hast völlig recht, die Intermezzi auf der Perahia-CD sind mindestens genauso schön, vielleicht sogar noch berührender!
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Heike ()

    • Bei Variation 18 hat Brahms hinzugesetzt "grazioso". Sehr viele Pianisten haben da Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Was meinte Brahms da? Dachte er zuerst an die Viertel, die sich links und rechts abwechseln, oder eher an die Sechzehntel, die auf und absteigen, aber kein Zierrat sein dürfen? Auch die Tempowahl scheint hier von enormer Bedeutung zu sein.

      Gruß Amadé
    • Original von Heike
      Ich weiß ja nicht was Brahms dachte, aber ich würde an die Viertel denken.


      Das denke ich auch, jedoch dürfen sie möglichst nicht gebunden und nicht in die Länge gezogen werden, sonst stellt sich der Tanzcharakter nicht ein.

      Zu Tokarev:

      Original von Heike
      im Grunde genommen finde ich die Interpretation misslungen.


      Misslungen möchte ich da nicht sagen, eher unreif. Ich denke, dass Brahms bei ihm mehr eine Randerscheinung ist, sein Herz schlägt woanders, aber ich kann mich täuschen. Nach einigen Jahren, falls er noch an op.24 feilt, wird es anders klingen. Aber schon jetzt habe ich eine Stelle entdeckt, die mich aufhorchen lässt, da sie sonst nur von Yves Nat beachtet wird, ich meine das kleine Crescendo und nachfolgende Piano bei den fallenden 32tel im 2.Teil der 1.Variation. Man solte es abwarten. Ähnliche Probleme wie Tokarev hat der auch noch junge Andreas Boyde (Oehms), obwohl er sich den kompletten Brahms vorgeknöpft hat, d.h. sich wohl mehr mit seiner Klaviermusik beschäftigt hat.
      Übrigens, wir wissen nicht, wie Kempff 1920 die Händelvariationen gespielt hat.

      Ein schönes Osterfest wünscht
      Amadé
      :hello


    • Hallo Heike,
      ja bei Wiki steht tatsächlich nichts drin! Ich habe die meist benutzte Peters-Ausgabe, die halte ich für zuverlässiger. Dort liest man, bei Wiki 2.System, zwischen re. und lk.Hand bei den letzten 3 16-tel ein p mit einem cresc und bei den 32-tel 1.Takt Mitte im 3.System wieder p. Das meinte ich, wenn man das so spielt, wird die Musik für einen Moment mit Spannung aufgeladen. Vielleicht denkst Du jetzt, ich hörte die "musikalischen Flöhe" husten, möglicherweise hast Du nicht unrecht, aber bei der Beurteilung von Interpretationen, wie ich sie immer wieder im KLassik-Prisma betreibe, habe ich gelernt, genau hinzuhören.

      Aus unserem kleinen Dialog im Forum, der von fast niemanden aufgenommen wurde, ist eine neue WEb-Seite entstanden, ich denke, dass sie übermorgen ins Netz kommt. Perahia, den ich durch Deine heiße Empfehlung angeschafft und kennengelernt habe, schätze ich im Vergleich doch nicht so hoch ein, er ist sicher gut, schafft es jedoch nicht ins Spitzenfeld von Solomon, Fleisher, Anton Kuerti, den Du wahrscheinlich nicht kennst, und Serkin.

      Grüße Amadé

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Amadé ()

    • Ähm, ich kopiere mal meine Frage drunter, auf die Amade hier geantwortet hat - die hatte ich ihm per PN geschrieben - das gehört eigentlich über den letzten Beitrag:

      Hallo,
      ich habe nur die Noten aus der WIKI, siehe
      en.wikipedia.org/wiki/File:HandelVar_Var01.jpg</a>
      und da stehen bis auf das f am Anfang überhaupt keine direkten dynamischen Angaben drin, daher habe ich nicht verstanden, was du im 2. Teil meinst. Da sieht man nur die kleinen decresc in der re Hand und das cresc am Ende. Bei den fallenden 32eln ist da gar nichts vermerkt. Das höre ich also zum ersten Mal, was du da bemerkt hast.
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • So und nun noch die eigentliche Antwort:
      Dass Du Perahia nicht so hoch einschätzt wundert mich, ich finde ihn nach wie vor sehr gut. Kuerti kenne ich leider nicht, Fleisher habe ich ja selbst oben als absolute Weltklasse gelobt und Solomon + Serkin finde ich auch sehr gut, auch wenn es arg knistert. Was stört dich an Perahia? Was ihm an Hoch-Spannung vielleicht fehlt, das macht er durch Anschlag und Rafinesse meiner Meinung nach mehr als wett. Es ist natürlich eine komplett eine andere Art, Brahms zu spielen, viel weniger bedeutungsschwer, aber ich mag diese Leichtigkeit und Flüssigkeit außerordentlich.
      Bin gespannt auf deine Webseite!
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Perahia versucht alles schön zu spielen, das passt zu Variationen wie 2, 9, 10, 20 und 22, aber es ist nicht die ganze Wahrheit bei op.24, man sollte den Komponisten nicht in die Nähe von Mendelssohn rücken. Anderen Variationen, die eine rauhere Gangart, das Herbe erfordern, fehlt es dann an Ausdruckskraft, z.B. V.13, viel zu brav (b-moll!!), oder sie sind nur technisch top wie V.14. Thema: Auftaktnoten der lk.Hd. auch auf die re. übertragen, von Brahms so gedacht? V.19 uneinheitliche inkonsequente Artikulation, V.23 Pedal auf Zählzeit 2 und 4 bindet die Achtel (trotz Pause dazwischen) aneinander, raubt ihnen jedoch die durchschlagende Kraft, Fuge in T.20 kommt zuerst der Bass (poco marcato), dann die fallende Terzenkette, nicht umgekehrt – schöner Klavierklang


      Natürlich ist das alles richtig, was du schreibst und es ist sicher Geschmackssache, wieviel Freiheiten man dem Interpreten zugesteht. MMh. Ich würde aber nicht sagen, dass er versucht, alls "schön" zu spielen - sondern, dass er versucht, alles "leicht" zu spielen. In dieser wunderbar klaren Transparenz der Stimmen ist das für mich eine völlig andere Lesart, wirkt fast jugendlich-heiter und ich mag das daher sehr und finde es gar nicht zu brav.
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
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