Beethoven: Fidelio - "Wer ein solches/holdes Weib errungen..."

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    • Beethoven: Fidelio - "Wer ein solches/holdes Weib errungen..."

      zur Entstehungsgeschichte:
      Ludwig van Beethovens einzige Oper wurde in der Erstfassung 1805 unter ungünstigen Umständen in Wien uraufgeführt und zunächst nicht gut aufgenommen. Eine zweite Fassung folgte 1806, die dritte und endgültige, auf die Beethoven viel Mühe verwendet haben soll und die dann endlich ein Erfolg war, erst 1814. Er komponierte insgesamt vier Ouvertüren, von denen die letzte heute in der Regel die Oper einleitet. Die dritte, sog. "große Leonoren-Ouvertüre" wird oft vor dem Finale, machmal auch an anderen Stellen im Opernablauf gespielt.

      zur Handlung:
      Der verbrecherische Gefängnisgouverneur Don Pizarro hat seinen Widersacher Don Florestan heimlich eingekerkert, seine Freunde halten Florestan für tot.
      Seine Frau Leonore jedoch gewinnt auf der Suche nach ihrem Mann, verkleidet als Mann und unter dem Decknamen Fidelio, das Vertrauen des Kerkermeisters Rocco und die Liebe seiner Tochter Marzelline, letzteres zum Mißfallen des Pförtners Jaquino, Marzellines früherem Brautanwärter.
      Don Pizarro erhält die Warnung, dass eine Gefängnisinspektion durch einen Minister ansteht und beschließt, Florestan schnellstmöglich zu erstechen, um seine Entdeckung zu verhindern. Rocco und Fidelio sollen vorher das Grab in der Zelle graben. In der Zelle gewinnt Leonore die Gewissheit, dass der heimliche Gefangene ihr Mann ist, wohingegen Florestan Leonore zunächst nicht erkennt.
      Als Pizarro kommt, gibt Leonore sich als Frau von Florestan zu erkennen und vereitelt mit vorgehaltener Pistole den Mordanschlag. In diesem Moment ertönt ein Trompetensinal, das die Ankunft des Ministers Don Fernando ankündigt. Florestan und die Gefangenen werden ihm vorgeführt, er erkennt Don Pizarros Verbrechen und Leonore darf Florestans Ketten lösen. Alle preisen Leonores treue Liebe und ihre mutige Rettungstat.

      Liebe Forumsmitglieder,

      das diesjährige Sommerrätsel von Rideamus hat dafür gesorgt, dass der FIDELIO bei mir wieder aus der Versenkung auferstanden ist. Wäre ich 2 Jahre früher zu euch gestoßen, hätte mein erster Thread ganz sicher dieser Oper gegolten, denn die war damals mein Morgen- und Abendgebet (wie meine Familie euch leidvoll bestätigen könnte :wink).
      Nun, auch ich musste die Erfahrung machen, dass man sich jede Oper überhören kann. In meinem Fall betraf das die DVD mit Bernstein als Dirigent, die bis heute bei mir keine Wünsche offenlässt außer dem einen, dass ich von Zeit zu Zeit meinen Eindruck von ihr auf Null zurücksetzen könnte, um mit frischen Sinnen wieder von vorne zu beginnen.

      Leonore - Gundula Janowitz
      Florestan - Rene Kollo
      Don Pizarro - Hans Sotin
      Rocco - Manfred Jungwirth
      Marzelline - Lucia Popp
      Jaquino - Adolf Dallapozza
      Don Fernando - Hans Helm
      1. Gefangener - Karl Terkal
      2. Gefangener - Alfred Sramek
      Dirigent: Leonard Bernstein
      Inszenierung: Otto Schenk
      WSO, 1978

      Bei dieser DVD stimmt nach wie vor für mich einfach alles: die Kulisse ist realistisch, aber nicht überladen (inzwischen könnte sie für mich auch etwas stilisierter sein, aber gefallen tut sie mir immer noch), die gesanglichen Leistungen sind vielleicht nicht allererste Weltspitze, aber dicht dahinter und das für mich Wichtigste: es wird mit einer Leidenschaft gespielt, dass nach wie vor da keine andere Aufnahme aus meiner Sicht mithalten kann.
      (A dieser Stelle eine Warnung: meine folgende Besprechung wird wohl nur etwas für Hardcore-Fideliofans sein, den anderen wird meine Eloge vermutlich zu weit gehen. Aber ich verspreche, dass ich danach auch auf andere Aufführungen eingehen werde, die ich etwas differenzierter betrachten kann, als mir das bei Bernstein möglich ist).

      1.Akt
      Die spielerische Detailfreude fängt gleich in der ersten Szene an, wenn Jaquino sich bei seinem Heiratsantrag selbstvergessen auf die frisch gebügelte Wäsche setzt und von Marzelline hinunter gejagt wird, wenn Marzelline ihm beim "Du könntest nun gehn" das Bügelwasser vor die Füße kippt und beim "so bleibe hier stehn" ihn fast mit dem aufgebauten Bügelbrett umhaut und und und - es sind diese Kleinigkeiten, die die Szene so köstlich lebendig machen. Die Rivalität zwischen Jaquino und Fidelio ist allerdings in dieser Inszenierung auf ein Minimum begrenzt: z.B. wurden die Anwürfe Jaquinos gegen Fidelio in den Sprechszenen gestrichen und in der letzten Szene des ersten Aktes hält Jaquino Fidelio vor einem unbedachten Ausbruch gegen Pizarro zurück.
      Die gesamte Inszenierung verbleibt in Beethovens Zeit und Sphäre und macht doch ein allgemeingültiges Lob der Freiheit, der Courage und der Treue daraus - in einer Weise, die irgendwo zwischen Märchen und Pathos liegt. Dem entspricht, dass Rocco hier ein in erster Linie Obrigkeits-gehorsamer, aber dennoch herzensguter Vater-Wärter-Untertan ist. Sein Gehorsam hat noch nicht den Beigeschmack des "Kadavergehorsams", der erst nach Beethovens Tod so in Verruf kam.
      Leonore ist keine Heroine, sondern heftigen Ängsten und Anfechtungen unterworfen, nur ihre Liebe zu Florestan lässt sie durchhalten und bei Roccos Schilderungen von Florestans Leiden muss sie hart um ihre Beherrschung kämpfen. Ihre Skrupel, Marzelline als Mittel zum Zweck zu benutzen, sind gut herausgearbeitet: wenn bei ihrem selbstvergessenen "für hohen Lohn kann Liebe schon auch hohe Leiden tragen" Marzelline ihre Hand auf Fidelios legt und Fidelio sie verwirrt und möglichst unauffällig wieder wegzieht sowie bei dem widerwilligen Stolpern, wenn sie am Schluss der Szene Marzelline die Hand reichen muss.
      Hans Sotin als Pizarro mag stimmlich nicht jedermanns Geschmack sein (obwohl ich persönlich sein Timbre für den Pizarro sehr mag) - ich war von Beginn an fasziniert, wie überzeugend der sonst eher gemütliche Sotin sich in einen zutiefst finsteren, unsympathischen und cholerischen Pizarro verwandeln kann: das Musterbeispiel eines ekelhaften, von allen gefürchteten Despoten, der allein schon durch häufiges Umschauen signalisiert, dass er niemandem wirklich trauen kann. Bereits bei seinem "dir wird dein Glück zuteil" ahnt Rocco schon, dass das nichts Gutes bedeuten kann und bei dem Lob "du bist von kaltem Blute" wird ihm vollends unbehaglich. Roccos verzweifeltes Kopfschütteln bei Pizarros Vorwurf "bist du ein Mann?" ist für mich nicht nur eine Ablehnung des Mordauftrags, sondern deutet auch subtil an "ein Mann wie du will ich auch gar nicht werden!".
      Als Rocco sich weigert, den Mord auszuführen, bricht Pizarro das erste Mal überzeugend aus, indem er den Geldbeutel aus Roccos Hand durch den Hof schleudert. Aber das ist noch nichts gegen seinen Ausbruch nach dem Gefangegenchor, den ich mit Abstand noch nie so überzeugend gesehen habe. Wie er da auf Rocco zustürmt, wie alle einschließlich der Gefangenen nach seinem "Wohlan!!" zurückweichen, visualisiert eindrücklich, dass bei Pizarro in dieser Stimmung mit allem zu rechnen ist. Hier läuft Rocco zu echter Zivilcourage auf, indem er nicht Fidelio vorschiebt, sondern trotz aller sichtbaren Angst selbst dieser Wut standhält. Als Rocco dann den Namenstag des Königs hervorzaubert hat Sotin noch einen großen schauspielerischen Moment, indem er sichtbar seine Wut hinunterschluckt, die dann nur beim "mögst du nie mehr verwegen sein" nochmal kurz eindrucksvoll aufflackert. Dies ist eine der Szenen, in denen durch ein höchst überzeugendes Zusammenspiel aller Akteure ein einzigartige Wirkung erzeugt wird.
      Am Ende dieses Aktes ist mir eine Geste noch unklar: nachdem Leonore allein auf dem Hof zurückgeblieben ist, geht sie mit abgekämpften Schritten zum Eingangstor und legt ihre Hände gegen die Torflügel. Ihr Wunsch, diese für Florestan zu öffnen? Aber die Haltung hat etwas Ohnmächtiges an sich und erinnert mich an einen Gekreuzigten. Doch ein noch tieferer Sinn?
      Nochmal kurz eine Szene zurück: das "Ist ihn zu töten deine Pflicht?" von Leonore habe ich auch noch nie überzeugender erlebt. Viele Leonoren singen über diesen Punkt schlicht hinweg, aber hier muss der Aufruhr in Leonore spürbar sein.

      2. Akt
      Auch Rene Kollo mag stimmlich nicht der 100%ig ideale Florestan sein, aber seine intensive Darstellung auch und gerade seiner Kerkerarie macht das mehr als wett. Wenn er bei den Schlusstakten mimisch erkennbar begreift, dass sein "Engel Leonore" nur eine Vision war, könnte ich jedes Mal heulen.
      Die Sprechszene von Leonore, Rocco und Florestan geht an darstellerische Grenzen, wenn Rocco und Florestan tatsächlich körperlich aneinandergeraten und Leonore weinend zusammenbricht. Der wunderbar gemachte Höhepunkt ist für mich aber, wenn Leonore Florestan den Weinkrug reicht - übrigens aus eigenem, überwältigtem Antrieb, ohne um Erlaubnis zu fragen. Florestan trinkt gierig, schaut dann Leonore ins Gesicht - um sofort zurückzufahren, als hätte er einen Geist gesehen und auch Leonore springt wie von der Tarantel gestochen zurück. Florestan hat Leonore hier eindeutig erkannt, muss dies aber nach Roccos Auskunft, dass diese sein Schließer und künftiger Schwiegersohn sei, wieder für eine Vision halten.
      Ein weiterer darstellerischer Höhepunkt folgt dichtauf, wenn Leonore Florestan im folgenden Terzett das Brot reichen will. Florestan begreift das sofort und versucht mit allem Bewegungsraum, den ihm seine Fußkette lässt, an das Brot zu gelangen, doch Rocco nimmt es Leonore überraschend ab und legt es zur Seite. Leonores Schock angesichts der Verzweiflung Florestans, ihr zunächst sanft bittendes Flehen "ach, Ihr labtet gern den armen Mann" und als das nichts nutzt, ihr gewaltsames Umdrehen Roccos beim "es ist ja bald um ihn getan", so dass dieser Florestan ansehen muss, ist oscarreif und hätte einen Stein erweichen können. Rocco kann gar nicht anders, als ihr das Brot zurückzugeben.
      Das folgende Quartett mit Pizarro ist aus meiner Sicht an Dramatik von keiner anderen Inszenierung überboten worden. Zwar fehlt das plötzliche Umwenden Pizarros beim "Sieh her", aber dafür hat noch kein anderer Florestan die Todesnot beim "ein Mörder steht vor mir" so überzeugend gespielt wie Kollo: auch wenn im Libretto hier die Anweisung "gefaßt" steht, kann Florestan angesichts dieser überwältigenden Todesnähe doch nicht einfach teilnahmslos am Boden hocken bleiben wie in einigen anderen Inszenierungen! Kollos Florestan zieht sich mühsam an der gewaltigen Steinsäule hoch, wirft sich dann mit dem Rücken dagegen und legt nach seinem Ausruf den Kopf nach Luft ringend in den Nacken: selten habe ich eine so eindringliche Darstellung eines Menschen gesehen, der bei jedem Atemzug damit rechnen muss, dass dieser durch einen gewaltsamen Tod sein letzter ist. Leonore bricht in diese Szene wie ein Blitz ein, der die Szene vollends zum Überkochen bringt. Während Leonore und Pizarro sich ihr berühmtes Duell liefern (aber richtig!), ist Florestan völlig damit absorbiert, das reale Erscheinen seiner Frau zu begreifen und scheint seine Lebensgefahr fast vergessen zu haben. Beim ersten Trompetensignal dauert es einige Sekunden, bis Leonore dessen Bedeutung begreifen kann. Für mich ist auch die Frage offen, ob sie tatsächlich auf Pizarro geschossen hätte. Wenn ja, wäre es reine Verzweifelung gewesen, denn sie zeigt auch mit der Pistole in der Hand wieder auf berührende Weise alles andere als "kaltes Blut". Nach dem zweiten Trompetensignal und Jaquinos Erscheinen bricht sie zwar fast zusammen, hat aber noch Geistesgegenwart genug, um zu verhindern, dass Florestan ihr in die Schusslinie auf Pizarro hineinläuft.
      Das Quartett geht dann nach Pizarros und Roccos Abgang nahtlos in das Duett über, das ebenfalls selten schön gespielt wird. Hier dürfen sich Leonore und Florestan nicht erst am Schluss umarmen und beim letzten "O namenlose Freunde" springt Leonore in einem Jubel auf, den ich mir immer für diese Szene erträumt habe.
      Auch wenn ich kein strenger Verfechter davon bin, dass vor dem letzten Auftritt unbedingt die große Leonoren-Ouvertüre gespielt werden muss - hier empfinde ich sie als passend, um Luft zu schöpfen und einen Hauch Abstand zu gewinnen.

      Der letzte Auftritt beginnt dann mit einem wunderbaren Bild: einer Zugbrücke, die langsam heruntergelassen wird und hinter der die Frauen der Gefangenen warten. Nichts hasse ich in diesem letzten Bild mehr als einen statisch herumstehenden Chor und dementsprechend liebe ich das Gewusel, das Nebeneinander von Suchen und seligem Finden, das hier zu den "Heil"-Rufen abläuft.
      Beim Auftritt des Ministers wird dann ganz, ganz tief in die Pathos-Schublade gegriffen, da muss man schon ziemlich resistent sein. Es wird aber sofort wieder lebendig, als Rocco, Florestan und Leonore auftauchen. Florestan legt sich die Hand vor die Augen und kann im hellen Tageslicht spürbar zunächst nichts erkennen, ein sehr stimmiger Einfall. Leonore muss ihn zum Minister leiten, der erst nach seiner ersten Umarmung die Ketten bemerkt. Auch danach vermeidet Florestan Pizarros Blick, er hebt erst den Kopf, als Pizarro abgeführt wurde - als könnte er den Anblick des Mannes nicht ertragen, der eben noch versucht hat, ihn zu ermorden. Da steckt zu Anfang der Szene noch soviel "Kerker" in Florestan, das haut mich immer wieder um.
      Als der Minister dann Leonore die Schlüssel reicht, tritt diese geradezu "aus der Zeit heraus". In dem überfüllten Gefängnishof entsteht eine unendliche Minute eine zauberhafte Aura der Intimität um Leonore und Florestan herum. Erst als der Chor in das "o Gott, welch ein Augenblick" einstimmt, löst Leonore die erste Handfessel und die zweite erst, als das gemeinsame "du verlässt uns nicht" (atemberaubend, wie Leonore und nachfolgend Marzelline ihre Stimmen zu einem überirdischen Höhepunkt hinaufschrauben!) verklungen ist. In den Orchesterwirbel schleudert Leonore die Ketten hinein, als seien es die Ketten einer ganzen Welt - und fällt Florestan mit einem Sprung in die Arme als fügten sich zwei Teile eines Ganzen zusammen.
      Zum "Preist mit hoher Freude Glut Leonorens edlen Mut!" wird dann nochmal Leonores Skrupel gegenüber Marzelline deutlich: Marzelline schwankt in diesem Moment noch zwischen größter Bewegung und Trauer (es ist auch ausschließlich Rocco, der sich in dieser Szene Jaquino zuwendet, während Marzelline noch an Roccos Schulter weint). Florestan zieht Leonore nach der Umarmung als erstes zur Gruppe Rocco/Marzelline/Jaquino, um ihnen zu danken, doch Leonore wendet sich (beschämt?) von Marzelline ab. Von Florestan dagegen scheinen jetzt alle Ketten auch innerlich abgefallen, zu seinem "wer ein solches Weib errungen" möchte er die ganze Welt umarmen und schließlich steckt er mit seiner überschäumenden Freude zusammen mit dem ganzen Hof auch Leonore an. Beide lassen sich in den Chorjubel, der hier so dicht wird, dass er mit den Händen zu greifen scheint, geradezu hineinfallen wie in eine Hängematte. Beim "Retterin des Gatten sein" fällt dann Leonores Blick nochmal auf Marzelline, die die Arme ausbreitet und da kann endlich auch Leonore Marzelline umarmen.

      Vielleicht spürt ihr es noch: als ich dieses Finale zum ersten Mal gesehen habe, war ich die folgenden Tage erstmal zu nichts anderem zu gebrauchen. :engel


      Lucia Popp ist stimmlich eine ganz wunderbare Marzelline. Gundula Janowitz gerät bei einigen Spitzentönen m.E. an stimmliche Grenzen, aber physisch und darstellerisch kann ich mir keine bessere Leonore vorstellen. Auch für die anderen Hauptrollen (Kollo, Sotin, Jungwirth) gilt, dass jede einzelne möglicherweise stimmlich noch besser besetzt werden könnte. Aber als Team sind sie unschlagbar. (Auf der CD, die bis auf den Austausch des Ministers - Helm gegen Fischer-Dieskau - in der Besetzung identisch ist, sind übrigens die kleinen Unreinheiten von Janowitz ausgemerzt und auch Kollo gelingen einige Passagen noch besser. Sie war deshalb für mich eine lohnende Ergänzung zur DVD).
      Gerade auch in den Ensembles werden zusammen mit dem Orchester Klanggebilde gewebt und Emotionen vermittelt, die mich bis heute begeistern. Liegt die Wirkung dieses FIDELIOS doch in erster Linie an Bernsteins Dirigat? In meinem Beiheft zu einer anderen Inszenierung steht: "Liebhaber eines sach- und fachgerecht gebauten Operntyps ... wollen sich nicht abfinden mit einem Stück, das banal biedermeierlich im Kleine-Leute-Milieu mit einem absurden Dreiecks- und Eifersuchtskonflikt anfängt, dann in die finsterste Hölle einer Einzelhaft hinabsteigt, um zuletzt unter wolkenfreiem Himmel in einen Erlösungsappell für die ganze Welt und Menschheit zu münden."
      Genau dieser Spagat ist Bernstein mit dem gesamten Team einschließlich des Orchesters aus meiner Sicht gelungen wie keinem anderen. Und das konnte nur jemandem gelingen, der gefühlsmäßig ganz nah am Beethovenschen Pathos war.

      Ich bitte um Nachsicht für diese Eloge, die sicher nur teilweise in ein seriöses Forum gehört. Immerhin sehnt sich bei den heutigen Sommertemperaturen wohl jeder in einen kühlen Kellerraum, oder? :wink
      Und für diesen FIDELIO gilt eben bei mir ganz besonders der Satz: "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne..."

      VG, stiffelio

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von stiffelio ()

    • Danke für die Eröffnung dieses längst überfälligen Threads!
      Mit Ausnahme von manchen zähen Stelllen im ersten Bild gefällt mir diese Oper sehr gut. Die von Dir erwähnte DVD habe ich um nicht mal einen Euro als LP (Querschnitt!) sehr billig erstanden. Ich werde sie mir demnächst anhören.
      Die Schenk-Inszenierung (Premiere 1970 mit King, Jones, Adam, Crass (Rocco), Ridderbusch (Fernando!), Popp und Dallapozza unter Bernstein) steht noch immer auf der Spielplan der Wiener Staatsoper. Die nächsten Aufführungsserien sind im Oktober 2012 (Lehman, Merbeth, Dohmen, Woldt, Eiche, Nafornita und Ernst unter Peter Schneider), April (Ryan, Kampe, Struckmann, Monarcha und Moisiuc unter Adam Fischer) und Dezember 2013 (Konieczny als Pizarro). Im Theater an der Wien gibt es im März 2013 eine Neuproduktion (Schade, Banse, etc. unter Harnoncourt).
      Eines interessiert mich aber: Pizarro singt ja bekanntlich: "Nun ist es mir geworden, den Mörder selbst zu morden". Hat Florestan - der ja üblicherweise als Freiheitsheld dargestellt wird - auch Dreck am Stecken?
      Billy :hello
      „Musik ist eine heilige Kunst“
      (Ariadne auf Naxos, Komponist).

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Billy Budd ()

    • Original von Billy Budd
      Pizarro singt ja bekanntlich: "Nun ist es mir geworden, den Mörder selbst zu morden". Hat Florestan - der ja üblicherweise als Freiheitsheld dargestellt wird - auch Dreck am Stecken?


      Lieber Billy,

      nein, so verstehe ich das nicht, obwohl ich diese Auffassung auch anderswo schon gelesen habe. Pizarro sagt in seinem vollständigen, meist gekürzten Text vor seiner Arie:
      "Wenn er entdeckte, dass ich diesen Florestan in Ketten liegen habe, den er längst tot glaubt, ihn, der so oft meine Rache reizte, der mich vor dem Minister enthüllen und mir seine Gunst entziehen wollte."
      Florestan wollte also Pizarros Untaten offenlegen, bevor er von ihm eingekerkert wurde - und Pizarro wäre danach politisch tot, kaltgestellt gewesen (oder hätte er sogar die Todesstrafe zu fürchten gehabt?). Ich denke, das meint Pizarro im übertragenen Sinne, wenn er von "Mörder" spricht.

      Es wäre für mich interessant, eine aktuelle Fidelio-Aufführung mit der DVD zu vergleichen, was von den Feinheiten der Inszenierung noch übriggeblieben ist. Vielleicht kann einer der Wiener da mal berichten...?

      VG, stiffelio
    • Original von Billy Budd
      Eines interessiert mich aber: Pizarro singt ja bekanntlich: "Nun ist es mir geworden, den Mörder selbst zu morden". Hat Florestan - der ja üblicherweise als Freiheitsheld dargestellt wird - auch Dreck am Stecken?
      Billy :hello


      ich hab mir gerade mal den Klavierauszug mit dem ja nie komplett gesprochenen Dialog rausgeholt. Da sagt Pizarro, als er die Depesche aufmacht, die ihn vor dem Minister-Besuch warnt: "Gott, wenn er entdeckte, daß ich diesen Florestan in Ketten liegen habe, den er längst tot glaubt; ihn, der so oft meine Rache reizte, der mich vor dem Minister enthüllen und mir seine Gunst entziehen wollte."

      Da scheinen ein paar persönliche Rechnungen offen zu sein. Pizarro sieht Florestan als Mörder seines Rufes.

      Lg
      Karolus Minus
    • Da habt Ihr natürlich recht, so genau kenne ich das Stück nicht.
      Danke für die Info!

      Florestan sagt ja auch "Pizarro? Der, dessen Untaten ich zu entdecken wagte?" (oder so ähnlich).

      Von der Inszenierung sind jetzt nur mehr die Bühnenbilder übrig. Es kommt dann auf die Sänger an, wie gespielt wird.
      Billy :hello
      „Musik ist eine heilige Kunst“
      (Ariadne auf Naxos, Komponist).

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Billy Budd ()

    • Liebe Stiffelio,

      ich gratuliere Dir zu dieser detaillierten Würdigung einer Inszenierung, die das in der Tat verdient hat, wobei ich den musikalischen Wert noch höher ansetze als den der Inszenierung, die aber erfreulich sorgfältig war.

      Wie ich schon an anderer Stelle schrieb, ging es mir mit dem Überhören am FIDELIO ähnlich wie Dir, nur, dass es bei mir schon Jahrzehnte her ist. Ich habe also nur selten Lust, mir wieder einmal diese Oper anzusehen, zumal mir prägende Erinnerungen an einige der besten Audioeinspielungen (z. B. von Klemperer, Fricsay oder auch Halasz' preiswerte Naxos-Aufnahme) immer wieder Defizite in den Live-Aufnahmen auf DVD bewusst machen.

      Dennoch birgt diese Oper ein seltenes Phänomen. Wann immer mich die Umstände treiben, doch einmal wieder hinein zu hören, wie etwa bei meinem letzten Rätsel, bin ich erneut vollkommen fasziniert und möchte gleich wieder die ganze Oper hören. Deshalb steht Harnoncourts Züricher Aufnahme mit Jonas Kaufmann, dem ich einen großartigen Florestan zutraue, ganz oben auf meiner Nachholliste. Gleich daneben steht aber auch der Salzburger Mitschnitt von 2003 der Aufführung Simon Rattles mit Angela Denoke, Jon Vilars und Helmut Quasthoff, dessen überraschender Auftritt als Don Fernando auf der Riesenbühne der Felsenreitschule mir unvergesslich bleibt. Leider gibt es davon nur eine Audioaufnahme auf dem offiziellen Markt, obwohl gerade hier die zuweilen recht unidiomatische Aussprache Villars und des Pizarro von Alan Held stören. Der TV-Mitschnitt ist da wesentlich facettenreicher, obwohl auch er in meinen Ohren nicht an die musikalische Qualität derb bereits Genannten heranreicht.

      Bis auf Weiteres gibt es auf DVD also für mich nur zwei Spitzenreiter, nämlich die von Dir zu Recht gepriesene Aufnahme Bernsteins und die Hamburger unter der Leitung Christoph von Dohnanyis. Aber ich will Deinen Darstellungen nicht vorgreifen.

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Lieber Rideamus,

      aber "nachgreifen" darfst du sehr gerne :wink.
      Hier kommt deine bevorzugte DVD - allerdings sicher nicht in einer erschöpfenden Besprechung, es bleibt also noch viel Raum für dich:

      Auf der Suche nach einem zweiten FIDELIO, der an die Bernstein-DVD heranreicht, bin ich schon früh über diese Aufnahme gestolpert:

      Leonore - Gabriela Benackova
      Florestan - Josef Protschka
      Don Pizarro - Monte Pederson
      Rocco - Robert Lloyd
      Marzelline - Marie McLaughlin
      Don Fernando - Hans Tschammer
      1. Gefangener - Lynton Atkinson
      2. Gefangener - Mark Beesley
      Dirigent: Christoph von Dohnanyi
      Inszenierung: Adolf Dresen
      ROH, 1991

      Nach dem ersten Blick habe ich sie damals aber schnell wieder zu den Akten gelegt, weil ich diese ganz andere Inszenierung da noch nicht ertragen hätte. Inzwischen habe ich sie mir nun aber mehrmals in Gänze angeschaut und kann jetzt durchaus verstehen, dass sie eine deiner bevorzugten DVDs ist.

      Es ist schon dadurch ein ganz anderer FIDELIO, das die gesprochenen Dialoge neu von Dresen geschrieben wurden. Und zwar mit durchaus überraschend neuen Charakterisierungen. Marzelline ist nicht (nur) hochromantisch in Fidelio verliebt, sie sieht in ihm als dem "von außen Gekommenen" auch ganz praktisch die Chance, dem Leben in einem Gefängnis zu entrinnen - während Jaquino offen die Nachfolge von Rocco anstrebt und eine Heirat mit ihm daher den Verbleib im Gefängnis bedeuten würde.
      Die Inspektion des Ministers ist keine durch einen heimlichen Brief verratene Überraschung, sondern wird nach dem Eingangsduett Marzelline-Jaquino ganz offen angekündigt. Dies versetzt Rocco in Angst und Schrecken, der befürchtet, als Bauernopfer für Pizarros Verbrechen büßen zu müssen. Seine Zusage, Fidelio mit zu dem Gefangenen zu nehmen, entspringt daher weniger einer körperlichen Not (obwohl Rocco in dieser Inszenierung ein steifes Bein hat), als vielmehr dem Wunsch, einen Zeugen zu haben, dass er diesen Gefangenen nie ungerecht behandelt hat. Wie berechtigt Roccos Ängste sind, zeigt sich bei Don Pizarros Auftritt, der tatsächlich offen ankündigt, Rocco für die Einkerkerung von Florestan verantwortlich zu machen. Dies ist auch sein eigentliches Druckmittel, Rocco zum Mord an Florestan zu bewegen. Don Pizarro ist hier wesentlich perfider und subtiler dargestellt, als auf der Bernstein-DVD, allerdings immer noch ein Typ, der mit brutaler Macht, nicht mit Verführungskunst seine Ziele erreichen will. Hier macht zum ersten Mal eine Zeile im originalen Libretto wirklich Sinn. "Dann werd ich selbst vermummt mich in den Kerker schleichen...". Ich hatte mich schon immer gefragt, wofür und vor wem sich Don Pizarro sich eigentlich vermummen will. Hier ist es ganz deutlich, was sonst höchstens angedeutet wird: Rocco soll den Mord an Florestan in die Schuhe geschoben bekommen, auch wenn er ihn nicht selbst durchführen will. Zumindest soll diese Drohung sein Stillschweigen garantieren. (Verrückt ist freilich, dass ausgerechnet dieser Don Pizarro dann schließlich keine Spur vermummt in den Kerker kommt).
      Jaquino wird hier sehr eindeutig als Gegenspieler zu Fidelio aufgebaut, der nur darauf wartet, ihm ein Schnippchen zu schlagen.
      Denn Fidelio entscheidet hier ganz allein, ohne Rocco, dass es Zeit für den Rundgang der Gefangenen im Hof sei, die erst bei Ankunft des Ministers herausgelassen werden sollten (man kann sich allerdings dadurch fragen, wieso eigentlich Pizarro Rocco dann die Schuld gibt, der von dieser Aktion nicht das Geringste gewusst hat und warum dieser sie auch noch auf sich nimmt). Jaquino macht mit, um auf diese Weise ("auf deine Verantwortung - das bricht dir den Hals!") seinen Rivalen loszuwerden.
      Das ist alles höchst spannend gemacht, hat nur den klitzekleinen (Schönheits?)fehler, dass das nicht mehr das von Beethoven vertonte Libretto und seine Charaktere sind. Wenn es mich trotzdem überraschender Weise inzwischen überzeugt, so hat das einen sehr subtilen Grund: ich habe bis zur Schlussszene (trotz Dreispitz bei Pizarro) in keiner Weise an Spanien als Handlungsort und an das ausgehende 18. Jh. als Handlungszeit denken können. Vielmehr stand in jeder Szene Osteuropa und die kommunistischen Diktaturen vor meinem Auge.
      Das Ganze könnte sehr gut in einer Situation wie dem Prager Frühling spielen: Ein nur durch Druck aufrecht erhaltenes System wird aufgelöst, die Großen retten ihre Felle, indem sie versuchen, den Kleinen die Schuld in die Schuhe zu schieben.
      Am besten passt die Beziehung Rocco-Pizarro in diesen Rahmen. Roccos Schuldgefühle unterscheiden sich für mich zwar nur nuanciert, aber dennoch sehr deutlich von dem Rocco, wie ich ihn bei Beethoven angelegt finde. Bei Beethoven ist es in erster Linie rein menschliches, um nicht zu sagen kreatürliches Mitgefühl, das Rocco mit Florestan empfindet. Wenn er überhaupt an eine Instanz denkt, vor der er sich evtl. verantworten muss, dann am ehesten Gott. Bei Dresen hat Rocco Angst vor einem sehr irdischen Gericht, freilich auch ein Gefühl für eine (ebenfalls durchaus irdische) moralische Verantwortung, die sich nicht auf "Befehlsnotstand" herausreden kann und die für mich eindeutig ins 20. Jh. gehört.
      Ebenfalls ins (freilich frühe) 20. Jh. verorte ich eine weitere Szene: Die Gefangenen, die in den stockdunkelen Türöffnungen erscheinen, nach dem Fidelio und Jaquino die Türen (in denen nicht einmal ein Guckloch einen Lichtstrahl durchlässt!) geöffnet haben, sind keine Gestalten aus der französischen Revolutionszeit sondern erinnerten mich in beklemmender Weise an ein Käthe-Kollwitz-Bild. Es war einer der stärksten bildlichen Eindrücke, die diese Inszenierung zu bieten hatte.

      Die Kerkerszene und das Finale reichen für mich nicht an die Bernstein-DVD heran, aber das ist auch fast unmöglich zu schaffen. Gewundert hat mich, dass beim Lob der Gattenliebe im Finale dann doch Marzelline und Jaquino sehr einträchtig beieinander stehen - das hätte ich nach der Darstellung im ersten Akt nicht erwartet und empfinde ich auch als einen gewissen Bruch. Da ist selbst die Bernstein-DVD in der Harmonie nicht so weit gegangen, obwohl es da noch eher gepasst hätte.


      Rein stimmlich (Textverständlichkeit mal etwas beiseite gelassen) hat mir Frau Benackova als Leonore durchaus gefallen. Schon physisch, aber auch darstellerisch kann sie allerdings keine ideale Leonore für mich sein. Beispiel: bei ihrem "ist ihn zu töten deine Pflicht?" finde ich die Verzweifelung Leonores allenfalls angedeutet in der Stimme wieder, nicht in der Darstellung. Mich hat auch schon immer genervt, wenn Leonore mehr oder weniger versteckt lange Frauenhaare hat (hier werden sie sogar relativ offen in einem Haarnetz getragen), die sie beim "Töt erst sein Weib - ja, sieh hier Leonore" enthüllt. Zweifellos ein theatralischer Moment, dessen himmelschreiende Unlogik mich aber immer gestört hat, denn welche Leonore hätte riskiert, ihre Verkleidung möglicherweise vorzeitig durch ihre Haare zu verraten.

      Noch besser finde ich stimmlich Protschka als Fidelio. Diese Stimmgestaltung mit den weichen, leisen Tönen (wo es passt) kommt meiner Florestan-Vorstellung schon ziemlich nahe, auch wenn die Stimme ein "Leichtgewicht" ist (zumindest solange ich die Augen zumache, denn die Optik - naja . Gut, dass in den Dialogen der Schwerpunkt nicht so sehr auf Florestans Verhungern gelegt wird.)

      Insgesamt passen für mich bei allen Mitspielern die Stimmen sehr gut zu den dargestellten Charakteren. Lloyd spielt und singt den ungewöhnlich dargestellten Rocco ungeheuer überzeugend. Bei Pederson als Pizarro höre ich relativ wenige tiefe Farben, er schafft es aber, durch eine geradezu militärisch akzentuierte Stimmführung der Rolle die nötige Bosheit einzuhauchen. Überdurchschnittlich gut hat mir stimmlich Atkinson als erster Gefangener gefallen. Ein netter kleiner Regieeinfall war es, diesem Gefangenen, der sich auf "Gottes Hilfe" beruft, eine Bibel in die Hand zu geben - auch wenn er sie in der stockdunkelen Zelle sicher nicht lesen kann.

      An von Dohnanyis Dirigat hat mich vor allem die Transparenz begeistert, an Emotionalität bleibt Bernstein für mich unübertroffen.

      VG, stiffelio

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von stiffelio ()

    • Liebe Stiffelio,

      gerade eben ist meine ausführliche Antwort aus mir unerfindlichen Grpünden im Orkus des Internet verschwunden. Hier die erinnerte Kurzfassung dessen, was ich gerade schrieb:

      Wie könnte ich Dir bei einer so detaillierten Analyse widersprechen, zumal ich die DVD lange nicht mehr gesehen habe und meine Erinnerung in fast allen Punkten Deiner Meinung ist?

      Vermutlich war es gerade die Andersartigkeit der Dialoge und damit bestimmter Akzentsetzungen, die mich seinerzeit so für diese Inszenierung eingenommen hat, zumal sie ja durchaus noch Beethovens FIDELIO bringt, denn die Musik haben Dresen und Dohnanyi ja nicht angerührt, soweit ich erinnere.

      Da ich aber zunächst noch zwei andere Inszenierungen auffrischen kann und möchte, was für FIDELIO und mich schon sehr viel ist, lasse ich Deine Beurteilung einfach mal stehen und greife nicht nach. Dann würde ich eher noch die Verfilmung Felsensteins und die neu aufgelegte Berliner Aufführung unter Arthus Rother in Betracht zierhen.



      Aber wo soll ein Mensch nur die Zeit für all das finden, selbst wenn es bei diesen tropischen Temperaturen (über die ich mich, notabene, nicht beschwere, denn der Sommer war bislang enttäuschend genug) nicht unangenehm ist, vor dem schattigen PC zu sitzen?

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Lieber Rideamus,
      Original von Rideamus
      gerade eben ist meine ausführliche Antwort aus mir unerfindlichen Grpünden im Orkus des Internet verschwunden.
      Oh nein! :I
      Ewig schade, denn auch die Langfassung hätte mich sehr interessiert. Und du dürftest mir sehr gerne widersprechen, denn das belebt ja auch die Diskussion und eröffnet neue Sichtweisen - meine kenne ich ja schon :wink.
      Vermutlich war es gerade die Andersartigkeit der Dialoge und damit bestimmter Akzentsetzungen, die mich seinerzeit so für diese Inszenierung eingenommen hat, zumal sie ja durchaus noch Beethovens FIDELIO bringt, denn die Musik haben Dresen und Dohnanyi ja nicht angerührt, soweit ich erinnere.

      Stimmt! Zudem musste sich der FIDELIO inzwischen ja noch ganz andere "Akzentsetzungen" (um es vorsichtig auszudrücken) gefallen lassen. Da sind Dresens Dialoge völlig harmlos, zumal sie m.E. auf erfrischende Weise modernisiert wurden, ohne den Kern völlig umzukrempeln.

      Da ich aber zunächst noch zwei andere Inszenierungen auffrischen kann und möchte,

      welche?
      Zürich 2004? und welche noch?

      Zu Rother hab ich auch noch einen, allerdings nur ganz kurzen Kommentar in petto (mein Traum ist es, dass dieser Thread hier über kurz oder - wahrscheinlicher :wink - lang ALLE verfügbaren FIDELIO-DVDs bespricht) , während ich Felsensteins Verfilmung nicht kenne. Da hat mich immer abgeschreckt, dass die Musik gekürzt sein soll und ich mir derzeit noch nicht vorstellen kann, dass mir das gefallen könnte.

      Aber wo soll ein Mensch nur die Zeit für all das finden
      ich gebe ja zu, dass ich vorgearbeitet habe :J

      VG, stiffelio

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    • Original von stiffelio
      Original von Rideamus
      Da ich aber zunächst noch zwei andere Inszenierungen auffrischen kann und möchte,

      welche?
      Zürich 2004? und welche noch?
      VG, stiffelio


      Salzburg 2003.

      Den Felsenstein habe ich selbst noch nicht.

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Lieber Rideamus,
      dann folgt hier schonmal eine Vorlage für Zürich - du brauchst sie dir ja noch nicht durchzulesen, wenn du diese Aufführung erstmal ganz vorurteilsfrei erleben willst :wink.

      Du hattest folgende DVD schon in deinen Rätselthread gestellt:

      Florestan - Jonas Kaufmann
      Leonore - Camilla Nylund
      Don Pizarro - Alfred Muff
      Rocco - Laszlo Polgar
      Marzelline - Elizabeth Rae Magnuson
      Jaquino - Christoph Strehl
      Don Fernando - Günther Groissböck

      Dirigent: Nikolaus Harnoncourt
      Inszenierung: Jürgen Flimm
      2004, Opernhaus Zürich

      Auf die bin ich auch schon sehr früh gestoßen und war zunächst bitter enttäuscht. Inzwischen habe ich sie wieder hervor geholt und muss mein vernichtendes Urteil etwas revidieren. Immerhin hat auch diese Aufnahme eine Personenführung und zum größten Teil engagierte Darsteller zu bieten. Die stimmlichen Leistungen finde ich o.k. (Muff) bis hervorragend (Nylund, Kaufmann, Polgar).
      Darstellerisch am besten gefällt mir nach wie vor Laszlo Polgar als Rocco, der nicht nur über einen wundervoll weichen Bass sondern auch eine beeindruckende Sprechstimme verfügt und diese zusammen mit seiner oft minimalen, aber intensiven Darstellung ausdrucksstark einsetzen kann. Er ist jeder Zoll die Verkörperung eines zutiefst gutherzigen Menschen, der aber durch seinen Dienst bei einem verbrecherischen Vorgesetzten unausweichlich mit in das Verbrechen hineingezogen wird. In diese sehr stark stilisierte Aufführung passt genau dieser Rocco hervorragend.
      Auch Alfred Muff muss ich zugestehen, dass mir seine Pizarro-Darstellung zwar nicht sonderlich gefällt, dass er aber immerhin einen - ziemlich schmierigen, sadistischen - Charakter darstellt und dabei auch einige starke Momente für sich verbuchen kann (z.B. die pantomimischen Dolchstöße beim "ihm noch - ins - Ohr - zu - schreien", die für mich immer in der Musik vorhanden waren, aber noch nie so ausdrucksvoll visualisiert wurden).
      Auch für Nylund, Magnuson und Strehl gilt, dass sie zwar nicht meine Idealbilder darstellerisch abdecken, aber ihre Rollen intensiv spielen. Bei Marzelline ist Flimm für meinen Geschmack etwas zu weit gegangen, als er sie im ersten Duett eine Pistole auf Jaquino richten lässt (soo schlimm hat dieser sie nun auch wieder nicht bedrängt) und sie am Schluss pantomimisch einen Suizidversuch andeuten lässt. Aber darüber könnte ich zur Not noch hinwegsehen, weil es für mich nicht zum absoluten Kern der Oper gehört.
      Mein größtes Problem mit dieser DVD betrifft ausgerechnet einen meiner Lieblingssänger: Kaufmann als Florestan. Nie hätte ich gedacht, dass ich das einmal über Kaufmann schreiben würde (und ich möchte ihm auch gar nicht die Schuld dafür in die Schuhe schieben, da ich vermute, dass er da hauptsächlich einfach das Regiekonzept befolgt), aber für mich bleibt dieser Florestan ausgesprochen blass. Er agiert zu mindestens 90% wie unter Schlafmitteleinfluss - apathisch, teilnahmslos, ohne innere Regung - und zwar nicht nur zu Beginn der Kerkerszene, wo ich es noch verstehen könnte, sondern auch nach dem Outing Leonores und im Finale, wo es für mich definitiv nicht passt. 10% bleiben übrig für seine Flucht vor Pizarro, für eine Umarmung mit Leonore am Ende des Duetts, aber das wars im Wesentlichen auch schon. Seine Beziehung zu Leonore - für mich Dreh- und Angelpunkt der ganzen Oper - kann ich hier kaum erleben. Da spüre ich mehr Beziehung zwischen Leonore und Marzelline als zwischen ihr und Florestan. Dass dieses Verhalten vermutlich die Traumatisierung Florestans durch die Kerkerhaft darstellen soll, überzeugt mich persönlich nicht: aus meiner Sicht hat das Beethoven einfach nicht gemeint und komponiert - das Besondere am Florestan ist doch gerade, dass seine Liebe zu Leonore und umgekehrt ihn die Haft nicht nur physisch sondern auch psychisch überstehen lässt.
      Auch kostümmäßig hat es Florestan m.E. am schlimmsten vom Team getroffen: diesen Glanzanzug empfände ich als passend für einen Popsänger, aber spätestens nach einer Woche Kerkerhaft sähe der garantiert nicht mehr so aus. Und auch bei dem Unterhemdchen mit dem roten Kreuz schüttelt es mich - zwar kann sich jeder nicht völlig Beschränkte vorstellen, was das Kreuz symbolisieren soll, aber es bleibt für mich sinnleer. Pizarro hat doch ursprünglich keineswegs vor, Florestan zu erstechen und dass wer-auch-immer Florestan dieses Hemd nach seinem Entschluss angezogen haben soll, ist doch eine hirnrissige Vorstellung.

      Um es nochmal zu betonen: das betrifft ausschließlich die Darstellung Florestans durch Kaufmann. Rein stimmlich gefällt mir sein Florestan sehr gut, auf seine Weise in seiner Arie mindestens ähnlich gut wie Protschka und ansonsten noch deutlich besser. (Er hat z.B. auch dieses wunderbar anschwellende "Gooott" am Anfang seiner Arie, das auch Kollo sehr eindrucksvoll gesungen hat.) Deshalb habe ich mir auch - was ich nur sehr selten tue - eine Audio-Version von Kaufmanns Florestan zugelegt. Und wie schon andernorts gesagt: da finde ich ihn überragend und ich wäre überglücklich wenn ich einmal einen darstellerisch mich nur halb so überzeugenden Florestan mit ihm erleben dürfte.

      Beim Dirigat gestehe ich Harnoncourt schon einiges an ungewohnten Abweichungen zu, aber während das Tempo beim Kerkerquartett gerade noch erträglich langsam ist, geht es mir bei "O namenlose Freude" endgültig zu weit. Wer einmal Bernstein hochgeschätzt hat, kann sich mit dieser akustischen Statik in einer der üblicherweise mitreißensten Szenen wohl nie mehr anfreunden.

      Begründeter Widerspruch ist übrigens ausdrücklich erwünscht. Ich wäre ja selbst froh, wenn ich diese DVD endlich mit vollem Herzen annehmen könnte.

      VG, stiffelio
    • Liebe Stiffelio,
      dea ich den Züricher Fidelio nicht kenne, kann ich Dir da nicht widersprechen....

      Ich möchte aber noch eine DVD auflisten, die ich zugegebenermaßen vor allem besitze, weil ich fast alle der Sänger irgendwann noch damit in dieser Inszenierung gesehen habe.
      Es handelt sich um den TV-Film aus Hamburg von 1968, wie bei allen Liebermann Fernseh-Produktionen im Studio und leider auch noch Playback gedreht. Als Grundlage diente die inszenierung von Günter Rennert. Man muß also aus heutiger Sicht ein paar kräftige Abstriche machen, was Spontaneität und Spannung angeht.
      Dafür bietet er mit Anja Silja eine der überzeugendsten Leonoren, das ist in der Zeichnung der Figur immer noch modern, ganz ohne Pathos und eben auch rein optisch glaubhaft als Mann, zumal Lucia Popp als Marzellina ein sehr weiblicher Gegensatz ist - und stimmlich ziemlicher Luxus, genauso wie Ernst Wohlfahrt als Jaquino un der optisch für den Minister damals viel zu junge Hans Sotin. Ernst Wiemann ist der solide Rocco und Theo Adam gibt einen schön fiesen, wenn auch vielleicht etwas eindimensionalen Schurken. Dafür kriegt man die tückische Tessitura auch nicht immer so mühelos zu hören.
      Der Wermutstropfen ist der von mir live sehr geschätzte Richard Cassily, der auf der Bühne durch seine Intensität diverse vokale Probleme kaschieren konnte, hier aber erstens nicht schön klingt - und direkt vor dem Mikro auch ein gruseliges Deutsch abliefert.. Offenbar war das auch dem Film-Team klar, denn die Dialoge spricht Uwe Friedrichsen...
      Leopold Ludwig spielt natürlich einen traditionellen Beethoven, ähnlich wie Rother in Berlin.
      Lg
      Karolus Minus
    • Lieber Karolus,

      das muss diese DVD sein

      Leonore - Anja Silja
      Florestan - Richard Cassilly
      Don Pizarro - Theo Adam
      Rocco - Ernst Wiemann
      Marzelline - Lucia Popp
      Jaquino - Erwin Wohlfahrt
      1. Gefangener - Kurt Marschner
      2. Gefangener - William Workman
      Dirigent: Leopold Ludwig
      Inszenierung: Joachim Hess
      Hamburger Staatsoper, 1968 (Film)

      Bitte nimm es mir nicht übel, aber als bekennender Darstellungs-Freak würde ich diese Film-Inszenierung mit drei Worten beschreiben:
      statisch - statisch - statisch.
      Was hier alles an Interaktion und an Darstellung NICHT stattfindet, geht auf keine Kuhhaut. Da hilft es mir überhaupt nichts, dass hier einige auch von mir sehr geschätzte Sänger versammelt sind. Am meisten hat mich - ganz subjektiv - noch Wiemann als Rocco überzeugt, dessen auch als Sprechstimme sehr schöner, sonorer Bass so manches Standbild gerettet hat. Vom Rest ist leider gar nichts bei mir hängen geblieben, auch wenn das den Sängern sicher nicht gerecht wird, denn für die Inszenierung können sie schließlich nichts.
      In der Bildführung fand ich noch am stimmungsvollsten, wenn die Kamera zu den Einführungstakten des 2. Aktes langsam über zahlreiche Treppen in Florestans Kerker hinabsteigt. Nichts Weltbewegendes, aber in diesem Film war ich noch für die geringsten Einfälle dankbar.

      Nimm es einfach als mein Unvermögen, eine Oper rein akustisch zu würdigen, wenn ich keine mich überzeugende Optik dabei habe. Und bei der Optik bin dann einfach doch einer anderen Darstellungsgeneration verhaftet.

      VG, stiffelio
    • Liebe Stiffelio,
      natürlich ist das szenisch oldfashioned, weil ja auch noch der Fernseh-Regisseur Joachim Herz (der in Hamburg 1967 eine lange gespielte Boheme inszeniert hat) in den in etwa nachgebauten Bühnenbildern Regie geführt hat, nicht der Original-Regisseur.
      Aber wie gesagt, für mich sind die Hamburger Filme liebe Erinnerungen an persönlich Gesehenes und Gehörtes, da relativiert der Nostalgie-Faktor ein bißchen....
      Lg
      Karolus Minus
    • Fidelio: Salzburg 2003

      Ihr Lieben,
      inzwischen kann ich dank eines hilfsbereiten Forumsmitglieds :thanks auch über die Aufnahme Salzburg 2003 berichten: es ist die erste moderne FIDELIO-Inszenierung, die mich auf Anhieb begeistert hat und keine "Aufwärmphase" brauchte. Vieles finde ich geradzu genial gelöst, aus manchem hätte man sogar noch mehr machen können.

      In Ermangelung eines Covers hier das CD-Cover und zwei youtube-Ausschnitte:
      1. Akt Duett Pizarro-Rocco youtube.com/watch?v=riMLji5YQbE
      2. Akt Florestan-Arie youtube.com/watch?v=VD6ZEw2TasI


      Leonore - Angela Denoke
      Florestan - Jan Villars
      Don Pizarro - Alan Held
      Rocco - Laszlo Polgar
      Marzelline - Juliane Banse
      Jaquino - Rainer Trost

      Dirigent : Sir Simon Rattle
      Inszenierung : Nikolaus Lehnhoff
      2003, Salzburger Osterfestspiele, Berliner Philharmoniker

      Die Oper findet in einem abstrakten, kahlen Raum mit schräger Hinterwand statt. Zu Beginn liegen haufenweise schwarze Herrenschuhe am Boden, die von Marzelline paarweise geordnet werden. Man ahnt schon, dass es die Schuhe der Häftlinge sind, die dann später im Chor auch konsequenterweise barfuß auftreten.
      Für Polgar als Rocco habe ich eine ganz persönliche, nicht rational begründbare Vorliebe. Noch stärker als in Zürich ist er hier in Pizarros Verbrechen eingebunden. Vor seiner Goldarie bringt Jaquino eine Handvoll Goldschmuck herein, der ihm von Rocco gegen einen Geldschein ruppig abgenommen wird und auch hier ist klar, dass er von den Häftlingen erpresst sein muss: Rocco und Jaquino bereichern sich (auch) auf eigene Faust an den Gefangenen. Schuhe und Gold wecken zumindest bei mir beklemmende Assoziationen an ein Konzentrationslager, auf Holzhammer-Assoziationen hat die Inzenierung aber zum Glück verzichtet. Zu den Worten "das Liebchen im Arme, im Beutel das Gold" zaubert Rocco eine offenbar ebenfalls erpresste Perlenkette aus der Tasche und legt sie Marzelline um, worüber Fidelio (wie schon zuvor über das Gold) sichtlich entsetzt ist. Pizarro ködert Rocco hier nicht mit Geldbeutel oder Geldscheinen, sondern heftet ihm zu seinen Worten "das geb ich nur daran" einen Orden (oder ein Rangabzeichen?) an, den Rocco mit Stolz entgegennimmt. Auch Pizarros folgendes "du bist von kaltem Blute" nimmt er eher beifällig als unbehaglich auf. Dieser Rocco ist hart an der Grenze zum Schergen inszeniert und nur knapp schafft es Polgars Persönlichkeit ihn nicht zu einer rein negativen Figur abgleiten zu lassen.
      Pizarro ist hier ein hochdekorierter, eleganter Bösewicht (zum Mord im 2.Akt erscheint er im Smoking mit weißer Fliege und Orden). Seine Gefährlichkeit ist überdurchschnittlich gut inszeniert: wie im Berstein-FIDELIO wird sie überzeugend von der Umgebung mitgespielt. Im 2. Akt zeigt dieser Pizarro in der Konfrontation mit Leonore und in der Finalszene ungewohnt deutliche, aber im Rollenportrait überzeugende Feigheit.
      Schlichtweg genial finde ich den Regieeinfall, Florestan in eine Zwangsjacke zu stecken. Ketten hätten in diese Inszenierung nicht gepasst und so wird in eindringlichster Weise die beklemmende Enge von Florestans Gefangenschaft trotz leerer Riesenbühne und seine Verdammung zur Wehrlosigkeit deutlich gemacht. Ein Sternchen bekommt auch die Kameraführung von mir bei seiner Arie, die beim zweiten "ich seh, wie ein Engel..." zum ersten und einzigen Mal in die Vogelperspektive schwenkt.
      Leonore ist hier insbesondere im Kerkerquartett wesentlich "heroischer" dargestellt als in einigen anderen Inszenierungen, hält aber für mich gerade noch die Balance zur verzweifelten Frau. Aber dieser Leonore hätte ich den Schuß auf Pizarro ohne weiteres zugetraut, wenn es hart auf hart gekommen wäre.
      Das "Auftauchen" von Thomas Quasthoff als Minister - ganz wörtlich, denn er wird sichtbar, indem der Gefangenenchor, der ihn unringt hat, zur Seite tritt - ist natürlich per se ein optisches Kabinettstück. Er gehört für mich in die Reihe der zahlreichen ungewohnten und sehr stimmigen Einfällen, die diese Aufführung so interessant machen, ohne den FIDELIO an sich zu verbiegen. Allein der Gedanke, was es über einen Staat aussagt, in dem jemand wie Quasthoff Minister werden kann...
      Aber die für mich interessanteste Szene, die mich zu sehr langem Nachdenken angeregt hat, ist ganz kurz und undramatisch:
      Florestan wendet sich nach seinem "Tugend schreckt den Bösewicht" um und geht auf Pizarro zu, der anders als in anderen Inszenierungen hier immer noch zwischen den Gefangenen steht. Pizarro erstarrt und weicht zurück. Florestan schaut ihm einige Sekunden in die Augen, dreht sich dann wieder um und beginnt mit "Wer ein solches Weib errungen". Ganz am Schluss wird dann szenisch ein Fluchtversuch von Pizarro angedeutet - ob er gelingt, bleibt offen. Das hat mich neu mit der Frage beschäftigt, was eigentlich aus Pizarro nach dem Ende der Oper wird. In der Regel wird Pizarro ja dem Chortext "Bestrafet sei der Bösewicht, der Unschuld unterdrückt. Gerechtigkeit hält zum Gericht der Rache Schwert gezückt" dem Libretto entsprechend von der Wache abgeführt. Auch der (in der Regel gestrichene) Volltext im Libretto spricht über Rocco die Hoffnung aus, dass danach über eine Einkerkerung Pizarros eine Art Vergeltung erfolgt: "Gott gebe, dass sie (Florestans Ketten)... dem Grausamen angelegt werden, der Euch so viele Leiden bereitete."
      Was wäre denn nun, wenn Pizarro tatsächlich die Flucht gelingen sollte? Natürlich soll Pizarro daran gehindert werden, andernorts erneut ähnliche Verbrechen zu begehen. Aber das sollte (zumindest für Pizarros Herkunftsland) bereits jetzt erfüllt sein. Selbst wenn es ihm gelingen sollte unterzutauchen, er hat seinen Einfluss verloren und wir zumindest bei anhaltender politischer Lage nie mehr einen leitenden Posten anvertraut bekommen. In diesem Zusammenhang wird für mich in der geschilderten Szene angedeutet, dass Florestan seinerseits ganz bewusst auf jegliche Vergeltung verzichtet hat. Und zwar dank Leonore! Darin sehe ich auch das Geheimnis, das Florestan seine lange Haft unter unmenschlichen Bedingungen überstehen ließ: er konnte sich auch in der tiefsten Demütigung durch Pizarro noch sicher fühlen, dass er für Leonore unendlich wertvoll war und musste damit unabhängig von seiner Behandlung nicht an seinem menschlichen Wert zweifeln.
      Das mag sich jetzt hoffnungslos romantisch und unrealistisch anhören, aber für mich war das ein ganz wichtiger Punkt, den Beethoven mit seiner Oper ausdrücken wollte. Es würde mich interessieren, wie ihr darüber denkt?

      Wenn man an Lucia Popp als Marzelline gewöhnt ist, hat Juliane Banse ein ungewohnt tiefes Timbre. Optisch hat mich immer wieder ihre Schwangerschaft irritiert, zumal diese ja unmöglich auf Fidelio zurückgehen kann, aber von der Inszenierung her passt mir auch Jaquino als Vater nicht.
      Rainer Trost als Jaquino ist mir weder besonders positiv noch negativ aufgefallen. Laszlo Polgar als Rocco mag ich ganz einfach SEHR, auch stimmlich.
      Alan Held gestaltet nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich intensiv. Aus rein persönlichem Geschmack ist mir ein tieferes Timbre bei Pizarro lieber, aber bezogen auf diese Inszenierung füllt dieser Pizarro seine Rolle sehr gut aus.
      Angela Denoke wird bei den Spitzentönen sehr weich und beginnt sie sehr leise. Das kann natürlich bedeuten, dass sie gar nicht die stimmliche Kraft für dramatischere Spitzentöne hat und deshalb kann man das sicher als Manko empfinden, aber mir gefällt diese Stimmgestaltung.
      Thomas Quasthoff ist stimmlich für mich o.k.. An anderer Stelle in diesem Forum hatte ich schon über "maniriertes Singen" von ihm gelesen - für den Minister passt das.
      Als das einzige wirklich störende stimmliche Manko empfinde ich leider Jon Villars, vor allem sein flattriges Vibrato stört mich insgesamt, aber ganz besonders im ersten Teil seiner Arie. Aber ich kann ihm zugute halten, dass er darstellerisch m.E. sehr gut in diese Inszenierung passt. Wenn er jetzt noch eine Stimme wie Jonas Kaufmann hätte, wäre aus dieser Aufnahme eine echte Konkurrenz zur Bernstein-DVD für mich geworden.
      Sir Simon Rattle dirigiert an vielen Stellen ungewohnt zügig und scharf (allerdings nicht im Duett "o namenlose Freude"). Dem Tempo des Dramas tut das gut, einige musikalische Feinheiten gehen dabei für meinen Geschmack etwas verloren. Das darstellerische Tempo ist auch schon dadurch hoch, dass dieser FIDELIO völlig ohne gesprochene Texte gespielt wurde. Insbesondere im ersten Akt muss man die Oper dadurch m.E. möglichst schon kennen, damit man keine Brüche empfindet. Dennoch war dieses Weglassen der Sprechtexte für mich ein interessantes Experiment, da diese Texte ohnehin nie mehr vollständig gesprochen werden und sonst in ihrem Stil für den heutigen Zuhörer wohl auch kaum noch akzeptabel wären. Insofern ist das Weglassen nur ein Extrem auf einem ohnehin schon beschrittenen Weg.

      VG, stiffelio
    • Nun bin ich endlich dazu gekommen, auch mal wieder den Salzburger FIDELIO unter Simon Rattle anzusehen und zu hören. Es ist schon von einer besonderen Ironie, dass ausgerechnet von dieser Aufführung, die in meinen Augen eine der besten Inszenierungen dieser Operbietet, wenn nicht überhaupt die beste, die ich kenne, keine DVD angeboten wird, sondern nur eine cd-Box die neben den, durchaus auch vorhandenen, Qualitäten der Aufführung ganz besonders deren Schwächen ausstellt. Was die Inszenierung angeht, kann ich mich vorbehaltlos auf stiffelios Beschreibung und Bewertung stützen.

      Sehr zwiespältig stehe ich dagegen zu der Entscheidung, der Aufführung alle Dialoge zu nehmen. Einerseits betont das von Anfang an den Charakter der großen Oper, denn von dem harmlosen Singspielcharakter, den man Beethoven im ersten Akt immer wieder vorwarf, ist hier kaum mehr etwas zu spüren. Das liegt natürlich auch an der Inszenierung, die sich zur Abwechslung mal wirklich Gedanken darüber gemacht hat, wie es kommt, dass so harmlos-liebenswerte Gesellen wie Rocco, seine Tochter und Jaquino die gestrengen Aufseher eines schlimmen Kerkers sein sollen. Vor diesen raffgierigen Beschließern haben die Gefangenen zu Recht Angst, und es bleiben nur sehr relative Gründe, sie für weniger schlimm als den Kommandeur Pizarro selbst zu halten.

      Ein weiterer Grund für die überraschende Gewichtigkeit auch des ersten Aktes ist die Marzelline der Juliane Banse, die schon sehr die FREISCHÜTZ - Agathe durchhören lässt, die sie zu der Zeit schon mit sehr gutem Erfolg auf anderen Bühnen gesungen hat, und auch Rainer Trost ist nicht nur der harmlos gefällige Mozart- und Haydn-Sänger, als den man ihn sonst kennt. Die Weglassung der Dialoge setzt aber nicht nur eine Grundkenntnis der Handlung der Oper voraus, damit man sie überhaupt versteht, sie bewirkt darüber hinaus einen höchst unvollständigen Eindruck, als handele es sich hier nicht etwa um eine vollständige Aufführung, sondern nur um einen Querschnitt mit ausgedehnten pantomimischen Passagen, welche die Lücken aber nicht füllen können. Das mag auf einer Tonaufnahme, wo Dialoge sehr bald stören, noch vertretbar sein, bei einer Aufführung der ganzen Oper ist es aber mehr als störend. Man wünscht sich, dass, analog zum FREISCHÜTZ, auch bei Beethoven ein Berlioz zur Verfügung gestanden hätte, der Rezitative zu der Oper komponierte. Aber die führt beim FVREISCHÜTZ ja leider auch niemand auf, obwohl das Ergebnis auch in einer deutschen Rückübersetzung mindestens hochinteressant wäre und mir besser gefallen würde, zumal in heutigen Zeiten internationaler Sängerriegen.

      Womit wir beim eigentlichen Problem der Aufführung wären, dem musikalischen Teil. Das ist insofern schade, als Simon Rattle einen wundervoll zügigen und dennoch machtvollen Beethoven dirigiert (man höre nur das „Heil sei dem Tag!“ zu Beginn des Finales), der in allem als Gegenstück zu der Aufführung Otto Klemperers und auch Bernsteins gilt, die bis dato auch für mich die Maßstäbe setzten. Ein FIDELIO, dessen zwei dramatische Hauptrollen angestrengt oder gar ein Totalausfall sind, ist aber kaum mehr durch andere Qualitäten zu kompensieren. Dabei ist Angela Denoke in der Titelrolle über weite Strecken noch durchaus anhörbar, solange sie nicht sehr hohe Töne fortissimo ausstoßen muss, und vor allem ansehbar, denn ihre Darstellung gefällt mir sehr. Dennoch fällt sie gegenüber ihren besten Konkurrentinnen wie Martha Mödl, Gundula Janowitz oder Christa Ludwig weit zurück.

      Dennoch ist ihre Leistung gegenüber dem Florestan des Jon Villars rundweg lobenswert, denn was der von seinen ersten Tönen an schlichter Überforderung zu Ohren bringt, ist unsäglich, und sein arg störender Akzent ist dabei noch das Geringste. Sein Salzburger Äneas belegt, dass er es auch besser konnte, aber muss man eine solche Leistung wirklich für alle Ewigkeit festhalten? Da hilft es wenig, dass die übrigen männlichen Rollen gut bis sehr gut besetzt sind, und zwar ausdrücklich unter Einbezug der spektakulären Besetzung des Ministers mit Thomas Quasthoff. Vor allem stiffelios Lob für den Rocco von Laszlo Polgar schließe ich mich gerne an, obwohl ich da wohl kaum mehr jemanden hören werde, der mir besser gefällt als der nachtschwarze Bass Gottlob Fricks.

      Wirklich schade um eine Darbietung, die das Zeug zum Maßstab gehabt hätte, aber wenn die Kerntöne der großen Ensembles im zweiten Akt immer wieder in den Ohren schmerzen, hilft der beste Wille nichts. Ich wende mich dann doch lieber den Alternativen zu, denn eine Oper ist doch in erster Linie zum Anhören da, und nur eine große visuelle Leistung kann den Ausfall von großen Teilen dieser Ebene ebenso wenig kompensieren wie Stehtheater ein bloßes Stimmfest für mich unterhaltsam macht.

      :hello Rideamus
      Ich mag alle Kunstformen und Genres. Ich höre Musik von Alban Berg und gehe ins Musical. Für mich gibt es keine Hierarchie der Künste, denn es sind letztlich alles Erzählformen. Alain Resnais
    • Ich hatte gestern das beste Opern-Live-Erlebnis meines bisher noch jungen Opernlebens:
      Fidelio in der Urfassung am Konzert Theater Bern.

      Die Besetzung:
      Leonore: Miriam Clark
      Marzelline: Camille Butcher
      Jaquino: Andries Cloete
      Florestan: Tomasz Zagorski
      Fernando: Daniel Henriks
      Pizarro: Robin Adams
      Rocco: Pavel Shmulevich
      Regie: Joachim Schlömer
      Dirigat: Mario Venzago

      Camille Butchers Rolle wird in der Urfassung arg aufgewertet. Zu Beginn war sie beim „Oh wär ich schon“ noch ein bisschen nervös und die Stimme dementsprechend auch unruhig. Das fing sich im Laufe des Abends und besonders im Piano gelangen ihr berückende Töne.

      Andries Cloete habe ich nun schon in einigen Produktionen des Stadttheaters erlebt (Conte im Barbiere, Sellem in Rake’s Progress, Orpheus in der gleichnamigen Operette und als Ferrando in der Così). Er ist ein begnadetet Darsteller und weiss auch mit seiner eher schmächtigen, kleinen Statur sehr zu überzeugen. In dieser Inszenierung wird das gefährliche Potential Jaquino stark hervorgehoben. So versucht er mehrere Male Marzelline mit Gewalt zu bekommen. Die Stimme ist wunderschön (eigentlich eine der schönsten Tenorstimmen, die ich je gehört habe), im Gegensatz zu sonst war er auch immer zu hören. Die Stimme ist eben nicht die grösste, mit genug Kern und Fokus ist er aber zu vernehmen.

      Mit dem Rocco stellt sich der Bass Pavel Shmulevich dem Berner Publikum als Ensemblemitglied vor. In einem Wort: Bravo! Eine sehr gut ausgebildete Stimme, sehr hell aber trotzdem voll Kern! Die Dialoge spricht er auf Russisch, einer der Gefangenen übersetzt immer. Während den Gesangsnummern kann er aber mit einem sehr guten Deutsch überzeugen.

      Robin Adams ist ebenfalls ein Altbekannter aus dem Ensemble (zu dem er anscheinend nicht mehr gehört, aber trotzdem Pizarro, Dandini und MacBeth macht). Klar ein lyrischer Bariton, beweist er, dass der Pizarro nicht wirklich ein Heldenbariton sein muss. Leider fällt er dann selten ins Schreien und ist vor allem in den tiefen Regionen überfordert (er transponiert sogar hier und da hinauf). Es wäre überzeugender, wenn er die tiefen Passagen mit Kern und Technik (was er könnte) über die Rampe gebracht hätte, als mit Druck. Als Darsteller war er unglaublich gut: Er bekommt vom Regisseur ein imaginäres Hündchen (einen Holzkloss), welches er an der Leine mit sich herumführt und mit welchem er auch spricht. Der Holzkloss soll auch die Schuld symbolisieren, welche Pizarro auf sich geladen hat.

      Die Leonore ist in dieser Fassung wohl noch dreimal schwerer als sonst, vor allem weil man in der Urfassung keine andere Wahl hat, als einen dramatischen Koloratursopran zu nehmen (Komm Hoffnung ist besonders im schnellen Teil voll von Koloraturen). Miriam Clark bewältigt diese Aufgabe bravourös! Beim Quartett „Mir ist so wunderbar“ sass die Stimme zwar noch arg hinten, das änderte sich aber ab dem „Gut, Söhnchen gut“ Terzett. Übrigens: „Oh namenlose Freude“ für den Sopran hier noch höher. Anyway, wirklich die Starleistung des Abends!

      Tomasz Zagorski hat zwar nicht den „zur Freiheit“-Part zu singen, trotzdem bleibt der Florestan schwer und er entledigt sich dieser Aufgabe mit mehr als mit Abstand. Die Stimme wäre immer noch fähig, Tamino oder Titus zu singen.

      Die Regie ist wirklich gut, ich kann das gar nicht selber beschreiben. Im ersten Akt (die Urfassung hat drei) ist Marzelline an einem Seil befestigt und wird durch dieses auch immer von Jaquino zu sich hin gezogen.

      Das Berner Symphonie Orchester sass unter der Leitung des eigenen Generaldirigenten im Orchester, übrigens eine Premiere. Mario Venzago hat viel auf dem Kasten, weiss das aber auch und ist nicht zimperlich dabei, das klar zu machen. So einen gewagten, frechen Aufsatz habe ich schon lange in keinem Programmheft mehr gelesen (so hält er die Bärenreiterausgabe der zweiten Fassung für „Müll“). BTW: Ich fand den Aufsatz und sein Dirigat genial! Zwar spielte das BSO mit vielen Patzern (hallo Horn!), aber sehr musikalisch.

      Zur Urfassung: Ich werde Fidelio nur noch in dieser Fassung hören. Mit der dritten und üblichen habe ich mich nie anfreunden können, wenn man die Urfassung hört merkt man auch, dass Beethoven in der dritten Fassung meistens einfach ein Best-Off der einzelnen Nummern macht und viel Interessantes rausgeschnitten hat.

      Jedenfalls war das mein bestes Live-Opernerlebnis seit ich Opern höre (also etwa seit 6 Jahren).
      Falls jemand in nächster Zeit in der CH sein sollte und nicht ins teure OHZ will, so kann ich ihm diesen Fidelio empfehlen, der noch bis Januar läuft.

      Hier noch die Seite des Konzerttheaters:
      konzerttheaterbern.ch/musiktheater/

      LG :hello
      ar

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    • Original von ar

      Die Leonore ist in dieser Fassung wohl noch dreimal schwerer als sonst, vor allem weil man in der Urfassung keine andere Wahl hat, als einen dramatischen Koloratursopran zu nehmen (Komm Hoffnung ist besonders im schnellen Teil voll von Koloraturen). Miriam Clark bewältigt diese Aufgabe bravourös! Beim Quartett „Mir ist so wunderbar“ sass die Stimme zwar noch arg hinten, das änderte sich aber ab dem „Gut, Söhnchen gut“ Terzett. Übrigens: „Oh namenlose Freude“ für den Sopran hier noch höher. Anyway, wirklich die Starleistung des Abends!



      Erstaunlich, Miriam Clark hat mich in Bonn als Lakmé begeistert.
      Auch wenn die Urfassungs-Leonore - wie du schreibst - mit Koloraturen gespickt ist, scheint es mir doch ein anderes Fach zu sein.
      Das spricht für eine wirklich phämomenale Sängerin!

      Nikolaus.
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