Louis Spohr - Früher gefeiert,heute vergessen?

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    • Louis Spohr - Früher gefeiert,heute vergessen?

      Ich möchte hier den Komponisten Louis Spohr und seine sinfonischen Werke etwas näher vorstellen,weil ich finde,dass dieser Komponist und Solist eine wichtige Persönlichkeit war,dem heute viel zu wenig Respekt gezollt wird.

      Kommen wir zuerst einmal zu dem berühmten "Kurz-Lebenslauf" :
      [Edit Satie: Quelle de.wikipedia.org/wiki/Louis_Spohr]

      Louis Spohr (* 5. April 1784 in Braunschweig; † 22. Oktober 1859 in Cassel), auch Ludwig Spohr (Taufname Ludewig), war ein deutscher Komponist, Dirigent, Pädagoge, Organisator von Musikfesten und ein Geiger von internationalem Ruf.

      Spohr war bereits zu Lebzeiten eine Berühmtheit und galt von dem Tod von Carl Maria von Weber (1826) und von Ludwig van Beethoven (1827) bis zum Durchbruch der Werke von Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann ab Mitte der 1840er Jahre als der bedeutendste lebende deutsche Komponist.

      Schon mit fünf Jahren konnte er zu den Abendveranstaltungen zuhause durch Gesang beitragen,mit 12 Jahren wurde er nach Braunschweig zur musikalischen Ausbildung geschickt.

      Mit 15 Jahren ernannte ihn der Herzog von Braunschweig zum Kammermusiker.Dann verbrachte er einige Jahre in Russland,bevor er 1804 am Leipziger Gewandhaus als Violin-Virtuose zwei spektakuläre Konzerte gab.

      1805-1813 war er Konzertmeister in Gotha,1813-1815 Kapellmeister am "Theater an der Wien".Dort legte er sein Amt nieder,weil er mit der Direktion nicht zurecht kam.

      Ab 1813-1817 ging er auf "Kunstreisen",die ihn in die Schweiz,nach Italien und Holland führte.

      Ende 1817 übernahm er eine Kapellmeisterstelle in Frankfurt/Main,doch ab 1819 ging er erneut auf Reisen,dieses Mal nach Belgien,Paris und London.

      1822 erhielt er in Kassel auf Empfehlung Carl Maria von Webers erneut eine Kapellmeisterstelle.Hier führte er den Dirigentenstab ein und schuf jene Orchesterstrukturen,die man heute noch kennt.So brachte er das Orchester auf ein Niveau,was nur als außergewöhnlich zu bezeichnen ist.

      In Kassel betätigte er sich als Lehrer,der schließlich Schüler aus ganz Europa unterrichtete,gründete und leitete zahlreiche Musikfeste und durchlief als Komponist eine erstaunliche Produktionskraft.

      1847 wurde er in Kassel zum GMD befördert,wurde er ab 1848,dem Revolutionsjahr,von seinem Arbeitgeber,dem Fürsten,immer mehr schikaniert,was letztendlich 1857 zur Zwangspensionierung führte-gegen seinen Willen.

      Hochverehrt als Mensch und Künstler verstarb Spohr am 22.Oktober 1859 in Kassel.

      Spohr komponierte 10 Opern,2 Schauspielmusiken,4 Oratorien,eine Kantate,10 Sinfonien (1811-1857),
      19 Violinkonzerte,3 weitere Vioninkonzerte (die er nicht drucken ließ,weil er damit nicht zufrieden war),4 Concertanti,4 Klarinettenkonzerte (Meisterwerke!!),mehrere Konzertouvertüren,Kammermusik und weitere Vocalmusik.

      Seine Sinfonien werden zur Zeit von zwei Labels eingespielt.Einmal kümmert man sich bei CPO darum,Hyperion heißt das andere Label.

      Bisher gibt es mWn nur die GE von Marco Polo,die mit Sicherheit bald durch qualitativ hochwertigere Aufnahmen abgelöst werden dürften.

      Die Vioninkonzerte und Concertanten wurden von dem Geiger Ulf Hoelscher bei CPO in hervorragender Qualität veröffentlicht.

      Die Klarinettenkonzerte wurden u.a. von Eduard Brunner,Ernst Ottensamer,Paul Meyer,Michael Collins und Karl Leister eingespielt.

      Seine Opern und sein Oratorium wurden ebenfalls auf CD herausgebracht,seine Kammermusiken auch.

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      Ich habe jetzt viel geschrieben,aber hoffe auch,dass sich einige von euch mit Spohr näher beschäftigen möchten.

      Viele Grüße,

      PS: Meine Quellen waren der Harenberg Konzertführer und in Teilen Wikipedia.Ich möchte bitten,das So zu ändern,danke!!
      Es ist nicht schwer zu komponieren.Aber es ist fabelhaft schwer,die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen. (Johannes Brahms)

      Der Dirigent ist ein Facharbeiter,der zwanzig Jahre Berufsausbildung benötigt. (Herbert von Karajan)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Maurice André ()

    • Jaja, der Spohr. Auch ein so Fall von (Musik-)Geschichtsrevision. Zu Lebzeiten war er eine Berühmtheit. Als Komponist war er bekannter als Robert Schumann, als Geigenvirtuose mit Paganini auf Augenhöhe. Heute muss man -abgesehen von zwei, drei Werken- Aufnahmen von Interpreten, die als erstrangig gelten, mit der Lupe suchen und wer für Konzerte keine weiten Reisen unternehmen will, muss viel Geduld aufbringen, bis er mal in der näheren Umgebung gespielt wird. Sicher, es gibt mittlerweile eine Gesamteinspielung seiner Streichquartette (aufgeteilt zwischen drei Ensembles, die sonst kaum hervorgetreten sind), seiner Violinkonzerte und gar zwei Sinfonien-GAs. Aber zur durchgreifenden Renaissance hat das kaum beigetragen; siehe die Resonanz zu diesem Faden. Betreiben wir nicht auch bei den Komponisten eine Art "Starkult", wenn wir uns den was weiß ich wievielten Zyklus der Beethoven-Quartette ins Regal stellen und Spohr einfach ignorieren? Ist er wirklich so schlecht, dass er eine Beschäftigung nicht lohnt oder folgen wir bloß (zu) kritiklos dem historischen Urteil, das alles in Beethovens zeitlicher Nähe in die zweite Reihe verweist? Hand aufs Herz - wer von den Beethoven-Sammlern hat sich wenigstens ein halbes der drei Dutzend von Spohr komponierten Quartette zumindest einmal angehört, um sich selbst ein Bild zu machen? Und falls nicht... Warum?

      Meine erste Begegnung mit einem Spohrschen Quartett war gleich eine sehr beeindruckende.


      Streichquartett Nr. 27 d-moll, op. 84 Nr. 1
      New Budapest Quartet

      Von den Violinkonzerten ist nicht nur die gelegentlich auch von bekannten Virtuosen zu hörende Nr. 8 lohnend. Auch das 12. hat es in sich. Das zwanzigminütige einsätzige Werk quält sich von Andate grave über Largo con moto in den tänzerischen zweiten Teil, aus dem -in der u.g Interpretation- die schweren Schatten der ersten Hälfte nie ganz vertrieben werden.


      Violinkonzert Nr. 12 A-Dur, op. 79
      Takako Nishizaki, Philharmonisches Kammerorchester Bratislava, Libor Pesek

      Von den Sinfonien gefällt mit die 7. ganz ausgezeichnet. Dem herkömmlichen Sinfonieorchester wird eine zweite, eigenständige Instrumentengruppe (Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, 2 Hörner, Streichquartett, Kontrabass) zur Seite gestellt. Dieses solitäre und in meinen Ohren sehr gelungene Experiment ist irgendwo zwischen Sinfonia Concertante und Konzert für Orchester anzusiedeln.


      Sinfonie Nr. 7 C-Dur, op. 121 "Das Irdische und Göttliche im Menschenleben"
      Tschechoslowakisches Staatsphilharmonieorchester Kosice, Alfred Walter

      Originell ist auch die 6. Sinfonie, die den Untertitel "Historische Symphonie im Stil und Geschmack vier verschiedener Zeitabschnitte" trägt und vielleicht das erste Beispiel eines bewusst betonten Eklektizismus darstellt, wie er erst über 100 Jahre später in Mode kam.


      Sinfonie Nr. 6, op. 116
      Orchestra Della Svizzera Italiana, Howard Shelly
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Original von Cetay

      [...]

      Von den Sinfonien gefällt mit die 7. ganz ausgezeichnet. Dem herkömmlichen Sinfonieorchester wird eine zweite, eigenständige Instrumentengruppe (Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, 2 Hörner, Streichquartett, Kontrabass) zur Seite gestellt. Dieses solitäre und in meinen Ohren sehr gelungene Experiment ist irgendwo zwischen Sinfonia Concertante und Konzert für Orchester anzusiedeln.


      Sinfonie Nr. 7 C-Dur, op. 121 "Das Irdische und Göttliche im Menschenleben"
      Tschechoslowakisches Staatsphilharmonieorchester Kosice, Alfred Walter

      [...]



      Es gibt von Dutilleux was ähnliches: Seine zweite Symphonie ist für Kammerorchester und großes Orchester. Ich habe das mal live mit dem RSO Stuttgart (RIP...) gehört. Auf die Schnelle konnte ich keine genaue Besetzungsangabe finden, aber soweit ich mich erinnere, bestand das Kammerorchester aus solistischen oder verdoppelten Streichern, einzelnen Holzbläsern und einem Paukensatz. Das Kammerorchester war in einem Halbkreis direkt um den Dirigent angeordnet, wobei die Pauken ganz außen waren, da wo normalerweise die Celli sitzen. Drumherum war dann ein großes Symphonieorchester, in normaler Sitzordnung (bzw. das, was unter Norrington normal ist :D).


      @topic: zu Spohr kann ich nicht viel sagen, auch wenn er ein bedeutender Geiger war und durch die Erfindung der Lagentechnik und vor allem des Kinnhalters das Geigenspiel mehr geprägt hat als vielleicht sonst jemand, ist er tatsächlich sehr in der Versenkung verschwunden. Das 8. Violinkonzert kenne ich, aber das wars dann auch schon...
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Naja, die Lagentechnik funktioniert eigentlich nur dann problemlos, wenn man die Geige zwischen Schulter und Kinn halten kann, ohne dass sie abstürzt. Kinnhalter gibts aber erst seit Spohr, Schulterstützen kamen noch viel später auf. Davor hat man die Geige im Prinzip auf der Schulter abgelegt und dann mit dem Daumen gehalten. Dadurch war der Daumen ziemlich fixiert, und man hat ihn als Pivot genommen, um den sich die Hand gedreht hat. So grob :)

      Edit: Wenn man das weiß, ist Paganini plötzlich nicht mehr völlig unspielbar :D Nur noch fast unspielbar...
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Nicolas_Aine ()

    • Original von Nicolas_Aine
      @topic: zu Spohr kann ich nicht viel sagen, auch wenn er ein bedeutender Geiger war und durch die Erfindung der Lagentechnik und vor allem des Kinnhalters das Geigenspiel mehr geprägt hat als vielleicht sonst jemand, ist er tatsächlich sehr in der Versenkung verschwunden. Das 8. Violinkonzert kenne ich, aber das wars dann auch schon...


      Das ist ein entscheidender Punkt. Wenn schon angehende Profi-Musiker Spohr überhaupt nicht mehr kennen, dann wird er auch in Zukunft nicht öfter gespielt werden. Die Frage ist, nach welchen Kriterien diese Auswahl getroffen wird. Steht Spohr nicht auf den Lehrplänen? Gibt es einen musikhistorischen Kanon, nach dem eine Vorauswahl getroffen wird, mit welchen Werken/Komponisten eine Beschäftigung angebracht ist? Wenn ja, ist dieser Kanon in Stein gemeißelt oder müsste der nicht immer wieder mal auf den Prüfstand gestellt werden, wie es der Dirigent Adriano (-> hier) fordert? Music history should be revised to show that it is not just the story of the so-called great composers, and that it should not be neatly classified into traditions and categories. Much more good music has been written than certain musicologists and critics would care to admit. Und zuletzt: Wie ist deine persönliche Einschätzung - steht das 8. VK von Spohr so weit hinter den Großen zurück, dass sich eine Beschäftigung mit den restlichen 11 nicht lohnt?
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Original von Nicolas_Aine
      Naja, die Lagentechnik funktioniert eigentlich nur dann problemlos, wenn man die Geige zwischen Schulter und Kinn halten kann, ohne dass sie abstürzt. Kinnhalter gibts aber erst seit Spohr, Schulterstützen kamen noch viel später auf.


      Beim Cello (das man natürlich nicht auf der Schulter halten muss) gab es die Lagentechnik aber anscheinend schon vorher - bei den Bachschen Cellosuiten ist zB nicht alles in der ersten Lage spielbar.


      Original von Nicolas_Aine
      Edit: Wenn man das weiß, ist Paganini plötzlich nicht mehr völlig unspielbar :D Nur noch fast unspielbar...


      Und Ferneyhough? :D
      zwischen weißem rauschen und nichtton

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von EinTon ()

    • Bei den Bach-Cellosuiten, die ich selbst gespielt habe ist vieles - nach meiner Erinnerung - schon in der ersten Lage bewältigbar (allerdings kommt es mit Lagenwechseln besser). Ein Cello ist aber auch kein akkordisch gespieltes Instrument wie eine Laute oder Gitarre
      zwischen weißem rauschen und nichtton

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von EinTon ()

    • Ich bin um Spohr immer herumgestrichen bzw. tue das immer noch. Immer wieder höre ich von seiner großen Bedeutung und denke, ich müsste eigentlich mal... Bislang habe ich nur ein Werk von ihm live gehört. Seine Oper 'Jessonda' in dieser Version:



      Julia Varady, Renate Behle, Thomas Moser, Kurt Moll, Dietrich Fischer-Dieskau. Das war damals eine mehr als erstklassige Besetzung für dieses Werk. Aber in der Erinnerung blieb nur, dass ich in der Musikhalle in Hamburg saß und mich mehr oder weniger gepflegt langweilte. Das mag am Dirigenten gelegen haben (an den Sängern bestimmt nicht), daran, dass es halt nur konzertant aufgeführt wurde, an meiner musikalischen Ignoranz damals oder halt am Werk. Bei Punkt 3 und 4 bin ich mir bis heute nicht sicher. Aber ich habe auch immer noch nicht das Verlangen verspürt, mich mit Spohr näher zu beschäftigen. Vielleicht kann mir hier jemand einen ('absoluten') Tipp geben, etwas, was einen 'Kostverächter' wirklich überzeugt. :)

      :hello Falstaff
    • Für einen Stimmen-Aficionados habe ich nichts, aber ich meine das Nonett für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass ist Kanon-reif. Für Traditionalisten ist die Einspielung mit dem Nash Ensemble empfehlenswert, Originalklang-Fans greifen zu Osmosis.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Ich muss gestehen, dass mich das Nonett zunächst einmal, beim ersten 'Überfliegen' noch nicht so richtig angesprochen hat. Aber dafür, dann des Hinweises von Cetay im Thread 'Was höre ich gerade' das 8. Violinkonzert. Gehört habe ich es in dieser Fassung:



      Später dann auch mit Heifetz.


      Wobei ich sagen muss, dass ich bei Hahn tief ergriffen war, aber auch immer wieder das Gefühl hatte, sie gibt dem Ganzen doch zu sehr nach, ist zu emotional und verflacht dadurch das Stück insgesamt. Anders der Eindruck bei Heifetz. Hier konnte ich die wirkliche kompositorische Qualität stärker nachvollziehen.

      :hello Falstaff
    • Ich habe ca. 15 Stücke von Spohr, aber muss gestehen, sie wohl kaum mehr als einmal, und manche überhaupt nicht gehört zu haben. Im Moment läuft das 6. Violinkonzert mit Simone Lansma (eine gute Geigerin), aber ich fürchte, dass ich die Violinkonzerte auch nicht oft hören werde, die Gesangsszene mal ausgenommen. Es geht da dem Spohr wie dem Viotti, von dem auch nur eines der vielen Konzerte überlebt hat.
      Aber mein Anliegen ist ein anderes: Spohr soll das Lagenspiel erfunden haben, lese ich hier. Das kann doch nicht wahr sein. Mag sein, dass die Schulterstütze es erleichtert. Ein Blick in den Band über Streichinstrumente (edition MGG - Bärenreiter) sagt zum Thema Lagenspiel und Lagenwechsel: "Leopold Mozart gibt drei Gründe für das Lagenspiel an: Notwendigkeit, Bequemlichkeit und Zierlichkeit". Für manche Doppelgriffe ist Lagenspiel erforderlich (notwendig).
      Vor 16oo ist Lagenspiel nicht dokumentiert, obwohl Abbildungen vermuten lassen, dass es es schon gab. Monteverdi verlangt die 4. Lage, Uccelini die 6., Biber und Walther gelegentlich die 7. Die meisten Komponisten (zB Corelli verlangen nur die 3.). Spitzenreiter ist Locatelli: bis zur 14. Lage!
      Das betrifft natürlich hauptsächlich, aber nicht nur, die E-Saite (also die höchste).
      Leopold Mozart soll 1756 das Auflegen des Kinns empfohlen haben. Zur Spieltechnik des Lagenwechsels (vor Spohr) scheint es wenig Literatur zu geben. Bei Geminiani gibt es aber spezielle übungen.
    • Cetay schrieb:

      Original von Nicolas_Aine
      @topic: zu Spohr kann ich nicht viel sagen, auch wenn er ein bedeutender Geiger war und durch die Erfindung der Lagentechnik und vor allem des Kinnhalters das Geigenspiel mehr geprägt hat als vielleicht sonst jemand, ist er tatsächlich sehr in der Versenkung verschwunden. Das 8. Violinkonzert kenne ich, aber das wars dann auch schon...
      Das ist ein entscheidender Punkt. Wenn schon angehende Profi-Musiker Spohr überhaupt nicht mehr kennen, dann wird er auch in Zukunft nicht öfter gespielt werden. Die Frage ist, nach welchen Kriterien diese Auswahl getroffen wird. Steht Spohr nicht auf den Lehrplänen? Gibt es einen musikhistorischen Kanon, nach dem eine Vorauswahl getroffen wird, mit welchen Werken/Komponisten eine Beschäftigung angebracht ist? Wenn ja, ist dieser Kanon in Stein gemeißelt oder müsste der nicht immer wieder mal auf den Prüfstand gestellt werden, wie es der Dirigent Adriano (-> hier) fordert? Music history should be revised to show that it is not just the story of the so-called great composers, and that it should not be neatly classified into traditions and categories. Much more good music has been written than certain musicologists and critics would care to admit. Und zuletzt: Wie ist deine persönliche Einschätzung - steht das 8. VK von Spohr so weit hinter den Großen zurück, dass sich eine Beschäftigung mit den restlichen 11 nicht lohnt?
      irgendwie scheine ich hier den Thread völlig vergessen zu haben. Also erstmal ist es nicht so, dass die Leute Spohr gar nicht kennen, der Name ist schon ein Begriff. Nur heißt das i. d. R. noch nicht, dass man auch viel Musik von ihm kennt. Wie gesagt, mich selbst eingeschlossen.
      Dass er nicht so viel gespielt wird, liegt letztlich an zwei Sachen: Erstens, für Geige gibt es unglaublich viel Repertoire, und auch wenn ein großer oder auch mittelgroßer Solist durchaus viel davon "schafft", gilt das für den normalen Studenten bei weitem nicht. Und zweitens, letztlich gibt es tatsächlich, insbesondere in der Konzertliteratur, eine Art Kanon, bestehend (grob) aus den "großen vier", Beethoven, Brahms, Tchaikovsky und Sibelius sowie den Mozart Konzerten 3-5, wobei 3 schon in Klammern stehen könnte. Dies sind übrigens auch die für Probespiele gefragten Werke. Daneben kommen noch Saint-Saens Nr. 3, Lalo Symphonie espagnole, Mendelssohn und Bruch Nr. 1, Vieuxtemps Nr. 5 und Wieniawski, die aber meistens schon vor dem Studium gearbeitet werden, sowie die jeweils ersten Konzerte von Shostakovich, Prokofjew und Paganini. Vielleicht hab ich noch ein oder zwei Sachen vergessen, aber das sind so im großen und ganzen die Konzerte, die der "typische Student" früher oder später gearbeitet hat. Und dazu kommen dann eben noch die Bach Sonaten und Partiten, die Pagnini Capriccen, Ysaye Solosonaten und natürlich Sonatenliteratur, insbesondere Beethoven, Brahms, Schumann, Mozart, Strauss. Und naja, damit kann man ein Studium halt problemlos füllen, vor allem, wenn man dann noch Wettbewerbe machen will oder sich dann irgendwann auf Probespiele vorbereitet. Bei Spohr ist es im Prinzip das gleiche, man spielt halt das 8., weil wenn noch was zum erweiterten Kanon gehört, dann das, warum auch immer (das war halt schon immer so, nehm ich an...). Gleiches gilt für Sachen wie eben der schon genannte Viotti (Nr. 22) oder Bartok (Nr. 2), warum die anderen nicht gespielt werden, kann ich Dir auch nicht sagen. Oder eben Saint-Saens 1+2, Bruch 2+3, Shostakvich und Prokofjew Nr. 2, etc.
      Natürlich muss sich damit die Hochschulwelt vorwerfen lassen, "immer das gleiche" zu produzieren, aber es gibt halt einfach viel zu viel. Ich selbst habe noch nicht einmal alles aus dem Kanon (was mich zugegebenermaßen wenig stört, zumindest größtenteils), und mein Studium ist in den letzten Zügen. Aber über die Ausbildung gibt es tatsächlich viel zu sagen (und das wird auch getan, nur zu ändern scheint sich nix :D)


      Hosenrolle1 schrieb:

      Wie, das meiste der Musik hat sich in der 1. Lage abgespielt? Und die höheren Lagen?



      LG,
      Hosenrolle1

      auch wenn der werte Herr nicht mehr hier ist, der Vollständigkeit halber: das meine ich explizit nicht. Was ich meine, ist, dass Lagen laut Spohr - soweit ich informiert bin - letztlich durch die Position des Daumens definiert werden. Insbesondere bei Paganini - ich beziehe mich hier auf Ruggiero Ricci - bleibt der Daumen aber immer in der gleichen Position, nämlich liegt er am Korpus an. Und von da wird die Hand eben nach oben und unten entlang des Griffbretts gedreht.


      Abendroth schrieb:

      Ich habe ca. 15 Stücke von Spohr, aber muss gestehen, sie wohl kaum mehr als einmal, und manche überhaupt nicht gehört zu haben. Im Moment läuft das 6. Violinkonzert mit Simone Lansma (eine gute Geigerin), aber ich fürchte, dass ich die Violinkonzerte auch nicht oft hören werde, die Gesangsszene mal ausgenommen. Es geht da dem Spohr wie dem Viotti, von dem auch nur eines der vielen Konzerte überlebt hat.
      Aber mein Anliegen ist ein anderes: Spohr soll das Lagenspiel erfunden haben, lese ich hier. Das kann doch nicht wahr sein. Mag sein, dass die Schulterstütze es erleichtert. Ein Blick in den Band über Streichinstrumente (edition MGG - Bärenreiter) sagt zum Thema Lagenspiel und Lagenwechsel: "Leopold Mozart gibt drei Gründe für das Lagenspiel an: Notwendigkeit, Bequemlichkeit und Zierlichkeit". Für manche Doppelgriffe ist Lagenspiel erforderlich (notwendig).
      Vor 16oo ist Lagenspiel nicht dokumentiert, obwohl Abbildungen vermuten lassen, dass es es schon gab. Monteverdi verlangt die 4. Lage, Uccelini die 6., Biber und Walther gelegentlich die 7. Die meisten Komponisten (zB Corelli verlangen nur die 3.). Spitzenreiter ist Locatelli: bis zur 14. Lage!
      Das betrifft natürlich hauptsächlich, aber nicht nur, die E-Saite (also die höchste).
      Leopold Mozart soll 1756 das Auflegen des Kinns empfohlen haben. Zur Spieltechnik des Lagenwechsels (vor Spohr) scheint es wenig Literatur zu geben. Bei Geminiani gibt es aber spezielle übungen.
      Danke für den Einwurf. Ich habe mich mit dem, was ich bisher geschrieben habe, auf Literatur von Ruggiero Ricci und Unterrichtsstunden bei Ingolf Turban bezogen, habe also sozusagen nur indirektes Wissen. Die beiden Herren erschienen mir als sehr verlässlich, angesichts ihrer Reputation, sodass ich das nicht weiter nachgeprüft hab. Ich habe jetzt gerade aber mal bei Geminiani und Mozart quer gelesen, Du hast völlig Recht. Die beiden erwähnen explizit das Lagenspiel, auch - bis auf Details - nach heutigem System. Ich werde in nächster Zeit mal etwas genauer lesen :) Dazu die Nachfrage: Verlangen die anderen von Dir genannten Komponisten das in ihrer Musik oder in Lehrwerken? Und 14. Lage erscheint mir ehrlich gesagt etwas zweifelhaft, da oben sind die Abstände so eng, dass die meisten Menschen allein schon aufgrund der Fingerdicke und den geringen Abständen nicht mehr wirklich von Lagen reden können :D Ich selber denke aber so ca. der 6. oder 7. Lage gar nicht mehr in Lagen, in aller Regel weiß ich da nicht mehr, in welcher Lage ich da jetzt gerade theoretisch bin. Das kommt letztlich genau daher, dass nämlich irgendwann die Abstände so klein werden, dass man problemlos mehr als eine Quarte greifen kann und sich dann sozusagen von Ton zu Ton hangelt.
      Dass das Kinn ohne Kinnhalter aufgelegt werden kann, will ich nicht bestreiten; manchen alten Geigen sieht man das ja leider auch an.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • @Nicolas Aine
      Mein Wissen über das Lagenspiel habe ich aus 'Musik in Geschichte und Gegenwart' (MGG), aber aus den thematischen Bänden, die Bärenreiter als Taschenbuch zusammengestellt hat, hier also Band 1: Streichinstrumente. Hier ein paar Fragmente:
      "Die höheren Lagen benutzte man auf der höchsten (E), seltener, wie speziell beim mehrstimmigen Spiel, auf der D und G Saite .....über den Vorgang des Lagenwechsels geben die Schulen im einzelnen keinen Aufschluss, doch empfehlen L. Mozart u.a. den Lagenwechsel bei leeren Saiten und wiederholten oder punktierten Noten auszuführen" (106) ....Da weite Lagenwechsel abwärts gewisse Schwierigkeiten bereitet haben müssen, bildete sich eine spezielle Technik heraus, durch gewandte Manipulationen mit Daumen, Zeigefinger und Handgelenk abwärts zu kriechen, womit jedoch die Virtuosen des 18. Jhdts nicht mehr auskommen konnten." (106)
      Merkwürdig finde ich was über die Haltung der Geige am Hals (statt Brust oder Schulter) gesagt wird: da sorgt der Kinndruck(noch ohne Kinnhalter) für die Erleichterung des Lagenwechsels abwärts. "Da dieser auch ohne Kinndruck, bei einer besonderen Art, die linke Hand zurückzuführen, möglich ist, veraltete diese Methode allmählich, doch lassen M. Corette und L.Mozart die Geige noch mit dem Kinn halten, um dem Lagenwechsel mehr Sicherheit zu geben." (98)


      Demnach wäre Mozarts Empfehlung also schon veraltet gewesen!
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