Schumann : Toccata op. 7 - Teil 1

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    • Schumann : Toccata op. 7 - Teil 1

      "Dem Spieler möflichste Freiheit im Vortrage zu lassen , sind nur Stellen , die etwas vergriffen werden könnten , genauer bezeichnet " -Robert Schumann -

      Toccata , C - Dur , opus 7

      Die Toccata in C - Dur opus 7 ist sicherlich eines der technisch anspruchvollsten Klavierwerke überhaupt . Ein Prüfstein für eine perfekte Technik wie ein Demonstrationsstück für die Spitzenliga der Solisten im Hinblick auch auf die Stimmungen in dem Werk besonders jenen Ver - Dämmerungszustand im Piano in den letzten drei Takten . Eine geniale kompositorische Idee . Und der Komponist schafft damit einem dem Werk sonst ganz fremden psychologischen Zustand . Zweifellos : Verdammt schwer . Sergey Prokoviev , ein ausgezeichnet Pianist , hat später genau in den Notentext gesehen und in das Werk hineingehört . Es war Vorbild für seine eigene Toccata in d - Moll opus 11 , mit der die ganz junge Martha Argerich mit ihrer auf Tonträger festgehaltenen Interpretation beim Busoni - Wettbewerb Furore gemacht hat .

      Aber was will uns Robert Schumann mit diesem Meisterwerk sagen ? Und was bedeuet es ?

      Es bedeutet zunächst inhaltlich einen anderen Kompositionsstil . Die Toccata ist weit ins 20. Jahrhundert gerichtet !
      Schumann vermeidet die poetisch - literarische wie psychologische Hintergründigkeit des Gegensatzes Florestan versus Eusebius in vielen seiner anderen Hauptwerke .
      Der zum Kompositionsbeginn 1829 in Heidelberg sich zum ruhmreichen Pianisten und nicht Juristen anbahnende Robert Schumann orientierte sich an Carl Czernys opus 92 , aber er übertraf dessen kompositorische Enge und schuf eine "geniale Klaviermusik virtuosen Anspruchs" ( J. Kaiser , 1997 ) .
      Aber : Nur "virtuosen Anspruchs?" . Kaiser verkennt als bekennender Liebhaber der Werke Robert Schumanns dann doch die verästelnde Differenziertheit des Werkes , auf die Clara Schumann schon sehr früh und dann in der von ihr besorgten Gesamtausgabe an ihrem Lebensende hingewiesen hatte . Sie spielte das Werk auch regelmässig in ihren Konzerten . Die Toccata ist meiner Meinung nach auch nicht an J. S. Bachs Toccaten orientiert . Die Schumannsche Toccata hat eindeutig eine enorme Suggestivkraft ohne hochvirtuoser Selbstzweck zu sein wie viele Kompositionen bedeutender Pianisten der damaligen Zeit .
      Es beinhaltet eine ungeheuere Motorik besonders durch die Bassbewegungen , was möglicherweise mitentscheidend ist , dass die meisten Interpreten - schon zu Schumanns Lebenszeit - das Werk immer wieder in ihr Programm aufgenommen haben, und das Werk nicht erst mit Beginn der Tonträger - Ära gespielt und aufgenommen wurde .
      Interessant ist dabei , dass Schumanns Freund Ludwig Schunke ( er starb nur wenige Monate nach der endgültigen Fertigstellung der Komposition an den Folgen einer Tuberkulose ) , der während der Überarbeitungszeit des Werkes ab 1832 / 1833 in Leipzig mit Robert ab 1833 in einem Haus gewohnt hat . Schunke war ein glänzender Pianist ( die Toccata ist ihm auch gewidmet , und er ist sicherlich ein würdiger Widmungsträger , wofür Schumann sonst nicht immer ein sicheres Gefühl hatte ) spielte das Stück nach Berichten von Ohrenzeugen als Etüde , weil er das Werk so in den Noten gelesen und auch empfunden hat . Clara Wieck dagegen spielte die Toccata "zart" und "poetisch" und mit "tiefgefühlten Schattierungen" ( so Berichte von zeitgenössischen Hörern ) . Aus diesen Ohrenzeugenberichten machten dann einige Schumannforscher später eine - unzulässige - Mischung , was in der Komposition entahlten und wie sie zu spielen sei .

      Auch wenn es neuerdings oft anders dargestellt wird ( etwa der Leipziger Schumannforscher und Herausgenber einer Reihe seiner Werke Köhler ) , so ist die Toccata auch für den sehr geübten Meisterpianisten "grausam schwer" ( J. Kaiser , 1997 ) .

      Das in einem äusseren Sonatensatz komponierte Werk enthält weitaus mehr Substanz als nur ein Bravourstück zu sein . Jede rein mechanische Interpretation verkkennt Schumanns Intentionen . Und es endet bezeichnenderweise auch nicht in Jubelstimmung , etwa in einem leuchtenden C - Dur , sondern versinkt in eine typische Schumannsche romantische Dämmerung ( der drittletztte Takt hat erstmals ein p ! ) , wie auch Sviatoslav Richter das Ende des Werkes richtig erfasst ( 1959 ; DGG ) .

      Schumann hatte sich im Frühjahr 1832 die berühmte "Fingerlähmung" im Anfangsstadium zugezogen . Nach Meinung Alfred Cortots müsse es der Mittelfinger gewesen sein , um dessen Unabhängigkeit vom 4. Finger besser zu trainieren . Andereseits lesen wir in der Schumannliteratur , dass Ludwig Schunke gegenüber Robert Schumann sagt e( dies ist gesichert ) , dass er ihm beim Spiel der Toccata mehrfach zugehört habe und deswegen das Werk auswenig gekoonnt habe , als er es ihm das erste Mal vorspielte .
      Die Geschichte über Schunke , der die Toccat beim ersten Mal einfach vom Blatt gespielt habe , ist somit durch die Beteiligten selbst eindeutig widerlegt .
      Ausserdem muss Schumann das Werk schon spätestens zu Beginn seiner "Fingerdehnungen" gespielt haben , Mit einer schweren "Fingerverletzung" hätte er alleine die schwierigen Oktavstellen wohl nicht spielen können . Also können die für Schumanns Karriere als Pianist folgenschweren , irreparablen Läsionen im neuro-muskulären wie Sehnen - Bereich nicht vor etwa Mai 1834 bestanden haben . Eher noch später .

      Dass die genaue Entstehungszeit in allen Einzelheiten nicht absolut sicher ist , geht aus der wissenschaftlichen Literatur hervor . Schumann schreibt selbst , dass er das Werk im Juli 1832 "ausgearbeitet" habe . Nach Roberts eigenen Eintragungen ist das Werk 1833 "fertiggestellt" gewesen . Und es wurde 1834 gedruckt . Im Jahr 1840 (!) erinnert sich der Komponist an diese Zeit und schreibt , dass die Toccata wohl "zu kurz und zu rhapsodisch" sei . Immerhin hat seine Komposition ihn nachhaltig noch nach Jahren beschäftigt . Und wir müssen festhalten , dass er seine Toccata für so vollendet angesehen hat , dass er - im Gegensatz zu mehreren anderen Werken - keine einzige Veränderung mehr vorgenommen hat .

      Die Frage drängt sich auf , welche Interpretation als herausragend aus mehreren aussergewöhnlichen Aufnahmen - ganz subjektiv - empfohlen werden kann .

      Teil 2 folgt

      Frank

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Ganong ()

    • Lieber Frank!

      Ich bin ganz baff, dass es zu diesem so kurzen Stück überhaupt so viel zu schreiben gibt. Und dann hast Du es auch noch so informativ und interessant aufbereitet. Großartig, wirklich! :down

      Bevor ich versuche, etwas darauf zu antworten (mit meinen 3 Aufnahmen war ich ja schnell durch), möchte ich Dich auf meinen Thread Schumann und die 'Symphonie fantastique' aufmerksam machen - ich habe nämlich Teile der Rezension gefunden und einen Link dort eingestellt. Vielleicht interessiert es Dich ja auch?! Ich finde Schumanns Schreibstil herrlich!

      Viele Grüße,
      Cosima

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cosima ()

    • lieber Frank,

      wieder mal großen dank für die erschöpfende werkeinführung ! ja, schumanns toccata ist hässlich schwer, wo jeder einzelne finger im durchgehenden sechzehntelverlauf sein eigenes bewegungszentrum hat. da die transparenz sowie das tempo zu halten ist ein superlativ als solches, die anweisungen schumanns bezgl. dynamik und sforzati zu befolgen ist nahezu übermenschlich ! :down

      kennengelernt habe ich das werk in der von Frank angesprochenen frühen DG-aufnahme sviatoslav richters. insgesamt ist das tempo rekordverdächtig. ein großartiger impetus, ein rausch, der in einen echten dämmerzustand endet, wie Frank akkurat erläuterte. keiner der anderen hat den ausklang so hinbekommen. Cosima wird es wissen und freuen ! :rofl

      weitere sehr gute interpretationen, was heißt sehr gut, famos: vladimir horowitz (30er jahre), emil gilels (40er jahre) und youri egorov (EMI, DDD).

      aber den absoluten geniestreich erhörte ich anfang der 80er jahre ! :down hierbei handelt es sich um die zweite platte pogorelichs, welche bei der DG erschien. die toccata war die zugabe zu beethovens op.111 und schumanns symphonischen etüden. einsame spitze, wie pogorelich im fugato-mittelteil, dem höhepunkt, einen rhythmischen groove produziert und am ende mit einer zuversichtlichen ruhe endigt. eine jahrhundertaufnahme, wo pogorelich noch nicht der exzentrik erlag.



      gruß, siamak :engel
    • Schumann : Toccata Teil 1

      Liebe Cosim a,
      Robert Schumann war ein einzigartiger Pet der Feder !
      Grossartige Schreibe hatte er .
      Di e"Symphonie fantastique" ist eines meiner ewigen Lieblingswerke - wusst Du dies aus einem früheren Forum ?
      Meine Interpreten :
      Markevitch
      Munch
      Georges Prete / Wiener Symphoniker .
      Besten Dank
      Frank
      PS. Moiseiwitschs "Fantsiestücke" sind bei "Testament" erhältlich . Ich habe nachgesehn nund sie vor einigen Jahren als meine Nr. 2 eingestuft gehabt .
    • Schumann : Toccata op. 7 Teil 1

      Lieber Siamak ,
      ich warte bzgl Ivo P. noch immer auf Deine PN bzgl seines "prozesses " . gemeint ist wahrscheinlich die psychopathologische Grundfrage "Prozess oder Entwicklung" im Sinne von Karls Jaspers Dissertation (!!!) und dann seiner Allgemeine Psychopathologie .
      Habe mir einige seiner Interpretationen angehört .( Zum zigten Mal ) .
      Herrlich(st)e Töne und Tonfolgen machen aber keine grosse Interpretation aus .
      Da wir bei Schuman sind : kennst Du die Aufnahmen von Pommier , einem berühmten Schüler des grossen Yves Nat ? Pommier wurde in Deutschland ja leider nur mit seinen Beethoven- und Mozart - Sonaten "gehandelt" . Er verschwand aber bald aus dem rampenlicht . Sein Debussy ist exquisit .
      Der schärfte Verächter Schumanns war übrigens Maurice Ravel ! Kennst Du aus dem taminoForum den Thred über Ravels "Bolero" , müsst eDich alleine wegen Deines Fachgebietes interessieren . der Artikel im "Europena Journal of Neurology" dazu ist sehr beachtlich .
      F r a g e : Was hälst Du von einem parallel laufenden Chopin - Projekt ?
      Alles Gut e, Frank