Turandot - Ein Geniestreich?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Vielleicht ist auch noch die Frage ganz wichtig, was aus dieser Oper auf der Bühne gemacht wird. Schließlich werden Opern dafür geschrieben und eine reine CD-Produktion ist von daher ja immer quasi amputiert.

      Live gesehen habe ich die 'Turandot' in 4 verschiedenen Produktionen, dabei einmal konzertant.

      In Hamburg lief jahrelang eine Giancarlo del Monaco-Produktion, die sehr reduziert auch die Frage nach der Vorgeschichte Turandots stellte. Auf dem Vorhang zu Beginn der Aufführung wurde (abstrakt) eine blutende Vagina gezeigt, die ganz eindeutig auf eine physische wie psychische Verletzung Turandots hinwies. Allerdings wurde dieser Vorhang später nicht mehr gezeigt. War wohl zu 'anstößig'. Ansonsten war es alles moderates Regietheater, für die damalige Zeit (irgendwann in den 80igern) sicherlich ein gewisser Schock. Aber im Verlauf der Zeit regte sich niemand mehr darüber auf. Auf diesen Vorhang folgte eine relativ karge und auch relativ dunkle Inszenierung (abgesehen vom Terzett der Minister), die aber immerhin den Versuch unternahm, 'Turandot' aus der Folklore-Ecke herauszuholen. Marton, Bonisolli, Haldas, Stamm waren die Protagonisten. Leider erinnere ich mich nicht mehr an den Dirigenten.

      Kurz danach, es muss so um 1989, 1990 oder 1991 gewesen sein, sah ich die Zeffirelli-Inszenierung an der Scala. Hier die vollständige Produktion:



      Dimitrova, Martinucci, Mazzaria sangen in meiner Aufführung, Maazel dirigierte. Das war nun Ausstattungstheater pur. Ich muss gestehen, dass ich solches mit diesem Aufwand vorher noch nie gesehen hatte. Zunächst einmal war ich daher ziemlich 'geflasht', aber sehr schnell stellte sich pure Langeweile ein. Da begab sich jemand völlig auf die Folklore-Ebene und hatte eigentlich nichts auszusagen. Aber 'Turandot' mag dazu verführen.

      Eine Woche später sah ich dann Dimitrova und Martinucci (an den 'Rest' erinnere ich mich nicht mehr) in der Arena di Verona. Das war natürlich auch nur Show pur, aber in der Umgebung kann ich es eher akzeptieren.

      Die 'Turandot' ist vielleicht wirklich ein Stück, dass dazu verführt, es als reines Ausstattungsstück zu inszenieren. Ähnlich wie die 'Aida' oder die 'Carmen'. Nun sind meine Erfahrungen diesbezüglich ja schon fast 30 Jahre her und in der Zeit hat sich selbst an solchen Opernhäuser wie Scala und MET einiges geändert. Aber ich denke, dass nach wie vor eine interessante Auseinandersetzung mit dem Stoff es schwer hat. Abgesehen von deutschen Bühnen, aber da schießen sie wohl auch relativ häufig über das Ziel heraus.

      Die Frage ist nun, wie würdet ihr eigentlich dieses Werk inszenieren oder welche Richtung würdet ihr bevorzugen?

      :hello Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Ich habe mir gerade die Cavalleria mit Björling und Milanov angeschafft
      Lieber Falstaff,
      sicher keine schlechte Wahl, obwohl ich die spätere Erede-Aufnahme mit Tebaldi vorziehen würde, weniger wegen der Sopranistin, sondern wegen des Klangs. Sie wurde 1959 in Stereo produziert, klingt zwar auch nicht optimal, aber doch viel besser als die alte Cellini-Produktion von 1952. Außerdem singt Björling nach meinem Empfinden unter Erede besser. Bei Cellini klingt er manchmal etwas "gequetscht", hat aber in Milanov natürlich eine fantastische Partnerin. Die beiden Baritone (Merrill bzw. Bastianini) halten sich ziemlich die Waage.

      Falstaff schrieb:

      Bei mir waren es dagegen di Stefano .... und Wunderlich
      Ja, di Stefano! Der (zu Recht) berühmte Callas-Partner. Den habe ich aber in einer Aufnahme ohne Callas kennengelernt, und zwar im Verdi-Requiem unter Victor de Sabata (mit Schwarzkopf). Ich finde, er hat nie besser gesungen als in dieser Aufnahme, die leider (wohl wegen Mono) nie den Ruhm erlangt hat, den sie eigentlich verdient hätte. Sein "Ingemisco" und vor allem das "Hostias" haben mich regelrecht vom Hocker gehauen. Da stellt er sogar Björling (unter Fritz Reiner) in den Schatten, das muss ich freimütig zugeben. Er hatte eine herrliche Tenorstimme, leider hat er sich rasch übernommen, und in vielen Aufnahmen fällt er leider nicht nur durch seine schöne Stimme, sondern auch durch seinen etwas undisziplinierte Vortragsweise auf. Schade um dieses großartige Talent!

      Falstaff schrieb:

      Del Monaco war irgendwie ein Schlachter. Fantastisches Material, aber in der Tat, das hatte immer Wild-West-Manier. Andererseits, was würde man heute dafür geben, noch einmal solch ein mächtiges Organ hören zu können.
      Da stimme ich uneingeschränkt zu! Auf der Bühne hat er sicher mächtigen Eindruck gemacht, und als Otello war er ja auch eine tolle Besetzung. Es ist allerdings meine einzige GA mit del Monaco (ich meine die Karajan-Aufnahme von 1961), ansonsten habe ich alle seine Aufnahmen weiträumig umfahren. Jon Vickers ist sicher nicht jedermanns Fall, aber ich ziehe seinen Otello (unter Serafin) um Längen vor.

      LG, Perlimplin
    • Hallo Falstaff,

      obwohl es eigentlich nicht hierhin gehört, möchte ich doch kurz auf die Björling/Merrill-CD kommen.
      So wunderbar die beiden das Perlenfischer-Duett singen, für mich ist der eigentliche Höhepunkt der CD das Duett Othello/Jago "Sì, per ciel marmoreo giuro" (Track 9). Allein die drei "Sangue"-Rufe sind die Aufnahme wert. Mit solcher Energie und Konzentration, und dabei so mühelos, habe ich die nirgendwo sonst gehört. Da bedauert man unwillkürlich, dass Björling die Partie nie komplett aufgenommen hat.

      Doch nun noch einmal zu "Turandot":
      Der Leinsdorf-Aufnahme liegt ein hochinteressanter, aufschlussreicher Artikel von George R. Marek, dem langjährigen Manager von RCA Victor, bei (u.a. in deutsch), und der Produzent Richard Mohr lässt sich ausführlich über das Entstehen der Aufnahme in Rom aus. Allerding nur in der "Living Stereo"-Ausgabe, nicht in den diversen anderen Editionen, die inzwischen auf dem Markt sind. Marek geht auf die Geschichte der Handlung ausführlich ein und schildert auch Puccinis Ringen um das Werk.
      Die von Dir genannte Molinari-Pradelli-Produktion besitze ich nicht, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Mich hat Corelli vom Kauf abgehalten, das sage ich ganz ehrlich. Auch er glänzt in meinen Ohren immer mehr durch Stimmgewalt als durch differenziertes Singen. Aber, wie gesagt, das ist sicher Geschmacksache. Auch er war ein Künstler, der auf der Bühne sein Publikum begeistern konnte.

      LG, Perlimplin
    • Don Perlimplin schrieb:

      Mich hat Corelli vom Kauf abgehalten, das sage ich ganz ehrlich. Auch er glänzt in meinen Ohren immer mehr durch Stimmgewalt als durch differenziertes Singen. Aber, wie gesagt, das ist sicher Geschmacksache.
      Lieber Don Perlimplin, diesmal rennst du bei mir keine offenen Türen ein. ;)

      Natürlich ist er für differenziertes Singen wirklich nicht bekannt, aber im Vergleich zu del Monaco geradezu ein Meister darin. :)

      Ich mag sein Timbre, ich mag seine mühelose Höhe und sein durchaus auch leidenschaftliches Singen. Aber ich gebe dir recht, das ist wirklich Geschmackssache.

      LG Falstaff
    • Lieber Don Perlimplin, heute habe ich angefangen die bewusste Aufnahme zu hören.



      Natürlich ist das toll. Abgesehen davon, dass ich bei der Milanov nur den Klang ihrer Stimme, den unglaublichen Reichtum ihres Gesangs bewundere und bei der Albanese nicht einmal das (sorry), ist das wirklich toll. Aber gerade auch das Carlos-Duett ist fantastisch (weiter bin ich noch nicht gekommen.) Björling war da sicherlich ein idealer Carlo. Aber trotz aller Bewunderung, ich werde mit seiner Stimme nicht warm. Ich bewundere ihn, meistens, aber trotzdem lässt er mich irgendwie auch kalt. Ich befürchte, das wird sich in diesem Leben wohl auch nicht mehr ändern. :huh:

      LG Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Aber trotz aller Bewunderung, ich werde mit seiner Stimme nicht warm.
      Lieber Falstaff,

      mach' Dir nichts draus. Es ist doch gut, dass wir nicht alle den gleichen Geschmack haben, sonst wäre es ja furchtbar langweilig. Es freut mich aber, dass Du das Carlos-Duett toll findest. Auch diese Rolle hat Björling, wie auch den Othello, nie auf der Bühne gesungen. Sein Repertoire war ja ohnehin recht mickrig (er scheint nicht nur Alkoholiker, sondern auch ziemlich faul gewesen zu sein).
      Kern dieser CD sind die Duette mit Merrill (Tracks 1, 3, 5-6 und 9), während die übrigen sämtlich aus GA stammen. Bei Milanov und Albanese stimmen wir wieder ganz überein. Licia Albanese (1909-2014) starb übrigens im Alter von 105 Jahren. Das scheint mir ein Sängerrekord zu sein!
    • Cetay schrieb:

      Gold geht an Carmen Martínez Sierra (1904-2012).
      Hallo Cetay,

      danke für den Hinweis.
      Ich gebe freimütig zu, bis heute von der Existenz dieser Sängerin nichts gehört zu haben. Da ich mich ein Leben lang für Opernsänger interessiert habe, hat mich das ein bisschen irritiert. Nun habe ich aber festgestellt, dass auch Jürgen Kesting in seiner umfangreichen dreibändigen Sänger-Biographie die Dame mit keinem Wort erwähnt, ebenfalls nicht bei Jens Malte Fischer in "Große Stimmen". Sie scheint demnach zumindest international kaum eine Rolle gespielt zu haben. Aber die Goldmedaille kann man ihr wohl nicht streitig machen.
      Vielleicht wird sie bei Kutsch-Riemens erwähnt; das kann ich nicht nachprüfen, weil mir die Ausgabe nicht vorliegt.

      LG, Perlimplin
    • Cetay schrieb:

      Da muss ich jetzt meine Geek-Brille aufsetzen und belehren, dass obige Damen ziemlich deutlich die auf Silber- und Bronzeränge verweisen wurden. Gold geht an Carmen Martínez Sierra (1904-2012).
      Lieber Cetay, ich gebe mich geschlagen. ;) Aber wer hätte schon an 108 gedacht? Und das in Spanien und nicht in Japan. :D

      Don Perlimplin schrieb:

      Ich gebe freimütig zu, bis heute von der Existenz dieser Sängerin nichts gehört zu haben.
      Dito. Aber wenn sie mit Alfredo Kraus aufgetreten ist, hat sie in Spanien wohl schon 'ne gewisse Karriere gehabt.

      LG Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Aber wenn sie mit Alfredo Kraus aufgetreten ist, hat sie in Spanien wohl schon 'ne gewisse Karriere gehabt
      Lieber Falstaff, das mag durchaus sein, sagt aber weiter nichts über die Qualität ihrer Stimme.
      Schließlich ist Elisabeth Schwarzkopf auch mit Rudolf Schock aufgetreten, und der hat in Deutschland auch "'ne gewisse Karriere gehabt". Trotzdem: das war Champions League mit Kreisklasse gepaart.

      LG, Perlimplin
    • Benutzer online 1

      1 Besucher