Guiseppe Verdi ATTILA - Der Gipfelpunkt des Cabalettismus

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    • Guiseppe Verdi ATTILA - Der Gipfelpunkt des Cabalettismus

      In memoriam Rideamus!

      " Der Gipfelpunkt des Cabalettismus" -
      Mit diesen leicht abschätzigen Worten charakterisierte der gefürchtete Wiener Kritiker Eduard Hanslick Verdis 9. Oper, als sie 1851 – fünf Jahre nach ihrer Uraufführung und einem Triumphzug durch Italiens Opernhäuser - endlich auch ihren Weg in die Donaumetropole fand. Tatsächlich ist der "Attila" eine Nummernoper par excellence, ist die Ohrwurmdichte rekordverdächtig und versetzt Melodienjunkies in wonnigliche Ekstasen. Ich zähle mich auch zu diesen Junkies, nicke andächtig zu den Verdammungsurteilen der Experten, welche dem Großteil der Cabalette eine erschütternde Banalität bescheinigen, lege den legendären "Attila" von der WSO mit Ghiaurov, Zampieri und Cappuccilli in den Player und lasse mich vom Melodienreichtum dieser Oper verzaubern und vom "fetzigen Sound " (copyright Amonasro) mitreißen.

      Doch zurück zu den Anfängen!
      Der erfolgsverwöhnte Giuseppe Verdi musste 1845 mit "Alzira" einen herben Rückschlag in der Publikumsgunst hinnehmen. Das verquaste Libretto, der exotische Schauplatz (Inkareich in Peru), die in den Augen vieler zweideutige Haltung Verdis zur katholischen Kirche (Und das in Italien!) machten diese Oper zu einem Misserfolg.
      Reumütig beschloss Verdi, zu seinem Erfolgsrezept von "Nabucco" und "Ernani" zurückzukehren und eine große patriotische Oper zu schreiben, in der sich seine nach Freiheit von der Habsburgerherrschaft dürstenden Landsleute wiederfinden konnten. Noch während der Arbeit am "Ernani" fiel Verdi Zacharias Werners romantische Tragödie "Attila, König der Hunnen" in die Hände, das ihm als Opernsujet passend erschien. Er reduzierte das Personal von 24 auf 5 Personen, erfand eine hinzu, und legte den Fokus auf die Persönlichkeit Attilas, der "Geißel Gottes". Zunächst plante Verdi seine neue Oper für Paris, doch Léon Pillet, de Directeur der Opéra, lehnte ab – er wollte ein französisches Libretto! Mit Moliere als literarische Vorlage hatte Verdi aber eben mit "Alzira" Schiffbruch erlitten! Er beschloss, "Attila" als Auftragswerk für das La Fenice zu schreiben und fügte als Referenz an die Serenissima eine neue Szene dazu: Die Flüchtlinge aus Aquileia landen in der Lagune und werden von Forresto ermutigt, hier eine neue Stadt zu gründen – Venezia!

      Diese Skizze schickte Verdi zunächst an Francesco Maria Piave, hielt dann aber Temistocle Solera für geeigneter, seine dramaturgischen Vorstellungen von der "Geißel Gottes" umzusetzen, und entzog ersterem den Auftrag. Auch mit Solera verlief die Zusammenarbeit nicht konfliktfrei, und als der Dichter seiner Frau, der Sängerin Teresa Rosmina, nach Madrid folgte, blieb der Komponist mit einem unfertigen Libretto zurück. Piave schien seine anfängliche Zurücksetzung nicht weiter übel genommen zu haben, denn er erklärte sich bereit, den 3. Akt zu vollenden. (Solera distanzierte sich später von diesem Schluss, was zum endgültigen Bruch mit Verdi führte.)

      Schon 1845 hatte Verdi in Venedig mit der Komposition begonnen, zu einem großen Teil im Bett, weil ihn der physische und psychische Druck der "Galeerenjahre" wieder einmal krank gemacht hatte. (Heute würde man das wohl als Burn-out-Syndrom diagnostizieren!) Sieben Monate nach dem Alzira-Flop war der "Attila" fertig, was uns heute unglaublich kurz erscheint. Tatsächlich aber war das aber in der Phase von Verdis Schaffen, als er Opern praktisch am Fließband produzierte, eine relativ lange Zeitspanne.
      Wie schon später bei "Macbeth", überließ Verdi nichts dem Zufall und beschäftigte sich intensiv mit Bühnenbild und Kostümen. So ließ er sich für die Begegnung Attilas mit dem Bischof von Rom, dem späteren Papst Leo I, von Raffaels Fresken im Vatikan inspirieren und beauftragte seinen Malerfreund Vincenzo Luccardi, genau Skizzen von Frisur und Bekleidung des Hunnenkönigs anzufertigen.

      Die Premiere am 17. März 1846 am Teatro La Fenice bescherte dem Komponisten einen triumphalen Erfolg. Mit "Attila" und seinem zentralen Thema der Vaterlandsliebe hatte Verdi wieder exakt den Nerv seiner Landsleute getroffen, ihnen die Ideen des Risorgimento in der allen Italienern affinen Sprache der Musik fast stakkatoartig eingehämmert. Die leidenschaftlich aufpeitschende Musik des "Attila" war mehr als andere Werke der Zeit geeignet, die Menschen zum Widerstand aufzustacheln, und die patriotischen Anspielungen wurden nur zu gut verstanden. Besonders augenfällig ist das im mitreißenden Duett Attilas und Ezios, in dem der römische Tribun dem Hunnen die Weltherrschaft anbietet, wenn er ihm Italien überlässt:
      "Avrei tu l’universo, resti l’Italia a me!" Genau vierzehnmal wird diese unmissverständliche Botschaft wiederholt, und man kann sich lebhaft vorstellen, in welch revoluzzerhafte Stimmung diese Worte im Verein mit der aufwühlenden Musik patriotisch gesinnte Opernbesucher versetzt haben. Und wer war das anno 1846 nicht, wo man das Joch der Fremdherrschaft endlich abwerfen wollte! Man stelle sich die Situation bitte einmal vor: Da schleudert der Sänger des Ezio (die trotzig-stolze Miene dazu denken!) den im Zuschauerraum sitzenden Repräsentanten der verhassten Habsburgermonarchie vierzehnmal ein flammendes "Resti l’Italia a me!" in die fassungslosen Gesichter, und der ebenfalls anwesende Zensurbeamte schäumt, weil er nichts gegen diesen musikalischen Affront unternehmen kann. Schließlich lässt es sich nicht gut argumentieren, die Römer wären im Unrecht, weil sie ihr hoch zivilisiertes Reich nicht kampflos den Barbaren überlassen wollen!
      Der patriotische Rausch wurde ganz offensichtlich nicht durch den peinlichen Umstand getrübt, dass bei genauerer Betrachtung der "Barbar" Attila einen wesentlich höher stehenden Moralbegriff beweist als der so edle römische Tribun Ezio, der seine Vasallenpflicht gegenüber dem Kaiser bedenkenlos brechen und mit Hilfe des Kuhhandels, den er Attila vorschlägt ("Du die Welt, ich Italien!") illegal die Macht an sich reißen will. Mit Abscheu verweigert der Hunne diesen feigen Deal, bezeichnet Ezio nicht zu Unrecht als Verräter und treibt ihn erst damit wieder zurück in die Reihen derer, die für ihren Kaiser und gegen die Fremdherrschaft kämpfen. Ein Freiheitsheld mit kleinen Schönheitsfehlern also! (Aber das wäre vielleicht ein späteres Thema!)

      Musikalisch ist am "Attila" neben dem schier überwältigenden Melodienreichtum – die unterschiedliche Qualität ist da beinahe logisch - vor allem bemerkenswert, dass Verdi hier erstmals "Naturschilderungen" in Orchestervor- und zwischenspiele einfließen ließ. Dergleichen hatten zuvor nur Rossini im "Guglielmo Tell" und Weber im "Freischütz" unternommen, aber nicht sie nahm sich Verdi zum Vorbild, sondern den heute nahezu unbekannten Franzosen Félicien David. Seine symphonische Ode "Die Wüste", die den Orientalismus in der Musik einläutete, sorgte damals für Furore und faszinierte auch seinen italienischen Kollegen.

      Die neuartige Orchestrierung in "Attila" weist auf die kommenden Werke hin, besonders Anklänge an "Macbeth" sind deutlich herauszuhören. Ich tappe immer wieder in die Falle "Das ist doch ein Zitat aus….", dabei verhält es sich genau umgekehrt.


      Inhaltsangabe

      Prolog

      Die hunnischen Heerscharen feiern feucht-fröhlich den Sieg ihres Anführers Attila, der eben Aquileia dem Erdboden gleich gemacht hat und sich nun anschickt, Italien zu erobern. Man dankt auch Gott Wotan für seinen Beistand. Attila, auf Erden Wotans Stellvertreter und Sprachrohr, stößt dazu, dankt seinen Kämpfern für ihre Tapferkeit und nimmt ihre Huldigungen entgegen.
      Irritiert bemerkt er eine Gruppe von Frauen, die von seinem Sklaven Uldino herbeigeführt werden, hat er doch den Befehl gegeben, keine Gefangenen zu machen. Doch diese Frauen haben zu seiner Verwunderung anscheinend gekämpft, und Odabella, ihre Anführerin und Tochter des von Attila getöteten Königs von Aquileia, schleudert ihm entgegen, dass im Gegensatz zu den feigen Hunninnen italienische Frauen ihr Vaterland mit dem Schwert in der Hand verteidigen. Das imponiert dem König und er gewährt Odabella eine Gunst. Ohne zu zögern verlangt sie ihr Schwert zurück, erhält aber stattdessen das von Attila. Mit dieser Waffe, so schwört sie, wird sie dereinst Rache nehmen für ihr geschändetes Vaterland und den Mord an ihrem Vater.
      Attila lässt Ezio, den römischen General, kommen, denn er schätzt auch im Feind den tapferen Krieger, der ihn im Jahr zuvor in Gallien besiegt hat, um mit ihm in Verhandlungen zu treten wegen Roms Unterwerfung. Aber Ezio, der eigentlich im Namen seines noch jugendlichen Kaisers Valentinian agieren sollte, kocht lieber sein eigenes Süppchen und unterbreitet dem Hunnenkönig einen Vorschlag: Falls er ihm Italien überließe, stünde er ihm bei der Eroberung des restlichen römischen Imperiums nicht im Wege. Angewidert weist Attila diesen Vorschlag zurück, er will nicht durch feigen Verrat an die Macht kommen. Dann, so lässt ihn Ezio wissen, sei er wieder der Botschafter des römischen Kaisers und also sein Feind. Die Botschaft kann er aber nicht mehr an den Mann bringen, denn Attila fällt ihm rüde ins Wort und kündet an, Rom dem Erdboden gleich zu machen. Ezio hält dagegen und erinnert ihn an die Schmach von Gallien: Schon einmal hätte er sein Schwert zu spüren bekommen.
      In einer Lagune am Adriatischen Meer begrüßen die Eremiten nach einer furchtbaren Sturmnacht den neuen Tag. Ferne Stimmen künden die Ankunft einer erschöpften Schar Flüchtlinge an: Die Überlebenden aus Aquleia! Ihr Anführer Foresto beklagt, dass seine Geliebte Odabella in die Hände der Hunnen gefallen ist – vielleicht wäre ihr Tod ein gnädigeres Schicksal! Die strahlend aufgehende Sonne erscheint den Flüchtlingen als Zeichen der Hoffnung, und Foresto fordert sie auf, hier in dieser Laguna eine neue Stadt zu errichten – das spätere Venedig.

      1.Akt:

      In Attilas Lager in der Nähe Roms wandelt Odabella im Mondenschein umher und beweint ihren ermordeten Vater. Sie vermeint in den ziehenden Wolken sein Antlitz zu erkennen, das aber plötzlich die Züge Forestos annimmt. Sie deutet dies als Zeichen, dass auch er tot ist. Aber wenig später nähert sich ein vermeintlicher Barbar, der sich als verkleideter Foresto entpuppt. Überglücklich will sie ihm in die Arme sinken, wird aber von ihm zurückgestoßen. Foresto wirft ihr vor, keinen sehr unglücklichen Eindruck zu machen und sich mit dem Feind arrangiert zu haben. Die vor den Kopf gestoßene Odabella erinnert ihn an die biblische Judith: Genau wie diese will sie sich das Vertrauen Attilas erschleichen und dann ihr Volk rächen. Alles ist nun wieder Wonne und Waschtrog und mit einem bewegenden Liebesduett endet diese Szene.
      Attila wird inzwischen in seinem Zelt von einem Alptraum geplagt, den er Uldino erzählt: Ein alter Mann hätte ihn vor den Toren Roms aufgehalten und folgendes entgegen geschleudert: "Du bist als Geißel ausersehen gegen die Menschheit! Ziehe Dich zurück, dies ist das Gebiet der Götter!" Aber schon bald lacht Attila über seine kindische Furcht, lässt seine Truppen sammeln und gegen Rom marschieren. Sie besingen Wotans Allmacht, hören aber zu ihrem Erstaunen eine Art Echo aus der Ferne. Eine christliche Prozession, angeführt von Leo, dem Bischof Roms, zieht den Barbaren entgegen. Entsetzt erkennt Attila in ihm seine Traumgestalt, und als sie ihn nun mit denselben Worten zurückweist, fühlt Attila die Übermacht der christlichen Götter (Er glaubt Petrus und Paulus mit gezückten Flammenschwertern ihm den Weg versperren zu sehen) und wirft sich auf den Boden. Die Hunnen reagieren einigermaßen fassungslos, für die Christen ist dies ein Zeichen der Überlegenheit ihrer Religion.

      2.Akt

      Im Lager der Römer erhält Ezio eine Nachricht seines Kaisers, die ihn in Rage versetzt: Ein Waffenstillstand mit den Hunnen sei ausgehandelt, Ezio solle sich also unverzüglich nach Rom verfügen. Dass er von einem schwachen Jüngling, der die Krone trägt, herumkommandiert werden kann, erbittert den Mann, der gleichzeitig den ja nicht unberechtigten Argwohn hegt, der Kaiser misstraue ihm und seinen Truppen mehr als den Hunnen. Er beklagt den Niedergang von Roms einziger Größe, den Verfall römischer Tugenden.
      Eine Abordnung Sklaven von Attila lädt Ezio und die Seinen zu einem Bankett. Einer gibt sich als Foresto zu erkennen und enthüllt ihm, dass der Widerstand gegen die Hunnen bereits organisiert sei. Ezio solle seine Männer instruieren, während des Festes auf ein Feuersignal auf einem Berg zu achten – das sei das Signal zum Angriff. Diese unerwartete Aussicht, gegen den verhassten Feind nun doch antreten zu können, beflügelt Ezio. Lieber will er als Rächer seines Vaterlandes in der Schlacht fallen und als letzter aufrechter Römer betrauert werden, als in Schande weiter zu leben.
      Das Fest in Attilas Lager ist bereits im Gange, als die römischen Gäste eintreffen und vom König begrüßt werden. Vergeblich versuchen ihn die Druiden im Namen Wotans zu warnen, sich mit den Feinden von gestern zu verbrüdern. Attila verwirft ihren Argwohn und fordert die Priesterinnen auf, die Festgäste mit Tanz und Gesang zu erfreuen. Doch mitten in der Darbietung erhebt sich ein plötzlicher Sturm und bläst die meisten Feuer aus. Ezio nützt das Tohuwabohu, Attila noch einmal seinen Teilungsvorschlag zu unterbreiten, wird aber wieder verächtlich zurückgewiesen. Odabella erfährt inzwischen von Foresto, dass der Trunk, den Uldino seinem Herrn bald servieren wird, vergiftet ist. Das durchkreuzt aber natürlich ihren Plan, selbst als Rächerin ihres Vaters in Erscheinung zu treten, und als Attila den Becher an die Lippen setzt, warnt sie ihn im letzten Moment. Auf die Frage, wer hinter diesem Anschlag stecke, gibt sich Foresto zu erkennen. Attilas Drohung, ihn zu töten, bestürzt ihn weniger als die vermeintliche Untreue Odabellas. Doch sie erbittet sich als Lohn für Attilas Errettung, Foresto und seine Bestrafung ihr zu überantworten. Der König geht darauf ein und setzt noch eines drauf: Er will Odabella, die er schon die längste Zeit wegen ihres Mutes bewundert und wegen ihrer Schönheit begehrt, zu seiner Gemahlin machen. Foresto flieht auf ihre drängende Bitte hin, schwört aber Rache für ihren Verrat an ihm und Rom.
      Die Hunnen aber verlangen von ihrem König, zu "sangue e fuoco" zurückzukehren, also den Krieg gegen die Römer wieder aufzunehmen.

      3.Akt

      Im Wald wartet Foresto auf Uldino, der ihm erzählt, dass die Hochzeit von Attila mit Odabella unmittelbar bevorsteht. Die Prozession nähere sich schon. Foresto kann es einfach nicht fassen, so getäuscht worden zu sein von diesem äußerlich so reinen, engelsgleichen Wesen. Ezio kommt hinzu und versichert, seine Leute stünden bereit, auf das Feuersignal hin zuzuschlagen. Beide schwören, dass kein einziger Hunne seine Heimat wiedersehen solle.
      Der Hochzeitshymnus erinnert Foresto wieder an seinen Liebeskummer. Odabella erscheint in tiefer Verwirrung, sie bittet den Geist ihres Vaters um Verzeihung, weil sie in Kürze die Frau seines Mörders sein wird. Sie erkennt Foresto und beschwört ihn ihr zu glauben, dass sie nur ihn alleine liebe, ihr Herz rein sei und sie ihm immer die Treue gehalten habe. Natürlich glaubt er ihr kein Wort, was man ihm auch nicht verdenken kann. Ezio, der schon vorher das Feuerzeichen gesehen hat, erinnert ihn, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für Eifersucht und Tränen sei, man hätte Wichtigeres zu tun.
      Da tritt Attila auf den Plan, sieht seine beiden Todfeinde in trauter Dreisamkeit mit seiner sichtlich verwirrten Braut und zieht natürlich die richtigen Schlussfolgerungen. Empört über diesen neuerlichen Verrat wirft er ihnen Undankbarkeit vor, schließlich hätte er Forestos Leben geschont, Odabella auf den Königsthron setzen wollen und auf Ezios Wunsch auch Rom geschont. Aber das lassen die drei nicht gelten, sie schuldeten ihm, dem Tyrannen gar nichts, denn er habe Odabellas Vater getötet, Foresto seiner Heimat beraubt und die Verschonung Roms mache das immense Blutvergießen überall sonst nicht wett. Während aus der Ferne der Lärm des Überfalls der Römer auf das hunnische Lager herüberdringt, rammt Odabella dem König sein eigenes Schwert in den Körper. Als Shakespeare-Kenner haucht er mit einem "Auch du, Odabella?" sein Leben aus, während die siegreichen Römer in Triumphgeheul ausbrechen: Gott, das Volk und der König sind gerächt!

      lg Severina :hello

      PS: Eine Erklärung für das "in memoriam Rideamus": Ich weiß aus seinen letzten Mails an mich, mit wieviel Herzblut Rideamus an "seinem" Verdi-Projekt hing und wie enttäuscht er über die geringe Resonanz war. Vielleicht freut er sich ja auf seiner Wolke, dass es nicht ganz eingeschlafen ist. Natürlich kann ich nicht alle 28 Verdi-Opern einstellen, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich im Laufe des Jubiläumsjahres nicht doch noch der eine oder andere Mitstreiter findet.

      In den nächsten Tagen werde ich meine liebsten Attila-Aufnahmen vorstellen und hoffe natürlich, von Euch Eure Favoriten zu erfahren :D!

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Severina ()



    • Ich beginne mit meiner Lieblingsaufnahme, ein Live-Mitschnitt von der WSO, die nicht nur von der Besetzung her für mich kaum zu toppen ist, sondern mir auch deshalb so am Herzen liegt, weil ich sie viele Male vom Stehplatz aus miterleben durfte und jedesmal die Oper auf Wolke 7 schwebend verlassen durfte. Unsere damalige Begeisterung teilt sich einem auch beim bloßen Zuhören mit - hoffe ich zumindest!

      "Attila" stand damals (1980) überhaupt zum ersten Mal auf dem Spielplan der WSO, und ich erinnere mich noch gut an unsere Skepsis wegen des unbekannten Werkes ("Wahrscheinlich zu recht," wir wir Stehplatz"experten" uns einig waren :cool) und des ebenfalls in Wien unbekannten Dirigenten Giuseppe Sinopoli. Am Ende dieses Abends hatten wir eine neue Lieblingsoper und einen neuen Lieblingsdirigenten!

      Dass der Erfolg zu einem Großteil dem fulminanten Dirigat zu verdanken war, darin herrschte seltene Einigkeit. Ich möchte daher stellvertretend für viele Peter Blaha zitieren: "Sinopoli hat die scheinbare Gleichförmigkeit der für die damalige italienische Oper so typischen instrumentalen Begleitfiguren, über die Verdi seine herrlichen Melodien spannte, aufgebrochen.... akzentuiert und dynamisch geschärft, wodurch sie zu einer vorwärts drängenden, manchmal geradezu aggressiven Kraft wurden. Rhythmus schlug auf diese Weise in Klangfarben um, und genau das war es, was diesem Abend seine enorme Spannung gab".
      Man spürte schon bei der Ouvertüre, dass sich da etwas außerordentliches ereignete im Graben, und selten wurde ein Dirigent schon nach der Pause mit einem derartigen Jubel empfangen. (Wer Sinopolis Verdienst um "Attila" richtig einordnen will, vergleiche bitte diese CD mit dem Humptata-Verdi unter Lamberto Gardelli!)
      Dass Sinopoli in so jungen Jahren gestorben ist, empfinde ich als eine der großen Tragödien in der Opernwelt - welche grandiosen Abende hätte uns dieser Magier am Pult noch bereiten können!

      Aber nicht nur das Dirigat ist auf dieser CD außerordentlich, sondern auch die Besetzung!

      Nicolai Ghiaurovs prachtvoller und mächtiger Bass, der aber auch zu zarten Tönen fähig ist, verleiht dem Hunnenkönig eindrucksvolle Konturen. Das ist nicht "nur" imponierend gesungen, sondern ein tief empfundenes Rollenporträt, das auch die menschlichen Seiten Attilas herausstreicht. Welche Verachtung schwingt da in der Stimme mit, wenn er Ezios Verrat zurückweist, welcher Horror bei der Schilderung seines Alptraums, welche Mischung aus Unglauben und seelischer Erschütterung bei den letzten Worten "E tu pure, Odabella?"

      Sein Gegenspieler Ezio wird von Piero Cappuccilli nicht minder eindrucksvoll gestaltet. Ihm wurde ja oft nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, sich damit zu begnügen, seine schöne Stimme vorzuführen, hier aber erweist er sich auch als großer Gestalter.
      Cappuccilli verfügte über Höhen, die so manchen Tenor blass aussehen ließen. So setzt er hier am Ende seiner Stretta bei "Tutta Italia piangerà!" ein hohes B drauf, das uns damals von den Sitzen riss.(wobei das hier auf der CD leider nicht sein bestes ist!) Auch das frenetisch eingeforderte Da- capo ist natürlich auf dieser Einspielung zu hören!
      Großartig natürlich die Duette, in der beide Sänger sich gegenseitig zu Höchstleistungen treiben, dabei aber immer die Wahrhaftigkeit des Ausdrucks über bloße Effekthascherei stellend! (Gut, so ganz frei davon ist Cappuccilli nicht, aber es hält sch in Grenzen. Er konnte es wesentlich penetranter!)

      Piero Visconti ist ein sehr guter Foresto mit einnehmendem Timbre, doch fällt er gegenüber seinen Kollegen von der tieferen Fraktion leicht ab.

      Mit der Odabella hatte Mara Zampieri eine weitere Traumrolle gefunden, die perfekt zu ihrem Stimmduktus passte. Auf dieser Aufnahme ist noch nichts von der späteren Schärfe zu hören, hier gelingen die dramatischen Ausbrüche technisch präzise und mit enormer Leuchtkraft - man wird schier überwältigt von diesem Prachtorgan! Und welche Gefühlsintensität legt die Zampieri in ihr Singen!
      Erstaunlich auch, zu welch zarten Lyrismen sie fähig ist, z.B. bei "Nel fuggente nuvolo...", was man ihr nach dem expressiven Furor, mit dem sie zuvor ihren Racheschwur ins Auditorium geschleudert hat, kaum zutraut.

      Wer also Verdis "Attila" in einer exemplariscen Einspielung kennen lernen will, der greife zu dieser CD!!

      lg Severina :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Severina ()



    • Meine zweitliebste CD ist die Studioaufnahme unter Lamberto Gardelli, die allerdings an die erste nicht herankommt. Ich frage mich, ob das je eine schafft - die Latte der Wiener Einspielung liegt einfach verdammt hoch.

      Das große Minus ist das Dirigat von Lamberto Gardelli, der mit dem ROHO nicht annähernd die Sogwirkung erzeugt wie Sinopoli mit den Philis. Man vergleiche nur die Ouvertüre oder die "Gewittermusik": Bei Sinopoli toben die Elemente, bei Gardelli hört man bestenfalls eine kleine atmosphärische Störung - das ist brav herunterbuchstabiert, nicht mehr.

      Das zweite Ärgernis ist die Tonsteuerung. Ezio und Attila klingen stellenweise, als stünden sie in zwei verschiedenen Ecken eines großen Zimmers, auch beim Liebesduett Odabella - Foresto hat man den Eindruck, als befände sich ein tiefer Graben zwischen ihnen. Da wird nebeneinander, aber nicht miteinander gesungen.

      Ruggero Raimondi zählt zu meinen Lieblingssängern, doch wieder einmal muss ich erkennen, dass es das Gesamtpaket ist, das mich fasziniert. Ohne seine überwältigende Bühnenpräsenz fehlt etwas, mit den stimmlichen Mitteln alleine bleibt er dem Attila doch einiges schuldig. Er klingt zu nobel, zu glatt, zu kultiviert, kann das Herrische, "Barbarische" des Hunnenkönigs nicht vermitteln, Da passt Ghiaurovs markanter Bass mit seinen Ecken und Kanten wesentlich besser - sein Attila erzeugt wirklich Gänsehaut, während man sich von Raimondi viel weniger fürchten muss.
      Natürlich ist Raimondi nicht schlecht (Wann ist er das je gewesen!), aber Ghiaurovs Interpretation reißt mich mehr mit.

      Ob man jetzt Piero Cappuccilli oder Sherill Milnes als Ezio bevorzugt, ist mE reine Geschmackssache. (Wie eigentlich immer!) Milnes hat vielleicht etwas Virileres, bringt die Ambivanenz in Ezios Charakter besser zum Ausdruck, gesungen ist es von beiden fabelhaft.

      Cristina Deutekom kann der Zampieri nicht das Wasser reichen. Abgesehen davon, dass mir ihre Stmme zu vibratoreich ist, kann sie das Heroische im Charakter der Odabella mit ihren vokalen Mitteln nicht zum Ausdruck bringen. Und das muss bei einer Frau, die mit dem Schwert in der Hand für ihr Vaterland kämpft, unbedingt mitschwingen! Der Deutekom glaubt man das Schwert in der Hand nicht wirklich, sie klingt wesentlich fragiler als die Zampieri, hat nicht diese wilde Entschlossenheit in der Stimme. Also eher Kochlöffel als Schwert!

      Was aber trotz aller Einwände jeden Cent dieser CD wert ist, ist die Luxusbesetzung des Foresto mit Carlo Bergonzi. Was für ein Prachttimbre, welch kultivierte Stimmführung! Dazu fällt mir nur :down ein!
      Man glaubt ihm den zu allem entschlossen Freiheitskämpfer ebenso wie den unglücklich Liebenden, er kann seinen voluminösen Tenor von der dramatischen Attacke zu einem Piano herunterfahren, das nicht mehr von dieser Welt ist. Dabei gleitet Bergonzi bei aller Gefühlstiefe nie in plumpe Sentimentalität ab. Unglaublich das Diminuendo am Ende von "Dell' immortal mio di" - alleine wegen dieser Stelle würde ich mich von dieser CD nie trennen!

      lg Severina :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Severina ()

    • Hallo Severina , das kann ich alles nur bestätigen . SUPER !!!!!!!!!!! Es ist auch meine Liebste ! Dabist du sehr zu beneiden , wenn man das gesehen hat. Bei M. Zampieri geht im wahrsten Sinne des
      Wortes die Post ab!( habe sie in FFM 25x im Maskenball gehört u.gesehen ,und kennengelernt!)
      Das Publikum war ja außer Rand und Band und konnte sich kaum im Zaum halten .
      Nicht umsonst bekam diese GA 2003 den Preis der Deutschen Schallplatten Kritik !

      Dann gibt es auch eine Live GA aus Triest , mit jungen frischen Stimmen (11.2000).
      Dimitra Theodossiou ist immer eine Bank beim frühen Verdi, so auch hier. Viel Power , aber sie kann
      auch piani bei der Romanze ! Die beiden ,Furlanetto und Gonzale liefern sich ein gute Duell
      im 1ten Akt Duett bzw.dem Finale des 2ten Aktes . Und der Tenor Carlo Ventre ist Extraklasse ,wow
      was für eine super Stimme !



      Mit der MUTI GA bin nicht so ganz Einverstanden , das ist schon gut aber, S.Ramey und Giorgio
      Zancanaro sind super , aber C.Studer liefert wie fast immer das gleiche ab, schön gesungen
      aber kein Rollenprofiel ! Und N.Shicoff plärrt sich durch die Partie. MUTI macht seine Sache sehr gut !



      Möchte noch die Gardelli GA kurz anmerken. Das Dirigat ist schon vom feinsten aber die Sänger
      des Attila und Ezio , nein, Raimondi ist kein Attila und Milnes kein Ezio, für mein Empfinden!
      Dann bleiben Deutekom und Bergonzi , die ihren Partien absolut gerecht werden, aber das ist nur die halbe Oper.



      Das wars erstem für heute!

      LG palestrina

      PS: Danke Severina für die Thread Eröffnung !
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von palestrina ()

    • Hallo, Palestrina,

      ja, die Zampieri ware einfach immer ein Ereignis, egal in welcher Rolle. Aber in zwei Rollen hat sie mich leider für alle anderen Besetzungen nachhaltig verdorben: Als Odabella und als Lady Macbeth! Da ist bisher keine andere Sängerin an sie herangekommen.
      Die Attila-Serien, die der CD zugrunde liegen, zählen zu meinen absoluten Sternstunden an der WSO!

      Bei Gardelli und Deutekom gehen unsere Meinungen ein wenig auseinander, Raimondi ist leider wirklich kein Attila.
      Die CD mit Muti kenne ich nicht, allerdings habe ich die DVD von der Scala mit der beinahe identen Besetzung, nur dass Kaludi Kaludoff den Foresto singt (wie auch oft in Wien!), was mir natürlich entschieden lieber ist als Shicoff. Zu dieser Aufnahme werde ich mich demnächst genauer äußern.

      Die CD mit Furlanetto kene ich nicht - wie schlägt er sich denn als Attila? So ganz kann ich ihn mir als Hunnenkönig nämlich nicht vorstellen.

      Auf meiner Wunschliste steht momentan die DVD mit Ildar Abdrazakov, die werde ich demnächst beim Krokodil ordern.
      Kann vielleicht jemand etwas dazu sagen?

      lg Severina :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Severina ()

    • Furlanetto ist ganz große Klasse, jedenfalls finde ich das !
      Ja, der Ildar ist ein feiner Mensch , mit ihm Skype ich alle 4 Wochen ! Er spricht sehr gut deutsch .
      Aber die DVD kenne ich nicht , ich schaue mir keine Opern auf DVD an !
      Entweder Live oder CD Konserve .... !

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Original von Severina
      Auf meiner Wunschliste steht momentan die DVD mit Ildar Abdrazakov, die werde ich demnächst beim Krokodil ordern.


      Liebe Severina,

      dann warte ich mal gespannt auf deinen Eindruck der DVD mit Abdrazakov. Bisher hat es nämlich noch nicht einmal mein großes Idol Samuel Ramey geschafft, mich für den ATTILA zu begeistern. Es ist schandbar lange her, dass ich mir die DVD der Scala mit ihm angesehen habe und im Gedächtnis haften geblieben, ist nur das Anfangsduett mit Ezio, das ich in der Tat als musikalisch absolut zündend im Ohr behalten habe.
      Vielleicht lag das auch an Cheryl Studer, denn ich habe noch am ehesten Odabella im Verdacht, diejenige Figur zu sein, die mich von der Handlung her am meisten interessieren könnte. Aber mit Studer kam da gar nichts bei mir an. Schade, dass ich mich für Opern-CDs so wenig erwärmen kann, denn Mara Zampieri wäre bestimmt eine lohnende Alternative.

      VG, stiffelio
    • Liebe Stiffelio,

      ich fürchte, nicht einmal Mara Zampieri könnte Dich für "Attila" gewinnen, denn diese Oper ist wirklich nur etwas für Melodienjunkies. Für jemanden wie Dich (und normalerweise auch für mich!), der es liebt, Opernfiguren psychologisch zu sezieren, gibt dieses Werk schlicht zu wenig her. Einzig Ezio ist nicht ganz so eindimensional gestrickt wie die anderen, aber richtig den Kopf zerbrechen muss man sich auch über ihn nicht - zu offensichtlich sind seine Motive. Keiner macht eine Entwicklung durch, jeder ist am Ende noch genau der, der er schon am Anfang war. Na, nicht ganz - Attila ist am Ende tot :wink!
      Was Verdi mit dem "Attila" bezwecken wollte, nämlich im Dienste des Risorgimento seinen Landsleuten einen patriotischen Adrenalinschub zu verpassen, ist heute gesellschaftlich nicht mehr relevant. Diese Absicht verfolgt Verdi zwar auch mit "Nabucco", aber da sind die Personen psychologisch interessanter gestrickt, gibt es Loyalitätskonflikte etc.

      Also bemühe Dich gar nicht erst, Dich mit dem "Attila" anzufreunden, so wie ich Dich bisher kenne, wird es Dir nicht gelingen. Außer Du gehst so an ihn heran wie ich: "Attila" ist ausschließlich fürs Ohr gemacht, die kleinen grauen Zellen dürfen pausieren :D! (An sich nicht so mein Ding, aber wie schon gesagt, bin ich eben bekennender Melodienjunkie :S)

      Die DVD ist im Übrigen völlig ungeeignet, Dich mit dem "Attila" anzufreunden, denn ein derart ödes Rampensingen ist sogar für Scala-Verhältnisse ungewöhnlich. Samuel Ramey, an sich ein toller Singschauspieler, begnügt sich hier, Attilas Statue zu sein: Er steht zwei Stunden breitbeinig auf der Bühne und hebt abwechselnd die linke und rechte Hand ...... absolut grauenhaft!

      lg Severina :hello

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Severina ()

    • Dann oute ich mich auch mal als bekennender MELODIENJUNKIE , tolles Wort Severina !!

      Und das eingeflochtene Liebesverhältnis (Paar)Odabella/Foresto ,singt auch nebeneinander her !
      Wie du schon sagtest den Einzigen den man psychologisch packen kann ist Ezio .
      Aber Verdi wusste , mit Opern wie ATTILA, NABUCCO, LA BATTAGLIA DI LEGNANO u.I LOMBARDI die Italiener mit Melodien zu versorgen , die dabei noch ihre Freiheitsliebe unterstützt !
      EZIO"Avrei tu l'universo , resti l' Italia a me " . Das war doch damals für die Italiener das Salz in der
      Suppe.
      Da muss man doch heute noch für solche Melodien von Verdi dankbar sein !

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Original von stiffelio
      Liebe Severina,

      danke für diese präzise Analyse, mit der du vermutlich ins Schwarze getroffen hast.
      Aber manche Regisseure holen ja ungeahnte Dinge aus einer Oper heraus und so bleibt auch mir die Hoffnung, dass es mal einer schafft, aus dem ATTILA ein psychologisch interessantes Konzept zu stricken. :wink

      VG, stiffelio


      Liebe Stiffelio,

      diese Hoffnung hege ich bezüglich Peter Konwitschny, dessen "Attila" demnächst am ThadW PR hat! Ich werde die Vorstellung am 13. Juli besuchen und dann berichten!

      lg Severina :hello

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    • So, heute aus dem Briefkasten gefischt und natürlich sofort angeschaut :D!

      Aaaalso: Auch diese DVD wird aus Stiffelio keinen Attila-Fan machen, denn die Inszenierung von Arturo Gama ist zwar etwas besser als die öde von der Scala, aber ebenfalls kein großer Wurf.
      Das Bühnenbild hingegen gefällt mir: Ein Rahmen aus grob gefügten, zerborstenen, metallisch-dunkelgrau schimmernden Stahlbetonelementen, der Prospekt auf der Hinterbühne zeigt einen düsteren, wolkenverhangenen Himmel. Im 2. und 3. Bild strukturieren schräg in den Boden gerammte Stämme den Raum, abwehrend und feindselig, mehr ein Gefängnis als freie Natur suggerierend. Intimität, z.B. bei Attilas Alptraum, wird durch schlichte Vorhänge geschaffen.
      Sehr schön die Lichtregie im Gewitterbild, als nach dem Toben der Elemente einzelne Sonnenstrahlen durch die geborstenen Wände dringen und eine kreuzförmige Aussparung wie von Zauberhand zu leuchten beginnt, sodass die Ergriffenheit, mit welcher die Menschen vor dieser Erscheinung auf ihre Knie sinken, absolut glaubhaft ist.

      Weniger gut ist es um die Personenregie bestellt. Zwar bewegen sich die Choristen halbwegs plausibel zum Text, da werden sogar einzelne Charaktere herausgearbeitet, die Protagonisten erstarren dazwischen aber immer wieder in den typischen Opernposen.

      Besonders der Ezio, Vladislav Sulimsky, gefällt sich darin, eine römische Statue zu mimen: Spielbein-Standbein, rechte Hand erhoben und Toga malerisch darauf drapiert. Offensichtlich hat er den Vorwurf ernst genommen, Oper sei ohnehin nur ein Museum. Seine Körpersprache korrespondiert nie mit dem Text, auch mimisch tut sich gar nichts, und gepaart mit seiner recht eindimensionalen Stimmführung ergibt das einen völlig uninteressanten Charakter. Denn leider ist er vokal ebenso wenig präsent wie als Persönlichkeit. Sein farbloser Bariton verfügt über viel zu wenig Prägnanz, Fähigkeit zur Attacke, um einen glaubhaften Gegenspieler für Attila abzugeben.

      Der Foresto Sergei Skorokhodav wartet mit einem zwar nicht sensationellen, aber brauchbaren Tenor auf, erklimmt auch alle Höhen souverän, zeigt aber im letzten Akt leichte Ermüdungserscheinungen. Schauspielerische Akzente setzt auch er keine, aber in dieser Rolle gibt es auch nicht so viele Entfaltungsmöglichkeiten.

      Die hätte Ildar Abdrazakov als Titelheld, und dass er ein toller Singschauspieler ist, hat er mir zuletzt live als Don Giovanni bewiesen. Aber auch er verharrt sehr oft in Standardposen, allerdings entschädigt sein Mienenspiel, denn sein Gesicht spegelt die gesamte Gefühlspalette des Attila wider. Im Vergleich zu den anderen spielt er zwar deutlich engagierter, aber eben nicht in der Intensität, wie ich es mir von ihm erwartet habe. Außerdem kehrt er den Gewaltmenschen für meinen Geschmack etwas zu sehr heraus, denn er behandelt Odabella bis zum Schluss wie seine Kriegsbeute, hat selbst bei seinem "Heiratsantrag" keinen liebevollen Blick, keine liebevolle Geste für sie. Deshalb klingt auch das "Anche tu, Odabella?" nach dem tödlichen Stich seltsam emotionslos, so in der Art von "Darauf kommt's jetzt auch nicht mehr an!"
      Stimmlich ist Ildar Abdrazakov natürlich ein prächtiger Attila, wenn ihm auch die gefährliche Schwärze eines Ghiaurov fehlt. Trotzdem kann er überzeugend poltern und drohen, kann bei Ezios Kuhhandel genügend Verachtung in seine Stimme legen. Uhd dann kann man natürlich in diesem samtenen Timbre schwelgen, die herrlichen Kantilenen genießen, die strahlenden und völlig unverkrampft erklommenen Höhen.

      Bleibt noch die Odabella von Anna Markarova, die mir in der ersten Szene gar nicht gefiell - zu viel Vibrato, zu grell in der Höhe - aber entweder gewöhnte ich mich an ihre Stimme, oder sie wurde im Verlauf der Vorstellung wirklich besser, denn in der zweiten Hälfte fand ich sie nicht mehr so schlecht. Die entschlossene Rächerin nimmt man ihr zwar ab, aber sie agiert nicht immer logisch, so z.B. in der Bankettszene, wenn sie Foresto quasi ins Ohr brüllt, dass Attila durch ihr Schwert sterben muss. Das dürfte er aber eigentlich nicht hören, oder aber er dürfte nicht so entsetzt sein, dass sie den Giftanschlag vereitelt, weil sie ihm immerhin vorher ein Motiv genannt hat. Dafür muss Odabellas "Fuggi!" dann mindestens 5 Meter überspringen, bis es Foresto erreicht, und der dazwischen stehende Attila muss eine gewaltiges Hörproblem haben, wenn er das wirklich nicht mitbekommt.....

      Valery Gergiev leitet mit viel Schwung das Mariinsky-Orchestra, erreicht zwar nicht die Tiefe und Brillanz von Sinopoli, bleibt aber doch deutlich vor Gardelli.

      Mein Fazit: Leider keine DVD, die mich szenisch überzeugt, und um einen herausragenden Ildar Abdrazakov tummelt sich viel Mittelmaß.

      lg Severina :hello

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    • Ich präsentiere hier noch nicht erwähnte Attila Aufnahmen die ich die letzte beiden Tage gehört habe ...
      ...zum Attila ist hier ja im Eröffnungs Beitrag viel gepostet worden, ich stelle hier noch den Wiki Attila ein.

      Verdi hatte mit dem Nabucco und den Lombarden (I Lombardi alla prima Crociata) bereits zwei Choropern komponiert, die von der italienischen Einigungsbewegung begeistert aufgenommen worden waren. Nach dem Misserfolg mit Alzira knüpfte Verdis Attila thematisch erneut an die Einigungsbestrebungen (Risorgimento) im zerrissenen Italien an. So gibt es im Attila viele patriotische Anspielungen.
      Auch aus diesem Grund eroberte das Werk schnell die Opernbühnen Italiens. Schon bei der zweiten Vorstellung im Teatro La Fenice kannte die Begeisterung nach dem Duett Ezio – Attila im Prolog keine Grenzen. In einer Textzeile, während der Verhandlungen mit Attila, singt Ezio:

      «Avrai tu l’universo, resti l’Italia, resti l’Italia a me.»
      „Du magst das Universum haben, doch überlass’ Italien mir.“

      Das Publikum des von den Habsburgern regierten Venedig verstand den Sinn dieser Worte.

      Also diese Oper muß den Zuhörer mitreißen und begeistern mit diesen Chören und den patriotisch schmetternden Arien, es gibt aber auch ein innehalten bei Odabella und Foresto dem Liebespaar in der Oper.[/quote]


      Leider gibt es keine Angaben zur Aufführung, wie immer bei Serenissima, wurde in den neunziger Jahren nur unter der Ladentheke und nur in Italien verkauft, aber da habe ich wahre Schätze.

      ORCHESTRA E CORO DEL TEATRO REGIO DI TORINO CONDUCTED BY NELLO SANTI
      NICOLAJ GHIUSELEV Attila
      SILVANO CARROLI Ezio
      MARIA CHIARA Odabella
      VERIANO LUCHETTI Foresto
      GIAMPAOLO CORRADI Uldino
      BRUNO MARANGONI Leone

      Ghiuselev war in den siebzigern ein viel gefragter Attila, und das zeigt er auch hier, auch Carolli hat durchschlagende Qualitäten zu bieten. Die Odabella der Chiara (ein Sopran der von der Industrie sträflich vernachlässigt wurde, aber in den Opernhäusern gefeiert wurde!!! es gibt ein paar Live GA und eine offizielle Doppel CD) ist schon ein Erlebnis, wie oben schon angeführt muss die Partie schon ein gewissen Drive haben, besonders im Prolog. Nello Santi ist und bleibt ein Opern Kapellmeister von Gottes Gnaden, der auch noch wusste wie man mit den Sängern umgeht.

      LG palestrina
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      Oolong
    • Ein Highlight in der Attila Diskographie, neben der Sinopoli Aufnahme aus Wien s.o...

      AD 6.12.1968 Live

      Am Ort der Uraufführung entstand eine glanzvolle Live GA mit hervorragenden Protagonisten die ihren Rollen aufs trefflichste gerecht werde.
      Allen voran der prächtige Bass von Christoff als Attila, Saccomani als sein Gegenspieler, singt einen heroischen Ezio der weiß was er will ;) , beide Stimmen heben sich auch schön voneinander ab.
      Die Odabella von Mari Parazzini ist ebenfalls eine Heroine (die Rolle ist so zwischen Abigaille und Lady Macbeth angelegt) und die bringt das auch sehr schön zur Geltung, neben der Zampieri die beste Odabella.
      Hier ist auch mal der junge Nicola Martinucci zu hören ( ebenfalls von der Industrie etwas unentdeckt geblieben), der einen Foresto singt wie ich ihn mir wünsche, nicht ganz so schön aber stimmlich sehr effektvoll im Ausdruck.
      Diese Aufnahme kann man getrost empfehlen, wobei sie in dieser Mondo Musica Ausgabe des La Fenice, sehr gut klingt, was nicht für alle Aufnahmen des Labels gilt!

      LG palestrina
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    • Was ich noch bei dieser Studio Einspielung, die im großen und ganzen gut gesungen ist anmerken möchte, über Gardelli ist alles gesagt aber der prächtige Tenor von Bergonzi ist hier imo nicht ganz richtig am Platz (hier revidiere ich mein Urteil von oben), das was mich aber am meisten stört ist die Tatsache das die beiden Raimondi und Milnes auch noch zu ähnlich klingen, Rest s.o., was auch schon mal bei einem leichteren Bass passieren kann, aber dann sollte man anders besetzen, auch Rollen gerechter.

      LG palestrina
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