Orchestermusik der Wiener Klassik: Die ideale Warteschleifenmusik?

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    • Orchestermusik der Wiener Klassik: Die ideale Warteschleifenmusik?

      In einem amerikanischen Konzern arbeitend, kommt es bei uns regelmäßig vor, dass ein Vorstandsmitglied aus Übersee sämtlichen Konzernmitarbeitern erzählen möchte, wie es der Firma geht und wohin es gehen soll.

      Dazu verwendet er das Medium der Telefon- und manchmal auch Videokonferenz. Der Mitarbeiter wählt sich also pünktlich ein und wartet, bis der Vortrag beginnt. Diese Wartezeit (meist etwa 5 Minuten) wird immer mit klassischer Musik überbrückt.
      Ich hatte bislang den Eindruck, dass dabei bevorzugt Orchestermusik der Wiener Klassik verwendung findet.
      Diese Klassifizierung sollte nicht streng aufgefasst werden, die zeitliche Unschärfe will ich eher noch größer, als sie bei der Definition der Wiener Klassik an sich schon ist, verstanden wissen. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

      Meine Frage nun lautet: Was macht solche Musik aus, die zum Überbrücken von Wartezeiten verwendet wird?
      Warum spielen die keinen Bruckner, R.Strauss, Mahler, Liszt?
      Warum funktioniert so viel von Haydn, Mozart, aber auch manches von Telemann?

      Oder generell: Warum keine Popmusik?

      Grüße
      Jürgen
    • Eine gute Frage ...

      Ich denke, dass die Popmusik wahrscheinlich schon mal ausscheidet, weil es sich vermutlich um ein "seriöses" Unternehmen handelt, wo diese "jugendliche" Musik nicht wirklich passend wäre?

      Die Frage wäre, ob die verwendeten Stücke eher heiterer Natur sind, und sehr eingängig, oder auch eher traurigere, vielleicht düstere Sachen.

      Meine Theorie wäre, dass die Musik nach dem Kriterium gewählt wird, dass man schnell reinfindet, wenn man sie hört, es aber nicht nicht großartig stört, wenn sie plötzlich unterbrochen wird.



      LG,
      Hosenrolle1
    • Original von Hosenrolle1
      Ich denke, dass die Popmusik wahrscheinlich schon mal ausscheidet, weil es sich vermutlich um ein "seriöses" Unternehmen handelt, wo diese "jugendliche" Musik nicht wirklich passend wäre?

      Ich bin mir nicht sicher, ob die Firma selbst diese Musik auswählt, oder der Provider der Videokonferenz (z.B. Cisco WebEx). Aber wenn die dann Popmusik als unseriös ansehen...
      Aber Popmusik ist halt schnell nicht mehr aktuell und müßte oft ausgetauscht werden.



      Original von Hosenrolle1
      Die Frage wäre, ob die verwendeten Stücke eher heiterer Natur sind, und sehr eingängig, oder auch eher traurigere, vielleicht düstere Sachen.

      Erfahrungsgemäß eher eingängig und heiter. Düstere, traurige aber auch dramatische Musik habe ich noch nicht dabei gehört.
    • Original von Jürgen

      Ich bin mir nicht sicher, ob die Firma selbst diese Musik auswählt, oder der Provider der Videokonferenz (z.B. Cisco WebEx). Aber wenn die dann Popmusik als unseriös ansehen...
      Aber Popmusik ist halt schnell nicht mehr aktuell und müßte oft ausgetauscht werden.



      Ich dachte dabei ein bisschen an die Bank, die ein Problem damit hätte, wenn ein Mitarbeiter mit kurzen Hosen, Irokesenschnitt und Piercings zur Arbeit in die Filiale kommt.

      Oder anders gesagt, dass man sich sagt: "Klasische Musik ist seriöser als Popmusik, das passt besser."


      Erfahrungsgemäß eher eingängig und heiter. Düstere, traurige aber auch dramatische Musik habe ich noch nicht dabei gehört.


      Vielleicht auch ein bisschen Psychologie? Den Kunden mit den Klängen gute Laune machen, und dafür sorgen, dass sie zuhören und nicht genervt werden dadurch.


      (Da muss ich, passend zum Thema "Telefonwarteschleife", noch ganz kurz was witziges erzählen.

      Der Typ von "fernsehkritik.tv" hat einen Fakenamen, Kay Uwe-Meyer, und bekommt massenweise Telefonanrufe von Callcentern. Diese zeichnet er alle auf und stellt sie auf YouTube. Oft verarscht er die Callcenter Mitarbeiter auch, und in einem Fall musste ich echt lachen.

      Da rief nun so ein Callcenter-Fritze an, und der Typ von fernsehkritik.tv tat so, als sei er ein Mitarbeiter eines Gefängnisses, in dem der vom Callcenter gewünschte Kay Uwe-Meyer momentan einsitzt. Der "Gefängnisaufseher" bat den Callcenter-Typen, einen Augenblick zu warten, er hole Herrn Meyer ans Telefon ... und dann hörte man die Warteschleife des Gefängnisses. Und welcher Song war es? "Looking for Freedom" von Hasselhoff! :rofl)



      LG,
      Hosenrolle1
    • Original von Hosenrolle1
      Erfahrungsgemäß eher eingängig und heiter. Düstere, traurige aber auch dramatische Musik habe ich noch nicht dabei gehört.


      Vielleicht auch ein bisschen Psychologie? Den Kunden mit den Klängen gute Laune machen, und dafür sorgen, dass sie zuhören und nicht genervt werden dadurch.
      ...


      Na klar Psychologie. Gute Laune aufgrund heiterer, eingängiger Musik.
      Du sagtest aber auch schon, dass sie nicht so fesseln sollte, jederzeit den Ausstieg ermöglichend.

      Aber sind das die Hauptmerkmale der Wiener Klassik?

      Grüße
      Jürgen
    • Aber sind das die Hauptmerkmale der Wiener Klassik?


      Ich bitte Jürgen, das Folgende nicht falsch zu verstehen. Es ist nicht böse gemeint - ein wenig befremdet bin ich dennoch. Man scheint hier im Forum einem strengen Konzept von "Dialogstörung" zu folgen, was - wie vermutlich fast alles auf der Welt - Vorteile und Nachteile in sich birgt. Indes: Es mahnt mich zur Vorsicht, bremst mich ein wenig aus.

      Du hast doch Deinen Thread nicht "Hauptmerkmale der Wiener Klassik" genannt, oder? Ich denke, dass Deine tatsächliche Ausgangsfrage durch die vorausgehenden Beiträge im Wesentlichen beantwortet sein dürfte.

      Wollte man indes die Frage nach den Hauptmerkmalen der Wiener Klassik zur Diskussion stellen, indem man nach deren Relevanz als Warteschleifenmusik fragt, dann wäre das so, als würde man die Ziele und Werte, die an einer höheren Schule vermittelt werden, danach bemessen, wie teuer in der Anschaffung die Kleidung der Schülerinnen im Durchschnitt einzuordnen ist.

      Vielleicht noch eine Anmerkung: Wer in der Warteschleife sitzt, interessiert sich herzlich wenig für die Musik, die da in billigster Technik, nicht selten nur als datenarmer Stream ertönt und - schon wieder ein Vergleich - dem Verhältnis zwischen der originalen Hagia Sophia und deren Erstellung mit Bauklötzen entspricht.

      Schon klar, oder? :)

      :beerWolfgang

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Andréjo ()

    • Hauptmerkmal von funktionaler Musik ist, das sie gehört werden, aber nicht die Aufmerksamkeit auf sich ziehen soll. Deshalb hört man in Warteschleifen keine Vokalmusik -Popmusik scheidet aus- und keine dramatisch zugespitzte Musik, wie sie Strauss, Mahler, Liszt & Co. bieten. Eingängigkeit ist wichtig, da hilft, wenn es bekannte Stücke sind. Die Vier Jahreszeiten und Für Elise in Arrangements, bei denen dynamische Kontraste eingeebnet und Klangfarben-Vielfalt reduziert wurden, sind ideales Muzak (s. dazu den Wikipedia-Artikel).

      Dass sich die Frage aufdrängt, ob die Wiener Klassik für Warteschleifen, Fahrstühle und Kaufhäuser geeignet ist, ist nicht weiter verwunderlich. Es gab hier im Forum Diskussionen, in denen die Meinung vertreten wurde, dass es der Instrumentalmusik aus der Wiener Klassik an Drama und Inhalten fehle - und das macht sie geradezu prädestiniert für die Warteschleife. Damit ist das Thema in der Tat erledigt, aber der Kenner und Liebhaber der Wiener Klassik sieht hier vielleicht noch Diskussionsbedarf. Auch der wurde schon gedeckt, denn es gab selbstverständlich die -in meinen Ohren völlig richtige- Gegenposition, dass Drama und Inhalte in der vor-romantischen Musik durchaus vorhanden sind, sich aber unterhalb der Oberfläche abspielen und für ihre Wahrnehmung ein gewisses "Verständnis" für prozedurale Abläufe der klassischen Musik jenseits der Oberflächeneigenschaften Voraussetzung ist. Daraus jetzt zu schließen, dass die Romantiker deswegen nicht für die Warteschleife geeignet sind, weil sie oberflächlich dramatisch und inhaltsreich sind, wäre freilich ebenso diskussionswürdig.

      Konkret: Heiter, eingängig und nicht so fesselnd sind Oberflächeneigenschaften so mancher Werke aus der Wiener Klassik - und Oberflächeneigenschaften bestimmen, ob sich ein Stück als Muzak eignet oder nicht.
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Original von Andréjo
      Man scheint hier im Forum einem strengen Konzept von "Dialogstörung" zu folgen,


      Ganz und gar nicht. Ich frage mich auch, woher diese Vorstellung jetzt wieder kommt. Nur wenn wiederholt und verbunden mit persönlichen Angriffen gestört wird, dann reagiere ICH empfindlich. Ansonsten haben WIR hier noch nie ein Problem mit der freien Meinungsäußerung gehabt und ich denke, das soll und wird auch so bleiben.
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch
    • Original von Cetay
      Hauptmerkmal von funktionaler Musik ist, das sie gehört werden, aber nicht die Aufmerksamkeit auf sich ziehen soll. Deshalb hört man in Warteschleifen keine Vokalmusik -Popmusik scheidet aus- und keine dramatisch zugespitzte Musik, wie sie Strauss, Mahler, Liszt & Co. bieten. Eingängigkeit ist wichtig, da hilft, wenn es bekannte Stücke sind. Die Vier Jahreszeiten und Für Elise in Arrangements, bei denen dynamische Kontraste eingeebnet und Klangfarben-Vielfalt reduziert wurden, sind ideales Muzak (s. dazu den Wikipedia-Artikel).

      Dass sich die Frage aufdrängt, ob die Wiener Klassik für Warteschleifen, Fahrstühle und Kaufhäuser geeignet ist, ist nicht weiter verwunderlich. Es gab hier im Forum Diskussionen, in denen die Meinung vertreten wurde, dass es der Instrumentalmusik aus der Wiener Klassik an Drama und Inhalten fehle - und das macht sie geradezu prädestiniert für die Warteschleife. Damit ist das Thema in der Tat erledigt, aber der Kenner und Liebhaber der Wiener Klassik sieht hier vielleicht noch Diskussionsbedarf. Auch der wurde schon gedeckt, denn es gab selbstverständlich die -in meinen Ohren völlig richtige- Gegenposition, dass Drama und Inhalte in der vor-romantischen Musik durchaus vorhanden sind, sich aber unterhalb der Oberfläche abspielen und für ihre Wahrnehmung ein gewisses "Verständnis" für prozedurale Abläufe der klassischen Musik jenseits der Oberflächeneigenschaften Voraussetzung ist. Daraus jetzt zu schließen, dass die Romantiker deswegen nicht für die Warteschleife geeignet sind, weil sie oberflächlich dramatisch und inhaltsreich sind, wäre freilich ebenso diskussionswürdig.

      Konkret: Heiter, eingängig und nicht so fesselnd sind Oberflächeneigenschaften so mancher Werke aus der Wiener Klassik - und Oberflächeneigenschaften bestimmen, ob sich ein Stück als Muzak eignet oder nicht.


      Dem kann ich nur teilweise zustimmen. Nach meiner sehr lehrreichen Erfahrung als Callcenter-Agent (drei Jahre musste ich den Schrott machen...) kann ich auf einige Erfahrung mit Warteschleifen verschiedener Unternehmen zurückgreifen. Es ist nicht so, dass Popmusik nicht benutzt wird, es muss halt nur smooth sein und den, der dran ist einlullen, auch Jazz a la Stan Getz habe ich schon gehört. Besonders ätzend fand ich, wenn "Für Elise" in steriler Einstimmigkeit von sinusartigen Klängen aus dem Hörer dröhnte. Oder aufsteigende Durdreiklänge im 5-Sekunden-Takt. Ironisch war beim DPV, für den ich indirekt gearbeitet habe der Song "I need somebody", was viele Geschäftskunden nicht sehr lustig fanden, wenn sie sich das 5 Minuten lang anhören mussten...
      Aus meiner Erfahrung kann ich nicht bestätigen, dass ausgerechnet die Wiener Klassik benutzt wird. Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 habe ich angetroffen, ja, auch einmal die Kleine Nachtmusik, aber ansonsten eher typische Fahrstuhlmusik (weichgespühlter Bossa Nova o.ä.! eben hausgemachte Muzak) oder tatsächlich eher poppige Sachen. Die beschriebenen Eigenschaften treffen aber auf all das zu.
      "...the only logical starting point for a genuine creative art of music -- the ear, and the manifold delights and stimuli that the ear, in conjunction with the experienced mind, can find in the exercise of imagination."
      Harry Partch