Beethoven: Klaviersonate Nr.22 F-dur op.54

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    • Beethoven: Klaviersonate Nr.22 F-dur op.54

      Eine der merkwürdigsten Schöpfungen aus Beethovens Feder -
      und wie ich finde, eine besondere Kostbarkeit unter den 32 Sonaten !

      Man könnte den Eindruck haben, diese Sonate sei nur ein flüchtiges Intermezzo
      zwischen den zwei "grossen" Sonaten Waldstein und Appassionata;
      leider wird sie dementsprechend wenig beachtet; in den Konzertprogrammen
      ist sie weitaus seltener zu finden - ausgenommen "komplette Zyklen".

      Was macht diese Sonate so besonders?
      Handelt es sich überhaupt um eine "richtige" Sonate?
      Oder ist es bloss eine zufällige Verknüpfung zweier Klavierstücke,
      in denen Beethoven ein wenig mit barocker Form experimentiert,
      sich die überlieferten Formen für Neues nutzbar macht ?
      Warum wird diese Sonate von vielen Interpreten "verharmlost" (mein Eindruck!) ?
      Welcher Interpret traut sich, daraus eine zukunftsweisende Musik zu machen ?

      Ich kenne einige Einspielungen - bei weitem nicht alle "grossen" - so richtig
      überzeugt haben mich wenige !

      Arrau,Kempff,Backhaus,Buchbinder,Brendel überzeugen wenig
      (am ehesten noch Gulda) -
      Ganz voran liegt bei mir (merkwürdigerweise?)
      Paul Badura-Skoda mit seiner 1970er Aufnahme
      (einziges Manko: er bleibt ein wenig die Schlußsteigerung des 2.Satzes schuldig,
      da er, anders als die meisten, ohnehin ein schnelleres Tempo für den 2.Satz wählt)






      Empfehlungen & andere "überzeugende" Aufnahmen ?
      Eure Eindrücke von dieser Sonate?

      :hello Lucanuscervus
    • Hallo Lucanuscervus,
      Eure Eindrücke von dieser Sonate?

      Mmh. Sie ist durchaus eine Merkwürdigkeit, wie ich fnde. Allerdings ist sie sehr schön bei aller Merkwürdigkeit. Da haben wir zuerst dieses erste kantable, recht lyrische Thema, das wunderbar dahinfließt - man kennt die Melodie ja aus dem für Josephine Brunsvik geschriebenen „lyrischen Menuett“, dem Andante favori WoO 57. Wenn das also auf „– hier ihr – ihr – Andante – “ (siehe 14 Liebesbriefe, Quelle Wiki) hindeutet und damit eine semantische Chiffre für „Jo-se-phi-ne“ sein soll, das wäre dann das 2. Thema??? Dieses spröde, hart einbrechende, hämmernde Etwas - steht das dann für den sturen, kauzigen Beethoven? Ist das nun eher altmodisch oder doch eher schon sehr modern? Was soll man damit anfangen, da kriegt man erst mal nen Schreck, was man mit diesen Gegensätzen machen soll. Wie die Themen sich dann mehrmals begegnen und verschränken finde ich jedenfalls spannend, Deutung hin oder her.

      Der zweite Satz ist technisch raffiniert, ständige rhythmische Wechsel, kaum mal eine Atempause, mich macht das nervös. Ich finde es oft zu virtuos runtergespielt, es ist sicherlich nicht als Fingerübung gedacht. Aber wa soll es dann sein? Wie das nun mit dem ersten Satz zusammenhängt, so richtig hat sich es mir bisher nicht erschlossen, gebe ich zu. Wie ein großes improvisiertes Auf und Ab, in eine Form gepresst. Aber ein tolles Finale.

      Ich hab die Aufnahmen lange nicht gehört, aber ich erinnere mich am deutlichsten an meine Aufnahme mit Richter.
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Original von Heike
      Hallo Lucanuscervus,
      Eure Eindrücke von dieser Sonate?

      Mmh. Sie ist durchaus eine Merkwürdigkeit, wie ich fnde. Allerdings ist sie sehr schön bei aller Merkwürdigkeit. Da haben wir zuerst dieses erste kantable, recht lyrische Thema, das wunderbar dahinfließt - man kennt die Melodie ja aus dem für Josephine Brunsvik geschriebenen „lyrischen Menuett“, dem Andante favori WoO 57. Wenn das also auf „– hier ihr – ihr – Andante – “ (siehe 14 Liebesbriefe, Quelle Wiki) hindeutet und damit eine semantische Chiffre für „Jo-se-phi-ne“ sein soll, das wäre dann das 2. Thema??? Dieses spröde, hart einbrechende, hämmernde Etwas - steht das dann für den sturen, kauzigen Beethoven? Ist das nun eher altmodisch oder doch eher schon sehr modern? Was soll man damit anfangen, da kriegt man erst mal nen Schreck, was man mit diesen Gegensätzen machen soll. Wie die Themen sich dann mehrmals begegnen und verschränken finde ich jedenfalls spannend, Deutung hin oder her.

      Der zweite Satz ist technisch raffiniert, ständige rhythmische Wechsel, kaum mal eine Atempause, mich macht das nervös. Ich finde es oft zu virtuos runtergespielt, es ist sicherlich nicht als Fingerübung gedacht. Aber wa soll es dann sein? Wie das nun mit dem ersten Satz zusammenhängt, so richtig hat sich es mir bisher nicht erschlossen, gebe ich zu. Wie ein großes improvisiertes Auf und Ab, in eine Form gepresst. Aber ein tolles Finale.

      Ich hab die Aufnahmen lange nicht gehört, aber ich erinnere mich am deutlichsten an meine Aufnahme mit Richter.
      Heike


      Hallo Heike !

      Danke für Deine Eindrücke und die aufschlussreiche "Jo-se-phi-ne" - Überlegung !
      Das ist beim mittleren Beethoven ja durchaus gestattet, wie man am "Le-be-wohl" - Beispiel erkennen kann... ja, das störrische 2.Thema ! Beethovenscher geht es wohl kaum ! Vor allem, wenn es dann gleich nach As-dur weiterpoltert ...
      auf jeden Fall ein sehr krasser Gegensatz zum "gemütlichen, eher altbackenen" Hauptthema - wobei sich weiters die Frage stellt, wie schnell "im Tempo eines Menuetts" nun wirklich gemeint ist; bereits bei Haydn wurde ja das Menuett immer schneller...

      Habe mir gerade nochmals die Kempff Aufnahme aus den 60ern angehört -
      keine Frage, er spielt die Sonate wunderbar und lässt auch den 2.Satz sehr poetisch vernehmen; was Kempff ganz unglaublich gut macht, sind "weiche Sforzati", die zudem äußerst "modern" klingen. Tempomässig finde ich Kempff sehr gut ! Ich bin mir gar nicht sicher, ob mich der Satz im schnelleren oder langsameren Tempo nervöser macht - denn nervös IST er in jedem Fall ! Eine virtuose Toccata dann aber auch wieder nicht, oder ?
      Arraus Interpretation dieses Satzes langweilt mich zutiefst, da helfen auch keine Sforzati ! Und die Temposteigerung am Schluss klingt bemüht - und dann macht er, ganz schlimm, auch noch ein Ritardando am Ende !! Unverzeihlich, wie ich finde ! Das gelingt Kempff weitaus besser !

      Du sprichst Richter an, dessen Einspielung ich noch nicht kenne; live - Aufnahme ? Ich könnte mir vorstellen, daß Richter die kleine "Raserei" am Schluss überzeugend darbietet!


      :hello Lucanuscervus
    • Hallo,
      Eine virtuose Toccata dann aber auch wieder nicht, oder ?

      Nun, es hat schon was Toccata-artiges, die vielen fließenden schnellen Sechzehntel drängen die Assoziation ja nahezu auf. Aber es darf nicht wie eine Übung klingen, schließlich hat es eine Form, man erkennt ja deutlich Sonatensatzteile.

      Nun ist ja die Beziehung zu Josephine wohl beim Vorspiel stehengeblieben, zum Hauptteil kam es soweit man weiß nicht. Vielleicht deshalb das furiose Finale am Ende dieses halb improvisierten, rasanten Satzes und nicht nach geordnet auskomponiertem Ende in einem dritten Satz.

      Die Richter Aufnahme kann man sich auf youtube anhören bzw. sogar mehrere Varianten mit Richter und dieser Sonate! U.a. auch live :) Er hat die schon in den 40er Jahren gespielt und zuletzt Anfang der 90er. DerVergleich ist interessant. Zumindest er muss die Sonate wahrscheinlich recht gern gemocht haben....
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Original von Heike
      Hallo,
      Eine virtuose Toccata dann aber auch wieder nicht, oder ?

      Nun, es hat schon was Toccata-artiges, die vielen fließenden schnellen Sechzehntel drängen die Assoziation ja nahezu auf. Aber es darf nicht wie eine Übung klingen, schließlich hat es eine Form, man erkennt ja deutlich Sonatensatzteile.

      Nun ist ja die Beziehung zu Josephine wohl beim Vorspiel stehengeblieben, zum Hauptteil kam es soweit man weiß nicht. Vielleicht deshalb das furiose Finale am Ende dieses halb improvisierten, rasanten Satzes und nicht nach geordnet auskomponiertem Ende in einem dritten Satz.

      Die Richter Aufnahme kann man sich auf youtube anhören bzw. sogar mehrere Varianten mit Richter und dieser Sonate! U.a. auch live :) Er hat die schon in den 40er Jahren gespielt und zuletzt Anfang der 90er. DerVergleich ist interessant. Zumindest er muss die Sonate wahrscheinlich recht gern gemocht haben....
      Heike



      vielleicht eine "Toccata con espressione" ? :)
      natürlich sollte es nicht wie eine (Finger)Übung klingen - aber das ist keine Frage des Tempos! Die "langsameren" Pianisten vermitteln mir viel mehr den Eindruck einer Etüde als ihre "schnelleren" Kollegen... und aus dem ganzen ein Charakterstück zu machen, klingt teilweise ziemlich absurd - aber vielleicht ist genau das Beethovens Vorstellung ?

      er schreibt "Allegretto"... also nicht Allegro -
      allerdings wissen wir aus Schindlers Berichten, daß Beethoven mit den eigenen Tempovorschriften sehr großzügig umgegangen ist, wie z.B. mit dem Allegretto der E-dur Sonate op.14, welches er selbst angeblich "furioso" interpretiert hatte...
      also scheint auch diese Möglichkeit offen !

      jetzt höre ich mir mal Richter auf Youtube an....

      vielen Dank & :hello

      Lucanuscervus
    • ...habe mir inzwischen 2 Richter-Aufnahmen auf Youtube angesehen -

      eine von 1992 und die andere von 1948 (wenn das alles stimmt...!)

      ...sie könnten unterschiedlicher nicht sein !
      Die späte Aufnahme wirkt abgeklärter, unaufgeregter, ja, "vorsichtiger":
      der 2.Satz ist recht gemütlich, auch das Piu Allegro am Schluss bringt keine
      wirkliche Steigerung !
      Welch ein Kontrast die frühe Aufnahme !
      Ungestüm, reizbar und vorwärtsdrängend !
      So schnell habe ich den 2.Satz tatsächlich noch nie gehört - und es gefällt mir !
      Die "Toccata" bekommt einen Sinn und sehr viel Dramatik !!

      :hello
    • Original von Rachmaninov
      Hallo,

      habe die Sonate jetzt in zwei völlig unterschiedlichen Aufnahmen gehört. Pollini und Lugansky.
      An der Tatsache, dass ich sie langweilig und als eine der schwächsten der Beethoven Sonaten ansehe hat sich dadurch auch nichts geändert.



      Hallo,

      die Pollini Aufnahme kenne ich und finde sie ebenfalls langweilig;
      zu Lugansky kann ich nichts sagen.

      "Schwach" ist die Sonate bestimmt nicht - ich finde sie äußerst kunst- und humorvoll !
      Vielleicht hat Dich dieser Humor - mangels überzeugender Interpretationen - (noch) nicht erreicht ? Hör Dir mal auf Youtube Richters 1948er Konzert an !

      - das wäre übrigens ein gutes neues Thema "Die unbeliebtesten Sonaten Beethovens" :)

      :hello


    • Schiff interpretiert das, so ich das beurteilen kann, ziemlich notengetreu, mit schön nuanciertem Klang. Mir gefällt das gut. Er spielt weite Legato-Bögen und dann im Gegensatz dazu fast angstmachend spitze Staccatos. Im zweiten Satz kommt das Spiel sehr erregt daher, rhythmisch für mich sehr überzeugend gestaltet, mit ganz vielen schönen kleinen Details. Das Finale nicht übermäßig rasant, aber das brauche ich auch nicht unbedingt. Fast zwanghaft kontrollierte Leidenschaft, könnte man sagen, passt für mich gut.
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis


    • ...habe inzwischen meine Artur Schnabel - Box hervorgekramt, es hat sich gelohnt !

      Unglaublich!!! Schnabel spielt, als "gäbe es kein Morgen" !

      Weit davon entfernt, Interpreten "sportlich" (schneller, höher, besser) zu vergleichen,
      muß ich gestehen, daß ich Schnabels ungestümes Beethoven-Spiel sehr mag !
      Natürlich bleibt manchmal einiges auf der Strecke, doch es ist erstaunlich,
      wie jemand diesen 2.Satz aus op.54 so schnell und doch so musikalisch sinnvoll
      spielen kann !
      Wie auch immer man dazu stehen mag: "LANGWEILIG" ist eine Schnabel Aufnahme niemals!

      :hello
    • Original von Heike
      Schnabels Beethoven-Aufnahmen schätze ich auch sehr (besonders die Appassionata). Ich werde mal demnächst Abend die Sonate Nr. 22 reinlegen :)
      Heike


      die Appassionata habe ich mir übrigens gleich danach angehört, weil sie auf der selben CD war ! Es ist unglaublich!!! Diese Raserei im 3.Satz !! Schnabel war ein ganz,ganz großer Beethovenspieler! Er spielt die Läufe auf "Teufel komm raus", nimmt Ungenauigkeiten in Kauf und trifft trotzdem genau den Nerv !

      jetzt weitere Schnabel-Aufnahmen: G-dur Sonate aus op.31 . . .


      :hello