Beethoven: Klaviersonaten op.2 Nr. 1-3 ... der anspruchsvolle Beginn einer meisterhaften Serie

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    • Beethoven: Klaviersonaten op.2 Nr. 1-3 ... der anspruchsvolle Beginn einer meisterhaften Serie

      Der junge Beethoven war Ende 1786 erstmalig nach Wien gereist, um Schüler von Mozart zu werden - doch daraus wurde so schnell nichts. Mozart starb bekanntlich schon 1791. Also ging Beethoven 1792 bei Joseph Haydn in die Lehre, als ihn der Kurfürst und sein "Sponsor" Waldstein erneut nach Wien schickten.

      Der Unterricht bei Haydn soll nicht so ganz nach Beethovens Vorstellungen verlaufen sein, denn Beethoven war eigenwillig und hatte wohl damals schon andere Vorstellungen als Haydn. Sein Klaviertrio op.1/3 wurde von Haydn als zu schwer verständlich kritisiert, Beethoven nahm bald auch Unterricht bei anderen Lehrern. Trotzdem widmete Beethoven seinem Lehrer Haydn seine ersten drei Klaviersonaten, die er mit gerade 24 Jahren in Wien komponierte.

      Diese Sonaten sind alles andere als Kompositionsübungen, sondern schon ausgewachsene Meisterstücke von hohem pianistischem Anspruch. Alle drei sind ausgedehnt viersätzig, was bis dahin noch unüblich war. Beethoven war selbst ein Klaviervirtuose und gestaltete die Stücke vielleicht deshalb recht anspruchsvoll, um selbst öffentlich in Wien damit aufzutreten. Wer fängt denn schon seine veröffentlichten Kompositionen für's Klavier mit f moll an - das ist doch übermütig?!?

      Drei Klaviersonaten op. 2 (1795)

      Klaviersonate Nr. 1 f-Moll op. 2 Nr. 1 "Kleine Appassionata"
      1. Allegro
      2. Adagio
      3. Menuetto/Trio: Allegretto
      4. Prestissimo

      Klaviersonate Nr. 2 A-Dur op. 2 Nr. 2
      1. Allegro vivace
      2. Largo appassionato
      3. Scherzo/Minore: Allegretto
      4. Rondo: Grazioso

      Klaviersonate Nr. 3 C-Dur op. 2 Nr. 3
      1. Allegro con brio
      2. Adagio
      3. Scherzo/Trio: Allegro
      4. Allegro assai

      Ich mag die drei Sonaten sehr, die kleinen (aber feinen) Themen sind höchst einfallsreich verarbeitet, es gibt wunderbar originelle Ausgestaltungen innerhalb der (noch) klassischen Struktur - und v.a. die langsamen Sätze sind wunderschön. Während die ersten beiden Sonaten aus der Dreiergruppe eher kammermusikalisch angelegt sind, meint man in Nr. 3 schon das große orchestrale Denken des späteren Meisters zu hören.

      Auch in der Wirkung gibt es Unterschiede zwischen den drei Werken. Während Nr. 1 recht leidenschaftlich und auch mit Dramatik komponiert erscheint, ist Nr. 2 lyrisch und leichter und Nr. 3 wiederum ist brilliant, mit großem Witz und vollem, konzertantem Ausdruck. Letztere wird daher wohl heute noch am ehesten gespielt, auch Nr. 1 hört man hin und wieder, aber Nr. 2 scheint mir leider ein absolutes Stiefkind der aktuellen Pianisten-Szene zu sein.

      Was haltet ihr von den drei ersten Sonaten? Welche Einspielungen sind zu empfehlen oder nicht (ich hab auch einige, dazu später).
      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Heike ()

    • Ich schätze die Serie des op. 2 sehr und bewundere schon hier, wie jedes Beethovenstück, ob es die Sonaten, Sinfonien, Quartette oder wie hier die Sonaten sind, sein eigenes individuelles Gesicht hat. Ich bin eigentlich mit keriner der Aufnahmen, die ich von ihnen besitze, unzufrieden (Schnabel, Barenboim (60-er Jahre & dvd Berlin), Gulda, Brendel Vox. In Einzelaufnahmen Serkin (2,1) und Benedetti Michelangeli, Richter und A.S.Ott (2,3). Auch hier fällt auf, dass op 2,2 weniger vertreten ist. Einen vernünftigen Grund gibt es dafür nicht, denn die zweite ist nicht schlechter oder weniger reizvoll als ihre Geschwister aus der Serie des op.2. Ich kann mich allerdings entsinnen, einmal gelesen zu haben, dass manches im op 2,2 höllisch schwer zu spielen ist, vor allem die Durchführung des Kopfsatzes.
      Keinerlei Schwierigkeiten damit hat allerdings Gulda, den ich gerade mit Vergnügen höre. Da jeder Klassikfreund eine oder mehrere Integrale des 'Neuen Testaments' der Klavierliteratur besitzen sollte, beziehen sich Empfehlungen am besten gleich auf alle 32.
      Dem Anfänger, der vielleicht auch auf den Geldbeutel achten muss, würde ich ohne zu zögern, die erste Barenboimaufnahme aus der zweiten Hälfte der 60-er Jahre empfehlen (obwohl ich mit bewusst bin, dass Barenboim-bashing unter Klassikfreunden nicht unüblich ist). Jedenfalls ist diese erste Integrale zumindest genau so gut, wie die beiden späteren Gesamtaufnahmen. Wer sich an klangtechnischen Unvollkommenheiten nicht stört, sollte nicht zögern Schnabel kennenzulernen. Guldas kompromisslos motorische Aufnahme ist faszinierend, obwohl ich doch manchmal den Charme vermisse, den ein altmodisches ritardando hat. (Ich habe die bei Brilliant wiederveröffentlichte von amadeo, aber die beiden anderen sind recht ähnlich).
      Aber der grösste Beethoveninterpret ist meines erachtens Gilels, dessen Integrale durch Pfusch bei einer Operation in einem russischen Krankenhaus unvollendet blieb.
      Wenn man heute alle 32 für weniger als 40 Euro kaufen kann, lohnt es sich wahrscheinlich nicht nach Einzelaufnahmen Ausschau zu halten, die die Hälfte kosten.
      mit freundlichen Grüssen
      abendroth
    • Lieber Abendroth,
      zuerst möchte ich was zu Serkin sagen, den ich mit der ersten Sonate auf dieser CD habe:



      Diese Aufnahme von op.2 Nr. 1 mag ich gar nicht. Schon der Anfang missfällt mir derart, dass ich das gar nicht weiterhören will. Das ist mir viel zu langsam, auch nicht alla breve. Es klingt wie buchstabiert alles. Auch der zweite Satz ist mir langweilig, da fehlt Poesie. Das Scherzo lässt jedes Geheimnis vermissen und das Finale ist zu harmlos.
      Ich schätze Serkin als Pianisten mit anderen Aufnahmen, aber diese Einspielung ist bei mir komplett durchgefallen.

      Ich selbst habe mit Aufnahmen zu op.2 Nr. 1-3 Schnabel, Pollini, Perahia und Schiff, dazu noch einzelne andere mit nur einer der drei. Dazu später.

      Zu den Gesamtaufnahmen der Sonaten gibt es übrigens einen Extrathread hier, also bitte Fragen/ Empfehlungen zu Gesamtaufnahmen bitte dort diskutieren.

      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Liebe Heike,
      was Serkins op 10,1 betrifft kann ich Dir völlig zustimmen. Ich habe die Aufnahme soeben, vielleicht zum ersten Mal, gehört und war auch enttäuscht. Ja, das ist alles sehr zahm, ohne Biss und ohne drive. Es handelt sich dabei um eine Aufnahme, deren Veröffentlichung Serkin selbst nie zugestimmt hat. Serkin war zwar oft zu skrupulös, aber hier hatte er recht.
      Freundliche grüsse
      abendroth
    • Dann mache ich mal mit einer Neuanschaffung weiter, die ich bisher 2x begeistert gehört habe:


      András Schiff spielte die Sonaten live in der Tonhalle Zürich (2005)

      Ich finde das großartig und wunderschön! Auch der Klang ist toll, mit leichtem Hall und fast störungsfrei durch Publikum aufgenommen. Schiff artikuliert sehr klar, variiert Anschlag und Dynamik ohne Extreme, aber hin zu eindringlicher Intensität im Ausdruck. Manchmal fast unbarmherzig deutlich nach seinen Vorstellungen (oder wie er vielleicht meint, dass es Beethoven wollte). Da hört man auch, dass das eben keine harmlosen Sonatinchen sind, sondern da ist Entwicklung und Leben drin, auch Unruhe, Witz, Verborgenes. Ich kann mich auch an unzähligen Details freuen, wie er jeder einzelnen Stimme die volle Aufmerksamkeit gibt, ist bemerkenswert. Er lässt das Klavier einerseits im schönstem legato singen, andererseits ist ein staccato so punktgenau, das ist krass (man höre nur mal das Largo appassionato aus Nr. 2).
      Die Aufnahmen gehn mir ans Herz. Das ist kein großes Kino, sondern wie intime Zwiesprache mit allerhöchster Dramatik zwischen zweien, die sich nahe sind.

      Heike
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis
    • Aus der Dreierserie op.2 ist mir die A-dur-Sonate op.2 Nr.2 besonders ans Herz gewachsen. Leider treffen nur ganz wenige Pianisten den leichten, lockeren, keineswegs gewichtigen und bedeutungsvollen Tonfall dieses frühen Meisterwerkes. Am besten haben bisher Wilhelm Kempff und Friedrich Gulda dieses Kleinod auf den Plattenteller gebracht. Besonders der Esprit des Finales, die Transformation „Mannheimer Raketen“ in ein leichtes, unbeschwertes Skalenspiel, kommt in ihren Interpretationen geradezu beispielhaft zum Tragen.

      Gruß Amadé


    • Maurizio Pollini spielt das ganze schlicht klassisch amutend, aber markant und ohne jede kleinteilige Verschnörkelung, flott und exakt. Er klingt einerseits mühelos, unangestrengt, hat aber andererseits auch Anflüge von gefühlter Nervosität drin, z.B. das Scherzo von Nr. 2 und auch der Beginn von Nr. 3 hat für mich was subtil ruheloses. Manchmal vermisse ich den jungen Wilden namens Beethoven, aber andererseits kann ich mich auch sehr an einem Altmeister namens Pollini erfreuen, der hier fast demütig hinter das Werk zurücktritt und nie ins Extrem greift. Da ist eine natürliche Schönheit und Grazie am Werk, die vielleicht sogar etwas langweilt, wenn man aufregendere Interpretationen kennt. Andererseits fühlt sich das genau richtig an, so unaufgeregt und doch gar nicht belanglos. Im Detail ist der ganz fein variiierte Anschlag und der diffizil-präzise Pedaleinsatz phantastisch. Die Geradlinigkeit der Linien ist geradezu meditativ, die durchsichtige, fast kühle Klarheit wirkt souverän, die Sicherheit in den virtuosen Passagen (z.B. Finale Nr. 3) beruhigt schon fast. Demgegenüber sind die langsamen Sätze bezaubernd innig und empfindsam, so viel Zartheit findet man nicht überall bei Pollini. Mir gefällt die Interpretation, allerdings hätte ich mir das etwas direkter aufgenommen gewünscht. Irgendwas stört mich an dem Klang, ich kann es nicht so ganz genau orten, was es ist.
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis


    • Glenn Gould - ja, schon der Beginn mit dem krass arpeggierten Bassakkord lässt aufschrecken. Auffällig dann schon im ersten Satz von Nr. 1 das tackernde Dauerstaccato, mir geht das schon bald auf die Nerven. Das klingt nicht nach Beethoven, sondern barock. Dann wiederum berührt mich sofort der Beginn des Adagio stark: sehr langsam und voller Zärtlichkeit - aber wenn er leider dann wieder dieses nervtötende Bass-Tack-Tack einsetzt, macht er es kaputt. Nahezu grotesk das Ende des 2. Satzes, da weiß ich nicht mal, ob er das noch ernst nimmt oder sich schon lustig macht. So geht das weiter mit dieser Aufnahme, es gibt sehr schöne Passagen und auch vieles, was mir komplett missfällt. Da könnte ich jetzt seitenlang drüber schreiben, wie das im Detail abwechselt - insgesamt jedenfalls ist das keine Aufnahme zum Kennenlernen der Sonaten. Aber auf jeden Fall doch interessant und spannend zu diskutieren.
      "Es gibt keine falsche Note, solange du nicht die nächste gehört hast." Miles Davis


    • Der mir bis letzte Woche völlig unbekannte Pianist stellt auf dieser Doppel-CD die drei frühen Beethoven-Sonaten op. 2 sowie die späten Sonaten op.101 und 106 "Hammerklavier" vor, eigentlich nichts Besonderes.
      Die Überraschung erlebte ich jedoch beim Hören: bei den frühen Sonaten hält sich Jumppanen nicht ausschließlich an den Notentext, sondern denkt und spielt ihn weiter. So ging man damals mit Musik um. Gerade bei Wiederholungen von Melodieteilen erlaubt er sich spielerisch Verzierungen oder Alternativ-Wendungen. Sehr interessant, unbedingt hörenswert. Nur: man darf diese Interpretationen nicht so oft hören, sonst wirken sie schal und belanglos, dann sehnt man doch das Original wieder herbei. Die beiden späten Sonaten sind unverändert.
      Diese CD sollte für Musikstudenten, speziell für angehende Pianisten eine Pflicht sein.

      Gruß Amadé
    • Original von Amadé

      Die Überraschung erlebte ich jedoch beim Hören: bei den frühen Sonaten hält sich Jumppanen nicht ausschließlich an den Notentext, sondern denkt und spielt ihn weiter. So ging man damals mit Musik um. Gerade bei Wiederholungen von Melodieteilen erlaubt er sich spielerisch Verzierungen oder Alternativ-Wendungen. Sehr interessant, unbedingt hörenswert.


      Lieber Amadé,
      vielen Dank für den Tipp! Während Pianisten wie Staier (man höre sich mal seinen türkischen Marsch an!) und andere als Spezialisten für historische Aufführungspraxis das auch tun, ist hier tatsächlich mal einer, der das mit dem modernen Flügel wagt. Ich finde, das gibt der Musik eine neue Frische, bringt aber natürlich das Problem mit sich, dass diese Spielweise eigentlich der Konserve entgegen steht. Am schönsten wäre, wenn man jedesmal eine neu improvisierte Lösung hören könnte. Natürlich vertragen bei Beethoven nur die frühen Sonaten diese Art der Veränderung.

      Herzlich grüßt
      Satie
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Original von Amadé

      .. bei den frühen Sonaten hält sich Jumppanen nicht ausschließlich an den Notentext, sondern denkt und spielt ihn weiter. So ging man damals mit Musik um. Gerade bei Wiederholungen von Melodieteilen erlaubt er sich spielerisch Verzierungen oder Alternativ-Wendungen. Sehr interessant, unbedingt hörenswert.

      Gruß Amadé


      Wenn der Mann was eigenes bringen möchte soll er doch selber eine Sonate komponieren, und den armen Beethoven in Ruhe lassen. Das ist keine Barockmusik, wo Hinzufügungen und Verzierungen ausdrücklich erwünscht waren.

      Florestan