Schubert: Streichquartett op. 810 "Der Tod und das Mädchen" / Kritische Analyse

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    • Schubert: Streichquartett op. 810 "Der Tod und das Mädchen" / Kritische Analyse

      Einleitung


      Ganz am Anfang meiner Beschäftigung mit Partituren, als ich mich damit noch gar nicht auskannte, klangen Sätze wie „Unabridged republication from an authoritative edition“ recht imposant; besonders, wenn damit geworben wurde, dass es sich um einen Reprint einer Erstausgabe handelt, die womöglich auch noch vom Komponisten persönlich benutzt wurde.
      Dass, wenn es sich lediglich um einen bloßen Nachdruck handelt, auch alle möglichen Fehler der Erstausgabe darin enthalten sind, wusste ich nicht.

      Und nachdem ich nun mehrere kritische Berichte gelesen habe, bin ich doch erstaunt, wieviele teils wirklich gravierende Fehler sich da einschleichen können.

      Ich werde mir Anfang des nächsten Monats eine kritische Partitur zu Schuberts op. 810 kaufen, vom Henle Verlag. Sobald ich diese habe, kann ich noch mehr zu dem Thema sagen, und noch mehr vergleichen, doch auch ohne diese Partitur ist es bereits möglich, andere Versionen auf mögliche Fehler zu überprüfen.

      Leider finde ich das Autograph von Schubert nirgendwo im Internet. Selbiges befindet sich im Besitz der Pierpont Morgan Library, New York, Cary Music Collection, und auf deren Seite gibt es lediglich das erste Blatt zu sehen, zumindest soweit ich das überblicken konnte. Für Hinweise auf Seiten, wo man das Autograph sehen kann, bin ich natürlich dankbar!

      Diese erste Seite jedoch gibt schon über einige Dinge Aufschluss, und mein Respekt gilt den Leuten, die sich für kritische Ausgaben durch dieses furchtbare Gekritzel durchwühlen mussten. Schubert hatte, zumindest hier, eine sehr undeutliche Notenschrift, und auch im kritischen Bericht wird öfter erwähnt, dass etwa die Zeichensetzung Schuberts immer wieder undeutlich, schlecht leserlich ist.

      In diesem Thread möchte ich also auf verschiedene Hinweise eingehen, und, sofern es sich lohnt, auch in meine Aufnahmen hineinhören, um zu sehen, für welche Fassung sich Interpreten entschieden haben.

      Der Übersichtlichkeit halber werde ich aber pro Beitrag nur einen Hinweis behandeln.

      Die beiden Versionen, die mir momentan zur Verfügung stehen sind:

      1.) erschienen bei Breitkopf und Härtel, nachgedruckt von Dover
      2.) erschienen beim Eulenburg Verlag

      Später wird, wie schon gesagt, die kritische Henle-Ausgabe dazu kommen. Beim Autograph mache ich mir aber keine großen Hoffnungen :(



      LG,
      Hosenrolle1
    • 1. Satz


      Der erste Fehler hat sich bereits in Takt 15 eingeschlichen.

      Der Bericht lautet so:



      Im Autograph sieht man ihn auch deutlich:




      Jedoch, bei Dover (links) fehlt er, bei Eulenburg (rechts) ist er da.






      In diesem Bericht steht nun auch, dass man sich den Takt 20 ansehen soll, und tatsächlich:




      Wo auf Zählzeit 2 die Melodie exakt die selbe ist, jedoch um eine Oktave nach oben verschoben, taucht der Haltebogen wieder auf.




      Bemerkung: auch die im Bericht genannten Takte 311 f. und 316 f. habe ich mir in der fehlerhaften Version angesehen - genau das gleiche, weswegen ich auf weitere Bilder dieser Stelle hier verzichte.
      Ich hätte übrigens die fz in Schuberts Handschrift niemals entziffern können! Man sollte meinen, ein Komponist hätte mehr Interesse daran, dass Verleger ihre Anweisungen auch lesen können :D


      Jetzt werd ich mir mal anhören, ob manche Interpreten da vielleicht KEINEN Haltebogen spielen ...




      LG,
      Hosenrolle1

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    • Ich habe ein paar Aufnahmen durchgehört; es ist nicht allzu leicht, bei dieser geringen Lautstärke auszumachen, ob der Haltebogen der Viola in Takt 15 gespielt wird, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass in dieser Einspielung des Amadeus-Quartetts von 1953 der Haltebogen nicht gespielt wird.

      youtube.com/watch?v=pfqBHzNWVbY

      Hier ist es sicherlich hilfreich, wenn man diese Stelle mit anderen vergleicht, in denen ein Haltebogen notiert ist, und das habe ich auch gemacht: in Takt 20 hört man deutlich, dass die Viola den Haltebogen aushält, es klingt ganz anders als in Takt 15.

      (Die Stelle kommt bei 0:31)




      LG,
      Hosenrolle
    • Ein weiterer Hinweis lautet wie folgt:



      Sieht man sich die beschriebenen Takte im Autograph an, stellt man fest: stimmt!
      (Alle genannten Takte zu zeigen wäre zuviel, deswegen nur zwei Beispiele zu Demonstrationszwecken)

      Takt 25:



      Takt 29:




      Genau kann ich mir diesen Fehler nicht erklären, denn wenn man sich andere Takte ansieht, in denen das gleiche Muster gespielt wird, fehlen dort korrekterweise die Staccatopunkte. Oder kurz gesagt: Schubert macht diesen Fehler nicht durchgehend, sondern in mehreren Takten - Nachlässigkeit?

      Auf jeden Fall findet sich dieser Fehler in den gedruckten Partituren nicht, wie diese beiden Beispiele aus der Dover sowie der Eulenburg-Version zeigen. (Beide Takt 25)






      Hat jemand eine Partitur in der man sich an das Autograph gehalten hat? :D




      LG,
      Hosenrolle1

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    • Original von Hosenrolle1


      Takt 25:





      Besonders interessant finde ich an dieser Stelle, dass Schubert die Punkte nur über die ersten beiden Noten setzt. Also fehlt das Staccato bei der letzten Note, während es bei der ersten nicht stehen sollte. Ich kann mir durchaus denken, dass beim schnellen Schreiben solche Verschiebungen entstehen.
      Es gibt übrigens Komponisten, die staccati setzen, wenn der Ton sofort losgelassen werden soll nach einer Überbindung, was hier sogar passen würde. Die inkonsequente Schreibweise aber spricht dagegen.
      Bei dem Beispiel ebenfalls interessant ist, dass der Bindebogen im Cello in beiden gedruckten Fassungen verschwunden ist. Das ist ein wichtiges Detail, ob man das synkopierte d nun wirklich an das cis anbindet oder evtl. doch kurz vorher absetzt (letzteres wäre meiner Ansicht nach sogar falsch).
      Kannst Du dazu mal die entsprechende Stelle in der Reprise suchen und posten? Ist es da auch so?

      Herzlich
      Satie
      “A gentleman is someone who can play the accordion, but doesn't.” Tom Waits
    • Original von Satie
      Bei dem Beispiel ebenfalls interessant ist, dass der Bindebogen im Cello in beiden gedruckten Fassungen verschwunden ist.


      Oho! Das ist mir völlig entgangen! Ich habe grade nach der Stelle gesucht, aber finde leider keine Wiederholung dieser Stelle in der Reprise.

      Wikipedia sagt dazu auch:

      Die ersten 40 Takte des Satzes haben keine Entsprechung am Anfang der Reprise, die anderen Abschnitte finden sich teils identisch, teils transponiert und satztechnisch verändert, aber in Verlauf und Dauer gleich, in der Reprise wieder.


      Ich hoffe aber, dass der Bogen in der Henle-Version enthalten ist. DAZU hätte unbedingt etwas im kritischen Bericht stehen müssen - sowas fällt einem doch auf?

      Was mir gerade auch aufgefallen ist, Dover setzt das piano am Anfang des Taktes, während Eulenburg ihn, so wie Schubert, zwischen 1. und 2. Note schreibt. Leider steht dazu nichts näheres im kritischen Bericht, aber Schubert schreibt das piano bei der 1. Violine auch an den Anfang, daher glaube ich, dass Dover hier vereinheitlicht hat.

      (Ich sage jetzt Dover, meine damit aber natürlich Breitkopf und Härtel, von denen sie ihre Ausgabe haben, und auch die werden sie aus früheren fehlerhaften Ausgaben haben).




      LG,
      Hosenrolle1
    • Ein wirklich großer Fehler wird hier aufgezeigt:



      Ein Blick ins Autograph:



      Kein Zweifel, das ist eindeutig ein Doppel-b.


      In der Erstausgabe ist das von Schubert notierte Heses also ein B. Bei Dover und Eulenburg auch? Mal schauen:



      Tatsächlich :(
      Also zum Einstudieren taugt das wenig.


      Und dieser eine Halbton macht aber einen großen Unterschied aus - so wie es da steht werden die ersten Ges-Dur Töne gespielt, Schubert notiert aber moll.
      Musiktheoretisch bin ich da verunsichert: in der falschen Version ist es Ges-Dur (Ges-As-B), aber was ist es in moll?





      LG,
      Hosenrolle1

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    • Original von Hosenrolle1

      Und dieser eine Halbton macht aber einen großen Unterschied aus - so wie es da steht werden die ersten Ges-Dur Töne gespielt, Schubert notiert aber moll.
      Musiktheoretisch bin ich da verunsichert: in der falschen Version ist es Ges-Dur (Ges-As-B), aber was ist es in moll?



      Hier schaust Du Dir nur eine Stimme an, und das ist zu wenig. Die oberen Stimmen spielen einen As-Dur-Dreiklang. Der Basston Ges ist dazu die Septime, aber im Bass, also ist ds ein As-Dur-Sekundakkord. Der löst sich dann im nächsten Takt ganz korrekt in einen Des-Dur-Sextakkord auf.
      Der Ton B wäre nun in diesem Klang die große None, das Heses die kleine None. Durch letzteres erhält der Klang eher die Wirkung, als ginge es weiter nach Moll. Da es das nicht tut, denken offenbar die Herausgeber, es müsse ein B sein.
      Klanglich geht wirklich beides, ich habe es x-mal durchgespielt.
      “A gentleman is someone who can play the accordion, but doesn't.” Tom Waits
    • Du hast natürlich Recht, dass man sich immer den Kontext ansehen muss.

      Ich habe mich da etwas unpräzise ausgedrückt; mir ging es in diesem Fall ausnahmsweise nicht um eine musikalische Analyse, sondern nur um diese drei Töne für sich genommen.

      Das eine wäre der Anfang einer Dur-Tonleiter (vergleichbar C-D-E), das andere der Anfang einer Moll-Tonleiter (vergleichbar C-D-Es), was die Intervalle angeht.

      Ich werde diesen Takt mal in meinem Notensatzprogramm eingeben und sehr langsam vorspielen lassen und dann hier verlinken, einmal in der richtigen, einmal in der falschen Version. Darauf bin ich jetzt selbst gespannt :)




      LG,
      Hosenrolle1
    • noteflight.com/scores/view/255…233fe14b24e6328c55441a0dc

      Hier lasse ich diesen und den folgenden Takt zuerst in der falschen, dann in der richtigen Version spielen, wobei ich nur 1. Violine und Cello übernommen habe, damit man den einen falschen Ton besser heraushört, außerdem klingen die Staccatos des Programmes schrecklich.

      Danach lasse ich es nocheinmal abwechselnd spielen, diesmal jedoch NUR das Cello, und diesmal nur mit dem 1. Ton des folgenden Taktes, damit man auch den Verlauf gut heraushören kann.


      Durch letzteres erhält der Klang eher die Wirkung, als ginge es weiter nach Moll. Da es das nicht tut, denken offenbar die Herausgeber, es müsse ein B sein.


      Du meinst, die haben das absichtlich nicht übernommen und sozusagen ein bisschen "nachgebessert"? Auszuschließen wäre das sicher nicht, weil dieses Doppel-B steht da ganz eindeutig dort.

      Danke für die Analyse übrigens!




      LG,
      Hosenrolle1
    • Ich habe mich da etwas unpräzise ausgedrückt; mir ging es in diesem Fall ausnahmsweise nicht um eine musikalische Analyse, sondern nur um diese drei Töne für sich genommen.


      Ah verstehe, deshalb hat Dich wahrscheinlich das Heses bei der Frage irritiert, welches Moll es wäre. Aber es wäre einfach Ges-Moll.
      Das wäre die Parallele von Heses-Dur, das es praktisch so wenig gibt wie das Ges-Moll (außer evtl. bei einzelnen Akkorden wäre die Schreibweise möglich). Dafür bräuchte man 9 Be-Vorzeichen:

      Die einzelnen Töne sind dann korrekt geschrieben: ges - as - heses - ces - des - eses - fes
      und das wäre nun als Fis-Moll wirklich leichter: fis - gis - a - h - cis - d - e
      “A gentleman is someone who can play the accordion, but doesn't.” Tom Waits
    • Original von Satie
      Ich habe mich da etwas unpräzise ausgedrückt; mir ging es in diesem Fall ausnahmsweise nicht um eine musikalische Analyse, sondern nur um diese drei Töne für sich genommen.


      Ah verstehe, deshalb hat Dich wahrscheinlich das Heses bei der Frage irritiert, welches Moll es wäre. Aber es wäre einfach Ges-Moll.


      Danke!

      Nebenbei, ich habe mir mal dieses B bzw. Heses angesehen in Bezug auf die nächste Note im nächsten Takt.

      In der falschen Version ist das eine reine Quart nach unten, das ich zumindest vom Hören her besonders mit dem Sprung Tonika-Dominante verbinde.

      In der richtigen Version ist es eine große Terz = Durterz, und die würde vielleicht auch besser zum Des-Dur des folgenden Taktes passen ... aber vielleicht interpretiere ich da auch zuviel hinein :D




      LG,
      Hosenrolle1
    • Der nächste Hinweis:




      Schubert schreibt:




      Hier ist der Bogen auch eindeutig zu sehen.

      Bei Dover und Eulenburg jedoch leider nicht, wie folgende Bilder belegen:




      (Nebenbei, achtet mal bitte auf die Stimme der Viola im Autograph, hier die erste der beiden Viertelnoten: die e1 sieht doch, im Gegensatz zu d1, sehr nach einer halben Note aus, oder?)




      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Im nächsten Bericht geht es wieder um fehlende Halte- und Bindebögen:



      Zunächst das Original:




      Bei Dover als auch bei Eulenburg sind die beiden Haltebögen erhalten geblieben (sorry für das Wortspiel), jedoch fehlt in beiden Versionen der Bindebogen.



      _______________________

      Dem Hinweis auf Takt 206 bin ich ebenfalls gefolgt, und hier lässt Schubert den Bindebogen tatsächlich selbst aus, interessanterweise jedoch auch bei der Viola den Haltebogen - Absicht?






      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Was ich nur nicht ganz verstehe: in dem Bericht wird gesagt, in der Erstausgabe fehlen in Takt 49-50 Halte- und Bindebögen.

      Wie kommt es dann, dass in den beiden gezeigten Versionen zwar die Bindebögen fehlen, die Haltebögen jedoch nicht?

      Hat der Verlag hier den Fehler erkannt und ausgebessert? Falls die Antwort "ja" lautet, dann aber nicht sehr gründlich, denn in Takt 15 fehlt er.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Weiter geht´s:




      Hier bin ich mir nicht ganz sicher: gilt das "decrescendo" für alle vier Stimmen? Ich nehme es einmal stark an.




      Auf jeden Fall sieht das auch bei Dover und Eulenburg falsch aus, auch hier finden sich besagte Gabeln, während in den anderen Stimmen decrescendo steht.





      Es ist doch interessant, sich auch mit diesen Dingen zu beschäftigen, damit man mal weiß, WAS man da hört - bzw. für welche Interpretation sich ein Künstler entschieden hat, ob er womöglich eine fehlerhafte Partitur hatte. Ich werde mir gleich mal meine Versionen anhören, ob der 1. Geiger sich nach den Gabeln richtet, oder nur decrescendo spielt.





      LG,
      Hosenrolle1

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