Gounod: Faust (Margarethe)

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Gounod: Faust (Margarethe)

      Liebe Forumsmitglieder,

      ein ganz konkrete Frage (die ich an den Schluss stelle) treibt mich an, diesen lang geplanten Thread zu eröffnen.
      Parallel zur LA DAMNATION DE FAUST von Berlioz habe ich mich auch mit verschiedenen Inszenierungen von Gounods FAUST beschäftigt.

      Zur Story kurz zusammengefasst:
      Bei Gounod ist die Faust-Geschichte (noch) stärker als in anderen Faust-Opern auf die Liebesgeschichte Faust-Margarethe konzentriert, obwohl die meisten Szenen sich auch in Goethes Faust wiederfinden lassen:
      Der gealterte Faust ist lebensmüde und beschwört in seiner verzweifelten Sinnleere Mephisto, der ihm (als Preis für die Verdamnis nach dem Tod) die verlorene Jugend zurückgibt und Margarethe als Geliebte verspricht. Margarethe, die in dieser Oper an Verwandten nur noch ihren Bruder Valentin hat, weist Faust zunächst ab, ist aber heimlich schon von ihm beeindruckt. Valentin wird als Soldat eingezogen. Zurück bei Margarethe bleibt nur sein Freund Siebel (eine Zutat von Gounod, die bei Goethe nicht vorkommt), der sie mit schüchterner Zuneigung umwirbt. Mit Mephistos Vermittlung kann Faust schließlich Margarethes Herz gewinnen, verlässt sie jedoch unter Mephistos Einfluss, nachdem sie ihm ein Kind geboren hat. Valentin kehrt aus dem Feld zurück, erkennt die Schande seiner Schwester und duelliert sich mit Faust. Mit Mephistos Hilfe ersticht Faust Valentin, der sterbend Margarethe verflucht. Margarethe betet in der Kirche um Gottes Gnade, wird aber von Mephisto und Geisterstimmen mit der Verdamnis bedroht. Die folgende Walpurgisnachtszene wird offenbar in vielen Inszenierungen übersprungen. In der Schlussszene versucht Faust mit Mephistos Hilfe, Margarethe heimlich aus dem Kerker zu befreien, in dem sie ihre Hinrichtung erwartet, weil sie ihr Kind ertränkt hat (habe?). Margarethe ist halb wahnsinnig, weist aber Fausts Fluchtangebot letztlich zurück und empfängt Gottes Vergebung. Im Schlusschor "Christ ist erstanden" werden unterschiedliche Inszenierungskonzepte verfolgt, oft findet Faust sich erneut gealtert zurück, manchmal wird eine Höllenfahrt angedeutet. Im Libretto steht lediglich "Man hört das Glockengeläute des Ostermorgens. Die Mauern öffnen sich und man sieht Margarethen von Engeln getragen aufwärts schweben. Faust sinkt nieder, Mephisto stürzt unter dem Schwerte des Erzengels nieder."

      Meine erste Berührung mit dieser Oper war schon vor längerer Zeit das erste Duett Faust-Mephisto auf youtube (in einer Galavorstellung 1996 mit Domingo und Ramey, die ich auch heute noch absolut genial finde :down :( youtube.com/watch?v=MlIm9OUVNbU&feature=related

      Vor einigen Wochen kam dann diese DVD hinzu, die ich als Einstieg durchaus empfehlen kann:


      Inzwischen kenne ich auch noch folgende Inszenierungen (leider alle nicht käuflich):
      Paris 2001
      Furlanetto (Mephisto)
      Giordano (Faust)
      Isokoski (Margarethe)

      MET 2011
      Pape (Mephisto)
      Kaufmann (Faust)
      Poplavskaya (Margarethe)
      auf die Heike im DAMNATION-Thread schon hingewiesen hat (man kann sie komplett auf youtube in drei Links sehen und Kaufmann ist mal wieder genial)

      sowie als ganz frischen "Schatz" - ich hatte mir schon lange eine Inszenierung mit meinem Lieblings-Mephisto Samuel Ramey gewünscht:
      Geneve 1995
      Guiseppe Sabbatini (Faust)
      Samuel Ramey (Mephisto)
      Jeffery Black (Valentin)
      Fabrice Raviola (Wagner)
      Deborah Riedel (Margarethe)
      Martine Mahe (Siebel)
      Claire Larcher (Marthe)
      Dirigent: John Neslon
      Inszenierung: Robert Carsen

      Als ich Carsen in der Liste gesehen habe, musste ich mir erst mal die Augen reiben, denn Kostüme und Bühnengestaltung sind ausgesprochen "konventionell" und ich hatte Carsen bisher immer als relativ "modernen" Regisseur wahrgenommen. Bei näherer Betrachtung ergaben sich allerdings tatsächlich einige unkonventionelle Interpretationen:
      praktisch die gesamte Oper spielt in der Kirche, Fausts Beschwörung findet beim Gottesdienst statt, der Priester entpuppt sich als Mephisto - und um das Ende vorwegzunehmen: als Faust ganz am Schluss erneut gealtert zurückbleibt, betritt Ramey (Mephisto?) erneut im Priestergewand mit Osterkerze die Kirche und beginnt einen Ostergottesdienst. Unter anderem diese Wendung sorgt dafür, dass ich die Oper in dieser Inszenierung (parallel zur Brüsseler DAMNATION-Inszenierung) als Fausts Traum begreife, aus dem er am Ende erwacht. Eine weitere Parallele ist, das Mephisto hier noch sichtbarer als in anderen mir bekannten Inszenierungen praktisch alle Fäden in der Hand hält: immer wieder steht er als Dirigent auf der Bühne, der sämtliche Bewegungen der umgebenden Personen steuert. Auch beim tödlichen Stoß auf Valentin ist Mephisto nicht nur behilflich, sondern führt 100%ig Fausts Hand. Und Mephisto ist es auch, der Margarethes Kind im Wasserbecken der Kirche ertränkt.

      Meine Lieblings- und Schlüsselszenen dieser Oper sind (derzeit) das o.g. erste Duett von Faust und Mephisto, Mephistos Rondo "Le veau d'or" und das Schlussterzett Faust-Margarethe-Mephisto. Demzufolge kenne ich von diesen Szenen auch noch einige andere Inszenierungen über youtube.
      Sehr gut gefallen hat mir u.a. youtube.com/watch?v=oa2hmtaXm-…483116ABC&lf=results_main
      mit Morris (Mephisto), Vanzo (Faust), Masterson (Margarethe), 1985. Hier wird Mephisto in den Schlusstakten richtig Aktion gegönnt - die Schlagzeugeinsätze als "Zurückschmettern" von Mephistos Zugriff auf Margarethe finde ich eine interessante Interpretation der Musik.
      Hat irgendjemand Zugriff auf die gesamte Oper in dieser Inszenierung? (mal wieder meines Wissens nicht als DVD käuflich X( ).

      Zum Abschluss meine schon am Anfang angekündigte Frage: ich höre in wenigen Takten des o.g. Rondos von Mephisto (in diesem Link youtube.com/watch?v=x66TYd9nAMI bei 0:33 und wieder bei 1:23) Anklänge an das Weihnachtslied "Engel haben Himmelslieder...Gloria in excelsis deo", zum Vergleich youtube.com/watch?v=XfT1OdtxDzQ
      Zufall oder Absicht von Gounod? Oder täuschen mich da meine Ohren komplett?

      VG, stiffelio

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von stiffelio ()

    • RE: Gounod: Faust (Margarethe)

      Original von stiffelio
      Sehr gut gefallen hat mir u.a. youtube.com/watch?v=oa2hmtaXm-…483116ABC&lf=results_main
      mit Morris (Mephisto), Vanzo (Faust), Masterson (Margarethe), 1985. Hier wird Mephisto in den Schlusstakten richtig Aktion gegönnt - die Schlagzeugeinsätze als "Zurückschmettern" von Mephistos Zugriff auf Margarethe finde ich eine interessante Interpretation der Musik.
      Hat irgendjemand Zugriff auf die gesamte Oper in dieser Inszenierung? (mal wieder meines Wissens nicht als DVD käuflich


      Den habe ich komplett.
      Außerdem kann ich an TV-Mitschnitten noch Mula/Alagna/Pape aus Orange, Mula/Alagna/Gay von 2011 aus Paris sowie Scotto/Kraus/Ghiaurov 1973 aus Tokio bieten.

      Due szenisch faszinierendste Variante ist für mich aber die offiziell erschienene McVicar-Produktion aus London mit Gheorghiu/Alagna/Keenlyside/Terfel.
      Da fehlt zwar die Szene mit "Gretchen am Spinnrade" weil Frau Gheorghiu die aus irgendeinem Grund nicht singt, dafür gibt es eine komplette Walpurgisnacht MIT Ballett, das ganz kitschig im Tütü beginnt und SEHR böse endet.

      :hello Karolus Minus
    • RE: Gounod: Faust (Margarethe)

      Original von Karolus Minus
      Die szenisch faszinierendste Variante ist für mich aber die offiziell erschienene McVicar-Produktion aus London mit Gheorghiu/Alagna/Keenlyside/Terfel.
      Da fehlt zwar die Szene mit "Gretchen am Spinnrade" weil Frau Gheorghiu die aus irgendeinem Grund nicht singt, dafür gibt es eine komplette Walpurgisnacht MIT Ballett, das ganz kitschig im Tütü beginnt und SEHR böse endet.

      :hello Karolus Minus


      Einige Ausschnitte dieser Inszenierung hatte ich mir schon auf youtube angesehen, allerdings noch nicht das Ballett. Das habe ich mir nun gestern angeschaut...ähm ja. SEHR böse ist noch recht milde ausgedrückt. Das ist eine ungeheuer beeindruckende und unter die Haut gehende Darstellung - was in diesem Fall heißen soll, dass sie für mich schon ZU gut gemacht ist.
      Wie schon oft geschrieben, liebe ich an Oper die großen Emotionen, aber negative Emotionen in dieser geballten Form halte ich (noch?) nicht aus.

      Ich zolle dieser Inszenierung meinen Respekt, aber ganz bzw. mehrfach anschauen möchte ich sie mir derzeit lieber nicht.

      VG, stiffelio
    • Liebe Fidelio,

      Leider stecke ich noch mitten im Umzug und kann mich deshalb an der Diskussion vorerst nicht beteiligen, aber Deine Frage kann ich schon mal beantworten, wobei ich natürlich auch nicht in Gounods Kopf hineinsehen kann:

      Zunächst einmal hast Du völlig richtig gehört. Auch mich hat die Ähnlichkeit dieser Passage mit dem (mir bekannten, aber von mir bis dato nicht identifizierten) Weihnachtslied immer wieder irritiert. Anlässlich Deiner Frage habe ich mal nachgesehen und folgende interessante Links gefunden:

      youtube.com/watch?v=tAepnUG8QUA
      Dort ist zu lesen, dass diese Melodie zu einem sehr alten französischen Lied gehört, das im 18. Jahrhundert für das Weihnaxchtslied "Les anges dans nos campagnes" benutzt wurde, das schon zu Gounods Zeiten sehr populär war.
      Hier kann man es im "Original" hören: youtube.com/watch?v=XmnWtDbif48

      Auffällig ist die etwas holperige Anpassung des französischen Textes auf die Melodie, denn die richtige Betonung würde natürlich nicht so lauten wie stets gesungen: "Les anges dans nos campagnes"

      Hans Sachs würde beckmessern:
      "Besser gesungen:

      Les anges dans nos campagnes ...

      Ist Euch an der Weise nichts gelegen?"

      Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich Gounod, der bekanntlich auch Kirchenmusiker war und das Lied sicher gut kannte, ebenfalls an der holperigen Betonung der ersten Zeile gestört hat und ganz bewusst diesen Melodiefetzen seinem Mephisto unterschoben hat - und das aus ähnlichen Gründen wie Berlioz seinem Teufel der DAMNATION DE FAUST den Studenten von Auerbachs Keller die bewusst maltraitierte AMEN-Fuge in den Mund gelegt hat.

      Spätestens seit Meyerbeers Adaption von Martin Luthers Choral "Ein feste Burg ist unser Gott" in seinen HUGENOTTEN war das Zitieren von Kirchenliedern in französischen Opern offenbar nicht mehr unüblich.

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Rideamus ()

    • Lieber Rideamus,

      danke für deine Antwort und für den neuen Namen :wink, es ist mal eine Abwechselung und Fidelio ist ja auch eine meiner Lieblingsopern.
      Dann fühle ich mich jetzt in meinem Eindruck bestätigt, Bekannte von mir (allerdings nicht sehr musikalisch :ignore), konnten diese Parallele nämlich gar nicht nachvollziehen.

      VG, stiffelio

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von stiffelio ()

    • Liebe Stiffelio,

      das kommt davon, wenn man zwischen Tür und Angel eine vernünftige Antwort schreiben will, und das noch unausgeschlafen. Immerhin ist Fidelio ja auch eine Frau und die Freudsche Fehlleistung dann wohl ähnlich verzeihlich wie Deine letzte Anrede. :haha

      Meine Schusseligkeit hörte allerdings nicht bei der Anrede auf, denn ich habe aus Versehen auch einen verkehrten Link eingestellt. Der zum Text saollte nämlich dieser sein, wo (als letztes Beispiel) die verschiedenen französischen, englischen und deutschen Texte dieses Weihnachtsliedes angegeben sind: ingeb.org/garb/lateweih.html

      Wer die Ähnlichkeit nicht hört, kann wirklich nicht sehr musikalisch sein. Womit ich Deinen Bekannten nicht zu nahe treten möchte.

      Gounods "Korrektur" bezieht sich übrigens nicht nur auf den Rhythmus des Textes, sondern auch auf den passenderen der Musik, denn den Marschrhythmus dieses Liedes passt wirklich besser auf die Götzendiener, die um den Sockel des Gioldenen Kalbes tanzen als auf die Engel auf dem Felde, die ich mir eigentlich weniger militaristisch vorstelle. Schon der Text des Librettisten Jules Barbier schildert das besser:

      ... Forment une ronde folle
      Autour de son piédestal!...
      Et Satan conduit le bal!

      Da passt sogar die deutsche Variante des

      Engel lassen laut erschallen
      überm Land den Lobgesang

      wesentlich besser als das französische Vorbild. Man könnte beinahe meinen, dass Barbier, der ja auch den HOFFMANN zum Libretto geformt hat, diesen deutschen Text kannte und darauf anspielte.

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Lieber Rideamus
      Original von Rideamus

      das kommt davon, wenn man zwischen Tür und Angel eine vernünftige Antwort schreiben will, und das noch unausgeschlafen. Immerhin ist Fidelio ja auch eine Frau und die Freudsche Fehlleistung dann wohl ähnlich verzeihlich wie Deine letzte Anrede. :haha


      :B Du hast völlig recht, meine kurze Antwort war heute morgen tatsächlich buchstäblich zwischen Tür und Angel geschrieben. Aber ich habe die Anrede sicherheitshalber jetzt korrigiert.

      Man könnte beinahe meinen, dass Barbier, der ja auch den HOFFMANN zum Libretto geformt hat, diesen deutschen Text kannte und darauf anspielte.


      Allerdings nur beinahe, denn sonst müsste diese Information aus dem Internet falsch sein:
      "Der deutsche Text zu diesem altfranzösischen Weihnachtslied stammt von Lieselotte Holzmeister (1921-1994)." schuetzenhoefer.steiermark.at/cms/beitrag/10471831/13892230/
      Der FAUST wurde ja 1859 uraufgeführt.

      VG, stiffelio
    • Hallo an Alle (insbesondere aber auch Heike, Severina und Karolus :hello)

      gestern hab ich es erstmals geschafft, mir den MET-Faust von 2011 am Stück anzusehen und ich bin immer mehr begeistert!
      Leider wurden die drei youtube-Links der kompletten Oper wieder gelöscht, so dass ausgehend von diesem Excerpt youtube.com/watch?v=UqLgTgNYt78 nur noch eine Handvoll wenige Minuten lange Ausschnitte auf Youtube übrig geblieben sind.

      Ich kann Heike, die diese Inszenierung im DAMNATION-Thread kurz angesprochen hat (sie lief auch im Kino), nur voll zustimmen: eine grandiose Version dieser Oper mit super Singschauspielern in einer überzeugenden Inszenierung! Sie ist modernisiert (z.B. finden Beginn und Ende in einem Labor statt, das bei mir Assoziation an die von Severina angesprochene Parallele zu Faust als Genforscher weckte, allerdings laut dieser Rezension nytimes.com/2011/12/01/arts/mu…politan-operas-faust.html als Atombombenlabor gemeint ist) und wurde in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen versetzt, aber der Grundcharakter der Oper wurde aus meiner Sicht nicht verbogen. Es wurde einiges etwas gekürzt (am stärksten vermisse ich die Szene Margarethe-Siebel kurz vor Valentins Heimkehr), aber die Walpurgisszene ist zumindest in gestraffter Form drin.
      Gerade im Vergleich mit der Genfer Inszenierung, aber auch mit der Pariser von 2001 empfinde ich viele Details als "amerikanisch" (in diesem Zusammenhang würde mich auch interessieren, zu welcher Armee die Uniformen der Soldaten passen). Als Beispiel die Szene, in der Valentin Mephisto das gekappte Schwert als Kreuz entgegenhält. In der MET scheint Mephisto dadurch wirklich in seiner Kraft geschwächt zu werden, während er in Paris nur kurz beseite geht und in Genf sogar nur quasi "zum Schein" kurz erschrickt und sofort danach nur wieder ein höhnisches Grinsen für diese Geste übrig hat. Die enge Verquickung von Priester und Mephisto in Genf kommt mir insgesamt sehr "europäisch" vor und wäre für mich an der MET kaum vorstellbar.
      Am Ende der Oper stellt sich mal wieder die Frage (wenn auch wesentlich schwächer als beim Genfer Faust), ob Faust das alles nur geträumt hat: er steht wieder allein und gealtert in dem Labor und trinkt das Becherglas aus, dessen Gift Mephisto in den Verjüngungstrank verwandelte, dann sinkt er sterbend zu Boden. War da mehr als Illusion zwischen seinem Selbstmordentschluss am Anfang und diesem Ende der Oper?

      Kaufmann schafft es, einen völlig anderen, und dennoch in seiner Art genauso überzeugenden Faust wie in Brüssel darzustellen. Hier haftet Faust nichts von der Arglosigkeit an, die sein gesamtes Wesen im Brüssler Faust durchzieht (wie er das schafft, hauptsächlich durch subtile Veränderungen in der Mimik, finde ich atemberaubend spannend) und auch seine (in langen Strecken stumme) Darstellung des alten Faust zu Beginn und Ende der Oper ist oscarreif. Er hat sehr viel von dem Faust, wie Severina ihn im DAMNATION-Thread charakterisiert hat. Faust empfindet an keiner Stelle "reine" Liebe für Margarethe, da ist immer überwiegend sexuelles Begehren im Spiel. Er weiss sehr wohl, dass er mit seinem Verhalten Margarethes Leben ruiniert, aber wie Severina schreibt: teils hält er sich dessen für wert, teils hat er aus Begierde keine Lust, darüber nachzudenken. Verglichen mit dem Genfer Faust nimmt Faust hier sehr viel stärker selbst das Heft in die Hand: z.B. in das Duell mit Valentin tritt er zwar zögernd aber nicht gegen seinen eigenen Willen ein. Sein Vertrauen in Mephisto ist hier so gut wie nicht vorhanden: Faust weiss, was von Mephisto zu halten ist und ich habe den Eindruck, dass er sogar zögert, Margarethe mit seiner Hilfe aus dem Kerker zu befreien, weil er schon ahnt, dass er sie damit nicht nur der irdischen, sondern der ewigen Verdamnis überantworten würde.
      Kaufmann singt auch wieder zum Niederknien, ich kenne keinen anderen Sänger, der derart atemberaubende Piani geradezu in Serie abliefert :down. Ich gebe zu, dass er inzwischen sogar Villazon auf meiner Lieblingsskala überrundet hat.

      Mit Pape bildet er wie schon Heike schrieb, ein Traumpaar. Da stehen zwei Vollblutsänger und -schauspieler auf der Bühne, die sich gegenseitig nicht die Schau stehlen, sondern herrlich ergänzen und stimmlich sehr gut harmonieren. Sie sind ab der Verjüngungsszene (fast) gleich gekleidet, wie ich es inzwischen aus mehreren Faust-Inszenierungen kenne. Ob das wirklich immer gleichbedeutend mit "zwei Seiten einer Person" sein soll? Oder doch nur eine gewisse Verwandtschaft von Faust und Mephisto ausdrückt? Zumindest im MET-Faust sind mir Faust und Mephisto nicht gegensätzlich genug für die erste Alternative. Bei "zwei Seiten einer Person" würde ich erwarten, dass tatsächlich Pole gegenübergestellt werden und das kann ich in dieser Inszenierung nicht so empfinden.

      Frau Poplavskaya wurde hier im Forum auch schon sehr kritisch beurteilt, aber auf DVD (wo ich nicht beurteilen kann, wieviel nachgebessert wurde) hat mir ihre Stimme und auch ihr Spiel immer gut gefallen. Das gilt auch für diese Inszenierung.

      Typmäßig finde ich auch alle restlichen Rollen sehr gut besetzt. Insgesamt wird mit einer solchen Intensität gespielt (und wie gesagt grandios gesungen), dass sogar der Genfer Faust mit Ramey dadurch in den Hintergrund rückt.

      VG, stiffelio

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von stiffelio ()

    • Ja, die beiden waren wirklich ein Taumpaar :) Beide haben göttlich gesungen.
      Zudem habe ich das Orchester mit Nézet-Séguin am Pult in sehr guter Erinnerung.

      Was die Inszenierung angeht: Ich denke, dass Faust kurz vor dem Suizid auf sein Leben zurückblickt, wobei sich wahrscheinlich Realität und Fiktion vermischte. Ich habe das Ganze als ziemlich zeitlos in Erinnerung, ich glaube nicht, dass man das real einer Zeitspanne zuordnen konnte. Ich meine andererseits, dass wir zeitweilig im ersten Weltkrieg waren, weiß es aber nicht mehr genau. Ich glaube mit mehr Abstand zu dem Abend ebenso wie du auch nicht, dass die beiden Männer konsequente 2 Seiten einer Person waren. Sondern dass das nur ein Teil der Absicht gewesen ist. Einerseits wurde genial ausgedrückt, dass beide eben nicht nur gut und nur böse sind (selten habe ich einen so berechnenden Faust und einen so charmanten Mephisto gesehen), dass andererseits aber auch Spaltungsprozesse in Faust selbst am Werke gewesen sind bzw. dargestellt wurden. Es hatte irgendwie was surrealistisches, das mit Logik nicht fassbar war. Vielleicht hat es mich deshalb so fasziniert.
      Heike
      "If music be the food of love, play on." (W. Shakespeare, Twelfth Night)
    • Original von Heike
      Ich habe das Ganze als ziemlich zeitlos in Erinnerung, ich glaube nicht, dass man das real einer Zeitspanne zuordnen konnte. Ich meine andererseits, dass wir zeitweilig im ersten Weltkrieg waren, weiß es aber nicht mehr genau.


      Die zeitliche Verlegung hatte ja Frau Gheorghiu im Vorfeld bewogen, die ganze Sache abzusagen... was ich aber nicht weiter störend fand... ich kenne bisher nur den Rundfunkmitschnitt, und der ist von Poplavskaja sehr gut. ich hab sie übrigens in der Partie (ebenfalls zusammen mit Pape) auch von der Berliner Staatsoper her in sehr guter Erinnerung.
      :hello Karolus Minus
    • Hallo Heike und Karolus (schön, dass ihr so schnell da seid :beer),

      zur zeitlichen Zuordnung zwischen den Weltkriegen: das stammt nicht von mir sondern einerseits aus der verlinkten Rezension, wurde andererseits aber auch in einen Interview mit dem Regisseur bestätigt, das ich aus irgendeinem Kino-Link ausgegraben hatte.
      zu Faust und Mephisto schreib ich bestimmt in den nächsten Tagen noch was (danke für den Input, Heike), das schaffe ich heute nicht mehr.

      VG und gute Nacht,
      stiffelio
    • und weiter geht's:
      dass das Ganze ein Rückblick vor dem Suizid sein könnte, finde ich einen spannenden Gedanken.

      Zu Mephisto: der ist wirklich von Pape nicht nur sehr charmant dargestellt (was für mich noch kein Gegensatz zu böse sein müsste) sondern auch mit einem speziellen und durchaus menschlich anmutendem Sinn für Humor. Die Mimik von Pape drückt sehr oft Selbstironie aus und er kann ja auch (als Mephisto und Faust zur Schmuckszene hinzukommen) einen herzlichen Publikumslacher und sicher viele -schmunzler auf seiner Seite verbuchen. Es ist mir erstmals so richtig klar geworden, dass diese Seiten von Mephisto durchaus schon bei Goethe angelegt sind. Allein Mephistos Flucht vor Marthe hat ja sehr paradoxe und auch amüsante Züge.

      Was Faust betrifft gewinne ich immer mehr den Eindruck, dass möglicherweise jeder sehr gut gespielte Faust logisch nicht fassbare Züge hat. Als direkt gespalten habe ich ihn aber eher nicht erlebt. Er erschrickt ein paar Mal vor sich selbst bzw. vor dem, was er vorhat, das würde ich aber noch als leise Anflüge von Gewissen durchgehen lassen. (So wie Margarethe in dem - im übrigen grandios gesungenen - Liebesduett hin und herschwankt, ist Fausts gelegentliches Zögern ja gar nichts dagegen: typisch Frau halt :wink)
      Insgesamt finde ich es aber überwältigend überzeugend, wie Kaufmann diese Rolle anlegt. Ich mag diesen Faust (menschlich) immer noch nicht, aber hier bekommt er aus meiner Sicht tatsächlich Anklänge an den Don Giovanni (die ich bei Berlioz Faust weit fortweisen würde): sein Egoismus und seine gesamte Persönlichkeitsdarstellung durch Kaufmann ist so konsequent, dass es mich schon wieder beeindruckt. In diesem Zusammenhang finde ich es sehr bezeichnend, dass Faust vor Margarethes Kerkertür von "ihrem" Kind spricht, das sie getötet habe. Hallo?? Es war auch SEIN Kind, er müsste zumindest von "unserem" Kind sprechen. Obwohl ich Geschlechter-Klischeezuweisungen eigentlich gar nicht mag, hier passt eine zum zweitenmal: Männer!! :ignore

      VG, stiffelio
    • Original von stiffelio
      Zu Mephisto: der ist wirklich von Pape nicht nur sehr charmant dargestellt (was für mich noch kein Gegensatz zu böse sein müsste) sondern auch mit einem speziellen und durchaus menschlich anmutendem Sinn für Humor. Die Mimik von Pape drückt sehr oft Selbstironie aus und er kann ja auch (als Mephisto und Faust zur Schmuckszene hinzukommen) einen herzlichen Publikumslacher und sicher viele -schmunzler auf seiner Seite verbuchen.


      In der letzten Aufführung der Serie hat Pape - ich glaube beim Anblick Marguerites vor dem Quartett - ein sehr gut hörbares "diamonds are girls best friends" von sich gegeben.

      Diese mischung aus Eleganz und Ironie spielt er auch schon in Orange.

      Lg
      Karolus Minus
    • Ich besitze folgende sehr empfehlendswerte Einspielung dieses Werkes:



      Den Faust singt hier Franco Corelli. Womit wir gleich zum größten Kritikpunkt der Aufnahme kämen: Ich bin des Französischen in Teilen mächtig und Diktion scheint für Corelli hier ein Fremdwort zu sein. Ich persönlich achte zwar nicht sehr auf so etwas, aber im Vergleich zur fast perfekten Aussprache der anderen Sänger (teilweise Franzosen) fällt es schon auf. Dessen ungeachtet halte ich ihn trotzdem für ein Erlebnis. Er ist stimmlich in herausragender Form und sein strahlender Tenor vermag mich voll zu überzeugen. Da stört es mich auch nicht, dass sein Faust nicht wie ein vom Leben enttäuschter, ältlicher Professor klingt, sondern eher wie Calaf oder Manrico. Joan Sutherland ist vielleicht kein junges Gretchen, aber ihre stimmliche Darbietung macht das mehr als wett. Gekauft hatte ich die Aufnahme ursprünglich wegen Nicolai Ghiaurov, der mich schon in Boitos Vertonung als Mefistofeles begeistert hat. Auch hier singt er einen sehr stimmgewaltigen, dämonischen Teufel (sein schallendes Gelächter ist wirklich teuflich); und das sogar gut verständlich. Die Entdeckung dieser Aufnahme war für mich jedoch Robert Massard als Valentin. Eine ungewöhnlich angenehme Stimme. Er singt den liebenden Bruder zudem sehr glaubhaft. Dieser Sänger scheint mir leider kaum auf Tonträgern festgehalten. Ansonsten sollte noch die Marthe von Monica Sinclair Erwähnung finden, die ihre Rolle mehr als adäquat verkörpert. Margreta Elkins als Siebèl und Raymond Meyers als Wagner singen ordentlich. Bonynges Dirigat ist wie immer nicht sonderlich interessant, ein bisschen mehr Interpretation hätte gut getan. Die Tonqualität kann ich nicht kritisieren.

      Ich persönlich mag diese Aufnahme sehr. Man sollte jedoch vorher wissen, auf was man sich einlässt: Corellis Kauderwelsch und Dauerforte, eine nicht ganz taufrische Margarete und ein langweiliges Dirigat. Wenn man dies alles ausblendet (ich weiß, das ist nicht jedermanns Sache), wird man mit großartigen Stimmen belohnt. Das Finale habe ich noch nie so schön gehört wie hier. Erwähnenswert ist noch, dass diese Aufnahme auch die vollständige Walpurgisnachtsszene (also mit komplettem Ballet) enthält.

      Gruß Amonasro
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Amonasro ()

    • Ich muss gestehen, dass ich noch nie ein ausgesprochener Fan dieser Oper war und auch das Anhören dieser Aufnahme wird mich wohl in nächster Zeit noch nicht dazu machen.



      Es handelt sich hier um die Mono-Version von Cluytens aus dem Jahr 1953. Grundsätzlich hat mich die Interpretation, besonders der drei Hauptpartien sehr begeistert und ich habe die Aufnahme schon mit Vergnügen gehört. Gedda und de Los Angeles sind ein großartiges Paar und Christoff rundum böse und bedrohlich.

      Aber irgendwie sprang der Funken dann doch nicht über. Einmal habe ich die Oper live gesehen. Raimondi, Cotrubas und Shicoff, ich glaube unter Alain Lombard. Da erging es mir ähnlich. Eigentlich keine Besetzung, über die man meckern konnte und trotzdem...

      Diese Oper ist wohl doch nicht mein Ding. Aber vielleicht kommt es ja noch. ;)

      :hello Falstaff
    • Gounods Faust habe ich auch schon lange nicht mehr gehört. So wirklich mitreißen kann mich eigentlich nur die Schlusszene.

      Hat die gezeigte Aufnahme eigentlich einen Mehrwert gegenüber der späteren Cluytens-Aufnahme von 1958? Die Tonqualität ist wahrscheinlich schlechter, da Mono, und die Hauptrollen sind identisch besetzt.

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Amonasro schrieb:

      Hat die gezeigte Aufnahme eigentlich einen Mehrwert gegenüber der späteren Cluytens-Aufnahme von 1958? Die Tonqualität ist wahrscheinlich schlechter, da Mono, und die Hauptrollen sind identisch besetzt.
      Lieber Amonasro, da ich die spätere Version nicht kenne, kann ich es nicht sagen. Das Hermes-Opernlexikon rühmt die noch stärkere Ausdruckskraft der drei Protagonisten in der 1958er Aufnahme, während der Penguin Guide leichte (altersbedingte) Veränderungen im Timbre bei de los Angeles und Gedda feststellt. Aber letztlich ist die eine wohl so gut wie die andere.

      LG Falstaff