Humperdinck, E.: Hänsel und Gretel (Kommentierte Diskographie)

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    • Humperdinck, E.: Hänsel und Gretel (Kommentierte Diskographie)

      Hänsel und Gretel Fantasie (1914)



      https://www.youtube.com/watch?v=MMhCE_RbrE4


      Ich möchte die Diskographie (und natürlich ist jeder eingeladen mitzumachen, bzw. eigene Diskographien zu eröffnen!) gerne in chronologischer Reihenfolge führen, beginnend mit den frühesten Aufnahmen.

      Beide Seiten dieser Aufnahme wurden am 23.1.1914 aufgenommen, die Aufnahme ist also über 100 Jahre alt; die Platte selbst allerdings stammt aus den frühen bis mittleren 20er Jahren. Üblich für viele akustische Aufnahmen klassischer Werke war, dass man Konzessionen bezüglich der Instrumentierung machen musste; so hört man auf dieser Platte kein volles Orchester, sondern ausschließlich laute Blech- und Holzblasinstrumente, um halbwegs hörbare Töne zu erzeugen. Eine Basstuba ersetzt einen Kontrabass oder eine Klarinette die Violinen (obwohl es 1914 bereits Strohgeigen gab, die man hätte verwenden können).

      Seite 1 beginnt mit Fragmenten aus der Ouvertüre. Zuerst hört man das „Hokuspokus“-Motiv der Hexe (Takt 36-39, nur Melodie), danach nochmal von Takt 36 an bis Takt 43, diesmal wird die Melodie von den dazugehörigen Akkorden begleitet.

      Plötzlich geht es von Takt 68-89 weiter, wobei die erste Note von Takt 89 als Anfang für die erneute zweimalige Wiederholung des Hokuspokus-Motivs dient.

      Es folgt das Tanzduett der Titelfiguren; zuerst Gretels Aufforderung „Brüderchen, komm tanz mit mir“, Hänsels „Tanzen soll ich armer Wicht“, und dann das jeweilige „Mit den Füßchen tapp tapp tapp“ der beiden. Das Tanzduett wird in dieser Form (wieder mit Hänsels Einwurf) noch einmal wiederholt, und damit endet Seite 1.

      Seite 2 beginnt mit dem Hexenritt (den unheimlichen Effekt der Halbtontriller in Takt 13 hört man hier besonders deutlich heraus), der etwa in Takt 18 übergeht in die letzten Takte, das ruhige Ende, das normalerweise von den Streichern gespielt wird.

      Darauf folgt „Ein Männlein steht im Walde“, in der ein Kuckuck hineinruft, das kurze Solo der Clarinette, und damit ist Seite 2 auch schon wieder vorbei. Hier musste ich an die berühmte Kurzopern-Serie denken, wo Opern stark zusammengerafft vorgestellt wurden.

      Natürlich läßt sich so eine alte Aufnahme nicht wirklich gut rezensieren, das hier ist eine völlig bearbeitete und umarrangierte Version, die mit dem Original nicht zu vergleichen ist. Dennoch ist die Klangqualität für eine akustische Aufnahme von 1914 ziemlich gut geworden; wenn Melodie und Begleitung zusammen gespielt werden, kann man die einzelnen Instrumente gut heraushören. Auch damals gab es gute und schlechte Aufnahmetechniker, die wussten, wie man ein Ensemble ideal positioniert, um den bestmöglichen Klang herauszuholen!
      Positiv auch, dass das Tempo hier nicht, wie auf vielen anderen klassischen Schellackaufnahmen, extrem gehetzt ist, sondern durchweg „gemütlich“. Und es ist doch interessant, eine HuG-Aufnahme zu hören, die entstand, als der Komponist noch gelebt hat.



      (Nebenbei, die Platte hat, wie es damals üblich war, keine sog. "Einlaufrille", sondern, in diesem Fall, eine den Rand der Platte umlaufenden Ring, der die Aufnahmerille schützen sollte. Man musste [und muss] also die Nadel genau zwischen diese Rille und die Aufnahmerille legen. Diese Form der Rille verschwand mit dem Aufkommen der ersten elektrischen Aufnahmen ab 1925.)






      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • Zunächst einmal vielen Dank für dieses Unternehmen, das es mal nicht bei den Gesamteinspielungen belässt, sondern weiteres an Musik mit einbezieht.

      Worüber ich zunächst gestolpert bin, war die Form der Opernfantasie. Das kann ich mir zwar ein wenig aus der Zusammensetzung erschließen: Eine Fantasie ist eine Form der Improvisation, man fantasiert etwa auf dem Klavier, es ist eine freie Form des musikalischen Nachdenkens über ein gegebenes Material, hier die Themen einer Oper.

      Die Opernfantasie war zu einer Zeit, als es noch keine Schallplatten gab, sicher eine Möglichkeit, Opernmusik in den Salon zu holen. Von de Sarasate gibt es eine Reihe von Opernfantasien, aber da denkt man auch die Lisztschen Paraphrasen und Transkripionen.

      Hier handelt es sich um eine Orchesterfantasie. Die Form ist frei, es sind großartige Werke wie Schuberts Wandererfantasie etwa möglich, die Form der Fantasie kann sich der Sonate annähern, sie kann auch einen Zyklus umfassen, wie in Beethovens Chorfantasie.

      Hier sollte ich nun schleunigst aufhören, denn ich wecke sonst Erwartungen, die das Stück nicht erfüllen möchte. Es gab eben schon immer auch die E-Musik-Variante - und dann schrumpft die hochgemute Opernfantasie auf ein einfaches Potpourree.

      Während die von mir angeführten Beispiele durchformt sind, das heißt von der Abfolge her auch musikalisch-strukturell motiviert, ist diese Opernfantasie eine ziemlich unmotivierte Folge von Motiven und Melodien der Oper. Es gibt ja die Potpourree-Ouvertüre, die einige Hits der Oper bzw. der Operette (allerdings musikalisch verknüpft) aufeinander folgen lässt, dabei auch den Lauf des Musikdramas nachvollziehen lässt. Eine solche Ouvertüre ist dieses Potpourree hier nicht, mehr eine auf den Effekt abgestellte Folge, die hosenrolle1 hier sehr schön beschrieben hat.

      Natürlich möchte man gerne wissen, wer diese Zweitverwertung der Oper verantwortet hat, Humperdinck selbst sicher nicht. Weiß jemand Genaueres über die Opernfantasie dieser Zeit?

      Immerhin: Sie stellt den Übergang zum neuen Zeitalter der Reproduzierfähigkeit von Musik dar, ein Potpourree für Klavier war für den Gebrauch zu Hause, es gab ja auch ein Potpourree in kammermusikalischer Besetzung, also etwa Violine und Klavier. Aber das neue Medium erlaubt nun - vor einer Gesamtaufnahme der Oper mit Gesang - schon den Orchesterklang. Dem Medium entsprechend wird sich da der Querschnitt entwickeln, nun orientiert an den "Nummern" einer Oper (oder wie man die herausgeschnittenen Teile auch immer nennt).

      Ein interessantes Dokument, für das ich sehr dankbar bin, weil es mich ins Sinnieren gebracht hat - über eine Form, die bislang meiner Aufmerksamkeit entging, der Opernfantasie.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • Worüber ich zunächst gestolpert bin, war die Form der Opernfantasie. Das kann ich mir zwar ein wenig aus der Zusammensetzung erschließen: Eine Fantasie ist eine Form der Improvisation, man fantasiert etwa auf dem Klavier, es ist eine freie Form des musikalischen Nachdenkens über ein gegebenes Material, hier die Themen einer Oper.


      Ich glaube, das erste Mal, als ich über eine Opernfantasie gestoßen bin, war die „Carmen-Fantasie“, interpretiert von Leonid Kogan auf der Violine, auf einer LP, die ich habe, und die mir ausgezeichnet gefallen hat.

      Die HUG-Fantasie hier ist zwar nicht improvisiert, aber ich finde, dass diese Aufnahmen generell einen ganz eigenen Reiz haben, denn hier gibt es keine nachträgliche Bearbeitung mit dem Computer, es wurden nicht mehrere Takes zusammengeschnitten, oder ähnliches.

      Das Stück wurde vorher geplant, geprobt und dann in einem Rutsch mit allen Instrumentalisten zusammen aufgenommen. Hätte jemand einen Fehler gemacht, wäre die Aufnahme geschmissen gewesen.

      Welchen "Zweck" diese Fantasie nun hat, kann ich mir aber nicht wirklich vorstellen. Für ein Potpourri kommen m.E. zu wenige Themen vor, und besonders das „Hokuspokus-Motiv“ wird zu oft wiederholt. Soll es eine Art zusammengeraffte Oper sein, also sozusagen eine Kurzform der Kurzoper?

      Es gibt ja auch die zwei Bearbeitungen: während dem Tanzduett hört man bei „tapp, tapp, tapp“ und „klapp, klapp, klapp“ ein Geräusch, womöglich zwei Holzstäbe, die zusammengeschlagen werden, und während dem „Männlein“ eben der besagte Kuckuck, der da eigentlich nicht hingehört.


      Ein interessantes Dokument, für das ich sehr dankbar bin, weil es mich ins Sinnieren gebracht hat - über eine Form, die bislang meiner Aufmerksamkeit entging, der Opernfantasie.


      Danke :)

      Ich habe noch eine zweite Platte, aus den 40er Jahren, die ebenfalls eine HUG-Fantasie enthält, dann aber elektrisch aufgenommen. Werde die so bald wie möglich besprechen.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Original von Hosenrolle1


      Ich glaube, das erste Mal, als ich über eine Opernfantasie gestoßen bin, war die „Carmen-Fantasie“, interpretiert von Leonid Kogan auf der Violine, auf einer LP, die ich habe, und die mir ausgezeichnet gefallen hat.


      Lieber hosenrolle1,

      die ist von Sarasate, die finde ich auch gut, gibt es übrigens in vielen Einspielungen. Das ist die Art von Fantasie, die für mich ein klares Profil hat: Themen der Oper, die vom Solisten variiert werden, der Violinpart ist höchst virtuos. Variationen nach Opernthemen waren ja sehr beliebt, das ist so eine Mixtur von Opernthemen und eigenen Variationen - also (im Unterschied z.B. zu den Harmoniemusiken) keine Originalmusik des Komponisten.

      Je näher das Konstrukt Einzelstücken der Originalmusik kommt, umso näher sind wir beim Potpourree. In die andere Richtung geht die "Symphonic Synthesis" bei Stokowski, in denen aus dem musikalischen Material eine Tondichtung entsteht.

      Die HUG-Fantasie hier ist zwar nicht improvisiert, aber ich finde, dass diese Aufnahmen generell einen ganz eigenen Reiz haben, denn hier gibt es keine nachträgliche Bearbeitung mit dem Computer, es wurden nicht mehrere Takes zusammengeschnitten, oder ähnliches.


      Die Carmen-Fantasie von Sarasate ist ja auch nicht improvisiert. Ich nehme an, dass Improvisationen zugrunde lagen und er diese später in schriftlicher Form zusammenfasste. Spätere Interpreten durften dann brav das spielen, was er (vor)geschrieben hat.

      Das Stück wurde vorher geplant, geprobt und dann in einem Rutsch mit allen Instrumentalisten zusammen aufgenommen. Hätte jemand einen Fehler gemacht, wäre die Aufnahme geschmissen gewesen.


      Das waren noch die romantischen Zeiten der Tonaufzeichnung ... Aber immerhin hat sich die Tradition gehalten, dass Musiker erst einmal die Aufnahme abhören, bevor sie ihr zustimmen oder sie verwerfen.

      Welchen "Zweck" diese Fantasie nun hat, kann ich mir aber nicht wirklich vorstellen. Für ein Potpourri kommen m.E. zu wenige Themen vor, und besonders das „Hokuspokus-Motiv“ wird zu oft wiederholt. Soll es eine Art zusammengeraffte Oper sein, also sozusagen eine Kurzform der Kurzoper?


      Vielleicht tatsächlich so eine "symphonic synthesis", aber ohne die Gestaltungskraft von Stokowski.

      Liebe Grüße Peter
      Ein ritter sô gelêret was daz er an den buochen las.
      (Hartmann von Aue)
    • Hänsel und Gretel (1938)



      https://www.youtube.com/watch?v=zK1875WY5lg

      Frederick Hippmann mit seinem Künstler-Orchester


      Bei dieser Platte handelt es sich nun um eine weitere "Hänsel und Gretel - Fantasie", diesmal von der Firma ODEON, aufgenommen im Jahr 1938.

      Allerdings ist diese Platte eine Nachkriegspressung, erkennbar an zwei Dingen: zum einen steht rund ums Label der Satz „Hergestellt unter der Zulassung Nr. B-502 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung“, zum anderen ist das Label auf einfachem Papier gedruckt, da man nach dem Krieg sparsam umgehen musste.


      Die Fantasie beginnt mit dem Anfang des Hexenritts, der plötzlich durch den Lockruf der Hexe unterbrochen wird. Danach wird recht lange "Ein Männlein steht im Walde" gespielt, bevor es mit "Brüderchen, komm tanz mit mir" weitergeht. Interessant ist, dass hier auf einmal eine E-Orgel mitmacht, aber auch, dass, wie in der Fantasie von 1914, bei den Worten "tapp tapp tapp" etc. ein Klopfen zu hören ist.

      Nach dem Tanzduett geht es weiter mit dem Lied des heimkehrenden Vaters, Rallalala. Dieses wird durch den Jubelgesang der Kuchenkinder abgelöst: "Die Hexerei ist nun vorbei!".

      Es folgt der Abendsegen, der übergeht in den Knusperwalzer - "Juchei, nun ist die Hexe tot". Danach folgen kurze Passagen aus der Traumpantomime, bevor die Fantasie endet mit den letzten, fröhlichen Takten der Oper.

      Angenehm ist hier doch die wesentlich bessere Qualität der Aufnahme, die hier elektrisch ist, und bei der man nun auch Streichinstrumente hört.

      Interpretatorisch finde ich die Platte auch in Ordnung, wenngleich sie mich nicht vom Hocker reißt. Manchmal wirkt mir die Musik etwas zu gehetzt, zu ungeduldig. Eine sehr schöne Wendung kommt bei 2:34, als das "Rallalala" des Vaters plötzlich in das "Die Hexerei ist nun vorbei" übergeht, eingeleitet durch fröhlich in die Höhe aufsteigende Streicher.

      Was mich wiederum etwas stört ist, dass da die Solovioline für meinen Geschmack die ganze Aufnahme dominiert, selbst beim Abendsegen, wo man sich vielleicht einen satteren Streichersound wünscht. Gerade auch beim Abendsegen hätte ich mich gefreut, wenn man die beiden Stimmen von H. und G. instrumental gehört hätte, stattdessen hört man quasi "nur" den Orchesterpart. (Oder ich höre es nur nicht heraus, aber ich glaube, hätte man die beiden Stimmen hier hörbar machen wollen, hätte man sie nicht von weniger hörbaren "Hintergrundinstrumenten" spielen lassen.

      Die kurzen Auszüge aus der Traumpantomime finde ich persönlich nicht sehr "fantasievoll" zusammengestellt, eher unmotiviert.

      Weiß vielleicht jemand, ob in "Ein Männlein steht im Walde" auch eine E-Orgel spielt? Oder ist das ein anderes Instrument, vielleicht oktaviert durch eine Piccoloflöte?




      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel (1929)



      Hexenritt:
      https://www.youtube.com/watch?v=saOaMnBLFN4



      Knusperwalzer:
      https://www.youtube.com/watch?v=JKGLIjEIe6g

      Mitglieder des Orchesters der Staatsoper, Berlin
      Dirigent: Kapellmeister Clemens Schmalstich

      Aufgenommen im Beethoven-Saal zu Berlin
      "Knusperwalzer" bearbeitet von Hans Steiner



      Da möchte man chronologisch schreiben, und schon verzettelt man sich. Die letzte Aufnahme stammt aus den 1940er Jahren, jedoch habe ich noch zwei Platten früheren Datums.

      Diese hier stammt aus dem Jahr 1929 und wurde im Oktober/November aufgenommen. Es handelt sich dabei wieder um eine 25 cm Platte, auf der einen Seite hört man den „Hexenritt“, also das Vorspiel zum zweiten Akt, sowie den Knusperwalzer, letzterer rein instrumental.

      Der Dirigent war Clemens Schmalstich, ein Schüler Humperdincks. Das Orchester ist das der Staatsoper Berlin.

      Für Schellackfreunde interessant ist hier sicher, dass die Aufnahme im Beethoven-Saal gemacht wurde. Dieser Saal wurde 1898 in der Köthener Straße 32 in Berlin als Erweiterung und Ausweichquartier für das Berliner Philharmonische Orchester gebaut. In diesem Saal wurde auch viel aufgenommen, bis er im 2. Weltkrieg zerstört wurde.

      Aber zur Aufnahme selber: auf der ersten Seite befindet sich der Hexenritt, der allerdings 7 Takte nach Ziffer 67 beendet wird; die Hörner werden immer leiser, statt der nun eigentlich einsetzenden Streicher, die das Stück zu Ende bringen, hört es auf, was ich sehr schade finde.

      Klangtechnisch darf man natürlich nicht zu viel erwarten, besonders penetrant wurden die Oboe (die ziemlich trötig klingt) und die Clarinetten aufgenommen, die Streicher und vor allem das Blech sind hingegen viel zu leise.

      Das merkt man schon beim ersten Horneinsatz, Ziffer 61, Takt 3-5, die von Humperdinck zwar im fortissimo notiert werden, aber im Streicherklang völlig untergehen. Das Stück beginnt in einem normalen Tempo, doch dann wirkt es plötzlich sehr gehetzt, dann wieder etwas ruhiger, was ich ebenfalls nicht wirklich berauschend finde. „Wuchtig“, wie der Komponist notiert, ist das nicht. Ab Ziffer 62 gibt es auch einige kleine Unsauberheiten beim Blech, das mit dem raschen Tempo gar nicht mitkommt und etwas verzögert einsetzt.

      Das Stück wird immer weiter gehetzt, als wolle man die Aufnahme in der zur Verfügung stehenden Zeit noch fertig bringen, und so gehen schöne Effekte – natürlich auch wegen der Tontechnik – verloren; ich denke da etwa an den wabernden Klang der 1. und 2. Violinen 9 Takte nach Ziffer 64, wo beide Instrumentengruppen in Gegenbewegung geführt werden.
      Und auch der plötzliche Horneinsatz im fortissimo, Ziffer 67, der noch einmal das Hexenmotiv schmettert, und der etwa von einem Georg Solti besonders effektvoll und gruselig umgesetzt wurde, verliert sich hier im Klangbrei.



      ___

      Die zweite Seite bringt den Knusperwalzer, der mir klanglich schon besser gefällt, hier trötet keine Oboe so herum, und auch den Streicherklang empfinde ich hier als ein wenig präziser.

      Wie schon erwähnt hört man den „Knusperwalzer“ instrumental, was ich schon mal sehr gut finde, weil man dadurch einmal hören kann, wie instrumentiert wurde. Andererseits, die Tontechnik … egal.
      Gespielt wird von Ziffer 191 bis exakt 8 Takte nach Ziffer 197 (bei 198 explodiert der Ofen). Statt des explodierenden Ofens wird der Knusperwalzer von vorne noch einmal wiederholt.

      Wie auch beim „Hexenritt“ vermisse ich hier das Blech, besonders die „kräftig gestossenen“ fortissimo-Hörner bei Ziffer 193, oder die wuchtige Basstuba, die gleich zu Beginn des Stückes im tiefsten Register Lärm machen darf. Dieses Problem höre ich allerdings leider bei vielen Aufnahmen, der Knusperwalzer könnte so voll und satt klingen, stattdessen hört man meistens nur die höheren Töne, besonders die Streicher.




      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hier haben wir drei Schellackplatten, die in einer "Box" stecken; man kann die Verpackung aufklappen, jede Platte ist in einer eigenen Tasche untergebracht. Dazu ein Textheft in dt. Sprache sowie englischer Übersetzung.

      Die Datierung fällt mir hier schwer, weil ich mich mit der Firmengeschichte sowie den Labels der amerikanischen Victor so gut wie gar nicht auskenne.

      Auf der zweiten Platte wird ein Künstler sowie das Orchester angegeben: Clemens Schmalstich und das Berlin State Orchestra. Auf der ersten und dritten Platte jedoch nicht, weswegen ich nicht weiß, ob Schmalstich alle drei Platten eingespielt hat.

      Sollte es sich aber tatsächlich um die selbe Aufnahme wie die zuvor besprochene handeln, dann wurde sie Ende 1929 aufgenommen, und diese Box hier kam vermutlich um 1930 auf den Markt.

      Dafür spricht, dass auf dem Victor-Label von "RCA" die Rede ist; RCA kaufte 1928 Anteile der Victor, so dass man den Zeitraum zumindest enger eingrenzen kann.

      Berühmte Sänger und Musiker machten für Victor Aufnahmen, darunter Caruso, Rachmaninoff und Toscanini. (wikipedia)

      ___

      Zum Inhalt:


      Auf der ersten Platte (alle drei sind 25 cm Ausgaben) befindet sich "Suse, liebe Suse" sowie "Brüderchen, komm tanz´mit mir".

      Auf der zweiten Platte der "Hexenritt", sowie "Ein Männlein steht im Walde", gefolgt von "Bleib steh´n, bleib steh´n!".

      Auf der dritten Platte hört man "Der kleine Sandmann bin ich", gefolgt vom Abendsegen sowie der Traumpantomime.

      Es handelt sich also hierbei nicht um eine Kurzoper!

      Leider hat die dritte Platte einen durchgehenden Riss, den man erst fixieren müsste. Dieser Riss war schon vorher, ich habe die Platten als Sammler dennoch gekauft. Deswegen konnte ich sie mir noch nicht anhören.

      Die ersten beiden Platten habe ich einmal gehört, was allerdings schon ein paar Jahre her ist. Ich muss mir eine neue Nadel kaufen, dann werde ich nachsehen, ob (wie ich vermute) der "Hexenritt" mit der vorher besprochenen Version identisch ist. Und ich werde dann auch eine ausführlichere Rezension schreiben.





      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel, 1944


      [Quelle: buecher.de]



      Hänsel: Marie-Luise Schilp
      Gretel: Erna Berger
      Vater: Hanns-Heinz Nissen
      Mutter: Elisabeth Waldenau
      Hexe: Margarethe Arndt-Ober
      Sandmännchen/Taumännchen: Hildegard Erdmann

      Der Mozart Kinderchor Berlin
      Orchester des Reichsenders Berlin
      Dirigent: Artur Rother




      Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1944, wenn man der Rückseite der CD glauben schenken kann, wurde sie im April fürs Radio aufgenommen. Ich habe diese Aufnahme momentan auf einer CD der Serie „Cantus Classics“, sowie auf zwei amerikanischen Schallplattenboxen, die ich hier fotografiert habe.

      Um es gleich zu sagen: diese Einspielung würde ich nur empfehlen, wenn man an historischen Aufnahmen interessiert ist. Die Tonqualität ist, was eigentlich zu erwarten war, ziemlich miserabel. Ein sehr starkes permanentes Grundrauschen, einen matschigen Klang, Verzerrungen, Tonhöhenschwankungen, sowie einen oft trötigen Holz- und Blechbläserklang (besonders die Oboen!) muss man hier in Kauf nehmen.

      Wenn zumindest nur die Tonqualität schlecht wäre … auch die Einspielung selber ist absolut fürchterlich. Ich fange mal bei der Ouvertüre an: alles wird lieblos, schlampig, unkoordiniert heruntergespielt, häufige abrupte Tempowechsel stören zusätzlich. Eine Ouvertüre sollte doch eigentlich auf die bevorstehende Oper einstimmen, aber hier kommt keine Märchenstimmung auf. Dieses Stück Musik zieht wirkungslos an einem vorüber. Als einzigen Pluspunkt möchte ich Takt 120-121 nennen, in denen man die unheimlich wühlenden Quintolen der Streicher schön heraushört. Ob das nun vom Dirigenten beabsichtigt war, oder der Aufnahmequalität geschuldet ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall geht diese Stelle leider in moderneren Einspielungen sehr oft unter, dabei finde ich sie ebenso wichtig wie etwa die kurzen, gruseligen Einwürfe der Viola am Ende des Jungfernchores im „Freischütz“.

      Dann geht es los: Erna Berger singt „Suse, liebe Suse“, und mir gefällt ihre Stimme recht gut. Sie klingt nicht schwer, nicht zu erwachsen, sondern relativ vibratoarm. Wenn sie singt „Ja hör nur, Brüderchen“, dann entsteht manchmal wirklich die Illusion, dass da ein Mädchen singt. Leider verzerrt der Ton bei lauteren Stellen oft, der Gesang klingt viel zu laut. Dann hört man Marie-Luise Schilp als Hänsel, und der gefällt mir wiederum gar nicht. Ihre Stimme ist eindeutig zu schwer, zu tief, zu erwachsen, würde vielleicht besser zu einem Oktavian passen.

      Der Vater von Hans-Heinz Nissen klingt, besonders wenn man die Besenbinder aus jüngeren Aufnahmen im Ohr hat, recht ungewöhnlich: laut, aufdringlich, und übertrieben.

      Ein toller Moment in der Oper ist der, wo die Mutter „Den Besen, den lass´ nur an seiner Stell“ singt. An dieser Stelle spielt die Pauke (Takt 170-172) alleine das erste Mal das Hexenmotiv (diese Quarte singt der Vater schon einmal, bei „Kauft Besen!“, nur zu diesem Zeitpunkt noch in einem anderen Zusammenhang und noch nicht mit der Hexe in Verbindung gebracht. Leider klingt sie hier nicht „sehr bestimmt“, wie Humperdinck es wollte, sondern viel zu leise und dumpf. Was folgt ist eine übertrieben gesungene Hexenballade.

      Der Hexenritt ist nicht gruselig, sondern ein matschiger Brei, viel zu schnell und unkoordiniert heruntergespielt, und in den letzten beiden Tönen, die von der Solo-Bratsche gespielt werden, hört man deutlich die zittrigen Tonhöhenschwankungen der Aufnahme.

      Mit „Ein Männlein steht im Walde“ geht es weiter … aber jetzt kommts: sie singt nicht etwa „ganz still und stumm“, sondern fängt direkt bei „auf einem Bein“ weiter! Da fehlt die ganze erste Strophe, bzw. exakt nachgezählte 10 Takte Musik! Warum das so ist, weiß ich nicht, auf der CD steht auch kein Vermerk, dass die Aufnahme gekürzt ist. Ein Vergleich mit meinen Schallplatten brachte das gleiche Ergebnis: die erste Strophe fehlt, nicht nur auf der CD. Geschnitten wurde hier aber garantiert nichts, sondern einfach ausgelassen – Berger singt direkt „auf einem Bein“.

      Die Echoszene ist auch wieder verpfuscht. So setzt es bereits nach Hänsels Ruf viel zu früh ein, während er noch „Wer“ singt, statt erst, wie es gehört, auf „da?“. Wenigsten werden die Echos immer leiser, aber der Kuckuck muss auch hier wieder Lärm machen.
      Bei Gretels Ruf „ist jemand da?“ singt Erna Berger leider den ganzen Takt durch, statt auf der Zählzeit 3 des Taktes aufzuhören. Dadurch geht die Spannung, das Unheimliche der Szene verloren, denn es ist umso gruseliger, wenn nach ihrem Ruf einen Augenblick Ruhe herrscht, und dann plötzlich eine Antwort aus dem tiefen, dunklen Wald zurückkommt. Wenigstens an dieser Stelle zeigt sich der Dirigent gnädig und läßt die Oper einmal zur Ruhe kommen.

      Normalerweise passen auf eine CD die ersten beiden Akte der Oper. Wieso hier, trotz des hohen Tempos und der Kürzung, VOR dem Lied des Sandmännchens nach 42:50 Minuten Schluss ist, entzieht sich meinem Verständnis. Aus Platzgründen sicher nicht, denn Sandmännchen, Abendsegen und Traumpantomime auf Seite 2 dauern zusammengerechnet 10:32 Minuten. Zu den 42:50 dazugezählt wären das ca. 52:80 Minuten, und die passen ohne Probleme auf eine CD.

      Das Sandmännchen hat alles andere als die vom Komponisten geforderte „feine, zarte Stimme“ – fast möchte man meinen, Marie-Luise Schilp würde hier eine Doppelrolle singen.

      Die Hexe von Margarethe Arndt-Ober ist ein schlechter Witz. Ein schier unerträgliches Gekreische, das sie wohl mit Schauspiel verwechselt, eine schrille Stimme, und wenn sie mal singt, dann oft nicht die Melodien, die in der Partitur stehen. Man höre sich nur das mit einem irrwitzigen Tempo durchgepeitschte „Hurr hopp hopp hopp“ an!

      Nachdem dieses Trauerspiel endlich vorbei ist, explodiert bald der Ofen und Hänsel fragt mit erschreckend tiefer Sprechstimme, woher die Kinder kommen, die plötzlich statt den Lebkuchenmännchen da stehen. Wenigstens hört man in dieser Aufnahme den in einem Großteil aller Aufnahmen weggelassenen Ruf „Hei!“, nachdem sie Hänsel mit dem Wacholderbusch entzaubert hat. (In all meinen Aufnahmen findet sich der Ruf nur in Karajans berühmter 53er Aufnahme noch einmal)

      Zum Dirigat von Arthur Rother kann ich eigentlich nichts sagen, weil das hier ein heilloses Durcheinander ist. Viel zu schnelles Tempo, ein Orchester, das den Sängern oft nachläuft etc… Stimmung kommt hier keine auf, mit Musik hat das meiner Meinung nach nicht mehr viel zu tun.

      Zur CD noch schnell ein paar kurze Worte: ich habe viele CDs der Cantus Classics Reihe, es sind billige Scheiben, eine dünne Hülle. Um diesen Preis verlange ich ja keinen Pappschuber, keine Doppeldecker-Box, kein dickes Booklet mit Libretto, Hintergrundinformationen zur Entstehung, Fotos von Humperdinck etc. .. aber ist es zuviel verlangt, dass man wenigstens bei der Tracklist drauf achtet, dass alles richtig geschrieben ist? „Sie da, der faule Siebenschläfer“. Auch auf anderen CDs der Reihe finden sich solche Patzer, wie z.B. „Huzrr hopp hopp“ etc. Das Titelbild ist ja auch mehr als unpassend. Was hat das mit Hänsel und Gretel zu tun??

      Es gibt diese Aufnahme aber auch auf zwei anderen CDs, die ich aber noch nicht besitze:

      Hier zusammen mit Webers "Abu Hassan" (links) sowie in dieser Walhall Reihe (rechts):






      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel Ouvertüre, 1932




      [Quelle: musicweb-international.com]

      youtube.com/watch?v=Wdt0Gu7igTg


      Das britische Rundfunk-Sinfonieorchester
      Dirigent: Adrian Boult




      Mit der Chronologie war es das jetzt sowieso schon, deswegen stelle ich hier eine weitere Aufnahme vor.

      Bei dieser hier handelt es sich um eine Aufnahme der Ouvertüre, aufgenommen am 25. Juli 1932 in der Abbey Rd., wie der CD-Verlag es angibt. Dirigent war Adrian Boult.

      Meine Schellackplatte ist jedoch nicht abspielbar, da sie nur ein beschädigtes Belegexemplar ist; dafür gibt es diese Einspielung jedoch auf YouTube zu hören.


      Klangtechnisch gesehen finde ich die Aufnahme sehr gelungen, denn die Tontechniker haben es geschafft, dass man so gut wie alle Instrumentengruppen die meiste Zeit über hört. Insgesamt gesehen fällt mir auf, dass das Blech eher im Vordergrund steht, und manchmal die Streicher ein wenig zurückdrängen, dennoch geht niemand gnadenlos unter – die Pizzicati der Geigen bei Buchstabe G oder die durchgehenden Pizzicati der Celli ab Buchstabe K sind deutlich zu hören. Klar: bei besonders lauten Stellen ist schnell eine Grenze erreicht, der Sound wird matschiger.


      Interpretatorisch bin ich auch hier nicht wirklich begeistert, wenngleich ich schon einmal positiv anmerken muss, dass das Stück zu keiner Zeit gehetzt, oder gar im aberwitzigen Tempo durchgepeitscht wird.

      Aber es stören mich dann doch zu viele Dinge.

      Es beginnt schon in Takt 7, wo das Crescendo plötzlich sehr laut anschwillt, und für meinen Geschmack nicht mehr legato (wie vorgeschrieben) gespielt werden, sondern ziemlich plump und forciert.

      Bei den Streichern fällt mir ab und zu auf, dass sie an manchen Stellen ein Glissando spielen, konkret etwa die 1. Geigen 10 Takte nach Buchstabe D, wo die 4. Viertel zur 1. Viertel des Folgetaktes „glissandiert“, was für mich ziemlich süßlich und deplatziert wirkt. Besonders in den 7 Takten nach Buchstabe F höre ich das öfter, auch hier mit dem gleichen Effekt. Handelt es sich hier tatsächlich um ein Glissando?

      Noch eine andere Stelle fand ich etwas plump: ab Buchstabe E lässt der Dirigent das Orchester plötzlich immer schneller spielen, obwohl nur von einem Crescendo die Rede ist, und nach diesem kurzen Ausbruch geht es im normalen Tempo weiter. Dieses plötzliche Schnellerwerden kommt mir doch irgendwie unmotiviert vor, nach dem Motto: „Jetzt kommt eine Stelle, wo Spannung aufgebaut wird, jetzt spielen wir plötzlich alle immer schneller“.




      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel (1932)



      Mitglieder der Kapelle der Staatsoper Berlin

      Dirigent: Wolfgang Beutler



      Und eine weitere Ouvertüre auf Schellack gesellt sich hinzu. Diesmal aus dem Jahre 1939, es spielt das Orchester der Staatsoper Berlin unter Wolfgang Beutler.

      Auch diese Schellackplatte ist leider nur ein beschädigtes Belegexemplar und nicht abspielbar.

      Auf YouTube habe ich sie gefunden, leider aber wird dort eine wellige Platte mit einem normalen Grammophon abgespielt - der Besitzer hat null Ahnung von Schellackplatten!

      Es fällt mir deswegen auch schwer, da irgendetwas zu rezensieren, deswegen nur soviel: die Klangqualität der Aufnahme scheint sehr gut zu sein, der Anfang beginnt im normalen Tempo, auch das Crescendo der Hörner werden hier - im Gegensatz zur vorher besprochenen Aufnahme - viel weicher gespielt, dann jedoch wird die ganze Ouvertüre unschön bis zum Ende gehetzt.

      Einzig gefallen haben mir die wühlenden Quintolen der Streicher, 7 Takte nach Buchstabe I, die hier gruselig umgesetzt wurden.


      In diesem Fall werde ich NICHT auf das Video verlinken, weil ich nicht möchte, dass dieser Schellackplattenvernichter auch noch Views durch mich bekommt.
      Ich bitte da um Verständnis.




      LG,
      Hosenrolle1

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    • Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1953, und ich muss zugeben, sie fristet ein Schattendasein bei mir, da ich sie nie ganz anhöre, sondern nur auszugsweise, zu Vergleichszwecken.
      Ich habe sie in vier verschiedenen Versionen, zu denen ich im Anschluss an die Rezension noch etwas sagen werde.







      Hänsel: Gisela Litz
      Gretel: Rita Streich
      Vater: Horst Günter
      Mutter: Marianne Schech
      Hexe: Res Fischer
      Sandmännchen: Elisabeth Lindermeier
      Taumännchen: Bruno Brückmann

      Knabenchor des Wittelsbacher Gymnasiums München
      Damen aus dem Chor des Bayerischen Rundfunks

      Münchner Philharmoniker
      Dirigent: Fritz Lehmann



      Was sofort nach den ersten Takten der Ouvertüre auffällt ist die hallige, matschige, breiige Tonqualität. Vier Hörner und 2 Fagotte spielen hier, doch statt der schönen Polyphonie hört man eben nur einen Klangbrei. Die Stimmführung der Fagotte oder etwa des 3. Horns lässt sich nur erahnen.
      Und auch in der restlichen Aufnahme wird die Tonqualität nicht besser. Was mich doch wundert, da es durchaus Aufnahmen dieser Zeit gibt, die eine bessere Qualität bieten, und gerade von der Deutschen Grammophon hätte ich mehr erwartet.

      Diese Qualität macht es mir dann auch teilweise schwer, das Dirigat zu beurteilen, denn an vielen Stellen weiß ich nicht, ob der Dirigent bestimmte Instrumente zu leise spielen lässt, oder ob sie einfach nur verschluckt werden durch die Aufnahmetechnik.
      Generell lässt sich wohl sagen, dass in der gesamten Aufnahme die Streicher dominieren; man hört sie eigentlich immer heraus, sogar die Pizzicati hört man sehr deutlich. Das Blech hört man da leider viel weniger, und sogar bei fortissimo-Stellen gehen sie unter, woran sicher auch die viel zu dumpfe, zu laute und zu lange nachhallende Pauke schuld sein wird.

      Die Holzbläser haben es ebenfalls schwer, wenngleich sie sich doch eher durchsetzen können. Aber dennoch: die vielen Stellen, an denen sich verschiedene Holzblasinstrumente zu einem schönen Klang vermischen, wird man hier vergebens suchen. Dafür sind sie zu weit und zu hallig im Hintergrund.

      Das Ende der Ouvertüre (17 Takte nach Q) wirkt ein wenig unkoordiniert, als ob das Blech hinterherhinkt und das Holz dadurch ausgebremst wird.
      Nach der Ouvertüre geht es nun mit „Suse, liebe Suse“ los, und ausgerechnet hier gehen die eigentlich so wichtigen Streicher-Pizzicati gnadenlos unter, die Oboe klingt trötig und dünn.. Rita Streich singt die Gretel; sie hat eine doch angenehme helle Stimme in der Höhe, verzichtet auf zu starken Einsatz des Vibratos, und klingt keineswegs wie eine Primadonna. Stimmlich gefällt mir aber eine Erika Köth, oder eine Barbara Bonney dann aber doch wesentlich besser.

      Was mich aber am meisten stört (und das gilt auch für den Hänsel von Gisela Litz) ist, dass die beiden für meinen Geschmack völlig teilnahmslos und fast schon gelangweilt ihren Part heruntersingen. Wenn Hänsel etwa beim Tanzduett singt „und fröhlich will ich sein“, dann klingt das alles andere als fröhlich und überschwänglich.
      Stimmlich gefällt mir dieser Hänsel dagegen gar nicht mehr; das Timbre von Gisela Litz ist für meinen Geschmack schon zu dunkel, eignet sich vielleicht besser als Octavian. Auch finde ich, dass sich die beiden Stimmen in den Duetten (speziell beim Abendsegen) überhaupt nicht gut mischen, da der Kontrast hell-dunkel hier zu groß ist.

      Eine Stelle, die mir gut gefallen hat war im Tanzduett, konkret der Unterschied zwischen Richtziffer 15 (Einsatz Gretel) sowie 9 Takte nach Ziffer 15 (Einsatz Hänsel); singt Gretel „Mit den Füßchen tapp, tapp, tapp“, so wird sie nur von den 1. Violinen begleitet, der Kontrabass wird nur am Anfang jeden zweiten Taktes gezupft.
      Bei Hänsels etwas „plumperen“ Versuch spielen beide Violinen, der Bass kommt durchgehend zum Einsatz.
      Dirigent Fritz Lehmann nimmt hier nun Hänsels Einsatz etwas kräftiger und einen Tick lauter, so dass Hänsels Charakter hier nicht nur durch die Instrumentation alleine deutlich wird.

      Irgendwann kommt die Mutter, gesungen von Marianne Schech, nach Hause, sie scheint mir schon mehr bei der Sache zu sein und klingt durchaus verärgert. Ich muss ja gestehen, dass ich die Mutter in der Oper als ziemliche Hintergrundfigur wahrnehme, so dass ich mir mit der Beurteilung der sängerischen Darstellung dieser Figur schwer tue.
      Der Vater von Horst Günter zog auch an mir vorüber, für mich klang er nicht wie ein angeheiterter Besenbinder, der gute Geschäfte gemacht hat, und auch die Hexenballade klang mir doch zu „kultiviert“ und ruhig.

      (Nebenbei, liegt es an der Sängerin oder wurde ihr ein anderer Text vorgelegt? Statt „vierzehn Eier“ singt sie „soviel Eier“, statt „die sind jetzunder teuer“ singt sie „die sind ja jetzt so teuer“. Ich verstehe diese Textänderungen nicht wirklich)

      Musikalisch kann ich auch wenig zur Hexenballade sagen; stimmungsvolle Details wie etwa das leise einsetzende 1. Horn (7 Takte nach Ziffer 56), wenn der Vater singt „Um Mitternacht, wenn niemand wacht“ gehen irgendwo weit im Hintergrund verloren.



      Auch die schöne Stelle 3 Takte nach Ziffer 57, wenn die Oboe eine Achtel früher einsetzt, bevor sich auf der nächsten Achtel die Flöte dazu gesellt und die Melodie noch klagender klingt, verschwindet in der halligen Akustik.



      Die Waldszenen im 2. Akt haben für mich überhaupt keine Atmosphäre, was wiederum an der Akustik liegt, aber auch daran, dass man vom vollen Orchester, das in den vielen kleinen Nebenstimmen den lebendigen Wald schildert, nichts mehr hört. Von den schwirrenden Tremoli der Streicher etwa bleibt nichts mehr übrig.
      Die Echoszene vergeht relativ schnell, wenigstens sind die Echos selbst nicht zu laut, was man aber vom Kuckuck leider nicht behaupten kann. Macht sich eigentlich irgendjemand die Mühe, die Anweisungen Humperdincks auch einmal zu lesen?
      Das Sandmännchen von Elisabeth Lindermeier ist austauschbar und langweilig; von einer hellen Stimme keine Spur.

      Und auch vom Abendsegen bin ich enttäuscht: wie ich eingangs schon erwähnte, mischen sich die Stimmen der beiden Hauptakteuer nicht wirklich, dazu stört mich das ständige leichte Vibrato von R. Streich, das hier in Verbindung mit Litz´ Stimme unangenehm wabert.
      Auch die Traumpantomime zieht spurlos an einem vorüber, die mächtigen Bassschübe der Posaunen sowie der Basstuba ab Ziffer 99 sind praktisch nicht vorhanden, dem lauten forte-Einsatz des ganzen Orchesters, bei dem das Abendsegen-Motiv gespielt wird, fehlt jede Strahlkraft, und auch der etwas später folgende dramatische Ausbruch (6 Takte nach Ziffer 103) kommt völlig kraftlos daher.
      Im Vorspiel zum dritten Akt klingt die Oboe, die bei Ziffer 110 eine Kantilene zu spielen hat, am Schlimmsten – nämlich wie ein Zahnarztbohrer. Dünn, schneidend, trötig.

      Nachdem das Taumännchen, das von einem Jungen atem- und kraftlos gesungen wird, vorüber ist und die beiden Geschwister endlich beim Knusperhaus ankommen, darf man Res Fischer als Knusperhexe hören.

      Was mir bei ihr gefällt ist, dass sie durchaus älter klingt, womit aber NICHT gemeint ist, dass ihre Stimme sehr tief oder dunkel klingt! Für mich war die Hexe aus HUG immer alt; mit Hexen, die wie 30 oder 40 jährige klingen, konnte ich nie viel anfangen.
      Fischer verzichtet hier dankenswerterweise auf Gekreische oder ständiges Kichern zwischen ihren Einsätzen, und sie verfügt über eine grollende, bedrohliche Bruststimme (noch besser fand ich die übrigens in der 1956er Aufnahme unter Matzerath, wo sie abermals die Hexe sang. Wenn sie ihr tiefes „Malus Locus, Hocus Pokus“ ausspricht, bekommt man wirklich Angst vor dieser Alten).

      Und doch bin ich eher enttäuscht von ihrer Hexe, weil sie für meinen Geschmack – trotz der für mich passenden Stimme – ihre Rolle auch nicht wirklich gestaltet, sondern heruntersingt. Besonders deutlich wird das für mich bei „Hurr hopp, hopp, hopp“, das sie irgendwie ebenfalls schon etwas zu kultiviert, zu damenhaft singt. Da hätte man sicher mehr draus machen können!

      Der Kinderchor klingt auch ziemlich unspektakulär. Leider weiß ich nicht, ob es sich um Mädchen und Jungen handelt, oder nur Jungen, denn laut CD heißt es: „Knabenchor des Wittelsbacher Gymnasiums München“ sowie „Damen aus dem Chor des Bayerischen Rundfunks“.
      Da nicht von einem „Damenchor“ die Rede ist, nehme ich stark an, dass die Damen hier nur für die Echoszene zum Einsatz kamen, so dass der Kinderchor eigentlich nur aus Jungen besteht. Und das hat Nachteile für den Klang des Chores, denn so wie Hänsel und Gretel sich stimmlich unterscheiden sollten, sollten es auch die zwei Partien des Chores tun. Nicht umsonst teilt Humperdinck den Chor in „Sopran (Mädchen)“ sowie „Alt (Knaben)“.

      So klingt nun der ganze Chor immer gleich, von den schönen Harmonien, die sich durch die unterschiedlichen Stimmführungen ergeben, ist nichts mehr zu hören.

      ___

      Nun, wie angekündigt, noch etwas zu den unterschiedlichen Versionen.
      Es gibt diese Aufnahme mittlerweile auf mehreren CDs; ich selbst besitze die zwei oben abgebildeten, kann also nur diese bewerten.
      Außerdem habe ich sie zweimal auf Schallplatte. Einmal die Erstausgabe aus dem Jahr 1953, und ein anderes Mal eine Plattenbox von ETERNA, ich nehme an, von 1962.


      Zu den CDs: die Ausgabe links ist keine Doppeldecker-Box, hat dafür aber ein Booklet, in dem sich auch der Aufsatz „Mein Vater Engelbert Humperdinck“ von Wolfram Humperdinck befindet, mit dem Hinweis: „Der Text von Wolfram Humperdinck war als Werkeinführung Teil der Erstveröffentlichung dieser Aufnahme im Jahre 1953“.
      Dazu gibt es Bilder der SängerInnen.

      Die CD Ausgabe rechts hat kein Booklet, und auch keinen Aufsatz, noch nicht einmal Bilder der SängerInnen, dafür ist es eine Doppeldecker-Box.
      Beide CD-Versionen haben KEIN Libretto!

      Die Erstauflage (die Plattenbox links von der DG), in der sich natürlich auch dieser Aufsatz befindet (die Aufnahme entstand zum 60 jährigen Jubiläum der UA) hat ebenfalls Bilder der Mitwirkenden, sowie zwei abgedruckte Briefe (von Humperdinck an seine Mutter, sowie der bekannte Brief von Strauss an Humperdinck) zu bieten; neben dem vollständigen Libretto der Oper gibt es mehrere Bilder von Aufführungen zu sehen, nebst einer ganzen Seite, die das Faksimile vom Anfang des Hexenritts zeigt. (Erstaunlich, wie sauber Humperdincks Notenhandschrift hier ist, wie kerzengerade die Balken gezogen sind).

      Jedoch, drei Dinge irritieren mich.
      Zum einen steht in dem Faksimile als Vortragsanweisung nur „Wuchtig“, in meiner DOVER Partitur steht jedoch „Wuchtig, jedoch nicht schleppend“.
      Und im Faksimile wird als Tempo 96 angegeben, in der Partitur steht 92. Für die Streicher notiert er zu Beginn „forte“, 6 Takte nach 61 fortissimo – was Sinn macht.
      In der Partitur beginnen die Streicher direkt im fortissimo, und 6 Takte nach 61 steht ABERMALS fortissimo dort. Ob das ein Druckfehler ist? Ich werde mir bei nächster Gelegenheit mal die anderen verfügbaren Partituren auf imslp.com ansehen und vergleichen.


      Die andere Plattenbox (rechts) beinhaltet ebenfalls das vollständige Libretto sowie einen Aufsatz über das Werk, ist jedoch wesentlich verspielter und eher auf Kinder zugeschnitten. So gibt es viele Zeichnungen, und in manchen Seiten sind Löcher ausgeschnitten, in denen man die Zeichnung auf der nächsten Seite sehen kann.
      So sieht man etwa die Mutter, die Hänsel bei der Tür hinausscheucht. Die Tür ist ausgeschnitten, und blättert man um, sieht man Hänsel im Wald. So etwas kennt man aus Kinderbüchern. Leider ist das Papier dieses Booklets extrem dünn und lapprig, und durch die Löcher in den Seiten muss man zusätzlich sehr aufpassen, dass man sie nicht einreißt.
      Auf beiden Plattenboxen lässt sich auf dem Cover und der Rückseite nicht entnehmen, WER singt oder dirigiert.




      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel, 1953 (Karajan)



      Hänsel: Elisabeth Grümmer
      Gretel: Elisabeth Schwarzkopf
      Vater: Josef Metternich
      Mutter: Maria von Ilosvay
      Hexe: Else Schürhoff
      Sandmännchen/Taumännchen: Anny Felbermayer

      Choirs of Louthton High School for Girls & Bancroft´s School
      Philharmonia Orchestra
      Dirigent: Herbert von Karajan



      Diese Aufnahme war die zweite, die ich erworben habe, und hätte ich diese Rezension vor einem Jahr geschrieben, hätte ich mit 100%iger Wahrscheinlichkeit gesagt, dass sie den besten Hänsel bietet, der auf Tonträger gepresst wurde. Mittlerweile sehe ich das allerdings nicht mehr so, denn er wurde von jemandem um ein ordentliches Stück überholt – aber dazu dann in einer sehr viel späteren Rezension.

      Diese Aufnahme, die 1953 in der Kingsway Hall in London entstand, wurde von vielen Firmen herausgebracht.
      Besprechen werde ich aber die Version der EMI, aus der goldenen Box im Schuber, die wohl den besten Sound, das beste Remastering bietet. Alle Dinge, die ich über die Aufnahme sagen werde, beziehen sich also auf diese Version.

      Trotz des permanenten, aber absolut erträglichen Grundrauschens, an das man sich schnell gewöhnt hat, hört man in der Ouvertüre überraschend viele Details. So matschen die vier Hörner zu Beginn nicht herum, sondern bleiben noch recht gut durchhörbar, generell fällt die gute Balance der Tontechnik auf: man hört die Flöten, die Oboen, die Hörner genauso wie die Streicher, keine Instrumentengruppe wird durch die Tontechnik zurückgedrängt.
      Das einzige wirkliche Manko an dieser Aufnahme sind für mich die Oboen, die einfach zu dünn und trötig klingen, egal ob sie solo unterwegs sind oder sich mit anderen Instrumenten mischen sollen.
      Was die Dynamik betrifft, so bin ich hier auch zufrieden. Bei den lautesten Ausbrüchen des Orchesters (Buchstabe M, oder 11 Takte nach Buchstabe P, der fortissimo-Ausbruch) gibt es keine Verzerrungen, und es matscht ebenfalls nicht. Aber natürlich muss man mit Einschränkungen leben, und so klingen wuchtige Stellen, besonders die Bässe und die Pauken alles andere als wuchtig.

      Sobald die Ouvertüre vorbei ist, offenbart die Tontechnik ein neues Problem: immer dann, wenn gesungen wird, tritt das ganze Orchester in den Hintergrund, und die meisten schönen Dinge wie sich mischende Klangfarben (z.B. die Violinen und Flöten 8 Takte nach Ziffer 8 oder etwa das gruselige, im piano spielende Horn 7 Takte nach Ziffer 56) gehen verloren. Auch leise Streichertremoli, von denen Humperdinck gerne bei unheimlichen Stellen Gebrauch macht, bleiben wirkungslos.

      Elisabeth Schwarzkopf singt die Gretel, und in den knapp 10 Jahren, die ich diese Aufnahme nun besitze, hat sich meine Meinung zu ihrer Interpretation nicht geändert: für mich klingt sie wie eine Dame, die einen auf Mädchen macht, wie eine Marschallin, die ihre Enkelkinder unterhalten möchte. Zwar übertreibt sie es damit nicht zu sehr, aber besonders ihr Abendsegen macht mir überhaupt keine Freude. Zwar verzichtet sie dankenswerterweise auf den Einsatz von Vibrato, jedoch habe ich das Gefühl, als würde sie den Text mit halb offenen Mund singen, und alles in einem Dauerlegato. „viiiierzeeeehhhneeeeengeeeeluuuummiiiiichsteeehnn“. Davon abgesehen finde ich, dass sie ihre Partnerin Elisabeth Grümmer hier ein wenig zu sehr übertönt, man hört vor allem die Schwarzkopf. Das klang 1956 unter Matzerath, wo Grümmer mit Köth zusammen sang, wesentlich ausgeglichener und besser!

      Ja, und Elisabeth Grümmer singt den Hänsel. Laut Booklet war dies die einzige ungekürzte Operneinspielung, in der Grümmer und Karajan zusammenarbeiteten.
      Es ist erstaunlich, wie Geschmäcker und Meinungen sich ändern können. Ich war immer begeistert von ihrem Hänsel: herrliche, vibratoarme Stimme, sie klingt jung, sie WEIß was sie singt, und die Textverständlichkeit ist beispielhaft.
      Aber seitdem ich nun einen noch besseren Hänsel gehört habe, höre ich heute die Mankos, obwohl das natürlich Meckern auf höchstem Niveau ist. Die Grümmer war zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits 42, und trotz ihrer jung klingenden Stimme hört man das Alter doch heraus; manche Stellen klingen geradezu betörend, etwa „Ein Geheimnis“, bei anderen wird die helle Stimme plötzlich „älter“ und „dicker“.

      Aber wie gesagt, es geht hier nur um die Stimme; alles andere passt für mich nach wie vor.
      Der Vater von Horst Günter ist für mich in Ordnung, er poltert nicht übertrieben herum, wirkt aber auch nicht zu kultiviert (Stichwort Fischer-Dieskau). Lediglich bei den gruseligeren Stellen, sobald er von der Hexe erzählt, hätte ich mir ein bisschen mehr Stimmung gewünscht. Ein kleiner Fehler fiel mir auf: in der Hexenballade singt er „dann reiten sie aus“ statt „dann reitet sie aus“.

      Im Hexenritt geht es dann zur Sache, man hört, dass es bei der Aufnahme wuchtig und laut zugegangen sein muss. Das Stück beginnt schon, wie Humperdinck es wollte, „wuchtig, jedoch nicht schleppend“. Auch hier allerdings ein Fehler: die Castagnetten, die das Tambourin 9 Takte nach Ziffer 62 ablösen, verpassen ihren Einsatz und beginnen erst im folgenden Takt, wodurch ein kleines Loch entsteht. Das hätte eigentlich auffallen müssen …

      Die Waldszenen finde ich sehr schön musiziert, und alles ab Ziffer 84 bis 87 gehört für mich zur besten Interpretation dieser Szenen, die ich bis jetzt gehört habe. Gemeint ist die Echoszene plus der anschließenden unheimlichen Atmosphäre.
      Karajan lässt sich hier Zeit, die Echos (die auch tatsächlich immer leiser werden, um im vierfachen piano in der Ferne zu ertönen) verklingen zu lassen, er schafft hier eine bedrückende, äußerst intime Atmosphäre, ohne es dabei jedoch zu übertreiben und langweilig zu werden. Und auch kurz nach den Echos, wenn die düster grummelnde Bassclarinette, die Clarinetten im tiefsten Register und die Fagotte spielen, weiß Karajan das so umzusetzen, dass man die Stimmung dieser Szene sehr gut nachvollziehen kann – der Wald ist nun dunkel und bedrohlich geworden.

      Das Lied des Taumännchens ist für mich problematisch, und sogar im Booklet wird gesagt, dass das extrem langsame Tempo, das Karajan hier vorgibt, fragwürdig sei. Bis das Stück vorbei ist, wäre in Echtzeit wohl die Sonne wieder aufgegangen …
      Den Abendsegen habe ich schon beschrieben, die Traumpantomime gefällt mir ebenfalls, besonders bei Ziffer 101, beim großen Ausbruch des Orchesters, das den Abendsegen intoniert, gefällt mir, wie 2 Takte nach 101 die Streicher in den satten Bläserakkord hineinkommen. In vielen Aufnahmen hört man diese Streicher erst ungefähr einen Takt später, als würden sie crescendieren, doch sie sind von Anfang an im fortissimo notiert.

      Ein bisschen betrüblich finde ich allerdings, was mit der Trompete passiert: 4 Takte nach 101 hört man sie noch laut spielen, und mitten in der Melodie hört man sie plötzlich gar nicht mehr – was war da los?

      Weiter geht´s mit dem dritten Akt, der von einem sehr verhalten gesungenen, ganz und gar nicht „aufgeweckten“ Taumännchen eingeleitet wird, bevor Gretel aufwacht und ihr Morgenlied so singt, als ob sie die Lippen dabei nicht bewegen würde.

      Als das Knusperhaus ab Ziffer 125 auftaucht, baut Karajan wieder ordentlich Spannung auf, es ist beeindruckend, wie das Orchester die Überwältigung der Titelfiguren schildert, um dann bei „gesehn!“ herrlich zu strahlen. Diese Stelle habe ich auch oft plumper gehört, aber das hier ist echt gelungen.

      Beim nun folgenden Duett sollten Hänsel und Gretel zusammen „und traun! rings zu schaun gar ein Lebkuchenzaun“ singen. Die Grümmer tut das auch, die Schwarzkopf nicht; sie singt „und traun! rings zu schaun, rings ein Lebkuchenzaun“. Auch schade!

      Wenn die Hexe aus ihrem Haus hervorkommt und sich anschleicht, schafft es Karajan wiederum, eine bedrohliche Spannung aufzubauen, man sieht die Alte richtig, wie sie sich anschleicht.
      Und Else Schürhoff singt eine Hexe, wie ich sie mir vorstelle. Sie verzichtet auf unnötiges Gekreische, auf jede Hysterie, auf aufgesetztes, ständiges Kichern, statt dessen ist sie eine vergleichsweise ruhige Hexe, die aber gefährlich ist, und DAS finde ich wesentlich gruseliger als herumplärrende Selbstdarstellerinnen.
      Als die Hexe den Ofen bei Ziffer 165 öffnet zeigt Karajan erneut wie man Spannung aufbaut, lediglich die krachenden Scheite hätte ich mir wesentlich lauter gewünscht, aber das ist natürlich Geschmackssache.

      Ihr „Hurr hopp hopp hopp“ gefällt mir sehr gut, sie singt es nicht für ein Publikum, sondern ganz für sich, weil sie sich über den guten Fang freut; zum Glück hört man hier auch die Klarinetten und Fagotte schön heraus, das Xylophon aber leider nicht.
      Den Kinderchor finde ich enttäuschend: zum einen hört man ihn schlecht, zum anderen versteht man kein Wort, woran sicher auch die Tontechnik nicht ganz unschuldig sein wird. Jedoch, sobald der Chor aufgewacht ist, lässt Karajan dem Orchester wieder die Zügel locker, ohne dass Verzerrungen oder unangenehmes Dröhnen den Hörgenuss trüben.

      Mein Fazit: eine historische Aufnahme, die ihre klaren Stärken hat (Echoszene!), aber auch Nachteile, mit denen man wohl leben muss – allen voran die Tontechnik, die so vieles von der schönen Musik verschluckt, trotz des hervorragenden Remasterings, Ich würde diese Aufnahme auf keinen Fall als Kennenlern-Einspielung empfehlen, sondern zu einer moderneren greifen, um auch etwas von der Musik zu hören. Mit der Schwarzkopf habe ich so meine Probleme, und ich finde auch, dass Erika Köth eine wesentlich frischere, jünger klingende, mädchenhaftere Gretel ist als die damenhafte Schwarzkopf, und stimmlich auch besser zur Grümmer passt, besonders beim Abendsegen.



      Versionen:

      Es gibt diese Aufnahme in so vielen verschiedenen Versionen, die zu zeigen zuviel wäre, deswegen nur eine kleine Auswahl. Ich selbst habe das Werk einmal in der oben gezeigten goldenen Box, sowie in zwei Schallplattenboxen, wobei die blaue wohl aus den 50er oder 60er Jahren sein muss, die gelbe aus den späten 70er Jahren stammt.




      Die alte, blaue Box (oder vielmehr, der Schuber) bietet die Aufnahme in einem sehr dumpfen, schlechten Klang an; alles klingt zugedeckt und muffig.

      Das liebevoll gestaltete, an ein altes Märchenbuch erinnernde Booklet bietet zwar kein Libretto, dafür ein paar Hintergrundinfos über die Entstehung, ein paar Infos über den Komponisten, eine ganze Seite des Autographs des Abendsegens sowie das komplette Märchen der Gebrüder Grimm in ungekürzter Fassung.

      Die Box aus den 70ern in Gelb bietet im Booklet das Libretto in deutscher und englischer Sprache, ansonsten nur eine Synopsis komplett in Englisch. Keinerlei Hintergrundinfos, stattdessen drei Fotos: auf der Vorderseite ein großes Karajan-Foto beim Dirigieren (das aber in den 70ern gemacht worden sein muss, da er hier schon weiße Haare hat), ein Foto von Humperdinck, und ganz am Ende ein Foto von der Schwarzkopf. Juhu.

      Das Booklet verrät in einem Hinweis: These LPs have been electronically reprocessed from mono tapes to give a stereo effect when played on stereo equipment.
      Man ahnt Schlimmes, und so klingt es dann auch: die Musik stark im Hintergrund, die Stimmen klingen wie aus der Blechbüchse, unnatürlich laut und blechern. Wirklich gräßlich!




      Diese Aufnahme besitze ich nicht, jedoch wird in Rezensionen davor gewarnt, denn das Remastering soll fürchterlich sein. Dafür bietet diese Version aber ein paar Ausschnitte aus alten Schellackplatten.




      Diese Version ist recht neu, ich besitze sie nicht, aber ich gehe mal davon aus, dass sie genauso klingen wird wie die EMI Box, die ich habe. Leider ist die hier ohne Schuber und ohne Booklet; letzteres findet man auf einer 3. CD, um sich das Libretto ansehen zu können. Völlig bescheuert! (Ebenso fragwürdig finde ich, wie man hier die Gesichter auf dem Originalcover, das hier gezeigt wird, einfach abgeschnitten hat. Da ist mir die goldene Box, die das originale Cover zeigt, dann doch lieber).





      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 8 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

    • [off topic]

      Diese Riesenbilder sind ein Alptraum, wenn ich meine 3GB Highspeed-Volumen-Flat fürs Smartphone mal wieder vor Monatsende verbraten habe.

      Es geht:

      Ändere: "http://ecx.images-amazon.com/images/I/81QbvLQv-zL._SL1417_.jpg"

      z.B. in "http://ecx.images-amazon.com/images/I/81QbvLQv-zL._SL300_.jpg"

      und heraus kommt:



      [/off topic]
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Die Karajan-Aufnahme liegt auch mir vor.
      Sie ist zwar nicht mein Favorit, rangiert aber eindeutig unter den Top-Ten. (Ich habe nur 4 :))

      Die Argumente gegen die Favoritenrolle hast Du eigentlich schon genannt, und sind von meiner Seite den klanglichen Defiziten geschuldet.

      Mein Favorit ist......

      Aber der kommt erst wesentlich später als 1953, und ich will nicht vorgreifen.

      Grüße
      Jürgen
    • Original von Jürgen
      Die Karajan-Aufnahme liegt auch mir vor.
      Sie ist zwar nicht mein Favorit, rangiert aber eindeutig unter den Top-Ten. (Ich habe nur 4 :))


      Naja, das ist ja schon was!


      Mein Favorit ist......
      Aber der kommt erst wesentlich später als 1953, und ich will nicht vorgreifen.


      Ich rate mal ganz frech und schwanke zw. 1971 unter Eichhorn und 1989 unter Tate, tendiere aber zu letzterem.

      Bis ich aber bei 1989 angekommen bin muss ich mich noch durch ziemlich viele Aufnahmen wühlen :D




      LG,
      Hosenrolle1
    • Hänsel und Gretel, 1954; ital. (Karajan)



      Hänsel: Sena Jurinac
      Gretel: Elisabeth Schwarzkopf
      Vater: Rolando Panerai
      Mutter: Bruna Ronchini
      Hexe: Vittoria Palombini
      Sandmännchen/Taumännchen: Rita Streich

      RAI Symphony Orchestra & Chorus, Milan

      Dirigent: Herbert von Karajan



      Diese Aufnahme vom 10. Dezember 1954 ist komplett in italienischer Sprache; Karajan hat sie für das italienische Radio aufgenommen, mit dem er, laut einer Rezension auf der amerikanischen Amazon-Seite, ein paar Aufnahmen gemacht hat, darunter eine „Zauberflöte“ mit Schwarzkopf, die ihre einzige Pamina auf Platte singt.

      Direkt ein Wort zur Tontechnik, zum Klang der Aufnahme: sie hat gegenüber der 1953er Aufnahme unter Karajan Vor-, aber auch Nachteile. Der größte Nachteil ist wohl das besonders in der Ouvertüre und an leisen Stellen bemerkbare Rauschen, das dazu oft noch in der Lautstärke schwankt, sodass man es nicht nach einiger Zeit überhört. Dazu kommt selten aber doch eine Art Rumpeln dazu, besonders in der Ouvertüre merkt man das. Das Rumpeln klingt für mich ein wenig nach einem Tonarm eines Grammophons, wirklich beschreiben kann ich es aber nicht. Und manchen mag diese Aufnahme, im Gegensatz zu ihrem „Vorgänger“, auch ein bisschen plärrender vorkommen, wo die letzte ein bisschen „intimer“, zurückhaltender war. Bei länger ausgehaltenen Akkorden meine ich, dass es ganz leichte Tonhöhenschwankungen gibt. Das Umblättern der Noten durch die Musiker ist hier auch sehr deutlich zu hören.

      Doch auch die Vorteile merkt man schnell. Die Oboen klingen hier nicht so trötig wie 1953, auch hier ist der Klang des Orchesters ausgewogen, ohne dass Instrumentengruppen drastisch zugedeckt werden, und wenn gesungen wird, hört man das Orchester immer noch gut – das habe ich in der letzten Aufnahme bemängelt.

      Nach der Ouvertüre singt Schwarzkopf erneut die Gretel, und immer noch habe ich meine Probleme mit ihr und ihrem Vortrag. Dazu kommt, dass sie für meine Ohren ihre Stimme noch weniger verstellt und tiefer singt.

      Sena Jurinac, die 27 Jahre später in August Everdings HUG-Film die Hexe spielen wird, singt hier einen burschikosen, für meinen Geschmack etwas zu reifen, zu dunkel timbrierten Hänsel, mit dem ich aber ganz gut leben kann, zumal er in der tiefen Lage nicht knödelt, und in höheren Lagen kein starkes Vibrato hat. Aber natürlich höre ich hier in erster Linie die Marschallin und Oktavian. Im Vergleich mit Jurinac fällt mir bei der Schwarzkopf auch negativ auf, dass sie ihren Text meist sehr abgehakt singt, was vielleicht ihrer Auffassung von „kindlich“ entspricht, aber mir gefällt es überhaupt nicht. Auf mich wirkt es gekünstelt.

      Dazu verpasst sie zwei Einsätze: einmal in Ziffer 6, wo sie statt in Takt 3 bereits einen Takt früher zu singen beginnt. Sie bemerkt ihren Fehler offenbar und singt ihre Zeile dann im 3. Takt nocheinmal.

      Das zweite Mal 4 Takte nach Ziffer 27; Hänsel und Gretel singen abwechselnd, mittendrunter lässt die Gretel ihren Einsatz (rot markiert) aus, und Hänsel muss sich nun sozusagen alleine rechtfertigen:



      Nach der ganzen Meckerei nun auch mal endlich positive Dinge. Ich habe vorhin schon erwähnt, dass während des Gesanges die Musik nicht im Hintergrund ein Schattendasein fristen muss, und besonders bei zwei schönen Stellen ist mir das aufgefallen.
      9 Takte nach Ziffer 6, wenn Gretel „Griesgram, Griesgram, gräulicher Wicht“ singt, wird sie von schwungvollen Violinen begleitet, dazu pulsieren Bratschen und Celli. Hier hört man es, 1953 nicht.

      Und eine besonders schöne Stelle, die Karajan auch auskostet, findet sich 6 Takte nach Ziffer 8. Zwei Hörner schwingen sich zart in die Höhe mit dem Anfang des „Suse“-Motivs, und gehen nahtlos über in die Clarinetten, die es auf der selben Tonhöhe wiederholen, und ihrerseits von zwei Flöten abgelöst werden, die es eine Oktave höher spielen – jedoch begleitet von den gesamten Violinen, die in der selben Oktave bleiben wie zuvor die Clarinetten. Ein herrlicher Klang, herrlich instrumentiert … wie da plötzlich die Violinen dazukommen, wie der Hörnerklang in den Clarinettenklang übergeht … auch das hört man hier, und 1953 nicht.



      Der Vater von Rolando Panerai ist stimmgewaltig und singt sehr „italienisch“, hat mich aber nicht wirklich gestört; besonders wenn er von der Hexe singt unterstreicht das die Dramatik der Handlung, mal abgesehen vom Orchester, das hier ordentlich Druck macht und sich im Laufe der Hexenballade bis zum furiosen Schluss immer mehr steigert.

      Enttäuschend der Einsatz der Pauken 8 Takte nach Ziffer 53: eigentlich sollte es hier im forte das Hexenmotiv spielen, doch es klingt VIEL zu leise, und verstummt plötzlich mitten im Takt, so als würde es entweder aufhören zu spielen, oder das Mikro wurde abgedreht. Wo das Problem liegt weiß ich nicht, schön klingt es aber nicht.

      Die Waldszenen unterscheiden sich musikalisch nicht wirklich von der 1953er Version; abgesehen von der Tonqualität, so dass man das Orchester, wie schon erwähnt, viel besser hören kann. Jedoch, die Echoszene reicht, obwohl Karajan auch hier die Szene langsamer nimmt, lange nicht an seine frühere Einspielung heran. Die Echos klingen diesmal ziemlich diffus, und werden auch nicht immer leiser, sondern wabern nur in gleicher Lautstärke in der Luft herum. Und nach Gretels Ruf „Ist jemand da?“ sollten die zwei folgenden Echos ineinander übergehen, doch das tun sie nicht; nachdem das erste Echo vorbei ist, folgt eine kurze Pause, dann setzt erst das zweite ein. Und der Kuckuck ruft viel zu laut, was der von Humperdinck intendierten Stimmung sehr abträglich ist.

      Ich bin – und das ist nur meine Meinung – kein großer Freund von Opern in anderen Sprachen, und deswegen war ich auch nicht begeistert, dass aufgrund des Textes „Se mi serba a Dio fedel“ nicht mehr durchgehende Viertelnoten gesungen wurden, sondern etwas, das nach Triolen und dazu noch ziemlich holprig klingt.
      Auf YouTube gibt es einen HUG Film von 1957, ebenfalls in Italienisch, und dort wird derselbe Text gesungen, dort allerdings von echten Italienerinnen, und die singen das „Dio“ nicht so, wie man es schreibt, sondern als „Djo“, wodurch der Rhythmus der Viertelnoten nicht auseinander gerissen wird, aber trotzdem: für mich klingt es einfach nicht gut, so wie ich „Va pensiero“ auch schöner finde als „Flieg Gedanke“


      In der Traumpantomime offenbaren sich besonders bei den lauten Stellen die Schwächen der Tonqualität, denn obwohl 2 Takte nach Ziffer 99 die Bassposaune und die Basstuba im fortissimo ein absteigendes Motiv in den tiefen Registern schmettern, hört man das so gut wie gar nicht heraus. Besonders hier merkt man, dass die Darstellung der Bässe problematisch ist.
      Im dritten Akt erscheint die ebenfalls stimmgewaltige Hexe von Vittoria Palombini, die besonders in der Tiefe nicht knödelt, sondern voll und dunkel klingt. Eine herrische Hexe, die auch nicht zu jung klingt, aber für meinen Geschmack mit dem Vibrato und den lauten Stellen ein bisschen übertreibt.

      Unterstützt wird sie von einem „dämonischen“ Orchester, das etwa den bedrohlichen, anschwellenden Blechakkord 4 Takte nach Ziffer 161 ernst nimmt und nicht schnell und harmlos vorüberklingen lässt.

      Auch als die Hexe bei Ziffer 159 wieder aus ihrem Haus kommt, setzt Karajan das so um, dass man die Alte direkt herausschleichen sieht. Bei der vorigen Einspielung ging dieser schön instrumentierte Effekt leider verloren.
      Nun ist mir ein Fehler aufgefallen, dessen Ursache ich mir nicht erklären kann: kurz vorher, bei Ziffer 160, spielen die Violinen den 1. Takt korrekt, spielen aber plötzlich im 3. Takt weiter. Ich glaube nicht, dass da etwas zusammengeschustert wurde, für mich hört sich das so an, als würde man diesen Takt gar nicht spielen. Wenn man die Melodie dieser Stelle im Kopf hat fällt es einem besonders auf.

      Die Kuchenkinder klingen anfangs für mich wie Frauen, allerdings muss ich auch hier bemängeln, dass der Klang zu verschwommen ist, von der Zweistimmigkeit des Chores merke ich nichts. Sobald die Kinder aufwachen, lässt Karajan sein Orchester wuchtig und hart spielen, um der Freude über die Befreiung Ausdruck zu verleihen. Das ist natürlich Geschmackssache, andere mögen es vielleicht etwas weicher.

      Dann ist mir noch ein Fehler aufgefallen, bei dem ich allerdings eine Tonbandstörung oder ähnliches nicht ausschließen kann. Nachdem die tote Hexe aus dem Ofen gezogen wurde, sollte der Vater pünktlich bei Ziffer 209 anfangen zu singen. Doch stattdessen beginnt ungefähr einen halben Takt früher. Hier kann es vielleicht sein, dass man aus irgendeinem Grund schneiden musste, ein „Versinger“ muss das nicht sein.
      Als ich die Aufnahme das erste Mal hörte war ich im großen Finale, bei dem das gesamte Orchester bei Ziffer 212 den Abendsegen intoniert, überrascht, eine neue Melodie zu hören, und tatsächlich habe ich keine Aufnahme, bei der man die ersten Violinen sowie die Piccoloflöte so deutlich hört wie hier.



      Mein Fazit zu der Aufnahme: wenn man mit der italienischen Fassung kein Problem hat, dann bekommt man eine hörenswerte Karajan-Einspielung, bei der das Orchester wesentlich präsenter ist und zu seinem Recht kommt. Jurinac ist kein schlechter Hänsel, sein Timbre finde ich persönlich aber zu dunkel, und besonders in Verbindung mit Schwarzkopfs Gretel höre ich da die Marschallin und Oktavian. Die klanglichen Einbußen halten sich in Grenzen, besonders über Lautsprecher fällt das Rauschen nicht so ins Gewicht.

      Ich habe diese Aufnahme lediglich in der Version, die man zu Beginn des Beitrages links sieht (mir gefällt das Cover nicht).

      Dazu gibt es leider nur ein dünnes Booklet mit einer Tracklist sowie einer englischen Inhaltsangabe. Das war´s.

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    • Hänsel und Gretel, 1956 (Matzerath)



      Hänsel: Elisabeth Grümmer
      Gretel: Erika Köth
      Vater: Marcel Cordes
      Mutter: Marianne Schech
      Hexe: Res Fischer
      Sandmännchen: Ursula Kerp
      Taumännchen: Christa Degler

      Chor & Orchester des Hessischen Rundfunks

      Dirigent: Otto Matzerath




      „Was? Mein Lieblingshänsel, die Elisabeth Grümmer, hat diese Partie nochmal aufgenommen?“ dachte ich mir um 2006 herum, und kaufte mir sofort eine Aufnahme davon.
      Ja, 3 Jahre nach der berühmten Karajan-Version sang sie den Hänsel nochmal, diesmal mit Erika Köth als Gretel. Aber der Reihe nach.

      Was leider sofort auffällt ist die für 1956 inakzeptable Tonqualität. Das Rauschen wäre noch erträglich, aber hinzu kommen noch ständige, unterschiedlich starke Verzerrungen bei höheren Lautstärken und beim Gesang, ein unangenehmes Dröhnen bei lauten Stellen, besonders beim Blech, sowie große Qualitätsunterschiede einzelner Passagen. Da hört man zunächst einen Sänger deutlich im Vordergrund, sowie die Streicher – plötzlich klingt er leise und die Streicher ebenfalls. Und plötzlich wieder lauter. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist, aber auch das trübt das Hörvergnügen.

      Bevor ich nun auf die Interpretation eingehe, sei noch angemerkt, dass es in solchen Fällen, in dem Verzerrungen, dumpfer Sound und Dröhnen die Qualität stark einschränken, schwer ist, ein Dirigat angemessen zu beurteilen. Es klingt auch alles irgendwie in der gleichen Lautstärke, ob das nun leise oder laute Stellen sind, sowas wie Dynamik kann ich hier nicht ausmachen. Es kann durchaus sein, dass manche Stellen, die mir nicht gefallen haben, live viel besser klangen, aber ich kann nur eine Aufnahme beurteilen. Meine Kritik hat also niemals den Anspruch, der Weisheit letzter Schluss zu sein!

      Zur Ouvertüre: ich fand sie recht bescheiden. Nach einem für mich viel zu langsamen Beginn geht es ohne nennenswerte Höhepunkte immer weiter; seltsam die Posaunen 4 Takte nach Buchstabe I, die plötzlich komplett verstummen, obwohl sie noch über einen Takt lang klingen sollten. Von den schaurigen Streicherquintolen kurz darauf hört man nichts. Wie gesagt, vielleicht klang sie live viel besser, aber so wie das Stück hier vorliegt kann ich keinen Gefallen daran finden.

      Dann beginnt endlich der 1. Akt, und Erika Köth beginnt mit „Suse, liebe Suse“. Was mir sofort positiv auffällt ist ihre helle, vibratoarme Stimme, und ihr im Vergleich zur Schwarzkopf viel ungekünstelteres Spiel. Sie klingt nicht wie eine feine, etwas ältere Dame, die versucht, ein Mädchen zu spielen.

      Ihr Vortrag ist sicherlich Geschmackssache, manche würden vielleicht sagen, dass er nicht „modern“ genug klingt, sondern zu sehr an 50er Jahre Heimatfilme oder so erinnert. Vielleicht würden ihn manche auch bieder nennen. Natürlich klingt sie nicht wie etwa eine Barbara Bonney, man merkt, dass sie noch aus einer älteren Gesangsschule kommt. Mich persönlich stört das aber nicht; „Hänsel und Gretel“ ist auch keine Oper von 1993, sondern 1893. Es ist ja schon gut, dass man hier zwei deutschsprachige Sängerinnen genommen hat, während man bei moderneren Aufnahmen oft auf andere Sängerinnen zurückgreift, die dann mit der Aussprache kämpfen, etwa Anna Moffo oder Jennifer Larmore.

      Ich würde Köth nicht als „perfekte Gretel“ bezeichnen, aber sie ist momentan auf jeden Fall unter meinen Top 3.

      Und wie schon erwähnt singt Elisabeth Grümmer abermals den Hänsel – und diesmal denke ich, dass sie – obwohl 3 Jahre älter als in der Karajan-Version – viel jünger klingt. Meine Theorie ist, dass sie sich stimmlich an die hellere, mädchenhaftere Stimme der Köth anpasst, während sie bei der Schwarzkopf etwas erwachsener klingen konnte, ohne dass der Kontrast zu stark gewesen wäre.

      Ich finde, dass sie hier den Hänsel noch schöner singt: ihr „Ein Geheimnis“ klingt nach wie vor betörend schön, aber auch solche Stellen wie „´rum, es ist nicht schwer“ klingen hier so wahnsinnig jung und schön …

      Und hier noch zum letzten Mal ein Wort zur Tontechnik: es ist eine echte Schande, dass besonders Grümmer und Köth, ein solches Gespann, keine bessere Tontechnik zur Verfügung hatten. Wird ein höherer Ton gesungen, der aufgrund der angenehmen Vortragsweise sehr schön geklungen hätte, verzerrt der Ton und beginnt leicht zu dröhnen, und es klingt scheußlich. Manchmal ist der Sound auch so schlecht, dass S-Laute wie ein F klingen.

      In dieser Aufnahme singen zwei Sängerinnen aus der anderen 1953er Version mit, nämlich Marianne Schech, die erneut die Mutter singt, sowie Res Fischer, die die Hexe gibt.

      Schech gefällt mir als Mutter hier etwas besser, sie kreischt nicht unnötig herum sondern singt. Kurz darauf kommt auch schon der Vater, gesungen von Marcel Cordes, nach Hause, und ich finde, dass er seine Sache sehr ordentlich macht. Kein polternder Prolet, aber auch nicht zu kultiviert. Besonders gut gefällt mir sein Vortrag ab Richtziffer 49, wenn er mit der Mutter gemeinsam fröhlich „Vivat hoch!“ singt – diese Passage habe ich selten in so ausgelassener Stimmung gehört.

      Die Pauken, die „sehr bestimmt“ im forte das Hexenmotiv intonieren werden diesmal nicht abgewürgt, sondern dürfen tatsächlich laut das drohende Unheil ankündigen. Am Ende der Hexenballade fällt mir bei Matzerath auf, dass er offenbar gerne plötzlich das Tempo stark beschleunigt. In diesem Fall jedoch finde ich das eher störend, weil es so unmotiviert und abrupt daherkommt. Die Violinen spielen sowieso schon lauter 16tel Figuren, und Humperdinck möchte das Tempo auch nur „Allmählich ein wenig bewegter“ haben.

      Der Hexenritt ist dafür das krasse Gegenteil, nämlich viel zu langsam, besonders der Anfang ist schleppend.

      In den Waldszenen hört man vom Wald relativ wenig, so dass für mich leider zu wenig rüberkommt von der bedrohlichen Atmosphäre. Die Echoszene ist nicht misslungen, aber trotzdem weit entfernt von der Karajan-Version. Die Echos klingen zu verschwommen, der Kuckuck ruft VIEL zu laut, auch die Pauke, die hier solistisch unterwegs ist, dröhnt zu laut. Ein piano ist das jedenfalls nicht.

      Das nette Sandmännchen von Ursula Kerp, das dann auftaucht gefällt mir durch seinen ebenfalls hellen, vibratoarmen Klang und seinen Vortrag, aber sicher keine herausragende Leistung.

      Und nun der Abendsegen: wie herrlich der da klingt! Die Kombination Grümmer-Köth passt hier einfach herrlich. Die helle Stimme der Köth, die ein wenig tiefere der Grümmer, und besonders schön ist, dass die beiden wirklich eingespielt sind: zu keiner Zeit wird jemand übertönt, oder gar überschrien.

      12 Takte nach Ziffer 92 notiert Humperdinck ein drei Takte andauerndes Crescendo, das in ein subito pianissimo mündet – dieses Crescendo wird leider von so vielen Gretel-Interpretinnen genutzt, um richtig laut die dramatische Operndiva raushängen zu lassen – aber nicht so die Köth: bei ihr ist das Crescendo zurückhaltender, und immer noch „mädchenhaft“, wenn man so möchte, es passt zum restlichen Vortrag des Stückes.

      Die Traumpantomime hat auch so ihre Stärken und Schwächen. Hier fällt mir wieder eher negativ dieses plötzliche Schnellerwerden auf, das Matzerath offenbar gerne macht, wenn es auf irgendeinen Höhepunkt zugeht.
      Wirklich herrlich ist dann Ziffer 101, der forte-Ausbruch, bei dem der Abendsegen gespielt wird – hier bekommt man eine Ahnung davon, wie wuchtig und laut und strahlend das geklungen haben muss. Das Blech spielt hier sehr klar und sauber, es gibt keine Probleme mit dem Timing oder ähnliches.
      6 Takte nach Ziffer 103 gibt es dann einen noch lauteren, wesentlich dramatischeren fortissimo-Ausbruch, der jedoch von Matzerath sehr zurückhaltend genommen wird. Viele Dirigenten nehmen das crescendo den Takt davor sehr stark anschwellend und intensiv, Matzerath jedoch nicht.

      CD2 eingelegt, und wieder hetzt der Dirigent das Orchester und die Sängerin des Taumännchens (Christa Degler), die kaum zum Luftholen kommt.

      Das ganze Morgenlied der Gretel wie auch die Erzählung, nachdem Hänsel aufgewacht ist, schleppt er dafür viel zu langsam dahin. Humperdinck selbst war mit diesem Morgenlied nie wirklich zufrieden.
      Wenn das Haus auftaucht, vermittelt die Musik auch nicht die große Verwunderung der beiden Kinder, wie das bei Karajan der Fall war, doch das Duett von Grümmer-Köth entschädigt dafür wieder etwas.

      Und dann kommt Res Fischer erneut als Hexe aus ihrer Behausung, wieder mit einer tiefen, grollenden, kräftigen Bruststimme, und wenn sie „Malus Locus“ singt, dann klingt das wirklich grausig, im positiven Sinne.

      Das „Hurr hopp hopp hopp“ könnte etwas mehr Energie vertragen. Bald kommt der Kinderchor, von dem ich aber glaube, dass es ein Damenchor ist. Auf dem Cover bzw. der Rückseite der Hülle steht auch nur „Chor und Orchester des Hessischen Rundfunks Frankfurt“. Schon bei seinem ersten Einsatz klingt er viel zu erwachsen und (was vielleicht an der Tontechnik liegen könnte) unangenehm wabernd. Auch bei den späteren Einsätzen klingt das keineswegs nicht Kindern, aber egal, auch hier höre ich von den beiden unterschiedlichen Stimm(führung)en nichts heraus. Das Finale, das Herausziehen der toten Hexe aus dem Ofen sowie die letzten Takte, hetzt Matzerath wieder kaputt.

      Ich besitze diese Aufnahme nur in der oben gezeigten Version des Billiglabels „Cantus Classics“, die natürlich keinerlei Informationen, ein Remastering oder gar ein Booklet bietet, dafür aber sehr eigenartig gesetzte Kapitelmarken. Der Hexenritt etwa beginnt hier nicht korrekt ab Ziffer 61, sondern 8 Takte später, also quasi „mittendrin“. Es gibt auch eine andere Version davon (oben rechts), die klanglich aber um nichts besser sein soll.

      Wie gesagt: es ist schade, dass so ein gutes Gespann keine bessere Tontechnik zur Verfügung hatte.

      Mein Fazit: wegen Köth und Grümmer in den Titelpartien lohnt sich diese Aufnahme auf jeden Fall, ungeachtet der miesen Tonqualität und des, wie ich finde, bescheidenen Dirigats von Otto Matzerath. Wenn man die 1953er Karajan-Aufnahme schätzt, sollte man diese Version unbedingt auch hören zum Vergleich!





      LG,
      Hosenrolle1

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