Schumann: Kreisleriana Op. 16 - 'Ganz neue Welten tun sich mir auf'

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    • Schumann: Kreisleriana Op. 16 - 'Ganz neue Welten tun sich mir auf'

      ...schrieb Robert Schumann im Frühjahr 1838 in sein Tagebuch, als er in vier Tagen die Kreisleriana Op. 16 komponierte. Es handelt sich bei diesen acht Fantasien sicherlich auch um maskierte Botschaften an Clara: 'Denke, seit meinem letzten Briefe habe ich wieder ein ganzes Heft fertig - Kreisleriana will ich es nennen, in denen Du und ein Gedanke von Dir die Hauptrolle spielen, und will es Dir widmen - ja Dir wie miemandem anderen, da wirst Du lächeln, wenn Du Dich wiederfindest.' oder:'Meine Kreisleriana spiele manchmal ! Eine recht ordentlich wilde Liebe liegt darin in einigen Sätzen, und Dein Leben und meines und manche Deiner Blicke.' Letztlich widmete er den Zyklus seinem Freund Fryderyk Chopin, der es nie spielte. Auch Clara Schumann sollte nichts aus dem Werk über etwa zwanzig Jahre spielen (erst zwei Jahre nach Schumanns Tod spielte sie einige Fantasien). Möglicherweise handelt es sich bei der Kreisleriana um kodierte Botschaften im mehr als Besonderen Sinne. Auf der einen Seite die häufige und große räumliche Distanz zu seiner Geliebten, andererseits die Notwendigkeit einer solchen der Inspiration und Kreativität wegen, eine sehr große Belastung für eine möglicherweise schon kranke Seele !



      Robert Schumann verinnerlichte wohl frühzeitig die Kreisleriana I aus dem 1. Band der 'Fantasiestücke in Callots Manier' von 1814 und Kreisleriana II aus dem 4. Band der 'Fantasiestücke in Callots Manier' von 1815, geschrieben vom Multitalent E.T.A. Hoffmann. Schon 1809/10 veröffentlichte Hoffmann Teile daraus als Reflektionen in der 'Allgemeinen Musikalischen Zeitung', das Eröffnungsstück hieß 'Johannes Kreislers, des Kapellmeisters, musikalische Leiden'. Eine skurrile Erscheinung, ein Fanatiker, der an seinen Bedürfnissen und seiner Zerrissenheit zugrunde geht.

      Möglicherweise handelt es sich bei der Schumannschen Komposition um eine Art Selbstreflektion der Persönlichkeit, der Euphorie. der Selbstzweifel, der schizoiden Komponente. Kreisler als imaginärer 'Doppelgänger' zur Erstellung eines Psychogrammes.

      Die kompositorischen Mittel sind enorm. Sie greifen insbesondere auf barocke Techniken wie Kanon, Invention und 'Engführung' zurück, gewissermaßen Neobarock (siehe auch Toccata und Symphonische Etüden) ! Das ganze dient der Intensivierung des Azsdrucks und erfordert vom Interpreten nicht nur ausgereifte manuelle und Pedal-Technik, sondern unabhängig agierende Hände. Die linke Hand muss autark sein. Exzellente Bachspieler werden Vorteile haben. Der Pianist muss sich entscheiden, welche Ebene er angreift, Florestan und Eusebius, Robert und Clara oder psychische Exploration ! ?(

      Nun die Tempobezeichnungen und die Tonarten im Einzelnen:

      1. Äußerst bewegt. Agitatissimo (d-moll, B-Dur, d-moll)
      2. Sehr innig und nicht zu rasch. Con molto espressione, non troppo presto - Intermezzo I. Sehr lebhaft. Molto vivace - Intermezzo II (B-Dur, g-moll, B-Dur)
      3. Sehr aufgeregt. Molto agitato (g-moll, B-Dur, g-moll)
      4. Sehr langsam. Lento assai (B-Dur/g-moll)
      5. Sehr lebhaft. Vivace assai (g-moll)
      6. Sehr langsam. Lento assai (B-Dur)
      7. Sehr rasch. Molto presto (c-moll, g-moll, c-moll, Coda: Es-Dur)
      8. Schnell und spielend. Vivace e scherzando (g-moll, B-Dur, d-moll, g-moll)

      Der Zyklus beginnt in den ersten Takten quasi aus dem 'Nichts' und endet im 'Unbestimmten' im Bass und pianissimo. Der Höhepunkt des Wild-Entfesselten Ausdrucks gepaart mit der kompositorischen 'Dichte' ist in der siebten Fantasie zu hören, im Fugato-Abschnitt. Der höchste Grad an Phantastik bietet sich in der letzten Phantasie mit diesen punktierten 'Tropfen' der rechten Hand und den kontrastierenden Bässen, unheimlich ! :I

      Ich bin mal gespannt, wer sich hier zuerst mit welchen Interpretationen ansagt.

      Gruß an alle Schumann-Freunde, siamak :engel

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von AcomA ()

    • Lieber Siamak, liebe Schumann-Freunde!

      Endlich geht es weiter voran, das glückliche Ende dieser zwei Liebenden ist bald in Sicht! Danke Dir dafür, es ist ja auch bald nicht mehr zum Aushalten. :(

      Im Vorjahr hatte Schumann auf seine bange Frage an die Geliebte: „Sind Sie noch fest und treu? So unerschütterlich ich an Sie glaube, so wird doch auch der stärkste Mut an sich irre, wenn man gar nichts von dem hört, was einem das Liebste auf der Welt. Und das sind Sie mir.“… endlich das erhoffte „Ja!“ von Clara erhalten: „Ich tue es, und mein Innerstes flüstert es Ihnen ewig zu…“

      Trotz dieser erlösenden Worte, mit denen sich Clara erstmals deutlich zu Robert bekannte und damit gegen den Vater stellte, sollten noch Jahre vergehen, bis Schumann seine Clara endlich ehelichen durfte. Während dieser Zeit hatte Vater Wieck noch einige Scheußlichkeiten in der Hinterhand, die diesen beiden Menschen das Leben schwer machen sollten. In diese zwar zuversichtlichere Phase, die dennoch von Bangen, Hoffen und erneutem Verzagen gekennzeichnet war, fallen diese vier Tage, in denen Schumann die Kreisleriana komponierte.

      Aufnahmen besitze ich von Valery Afanassiev, Maurizio Pollini und Martha Argerich - womit auch schon die Reihenfolge festgelegt wäre, in der ich dieses Werk am liebsten höre.

      Was Afanassiev hier darbietet, das ist unerhört! Das 3. Stück spielt er so hinreißend und „Sehr aufgeregt“, dass man die innere Aufgewühltheit fast greifbar spüren kann. Die langsamen Passagen dehnt er fast bis ins Unerträgliche aus, ohne dass das gesamte Werk auseinander zu fallen drohte. Allein im letzten Stück ist es mir nicht verständlich, wieso er sich nicht an Schumanns Vortragsanweisung (Schnell und spielend) hält und es auf 5:24 ausdehnen muss (Pollini 4:22, Argerich 4:32).

      Pollini spielt brillant, aber ich habe dauernd den Wunsch, jemand müsse ihm doch endlich sagen: „Das ist Schumann! Der darf richtig emotional gespielt werden.“ Martha Argerichs Interpretation stehe ich eher neutral gegenüber. Ich höre sie recht gern, ohne dass sie mich besonders berühren würde.

      Gruß, Cosima :)
    • @Siamak,

      sehr schöner start zu einem meiner liebsten Werke Schumann's, nein, eins meiner liebsten Werke für Klavier solo überhaupt.

      Folgende Aufnahmen des Werks besitze ich:

      Afanassiev
      Argerich
      Gieseking
      Horowitz
      Perahia
      Lupu
      Banfield

      und heute neu eingetroffen

      Le Guay

      Berichte werden folgen! :engel
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • liebe Cosima und Sergejewitsch,

      danke für eure prompte anteilnahme bei diesem 'extrem-werk'. ich muss Cosima absolut beipflichten bezgl. afanassievs interpretation ! du hast das sehr akkurat dargelegt ! :down ich gehe sogar soweit und behaupte, valery afanassiev ist der einzige interpret, der die psychische exploration vornimmt. die aufnahme sprengt fast die grenzen des ausdrucks. die schnellen fantasien werden fiebrig und dennoch klar strukturiert dargeboten. die langsamen partien werden fast in der doppelten zeit der pianistenkollegen absolviert. im prinzip wiederhole ich hier nur Cosimas beitrag ! einzige wirkliche einschränkung, auch das hat Cosima festgestellt, afanassiev befolgt die tempo-anweisung in der letzten fantasie nicht, anstatt 'schnell und spielend' macht er 'langsam und spielend'. aber der musikalische effekt ist auch hier enorm, die phantastik des satzes wird entgegen den anweisungen durch akzentuierung und dissoziation noch gesteigert. Afanassiev als patient und psychiater gleichermaßen !


      für mich gab es bis zum kennenlernen der afanassiev-aufnahme drei interpretationen der kreisleriana, mit denen ich glücklich war. das non plus ultra in sachen dynamik, ansschlagsdynamik und poesie war und ist für mich die späte studio-aufnahme des v. horowitz bei der DG. als modernen gegenpol höre ich m. pollinis orchestrale und sehr straffe version. aber völlig zurecht die einwände Cosimas. wilhelm kempff ist für mich der ruhigere interpret, der die zarten zwischentöne herausstellte, aber eben pianistisch anfällig, und außerdem klanglich nicht so berauschend (DG mono).

      erwähnen will ich noch das live-erlebnis mit volodos, das überwältigend war !

      gruß, siamak :engel
    • Original von AcomA
      laber der musikalische effekt ist auch hier enorm, die phantastik des satzes wird entgegen den anweisungen durch akzentuierung und dissoziation noch gesteigert. Afanassiev als patient und psychiater gleichermaßen !


      Ich habe einen Moment darüber nachgedacht und die letzte Fantasie nochmals unter diesem Aspekt angehört. Ja, das wäre eine Erklärung! Es wird eine Situation heraufbeschworen, in der quasi das Erleben und die äußere Betrachtung des Erlebten eins sind. Meinst Du das etwa so?

      Gruß, Cosima
    • Wie immer in letzter Zeit, wenn es hier um Schumann geht, erst einmal meinen herzlichen Dank, diesmal an Siamak und wiederum für etwas nötigen biographischen Hintergrund an Cosima. Ich wünschte allerdings manchmal, man könnte die Kreisleriana ohne den biographischen "Ballast" rezipieren und sich auf die Musik selbst und auf Schumanns Reaktion auf Schlüsseltexte E.T.A. Hofmanns konzentrieren. Im Prinzip muß die Musik, mit ihrem Titel natürlich, für sich selbst stehen können. Schumann hat sie "Kreisleriana" betitelt (sonst kein "Programm" beigegeben), für das zeitgenössische Publikum war sie damit andererseits außermusikalisch "verankert". Falls es "Kodierungen", die auf Clara weisen, gibt, so scheinen sie bislang nicht entschlüsselt zu sein. (Clara mochte allerdings offenbar die Kreisleriana nicht gern vollständig spielen. Und, auf einem anderen Blatt Papier, S. Richter gar nicht ...)

      Was Afanassiev angeht: In einem Überblick über die Kreisleriana-Interpretationen wird er unter der Rubrik "Exzentriker etc." geführt. Ich kenne die Interpretation nicht, aber es scheint mir zu Recht. Wie ich lese, mißachtet er völlig ein vom Komponisten vorgegebenes Tempo. Welche Vermessenheit, Schumann umschreiben zu wollen! Schumann überholen zu wollen, was romantische Zerrissenheit angeht? Grotesk!

      Gruß,

      Zelenka
    • Original von Zelenka
      Was Afanassiev angeht: In einem Überblick über die Kreisleriana-Interpretationen wird er unter der Rubrik "Exzentriker etc." geführt.


      Lieber Zelenka,

      was für ein Überblick ist das? Könntest Du etwas dazu schreiben oder den Link bekannt geben? Weißt Du warum Richter sie nicht spielen mochte?

      Gruß, Cosima
    • Original von Cosima
      Original von Zelenka
      Was Afanassiev angeht: In einem Überblick über die Kreisleriana-Interpretationen wird er unter der Rubrik "Exzentriker etc." geführt.


      Lieber Zelenka,

      was für ein Überblick ist das? Könntest Du etwas dazu schreiben oder den Link bekannt geben? Weißt Du warum Richter sie nicht spielen mochte?

      Gruß, Cosima


      Der Überblick ist leider nicht on line, er steht im Winter-Heft 1997 des "International Piano Quarterly". - Was Richter angeht: Ich weiß es nicht, mir ist aus dem Monsaingeon/Richter-Buch keine einschlägige Äußerung bekannt.

      Gruß,

      Zelenka
    • Original von Zelenka
      Falls es "Kodierungen", die auf Clara weisen, gibt, so scheinen sie bislang nicht entschlüsselt zu sein.


      Lieber Zelenka,

      ich meine, dass man die bisher besprochenen Werke von Schumann nicht von ihrem biographischen Hintergrund lösen darf. Über allem stand immer diese fast wahnsinnige Liebe zu Clara, deretwegen er sogar freiwillig bereit war, zeitweilig mit dem Komponieren aufzuhören! Wieck hatte Schumann ja in erpresserischer Weise unter Druck gesetzt, sich scheinbar zum Einlenken bereit erklärt, wenn dieser ein ausreichendes Einkommen vorweisen könne und Leipzig verlassen würde. Schumann erklärte sich zu diesem Opfer bereit, widmete sich vornehmlich der Zeitschrift, verlegte sie gar nach Wien und nahm damit eine erneute Trennung von Clara in Kauf.

      Vielleicht sehe ich das alles aus weiblicher Perspektive zu emotional, aber da tobten m.E. wirkliche Gewalten in diesem Menschen. Das kann man einfach nicht außen vor lassen. Was muss man hier noch entschlüsseln, wo die Musik doch alles ausdrückt?

      Viele Grüße,
      Cosima :)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Cosima ()

    • lieber Jan Dismas,

      ich sehr das auch so wie Cosima, in jedem falle ! ich gehe noch weiter bzgl. der kreisleriana, wie oben aufgeführt. psychogramm im selbstbildnis. und hier setzt afanassiev an. die kreisleriana ist ein exzentrisches werk ! warum also nicht exzentrisch spielen ? der notentext ist innerhalb von vier tagen entstanden !

      gruß, siamak :)
    • Liebe Cosima, lieber Siamak:

      Ihr habt am Ende wahrscheinlich beide recht. Wir kennen den biographischen Hintergrund und können ihn nicht einfach wieder vergessen. Ich wollte einfach mehr auf E.T.A. Hoffmann hinsteuern, auf einen außermusikalischen, literarischen Fixpunkt, die Reaktion auf literarische Texte. (Und als Komponist, der er auch war, wußte Hoffmann wiederum wovon er schrieb.) Ich wollte Schumann beim Wort zu nehmen. Die Kreisleriana wären erst einmal als der Versuch der Selbstdefinition des Komponisten Schumann in seiner Zeit und Umgebung verstehen. (Die Komposition heißt eben nicht "Wieckiana" o.ä.) Und Clara Wieck wäre am Ende vielleicht doch nicht so zentral zu sehen, obwohl im Leben von Schumann von immenser Bedeutung. Ein anderer Gedanke war, ob die Kreisleriana denn ohne den biographischen Hintergrund interessante Klaviermusik wären. Ich finde, sie wären es. Und nicht nur wegen der zahlreichen Hemiolen.

      Gruß,

      Zelenka
    • Lieber Zelenka,

      da schreibst Du etwas, was mich wirklich zum Grübeln brachte. Da ist etwas dran. Ich meine, man muss all diese Puzzle-Teile zusammennehmen, damit ein halbwegs rundes Bild entstehen kann.

      Nicht ohne Grund fühlte sich Schumann von Hoffmanns literarischer Sammlung so inspiriert. Ich habe sie leider nicht gelesen (nur etwas darüber), werde das aber unbedingt nachholen. Auffällig sind die Übereinstimmungen in den Biographien: Alle drei - Hoffmann, der imaginäre Kreisler und auch Schumann - liebten jeweils eine Frau, die unerreichbar schien bzw. tatsächlich unerreichbar wurde. Die Wesensverwandtschaft ist darüber hinaus unverkennbar. Nun meine ich aber, dass solche extremen Seelen- und Geisteszustände, wie sie in der Person Kreisler offenbar werden und wie sie Schumann tatsächlich durchlitt, nicht zustande kommen, „nur“ weil Liebe im Spiel ist, sei sie auch noch so tragisch. Es muss so etwas wie eine Lust am eigenen Leiden und am Leiden an der Welt hinzukommen. Und hier kommt Deine Anmerkung ins Spiel: „Und Clara Wieck wäre am Ende vielleicht doch nicht so zentral zu sehen, obwohl im Leben von Schumann von immenser Bedeutung.“

      Du hast Recht und auch wieder nicht. Nicht die reale Person Clara war zentral, sondern die Sehnsüchte und Phantasien, die sich um die imaginäre Clara, also die „ferne Geliebte“ rankten. Weiter oben schrieb ich, dass Schumann freiwillig eine Trennung von Clara in Kauf nahm und das Komponieren zeitweilig unterbrach. Und dies wohlgemerkt, nachdem er sich bereits ihrer Liebe sicher sein konnte. Jetzt, wo sich die Wogen langsam glätten, ist er es, der scheinbar flüchtet, um die Distanz aufrecht zu erhalten. Er sagt: „Ich habe nämlich erfahren, daß nichts die Phantasie mehr beflügelt als Spannung und Sehnsucht nach irgendetwas“. Und weiterhin: „Zum Schaffen, und daß es Einem gelinge, gehört Glücklichsein und tiefe Einsamkeit“. Normalerweise schließen sich Glücklichsein und tiefe Einsamkeit aus, nicht aber bei Schumann, der in diesem Gegensatzpaar die Quelle seiner Schaffenskraft entdeckt haben muss. Insofern stimme ich Dir zu, wenn Du von einem „Versuch der Selbstdefinition“ sprichst. Sicher darf man den zeitlichen Kontext nicht vernachlässigen, andererseits betrachte ich derartige Phänomene auch wieder unabhängig von Raum und Zeit. Es hat zu jeder Zeit besonders phantasiebegabte und empfindsame Menschen gegeben, die nach Hoffmanns/Kreislers Definition „Fremdlinge in dieser Welt sind und bleiben, weil sie einem höheren Sein angehören und die Ansprüche dieses höheren Seins für die Bedingung des Lebens halten, so aber rastlos das verfolgend, was hienieden nicht zu finden, ewig dürstend in nie zu befriedigender Sehnsucht, hin und her schwanken und vergeblich Ruhe suchen und Frieden".

      Die Frage, ob die Kreisleriana ohne den biographischen Hintergrund interessante Klaviermusik wären, stellt sich m.E. gar nicht, da sie in diesem Falle gar nicht hätten entstehen können.

      Gruß, Cosima

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cosima ()

    • hallo,

      ich wollte hier noch einige andere interpretationen des werkes, die ich hörte, anfügen:

      arthur rubinstein (RCA ende der 60er) - eine pianistisch sehr sorgfältige darstellung, die vom sonoren singen des altmeisters lebt. allerdings bleiben die dritte oder höhere dimension verborgen.

      alfred brendel (philips, 70er) - sorgfältig und unspektakulär

      youri egorov (EMI, 70er) - sehr harte intonation. IMO fehlt jede spur von phantastik

      till fellner (apex) - harmlos-korrekt.

      volker banfield (cpo) - volker banfield nahm diese cd 1998 auf. er spielt sie ähnlich wie afanassiev im 'wahn' und mit besessenheit in den zügigen fantasien. die langsamen episoden vermag er wunderbar zu singen, wobei er hier nicht 'überdehnt'. überhaupt schade, dass es von diesem vielkönner so wenig aufnahmen gibt. ich finde, dass hier der psycho-spiegel etwas deutlicher zum vorschein kommt als in der späten horowitz-aufnahme (welche allerdings pianistisch ein wunder bleibt ! :down), und etwas abgemildeter als bei afanassiev.



      gruß an alle 'kreislers', siamak :I

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von AcomA ()

    • Hallo,

      was die Afanassiev Aufnahme angeht möchte ich mich den positiven Äußerungen heir anschließen.
      Es ist eine eben dieser Aufnahme, die einem ab dem ersten Ton fesseln und erst wieder los lassen wenn der Nachhall der letzten Tons erlicht.....



      Mir fällt auch sehr positiv auf wie Afanassiev insb. mit der linken Hand agiert :cool
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Liebe Cosima, lieber Siamak:

      Ich habe meine Antwort auf Eure Diskussionsbeiträge etwas lange vor mir her geschoben. Nicht nur weil ich den Kopf voll von lateinamerikanischen Rhythmen hatte, sondern auch, weil ich das Gefühl habe, die Diskussion nur in eine Sackgasse geführt zu haben.

      Eine Position, die ich immer starrköpfig einnehme, in der Literatur und in der Musik, ist, daß ein Werk auf eigenen Beinen stehen muß. Ohne biographische Krücken, werkgenetische Zusatzinformationen, unveröffentlichte Frühfassungen etc. etc. Für mich zählt als Kunstverbraucher erst einmal nur das, was mir der Autor/Komponist freiwillig anbietet, wenn er sein Werk veröffentlicht. (Ich nehme natürlich auch veröffentlichte Selbstaussagen zur Kenntnis, die manche Autoren oder Komponisten vernünftigerweise grundsätzlich verweigern.) Ich gebe keinen Bonus für Alkoholismus, anderen Drogenmißbrauch, Eheschwierigkeiten, Liebeskummer, lauernde Rivalen etc. etc. Diese Privatprobleme, die vielleicht ihre direkten oder modifizierten Spuren im Werk hinterlassen, gehen mich eigentlich gar nichts an.

      Um auf die Kreisleriana zurückzukommen: Ich habe den Titel des Werks, der erst einmal nur konkret auf Hoffmann verweist. Dann ist noch von Fantasien die Rede (die ihre eigenen Konnotationen haben, teils wieder in Richtung E.T.A. weisen). Schumann verrät sonst erst einmal weiter nichts, die einzelnen Fantasien haben nur Tempoanweisungen aufzuweisen. Jenes benutzte thematische Material, das von Clara stammen soll, wird nicht ausgewiesen. Wohl ein "private joke" (mir fällt kein besseres Wort ein) zwischen den beiden, der offenbar die Öffentlichkeit nicht zu interessieren hat. Irgendwann eine veröffentlichte frühe Notenausgabe, in der Hoffmann und Clara über Schumanns Schulter schauen. (Wenn sie so auf Schumanns Anweisung illustriert worden ist, dann mag das eine gültige Selbstaussage sein.)

      Allerdings, allerdings, gerade Cosimas Argumente haben mich fast überzeugt. Ich werde in mich gehen.


      Grübelnd,

      Zelenka
    • hallo Jan Dismas,

      jeder rezipient von z.b. musik hat das recht und die freiheit, mit dem gehörten so umzugehen, wie er es eben möchte. für den ausführenden künstler gilt das gleiche.

      ich kann mit dem anspruch der absoluten musik hören, urteilen und dann nach hause gehen. ich kann jedoch tief in das werk eintauchen, 'leiden', im positiven und negativen sinne, und das erhörte noch über tage mit mir im kopfe schleppen und weiterverarbeiten. ich gebe gerne zu, dass ich eher zur zweiten art gehöre.

      gruß, siamak :)

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    • Original von AcomA
      hallo Jan Dismas,

      jeder rezipient von z.b. musik hat das recht und die freiheit, mit dem gehörten so umzugehen, wie er es eben möchte. für den ausführenden künstler gilt das gleiche.

      ich kann mit dem anspruch der absoluten musik hören, urteilen und dann nach hause gehen. ich kann jedoch tief in das werk eintauchen, leiden und das erhörte noch über tage mit mir im kopfe schleppen und weiterverarbeiten. ich gebe gerne zu, dass ich eher zur zweiten art gehöre.

      gruß, siamak :)


      Es bleibt nichts anderes übrig als gegenseitig unser unterschiedliches Rezeptionsverhalten zu respektieren. Und wenn ich ehrlich bin, dann bin ich auch nicht immer konsequent in meinem Verhalten und neugieriger auf z.B. biographische Hintergründe als mir eigentlich erlaubt.

      Gruß,