Umberto Giordano: Andrea Chénier

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    • Umberto Giordano: Andrea Chénier

      Gerade merke ich, dass eine meiner Lieblingsopern hier noch nicht angemessen gewürdigt wurde. Die als Musikalisches Drama mit historischem Hintergrund bezeichnete Oper Andrea Chénier des italienischen Komponisten Umberto Giordano (1867-1948) mit dem Libretto von Luigi Illica (1857-1919) ist die vierte und bekannteste Oper Giordanos. Sie entstand in den Jahren 1894 und 1895 und wurde 1896 an der Mailänder Scala uraufgeführt. Illica verfasste das Libretto über den Dichter André Chénier, der drei Tage vor dem Sturz Robespierres während der französischen Revolution hingerichtet wurde, ursprünglich für den Komponisten Alberto Franchetti, der es Giordano aufgrund dessen Begeisterung für das Sujet großzügig überließ, obwohl er selbst bereits mit der Komposition begonnen hatte. Andrea Chénier war sofort ein Erfolg und wurde bald an allen größeren Opernhäusern gespielt. Größere Bekanntheit in jüngerer Zeit erlangte die Sopran-Arie La mamma morta in der Interpretation von Maria Callas, die auch in dem Film Philadelphia verwendet wurde.

      In der Oper geht es, grob zusammengefasst, um Andrea Chénier (Tenor), der den Idealen der französischen Revolution nahesteht, während dem „Großen Terror“ aber antirevolutionärer Aktivitäten verdächtigt wird. Er und die adlige Maddalena di Coigny (Sopran), die er noch vor der Revolution auf einem Fest kennengelernt und die nun alles verloren hat, verlieben sich ineinander; aber auch Carlo Gérard (Bariton), der ehemalige Diener der Familie Coigny und nun ein mächtiger Revolutionsführer, liebt Maddalena. Zwar schützt Gérard Chénier nach einem Duell, in dem Gérard unterliegt, noch; als Chénier verhaftet wird, bezichtigt er ihn jedoch fälschlicher Weise des Hochverrats, in der Hoffnung nach Chéniers Tod Erfolg bei Maddalena zu haben. Als er Maddalena seine Absichten merken lässt, bietet sie ihm ihren Körper für das Leben ihres Geliebten. Gérard ist von Maddalenas Leiden und der Größe ihrer Liebe so bewegt, dass er versucht, Chénier zu retten; aber obwohl er vor Gericht seine Lügen zugibt, wird Chénier zum Tode verurteilt. Durch Bestechung des Gefängniswärters gelingt es Maddalena, mit einer anderen Verurteilten ausgetauscht zu werden, sodass die Liebenden gemeinsam sterben können.

      Ich mag diese Oper sehr und kaum eine andere spricht emotional so an. Insbesondere die beiden Arien Nemico della patria und La mamma morta sind für mich absolute Gänsehautstellen. Warum Giordano verglichen mit Puccini so selten gespielt wird, ist mir ein Rätsel.

      Andrea Chénier wird oft als Werk des Verismo bezeichnet. Verglichen mit den quasi definitorischen Genre-Vertretern Cavalleria rusticana und Pagliacci sind die Unterschiede aber sehr groß, wie ich finde: Die Oper spielt nicht wirklich im Milieu der einfachen Leute; es geht nicht nur um ein gewöhnliches Eifersuchtsdrama, sondern auch die Ideale der Revolution und die Missstände vor und nach dem Umsturz; die Oper ist deutlich länger, etc. Ähnlich wie die Opern Puccinis lässt sich Andrea Chénier also nicht eindeutig dem Verismo zuordnen, sondern es bestehen hauptsächlich Übereinstimmungen in musikalischen und darstellerischen Mitteln und Ausdrucksformen.

      Das Libretto von Luigi Illica orientiert sich, wenn auch sehr frei, an historischen Personen und Ereignissen. So kannte der historische André Chénier tatsächlich eine Adlige namens Coigny, mit der er zusammen im Gefängnis saß und für die er ein Gedicht schrieb, dass später von Berlioz vertont wurde. Im Gegensatz zum Libretto entging sie jedoch der Guillotine und die beiden hatten auch kein Liebesverhältnis. Illica verarbeitete in Chéniers Arien im 1. und 4. Akt auch zwei Gedichte des historischen Chénier. Ähnlich verfuhr Giordano mit der Musik, in die er das in der Zeit der Revolution populäre Kampflied Ça ira, den Tanz Carmagnole und die Marseillaise einarbeitet. Im Kontrast dazu dominieren im 1. Akt, der noch vor der Revolution spielt, höfische Tänze (Gavotte) mit Rokoko-Anklängen.

      Meine liebste Aufnahme ist die EMI-Aufnahme von Gabriele Santini mit dem Chor und Orchester der Oper Rom aus dem Jahre 1963. Die Hauptrollen singen Franco Corelli, Antonietta Stella und Mario Sereni. Alle drei überzeugen mich restlos. Franco Corelli bewältigt seine Partie mühelos und sein auftrumpfender Tenor passt hier perfekt zur Rolle. Antonietta Stella hat einen vornehmen, leicht distanzierten Ausdruck in der Stimme, mit dem sie vor allem den 1. Akt sehr glaubhaft gestaltet; aber auch die emotionalen Stellen lässt sie nicht zu kurz kommen, wenn sie mich auch das La mamma morta der Callas nicht vergessen lässt. Mario Sereni hat eine eher rauhe Stimme, die er aber sehr ausdrucksstark einsetzt; sein Nemico della patria ist eines der besten, das ich kenne. Auch die kleineren Rollen sind hervorragend besetzt (z.B. Piero de Palma als Incredibile, Giuseppe Modesti als Roucher, Stefania Malagú als Bersi). Im Vergleich zu anderen Aufnahmen fällt auf, dass einige Sänger gleich mehrere (bis zu drei) verschiedene Partien singen, womit ich nicht ganz zufrieden bin; insbesondere die gleiche Besetzung für Roucher (der Freund Chéniers) und Fouquier-Tinville (der Ankläger im Prozess gegen Chénier) finde ich etwas unglücklich.

      Als DVD ist sicher die Aufführung der Wiener Staatsoper aus den 80ern mit Placido Domingo, Gabriela Benacková und Piero Cappuccilli unter dem Dirigat von Nello Santi empfehlenswert, zumal sie mit Heinz Zednik und Fedora Barbieri auch über prominente Nebendarsteller verfügt. Insbesondere Cappuccilli hat mich hier überzeugt.
      Im Internet habe ich noch eine Aufführung aus Covent Garden mit Domingo, Anna Tomowa-Sintow und Giorgio Zancanaro gesehen. Anna Tomowa-Sintows Maddalena finde ich besser als die von Gabriela Benacková. Beide Aufführungen sind eher traditionell, wobei in London deutlich üppiger inszeniert wurde – Geschmackssache, welche man bevorzugt. Sollte es diese Aufführung auch auf DVD geben, wäre sie sicher genauso empfehlenswert.

      So viel erstmal von meiner Seite. Gibt es hier noch andere, die den „Andrea Chénier“ ähnlich hoch einschätzen wie ich? Welche Aufnahme bevorzugt ihr und warum wurde diese Oper hier im Forum bislang kaum erwähnt?

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Amonasro ()

    • Lieber Amonasro,

      zunächst einmal danke für diesen tollen Eröffnungsbeitrag! Ich muss gestehen, dass der Chenier eher im Mittelfeld meiner Beliebtheitsskala angesiedelt ist, was aber sicher daran liegt, dass ich mich mit diesem Werk bisher weniger intensiv als mit anderen auseinandergesetzt habe.

      Bei mir steht bekanntlich immer das Live-Erlebnis im Vordergrund, obwohl ich in letzter Zeit vermehrt Konserven höre und sehe, weil mich Spielplan, Besetzungen und vor allem Inszenierungen an der WSO zunehmend frustrieren. (In der nächsten Saison werden meine Opernbesuche wohl ein Rekordtief erreichen....)

      Unser "Andrea Chenier" nun ist immer noch der von 1981, aber eben nicht mehr von, sondern nur mehr nach Otto Schenk, weil sich das bisschen an Personenführung längst verflüchtigt hat. Und mir hat diese Inszenierung von Anfang an nicht gefallen, weil die Schrecken der Französischen Revolution verharmlosend als eine Art romantischer Bilderbogen präsentiert werden - typisch Schenk halt, bei dem alles "schön" sein muss, auch wenn es in Wahrheit alles andere als das gewesen ist.

      Was ich damit sagen will, dass ich nur dann eine Vorstellung besuche, wenn die Besetzung mich reizt, und leider ist es nur sehr selten der Fall, dass Chenier, Maddalena und Gérard gleichwertig sind. Besonders bei den Gérards hapert es, denn so wie für Dich ist da auch für mich Cappuccilli immer noch das Maß aller Dinge.
      Vielleicht ist das auch der Grund, warum diese Oper nicht so fest im Repertoire verankert ist, weil sie eben drei gleichwertige Sängerpersönlichkeiten braucht, damit sie funktioniert, die zudem auch überzeugend spielen müssen. Wenn nur mehr an der Rampe gestanden wird wie bei meinem letzten Chenier mit Johan Botha, macht sich trotz der herrlichen Musik nur Langeweile breit. Also zumindest bei mir, bin ich doch bekennende Anhängerin des MusikTheaters!

      lg Severina :hello

      PS: An Einspielungen besitze ich leider nur die von Dir erwähnte DVD und dann noch eine CD mit Domingo, Sherrill Milnes, Renata Scotto unter James Levine (1977)
    • Lieber Amonasro, hier im Forum wurden sehr viele Opern noch nicht erwähnt ! :wink
      Sowohl Opern und auch Sänger werden hier sträflich vernachlässigt , das hat auch damit zutun das es hier im Forum wenig Begeisternde sind !

      Nun zum Andrea Chénier , wie von Severina schon erwähnt ist es auch nicht eine meiner Lieblingsopern,
      da gibt es nämlich die Fedora die ich lieber mag. Das heißt aber nicht das ich das gar nicht höre , denn es gibt doch eine Handvoll Aufn. die ich sehr mag!





      Also , Franco Corelli ist schon DER Chénier , mit der Stella bin ich nicht ganz so einverstanden , da ist mir
      dann doch die Tebaldi wesentlich lieber, das liegt am Timbre .
      Ja, und dann die Callas DIE Maddalena überhaupt man muss nur hören wie sie das "La mamma morta" singt.del Monaco ist auch ein sehr guter Chénier reicht aber nicht an Corelli heran , leider ist auf der Callas Aufn. der unsägliche Protti zu hören als Gérard . Das ist bei den anderen beiden Aufn. anders da singt dann Bastianini und der ist spitze !!! Die Staatsopern Aufn.ist sehr zu empfehlen ! :down
      Und dann noch die GA mit Carreras , Marton und einer meiner liebsten Baritons, G.Zancanaro .
      Carreras ist völlig anderes Kaliber , er singt viel feiner als die beiden und neigt nicht so zum überlauten singen und E.Marton war zu der Zeit der Aufn. '86 schon ganz vorne einzuordnen , sie ist aber nicht mein pers.Liebling !

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • @Severina Das schreit ja eigentlich nach einer Neuinszenierung und viel passiert in der Schenk-Inszenierung wirklich nicht. Schließlich werden die Leute an jeder Ecke ausspioniert und Unschuldige willkürlich und wider besseren Wissens zum Tode verurteilt. Gerade die Gerichtsszene wirkt oft zu harmlos. Die Angeklagten werden regelrecht niedergeschrien, das sollte auch deutlich werden.

      @palestrina Die Fedora finde ich auch sehr gut. Ich habe die Gardelli-Aufnahme mit Magda Oliviero, del Monaco und Gobbi. Auch Mala vita, schon eher Verismo, gefällt mir. Andrea Chénier mochte ich aber immer lieber. Die Aufnahme aus Wien mit Corelli, Tebaldi und Bastianini habe ich schon ins Auge gefasst. :wink

      Gruß Amonasro :hello
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    • Hallo Amonasro, das ist eine gute Entscheidung! :beer
      Habe mir gerade den Andrea Chénier mit Carreras angehört , nach langer Zeit mal wieder, so kommt man auf Ideen , und ich kann sagen der gefällt mir jetzt noch besser als ich es in Erinnerung hatte , wow der J.Carreras ist fast Ideal für die Rolle ein Mischung aus Aufbegehren und Hingabe "La nostra morte è il trionfo dell'amor !"
      Und G.Zancanaro steigt toll ein mit "T'odio , casa dorata!" und die Marton ist viel besser als ich es im Ohr hatte ! Du merkst ich bin Begeistert ! :down
      LG palestrina
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      Oolong
    • Giorgio Zancanaro gefiel mir auch in der Aufführung mit Domingo, die ich oben erwähnt habe, gut. Es gibt meines Wissens auch eine DVD mit Carreras und Cappucilli. Kennst du die?

      Als ich gerade das Libretto im Internet gesehen habe, fiel mir auf, dass anscheinend alle mir bekannten Aufnahmen im 1. Akt gekürzt sind. Dort erzählt der Abate einen Witz über einen Fuchs, der auf den dritten Stand gemünzt ist; außerdem werden die Gäste bei der Begrüßung vom Haushofmeister namentlich genannt. Das habe ich bisher noch nie gehört bzw. gesehen.

      Gruß Amonasro :hello
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    • Hallo Amonasro,

      mit "Andrea Chénier" habe ich mich vor längerer Zeit mal beschäftigt, aber der letzte Kick zum tiefen Eintauchen in diese Oper hat mir immer gefehlt.
      Ich habe die DVDs Carreras/Marton/Cappuccilli und Domingo/Benackova/Cappuccilli und kann mich noch erinern, dass Carreras mich vor allem im ersten Akt, in der Szene vor der Revolution, sehr beeindruckt hat. Er kam für mich viel idealistischer rüber als Domingo in der gleichen Szene und ich finde, das passt sehr gut zu dieser Rolle.

      Heute habe ich mehr per Zufall diesen Link zur neuen ROH-Inszenierung gefunden, der dich vielleicht interessiert. Pappano und Kaufmann werden zu dieser Oper interviewt - nur 4 Minuten, aber für mich hat es sich trotzdem gelohnt: youtube.com/watch?v=3iqTWff1fdI

      VG, stiffelio
    • Original von palestrina
      Hallo Amonasro, das ist eine gute Entscheidung! :beer
      Habe mir gerade den Andrea Chénier mit Carreras angehört , nach langer Zeit mal wieder, so kommt man auf Ideen , und ich kann sagen der gefällt mir jetzt noch besser als ich es in Erinnerung hatte , wow der J.Carreras ist fast Ideal für die Rolle ein Mischung aus Aufbegehren und Hingabe "La nostra morte è il trionfo dell'amor !"
      Und G.Zancanaro steigt toll ein mit "T'odio , casa dorata!" und die Marton ist viel besser als ich es im Ohr hatte ! Du merkst ich bin Begeistert ! :down
      LG palestrina


      Zancanaro war in der Tat ein toller Gérard, ich habe ihn 1994 in dieser Partie in Zürich erlebt, mit FRancisco Araiza als Chenier und Gabriele Lechner als Maddalena.

      lg Severina :hello
    • Hallo stiffelio,

      danke für den Link. Kaufmann und Pappano scheinen ja völlig begeistert von der Oper, das ist natürlich die beste Voraussetzung für eine gelungene Aufführung. Sie weisen auch auf die stellenweise sehr große Emotionalität der Musik hin, die ich auf jeden Fall auch so empfinde. Schade, dass man nicht mehr von der Inszenierung und den anderen Sängern sieht.

      Carreras' Chénier kenne ich leider nicht, aber Andrea Chénier muss auf jeden Fall idealistisch wirken; das ist für mich das Wesen dieser Rolle. Nicht nur im 1. Akt, auch wenn er Roucher von seiner Hoffnung auf die wahre Liebe erzählt und wider alle guten Gründe, die Roucher ihm liefert, das Land zu verlassen, wegen einer völlig Unbekannten bleiben will, wird das deutlich.

      @palestrina Cappuccilli wirkt mir des öfteren auch zu oberflächlich und zu wenig involviert in das, was er singt; aber in den richtigen Rollen ist er überwältigend und der Gérard gehört für mich definitiv dazu.

      Gérard scheint mir sowieso die interessanteste Figur. Ein ungewöhnlicher Antagonist, der immer hin und hergerissen scheint zwischen seinen Idealen und seinen Begierden und sich schließlich zur Rettung seines Rivalen entschließt. Für mich die vielschichtigste Figur.

      Gruß Amonasro :hello
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Amonasro ()

    • Original von Amonasro
      Carreras' Chénier kenne ich leider nicht, aber Andrea Chénier muss auf jeden Fall idealistisch wirken; das ist für mich das Wesen dieser Rolle. Nicht nur im 1. Akt, auch wenn er Roucher von seiner Hoffnung auf die wahre Liebe erzählt und wider alle guten Gründe, die Roucher ihm liefert, das Land zu verlassen, wegen einer völlig Unbekannten bleiben will, wird das deutlich.
      Gruß Amonasro :hello


      Ja genau Amonasro, deshalb solltes du mal J.Carreras anhören der singt das sehr überzeugend ! :down

      Die Rolle des Gerard ist für mich im ersten Akt am überzeugendsten ! Da hat er noch was zu sagen und seine Emotionen finde ich am ehrlichsten , später wird er dann , mMn zum manipulierten Mitläufer um dann aus Liebe sein Gewissen zu erleichtern ! Da ist die Rolle des Andrea schon viel ehrlicher bis zu bitteren Ende .

      Ach Billy, tu dir doch mal die Oper so richtig zu gemüte führen , das wird schon, nein langweilig ist das nicht ! :wink

      LG palestrina
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      Oolong

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von palestrina ()

    • Original von Billy Budd
      Ich kann leider nix beitragen, da ich Andrea Chénier für eine langweilige Oper halte...


      Interessanter Weise fand ich die Oper bei meiner Erstbegegnung, einer Live-Übertragung im Fernsehen, an die ich mich kaum noch erinnere, auch ziemlich langweilig. Erst etwa ein Jahr später gab ich der Oper nochmal eine Chance, vor allem, weil quasi jeder berühmte Sänger eine Arie daraus aufgenommen hat, und da hat es dann "klick" gemacht. :)

      Original von palestrina
      Die Rolle des Gerard ist für mich im ersten Akt am überzeugendsten ! Da hat er noch was zu sagen und seine Emotionen finde ich am ehrlichsten , später wird er dann , mMn zum manipulierten Mitläufer um dann aus Liebe sein Gewissen zu erleichtern ! Da ist die Rolle des Andrea schon viel ehrlicher bis zu bitteren Ende .


      Gerade deswegen finde ich die Rolle des Gérard so interessant. Andrea Chénier ist von Anfang bis Ende genau der selbe; er bleibt seinen Idealen treu, macht aber als einziger der drei Hauptfiguren keine Entwicklung durch.

      Gérard wird durchgängig von starken Emotionen getrieben und steht von Beginn an in einem gewissen Widerspruch: Wie sich der Hass auf seine Arbeitgeber (der ja u.a. aus der Liebe zu seinem Vater resultiert) mit der Liebe zu Maddalena, die zumindest im ersten Akt deutlich die Ansichten des Adels teilt, vertragen soll, weiß er wahrscheinlich selbst nicht. Dass er später zum korrumpierten Machtmensch und Mitläufer wird und darüber seine ursprünglichen politischen Ziele aus den Augen verliert, ist ihm durchaus bewusst; gleichzeitig hat er nicht die Kraft und den Willen dagegen anzugehen. Erst Maddalenas Opferbereitschaft und ihre traurige Geschichte bringen ihn dazu, sein Verhalten gegenüber Chénier zu ändern.

      Und genau das halte ich nicht nur für den Versuch, sein schlechtes Gewissen zu erleichtern; vielmehr findet er wieder zurück zu seinen anfänglichen Idealen: Chénier bleibt für ihn trotz aller Rivalität ein Gleichgesinnter, für den er Sympathie, wenn nicht Bewunderung hegt (nicht umsonst wird im Libretto ausdrücklich erwähnt, dass er Chéniers Improvviso mit anhört, das seine spontane Auflehnung gegenüber der Gräfin mit initiiert haben dürfte); deswegen ist er auch direkt nach dem verlorenen Duell, um Chéniers Flucht bemüht. Erst die Überredungs(Verführungs-?)künste des Incredibile, der ziemlich bestimmt auftritt ("heißt ihn mit gebietender Gebärde schreiben") lassen ihn wieder umlenken. Wenn er nun vor Gericht die Tyrannei der Justiz, ihre Willkür und Mordgier anprangert, wendet er sich nicht nur gegen die Verurteilung Chéniers, sondern gegen das ganze System. Damit begibt er sich selbst in Lebensgefahr; eigentlich ein Wunder, dass er nach diesem Auftritt überhaupt noch frei herumläuft.

      Was nun die freiheitlichen Ideale anbelangt, ist er der einzige, der tatsächlich handelt, während Chénier bei allem nur Theoretiker bleibt.

      (Interessant ist die Überlegung, natürlich nur sinnlose Spekulation :W, wie es mit Gérard weitergeht, nachdem der Vorhang fällt. Robespierre und seine Anhänger wurden drei Tage nach André Chéniers Hinrichtung gestürzt und hingerichtet. Ob er sich jetzt der Oposition anschließt oder selbst als Jakobiner hingerichtet wird?)

      Die Figur Carlo Gérard soll übrigens von Jean Lambert Tallien (1767-1820) inspiriert sein, einem Jakobiner, der sich schließlich gegen den Großen Terror wandte. Der Hintergrund war seine Liebe zu einer Marquise, die in Paris verhaftet wurde, und die er zu retten versuchte. Als er selbst durch Robespierre angeklagt werden sollte, verursachten er und seine Anhänger einen solchen Tumult, dass es seinen Gegnern nicht möglich war, zu Wort zu kommen.

      Als ich nach Ausschnitten von Carreras' Chénier gesucht habe, bin ich übrigens auf ein interessantes Video gestoßen: Carreras gelingt der Schlußton im Finale nicht, daraufhin setzt Buh-Orkan ein, woraufhin Caballé (die Maddalena) vor den Vorhang tritt, Carreras in Schutz nimmt und das Publikum auffordert, sie stattdessen auszubuhen. Ein außergewöhnlich kollegiales Verhalten. :B
      youtube.com/watch?v=JaxA4QrgB1E

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
    • Hallo Amonasro,

      das finde ich sehr interessant, was du dir zu Gérard überlegt hast!

      Original von Amonasro
      Die Figur Carlo Gérard soll übrigens von Jean Lambert Tallien (1767-1820) inspiriert sein, einem Jakobiner, der sich schließlich gegen den Großen Terror wandte. Der Hintergrund war seine Liebe zu einer Marquise, die in Paris verhaftet wurde, und die er zu retten versuchte. Als er selbst durch Robespierre angeklagt werden sollte, verursachten er und seine Anhänger einen solchen Tumult, dass es seinen Gegnern nicht möglich war, zu Wort zu kommen.


      Die Personen Jean Lambert Tallien und seine Geliebte Theresa (bzw. ihre Aktivitäten nach dem Sturz Robespierres) wurden übrigens von meinem absoluten Lieblingsdramatiker Fritz Hochwälder zu einem wahnsinnig packenden Drama verarbeitet: "Der öffentliche Ankläger". Kann ich dir nur empfehlen!

      VG, stiffelio
    • palestrina schrieb:

      Also , Franco Corelli ist schon DER Chénier , mit der Stella bin ich nicht ganz so einverstanden , da ist mir
      dann doch die Tebaldi wesentlich lieber, das liegt am Timbre .
      Ja, und dann die Callas DIE Maddalena überhaupt man muss nur hören wie sie das "La mamma morta" singt.del Monaco ist auch ein sehr guter Chénier reicht aber nicht an Corelli heran , leider ist auf der Callas Aufn. der unsägliche Protti zu hören als Gérard . Das ist bei den anderen beiden Aufn. anders da singt dann Bastianini und der ist spitze !!! Die Staatsopern Aufn.ist sehr zu empfehlen !
      Da ich gerade den Chénier mal wieder höre, möchte ich auch meinen Senf, ziemlich ungeordnet, dazu beitragen.

      Live gehört habe ich die Oper leider nur ein einziges Mal und dann noch konzertant (schon interessant, dass sie in Hamburg über Jahrzehnte nie inszeniert wurde). Das war mit Botha unter Simone Young, wenn ich mich recht erinnere. Die weiteren Rollen sind mir nicht mehr im Gedächtnis. Von daher ist es wohl klar, dass die Aufführung keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Botha übrigens auch nicht.

      Das meint aber nicht, dass ich den Chénier als 'Verismo-Reißer' nicht mag. Wie alle guten Opern aus diesem Bereich ist er sehr effektvoll und berührend aufgebaut. Vielleicht interessiert mich dabei die Geschichte als Ganzes sogar eher weniger, aber die einzelnen Nummern fand ich immer sehr mitreißend.

      Kennen tue ich und gehört habe ich v.a. die Aufnahmen mit Corelli/Stella, del Monaco/Tebaldi, del Monaco/Callas und Carreras/Marton. Und obwohl ich 'meilenweit' für einen Tenor wie den von del Monaco heute gehen würde, um so etwas noch einmal live zu erleben, ist für mich der Chènier weiterhin Corelli, der einfach feiner und edler singt. Carreras und Marton und v.a. Cappuccilli haben mich damals geradezu umgehauen, aber ich müsste die Aufnahme wieder einmal hören. Tebaldi finde ich toll, auch wenn man bei ihr nicht unbedingt Ausdruck erwarten darf. Den bietet Callas, aber letztlich ist das (Callas/del Monaco) auch ein wenig 'Perlen vor die Säue', da sie sich, mit ihrer Fähigkeit zur vokalen Raffinesse, im Verismo meistens schlichtweg im falschen Bereich bewegte. Zudem war das mit der Bruststimme gebildete 'C' nie so ihr Fall. Trotzdem ist es natürlich faszinierend, was sie hier versucht und ihr 'Mamma morta' ist bei all diesen Einschränkungen grandios.

      Insgesamt würde ich aber, was eine Lieblingsaufnahme angeht, immer eher zu Corelli/Stella greifen. Wohl wissend, dass man bei den GA's immer auch Abstriche zu machen hat.

      :hello Falstaff
    • Hallo,


      ich bin doch ziemlich erstaunt, daß diese Aufnahme hier noch nicht genannt wurde:


      mit dem John Alldis Choir und dem National Philharmonic Orchestra, Dirigent: James Levine (Aufnahme: August 1976, London).

      In meinen Ohren ist es insgesamt die ausgewogenste Aufnahme, mit einem Dirigenten, der die Kontraste der Partitur herrlich auskostet und das Sängerteam aufmerksam und flexibel begleitet. Ich finde, daß Plácido Domingo hier eine seiner besten Leistungen (auf Tonträger) abliefert. Er ist in Bestform, und auch Renata Scotto singt hervorragend, wenn man von ein paar etwas schrillen Spitzentönen absieht. Milnes ist ein guter, aber kein überrragender Gerard. Da hat m.E. Bastianini die besseren Karten.
      Die Klangqualität ist übrigens einwandfrei, und das Ad-hoc-Orchester macht seine Sache ebenfalls gut, der Chor ist ganz ausgezeichnet.

      Franco Corelli war nie mein Fall, und Mario del Monaco versucht wieder einmal durch Lautstärke zu ersetzen, was ihm an Differenzierungsvermögen fehlt. Das gilt mehr noch für die Callas-Aufnahme als für die Studio-Produktion unter Gavazzeni, wo er sich zumindest ein paar Piano-Töne abringt.
      Die Aufnahme mit Carreras kenne ich nicht, da kann ich nicht mitreden.

      LG, Cavaradossi
    • Cavaradossi schrieb:

      Die Aufnahme mit Carreras kenne ich nicht, da kann ich nicht mitreden.
      Hallo Cavaradossi, und ich kenne diese Aufnahme nicht, ich habe nur dann Domingo gekauft wenn einer der anderen Sänger mein Wohlwollen hatte :D , obwohl ich die große Box von Verdi Arien mit Domingo auch im Regal stehen habe, alldiweil es eine Menge alternativ Arien darauf gibt, und dann noch Domingo als Otello da mag ich ihn sehr! :)
      Und da sieht/hört man mal wieder wie das mit den Geschmack so ist, ich bin zwar auch nicht der absolute Corelli Fan aber es gibt Opern wo ich ihn sehr bevorzuge!
      Dagegen bin ich ein großer Carreras Fan (natürlich auch nicht alles, aber nur ein kleinwenig ;) nicht alles!).

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • palestrina schrieb:

      ich habe nur dann Domingo gekauft wenn einer der anderen Sänger mein Wohlwollen hatte
      Hallo palestrina,

      "wie sich die Bilder gleichen": Mir geht es so bei Corelli und Mario del Monaco, die nehme ich nur dann in Kauf, wenn mich eine Aufnahme wegen des Dirigenten bzw. anderer Sänger interessiert.
      Domingo hat sicher "zwei Seiten": Er hat viel zu viel aufgenommen, und neben manchen Perlen gibt es auch viele Sachen, die er besser gelassen hätte. Spontan fallen mir ein paar (in meinen Ohren) hervorragende Aufnahmen ein: TROVATORE (unter Mehta), DON CARLOS (Giulini), RIGOLETTO (Giulini), LA TRAVIATA (C.Kleiber), CAVALLERIA (Levine). Domingos Otello kenne ich leider nicht :( ; in der Rolle ist bis heute Jon Vickers mein Favorit.
      Corelli schätze ich eigentlich nur in einer GA: NORMA (mit Callas, unter T. Serafin, 1960). Gegen Filippeschi in der Mono-Version von 1954 ist er ein wahrer Star, was aber kein großes Kunststück ist.
      Carreras war sicher ein Tenor der Extraklasse, der sich m.E. aber leider nach seiner schweren Krankheit zu viel zugemutet hat. Außerdem hat ihm Karajan Rollen aufgenötigt, denen er nach meinem Empfinden nicht (mehr) gewachsen war (z.B. Radames oder Don Carlos). Er war eher ein Sänger fürs lyrische Fach. In französischen Opern hat er Großartiges geleistet.
      Am meisten enttäuscht hat er mich im Verdi-Requiem unter Karajan von 1984 (mit Tomowa-Sintow, Baltsa, van Dam) aus Wien; ohnehin eine schwache Aufnahme, aber der erste Einsatz von Carreras im "Kyrie" ist total daneben. Da darf man wirklich nicht an Björling (Reiner) oder gar an Giuseppe di Stefano (de Sabata) denken, die daraus einen magischen Moment machen. Kennst Du die Aufnahme? Für meine Begriffe kein Ruhmesblatt für Karajan, vor allem, wenn ich an seine 1972er Version mit den Berlinern denke.

      LG, Cavaradossi

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cavaradossi ()

    • Cavaradossi schrieb:

      Domingo hat sicher "zwei Seiten": Er hat viel zu viel aufgenommen, und neben manchen Perlen gibt es auch viele Sachen, die er besser gelassen hätte. Spontan fallen mir ein paar (in meinen Ohren) hervorragende Aufnahmen ein: TROVATORE (unter Mehta), DON CARLOS (Giulini), RIGOLETTO (Giulini), CAVALLERIA (Levine).
      Dem kann ich nur zustimmen. Besonders den Don Carlo finde ich gelungen. An manchen Stellen (z. B. Beginn des 3. Akts) gefällt mir Domingo sogar besser als Bergonzi (Solti). In der Regel ziehe ich ihm zwar andere Tenöre vor, aber trotzdem empfinde ich Domingo meist als "sichere Bank" - wirklich enttäuscht hat mich noch keine seiner Aufnahmen. Am besten war er meiner Meinung nach bei Puccini und den Veristen aufgehoben: Il tabarro, Adriana Lecouvreur, Francesca da Rimini und auch Andrea Chénier. Meine liebsten Domingo-Aufnahmen sind La fanciulla del West (Mehta) und Carmen (Solti).

      Aus "Was höre ich gerade jetzt":

      palestrina schrieb:

      Hallo Amonasro, da guckt man zwei Stunden nicht ins Forum, und was sieht man, Amonasro kam auch auf die Idee den „ Andrea Chénier " zu hören und auch noch die gleiche Aufnahme!
      Also Corelli ist schon beeindruckend, egal wie man das hört!
      Auch die Stella finde ich heute besser als beim letzten mal anhören, auch Santini mit dem Orchester der Römischen Oper ist lobenswert, einzig Sereni fällt etwas aus dem Rahmen, das ist mir zu neutral!
      Naja, so zufällig ist das nicht. Ich wurde natürlich von der Diskussion hier inspiriert. :thumbup:

      Meine Meinung zu der Santini-Aufnahme hat sich seit dem Eröffnungsbeitrag nicht geändert. Auch Mario Sereni (eine meiner liebsten Bariton-Stimmen, die mich immer etwas an Bastianini erinnert) überzeugt mich völlig. Neutral finde ich ihn gar nicht, gerade sein Nemico della patria finde ich sehr emotional.

      Gruß Amonasro :hello
      Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser. (Giuseppe Verdi)
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