Schumann: Fantasie C-Dur Op. 17 - 'An die ferne Geliebte'

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    • Schumann: Fantasie C-Dur Op. 17 - 'An die ferne Geliebte'

      Die Fantasie bedeutete in der Musik immer etwas besonderes, eine Intensivierung der Ausdrucksmittel. Schon Johann Adam Reincken und Dietrich Buxtehude benutzten den sog. 'Stylus phantasticus', darin verdichteten sich sowohl ihre formal-kompositorischen Techniken als auch das Experimentieren mit dem Klang als solchem. Fantasie hat also auch mit 'Phantastik' zu tun. Außermusikalische Bezüge haben immer eine Rolle gespielt. Sei es literarischer oder biographisch-persönlicher Art. Denken wir an Beethovens Sonatenpaar Op. 27, (die Erste ist die 'Mondschein'), welche jeweils als Sonata quasi una Fantasia überschrieben sind.

      Robert Schumanns Fantasie C-dur Op. 17 entstand zu einem Zeitpunkt (1836), zu dem er sich in einer tiefen seelischen Krise befand. Der Kopfsatz wurde vom Komponisten später als 'eine tiefe Klage um Clara', von der er zu dem zeitpunkt getrennt war, bezeichnet. :( In seiner großen Veranlagung ist das Werk Beethoven verpflichtet. Schumann benutzt hier ein Zitat, auf das noch eingegangen wird. Die Fantasie ist dann tatsächlich Franz Liszt gewidmet, der sich für ein Beethoven-Denkmal einsetzte, welches dann 1845 in Bonn errichtet wurde.

      'Durchaus phantastisch und leidenschaftlich vorzutragen': Diese Anweisung für den ersten Satz könnte als Anweisung über der gesamten Komposition stehen. Wem die Leidenschaft bestimmt ist, hört man nach wenigen Takten. Das raumgreifende Thema lässt zum ersten Mal deutlich die berühmte Schlussmelodie aus Beethovens Liederzyklus 'An die ferne Geliebte' anklingen. Die Fantasie ist vor allem im ersten der drei Sätze durchzogen von innerer Unruhe und plötzlichen Stimmungswechseln, hin- und hergerissen zwischen Auftrumpfen, Suchen, lyrischem Verweilen und plötzlichem Vorwärtsdrängen. Charakteristisch ist die Verwendung synkopierter Rhythmen. Zusammengehalten wird diese 'phantastische Mixtur' durch eine an die Sonatenform angelehnte Dreiteiligkeit sowie das immer wieder anklingende Beethoven-Zitat.

      'Mäßig. Durchaus energisch': Der zweite Satz setzt der Kurzatmigkeit des ersten immer wieder zurückgehende und dann neu aufbauende Steigerungen entgegen, die ganz am Schluss zu einem in der Klavierliteratur einmaligen Höhepunkt kulminieren. Medizinisch formuliert ist die 'Fieberkurve' des Satzes der des ersten entgegengesetzt: Während der erste von der Aufregung zur Ruhe findet, entwickelt sich dieser von der Stabilität bis zum fulminanten Schluss. Die beinahe ständigen Synkopen des ersten Satzes finden sich vor allem im Mittelteil in verstärkter Form wieder. Bei den berühmten und gefürchteten Sprüngen am Ende des Satzes dienen pianistischer Schwierigkeitsgrad und Dynamik unmittelbar dem Ausdruck.

      'Langsam getragen. Durchweg leise zu halten': Der letzte Satz ist wohl einer der schönsten langsamen Sätze in der Klaviermusik. In durchgehender Triolen-Bewegung begibt er sich zweimal ganz allmählich zu einem choralartigen Thema. Die Konflikte des ersten Satzes klingen allenfalls weit entfernt an. Insgesamt strahlt er vor allem große Ruhe und Harmonie aus. Eine Ruhe, die an neurochirurgische Operationen im High-End-Bereich erinnert ! :cool Besonders wirkungsvoll sind eine ganze Anzahl von sog. Trugschlüssen.



      Ich habe im Laufe der Zeit wirklich viele Interpretationen des Werkes auf Tonträger gehört und mindestens zweimal live erlebt. Auch hier muss ich gestehen, dass ich eigentlich keine schlechte Interpretation kenne. Herausragend sind für mich jedoch drei, das sei vorweggenommen, ich werde mich jedoch noch klarer dazu äußern: W. Kempff, A. Perl und E. Melik-Aslanian. :down

      An alle Schumann Freunde, siamak :engel

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von AcomA ()

    • RE: Fantasie C-Dur Op. 17 - 'An die ferne Geliebte'

      Lieber Siamak ,
      liebe Schumann - Freunde !

      Es ist in diesem Beitrag von Dir , Siamak , alles Wesentliche geschrieben worden und ohne auf Einzelheiten im Notentext ( ich habe die Henle-Ausgabe ) einzugehen . :down : :down :down !

      Über Interpretationen kann man wie fast immer trefflich streiten .

      Deine letztgenannte kenn eich nicht . Aber Du bist sicherlich so freundlich und teilst uns das Label mit , auf dem sie erschienen ist . Danke .

      Eine Idelainterpretation muss allen von Dir oben genanten Kriterien gerecht werden . Ein schwieriges Unterfangen . Zumal diese fast jenseitige Ruhe , diese Poesie im letzten Satz voraussetzt , dass ein Interpret diese innere Ruhe auch hörbar machen kann und in den mit Leidenschaft , Temperament und hochvirtuosem Können in den ersten beiden Sätzen auch im Sinne ders notentextes und der Vorgaben Schumanns spielt , gespielt hat .

      Auch ich möchte drei Aufnahmen nennen ohne dass diese Aufzählung ein ranking wäre :

      1. Sviatoslav Richter ( EMI ) - noch besser war sein echter Livemitschnitt vom November 1979 in D - Leverkusen ; ebenfalls EMI , der seinerzeit überragende Kritiken bekam und skandalöserweise von den Machern bei EMI gestriche n worden ist - ;

      2. Martha Argerich ( EMI ) . Ihr gelingt es - für mich keineswegs überraschend - auch den letzten Satz mit dieser Ruhe zu interpretieren . Hier fegt sie nicht durch den Notentext , was ihr besonders Joachim Kaiser so übel nimmt bei ihren Schumannaufnahmen .

      3. Alexis Weissenberg ( EMI ; LP ) . ich halte diese Studioaufnahme für die beste Aufnahme überhaupt . Es gibt von Weissenberg auch Konzertmitschnitte auf CD , die aber nicht autorisiert sind .

      Beste Grüssse , Frank
    • Lieber Siamak, lieber Frank, liebe Schumann-Gemeinde!

      Herzlichen Dank für diesen schönen Beitrag! :)

      Ich habe bislang nur eine kurze Biographie von Robert Schumann gelesen (Frank wollte gelegentlich noch ein paar Literatur-Hinweise geben!), aber selbst die wenigen Auszüge aus Briefen, die zwischen Robert und Clara gewechselt wurden, lassen erahnen, wie sehr dieser großartige Komponist gelitten haben muss.

      Du hast ja bereits geschrieben, dass die Fantasie auf Anregung von Liszt komponiert wurde, aber Schumann selber schreibt an Clara: Es ist nur ein einziger Liebesschrei nach dir… Der erste Satz davon ist wohl mein Passioniertestes, was ich je gemacht – eine tiefe Klage um Dich. Schumann ist in großer Verzweiflung, weil Clara sich scheinbar dem Willen des übermächtigen Vaters gebeugt hatte. Sie hatte Robert nicht nur einen vom Vater diktierten Abschiedsbrief geschrieben, sondern auch seine Briefe zurück gesandt. :(

      Schumann versucht resignierend, Clara aufzugeben. Aus dieser Zeit stammt die Fantasie op. 17. Sie ist charakterisiert durch Schmerz, Verzicht und Hoffnung. Überschrieben ist sie mit einer Strophe von Friedrich Schlegel:

      Durch alle Töne tönet
      Im bunten Erdentraum
      Ein leiser Ton gezogen
      Für den, der heimlich lauschet.

      Soweit dazu, nun zu der klingenden Umsetzung. Ich besitze lediglich zwei Aufnahmen: Zum einen Wilhelm Backhaus (1937). Die Aufnahme ist gut restauriert worden, die Interpretation klingt mir etwas zu forsch, aber insgesamt gar nicht schlecht.

      Zum anderen natürlich wieder Sviatoslav Richter (1961) – Frank hat oben auch schon darauf hingewiesen. Ich will hier gar nicht viel dazu schreiben, aber ich finde sie sehr gut. Der von Siamak beschriebene Höhepunkt des 2. Satzes wird ganz beachtlich dargeboten, der 3. Satz wird sehr verinnerlicht gespielt (etwas mehr „Ruhe“ würde ich mir vielleicht wünschen). Trotzdem bin ich gespannt auf Siamaks und Eure Hinweise.

      Gruß, Cosima
    • Fantasie C-Dur Op. 17

      Liebe Cosima ,
      die Literaturhinweise habe ich nicht vergessen . Die Literatur zu Robert Schumann ( und auch Clara ) hat sich in den letzten Jahren s e h r gewandelt . Die sbelegen die Bände zur Robert - Schumann - Forschung . Die überlange Zeit eines Herrn Bötticher ( er lehrte übrigens in Göttingen ) sind vorbei .
      Dringend abraten würde ich von allen Büchern von Frau Weissweiler ( mit der Mutter im Schlepptau ) .

      ich persönlich mag sorgfältig geschrieben Werke , die eben meine Meinung n i c h t wiedergeben , weil ich daraus natürlich mehr lernen kann als wenn ich meine eigenen Aufzeichungen durchlese .
      Also : der in Bael an der Psychiatrischen Uni-Poliklinik tätige Udo Rauchfleisch hat sich vor allem in seinem ersten der beiden Bücher grosse Verdienste erworben , sich Schumann "annähern" ( so Rauchfleich selbst ) zu wollen .
      Ein sorgfältiges Werkregister muss hervorgehoben werden .
      F a l s c h aus meiner Sicht sind praktisch alle Deutungen psychoanalytischer Sicht zu Schumanns Krankheit ( noch im wahrsten Sinne verwirrter sind die Ausführunge von Eva Weissweiler ! ) und den Zusamenhang der für Rauchfleich sicher besteht zwischen den angeblichen krankheiten Schumanns und seinen Kompositionen . Leider stammt der Satz nicht von mi r, aber er enthält viel Wahrheit:"Psychoanylse ist ein Symptom der Krankheit , für deren Therapie sie sich ausgibt !" .
      Dennoch rate ich Dir , beide Bücher zu kaufen , damit Du Dir selbst ein Bild machen kannst . Rauchfleichs konzeptionelle Logik geht wie bei fast allen Deutungskünstlern auf ( es gibt noch andere Bücher von ihm , die ich kenne und durchaus auch aufmerksam lese . ) . Das zweite der Bücher setzt sich dann vorallem mit Robert Schumanns Spätphase und seiner zeit in der Klinik in Endenich auseinander .
      Pronblem ist , dass man sich mit der geschicht eder Psychiatrie ab etwa 1700 auskennen muss , um zu wissen wie und warum Schumann damals (!!!) so behandelt worden ist und behandlet werden musste .
      Es gab keine Psychopharmaka , keine neurolgisch-psychiatrische Intensivmedizin wie heute an den renommierten Kliniken . Siamak wird Dir dies aus seiner Zusammenarbeiot etwa mit dem neurologie-Chef in Essen , Herrn Prof. Diener , und seiner eigenen Klinik eingehender in der Grundkonzeption erläutern könne n . Wir gehen ja heut etäglich mit einer telemterischen Medizin um ; diese ist aus der Patientenversorgung gar nicht mahr wegzudenken .

      Bei Robert Schumann gab es eben alle diese Entdeckungen der letzten 50 Jahre eben nicht .

      und ich habe 1997 noch eine sehr erfahrene Neurologin nach der heutigen Problematuik der sog. Paralytiker gefragt . Es gibt sie noch immer und sehr zahlreich .

      Heut esind wir in der Lage bis zu einem gewissen Stadium eine Syphilis mit einer restitutio ad integrum zu therapieren . Zu Schumanns Zeiten war dies eben nicht möglich . ( Galt j aauch für Schubert oder Beethoven ) . Erst die Entdeckung der Antibiotika hat dies möglich gemacht . dass diese wissenschaftliche Entwicklungsreise möglichweise zu Ende ist , dies hat der renommiert eAntibiotikaforscher Prof. W. Stille noch im Jahr seines Todes 2004 im Vorwort zu seinem Standartwerk "Antibiotikatherapie" geschriebn . Auch wenn es einen selbst beklemmt . Heute gibt es eigene Fachabteilungen für Infektiologie ( so heisst das Gebiet richtig ) in fürhrenden Kliniken . Dies wurde schon vor 30 Jahren zu meiner Studienzeit in einem der führenden Lehrbücher der Chirurgie , dem "Allgöwer" ( heute von prof.Siewert herausgegeben ) gefordert . In internationalen satellittenkonferenzenüber Antibiotika-Therpie und -forschung hat der Zürcher Ordinarius für Innere Medizin Prof. W. Siegenthaler dies alles schon formuliert .

      Also : Wir könne den naktuellen Forschungsstand n i c h t auf die Zeit von Dr. Richarz als Leiter der Klinik in Endenich , wo Schumann hingebracht wurde , übertragen .

      Solltest Du innteressehalber Dir ein Buch über die geschicht eder Psychiatrie ausleihen oder kaufen wollen , dann n i c h t das vo rkurzem erschienene unter Mitarbeit von Prof. R. Tölle ( früher Münster / Westf. ) . Es ist ganz vieles falsch ! Die beste Übersicht , das reicht völlig , gibt das Lehrbuch von Prof. Hans-Jürgen Möller et al. "Psychiatrie " , Duale Reihe , 3. A , 2005 .

      Weitere Literaturhinweise folgen .

      Beste Grüsse , Frank

      PS.: Ich habe Deinen Beitrag über Geogres C z i f f r a gelesen und werde ihn aus meiner Sicht beantworten .ich danke Dir s e h r dafür , weil Cziffra leider in Deutschland , wie übrigens Sergey Rachmaninov , systematisch durch Joachim Kaiser und zum Teil auch Peter Cossé niedergemacht worden ist . Also nochmals , liebe Cosima : Herzlichen Dank ! F.
    • Ich möchte mich an dritter Stelle dann endlich auch bei Siamak bedanken :down! Ein Dankeschön auch an Cosima für ihre Anmerkungen zum biographischen Hintergrund! Kontrovers könnte es wohl höchstens noch bei der Frage nach den besten Einspielungen der Fantasie zugehen ... Ich bin erfreut, in Siamaks Einführung den Namen W. Kempff zu sehen, von dem mindestens 4 Aufnahmen dieses Werks existieren. Bei Perl muß ich schon passen, und bei Melik-Aslanian wir alle wahrscheinlich. Frank hat sicher mit Recht Richter in die Diskussion gebracht. Das Aufnahme von einem Leverkusener Konzert vom Dez. 1979 ist allerdings nicht bei EMI erschienen, sondern bei Philips (4384772), in völlig barbarischer Weise hat man den dritten Satz abgetrennt und in der bekannten "Essential Richter"-Box alleinstehend veröffentlicht. Ich besitze auch die vielerorts hochgelobten Pollini (DG Originals) und Perahia (damals CBS), für mich beide keine Spitzenkandidaten. Ich halte aber sehr viel von Curzons Einspielung bei Decca. Vielleicht am meisten.

      Gruß,

      Zelenka
    • Fantasie C-Dur Op. 17

      Lieber Zelenka ,

      ich habe die Aufnahme mit Sir Clifford ( Curzon ) . Er spiel tmir zu domestiziert , zu kammermusikalisch . Nichts für den grossen Konzertsaal , sondern für eine kleinen Saal , etwa den in der Alten Oper in Franfurt / Main .

      Einne sehr herben Schumann spiel tAnnie Fischer ( Hungaroton un d BBC Legends ) . Ich konnte sie als Schüler noch erleben : Sensationell , tief bewegend .

      Welche Kemppf - Aufnahme meinst Du ? Ich besitze nur eine Interpretation.

      Viele Grüsse , Frank
    • RE: Fantasie C-Dur Op. 17

      Original von Ganong
      Lieber Zelenka ,

      ich habe die Aufnahme mit Sir Clifford ( Curzon ) . Er spiel tmir zu domestiziert , zu kammermusikalisch . Nichts für den grossen Konzertsaal , sondern für eine kleinen Saal , etwa den in der Alten Oper in Franfurt / Main .

      Einne sehr herben Schumann spiel tAnnie Fischer ( Hungaroton un d BBC Legends ) . Ich konnte sie als Schüler noch erleben : Sensationell , tief bewegend .

      Welche Kemppf - Aufnahme meinst Du ? Ich besitze nur eine Interpretation.

      Viele Grüsse , Frank


      Ich habe im Prinzip nichts gegen einen intimeren Saal. Annie Fischer klingt interessant. - Die Kepff-Aufnahmen, die ich gemeint habe:


      Kempff (1957)DG Original Masters 4743932
      Kempff (1958) Orfeo Orfeo d'Or Salzburger Festspiele, Festspieldokumente C570011B
      Kempff (1969) BBC Legends BBCL40852
      Kempff (1972) DG 4350452

      Gruß,

      Zelenka
    • Lieber Frank,

      vielen Dank für die ausführlichen Literatur-Hinweise! Udo Rauchfleisch werde ich mir vormerken. Zunächst war ich etwas skeptisch, eine Biographie in Form einer psychoanalytischen Annäherung zu lesen. Dann fand ich ein Zitat von Rauchfleisch. Er meint, dass in anderem Schumann-Schrifttum sich zu häufig Tendenzen finden lassen, die zu einer nicht gerechtfertigen Pathologisierung neigen, da sie quasi das ganze Werk Schumanns unter dem Aspekt seiner Erkrankung sehen. Insofern denke ich, dass Rauchfleisch sicher lesenswert sein wird.


      Lieber Zelenka,

      besagten 3. Satz aus 1979 von Richter kenne ich auch, nannte ihn aber absichtlich nicht, da es wirklich unfassbar ist, dass man ihn aus dem Zusammenhang gerissen hat. Ich habe ihn gerade noch einmal gehört. Er strahlt m.E. etwas mehr Ruhe aus und liegt damit vielleicht näher an Schumanns Vortragsanweisung („langsam getragen“), aber ich vermisse die Intensität der älteren Aufnahme. Man muss die ganze Aufnahme hören, um sich ein Bild machen zu können.

      Zu Kempff: Seltsamerweise ist das ein ähnlich gelagerter Fall wie mit Brendel. Ich lernte Kempff relativ früh kennen, aber er begeisterte mich nicht so recht. Ich besitze, außer den vier Beethoven-Sonaten und einigen kleineren Klavierstücken vom gleichen Komponisten, auch sonst nichts mehr mit ihm. Aber Brendel hat mich mit den Diabelli-Variationen ja auch sehr überrascht, vielleicht wird es in diesem Falle ähnlich sein. Schreib doch bitte noch etwas zu den einzelnen Aufnahmen.

      Gruß, Cosima
    • RE: Fantasie C-Dur Op. 17

      Lieber Zelenka,

      ich habe Wilhelm Kempff zweimal zwischen 1971 und 1973 live erlebt . Ein grosser Pianist im Kopnzertsaal .
      Seine CDs (!) finde ich ( bedingt durch die Technik ? ) enttäuschend gegenüber den Liveeindrücken und den LPs .

      Daher auch meine vielleicht etwas nostalgieforme Liebe für den späten Kempff .

      Ich muss noch einmal auf Matthias Kornnemann hinweisen und meine langen Schriftwechsel und persönliches Treffen : MK bleibt für mich das poasitive Beispiel , das ein wirklich guter , sachkundiger Rezensent seine Meinung tatsächlich ändert , wenn er eine ihm bis dahin unbekannte Aufnahme hört und wiederhört . ich meine Wilhelm Backhaus' New Yorker Beethoven aus der "Pianistenedition" bei Philips . Das ist wirklich nachlesenswert . warum er in seinem serh ausführlichen beethoventext ( 2001/2002 ; Düsseldorf ) zu den Beethoven-Sonaten ( anlässlich der Abende von Buchbinder ) dann dies alles wieder "vergessen" zu haben scheint , ist mir völlig unverständlich . Dann hätte Mk bei sich selbst abschreiben sollen !

      Viele Grüsse , Frank
    • Fantasie C-Dur Op. 17 -'An die ferne Geliebte'

      Liebe Cosima
      Rauchfleisch neigt natürlich auch ( extrem ) dazu , zu "pathologisieren" . Er ist eben der Schule Bleulers in vollem Umfang verpflichtet , und die hatte bekanntlich schon untre Eugen Bleuler die Psychoanalyse vbon C. G. Jung (!) interessenhalber in seine therapeutischen Strategien einbezogen . Wie man weiss : Erfolglos . und so ist es bis heute geblieben . Dennoch . Zwei interessante Bücher , wenn man auch die Gegenposition etwa von prof. Gruhle berücksichtigt .
      Das kleine Buch von professor T. Payk ( Bonn später Bochum ) geht , der Schneiderschen Schule wohl verpflichtet wie U.R. davon aus , dass Schumann an einer Schizophrenie gelitten haben soll .
      Alles Gute, Frank
    • RE: Fantasie C-Dur Op. 17

      Original von Ganong
      Lieber Zelenka,

      ich habe Wilhelm Kempff zweimal zwischen 1971 und 1973 live erlebt . Ein grosser Pianist im Kopnzertsaal .
      Seine CDs (!) finde ich ( bedingt durch die Technik ? ) enttäuschend gegenüber den Liveeindrücken und den LPs .

      Daher auch meine vielleicht etwas nostalgieforme Liebe für den späten Kempff .

      Viele Grüsse , Frank


      Lieber Frank:

      Ja, es ist schade, daß die Techniker der Deutschen Grammophon in den 60ern und 70ern nicht dasselbe Händchen für Klavieraufnahmen hatten wie ihre Kollegen bei Philips. Nicht mehr zu ändern. Seine Aufnahmen aus den 50ern klingen trotz Mono oft besser. Daß Du Kempff noch spielend erlebt hast, macht mich natürlich grün vor Neid. Ich habe da nur technisch ziemlich miserable DVDs, wenn ich ihn mal sehen will.

      Beste Grüße,

      Zelenka
    • RE: Fantasie C-Dur Op. 17

      Lieber zelenka ,

      eine ganz kleine Gruppe , eher ein Grüppchen , von Mitstudenten war damals so in Kempffs Spiel ( und seine ganz uneitle Art zu spielen ! 9 vernarrt und davon so faszinert , dass wir von Bochum nach Düsseldorf gefahren sind ( im Käfer , s.: StVO ) . Ich erinner emich genau , dass wir für LPs zusammengelgt haben ( von W. K. ) und sie dann auf Toband überspielt haben ( die DGG mög euns gnädig sein 9 .
      Welch ein Mensch , welch eine charaismatische Persönlichkeit !
      Und dann am nächsten Tag wieder stupides Ausweniglernen .

      Was mich , wieder bei Mk , stört , ist das Rummäkeln an seinem bach , liszt . Nicht jeder spielt alle Werke gleich gut ( Alexis Weisseneberg ) .

      Christiane B. ist sogar durch kempff zu Klassik "bekehrt" worden . So war es .
      Im alten Robert-Schumann-Saal in D. war ein Teil der Plätze im 90-Grad-Winkel zum Podium angebracht . Da sassen wir . :wink :) :)
      Beste Grüssse , Frank
    • Fantasie C - Dur Op. 17 - 'An die ferne Geliebte'

      Liebe Schumann - Freunde ,

      was mich bei der Hervorhebung der verschiedenen Interpretationen des Werkes wundert ( bisher ) ist , dass mindestens zwei Aufnahmen fehlen , die untrennbar mit dem Werk u n d ihren Interpreten verbunden sind :

      1. Vladmir Horowitz ( Mai 1965 ; live ; carnegie Hall ; CBS/Sony und andere Firmen ) .
      Das Jahr 1965 bedeutet die Rückkehr von Horowitz auf die internationale Konzertbühne und stellt einen Wendepunkt seiner Interpretationskunst dar .
      Horowitz gelingt das , was Joachim Kaiser ( er muss mangels eines einzigen anderen Buches in deutscher Sprache von Rang über Pianisten seit Niemann 1923 so oft , zu oft , genannt werden anzweifelt : Er spielt 1965 die "verrückte Sprungstelle am Schluss des zweiten Satzes " nicht nur als hypervirtuosen , fast manischen Ausbruch , sondern wie einen "wunderbaren , nur eben n i c h t explodierten Choral" . Horowitz vermeidet es aber 1965 als ein sog. Alterstil da war , diese aberwitzig schwere Sprungstelle ins hysterisch Dämonische , ins unkontrolliert Heroische zu steigern ( die Versuchung hätte bei einem jungen Horowitz nahegelegen , wenn wir an seine h-Moll-Sonate von Liszt aus 1932 oder die ungezügelte Wildheit seiner Schumannschen "Toccata" aus 1934 denken ) .

      Dies vermochten aus meiner Erinnerung nur er , Martha Argerich , dei ich hier bislang seh rvermisse , in den 1970er jahren und Alexis Weissenberg. Wilhelm Kempff, der es erfreulicherweise wagte , reine Schumannabende zu spielen , spielt bei meinen Besuchen seiner Konzerte leider nicht die C-Dur-Fantasie .

      Dass ausgerechnet Herrn Kaiser diese Aufnahme von Horowitz bis 2004 ( Pianistenbuch ) "entgangen" sein soll , kann ich mir fast nicht vorstellen .
      Kaiser verkennt allerdings grundsätzlich , dass es sich in der C - Dur - Fantasie auch um eine "melancholische Wildheit" ( und sich Verzehren , Lieben handelt ) . Sehnen kann sehr wohl Wildheit als auch Melancholie beinhalten und Schumanns "reine Zerrissenheit" widergeben ) . Kaiser schreibt von "bizarrer Hektik" in dieser C-Dur-Fantasie . Und "pures lyrisches Glück" kann durchaus "rational - durchsichtig " sein im Sinne von J. Kaiser .

      Den letzten Satz "Langsam getragen. Durchweg leise zu halten . Etwas bewegter" vermochte Horowitz dann , leider , nicht als die vorgeschriebene Träumerei , eine leidenschaftliche Hymne an die Schönheit der Natur zu spielen . Es liegt über dem ganzen , so innigen Schlussatz eine dauernde Unruhe .

      Die Begriffe "Durchaus" ( 1. und 2. Satz ) und "Durchweg" ( 3. Satz ) als Vortragsbezeichnung kann ein Pianist nicht ernst genug nehmen . Der zweite Satz in Rondoform und in Es - Dur wird übrigens von Schumann 1849 noch einmal thematisch aufgenommen .

      Horowtz spielte die Sätze in der Carnegie Hall im Mai 1965 in 12:30 - 7:58 - 10:12 Minuten .

      Bei ihm wird am Ende des 2. Satzes deutlich , dass er für eine Sekunde offensichtlich die Kontrolle verlor ; und Berichte von Kennern , die dabei waren , beschreiben dies als einen Moment , als man dachte , Horowitz würde "pianistisch zusammenbrechen" . Vielleicht ist auch dies ein Grund für die Hektik , die Unruhe in seinem Spiel im Schlussatz . Die Rezensenten haben dann den 3. Satz nur als "beautiful" beschrieben , Es war wohl weniger auf das Spiel des Meisters als auf Schumanns Komposition bezogen .

      Zum Vergleich der interpretationszeiten :

      Weissenberg ( 1. XI. 1967 ; New York ) : 12.12 - 7:13 - 11.05

      Argerich / EMI ; 1975 / P.1976 ) : 11.18 - 6:53 - 9:32

      Annie Fischer ( 1971, live ; london ) ; 12.29 - 7:31 - 9:43 .

      Wie wenig eine Ähnlichkeiten in gestoppten Zeiten aussagen über den Zugang zu einem Werk und dessen Wiedergabe , beweisen exemplarisch die entfesselte Vehemenz einer Martha Argerich zu der fast spröden , sehr trocken spielenden Annie Fischer . Argerich ständiges Vorwärtdrängen hat dann im 3. Satz aber seinen Preis : Sie spielt die Fantsie als lautete die Satzbezeichnug "Bewegt . Immer bewegt" . Eine vor allem im Kopfsatz beeindruckende Aufnahme ; und auch der zweite Satz gelingt Martha , anders als dies vielfach geschrieben wurde , durchaus konzeptionell nachvollziehbar .
      Annie Fischer ( bei BBC Legends ) verleiht dem ersten Satz Leidenschaft , eine gewisse starre Überhöhung . Ihre Deutung des Schlussatzes steht dann in deutlichem Widerspruch zu ihrem sonstigen Interpretationskonzept .

      Weil er in den 1960er und1970er jahren Grosses für die werke Schumanns geleistet hat , ein Satz zu Claudio Arrau . Abgesehen von seinen extrem breiten Tempi ( besonders im 2. und 3.Satz ; Philips ) geht von gerade auch in diesem Werk so unendlich viel von Schumanns Kernpersönlichkeit Enthaltenenes verloren .

      Viele Grüsse , Frank
    • liebe Schumann-freunde,

      die fantasie c-dur op. 17 habe ich bisher wenigstens zweimal live erlebt:

      etwa 1981 mit alexis weissenberg in neuss und vor wenigen jahren mit konstantin scherbakov in der düsseldorfer tonhalle.

      keine frage, alexis weissenberg spielte dieses werk gerne und häufig. es gehörte damals an dem abend in neuss neben bachs 4. partita zu den am besten gelungenen werken (obwohl ja nur noch die h-moll sonate liszts folgte, welche ein desaster war !). aber was auffiel: recht übermäßiger pedaleinsatz, was zu einer transparenzminderung führte, und technische defizite bei den gefürchteten sprüngen im 2. satz.

      konstantin scherbakov nun spielte in einer deutlich höheren pianistischen liga. ja, pianistisch war es eine 'machtdemonstration'. absolute kontrolle und beherrschung des zugriffes und des klanges. und welch eine haltung am flügel, sagenhaft. eine orthopädische lehrstunde. was fehlte: der poetische duktus litt an zu reichlicher transparenz. es hätte etwas mehr pedaleinsatz und damit 'schmiere' sein können.

      nun zu den tonträgern:

      kategorie 1 (top of the top): das sind diejenigen, die dem werk sowohl pianistisch als auch von der ausdrucksstärke, der poetischen verwirklichung absolut gerecht wurden.

      alfredo perl (arte nova, anfang der 90er) - dieser junge pianist lebt seine 'sturm-und drang'-gefühle voll aus. die stimmungswechsel sind eminent und doch nicht erhastet. perl ist ein meister des pedaleinsatzes. es gelingt ihm wie kaum jemand anderem, den klang abzutönen ohne transparenzverlust. die griffakrobatik im zweiten satz kommt elastisch-federnd, sieg auf der ganzen linie. und im dritten satz vermag er in vollkommener ruhe sonor zu singen, wie es kempff nicht schöner machte. und dann noch die intelligente kombination mit den anderen werken von liszt und busoni, eine wundervolle programm-cd.

      emanuel melik-aslanian: man soll bitte hier den beitrag zu dem pianisten im 'unbekannten-thread' lesen !



      es folgen noch beurteilungen der übrigen kategorien.

      gruß, siamak :engel

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von AcomA ()

    • hallo,

      nun die IMO kategorie 2 (top)-interpretationen, die ich kenne:

      claudio arrau (live, anfang der 60er, ermitage) - da staunt man, wie klar und treffsicher dieser pianist gestalten kann. so müssen akkorde zum klingen gebracht werden.
      claudio arrau (studio, philips)
      wilhelm kempff (DG, 1956/57, mono) - gerade im letzten satz überzeugt die ruhe und zartheit der formulierung.
      vladimir horowitz (CBS, live aus der carnegie hall 60er) - wirklich phantastisch gespielt, welch ein singen. leider auch mal danebengegriffen (2. satz), was dann ausgerechnet im damaligen release nachgeschnitten wurde, also etwas mogelei !
      maurizio pollini (DG) - s.o. bei Sergejewitsch

      IMO kategorie 3 (gut):

      alexis weissenberg (EMI, 60er) - eine solide interpretation. an einigen stellen bemerkt man die schnitte ! gerade im 2. satz machen sich manualtechnische grenzen bemerkbar, es klingt überhastet bis maniriert. da ist wieder das problem, das weissenberg nur aus den oberarmen kraft entwickelt.
      matthias kirschnereit (arte nova) - eine solide, leider in der dynamik begrenzte interpretation. nichts besonderes.
      marc-andre hamelin (hyperion) - technisch hochüberlegen, aber leider uninspiriert klingend, 'soft'.

      gruß, siamak :)
    • Fantasie in C: Alfred Brendel

      Ich muss gestehen, dass ich bei Schumann sehr Alfred Brendel mag (den ich sonst wenig schätze):
      Mit seinem für ihn typisch farblosen Anschlag und fast weiblicher Kraft-losigkeit (im besten Sinne) arbeitet er statt eines Leuchtens (wie beispielsweise Richter) ganz und einzig die Schatten Schumanns hervor. Besonders gelungen halte ich seine späte Fantasie- Aufnahme, die mit dem eher extrem interpretierten Klavierkonzert (Philips) gekoppelt ist. [Eine Interpretation im frühromantischem Sinne. Ausdrucksstärker geht es kaum mehr: Verzweiflung als durchgängiger Charakter. (Das düstere Cover ist hier einmal geradezu Programm.) Wer Seelen-Thrill und Extreme schätzt ist hier genau richtig, wer hingegen Schönklang und spätromantischen Wulst schätzt, wird diese Aufnahme vehement ablehnen. (Sicher: Casals berühmte und unübertroffene Cellokonzert-Aufnahme ist noch ausdrucksstärker; wenn auch sicherlich nicht derart düster. Aber sonst kenne ich niemanden, der auch nur annähernd an diesen Ausdruck heranreichen würde wie es Brendel und Sanderling vermögen.) Jugendlicher und vor allem übereinstimmender geht die Orchesterbegleitung nicht mehr. (Je älter Sanderling wird, desto besser wird er!)]
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)