Turandot - Ein Geniestreich?

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    • Turandot - Ein Geniestreich?

      Ich habe mich in den letzten Tagen sehr stark mit Puccini's Turandot auseinandergesetzt. Diese Oper gehört schon seit langer Zeit zu meinen Favoriten, allerdings hat sie schon immer einen Sonderstatus gehabt. Ich persönlich bin der Meinung, dieses Werk ist ein absoluter Geniestreich, Puccini ist mit dieser oper seiner Zeit weit voraus. Ich habe aber auch schon genau das Gegenteil gehört, dass Opernliebhabern gerade dieses Werk NICHT gefällt, weil es nicht zu den typischen Puccini-Opern passt.

      wie ist Eure Meinung?
    • RE: Turandot - Ein Geniestreich?

      Hallo,

      ich habe mich noch nicht sehr intensiv mit Puccini befasst, aber ich habe mal eine Inszenierung bei den Salzburger Festspielen unter Gergiev gesehen und sie hat mir sehr gut gefallen. Seitdem schätze ich die "Turandot" zumindest sehr hoch!

      MfG
      Marco
      "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum" (Friedrich Nietzsche)
    • Hallo Jeremias,

      die Antwort lautet ja, Turandot ist ein Geniestreich.


      Schon allein, wenn man betrachtet, daß Puccini in den langen Jahren vor Turandot keinen richtigen Kracher mehr produziert hat.
      La Rondine, Il Trittico, La Fanciula - da sind zwar vereinzelt nette Arien dabei, aber verglichen mit der früheren Schaffensperiode mit Manon Lescaut bzw dem Dreifach-highlight Boheme/Tosca/Butterfly sind das eher Durchhänger.
      Daher ist dieses Aufbäumen am Lebensabend nicht hoch genug einzuordnen, ein Geniestreich eben.

      Am ersten Akt, aber auch später, gefällt mir der harmonisch eingebettete Einsatz des Chores in die Handlung. In anderen Opern bekommt der Chor seine Nummer zu singen oder auch zwei und macht sein Ding. Bei Turandot ist der Chor kontinuierlicher Bestandteil und hält Zwiesprache mit den anderen Handelnden. Das ist sowohl für den Hörer einer Tonkonserve, als auch für den Opernbesucher erfrischend und auflockernd. Aus dieser Oper kommt niemand ermüdet heraus, auch weil sie mit nur 2 CDs (die Maßeinheit für Opern, Oder?) nicht allzu lang ist.

      Ich habe Turandot live vor etwa 5 Jahren in Wiesbaden (wunderbar, das große Haus!!) gesehen/gehört. Die Inszenierung war zwar nicht konservativ, aber erträglich modern gemacht. Ich fand mich gut unterhalten. Dann sieht man auch darüber hinweg, daß die Darsteller nur in der Landesliga gut sind. Ich würde mir Turandot jederzeit wieder anschauen.

      Auf CD habe ich:



      Das ist für mich die Referenz. Pavarotti in vollem Saft, spielend meistert er die Höhepunkte seiner Rolle.

      Alternativ dazu:


      Karajan vielleicht mit leichten Vorteilen gegenüber Mehta. Domingo auch gut, aber ganz anders. Wenn er sein vincero singt, kommt es - mit Karajans Unterstützung - wie eine Naturgewalt über den Hörer. Allerdings ohne die Leichtigkeit eines Pavarotti.
      Liu/Hendricks - die Referenz für diese Partie.

      Grüße
      Jürgen
    • Hallo, ich habe jetzt die Mehta Aufnahme mehrere Male hören können

      ich habe Euch ja schon vorher gesagt, dass ich mir mit Opern eher schwer tue - aber ich habe gelernt, dass es sich lohnt, sich auch in der Musik anzustrengen und dass man Schönheit entdecken kann.

      also, um es auf den Punkt zu bringen - es hat sich gelohnt!!

      Gerade die erste CD zeichnet wunderschöne Bilder und verknüpft Italienische Stimmen mit Chinesischen Scenen. Erstaunlicherweise niemals lächerlich oder aufgesetzt, sonder immer voll Gefühl und Dramatik - das Libretto liest sich manchmal komödiant - die Musik aber hält mich in Atem.

      Allerdings lässt für mein Ohr die Spannung mit dem Tod der Liu schlagartig nach. Die Musik klingt wieder so, wie Oper mir meist missfält. Als ich dann im Begleitheft nachlese -- Puccini starb leider vor der Vollendung der Oper; nach dem Tod der Liu wurde die Oper von Franco Alfando vollendet. Schade!

      Auf alle Fälle ist die Musik bis dahin eine große Überraschung für mich und eine Berreicherung meiner Hörwelten.

      Danke für die Empfehlung!!
      :thanks
      Walter
    • TURANDOT ist keine Oper, sondern eine Bühnenweihfestspieloperette!

      Hat die Sutherland eigentlich die Turandot jemals live gesungen?

      Turandötte gibt es nur drei. Das ist die Borkh, das ist die Nielson und ist die die Marton. Alles andere ist Verschnitt.

      Ich finde es immer wieder köstlich, wenn im Schlussduett Inge Borkh
      den Heldentenor Mario del Monaco mühelos zudeckt, ungalant ausgedrückt zusammenbrüllt!

      :engel
    • Hallo allerseits,
      Die Aufnahmen von Mehta und Karajan finde ich auch toll, aber in ihrer Glätte zeigen sie eben doch nur eine Seite der Turandot. Daher würde ich ihnen zwei wildere, dramatischere Aufnahmen an die Seite stellen:
      Maria Callas (Turandot) und Elisabeth Schwarzkopf (Liu) unter Serafin an der Scala, bei EMI erschienen,



      und
      Birgit Nilson (Turandot), Jussi Björling (Calaf) und Renata Tebaldi (Super-Liu) unter Leinsdorf an der Römischen Oper, erschienen bei RCA.



      Letztere halte ich - trotz Karajans Opulenz und den tollen Sängern bei Mehta - für die allerbeste Aufnahme.

      Viele Grüße, Hannes
    • Hallo allerseits,
      Die Aufnahmen von Mehta und Karajan finde ich auch toll, aber in ihrer Glätte zeigen sie eben doch nur eine Seite der Turandot. Daher würde ich ihnen zwei wildere, dramatischere Aufnahmen an die Seite stellen:
      Maria Callas (Turandot) und Elisabeth Schwarzkopf (Liu) unter Serafin an der Scala, bei EMI erschienen,



      und
      Birgit Nilson (Turandot), Jussi Björling (Calaf) und Renata Tebaldi (Super-Liu) unter Leinsdorf an der Römischen Oper, erschienen bei RCA.



      Letztere halte ich - trotz Karajans Opulenz und den tollen Sängern bei Mehta - für die allerbeste Aufnahme.

      Viele Grüße, Hannes
    • Hallo Jürgen !

      Das mit dem Durchhänger vor Turandot kann ich leider nicht unkommentiert lassen, muss aber gleichzeitig zugeben, dass ich zu Puccini ein sehr reservieres Verhältnis habe. Gerade Butterfly, Boheme, Suor Angelica und Manon Lescaut vertrag ich eher nicht so gut.

      Die einzige Puccini-Oper, die ich wirklich genial finde, ist Il Tabarro. Da steckt Puccinis schönste Musik drinnen, da gibt's keinen eklatanten Widerspruch zwischen dem, was in der Handlung steht und dem, was die Musik vorgaukelt (ich denk da im speziellen an "E lucevan le stelle", aber Puccini ist voll von musikalischen Verniedlichungen).

      Beim Tabarro stimmt der harte Bühnenrealismus mit der unsentimentalen Musik zusammen. Hier kämpfen die Menschen um ihr Schicksal, aus dem es letztendlich für keinen eine andere Lösung als den Tod gibt. Und diese Tristesse bringt Puccini zum ersten und einzigen Mal glaubhaft auf die Bühne. Zum ersten Mal wird das Schicksal der Antihelden interessant (Cio-cio-san, Mimi, Liu und wie sie alle heissen mögen, sind keine interessanten, weil sentimentale und passive Bühnenfiguren - des Grieux ist zwar nicht passiv, seine Musik ist aber, glaube ich, die unmännlichste und weinerlichste, die für einen "Helden" je komponiert wurde). Wenn man den Tod des Cavaradossi oder den der Liu mit dem des Luigi vergleicht, wird schlagartig klar, wie sehr Puccini bei den ersten beiden Stücken zugunsten einer einschmeichelnden Melodie die Ehrlichkeit der Szene verkauft hat. Handlung und Musik laufen diametral auseinander. Dazu kommt, dass Liu eigentlich der einzige halbwegs durchgeformte Charakter in Turandot ist (und dann kriegt sie eine typische Puccini Sterbeszene), alle anderen Personen sind Stereotypen mit Arien ohne Grund ("Nessun dorma" könnte man problemlos streichen, es würde weder den Gang der Handlung verändern noch uns über die "Gefühle" des Kalaf im Unklaren lassen - dasselbe gilt für Pinkertons verlogenes "Addio, fiorito asil" ). Auch die Szene mit den drei Mandarinen am Anfang des 2. Aktes hält den Gang der Handlung eigentlich nur auf und trägt nicht wirklich zum Geschehen bei.

      Hör dir doch unter dem Gesichtspunkt nochmal "Il tabarro" an.
      Für mich steht dieses Werk bei Puccini wirklich singulär da.


      Liebe Grüße

      Werner
    • Hallo Werner,

      nun das mit dem Durchhänger ist einerseits meine persönliche Einschätzung, andererseits stütze ich mich auf eine Puccini Biograhie, die ich vor über 10 Jahren mal gelesen habe.

      Zum besseren Verständnis ein paar Daten (schnell zusammenkopiert):

      1858 22. Dezember Puccini wird geboren
      1884 "Die Willis"
      1889 "Edgar"
      1893 "Manon Lescaut"
      1896 "La Bohème"
      1900 "Tosca"
      1904 "Madama Butterfly"
      1910 "Das Mädchen aus dem goldenen Westen"
      1917 "Die Schwalbe"
      1918 "Gianni Schicchi", "Schwester Angelica" und "Der Mantel"
      1924 "Turandot"-Fragment 29. November Puccini stirbt

      Ich glaube gelesen zu haben, dass nach Butterly sein Lieblingslibrettist gestorben ist. Das war wohl mit ein Grund dafür, dass der Schaffensmotor etwas ins Stocken geriet.
      Puccini, aber auch sein Verleger waren recht unzufrieden in dieser Zeit.

      Deine Erläuterungen zur Diskrepanz zwischen dramatischer Handlung und süßlicher Musik ist schlüssig und nachvollziehbar. Das durchschnittliche Opernpublikum (so auch ich, meistens) mag aber den süßlichen Puccini und nimmt diese Diskrepanz in Kauf. Aufführungshäufigkeit und Verkaufszahlen geben mir da sicherlich recht, wenn ich sage, dass Boheme, Tosca, Butterfly und Turandot die Blockbuster Puccini's sind. Die Arie "Oh ma babbino caro" aus "Gianni Schicchi" bildet wohl einen singulären Ausreisser.

      Das was mir an Turandot missfällt, bezieht sich dann auch auf die Handlung. Dass nämlich Kalaf die Prinzessin Turandot immer noch möchte, selbst nachdem diese Liu in den Selbstmord getrieben hat.
      Das habe ich noch nie verstanden.

      Grüße
      Jürgen
    • Hallo Werner und Jürgen,

      ich muss zugeben dass ich nicht so der große Puccini Fan bin, in der Tat kenne ich außer den von Jürgen aufgezählten „Blockbustern“ nur Manon Lescaut gut.

      Am liebsten ist mir eigentlich Tosca, mit Turandot bin ich, warum auch immer, nie richtig warm geworden.


      Original von manrico
      des Grieux ist zwar nicht passiv, seine Musik ist aber, glaube ich, die unmännlichste und weinerlichste, die für einen "Helden" je komponiert wurde
      Werner



      Da gebe ich dir im Prinzip schon Recht, aber das hängt meiner Meinung nach schon auch zu einem großen Teil an der Interpretation des Tenors.
      Wenn man in dieser Rolle z.B. Benjamino Gigli mit Jussi Björling(für mich der beste des Grieux) vergleicht, dann ist das in Punkto Weinerlichkeit ein Unterschied wie Tag und Nacht.

      Viele Grüße

      Jimi
    • Hallo Jimi !

      Da geb ich dir natürlich völlig recht, dass zwischen Björling und Gigli Welten liegen. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass man einen Mops zwar abspecken kann, ein Windhund wird trotzdem nie aus ihm. Die Art, wie Puccini nach dem Effekt schielt, verhindert die Gestaltung komplexer und zwiespältiger Charaktere wie Simon Boccanegra, Azucena, Rigoletto, Violetta Valery, Eugen Onegin, Hermann, Fiordiligi oder Norma. Für mich treten nur Georgetta, Michele und Luigi aus der Verwechselbarkeit heraus.

      Im Hinblick auf die Manon Lescaut denke ich, dass Massenet gezeigt hat, was man aus dem Stoff machen kann. Wenn ich die beiden Arien der Manon bei Puccini höre (In quelle trine morbide und Sola, perduta, abbandonata), so könnten die beiden Melodien an der jeweils anderen Stelle stehen und es würde kaum einen Unterschied machen (Manon tut sich jedes Mal selbst leid). Bei Massenet zeigt sie ihre erste Schüchternheit (Je suis encore tout etourdie), nimmt elegisch von ihrer Liebe Abschied (Adieu notre petit table), tritt als Mittelpunkt der Gesellschaft auf (Obeissons quand leur voix apelle) und verführt schließlich Des Grieux absolut sensationell im Kloster (N'est-ce plus ma main). Diese Szenen sind musikalisch nicht austauschbar.

      ...um jetzt wieder den Bogen zur Turandot zu schlagen: Auch in der Turandot sehe ich keine Entwicklung der Charaktere (Liu ist am Anfang genauso devot wie am Anfang, Turandot hört sich im Finale genauso an wie zu Beginn des 2. Akts (ok, nicht wirklich von Puccini, aber am Finale hat er ja gekiefelt und ist schließlich darüber verschieden) und Nessun dorma würde sich sicherlich auch ganz nett als Auftrittsarie des Kalaf machen).
      Und das ist für mich zumindest der Grund, warum ich mehr Aufnahmen von Don Carlos besitze als von sämtlichen Puccini - Opern zusammen.

      Liebe Grüße

      Werner
    • Original von Jürgen
      Hallo Jeremias,

      die Antwort lautet ja, Turandot ist ein Geniestreich.

      Auf CD habe ich:



      Das ist für mich die Referenz. Pavarotti in vollem Saft, spielend meistert er die Höhepunkte seiner Rolle.


      @Jürgen,

      ich schließe mich an.
      Längere Zeit hat es gebraucht bis Jeremias mich wirklich dazu hatte mir die o.g. Aufnahme zu kaufen.
      Aber seit dem ich sie habe hörte ich sie mehrfach.
      In dieser Oper gibt es grandiose Stellen, sie ist wie das leben, grausam, dramatisch ....
      Pavarotti singt einfach wie von einer anderen Welt.
      So einen gibt es halt nur einmal.
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Ich weiß nicht, ob ich die 'Turandot' als Geniestreich bezeichnen würde. Aber für mein Empfinden ist sie mit Sicherheit Puccinis reifstes und musikalisch interessantestes Werk.

      Stimmung, Emotion, Sentiment hatten auch seine früheren Werke. Überreichlich teilweise. Aber in der 'Turandot' nimmt er dies alles doch stärker zurück (hängt übrigens sehr stark von den jeweiligen Interpretationen ab), mischt meistens das lyrische mit dieser bedrohlich, fremdartigen Atmosphäre. Und über allem liegt dieser eiskalte Hauch, der ganz besonders im 2. Akt alles zu erfrieren droht. (Wenigstens sollte es so sein.)

      Die Geschichte ist schon eigentlich ziemlich widerlich. Ok, es ist ein Märchen, aber das quälerische, um nicht zu sagen sadistische Element beherrscht doch den ganzen Plot. Nun ist das Leiden von Protagonisten untermalt von wunderschönster Musik ja nichts Neues bei Puccini. Wenigstens hält er sich in der 'Turandot' hinsichtlich der musikalischen Seite dabei doch eher zurück. Es bleiben aber Hauptpartien, die eigentlich so alles sind, nur keine Sympathieträger. Einzig Liù rührt einen an, aber die muss natürlich wieder sterben.

      Was ist es denn, was so an der 'Turandot' fasziniert?

      Einerseits sicherlich die für Puccini ungewohnt moderne Musiksprache, die Vermischung von Qual, Liebe, skurrilen Elementen, lyrischen Abschnitten, die wunderbare Einbindung des Chores. Und natürlich die Gesangspartien. Ich will gar nicht einmal auf das 'berüchtigte' 'Nessun dorma' eingehen, was wirklich großartig ist. Aber gerade Turandot und Kalaf scheinen immer an den Grenzen des Möglichen zu singen, entäußern sich total, müssen immer wieder über die eigenen Grenzen hinausgehen. Und dieses die eigenen Beschränkungen verlassen müssen, verlassen können, ist vielleicht ein ganz wichtiger Punkt, der diese Oper so faszinierend macht. Denn vielleicht liegt in der Grenzüberschreitung aus innerer Notwendigkeit sogar ein Reiz, der das Erotische streift.

      Welche Aufnahmen nun?

      Wie fast immer bei Opernaufnahmen gibt es nicht DIE, die alle Aspekte vollkommen abdeckt. Turandot sollte eine Stimme haben, die eiskalt ist, die aber auch das innere Drama deutlich macht. Kalaf muss ganz Prinz sein, edel, mutig, erhaben. Aber auch deutlich machen, dass er für sein Ziel bereit ist, sozusagen über Leichen (Liù) zu gehen. Dramatische Ausbrüche müssen gelingen, die Höhe muss bombensicher sein und im Sinne des Verismo muss die hochgezogene Bruststimme erklingen. Zudem muss er in der Lage sein, all die lyrischen Teile mit Legato und Schmelz zu singen. Emphase ist dabei geradezu Voraussetzung. Liù musss über einen warmen, runden, ausdrucksvollen lyrischen Sopran verfügen. Ein typischer Puccini-Sopran. Und Timur muss trotz seiner Behinderung und seines Leidens ganz Autorität sein.

      Und der Dirigent?

      Unendlich schade, dass Toscanini keine Aufnahme hinterlassen hat. Aber irgendwie stelle ich ihn mir immer als den idealen 'Turandot'-Dirigenten dar. Unsentimental, klar, durchaus hart, streckenweise brutal, dabei die Partitur auffächernd, die unterschiedlichsten Stimmen aufleben lassend. Zeigend, dass die 'Turandot' nicht mehr die relativ eindimensionale Musiksprache früherer Puccini-Opern besitzt, sondern ein Konglomerat ist, ein Gemisch von Stimmen, die alle gehört werden müssen.

      :hello Falstaff
    • Eine wirklich bemerkenswerte Aufnahme ist diese hier:



      Und trotzdem nicht perfekt. Ich kann mit Nilsson als Turandot nicht so viel anfangen. Das ist natürlich grandios gesungen, aber mir persönlich nicht kalt genug. Es fehlt mir das Drama, der Zwang, aus dem heraus Turandot so handelt. Das ist mir zu kalkuliert und hat zu wenig Leben.
      Corelli war ein toller Kalaf. Er hat die nötige Flexibilität, die 'prinzliche' Eleganz, die ein del Monaco nicht besaß.
      Scotto (und ich liebe sie sehr) ist mir hier um Nuancen zu scharf.
      Giaotti ist ok.

      Aber das ist 'Meckern' auf höchstem Niveau. Wer sich diese Aufnahme zulegt, macht trotzdem eigentlich nichts falsch. Das Zusammenspiel und v.a. das Dirigat heben diese Aufnahme wirklich aus all den GA's heraus. Gerade Molinari-Pradelli hat vieles von dem, was ich eigentlich von einem 'Turandot'-Dirigenten erwarte.

      :hello Falstaff


    • Es ist ein Trauerspiel, dass die Callas erst 1957 die 'Turandot' einspielen konnte. Wenn es denn überhaupt sein musste, weil sie ihrer Stimme gar nicht einmal so sehr lag. In ihren ersten Jahren in Italien hat sie sie ja relativ häufig gesungen (bis heute ist ja jedes Opernhaus froh, wenn es sie besetzen kann). Aber diese permanente Engführung mit dem Orchester, all die 'C''s mit voller Bruststimme gesungen - das war eigentlich nicht ihre Sache. Es ist trotzdem faszinierend, was sie aus dieser Figur macht. Plötzlich steht da ein Mensch vor uns, eiskalt und leidend an sich selber, ohne es zu wissen. Das ist einfach das 'Wunder' bei der Callas, dass sie selber aus solchen Partien, die so oft recht eindimensional gesungen werden (in der Hoffnung, dass man durchkommt), noch diese menschliche Tiefe herausholen kann.

      Leider lohnt der Kalaf von Eugenio Fernandi kaum die Mühe. Das ist starr und uninspiriert.

      Und auch die Schwarzkopf (und ich liebe sie nun wirklich) ist hier völlig fehlbesetzt. Dame Liù!

      Zaccaria aber ist ein toller Timur, wie er ja eigentlich immer ein mehr als zuverlässiger Sänger in all den Callas-Aufnahmen war.

      Serafin empfinde ich als nicht so die Schärfen und Modernismen betonend als Molinari-Pradelli. Das ist dagegen eher der konventionellere Puccini. Aber es stimmt alles und natürlich schafft er es, diese Partitur zum Leben zu erwecken, begleitet souverän.

      :hello Falstaff


    • Eine Live-Aufführung, die der Studio-Aufnahme um etwa 4 Jahre vorausging.

      Nilsson empfinde ich als engagierter, Zaccaria souverän wie gehabt.
      Und dann ist da Leontyne Price als Liù. Zunächst einmal ungewohnt, fasziniert sie einen doch ganz schnell durch ihre überwältigend schöne Stimme, durch ihr Können und Einfühlungsvermögen. Und natürlich der Dirigent, den ich in der Studio-Aufnahme in Nuancen als noch konsequenter erlebe.

      Und da ist di Stefano. Oh, hätte er solche Partien bloß nie gesungen. Aber 1961 war es zum Klagen längst zu spät. Seine Technik des 'offenen Singens' bot sich schon vom Beginn seiner Sängerlaufbahn für kaum eine Partie an. Und zu diesem Zeitpunkt hatte er sein wirklich einzigartiges Timbre und letztlich sein Stimme schon längst ruiniert. Aber, meine Güte, was machte dieser Sänger an diesem Abend aus den 'Resten' seines einst unglaublich reichen Materials? Natürlich gibt es immer wieder diese Momente, wo man denkt, dass er besser die Finger davongelassen hätte. Aber dann gibt es sie, die Momente, nein nicht nur Momente, sondern ganze Passagen, gerade die lyrischen, wo man süchtig wird, wo einem ein Pavarotti, del Monaco, Corelli völlig egal ist, wo man hineingesogen wird in diesen Kalaf, wo man denkt, dass man das nicht schöner, ausdrucksvoller, leidenschaftlicher singen kann. Das ist einzigartig und rechtfertig diese Aufnahme allzumal!!!!!

      :hello Falstaff
    • Lieber Don Perlimplin,

      bislang habe ich immer einen Bogen um diese Aufnahme gemacht. Und das hat eigentlich nur mit den drei Hauptpartien zu tun. Nilsson ist mir in der Regel zu wenig engagiert und schließlich habe ich schon eine Aufnahme mit ihr. Tebaldi ist mir um Nuancen (Aufnahme unter Erede) zu mächtig, obwohl sie (bei Erede) die Partie traumhaft schön singt und Björling ist schlichtweg nicht mein Fall.

      Versteh mich recht. Das soll in keiner Weise, v.a. im Fall von Björling, eine Kritik an ihren unzweifelhaften großartigen Künstlertum oder an ihren Gesangsleistungen bedeuten. Sie sprechen mich halt nicht so an. Gerade bei Björling ist das sicherlich auch schade. Solch ein Künstler, aber persönlich (reine Geschmackssache) hat er mich nie getroffen, angesprochen, verzaubert. Und wenn eine Stimme bei mir nicht durch den Magen geht... George London ist übrigens ein ähnlicher Fall.

      LG Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Björling ist schlichtweg nicht mein Fall
      Hallo Falstaff,

      das hat mich, ehrlich gesagt, ein bisschen schockiert. Woran liegt es? Ist es seine Vortragsweise oder sein spezielles Timbre, was Dich mit ihm nicht warm werden lässt?
      Meine erste "Tenorerfahrung" war Richard Tauber; mein Vater hatte in seiner Schellacksammlung zahlreiche Aufnahmen mit ihm. Er steht auch heute noch bei mir hoch in Ehren, aber der Tenor, der mich auf Anhieb regelrecht getroffen, ja mitgerissen hat, war Björling. Ich hörte ihn im Radio, in einer "Troubadour"-Aufführung (es ist die berühmte Cellini-Aufnahme von 1952), und war auf der Stelle hin und weg. Im Lauf der Jahre habe ich mir seine sämtlichen Opern-GA auf LP angeschafft, und später dann wieder auf CD. Außerdem viele Recitals und natürlich auch das Verdi-Requiem unter Fritz Reiner.
      Die "Turandot" hatte ich auch auf LP, habe sie dann gleich auch als CD gekauft, und später, als die "Living Stereo"-Serie herauskam, zum dritten Mal, weil sie wie die Original-LP-Ausgabe aussah.
      Ich will Dich keineswegs "bekehren", aber kennst Du die Duett-Aufnahmen mit Merrill? Wenn nicht, so kann ich sie nur empfehlen:




      Bei Amazon gibt es sie z.Zt. gebraucht für 56 Cent! Vor allem das Perlenfischer-Duett ist (in meinen Ohren) umwerfend.
      Aber es ist wohl reine Geschmacksache. Es gibt Sänger, die einen gleich berühren, andere schaffen es nicht. Mir geht es so z.B. bei José Carreras. Die Stimme spricht mich einfach nicht an. Ich habe etliche Opern mit ihm (aber immer wegen des Dirigenten oder anderer Sänger gekauft). In keiner hat Carreras einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.
      Mario del Monaco macht immer einen bleibenden Eindruck, aber mehr durch sein Dauerfortissimo als durch seinen Gesang, obwohl er ein wunderbares Material zur Verfügung hatte. Das setzt er aber nur nach Wild-West-Manier ein. Aus dem Herzog von Mantua macht er einen Rambo. Oder schätzt Du diese Sänger vielleicht ganz anders ein?

      Ich wünsche einen schönen Feiertag
      LG Perlimplin
    • Don Perlimplin schrieb:

      Woran liegt es? Ist es seine Vortragsweise oder sein spezielles Timbre, was Dich mit ihm nicht warm werden lässt?
      Lieber Don Perlimplin, es ist in der Tat das Timbre, das ich nicht mag oder sagen wir lieber, das mich nicht anspricht. Das sind ja so ganz unbewusste Vorgänge. Mein Einstieg bei einem Sänger läuft aber immer erst einmal über das Timbre und wenn das da nicht läuft, dann kann ich mich ihm emotional nicht nähern. Dann kann ich seine technische oder auch künstlerische Leistung anerkennen. Aber das war es denn auch. Ich habe mir gerade die Cavalleria mit Björling und Milanov angeschafft, um diese Beurteilung auch noch einmal zu überprüfen. Aber es ist weiterhin so wie vor 20 Jahren.

      Don Perlimplin schrieb:

      Er steht auch heute noch bei mir hoch in Ehren, aber der Tenor, der mich auf Anhieb regelrecht getroffen, ja mitgerissen hat, war Björling.
      Bei mir waren es dagegen di Stefano (der natürlich technisch mit Björling überhaupt nicht mithalten konnte) und Wunderlich.

      Don Perlimplin schrieb:

      Ich will Dich keineswegs "bekehren", aber kennst Du die Duett-Aufnahmen mit Merrill? Wenn nicht, so kann ich sie nur empfehlen:
      Witzigerweise habe ich die gerade in einem Antiquariat für 0,50 € entdeckt und sie gleich mitgenommen. Ich denke, man muss sie besitzen,, weil sie einfach legendär ist. Gehört habe ich sie aber noch nicht. Das Perlenfischer-Duett kenne ich natürlich.

      Don Perlimplin schrieb:

      Mir geht es so z.B. bei José Carreras. Die Stimme spricht mich einfach nicht an. Ich
      Ach, der junge Carrera. :J Und manchmal auch der späte, nach seiner Genesung. Ich habe damals sein erstes Konzert in HH kurz nach seinem Auftritt in Verona gehört. Und es war zum Niederknien. Aber das lag wohl auch an der besonderen Situation.

      Don Perlimplin schrieb:

      Mario del Monaco macht immer einen bleibenden Eindruck, aber mehr durch sein Dauerfortissimo als durch seinen Gesang, obwohl er ein wunderbares Material zur Verfügung hatte. Das setzt er aber nur nach Wild-West-Manier ein. Aus dem Herzog von Mantua macht er einen Rambo. Oder schätzt Du diese Sänger vielleicht ganz anders ein?
      Na, da sind wir uns aber so was von einig. Del Monaco war irgendwie ein Schlachter. Fantastisches Material, aber in der Tat, das hatte immer Wild-West-Manier. Andererseits, was würde man heute dafür geben, noch einmal solch ein mächtiges Organ hören zu können.

      LG Falstaff