Beethoven: Fidelio - "Wer ein solches/holdes Weib errungen..."

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    • Leonore (Fassung 1806) konzertant, Theater an der Wien 17.1.16

      Leonore - Juliane Banse
      Florestan - Michael Schade
      Don Pizarro - Andrew Foster-Williams
      Rocco - Georg Zeppenfeld
      Marzelline - Anna Prohaska
      Jaquino - Rainer Trost
      Don Fernando - Andrè Schuen
      1. Gefangener - Thomas David Birch
      2. Gefangener - Christoph Seidl

      Sprecher - Herbert Föttinger

      Arnold Schoenberg Chor
      Erwin Ortner, Chormeister

      Concentus Musicus Wien
      Stefan Gottfried, Dirigent

      Liebe Rotkäppchen,

      den besonderen Wert dieser Aufführung für mich kannst du schon daran ermessen, dass ich sie trotz konzertanter Darbietung bis zum Ende durchhalten konnte und das sogar mit steigender Begeisterung, obwohl außer den Kostümen und dem angedeuteten Bühnenbild praktisch nichts von einer rein konzertanten Darstellung abwich. Klar, gegen eine Aufzeichnung der Fidelio-Inszenierung 2013 (gleiche Kostüme) würde ich sie jederzeit eintauschen, aber musikalisch war das wirklich toll! :engel
      Star waren für mich ausnahmsweise das HIP-Orchester und sein Dirigent :down. Da kamen ganz viele Feinheiten heraus, die ich auch unabhängig von der 1806-Fassung noch nie gehört habe. Beispiel gleich in der zweiten Nummer, dem Duett Marzelline-Jacquino (in der Enfassung die Anfangsnummer): den genervten Ton in der Untermalung von Marzelline, unterstützt durch präzise austarierte Tempischwankungen, habe ich noch nie derart deutlich erlebt.
      Bei den Sprechtexten war ich zuerst zwiegespalten: sehr eindringlich von Herrn Föttinger gesprochen hinterließen sie von Anfang an Eindruck, zerrissen aber natürlich immer wieder die Handlung. Dennoch, zum Schluss war ich überzeugt: in einer konzertanten Aufführung war das ein gute, vielleicht sogar die beste Lösung.
      Auch stimmlich hat mir alles sehr gut gefallen, für mich fiel keiner der Sänger ab. Das Titelpaar fand ich super, jeden auf seine Weise (Banse sehr expressiv, Schade mit wundervollen piani), das Paar Marzelline-Jacquino ebenfalls sehr gut. An wenigen Stellen hätte ich mir für Don Pizarro ein noch etwas größeres Stimmvolumen gewünscht, aber mit dem HIP-Orchester und dem relativ kleinen Haus ging das insgesamt noch in Ordnung. Zeppenfeld war als Rocco rein stimmlich ein absoluter Genuss, dennoch blieb dieser Rocco für mich etwas blass. Nun war Zeppenfeld im Gegensatz zu Banse, Prohaska und Schade bei der szenischen Fidelio-Aufführung 2013 nicht dabei, was ein Hemmschuh bei der Darstellung gewesen sein mag. Es kommt aber noch hinzu, dass der Rocco von 1806 im Gegensatz zu 1814 kaum positive Züge trägt. Eigentlich ein Opportunist reinsten Wassers, was in den Kommentaren auch immer wieder betont wurde. Zeppenfeld hätte dagegen gut in die WSO-Inszenierung von Schenk als gütiger Vater mit zumindest einem Schuss Zivilcourage gepasst.

      Neben der Rezension, die du schon am 24.1. eingestellt hattest, hat mir auch diese kurze Besprechung recht gut gefallen: Dynamik innerhalb jeder Gestalt

      Es bleibt bei aller Begeisterung ein schwerer Jammer, dass die Fidelio-Inszenierung 2013 offenbar nicht aufgezeichnet wurde. Mein (wohl leider vergeblicher) Appetit darauf wurde durch diese Leonore jedenfalls gewaltig gesteigert.

      VG, stiffelio
    • RE: Leonore (Fassung 1806) konzertant, Theater an der Wien 17.1.16

      Hallo, liebe stiffelio, habe mich natürlich ganz mächtig gefreut über Deinen Bericht – ich saß ja wie auf glühenden Kohlen :D – und dass Du es Dir trotz Zeitnot überhaupt komplett angesehen hast :leb . Als erstes muss ich mich Deinem Schlussstatement anschließen, es ist ein totaler Jammer, dass es die szenische Version in ähnlicher Besetzung nicht auf DVD oder sonstwie gibt, das kann einen ganz wahnsinnig machen!

      Und ja, das HIP-Orchester war eine Wucht, richtig mit Mut zur Hässlichkeit – hat mich unheimlich mitgerissen, außerdem war es eine Wonne, dem sehr jugendlich wirkenden Dirigenten (laut Wiki ist er schon Mitte Vierzig, wie die Musik doch jung hält ...) zuzusehen, da kam so viel Energie und Freude rüber, einfach toll!!! :engel

      Was Du zu den Sängern sagst, kann ich auch voll unterschreiben. Juliane Banse hat wirklich keine besonders schöne Stimme, metallisch-verschleiert irgendwie, aber was sie damit anstellt, das ist schon außergewöhnlich, sehr aufwühlend – und so soll es ja sein. Zeppenfelds Rocco fand ich zunächst ebenfalls "nur" schön gesungen, aber ich habe das Ganze inzwischen mehrmals gesehen/gehört und konnte durchaus noch einige Raffinesse erkennen. Und über Herrn Schade war ich echt erstaunt, nicht nur dass er so schön piano singen kann, auch was Stimmfarben und solcherlei Effekte betrifft, war das eine sehr ausgeklügelte und abwechslungsreiche Performance und einige schauspielerische Anwandlungen am Beginn der Auftrittsszene kann man ihm auch bescheinigen. Dass die Engel-Leonore(n)-Vision, eine der Gänsehautstellen überhaupt, in der 1806er-Version fehlt, ist zwar bedauerlich, aber inzwischen habe ich die Alternativversion irgendwie fast genauso lieb gewonnen und das liegt sicher auch an Herrn Schades gelungener Darstellung.

      Die Zwischentexte gehen einem bei mehreren Durchläufen natürlich irgendwann kolossal auf den Keks, aber an sich war's eine stimmige Lösung. Es ist auch immer wieder frappierend, um wie vieles besser und wirkungsvoller eben ein professioneller (Sprech-)Schauspieler solche eigentlich simplen paar Sätze rüberbringen kann.

      Herzliche Grüße und :beer, Rk
      :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Rotkäppchen ()

    • Florestan-Arie 1806/1814

      Liebe Rotkäppchen,

      ich habe mich heute nochmal intensiv in die Florestan-Arie der Leonore von 1806 (falls noch Andere mitdiskutieren wollen: unter "https://www.youtube.com/watch?v=alu3A-qgbpM" von 1:54-2:00 h) vertieft.
      Das, was du zum HIP-Orchester (vor allem zum Blech) geschrieben hast, gilt auch für Herrn Schade: er hat mit beeindruckendem Mut zur Hässlichkeit gesungen, bereits in seinem ersten Ton (dem berühmten "Gott"), aber auch immer wieder im weiteren Verlauf des Rezitativs und selbst seiner folgenden Arie. Zischen, Singen (klangbildlich) mit zusammengebissenen Zähnen, schneidende und gepresste Silben, alles war vertreten. Und das ganze zu einer Tonlinie und einem Text, die immer wieder überraschend von der Endfassung abwichen und schon deshalb einem Sänger viel Konzentration abverlangen. In der Arie hat er dann auch gezeigt, dass er nicht aus der Not eine Tugend gemacht hat und noch sehr schönstimmig singen kann, jedenfalls in kleineren Opernhäusern.
      Das Ganze hat für mich dazu geführt, dass ich diesen wunderbaren Einstieg in den zweiten Akt ganz neu wahrnehmen konnte. Fast war es eine Erfüllung meines alten Wunsches, den Fidelio nochmal völlig neu erleben zu können. :engel
      Die Abweichungen von der Endfassung gerade auch im Text beschäftigen mich sowieso wieder im steigenden Maße. In Florestans Arie ist mir besonders aufgefallen, dass statt des "Engels Leonore" etwas ganz Anderes betont wird. Die bekannte Schlusszeile des ersten Arienteils "Meine Pflicht hab ich getan" wird im zweiten Arienteil aufgegriffen und nochmal mehrfach betont: "Sage deinem Herzen: Florestan hat recht getan". Hier ist es also nicht in erster Linie der Gedanke an Leonore, der Florestan aufrecht erhält, sondern sein gutes Gewissen!
      Es wird schon Gründe gegeben haben, dass Treitschke und Beethoven das in der Endfassung so gründlich geändert haben, aber der Gedanke, dass beides eine wichtige Rolle spielt, war für mein Bild von Florestan trotzdem sehr interessant. Eine neue Facette in einem Edelstein.

      Es gibt ja auch noch eine ganze Reihe weiterer, musikalisch und textlich schwerwiegenderer Änderungen, auch über meinen Beitrag vom 17.8.14 hinaus: Das Finale im 1. Akt (kein Quintett mit Gefangenenchor, sondern eine weitere Arie von Pizarro mit Soldatenchor als Untermalung, ab 1:46 h im o.g. Link) und das Duett Fidelio-Marzelline über die Ehe (ab 1:24 h) fallen mir da als erste Beispiele ein. Welche waren für dich am eindrücklichsten?
      Und kannst du mir noch Beispiele nennen, wo du Zeppenfeld gestalterisch am besten fandest? Damit würde ich mich auch gerne noch beschäftigen.

      VG, stiffelio

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    • RE: Florestan-Arie 1806/1814

      Hallo, liebe stiffelio,

      also, erstmal bin ich immer noch an diesem Mitschnitt aus dem ThadW dran und er hängt mir noch nicht zum Halse raus, was ein gutes Zeichen ist :leb.

      Die herausragendsten Differenzen zwischen 1806 und 1814 liegen für mich tatsächlich in den Unterschieden in jeweils Leonores bzw. Florestans großer Arie. Letztere hast Du ja schon trefflich verglichen und ich denke, dass sich die Arie in Richtung größerer Theaterwirksamkeit entwickelt hat. Diese Leonoren-Vision ist unglaublich packend und anrührend, während die Analyse des eigenen guten Gewissens schon etwas subtiler und abstrakter daherkommt. Wie gesagt, inzwischen finde ich ja, dass beide Versionen unter die Haut gehen, aber wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich doch für den Engel Leonore entscheiden :wink. Ja, und bei Leonores Arie ist das "Abscheulicher ....." auch richtiger Donnerschlag, total anders als "Ach, brich noch nicht, du mattes Herz ...", das ganze Gegenteil eigentlich. Das passt zu Deiner Feststellung im Beitrag vom 17.8.14, dass Leonore in der früheren Fassung weniger heldisch gezeichnet ist. Eigentlich toll und richtig modern, dass Beethoven der Figur letztlich noch viel mehr Entschlossenheit und in gewisser Weise Emanzipation (war damals überhaupt schon die Rede davon?) zugestanden hat! :down

      Zu Zeppenfelds Rocco ist mir aufgefallen, dass die Spielfreude im Laufe der Vorstellung etwas abfällt. Sehr gut fand ich die Goldarie, die inhaltlich vielleicht nicht der Renner ist (aber ein schlimmer Ohrwurm :D) – die singt er im wesentlichen auswendig und agiert ziemlich viel bzw. interagiert auch mit Leonore und Marzelline, das war schon raffiniert und hat mich begeistert. Gut fand ich auch, wie er sich sichtlich einschüchtern lässt bei Jetzt Alter.... Im 2. Akt hat er die Figur vielleicht nicht mehr so individuell gezeichnet, aber es ist bei den Ensembles auch schwer zu beurteilen, da die Kamera ja meist auf einen der Protagonisten fokussiert war.

      Jedenfalls freu' ich mich darüber:

      Original von stiffelio
      Das Ganze hat für mich dazu geführt, dass ich diesen wunderbaren Einstieg in den zweiten Akt ganz neu wahrnehmen konnte. Fast war es eine Erfüllung meines alten Wunsches, den Fidelio nochmal völlig neu erleben zu können. :engel


      :beer Herzliche Grüße, Rk :hello
    • RE: Florestan-Arie 1806/1814

      Original von Rotkäppchen
      Eigentlich toll und richtig modern, dass Beethoven der Figur letztlich noch viel mehr Entschlossenheit und in gewisser Weise Emanzipation (war damals überhaupt schon die Rede davon?) zugestanden hat! :down


      Zumindest bei Beethoven selbst wohl eher nicht, wenn ich mir manche Aussagen von ihm ansehe ... kein Wunder, dass ihm der Gedanke von für-den-Mann-alles-machende-Ehefrau so gut gefallen hat.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Na, das führt dann ziemlich schnell zur Frage, inwieweit Persönlichkeit und Werk eines Komponisten getrennt werden sollen, dürfen, müssen; darüber haben sich schon jede Menge Forianer in diversen Foren gefetzt.

      Ich habe ja lediglich gesagt, dass Beethoven im Verlauf der verschiedenen Fidelio–Fassungen der Leonore offenbar mehr Modernität zugestanden hat. Warum er das getan hat und inwieweit das seinem persönlichen Frauenbild entspricht, steht auf einem anderen Blatt.

      Was hat z.B. Händel für spannende Frauenfiguren veropert, während seine Beziehung(en) zu Frauen trotz intensiver Forschung wohl immer im Dunkel bleiben wird/werden. Deswegen sind diese Figuren aber doch trotzdem interessant, egal ob ich jemals nachprüfen kann, wie ernst das der Schöpfer persönlich gemeint hat.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Rotkäppchen ()

    • Vergleich 1806/1814

      Original von Rotkäppchen
      Die herausragendsten Differenzen zwischen 1806 und 1814 liegen für mich tatsächlich in den Unterschieden in jeweils Leonores bzw. Florestans großer Arie.
      ...


      Liebe Rotkäppchen,

      danke für deine Antwort, damit hatte ich einen guten Grund, mich nochmal in den ersten Akt zu vertiefen. :wink

      Ich gebe dir recht, dass die Hauptrollen-Arien sich in Richtung mehr Dramatik entwickelt haben. Allerdings ja interessanterweise bei Florestan am Ende der Arie, bei Leonore hauptsächlich im Rezitativ vor der Arie (in der Melodieführung allerdings auch ganz am Schluss, wo Beethoven 1806 nach dem Spitzenton noch ein Anhängsel drangehängt hatte, das die Dramatik wieder etwas abmildert).
      Der "Engel Leonore" ist sicherlich nicht leicht zu gestalten, aber er reißt textlich und musikalisch auch meiner Meinung nach noch mehr mit als die Fassung von 1806. (Es braucht schon einen so intensiven Gestalter wie Schade, um den Text von 1806 so spannend hinzukriegen.)
      Mit der Leonoren-Arie habe ich dagegen ehrlich gesagt schon immer einige Probleme gehabt, ich höre sie mir nur sehr selten gezielt an, ganz anders als Florestans Arie. Vielleicht sind das hauptsächlich meine Schwierigkeiten mit Frauenstimmen, die daran schuld sind. Ein einziges Mal hat sie mich wirklich vorbehaltlos begeistert und das war mit Waltraud Meier (in der von mir sonst gar nicht so geschätzten Valencia-Aufnahme). Aber mal abgesehen davon, dass in der 1806-Fassung wesentlich mehr Koloraturen enthalten sind, die in der Summe die Arie vermutlich eher erschweren - ich könnte mir vorstellen, dass dieser Riesensprünge nach unten in dem Wort "Gattenliebe" ("Ich folg dem innren Triebe...") mit den Koloraturen einfacher zu singen sind. (Gerade diese Stelle hört sich z.B. bei Janowitz auf der Bernstein-DVD - natürlich Endfassung - in meinen Ohren nicht wirklich gut an.)

      Zu Zeppenfeld: Gleich bei den ersten Tönen der Goldarie hat mich wieder diese wunderbare Bassstimme in ihren Bann geschlagen. Zeppenfeld ist wirklich ein toller Sänger und bei dieser Stimme sehe ich dann auch mal darüber hinweg, wenn mich die Gestaltung nicht ganz so überzeugt. Ich kann zwar nachvollziehen, was du speziell bei der Goldarie meinst (und das ist ja auch eine sicherlich oft geübte Parade-Arie bei Bässen), aber diese konzertante Aufführung hat Zeppenfeld meinem Empfinden nach nicht soviel Identifikationsfläche geboten. Rocco ist ja die Rolle, die die meisten Grautöne hat und in der Fidelio-Aufführung von 2013 war nach dem Trailer zu schließen, ziemlich viel Schwarz dabei. Der Text von 1806 hätte jetzt Gelegenheit geboten, diese Schwärze nochmal zu vertiefen, aber genau das wurde (von wem auch immer, im Abspann standen für die "szenische Einrichtung" Herbert Föttinger & Roland Geyer, also der Regisseur von 2013 und der Intendant) offenbar nicht gewollt oder nicht umgesetzt. Zeppeneld interagiert zwar, aber für mich kommt da irgendwie trotzdem kein Charakter rüber. Oder die Kamera hat ihn tatsächlich nicht eingefangen, das will ich nicht völlig ausschließen.

      Leonores Charakter hat zwischen 1806 und 1814 ganz sicher eine Wandlung in Richtung Eigenständigkeit und Stärke durchgemacht (sogar Skrupellosigkeit, wenn man Absicht dahinter vermutet, dass ihre Skrupel gegenüber Marzelline aus den Sprechtexten gestrichen wurden), aber unterwürfig war sie in keiner Fassung. Wer sich so gegen Mächtigere und alles, was Andere Schicksal nennen würden, auflehnt, der ist gegen niemanden unterwürfig.

      LG, stiffelio

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von stiffelio ()

    • Heute, inspiriert von KeithM.C. den Fidelio mit Abbado gehört na ja, das ist nicht die gelungenste Aufnahme,
      der Florestan von Kaufmann ist schon ziemlich gut, trotz der langsamen Tempi, warum habe ich nur damit Probleme?, aber der Fidelio von N.Stemme ist ja sogar nicht mein Fall, hierzu muss ich sagen das ich mit der Figur immer schon meine Probleme hatte, aber auch das kann ich nicht erklären !
      Und wie Keith schon richtig anmerkte der Pizarro von Struckmann ist fast schon unterirdisch, Orchester mäßig ist das sehr schön musiziert, aber es fehlen so die Akzente!
      Lieber KeithM.C, die Arie des Florestan ist auf dem Recital noch exzellenter gesungen als auf der GA.

      Jetzt stelle ich hier mal eine Einspielung vor, die mich von Anfang an richtig glücklich gemacht hat ...

      AD 1998

      Inga Nielsen (Lenore)
      Gösta Winbergh (Florestan)
      Alan Titus (Don Pizarro)
      Kurt Moll (Rocco)
      Edith Lienbacher (Marzelline)
      Herwig Pecoraro (Jaquino)
      Wolfgang Glashof (Don Farnando)
      Hungarian Radio Chorus
      Nicolaus Esterházy Sinfonia/Michael Halász

      Ja, da ist nun wieder G.Winbergh der die Arie ähnlich anlegt wie J.Kaufmann und er weiß auch wie man hier Akzente setzt, man hört ihm wohlwollend und gerne zu, gerade auch das Anschwellen bei Gott ...die Stimme ist gerade zu bebend im Ausdrck, wie ich mir das vorstelle nach zwei Jahren Kerker und Einzelhaft!
      I.Nielsen singt für meine Begriffe einen wunderbaren Fidelio an dem man nicht rumzumäkeln kann, das ist mit Pathos, aber in maßen, und mit viel Aussage interpretiert, ich habe mich heute wieder dabei erwischt wie gespannt ich ihr wieder zugehört habe!! :love: A.Titus gibt einen bösartigen Pizarro, Struckmann hätte sich das mal anhören sollen! ;) K.Moll ist ein vorzüglicher Rocco, auch das junge Paar ist sehr gut besetzt.
      Hier kann man auch ruhig mal erwähnen daß die Dialoge vortrefflich gestaltet sind.
      Das Orchester unter Halász spielt mit Freude und Intusiasmus, aber die große Geste vermisst man ein klein wenig!
      Ergo, für kleines Geld eine vorzügliche Aufnahme!

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Leonore (Fassung 1805), konzertante Aufführung am 18.6.2017, Kulturpalast Dresden

      Hallo zusammen,

      vor wenigen Tagen hatte ich das seltene Vergnügen die "Urfassung" des Fidelio alias Leonore (1805) live zu Gehör zu bekommen. Die Aufführung stellte gleichzeitig das Abschlusskonzert der diesjährigen Dresdner Musikfestspiele dar, war an sich konzertant, aber mit separaten Performance-Elementen zweier Tänzer, einer Pianistin und Videosequenzen angereichert. Mich hat das Konzept wenig überzeugt, deswegen gehe ich nicht ins Detail. Die Dialoge wurden weggelassen und HIP gespielt (Dresdner Festspielorchester unter Ivor Bolton), und zwar ziemlich schroff, fast schon aggressiv. Pluspunkt des Abends war die durchweg gute, zum Teil exzeptionell gute Sängerbesetzung, allen voran die Sopranistin Miriam Clark in der Titelrolle. Das ist auch der Grund, warum ich hier in diesem Thread berichte. Die Sängerin scheint die Ur-Leonore schon länger im Repertoire zu haben, denn bereits auf S. 1 dieses Fadens (#19, von 2012) wird von ihr so berichtet:

      ar schrieb:

      Die Leonore ist in dieser Fassung wohl noch dreimal schwerer als sonst, vor allem weil man in der Urfassung keine andere Wahl hat, als einen dramatischen Koloratursopran zu nehmen (Komm Hoffnung ist besonders im schnellen Teil voll von Koloraturen). Miriam Clark bewältigt diese Aufgabe bravourös! [...] wirklich die Starleistung des Abends!
      Und das war jetzt in Dresden, 5 Jahre später, ebenfalls eine rundum großartige Leistung! Was hat sich Beethoven mit der Urfassung der großen Leonoren-Arie nur für eine Teufelei ausgedacht bzgl. Stimmumfang, Koloraturen, Sprüngen, dynamischer Unterschiede ... und Miriam Clark singt die Arie, als wäre es die normalste Sache auf der Welt. Schade, dass dieses vokale Meisterstück nicht aufgezeichnet wurde. Die anderen Sängerleistungen sind dadurch etwas verblasst, aber auch da gab es nichts zu meckern! Hervorheben möchte ich Christina Gansch und Martin Mitterrutzner als schönstimmiges, fast neckisches "junges Paar" und Eric Cutler als klug gestaltenden, (auch stimmlich) leidenden Florestan.

      Jedenfalls bin ich nach diesem Live-Erlebnis überzeugt, dass sich – angenommen Beethoven hätte nicht weitergebastelt – auch diese Fassung über die Jahre irgendwie durchgesetzt hätte! Naja, zugegeben, dass der "Engel Leonore" in Florestans Arie fehlt, verursacht schon einen kleinen Phantomschmerz :D .

      Zum Schluss nochmal die Akteure in der Übersicht:

      Miriam Clark, Sopran (Leonore)
      Eric Cutler, Tenor (Florestan)
      Michael Kupfer-Radecky, Bariton (Don Pizarro)
      Christina Gansch, Sopran (Marzelline)
      Martin Mitterrutzner, Tenor (Jacquino)
      Peter Rose, Bass (Rocco)
      Tareq Nazmi, Bass (Don Fernando)


      Balthasar-Neumann-Chor
      Dresdner Festspielorchester
      Leitung: Ivor Bolton