Wagners schönste Stellen (FAZ)

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    • Wagners schönste Stellen (FAZ)

      Für die, welche bisher noch keinen Zugang zu Wagner gefunden haben (und für die andren natürlich auch) der Hinweis auf diese Serie in der FAZ:
      Wagners schönste Stellen
      faz.net/aktuell/feuilleton/bue…ichard-wagner/#FAZContent
      (natürlich alles ganz subjektiv, aber allemal interessant!)

      Ihr dürft natürlich gern den genannten zustimmen/ widersprechen, oder auch ganz andre nennen.
      "If music be the food of love, play on." (W. Shakespeare, Twelfth Night)
    • RE: Wagners schönste Stellen (FAZ)

      Also mein Favorit ist 'Wotans Abschied' aus der Walküre, und zwar von dem Augenblick an, wo nicht mehr gesungen wird. Schade, dass danach noch der 'Feuerzauber' kommt. Vor dem drücke ich immer die Stopp-taste. Und das alles muss natürlich unter der Leitung Klemperers gespielt werden. Wenn man diese wunderbare Aufnahme hört - sie ist gerade jetzt wieder in der Wagner/Strauss Box erschienen - dann empfindet man tiefe Trauer, dass Klemperer nie den Ring aufgenommen hat.
    • Für mich sind Wagners schônste Stellen alle die, wo nicht gesungen wird, also vor allen Dingen die Ouvertüren und Vorspiele. Insbesondere Tannhäuser und Parsifal. Was die gesungenen Stellen angeht: alle Arien die einen gewissen Belcanto- Charakter haben und nicht in reine Deklamation oder gar Geschrei ausarten und einige Stellen aus Tristan und Isolde (Duett, Liebestod).
      Wagner ohne Gesang ist von wenigen Stelle abgesehen für mich der einzig erträgliche Wagner Wohlwissend dass das seiner Intention diametral entgegensteht und seine Fans wahrscheinlich nicht "erfreuen" wird.. Es gibt da für solche wie mich eine serh schöne CD von Stokowski, Wagner ohne Worte..... :D
      F.Q.
      Da es der Gesundheit förderlich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein (Voltaire)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Fairy Queen ()

    • Ein schönes Thema, danke Heike:


      Tannhäuser: Der Schlusschor Heil! Heil! Der Gnade Wunder Heil!. Erst der Knabenchor ganz zart und am Ende, wie ein Tsunami hereinbrechend, der Männerchor während die Knaben nur noch Halleluja singen (noch deutlich hörbar, wenn es gut gemacht ist). Mein Favorit ist Solti, der Wiener Sängerknaben wegen.
      Lohengrin: Das Vorspiel ist einfach nicht von dieser Welt. Hier habe ich keine bevorzugte Aufnahme. Das machen Viele gut.
      Tristan und Isolde: Einsam wachend in der Nacht Christa Ludwig unter Böhm, das ist Gänsehaut pur.
      Tristan und Isolde: Isoldes Liebestod, Birgit Nilsson unter Böhm. Ich sage nur Welt-Atem
      Die Walküre: Eine kurze Instrumentalsequenz aus Wotans Abschied. Direkt nachdem er singt: Denn einer nur freie die Braut, der freier als ich, der Gott! Hier schaukelt sich das Orchester zu einem kurzen aber gewaltigen Höhepunkt auf, der in meinen Ohren/Kopf nicht nur eine Interpretation zulässt. Unbedingt Solti.

      Ich könnte noch mehr aufzählen, es gibt noch so viele sehr schöne Stellen.
      Aber das ist m.E. die absolute Essenz und ich möchte sie nicht verwässern.

      Grüße
      Jürgen

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Jürgen ()

    • Schöne Stellen bei Wagner? Es gibt wenige Stellen die nicht schön wären. Wobei schön ein ausgesprochen subjektives Empfinden beschreibt.

      Für mich spontan die schönsten Momente:

      Die Meistersinger: Vorspiel 1. Aufzug, "Prügelfuge" + Schluss 2. Aufzug, Quintett 3. Aufzug, "Wach auf" Chor

      Tristan und Isolde: Vorspiel 1. Aufzug, "Oh sink hernieder Nacht der Liebe" Duett 2. Aufzug, Isoldens Liebestod

      Parsifal: Verwandlungsszene 1. Aufzug, Szene mit Blumenmädchen im 2. Aufzug (aber eigentlich der komplette Akt), "Karfreitagszauber" 3. Aufzug

      Lohengrin: Vorspiel 3. Akt

      Götterdämmerung: Siegfrieds Rheinfahrt 1. Aufzug, 1. Szene 3. Aufzug (Siegfried und die Rheintöchter)

      Die Walküre: letzte Szene (Wotan und Brünnhilde + Feuerzauber)

      Siegfried: "Waldweben" aus dem 2. Aufzug

      uvam

      LG Florestan
    • Wagners schönste Stellen? Ich kenne nur Wagners Gesicht, ich glaube, den Rest von ihm will ich gar nicht sehen :wink

      Aber im Ernst:

      Die schönsten musikalischen Stellen bei Wagner … mir fällt da sofort die Walküre ein.

      Allerdings nicht der Feuerzauber, auch kein Abschied von Wotan (für den ich keinerlei Sympathie habe), sondern eigentlich fast der gesamte 1. Akt, und da gibt es drei Stellen, die ich besonders erwähnen möchte.

      1.) Wenn Wehwalt (denn seinen Namen Siegmund bekommt er erst später von Sieglinde) allein des nahenden Kampfes am Morgen harrt, bricht plötzlich das Feuer im Ofen in sich zusammen, und ein Lichtschein fällt auf das Schwert, das im Stamm steckt. Musikalisch finde ich das sehr schön umgesetzt, denn aus der eher traurigen, verzweifelten Musik, die der Stelle vorausging, schildert das Orchester plötzlich das Zusammenbrechen des Feuers, und man hört das Schwer-Motiv, das das leise intoniert wird. Es ist keine laute Stelle, auch keine lange, aber ich finde sie sehr effektvoll umgesetzt; wenn ich es nur höre, vermeine ich das zusammenbrechende Feuer, den Lichtschein und den Knauf des Schwertes sehen zu können.

      2.) Wagner mochte keine Arien, und dennoch schrieb er für sein Geschwister-Liebespaar eine sehr schöne: „Winterstürme wichen dem Wonnemond“. Zuvor flog das große Tor des Hauses auf, und der Mondschein strahlt das Paar an, die Freiheit lockt, was vom Orchester in berauschenden Klängen geschildert wird. Und dann eben diese Arie. Ich denke, würde diese Arie in einer „regulären“ Oper vorkommen, würde sie mich vielleicht gar nicht so vom Hocker reißen; was mich hier auch mitreißt ist sicher eben dieser Umstand, dass Wagner hier etwas für ihn untypisches macht, vielleicht war er selbst mitgerissen von diesen beiden Figuren, von dieser Situation …

      3.) Besonders effektvoll ist für mich die Stelle, an der das Schwert aus dem Stamm gezogen wird; baut das Orchester noch zu Siegmunds Worten eine spannende, drängende Stimmung auf, explodiert es förmlich in dem Moment, wo es aus dem Stamm gerissen wird – die Blechbläser schmettern einem im triumphierenden Dur (davor wurde das Motiv meist in Moll gespielt, s. Punkt 1) das Schwer-Motiv entgegen.
      Der ganze erste Akt ist eigentlich – wie ich finde, ebenfalls für Wagner eher untypisch – fast schon kammermusikalisch behandelt worden. Es dominieren die leisen Töne, die Streicher und Holzbläser. Bombast gibt es hier keinen … und daher wirkt das Herausziehen des Schwertes, nach fast einer Stunde Laufzeit, sicher umso effektiver.

      Aber auch hier spielt für mich persönlich wieder der Zusammenhang eine große Rolle: ich halte an sich nichts von Heldengeschichten, Rittersagen etc., und würde es hier beispielsweise um König Artus gehen, der das Schwert aus dem Stein zieht, wäre die Stelle für mich sicher nicht der Rede wert.

      Aber es geht um etwas ganz anderes: im ganzen ersten Akt hört man von den Schicksalen von Sieglinde und Siegmund, die beide ein schweres, hartes Leben hatten. Sieglinde wurde als Kind geraubt und an den brutalen Hunding verkauft, Siegmund war ständig alleine, fand keine Freunde und musste oft kämpfen. Nachdem man das alles gehört hat, und die beiden Geschwister endlich wieder vereint sind und mit dem jeweils anderen das gefunden haben, was ihnen gefehlt hat, bedeutet das Herausziehen des Schwertes nun endgültig, dass schönere, glücklichere Zeiten auf sie warten. Da wirkt dieser Bombast nicht oberflächlich, sondern irgendwie befreiend, nachdem fast den ganzen 1. Akt über in erster Linie bedrohliche oder traurige Töne zu hören waren.

      Doch, wie schon erwähnt, gibt es für mich im ersten Akt viele Stellen, die ich sehr schön finde, etwa das Cello-Solo, wenn es das Geschwisterliebe-Motiv spielt, oder andere Motive, die unterschiedlich instrumentiert eingeflochten werden.

      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Volle Zustimmung! Der erste Akt der Walküre ist auch mein Lieblingsakt von Wagner und gefällt mir auch besser als z.B. das Liebesduett am Ende von "Siegfried". Auch die sehr melancholische Musik zu Beginn des Aktes vor Hundings Ankunft gefällt mir besonders.

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Auch von meiner Seite volle Zustimmung.
      Wenn von Wagneropern ein einzelner Akt aufgeführt/aufgenommen wird bzw. wurde, ist es der erste Walkürenakt.

      Exemplarisch führe ich nur diese CD auf, ich könnte aber dutzende nennen:


      Eine Szene, die zu den besten der Walküre zählt und noch nicht erwähnt wurde, ist die Todverkündung im 2.Akt. Eine wunderbare Steigerung der Dramatik. (Erst sollen sie leise sein, um Sieglinde nicht zu wecken, und dann machen die so einen Lärm) :D

      Grüße
      Jürgen
    • Interessant finde ich ja, dass Wagner hier so "unkritisch" mit Siegmund und Sieglinde umgeht, da die beiden ja doch auch Geschwister sind. Mehr noch, er lässt Wotan hier sogar zu Fricka sagen "Stets Gewohntes nur magst du versteh´n" und auch "Unheilig acht´ ich den Eid, der Unliebende eint".

      Gleichzeitig ist es aber auch das einzige Paar im Ring, das sich wirklich liebt und gern hat.

      Das Paar Brünnhilde/Siegfried (die ja eigentlich Tante und Neffe sind) ist da schon anders, da gibt es auch mal Zankereien, vor allem aber ist das Ganze eigentlich arrangiert worden; Brünnhilde sollte von Siegfried befreit werden.

      Das sind völlig andere Vorraussetzungen als bei Siegmund/Sieglinde, die sich zufällig getroffen und verliebt haben.


      Und das Paar Wotan/Fricka ist ja sowieso unglücklich: Wotan geht fremd, Fricka keift nur herum.

      Wagner stellt es also m.E. so dar, dass, je weniger eine Verbindung von der Gesellschaft toleriert wird, die Liebe der beiden umso stärker und echter ist.


      Bernd Oberhoff schreibt in seinem psychologischen Opernführer etwas, was mir so gar nicht direkt aufgefallen ist. Er meint, dass das Verhältnis zw. Siegmund und Sieglinde sehr stark an das zwischen Mutter und Sohn erinnert.

      .)
      Siegmund kommt "nach Hause", wo sich die Mutter um die Verletzungen kümmert.

      .)
      Dann gibt Sieglinde ihm etwas zu essen, nippt aber vorher selbst daran - das erinnert an Mütter, die vorher probieren ob die Milch nicht zu heiß ist.

      .)
      Und schlußendlich gibt Sieglinde Siegmund seinen Namen - so wie eine Mutter ihrem Kind einen Namen gibt.

      Leider habe ich, trotz mehrmaligem Hören, immer noch nicht herausgefunden, ab welchem Zeitpunkt Sieglinde geahnt bzw. konkret gewusst haben wird, dass sie hier ihren Bruder vor sich hat.

      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Hallo Hosenrolle1,

      wie kommst du darauf, Siegmund und Sieglinde würden sich zufällig treffen? Mir scheint das alles von Wotan geplant zu sein; oder warum hätte er sonst das Schwert, das er für Siegmund bestimmt hat, in Hundings Haus platzieren sollen? Er muss gewollt haben, dass Siegmund und Sieglinde sich treffen.

      Als Grund vermute ich Folgendes: Durch die inzestuöse Verbindung mit Sieglinde, verletzt Siegmund endgültig die geltenden gesellschaftlichen Regeln und gerät durch die Liebe zu seiner Schwester in die Notsituation, sich (um diese zu verteidigen) gegen die herrschende Ordnung auflehnen zu müssen. Ehebruch und Inzest werden von den Göttern verhindert oder zumindest bestraft, wie wir aus dem Streit Wotan/Fricka erfahren. Dadurch, dass Siegmund nun gegen beides verstößt, erfüllt er das Kriterium des "freien Helden", den Wotan will: nämlich die Loslösung vom Göttergesetz, wie Wotan selbst im 2. Akt sagt. Ich würde daher so weit gehen, zu sagen, dass auch der Inzest von Wotan gewollt und geplant war.

      Ob die Beziehung Siegfried/Brünnhilde tatsächlich von Wotan geplant ist, würde ich eher bezweifeln. Die Idee hat eher Brünnhilde; Wotan wird wahrscheinlich erst nach der Walküre bewusst, dass Sieglindes Sohn derjenige ist, der Brünnhilde erwecken wird, und dass er durch ihn seinen Plan vielleicht doch noch erfüllen kann. Im dritten Walküre-Akt will er zumindest nichts mehr von Sieglinde und Siegfried wissen.

      Zur Mutter/Kind-Parallele: Mir scheint wichtiger, dass Sieglinde sich überhaupt um Siegmund kümmert; schließlich wurde er nach eigener Aussage bis dahin von allen gemieden und war ein Ausgestoßener. Da muss Sieglindes Hilfsbereitschaft ihn besonders beeindrucken. Ob sie da wie eine Mutter auftritt oder nicht, scheint mir für diese Szene eigentlich weniger bedeutend.

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • wie kommst du darauf, Siegmund und Sieglinde würden sich zufällig treffen? Mir scheint das alles von Wotan geplant zu sein; oder warum hätte er sonst das Schwert, das er für Siegmund bestimmt hat, in Hundings Haus platzieren sollen? Er muss gewollt haben, dass Siegmund und Sieglinde sich treffen.


      Da hast du natürlich Recht, das war unglücklich formuliert von mir. Dass die beiden sich treffen war auf jeden Fall geplant; ich glaube nur, dass es NICHT geplant war, dass die beiden sich auch verlieben, denn was hätte Wotan davon?
      Sein Plan war, so wie ich es verstanden habe, dass Siegmund dieser „freie Held“ ohne göttlichen Schutz das tut, was Wotan wegen seiner Verträge nicht kann, und dass er außerdem seine Schwester befreit.

      Als Grund vermute ich Folgendes: Durch die inzestuöse Verbindung mit Sieglinde, verletzt Siegmund endgültig die geltenden gesellschaftlichen Regeln und gerät durch die Liebe zu seiner Schwester in die Notsituation, sich (um diese zu verteidigen) gegen die herrschende Ordnung auflehnen zu müssen.


      Ich weiß nicht, ob Fricka nicht der Ehebruch von Sieglinde mehr stört, als „Hüterin der Ehe“, die sie ja ist.

      (Ich konnte nie verstehen, wenn manche Leute sagen, dass sie Fricka auch verstehen können, oder mit ihr Mitleid haben. Diese Figur findet es völllig in Ordnung, wenn Frauen gegen ihren Willen an brutale Männer verkauft und verheiratet werden, und meint, das auch noch behüten zu müssen. Vielleicht war es Wagners eigene Meinung, die er Wotan mit Sätzen wie "Unheilig acht´ich den Eid der Unliebende eint" in den Mund gelegt hat?)

      Ehebruch und Inzest werden von den Göttern verhindert oder zumindest bestraft, wie wir aus dem Streit Wotan/Fricka erfahren.


      Diesen Punkt möchte ich gleich noch ansprechen.

      Dadurch, dass Siegmund nun gegen beides verstößt, erfüllt er das Kriterium des "freien Helden", den Wotan will: nämlich die Loslösung vom Göttergesetz, wie Wotan selbst im 2. Akt sagt. Ich würde daher so weit gehen, zu sagen, dass auch der Inzest von Wotan gewollt und geplant war.


      Wie gesagt, das denke ich nicht, denn was hätte Wotan davon? Er wollte, dass Siegmund das Schwert findet und als freier Held auftreten kann. Was hätte er von dem Inzest? Wotan selbst erklärt Fricka, dass er Siegmund und Sieglinde menschliche Schicksale zugewiesen hat, dass beide ohne göttlichen Schutz waren. Und wenn Siegmund nun das für ihn bestimmte Schwert findet hätte er seinen "freien Helden" bereits.

      Ob die Beziehung Siegfried/Brünnhilde tatsächlich von Wotan geplant ist, würde ich eher bezweifeln.


      „Geplant“ ist sie nicht. Am Ende des 3. Aktes möchte Wotan Brünnhilde ja in einen Schlaf versetzen, und der nächstbeste Mann, der sie findet, soll sie dann zur Frau bekommen.

      Doch Brünnhilde kann ihm dann ins Gewissen reden: sie eröffnet Wotan, dass Sieglinde schwanger ist, dass sie einen neuen möglichen „freien Helden“, den er sich wünscht, zur Welt bringen wird. Der Name „Siegfried“ fällt nicht, jedoch spielt das Orchester unüberhörbar sein Motiv. Und Brünnhilde bittet Wotan darum, dass nur dieser sie befreien kann.

      Anders gesagt: sie zeigt Wotan, dass es doch noch eine Möglichkeit gibt, seinen Wunsch umzusetzen, nachdem das mit Siegmund nichts wurde.

      Wotan selbst sagt auch: „Denn einer nur freie die Braut, der freier als ich, der Gott!“, und vier Posaunen intonieren das Siegfried-Motiv. Wagner verwendet oft Leitmotive, um zu zeigen, was Figuren denken oder fühlen, selbst wenn sie etwas Widersprüchliches sagen, widersprüchlich handeln.

      Ich bin mir zu 100% sicher, dass Wotan zu diesem Zeitpunkt schon an das Kind von Sieglinde dachte. Wotan sucht immer nach Lücken in seinen Verträgen, um sich herauszuwinden. Und das nützt Brünnhilde und sagt ihm, dass es da noch eine Chance gäbe – nur müsse er dann dafür sorgen, dass NUR dieser eine Held sie befreien kann … und so lässt Wotan das Feuer entfachen, das Brünnhilde beschützen soll.

      Und hier möchte ich auf den vorletzten Punkt zurückkommen, denn interessanterweise tut Wotan hier etwas, was seiner Frau Fricka ebenfalls „das Hirn schwindeln“ lassen wird: er sorgt diesmal selbst dafür, dass Tante und Neffe (also wiedermal Verwandte) zusammenkommen.

      Um das nochmal zu verdeutlichen: wenn wir davon ausgehen, dass der Inzest zw. Siegmund und Sieglinde NICHT geplant war von Wotan, und Fricka sich deswegen schon so aufregt, wieviel mehr müsste sie sich dann aufregen, wenn sie wüsste, dass Wotan nun selbst dafür sorgt, dass so etwas erneut stattfindet?

      Einer der Gründe, wieso ich den 2. und 3. Akt nicht mag ist auch der, dass ich auch diesen Wotan nicht leiden kann. Er meint da einfach "Pfeiff auf die Wälsungen, lass mich in Ruhe mit denen" und interessiert sich nicht mehr dafür, was aus Sieglinde wird. Auch ein tolles Leben: zuerst als Kind geraubt werden, dann zwangsverheiratet, und dann schwanger alleine im Wald überleben müssen - und dann solll ich ernsthaft Mitleid mit WOTAN haben, weil er seine Tochter da verlassen muss, während ihm Sieglinde völlig egal ist?
      Da taucht er bei ihrer Hochzeit auf, stößt das Schwert in den Stamm etc., und macht ihr da Hoffnungen, und kaum taugen sie nicht mehr für seinen Plan, sind sie uninteressant für ihn. Erst als Brünnhilde andeutet, dass Sieglinde schwanger ist und ihr Kind der neue freie Held werden könne, sieht er wieder eine Chance SEINE Interessen durchzusetzen.



      Zur Mutter/Kind-Parallele: Mir scheint wichtiger, dass Sieglinde sich überhaupt um Siegmund kümmert; schließlich wurde er nach eigener Aussage bis dahin von allen gemieden und war ein Ausgestoßener. Da muss Sieglindes Hilfsbereitschaft ihn besonders beeindrucken. Ob sie da wie eine Mutter auftritt oder nicht, scheint mir für diese Szene eigentlich weniger bedeutend.


      Ich kann Oberhoffs Büchern wenig abgewinnen, doch finde ich andere Sichtweisen auch ganz interessant. Und gewisse Parallelen sind ja vorhanden, auch wenn sie nicht bedeutend sein mögen.

      LG,
      Hosenrolle1
    • Original von Hosenrolle1
      Einer der Gründe, wieso ich den 2. und 3. Akt nicht mag ist auch der, dass ich auch diesen Wotan nicht leiden kann. Er meint da einfach "Pfeiff auf die Wälsungen, lass mich in Ruhe mit denen" und interessiert sich nicht mehr dafür, was aus Sieglinde wird. Auch ein tolles Leben: zuerst als Kind geraubt werden, dann zwangsverheiratet, und dann schwanger alleine im Wald überleben müssen - und dann solll ich ernsthaft Mitleid mit WOTAN haben, weil er seine Tochter da verlassen muss, während ihm Sieglinde völlig egal ist?
      Da taucht er bei ihrer Hochzeit auf, stößt das Schwert in den Stamm etc., und macht ihr da Hoffnungen, und kaum taugen sie nicht mehr für seinen Plan, sind sie uninteressant für ihn. Erst als Brünnhilde andeutet, dass Sieglinde schwanger ist und ihr Kind der neue freie Held werden könne, sieht er wieder eine Chance SEINE Interessen durchzusetzen.


      Das schöne an dieser Dichtung ist ja, dass es schwarz/weiss nicht gibt. Wotan ist weder nur gut noch nur böse, nein er hat von Beidem etwas.
      Er steht für den typischen Vertreter der Macht, der erst Regeln aufstellt und danach aus Geld-/Machtgier versucht sich selbst nicht daran halten zu müssen.
      Das war sicherlich zu Wagners Zeiten so und das trifft gerade heute auf manche Politiker und Topmanager genauso zu.
      Das Benutzen & Fallenlassen (wenn nicht mehr benötigt) von Werkzeugen bzw. Personen ist ja auch ein Markenzeichen von eiskalten Machtmenschen.

      Bei der Einschätzung der Geschwisterliebe durch Wotan, ist Wagner ja ganz modern. Ich las kürzlich einen Artikel, der besagte, dass bei Geschwistern, die gemeinsam aufwachsen, eine Gefühlsblockade aufgebaut wird, die den Inzest verhindert. Wachsen sie getrennt auf (wie das Wälsungenpaar), kann sich diese Blockade nicht bilden.
      Medizinische Bedenken bzgl. Nachwuchs hingegen sind statistisch gesehen genauso riskant, wie das Rauchen o.Ä.

      Und der Standpunkt, dass allein die Liebe entscheiden soll, findet sich doch hierzulande in der modernen Gesetzgebung wieder. Fremdgehen/Ehebruch wird rechtlich nicht verfolgt und bei erlöschender Liebe gibt es das Instrument der Scheidung.
      Ausserdem nahm Wagner diesen Grundsatz für sich selbst sehr gerne in Anspruch :D

      Grüße
      Jürgen
    • Original von Hosenrolle1
      Und hier möchte ich auf den vorletzten Punkt zurückkommen, denn interessanterweise tut Wotan hier etwas, was seiner Frau Fricka ebenfalls „das Hirn schwindeln“ lassen wird: er sorgt diesmal selbst dafür, dass Tante und Neffe (also wiedermal Verwandte) zusammenkommen.

      Um das nochmal zu verdeutlichen: wenn wir davon ausgehen, dass der Inzest zw. Siegmund und Sieglinde NICHT geplant war von Wotan, und Fricka sich deswegen schon so aufregt, wieviel mehr müsste sie sich dann aufregen, wenn sie wüsste, dass Wotan nun selbst dafür sorgt, dass so etwas erneut stattfindet?


      Wenn man unter Inzest eine strafbewehrte Verbindung unter Blutsverwandten versteht, dann ist die Verbindung zwischen Brünnhilde und Siegfried kein Inzest. In Deutschland wäre eine Ehe mit diesem Verwandtschaftsgrad erlaubt und ich kenne auch kein anderes Land, in dem sie verboten wäre.
      Nur Geschlechtsbeziehungen zwischen Geschwistern und Eltern-Kindern-Enkeln sind in Deutschland verboten und in den meisten europäischen Ländern zumindest verpönt.
      Somit kann man unter europäisch geprägter Denkart zwar Frickas Entsetzen über die Vereinigung von Sieglinde und Siemund nachvollziehen, über Brünnhilde und Siegfried sollte sie sich aber nicht großartig aufregen. :wink

      VG, stiffelio
    • Original von Hosenrolle1
      Sein Plan war, so wie ich es verstanden habe, dass Siegmund dieser „freie Held“ ohne göttlichen Schutz das tut, was Wotan wegen seiner Verträge nicht kann, und dass er außerdem seine Schwester befreit.


      Ja, Wotan möchte verhindern, dass Alberich den Ring bekommt, kann aber selbst nicht gegen Fafner kämpfen, weil das Vertragsbruch wäre. Siegmund soll dies stattdessen tun. So habe ich es auch verstanden. Dass er seine Schwester befreien soll, geht aber eigentlich nicht aus dem Text hervor, im Gegenteil: das Schicksal Sieglindes scheint Wotan ja ziemlich egal zu sein. Das führt mich aber wieder zu der Vermutung, Wotan hätte die Liebesbeziehung der Wälsungen gewollt; das Schwert hätte er schließlich in jeden beliebigen Baum stecken können: er muss also gewollt haben, dass sich beide treffen und, da sein ganzes Handeln pragmatisch auf seinen persönlichen Vorteil hin ausgerichtet ist, ein konkretes Ziel damit verfolgt haben.

      Original von Hosenrolle1
      Wie gesagt, das denke ich nicht, denn was hätte Wotan davon? Er wollte, dass Siegmund das Schwert findet und als freier Held auftreten kann. Was hätte er von dem Inzest? Wotan selbst erklärt Fricka, dass er Siegmund und Sieglinde menschliche Schicksale zugewiesen hat, dass beide ohne göttlichen Schutz waren. Und wenn Siegmund nun das für ihn bestimmte Schwert findet hätte er seinen "freien Helden" bereits.


      Nur dadurch, dass Siegmund das Schwert besitzt und die Götter ihn nicht schützen, wird er noch nicht zum "freien Helden"; denn dieser ist jemand, der "sich löse vom Göttergesetz" und "der, entgegen dem Gott, für mich föchte", wie Wotan ihn selbst charakterisiert. Er muss also in einem Antagonismus zur göttlichen Ordnung stehen, da er ansonsten (als Geschöpf Wotans) Fafner nicht bekämpfen könnte; denn er wäre dann nur der verlängerte Arm Wotans.

      Diese "Loslösung" vom Göttergesetz erfolgt in dem Moment, in dem Siegmund Inzest und Ehebruch begeht, also gegen Regeln verstößt, die von den Göttern geschützt werden.

      Der Denkfehler Wotans besteht darin, dass ein Mensch der gegen die Götter handelt, sich gegen deren Zorn nicht verteidigen kann; deswegen gibt er ihm das Schwert, macht ihn so wieder von sich abhängig und schützt ihn, sodass erst Siegfried, der völlig ohne Zutun Wotans aufwächst, der "freie Held" sein kann.

      Original von Hosenrolle1
      (Ich konnte nie verstehen, wenn manche Leute sagen, dass sie Fricka auch verstehen können, oder mit ihr Mitleid haben. Diese Figur findet es völllig in Ordnung, wenn Frauen gegen ihren Willen an brutale Männer verkauft und verheiratet werden, und meint, das auch noch behüten zu müssen. Vielleicht war es Wagners eigene Meinung, die er Wotan mit Sätzen wie "Unheilig acht´ich den Eid der Unliebende eint" in den Mund gelegt hat?)


      Ich habe es auch immer so empfunden, dass Wotan hier Wagners eigene Meinung ausspricht. Die Liebe wird eigentlich in vielen seiner Opern als das Höchste gefeiert. Auch in Tristan und Isolde geht es um eine Liebe, die den äußeren Umständen (Isoldes Ehe mit Marke) entgegensteht. Der Satz "Unheilig acht´ich den Eid der Unliebende eint" könnte so ähnlich auch im Tristan stehen.

      Bei der Beurteilung Frickas muss man allerdings auch einbeziehen, dass sie eigentlich nichts tut, als die bestehende Ordnung zu verteidigen. "Stets Gewohntes nur magst du verstehn" sagt Wotan zu Fricka und das charakterisiert sie eigentlich recht gut. Für sie ist das Schicksal Sieglindes etwas völlig normales: Zwangsheirat war in der vormittelalterlichen bzw. mythischen Zeit der Edda, in der der Ring anscheinend spielt, sicher nichts ungewöhnliches. Sie kennt es nicht anders. Das Verhalten Siegmunds ist für sie daher ein Frevel, der bestraft werden muss. Ihr stärkster Antrieb ist jedoch die Eifersucht; sie will Wotan natürlich auch einen auswischen, weil er ihr sooft untreu war. Den Wälsungen steht sie alleine schon deshalb feindlich gegenüber, weil sie Wotans "Untreue zuchtlose Frucht" sind. So ist sie natürlich vor allem negativ dargestellt und Mitleid habe ich wahrlich nicht mit ihr, verständlich ist ihr Handeln aber irgendwie doch.

      Original von Hosenrolle1
      Ich bin mir zu 100% sicher, dass Wotan zu diesem Zeitpunkt schon an das Kind von Sieglinde dachte. Wotan sucht immer nach Lücken in seinen Verträgen, um sich herauszuwinden. Und das nützt Brünnhilde und sagt ihm, dass es da noch eine Chance gäbe – nur müsse er dann dafür sorgen, dass NUR dieser eine Held sie befreien kann … und so lässt Wotan das Feuer entfachen, das Brünnhilde beschützen soll.


      Da hast du mich überzeugt. :W Da hatte Wotan Siegfried wahrscheinlich schon im Sinn. Ich hatte noch die schroffe Reaktion Wotans in Erinnerung, als Brünnhilde Sieglinde und Siegfried erwähnt, und sein Einlenken dann darauf zurückgeführt, dass er von seinen Gefühlen für Brünnhilde übermannt wird; aber da denkt er wohl doch schon wieder rein politisch, passt also perfekt zu Jürgens Charakterisierung.

      Übrigens schön, dass ein weiterer Opernhörer zu uns gestoßen ist.

      Original von Jürgen
      Das schöne an dieser Dichtung ist ja, dass es schwarz/weiss nicht gibt. Wotan ist weder nur gut noch nur böse, nein er hat von Beidem etwas.


      Deswegen finde ich Wotan auch eine der interessantesten Opern-Figuren. Er macht eine lange Entwicklung durch und verstrickt sich bei dem Versuch, seine Macht zu erhalten, immer mehr in Widersprüche, bis er schließlich sogar seinen eigenen Untergang will.

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Amonasro ()

    • Das schöne an dieser Dichtung ist ja, dass es schwarz/weiss nicht gibt. Wotan ist weder nur gut noch nur böse, nein er hat von Beidem etwas.


      Da gebe ich dir völlig Recht, und doch ist er für mich keine Figur, mit der ich zu irgendeinem Zeitpunkt Mitleid hätte. Er lässt sich auf seiner Burg von der Tochter bedienen („Nie mehr sollst du mir Met reichen“, oder so ähnlich), nützt andere eigentlich nur für seine eigenen Zwecke und lässt sie für SEINE Fehler büßen.
      Nach seinem langen Monolog im 2. Akt, wo er seine Fehler eingesteht und selbst noch meint, dass er nur mehr „Das Ende, das Ende“ will, ist er plötzlich wie verwandelt und regt sich auf, dass Brünnhilde gegen seinen Willen gehandelt hat. Da ist es für ihn wiederum völlig in Ordnung, dass sie irgendeinem Mann dienen soll.

      Pahlen bemerkt auch richtig, dass Wotan wenig Gotthaftes an sich hat: er ist nicht allgegenwärtig, sonst müsste er Brünnhilde nicht verfolgen, er ist nicht allwissend, sonst wüsste er, dass Sieglinde schwanger ist, und er macht Fehler.


      Er steht für den typischen Vertreter der Macht, der erst Regeln aufstellt und danach aus Geld-/Machtgier versucht sich selbst nicht daran halten zu müssen.Das war sicherlich zu Wagners Zeiten so und das trifft gerade heute auf manche Politiker und Topmanager genauso zu.Das Benutzen & Fallenlassen (wenn nicht mehr benötigt) von Werkzeugen bzw. Personen ist ja auch ein Markenzeichen von eiskalten Machtmenschen.



      Sehr treffend beschrieben, und schon allein deswegen habe ich keinerlei Mitleid mit ihm, dass er Brünnhilde verlassen „muss“. Vielmehr bemitleide ich Sieglinde, die sich völlig schutzlos und allein im Wald durchschlagen muss – zuerst ein hartes Leben mit Hunding, dann ein hartes Leben alleine im Wald. Und Wotan kann wieder auf seine Burg gehen, und Brünnhilde weiß, dass sie von Siegfried befreit wird und ihr in der Zwischenzeit nichts passieren kann.


      Bei der Einschätzung der Geschwisterliebe durch Wotan, ist Wagner ja ganz modern.


      Ich wünschte, ich könnte hier zustimmen, aber leider ist es auch heute noch so, dass viele es schon befremdlich fänden, wenn zwei Geschwister auch nur Händchen haltend gehen würden, dass es da krasse Vorurteile und eine starke Ablehnung gibt.

      Bei anderen Themen wie der Homosexualität beispielsweise ist es ja nicht viel anders. Ich habe hier eine Kritik der Oper „Salome“ , von Adam Röder, aus dem Jahre 1906.

      „Wenn die Sadisten, Masochisten, Lesbierinnen und Homosexuellen kommen und uns ihre verrückte Geistes- und Empfindungswelt mit dem Anspruch, als Äußerungen der Kunst aufgefasst zu werden, vorsetzen, dann muss im Interesse der Gesunden dagegen eingeschritten werden. Die Kunst hat kein Interesse daran, die Schweinereien, die auf dem Boden der geschlechtlichen Verrücktheiten entstanden sind, zu heiligen. Da gilt nur der Ruf. Fort damit!“


      Heute würde ein Kritiker, der solches schreibt, zurecht Probleme bekommen, nein, man würde so eine „Kritik“ erst gar nicht abdrucken!
      Aber leider gibt es auch heute, über 100 Jahre später, immer noch massenweise Leute, die meinen, Homosexualität sei eine Krankheit, die heilbar ist, und solche Hetzreden wie diese Kritik gibt es heute leider genauso. Ich weiß nicht, ob die MENSCHEN heutzutage wirklich moderner geworden sind.


      Ich las kürzlich einen Artikel, der besagte, dass bei Geschwistern, die gemeinsam aufwachsen, eine Gefühlsblockade aufgebaut wird, die den Inzest verhindert. Wachsen sie getrennt auf (wie das Wälsungenpaar), kann sich diese Blockade nicht bilden.


      Das stimmt, das habe ich auch schon öfter gelesen und gehört. Es soll übrigens auch bei nicht-verwandten Kindern so sein, dass, wenn sie gemeinsam vom Sandkasten an aufgewachsen sind, normalerweise später kein Paar werden.

      Ich selbst bin ein Einzelkind, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass wenn man seinen Bruder oder seine Schwester nicht gekannt hat, und man sich das erste Mal trifft, etwas "Exotisches" an sich hat. Man hat keinerlei geschwisterliche Gefühle, da steht ein völlig fremder Mensch vor einem.


      Medizinische Bedenken bzgl. Nachwuchs hingegen sind statistisch gesehen genauso riskant, wie das Rauchen o.Ä.


      Da sprichst du ebenfalls etwas Gutes an!

      Ich bin natürlich nicht dafür, dass Geschwister Kinder zeugen, ob absichtlich oder unabsichtlich. Aber ich bin dafür, dass sich zwei erwachsene Menschen, die sich lieben, auch zusammen sein dürfen.
      Jean Cocteau schrieb einmal sehr treffend, dass man sich nicht in eine Idee von Liebe verliebt, sondern in einen Menschen. Und darum geht es doch.

      Und ich denke, dass der Staat sich nicht in das Liebesleben erwachsener Menschen einmischen sollte.

      Er verbietet ja, wenn man sich das Gesetzbuch anschaut, tatsächlich nur den Geschlechtsverkehr, genauer, die vaginale Penetration. Alle anderen sexuellen Handlungen, bei denen es keinen GV gibt, sind indes erlaubt, und damit auch kein Inzest für den Gesetzgeber.

      Es geht dem Staat also offenbar nur darum, dass da keine Kinder entstehen, wegen der Gefahr einer möglichen Behinderung.

      Und hier ist jetzt das große Problem: wenn es dem Staat um die Kinder geht, wieso verbietet er allen anderen Risikogruppen nicht ebenfalls, Kinder zu zeugen, Sex zu haben? Damit meine ich Raucher, Alkoholiker, Drogenabhängige, Behinderte, Erbkranke, Menschen ab 40, usw.
      Auch da besteht die Gefahr einer Behinderung, aber da ist es völlig legal. Es ist nur der Gruppe von Menschen nicht erlaubt, die für die Gesellschaft ganz tief unten sind – so sieht es aus, als ob das Strafrecht ein bestimmtes Moralempfinden der Mehrheit durchsetzen möchte.

      Das ist nur meine Meinung dazu, weil ich denke, dass man sich einfach in einen Menschen verliebt, und man nicht steuern kann, bei wem es „Klick“ macht und bei wem nicht.


      Das Schönste aber hier auf Erden
      ist lieben, und geliebt zu werden.

      (Wilhelm Busch)


      Ja, Wotan möchte verhindern, dass Alberich den Ring bekommt, kann aber selbst nicht gegen Fafner kämpfen, weil das Vertragsbruch wäre. Siegmund soll dies stattdessen tun. So habe ich es auch verstanden. Dass er seine Schwester befreien soll, geht aber eigentlich nicht aus dem Text hervor, im Gegenteil: das Schicksal Sieglindes scheint Wotan ja ziemlich egal zu sein.



      Nachdem aus seinem Plan nichts geworden ist, ist sie Wotan egal, jedoch war ER es ja, der das Schwert ausgerechnet in Hundings Haus hinterlassen hat. Siegmund sollte also genau dort hinkommen, und das Schwert an sich nehmen, beide Geschwister sollten sich wiederfinden und mit dem jeweils anderen einen Freund haben. Siegmund war immer ein Ausgestoßener, in Sieglinde soll er eine Freundin finden, eine Verwandte. Und Sieglinde hatte nur schlechte Erfahrungen mit Männern, und Siegmund ist jemand der GEGEN die Zwangsehe ist (das weiß sie aufgrund der Erzählung Siegmunds) und für sie da wäre.

      Davon abgesehen erzählt Sieglinde ja auch, wie Wotan am Tag ihrer Hochzeit kam, und wie der Fremde mit dem einen Auge ihr mit seinem Blick Mut machte – das spricht m.E. schon dafür, dass sie ihm zu dem Zeitpunkt noch nicht egal war.
      Deswegen die Frage: wenn Siegmund seine Schwester nicht befreien soll, wieso hat Wotan dann das Schwert ausgerechnet bei ihr versteckt?


      Das führt mich aber wieder zu der Vermutung, Wotan hätte die Liebesbeziehung der Wälsungen gewollt; das Schwert hätte er schließlich in jeden beliebigen Baum stecken können: er muss also gewollt haben, dass sich beide treffen und, da sein ganzes Handeln pragmatisch auf seinen persönlichen Vorteil hin ausgerichtet ist, ein konkretes Ziel damit verfolgt haben.Nur dadurch, dass Siegmund das Schwert besitzt und die Götter ihn nicht schützen, wird er noch nicht zum "freien Helden"; denn dieser ist jemand, der "sich löse vom Göttergesetz" und "der, entgegen dem Gott, für mich föchte", wie Wotan ihn selbst charakterisiert. Er muss also in einem Antagonismus zur göttlichen Ordnung stehen, da er ansonsten (als Geschöpf Wotans) Fafner nicht bekämpfen könnte; denn er wäre dann nur der verlängerte Arm Wotans.Diese "Loslösung" vom Göttergesetz erfolgt in dem Moment, in dem Siegmund Inzest und Ehebruch begeht, also gegen Regeln verstößt, die von den Göttern geschützt werden.



      Das macht Sinn, da bin ich bei dir, aber ich habe noch mein Problem mit dieser Theorie; Wotan hat ja alles sehr genau geplant, immerhin steht ja SEIN Schicksal (und das der Götter) auf dem Spiel. Er hat also diese Wälsungen gezeugt, hat da jahrelang mit Siegmund gelebt, hat dieses Schwert bei Sieglinde versteckt, usw.
      Das sind alles Dinge, die Wotan selbst „steuern“ konnte.

      Aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Siegmund und Sieglinde sich sofort ineinander verlieben und dann auch noch miteinander schlafen? Noch dazu innerhalb von weniger als eineinhalb Stunden?
      Die Gefahr, dass DAS nicht hinhaut, wäre doch eigentlich viel zu groß für Wotan, um das Schicksal davon abhängig macht.

      Ich denke momentan schon noch, dass es genügt, dass Siegmund keinen göttlichen Schutz bekommen hat, und dass er dieses Schwert findet – das war es ja, was er wollte, lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen :wink.
      Ich glaube, dass der Inzest zufällig passiert ist, was Wotan aber nicht weiter stört, eher egal ist. Das Wichtige ist nämlich schon passiert: Siegmund hat das Schwert gefunden (und seine Schwester auch gleich befreit).


      LG,
      Hosenrolle1
    • Original von Hosenrolle1
      Pahlen bemerkt auch richtig, dass Wotan wenig Gotthaftes an sich hat: er ist nicht allgegenwärtig, sonst müsste er Brünnhilde nicht verfolgen, er ist nicht allwissend, sonst wüsste er, dass Sieglinde schwanger ist, und er macht Fehler.


      Die "Götter" haben im Ring tatsächlich wenig Gotthaftes an sich. Zu den von dir aufgeführten Punkten, könnte man noch ergänzen, dass sie weder unsterblich noch ewig jung sind (ohne Freias Äpfel beginnen sie direkt, stark zu altern). Auch ist Wotans Herrschaft allein von Verträgen abhängig, die er einst geschlossen hat: Er ist also mehr eine Art konstitutioneller Monarch, dessen Macht doch recht eingeschränkt ist. Dieser Aspekt wurde meines Wissens auch des öfteren politisch gedeutet (zumindest habe ich so etwas schon gelesen): In der Anfangszeit der Arbeit am Ring (als Wagner sich noch bei Aufständen und Straßenbarrikaden beteiligte) ging er davon aus, eine neue, "bessere" Weltordnung sei auch unter Einbeziehung der Monarchen möglich; der Ring sollte damals mit der Wiederherstellung von Wotans Macht enden. Später ließ er die Götter untergehen, was von einigen darauf zurückgeführt wird, dass Wagner sich schließlich von der Monarchie völlig abwandte (nur theoretisch natürlich, das Geld von Ludwig II. blieb ihm trotzdem willkommen :wink).

      Interessant ist, dass die Götter sich im Ring beharrlich als "Ewige" bezeichnen, bzw. ihre Handlungen und Eigenschaften mit "ewig" charakterisieren; das führt dann oft zu in sich widersprüchlichen Sätzen (z.B. "dann noch einmal - zum letztenmal - lächelte ewig der Gott").

      Original von Hosenrolle1
      Aber wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Siegmund und Sieglinde sich sofort ineinander verlieben und dann auch noch miteinander schlafen? Noch dazu innerhalb von weniger als eineinhalb Stunden? Die Gefahr, dass DAS nicht hinhaut, wäre doch eigentlich viel zu groß für Wotan, um das Schicksal davon abhängig macht.


      Nun, mit dem Zufall ist es im Ring sowieso so eine Sache: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Siegmund überhaupt die Höhle Fafners findet, ja überhaupt auf die Idee kommt, gegen Fafner zu kämpfen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Siegfried jemals am Walkürenfelsen vorbeikommt, sodass er Brünnhilde erwecken kann? Wotans Pläne hängen eigentlich hauptsächlich vom Zufall ab; und nicht nur seine: Was wäre aus Hagens hinterhältigen Plan geworden, wenn Siegfried nicht zufällig die Gibichungenhalle besucht hätte, und das bereits wenige Minuten später.

      Original von Hosenrolle1
      Ich denke momentan schon noch, dass es genügt, dass Siegmund keinen göttlichen Schutz bekommen hat, und dass er dieses Schwert findet – das war es ja, was er wollte, lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen. Ich glaube, dass der Inzest zufällig passiert ist, was Wotan aber nicht weiter stört, eher egal ist. Das Wichtige ist nämlich schon passiert: Siegmund hat das Schwert gefunden (und seine Schwester auch gleich befreit).


      Das ist wie gesagt nur meine persönliche Interpretation, auch ich lasse mich da gerne von anderen Sichtweisen überzeugen. Letzlich ist es aber auch gar nicht so wichtig, denn das Ergebnis ist das gleiche: Wotan weigert sich (zunächst), gegen den Inzest vorzugehen.

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Original von Fairy Queen
      Für mich sind Wagners schönste Stellen alle die, wo nicht gesungen wird, also vor allen Dingen die Ouvertüren und Vorspiele.

      Für mich auch, größtenteils. Wenn es mit Gesang sein soll, dann die Gralserzählung aus Lohengrin. Die hat bisher noch niemand hier bei seinen Favoriten erwähnt, was auch immer das bedeuten mag ?(. Aber ich stehe zu meiner Auswahl :P.

      LG, Rk
    • Meine Güte, da gibt es so viele. All die Momente, in denen die Sänger sich aufschwingen, sich verschwenden, dann die lyrischen, zarten, die es ja nun weiß Gott bei Wagner auch zuhauf gibt, die großen Tableaus, bestimmte 'Arien', die Vorspiele usw.

      Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Jedenfalls ist die Liste ohne Wertung.

      - Rienzi: Vorspiel I. Akt und Gebet des Rienzi, dieses mit Max Lorenz.
      - Holländer: Finale I. Akt, Finale Spinnlied der Senta, Duett Erik-Senta, Duett Holländer-Senta, Finale III. Akt
      - Lohengrin: Vorspiel II. Akt, Duett Elsa-Ortrud (Schwarzkopf-Ludwig), Finale II. Akt (Kempe-Aufnahme)
      - Tannhäuser: 'Erbarm dich mein' und Finale II. Akt (Lorenz und Maria Reining), Gebet der Elisabeth
      - Tristan: Vorspiel I. Akt, 'Einsam wachend in der Nacht' (Ludwig), Fieberwahn des Tristan (Lorenz), 'Liebestod' (Flagstad)
      - Meistersinger: (eigentlich jeder Ton ;) ), Vorspiel I. Akt, Choral, Monolog des David, Monologe des Sachs, Arien des Stolzing, 'Prügelfuge', Quintett :down :down :down
      - Parsifal: Vorspiel I. Akt, Duett Kundry-Parsifal, Verwandlungsmusik, Karfreitagsaue, 'Nur eine Waffe taugt'
      - Rheingold: Vorspiel I. Akt, Erda-Szene, Finale
      - Walküre: 'Winterstürme', 'Der Männer Sippe', Todesverkündung, Wotans Abschied
      - Siegfried - 'Aus dem Wald fort in die Welt ziehn', Vorspiel II. Akt, Waldweben, Monolog des Siegfried, Duett Erda-Wanderer
      - Götterdämmerung: Duett Brünnhilde-Siegfried (Florence Austral-Walter Widdop oder Astrid Varnay-Max Lorenz), Rheinfahrt, Waltrautenszene (Ludwig), Siegfrieds Tod, Trauermarsch, Schlussgesang

      Ganz schöne Menge und ich befürchte, ich habe noch ordentlich was vergessen. :D

      :hello Falstaff