Klavierwerke von Ferruccio Busoni

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    • Klavierwerke von Ferruccio Busoni

      Aus aktuellem Anlass möchte ich hier ein Kapitel zur Klaviermusik von Busoni eröffnen. Dazu hat mich eine Neueinspielung einiger seiner Klavierwerke veranlasst, die Marc André Hamelin jetz bei Hyperion vorgelegt hat.



      Diese Aufnahme ist ein Naturereignis! Sie macht 2 Dinge unmittelbar klar: Zum einen, dass es zur Vermittlung von Busonis Klaviermusik Pianisten mit enormen technischen Fähigkeiten bedarf, und zum anderen, das in dieser Musik viel mehr steckt als wir es von den bisher vorliegenden Aufnahmen kannten. Die Messlatte ist freilich durch diese hier sehr hoch gesteckt worden. Wegen seiner technischen Souveränität, die auch die schwindelerregenden Schwierigkeiten dieser Musik vergessen lässt und wie selbstverständlich anmutet, gelingt es Hamelin die Struktur der Werke offen zu legen, und einen Blick in die Werkstatt des Komponisten zu werfen. Busoni war ein vielseitig gebildeter und interessierter Mensch, und dies kommt auch in seiner Musik zum Ausdruck. Zwar fußt seine musikalische Sprache noch sehr stark auf der spätromantischen Tradition, und vor allem der Kunst eines J.S. Bach, aber er war auch den aktuellen Entwicklungen um die Schule Schönbergs und anderen Strömungen seiner Zeit gegenüber aufgeschlossen. Er hat sich auch theoretisch intensiv mit der Weiterentwicklung der Musik auseinandergesetzt (Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst) Das hört man auch in seinen Klavierwerken. In der vorliegenden Box sind sowohl ambitionierte Kompositionen wie die 6 Sonatinen oder die Elegien versammelt, als auch solche, die in erster Linie didaktischen Zwecken dienen sollten. Letztere werden hier zum Teil erstmalig auf Tonträger präsentiert. Etliche Stücke, wie z.B. die Fantasie nach Bach, oder die kanonischen Variationen und Fuge sind Reflexe auf die intensive Beschäftigung mit der Musik Bachs, dessen Werke Busoni für Breitkopf & Härtel herausgegeben hatte. Andere wiederum zeigen uns den Klaviervirtuosen (Variationen über das Prélude op.28 c-Moll von Chopin) und den faustischen Grübler (Elegien), der Busoni neben seiner durchaus erfolgreichen Virtuosentätigkeit auch war. Die Vielschichtigkeit von Busonis Persönlichkeit kommt in den Interpretationen von Marc André Hamelin hervorragend zum Ausdruck.
      Was soll man nun zu der Art und Weise sagen, wie der Pianist mit dem musikalischen Material umgeht? Staunen, Bewunderung oder unendliche Freude darüber, wie jemand Klavier spielen kann? Sicher von allem etwas, denn wir haben es hier, und das wissen seine Bewunderer ja schon lange, mit einem Ausnahmetalent zu tun, welches die Menschheit nur ganz selten hervorbringt. Ich habe bei jedem Takt dieser wunderbaren Werke stets das Gefühl, das es so sein muss und nicht anders. Wenn man beim anhören der Aufnahmen den Notentext mitliest ist man verblüfft, wie treu Hamelin dem Text bleibt, aber dennoch gestaltet. Und dies auf seine unnachahmliche Weise, indem er die Binnenstrukturen der Werke offenlegt, und den musikalischen Extrakt genau auf den Punkt bringt. Wer große Weine liebt wird vielleicht meinen Vergleich mit einem Chateau Neuf Du Pape verstehen. Dies ein Wein, der wenn er gut gemacht ist, von einer enormen Vielschichtigkeit sein kann. So verhält es sich auch mit der Musik von Busoni. Da ist vieles enthalten, was sich erst bei häufigerem Zuhören erschließt. Und wie könnte das besser und genussvoller geschehen als mit dieser phänomenalen Aufnahme?

      Bleibt noch zu ergänzen, dass diese CDs auch aufnahmetechnisch keinen Wunsch offen lassen. Der Steinway klingt bestens präpariert und der Klang ist grossartig.

      Florestan
    • RE: Klavierwerke von Ferruccio Busoni

      Als Fortsetzung zu Busonis Klaviermusik möchte ich hier weitere Einspielungen vorstellen.

      Sehr verdienstvoll ist die Serie mit Wolf Harden, welche bei Naxos erschienen, jedoch noch nicht abgeschlossen ist. Wolf Harden, der ehemalige Pianist des Trio Fontenay, ist der Sohn des Musikkritikers Ingo Harden. Erlöst die sehr Anspruchsvolle Aufgabe mit beachtlichem Erfolg, und bleibt auch den zum Teil halsbrecherischen Herausforderungen nichts schuldig. Mitunter klingen seine Interpretationen jedoch etwas brav, so als ob er sich eine Pflicht entledigt. Dennoch ist es anerkennenswert, das auf diese Weise das leider arg vernachlässigte Klavierwerk Busonis einer breiteren Öffentlichkeit zugängig gemacht wird.



      Eine weitere grandiose Aufnahme ist die 4er Box mit Bearbeitungen, die Busoni von anderen Werken vorgenommen hat. Gespielt werden diese Werke von Holger Groschopp, ein Pianist, der mir bis dato vollkommen unbekannt war. Laut Begleitheft ist er ein gefragter Kammermusik- und Liedbegleiter. Die Werke werden hier zum Teil erstmalig vorgestellt. Sie zeigen eine wichtige Seite des Komponisten, nämlich als Bearbeiter. Busoni war universell gebildet und hat sich intensiv mit Musik seiner Zeitgenossen, aber auch alter Meister (vor allem Bach) beschäftigt. Dabei herausgekommen sind eine Fülle von geistreichen Auseinandersetzungen, die teils sehr individuell verfremdet und teils eng am Original geschrieben sind.
      Holger Groschopp zeigt sich hier als herausragender Interpret, der es versteht die Feinheiten der Partituren zur Geltung zu bringen, und uns die Musik sehr plastisch vor Augen zu führen. Sein Spiel ist sauber, klar und differenziert, und er bewältigt auch die technischen Herausforderungen bravourös.



      Fortsetzung folgt

      Florestan
    • Klavierwerke von Ferruccio Busoni

      Zwei Hauptwerke von Busoni, nämlich die "Fantasie und Fuge über den Choral " ad nos ad salutarem undam" aus der Oper " Le Prophète" von Meyerbeer, und die Fantasia contrapuntistica möchte ich als nächstes vorstellen. Die Besprechung des Pianisten Hamish Milne zu diesen beiden Werken, welche im Begleitheft zu seiner Aufnahme der Werke veröffentlicht ist, finde ich so grossartig, dass ich sie hier in der Übersetzung meines guten Freundes Ludwig Madlener verwende.

      Die Fantasie und Fuge über den Choral von Meyerbeer, den die Wiedertäufer im ersten Akt intonieren, wurde von Franz Liszt zunächst als Orgelwerk komponiert, und zeitgleich in einer Bearbeitung für Klavier zu 4 Händen herausgebracht. Da Liszt sich nicht entschliessen konnte selber eine Bearbeitung für Klavier vorzulegen, tat dies dann Busoni.
      Sicher kann man sich kaum jemanden anderen vorstellen, der eine Konzerttranskription von so klangvoller Authentizität zustande bringen würde als Busoni Es gibt Passagen, wo dessen typischer Klavierklang deutlich zu erkennen ist; aber genauso zeigen die Lektionen, die er bei der Vertiefung in Liszts Klavierstil gelernt hat, ein unheimlich fruchtbares und überzeugendes Ergebnis. Vielleicht ist dies das seltene Beispiel einer Transkription, die das Original noch verbessert. Das ist zweifellos eine Behauptung, über die man streiten kann; aber Busonis pianistische Erfindungsgabe stellt sicher, dass nichts von der Pracht, manchmal auch vom Bombast des Liszt'schen Originals verborgen bleibt oder verwässert wird. Er erreicht im Gegenteil eine Klarheit und Brillanz, die oft verlorengeht in der halligen Akustik, in der sich die großen romantischen Orgeln normalerweise befinden.

      Busonis siebenbändige Bach-Ausgabe enthält nicht nur Spielanweisungen und Analysen zu den meisten Klavierwerken von Bach, sondern auch einige kontrapunktische Studien, die meisten seiner eigenen Transkriptionen und zwei Versionen seiner gewaltigen Fantasia contrappuntistica. Es war diese lebenslange intensive Beschäftigung, die ihn in erster Linie zu der Überzeugung brachte, dass eine Wiederbelebung der Kunst des Kontrapunkts eine Richtschnur für die Zukunft sein könnte.
      Bachs Kunst der Fuge, eine unvollendete Folge von Studien zur Fugenkomposition mit dem Namen Contrapuncti (nach Busoni sein letztes und bedeutendstes Werk), ist ein Kompendium kontrapunktischer Fertigkeit von absoluter Vollkommenheit, wie sie der große Meister am Ende seines Lebens erreicht hat. Seine abschließende Fuge Contrapunctus XIV war nach Busoni geplant als Quadrupelfuge, von denen zwei Themen vollendet wurden und das dritte begonnen. In der Handschrift, von der man annimmt, dass sie sich in der Hand seines Sohnes Carl Philipp Emanuel befand, steht die Bemerkung ,,Über dieser Fuge, wo der Name B—A—C—H im Contrasubject angebracht worden, ist der Verfasser gestorben." Einige Musikwissenschaftler nehmen allerdings an, dass das Werk schon zu einem früheren Zeitpunkt abgebrochen wurde. Nun ist ja eine Quadrupelfuge ein Furcht einflößendes Ereignis. Zuerst einmal müssen die vier Themen irgendwie zusammenpassen; dazu ergeben die zusätzlichen Möglichkeiten der Verflechtung von Gegenstimmen und ihrer Umkehrungen, wie Busoni bemerkt, eine Anzahl wie die Züge beim Schach. Die Spekulation über die Identität des fehlenden vierten Themas wurde von den Musikwissenschaftlern mit derselben Leidenschaftlichkeit geführt wie von Mathematikern bei der Lösung eines unbewiesenen Lehrsatzes. Durch sein Zusammentreffen mit zwei Wissenschaftlern deutscher Herkunft, die damals in Chicago lebten, war Busoni zu der Überzeugung gelangt, dass es sich bei dem Thema um das Anfangsthema von Contrapunctus 1 handeln müsse, das alle Anforderungen an Kompatibilität erfüllte und so den Kreis des ganzen Werkes schließen könnte. Daraufhin machte er sich daran, die Fuge III zu vollenden und eine Fuge IV zu komponieren, anfänglich mit der ziemlich vagen Vorstellung ,,so etwas zwischen einer Komposition von C[ésarj Franck und der Hammerklaviersonate" zu schaffen. Kaum war seine erste Fassung unter dem Titel Große Fuge erschienen, zog Busoni sie wieder zurück und begann an der Version zu arbeiten, die bei der vorgestellten Aufnahme zu hören ist, und die er „Fantasia contrappuntistica, edizione definitiva“ nannte. Später erschienen noch zwei weitere Fassungen: eine erleichterte und verkürzte Version minore und eine für zwei Klaviere.
      Während Bach durch die damals existierenden Gesetze der Harmonie eingeschränkt war (obwohl er sie bis an ihre Grenzen ausdehnte), entschloss sich Busoni, Bachs Genie dadurch Ehre zu erweisen, dass er jede Stimme nach deren innerer Geschlossenheit und Logik nachzeichnete und so neue und zeitgemäße Harmonien schuf. Aber die neue Harmonik konnte natürlich nur auf der Basis einer aufs Äußerste kultivierten Polyphonie entstehen und so ihr Existenzrecht sichern; das bedarf einer strengen Unterweisung und einer beachtlichen Beherrschung der Melodik. Und man macht zuweilen die verblüffende Feststellung, dass die dissonantesten Momente ihren Ursprung ganz nahe bei Bach haben. Ein typisches Beispiel ist der turbulente Kehraus der abschließenden Stretta, der seinen Ausgangspunkt in Contrapunctus VIII hat.
      Busoni widmete der Gesamtform genauso viel Aufmerksamkeit wie dem kontrapunktischen Detail. Er ging so weit, dass er Zeichnungen beifügte, um die Architektur seiner Konzeption zu veranschaulichen: ein Schiff mit fünf prallen Segeln (das in schwerer See segelt), darüber ein Kreuz (in Form einer Kathedrale) und ein Gebäude, dessen Tore die einzelnen ,,Kapitel" seiner Erzählung darstellen.
      Die fundamentalste Veränderung gegenüber der Großen Fuge (und eine geniale dazu) war, das Werk mit einem sinnträchtigen Präludium nach dem alten Choral ,,Allein Gott in der Höh sei Ehr" zu beginnen, was ihm keine große Mühe machte; denn einen großen Teil davon übernahm er aus einer seiner Elegien. Bei den Fugen I, II und III folgt Busoni dem Aufbau von Contrapunctus XIV mehr oder weniger wörtlich. Er lässt aber seine eigene Handschrift auf verschiedene Weise erkennen.
      Vor allem im ungeheuer weiten Tonumfang und der chromatischen Modifikation einiger Stimmen, um mit seiner logischen modernen Vorstellung von Harmonie in Einklang zu kommen. Zugleich fügt er eine Anspielung auf ein fünftes Thema aus seiner eigenen Feder ein, das man zuerst am Beginn des Stückes hören kann. Eine weitere Besonderheit ist, dass er Fuge 1 auf einem tiefen Pedal-D aufbaut und dadurch bewirkt, dass sie wie aus grober Tiefe auftaucht, etwas, das wir bei der Verfremdung aller Musik ,,durch ein dunkles Glas" bei Komponisten wie Berio und Schnittge am anderen Ende des 20. Jahrhunderts beobachten können. Es folgt ein schauriges Intermezzo (misticamente, visionatio), drei Variationen mit steigender Komplexität und einer Kadenz vor Fuge IV, die notwendigerweise gänzlich Busonis eigene Komposition ist. Eine zarte Erinnerung an den Anfangschoral kündigt die hektische Stretta an, bevor drei eindrucksvolle Zitate des Themas von Fuge 1 (zwei davon angedeutet, eines endgültig) das gewaltige Gebäude zu einem angemessen grandiosen Abschluss bringen.
      Das ist für den Hörer sicher keine leichte Kost, und man wandte ein, dass die Dichte des kontrapunktischen Stimmengeflechts Busonis es zeitweise dem Zuhörer unmöglich macht zu folgen, auch wenn man es auf einem Computer abspielen würde. Die Angst davor hat wiederum einige Kritiker und Interpreten dazu geführt, seiner Musik gegenüber eine distanzierte und rationale Haltung anzunehmen. Aber alle lndizien, und es gibt viele davon, u.a. eine unbezahlbar aufschlussreiche Aufnahme Busonis eines Präludium und einer Fuge von Bach, deuten darauf hin, dass Seine Maximen erhöhte Ausdruckskraft durch unermüdliche Anstrengung verbunden mit unfehlbarem künstlerischen Instinkt waren. Die Spielanweisungen in der Fantasia contrappuntistica sind zwar sparsam, umfassen aber sowohl den praktischen Bereich (quasi Trombe dolci, vivace misurato, continuando) als auch den emotionalen, ja sogar den spirituellen (gemendo, ansioso, misticamente).
      Nach Busonis Überzeugung zeigten uns Bach und Mozart, dass Musik irgendwie die menschlichen Grenzen sprengen kann was nicht so sehr mit den Kämpfen und Wahrnehmungen des Alltags belastet werden sollte. Beim wiederholten Anhören der Fantasia kann man immer mehr von ihrem vielfältigen Erfindungsreichtum entdecken. Dabei kann plötzlich ein Glücksgefühl entstehen, das anfangs noch von der Hektik des Geschehens verschüttet war. Vielleicht ist gerade deshalb das Werk ideal geeignet für das moderne Aufnahmemedium, da es somit unbeschränkt reproduzierbar wird.
      Unter diesen Umständen kann man Busoni als echten Vater der ,,Musik der Zukunft" bezeichnen. Ob er allerdings sein zweites Ziel erreicht hat, nämlich ,,eines der herausragenden Werke der modernen Klavierliteratur" zu schaffen, wird wahrscheinlich für alle Zeiten zur Diskussion stehen. Aber da es nach mehr als einem Jahrhundert immer noch Faszination ausstrahlt, war es wohl weit mehr als leere Sensationshascherei.

      Die Aufnahme mit Hamish Milne, welche bei Hyperion erschienen ist setzt in der Interpretation dieser Werke Maßstäbe. Er ist ein sowohl tief- wie feinsinniger Pianist, dem die kontemplative Ausdruckskraft dieser ungeheuren Musik wie auf den Leib geschnitten scheint. Er vermeidet die vordergründige Virtuosität, obwohl er den diesbezüglichen Herausforderungen nichts schuldig bleibt, und kehrt das innerste dieser Geniestreiche heraus. Herausgekommen ist eine in jeder Hinsicht perfekte Aufnahme.



      Auch die zuvor erwähnte Aufnahme des "ad nos .." mit Holger Groschopp finde ich überzeugend, obwohl in letzter Konsequenz der von Milne unterlegen. Aber wir reden hier von minimalen Abständen.

      Ebenso ist die Version der Fantasia mit John Ogdon ein Schwergewicht, wie von diesem Ausnahmepianisten nicht anders zu erwarten.



      Flöorestan