Humperdinck, E.: Hänsel und Gretel (Kommentierte Diskographie)

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    • Hänsel und Gretel (1970)

      Hänsel: Dietmar Strauss
      Gretel: Franz Josef Kiefer
      Vater: Walter Berry
      Mutter: Ruth Hesse
      Hexe: Eva Maria Goergen
      Sandmännchen: Helmut Schmid
      Taumännchen: Hans Jürgen Quick

      Regensburger Domspatzen
      Das Orchester der Bayerischen Staatsoper
      Dirigent: Heinz Wallberg



      Nun sind wir in den 70er Jahren.

      1970 gab es einen Fernsehfilm, der offenbar zur Weihnachtszeit ausgestrahlt wurde. Leider habe ich bis jetzt noch keine Kaufversion gefunden, aber ich besitze das Stück als Mitschnitt des ZDF-Theaterkanals, den es vor wenigen Jahren noch gab.
      Ich gehe einmal kurz auf die SängerInnen ein, bevor ich etwas zu der Inszenierung sage. Man hat für die Titelpartien sowie für Sand- und Taumännchen echte Kinder genommen, was an sich nicht so ungewöhnlich ist.

      Ich persönlich bin da absolut kein Freund davon, und dieser Film zeigt mir auch einmal mehr warum. Die Stimmen klingen dünn, kraftlos, kurzatmig und manchmal etwas zittrig. Im T-Forum war davon die Rede, dass in einer Autobiografie von Walter Berry, der hier den Vater singt, stand, dass die Tontechniker die Stimmen der Kinder wegen dem großen Orchester hochschrauben mussten, damit sie überhaupt hörbar waren. Vielleicht hat jemand diese Biographie und kann das bestätigen?

      Viel sagen kann ich also über den Gesang nicht, denn der ist bei den Kindern einfach schwach. Bei der Gretel dachte ich anfangs, dass sie wie ein Junge aussieht und auch so singt – und war dann überrascht, dass sie tatsächlich von einem Jungen gesungen wird! DAS habe ich tatsächlich noch nicht erlebt, und ich verstehe auch nicht, wieso man auf die Idee kommt, einem Jungen eine Perücke und ein Kleid anzuziehen und ihn als Gretel auftreten zu lassen! Man merkt, abgesehen von der Stimme und dem Aussehen auch an den Bewegungen, dass das kein Mädchen ist. (Witzig wäre es gewesen, hätte man den Hänsel wiederum mit einem Mädchen besetzt, aber so finde ich das eigenartig).

      Und hier bin ich beim Schauspiel: auch das ist bei den Kindern leider weit unter dem Durchschnitt. Es wirkt sehr statisch, und man merkt, dass sie eine vorher eingeübte Choreografie vorspielen. Keine Bewegung wirkt da spontan, es wirkt einstudiert.

      Positiv vermerken muss ich allerdings, dass witzigerweise diese beiden die Einzigen sind, die lippensynchron singen und ihre Einsätze nicht verpassen.

      Denn besonders Walter Berry hat damit leider ein Problem, vor allem in der Hexenballade hat man das Gefühl, dass er den Text nicht genau kennt und die Lippen irgendwie bewegt. Auch bei der Mutter kommt das ab und zu vor. Berrys Vortrag reißt mich auch nicht vom Hocker, stimmlich ok, aber nichts was mir in Erinnerung bleibt.

      Das Sand- und Taumännchen, die, wie schon erwähnt, ebenfalls von Kindern gesungen werden, haben das gleiche Problem wie Hänsel und Gretel, schwache Stimmen.
      Dann kommt auch schon die Hexe, die aber leider oft eher kreischt als singt.

      Beim Kinderchor am Ende fehlen mir die Mädchenstimmen, denn obwohl man im Film auch Mädchen sieht (auch Buben mit Perücke?), hört man, dass da nur Buben mit dunklerer Stimme gesungen haben; es sind auch nur die Domspatzen angeführt. Doch gerade das ist ein Fehler! So wie auch die Besetzung der Titelrollen ein Fehler ist, denn die beiden erwachsenen Sängerinnen sollten den Chor am Ende durch ihre kräftigeren Stimmen stützen und noch mehr Volumen geben.
      Gesanglich ist da also nichts dabei was mir gefallen hätte.


      Nun aber zur Inszenierung. Was die Personenführung angeht, so finde ich den Film extrem enttäuschend. Leider hat man die meisten Darsteller darum gebeten, dass sie hin und wieder direkt in die Kamera schauen und singen sollen, was einfach nur komisch wirkt, im negativen Sinne. Nicht nur Hänsel und Gretel, auch der Vater und die Hexe tun das manchmal. Meine Vermutung ist, dass man den jüngeren Zuschauern das Gefühl geben wollte, dass sie selbst mitten im Geschehen sind. Besonders extrem ist es gegen Ende beim Knusperwalzer, wo die beiden Kinder direkt auf die Kamera zulaufen und hineinsingen. Mein Geschmack ist das nicht. Wobei ich auch kein Freund davon bin, wenn Opernfiguren ins Publikum singen, wenn es nicht unmittelbar Sinn macht.

      Bei der Hexe stört mich, dass sie es oft auch übertreibt. Derlei sieht man leider häufig; die Hexe als schrullige Alte, die, wenn sie dann böse ist, manchmal scheinbar ziellos herumwuselt, damit nur ja alle mitbekommen, wie böse sie ist.

      Leider hat man aber beim Besenritt der Hexe versucht, mit Effekten zu spielen. Die Hexe reitet da durch die Luft, aber hat so riesige, blaue Bluescreen-Ränder, und man merkt, dass sie auf dem Boden steht und NICHT fliegt – ein fürchterlicher Effekt, der so gar nicht zur ansonsten märchenbuchhaften Ausstattung passt.

      Stichwort Kamera: die Kameraführung finde ich hingegen wieder gut. War der alte Fernsehfilm aus den 50ern noch sehr extrem mit seinen vielen Großaufnahmen und dem ständigen Verwackeln, bleibt die Kamera hier ruhig, bewegt sich langsam, zeigt auch mal das Geschehen aus einiger Entfernung, so dass man auch das ganze Set zu sehen bekommt.


      Und hier bin ich beim Set. Zwar gefällt mir die Inszenierung und die Personenführung nicht, aber beim Set, bei der Ausstattung hat man sich m.E. viel Mühe gegeben! Es erinnert stilmäßig an ein altes Märchenbuch, und das Hexenhaus sieht schon, für einen Fernsehfilm, prächtig aus! Auch die Kostüme gefallen mir sehr gut, besonders das Kostüm der Hexe finde ich äußerst gelungen, trotz des übertriebenen Schauspiels. Die Hexe wurde nicht klischeehaft mit spitzem Hut, Katze auf der Schulter oder ähnlichem gezeigt, auch wurde sie nicht pseudo-lustig bunt oder schrill eingekleidet, sondern durchaus der damaligen Zeit entsprechend. Auch die Maske finde ich gelungen. Für mich sollte eine Hexe durchaus hässlich aussehen, mit langer Nase und Falten, ohne dabei aber zum Monster zu mutieren, denn sonst würden Hänsel und Gretel wohl sofort weglaufen.

      Hier möchte ich ein paar Bilder zeigen, die ich von meinem Flachbildschirm aufgenommen habe, deswegen die nicht optimale Qualität.



      Während der Ouvertüre werden verschiedene Bilder von Albrecht Dürer eingeblendet, während dem Hexenritt dann sieht man eine Abfolge von stimmungsvollen Bildern, darunter auch die Hexe. Zugegeben, ich finde es nicht gut, wenn man die Hexe in einer Inszenierung schon vor dem 3. Akt sieht, aber wenigstens sind es nur Bilder, und auch schön gezeichnete, wie ich finde.



      Hier ebenfalls die Hexe ohne ihre Kopfbedeckung. So wird die Hexe dann beim „Hurr hopp hopp hopp“ auch aussehen.



      Man hat bei der Traumpantomime darauf verzichtet, Darsteller für die Engel zu nehmen, und stattdessen verschiedene Engelsbilder eingeblendet, die mir ebenfalls vom Stil her gefallen.



      DIESE Stelle finde ich großartig! Sie zeigt, dass die Macher auch auf die Musik gehört haben, denn dieses Bild wird exakt bei RZ 99 eingeblendet, als die Posaunen beginnen dieses absteigende Motiv zu schmettern. Zuerst sieht man nur das Horn, dann fährt die Kamera zurück und man sieht dieses Bild hier oben. Gefällt mir!




      Hier alle 14 Engel.




      Hier die Hexe.




      Hier das Hexenhaus mitsamt Kulisse.




      Hier reitet die Hexe auf dem Besen, im Hintergrund der Backofen.

      Zum Dirigat kann ich leider nicht viel sagen. Die Tonqualität der Aufnahme an sich ist schon bescheiden, dazu kommt, dass die Musik recht leise abgemischt ist. Aber auch sonst war da nichts Denkwürdiges dabei. Bei der Wallberg-Aufnahme von 1974 ist es auch nicht viel anders. Die lauten Stellen wirken auf mich zu kraftlos, dynamisch sehr eingeschränkt.

      Mein Fazit: eine liebevoll ausgestattete Produktion, leider mit schlechter Personenführung und Kindern als Darsteller, was zusätzlich problematisch ist.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Hänsel und Gretel (1971)





      Hänsel: Anna Moffo
      Gretel: Helen Donath
      Vater: Dietrich Fischer-Dieskau
      Mutter: Charlotte Berthold
      Hexe: Christa Ludwig
      Sandmännchen: Arleen Auger
      Taumännchen: Lucia Popp

      Tölzer Knabenchor
      Münchner Rundfunkorchester
      Dirigent: Kurt Eichhorn





      Auch diese Aufnahme ist in gewisser Weise etwas „Besonderes“ für mich, da es die allererste Gesamtaufnahme war, die ich auf Vinyl gekauft habe, in dieser edlen, grünen Box, die man oben sieht. Damals kannte ich lediglich die Version von 1969 sowie die von Karajan, und hatte noch ziemlich wenig Erfahrung damit, fand die Aufnahme eigentlich ok.

      Dem ist heute nicht mehr so. Es gibt Aufnahmen, die haben tolle Musik, aber nicht wirklich gute Sänger, oder tolle Sänger, dafür schlechte Tontechnik und schlecht hörbare Musik, usw.

      Müsste ich diese Aufnahme mit zwei Worten beschreiben, so wären das „laut“ und „plump“. Anders kann ich das nicht nennen.

      Die gesamte Aufnahme ist derart laut aufgenommen worden, dass der Ton teilweise sogar übersteuert, dazu kommt ein extremer Hall, der an alte Connie Francis-Aufnahmen aus den 60ern denken lässt, aber nicht an eine Operneinspielung. Das Orchester klingt sehr unausgewogen, manchmal dominieren die Holzbläser, manchmal das Blech, manchmal die Streicher; spielt das ganze Orchester, wird es besonders schwer, Details herauszuhören, weil es dann schnell matschig wird.
      Davon abgesehen gibt es in dieser Einspielung nur eine einzige Dynamikvorschrift: laut! Selbst piano- oder pianissimo-Stellen tönen noch ordentlich laut, crescendi gibt es quasi nicht wirklich, bzw. verlieren stark an Wirkung, weil der Sound einfach nur matschiger wird.
      Keine Ahnung, was man sich dabei gedacht hat, so eine laute, plärrende Aufnahme zu machen.

      Soviel zum Thema „laut“. Ich habe auch „plump“ geschrieben, und das möchte ich begründen. Es gibt Aufnahmen, die haben eine schlechte Tontechnik, dennoch aber hört man, dass schön musiziert wurde. Aber auch das geht mir hier völlig ab. Das Dirigat ist für mich völlig emotionslos, steif und kommt mit dem Holzhammer daher.

      Schon zu Beginn der Ouvertüre sind die vier Hörner zu laut, und wenn in Takt 13 die Clarinetten hineinkommen, tun sie das ebenfalls zu laut, um dann schnell leiser zu werden. Sehr unangenehm.

      11 Takte nach Buchstabe E, beim Forteausbruch, verspielt sich die Piccoloflöte und startet einen Takt zu spät. Direkt im Anschluss klingt es so, als hätte man die Tonbänder neu zusammengeschnitten, denn der Nachhall der Holzbläser hört abrupt auf, was unnatürlich klingt.
      Spannung kommt bei Buchstabe I, wo es leise und bedrohlich klingen soll, überhaupt nicht auf, auch die Dynamikbezeichnungen werden nicht beachtet.

      Und so geht das ständig weiter. Es gab keine einzige Stelle, wo ich gesagt hätte, das war jetzt schön musiziert. Es gibt keine Spannung, keine ruhigen, gar intimen Momente, es wird einfach nur runtergespielt.

      Aber auch mit den Sängern bin ich absolut unzufrieden. Hier hat man einen Haufen großer Namen verpflichtet, jedoch nicht darauf geachtet, ob sie für ihre Rollen überhaupt geeignet sind. Helen Donath als Gretel verfügt zwar über eine vibratoarme, helle Stimme, hat aber rein gar nichts von einer Gretel, und singt eigentlich, egal in welcher Situation sie sich befindet, alles gleich. Besonders schlimm aber ist Anna Moffo als Hänsel. Wer kam auf DIE Idee?? Nicht nur, dass sie mit der deutschen Sprache kämpft (besonders die Stelle „was bist du für ein furchtsam Wicht“) und teilweise Fehler macht („Fischchen“ statt „Füßchen“, etc.), hat sie stimmlich rein gar nichts jugendliches an sich, im Gegenteil: sie klingt sie eine Primadonna, mit viel Vibrato. Die hohe Lage finde ich unangenehm und gepresst, die Mittellage gefällt mir ebenfalls nicht, und die tiefe Lage, die selten aber doch vorkommt, klingt für mich unschön. Kann sein, dass sie für italienische Sachen in erwachsenen Rollen gut geeignet ist, aber als Hänsel eine krasse Fehlbesetzung. Oft habe ich auch das Gefühl, dass sie gar nicht weiß was sie singt.

      Der Vater von Dietrich Fischer-Dieskau ist auch nicht meines. Er ist ohne Zweifel ein toller Sänger, aber manche bemängeln hier, dass er zu kultiviert klingt, und das stimmt auch. Ich nehme ihm den angetrunkenen Vater einfach nicht ab, sondern höre da mit seiner übermäßig sauberen Aussprache ständig den Liedsänger heraus, der im Anzug neben dem Klavier steht.

      Nach dem Hexenritt kommen die Waldszenen, wo man ebenfalls nichts Bedeutendes hört, im Gegenteil: der Kuckuck schreit zu laut, das Orchester matscht weiterhin herum, Holzbläser- oder Streicher-Tremoli hört man gleich gar nicht, und die Echos sind ein schlechter Witz! Die brüllen nämlich regelrecht zurück, statt im vierfachen piano zu verklingen. Über die Echoszene wird aber sowieso schnell und gefühllos drüberdirigiert, und dann kommt das Taumännchen von Arlene Auger, wiederum ein berühmter Name mehr auf dem Cover, aber auch hier habe ich schon bessere gehört.

      Den dritten Akt eröffnet Lucia Popp als Taumännchen, klingt aber wie eine fröhliche Operettensängerin und klingt für mich persönlich zu schwer. In RZ 121, Takt 10, spielt das Horn einen Haltebogen nicht und setzt stattdessen im nächsten Takt neu an.

      Ab RZ 126 gibt es leichte Probleme mit den Hörnern und den Streichern. Die Hörner kommen mit den schnellen Streichern nicht mehr ganz mit und versuchen ihr kurzes Motiv möglichst schnell in den Takt zu pressen, was dann nicht mehr „dolce“ klingt, sondern unsauber.

      Nach weiterer musikalischer und gesanglicher Langeweile kommt Christa Ludwig als Hexe zum Einsatz. Viele meinen, dass sie die Hexe grandios gesungen und dargestellt hat. Dem kann ich mich aber nicht anschließen. Für mich ist sie zu schrill, zu „aufgeweckt“, sie klingt mir viel zu jung, und auch zu gekünstelt. Dann doch lieber eine Else Schürhoff oder Res Fischer, die die Hexe als böse alte Frauen gesungen haben, nicht als hysterische Tanten.

      Der Tölzer Knabenchor singt die Lebkuchenkinder, leider fehlen hier die Mädchenstimmen, so dass die Buben die hohen Töne übernehmen müssen, was dann nicht ganz so gut klingt. Ansonsten klingt der Chor ausgewogen, beide Stimmen sind hörbar. Ab „Die Hexerei ist nun vorbei“ klingt er aber teilweise gehetzt, die letzten Silben einer Zeile werden abgerissen. Auch da gibt es wesentlich bessere Versionen, die auch korrekt besetzt sind.
      Nein, diese Aufnahme würde ich niemandem empfehlen. Fürchterlicher Klang, fade Interpretation und SängerInnen, die berühmt sind, aber nicht zu ihren Rollen passen. Sehr enttäuschend!





      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel (1974)



      Hänsel: Eugen Hug
      Gretel: Brigitte Lindner
      Vater: Hermann Prey
      Mutter: Ilse Gramatzki
      Hexe: Edda Moser
      Sandmännchen: Ursula Roleff
      Taumännchen: Thomas Frohn

      Kölner Kinderchor
      Gürzenich-Orchester Köln
      Dirigent: Heinz Wallberg



      Im Jahr 1974 nahm Heinz Wallberg, dessen 1970er Einspielung ich bereits besprochen habe, diese Oper erneut auf, und auch diesmal sind die Titelpartien (und nicht nur diese, dazu später mehr) mit Kindern besetzt. Hier darf die Gretel zumindest von einem echten Mädchen gesungen werden, was der 1970er Version versagt geblieben ist.

      Warum man in dieser zweiten Wallberg-Aufnahme Kinder genommen hat weiß ich nicht, auch nicht, ob das Wallbergs Wunsch war, oder nur Zufall.
      Meiner Meinung nach ist diese Aufnahme nur dazu geeignet, um sie mit einer Partitur zu hören, und einzelne Instrumente genauer zu hören, denn ich finde sie vollständig misslungen. Es gibt rein gar nichts, was da zu loben wäre.

      Es fängt schon bei der Besetzung an.

      Viele mögen es passend oder schöner finden, wenn man die Titelpartien mit echten Kindern besetzt. Ich persönlich bin dagegen, weil ich denke, dass Humperdinck diese Partien für ausgebildete Opernsängerinnen geschrieben hat, die auch über ein Wagnerorchester hörbar bleiben. Es bleibt natürlich Geschmackssache, ob man echte Kinder in diesen Rollen akzeptiert, und es mag sicherlich junge SängerInnen geben, die diese Partien besser gesungen hätten, aber auf dieser Aufnahme höre ich das, was ich von einer Kinderbesetzung in dieser Oper leider erwarten muss: zu dünne Stimmen, zu kurzer Atem, teilweise gehen die Stimmen trotz Studioaufnahmen in bestimmten Lagen in den Orchesterwogen unter.

      Die Gretel klingt ein wenig älter als der Hänsel, Brigitte Lindner hat eine vibratoarme, helle Stimme, aber das ist auch schon alles. Besonders in den Lauten Passagen, oder Stellen, die mehr Atem benötigen, stößt sie schnell an ihre Grenzen. Die Stimme ist zu dünn für dieses Orchester.

      Ihr kann ich aber noch zuhören, was auf DIESEN Hänsel von Eugen Hug absolut nicht zutrifft! Auch bei ihm die gleichen Probleme wie bei Lindner, dazu kommt aber eine Aussprache, die fürchterlich ist. Ich habe keine Ahnung, wer diesem Jungen beigebracht hat, Wörter so übertrieben manieriert auszusprechen. Das muss man selbst gehört haben, das kann man nicht schriftlich transkribieren. „Verkauf ich mein Bääättlain“ oder „Arbaitän? Wo dänkst du hin?“.

      Das macht auch den Abendsegen kaputt: Lindner spricht die Wörter normal aus, Hug jedoch nicht. Leider hat man den Text geändert; statt „vierzehn Englein“, was besser klingt, wird „vierzehn Engel“ gesungen – statt dem „lein“ auf der vierten Viertel hört man „geeel“, was einfach nicht passt.
      Generell merke ich, dass beide mit ihren Rollen absolut überfordert sind, und sich sehr auf ihre Melodien und speziell beim Hänsel auf die Aussprache konzentrieren, so dass es überhaupt keine Rollengestaltung gibt. Egal welche Situation gerade herrscht, der Vortrag klingt immer gleich. Man hört zwei Kinder, die sich mit Erwachsenenpartien abmühen, aber ganz sicher nicht Hänsel und Gretel.

      Hermann Prey singt den Vater (ein paar Jahre später wird er ihn erneut unter Solti singen), und meiner Meinung nach übertreibt er es zu sehr mit seiner Darstellung eines Angeheiterten. Bei der Hexenballade versucht er besonders schaurig zu singen, was aber, wie gesagt, für mich viel zu übertrieben klingt, zu gewollt.

      Im Wald werden die Echos ebenfalls von Kindern gesungen (leider nicht so, wie Humperdinck es notiert hat, mit den Lautstärkeabstufungen, und mit zu lautem Kuckucksruf), und der Sandmann ebenfalls. Auch hier wieder das Problem mit dem zu kurzen Atem und der zu dünnen Stimme, wenngleich mir Ursula Roleff, die diese Partie singt, von den Kindern auf dieser Aufnahme noch am besten gefällt.

      Das Taumännchen von Thomas Frohn (wieder ein Kind) hat die gleichen Probleme.

      Die Hexe wird von Edda Moser gesungen, oder besser gesagt, gekreischt. Es mag sein, dass sie berühmt ist und große Partien wie die Königin der Nacht etc. meisterhaft bewältigt hat – aber die Hexe von ihr ist für mich unerträglich! Sie nimmt diese Rolle nicht ernst, stattdessen kreischt sie herum, wie so viele andere leider auch, die meinen, dass es mit ein bisschen herumkreischen getan ist. Und wenn sie nicht kreischt, dann wirkt sie eher wie eine angeheiterte High Society-Lady aber nicht wie eine böse alte Hexe, von der eine Gefahr ausgeht.

      Der Kölner Kinderchor am Ende singt aber, und das gehört auch gesagt, sehr ordentlich. Beide Stimmen sind klar durchhörbar, kein Matsch, kein Verwaschen, und eine deutliche Aussprache. Auch werden Wörter nicht abgehackt gesungen.

      Auch das ist ein Punkt, den ich bereits angesprochen habe: wenn Hänsel und Gretel von erwachsenen Sängerinnen gesungen werden, dann mischen sich die kräftigeren Stimmen der beiden im Idealfall so, dass sie den Chor noch verstärken, ihm sozusagen mehr Fundament geben, OHNE ihn zu übertönen. Da die Titelpartien hier von Kindern gesungen werden, fällt das weg.


      Nun zum Dirigat, bzw. zur Tontechnik, denn auch hier hat diese Aufnahme ihre Probleme. Sie hat ein für mich eigenartiges Stereopanorama. Manche Instrumente sind in der Mitte, andere wiederum sind nur auf einem Kanal zu hören, was besonders über Kopfhörer sehr unnatürlich wirkt. Anders gesagt: es wirkt, als ob es nur Mitte, links und rechts gibt, aber nichts dazwischen.

      Das fällt schon in den ersten Takten der Ouvertüre auf, wo man das 4. Horn ziemlich nahe und laut auf dem linken Kanal hört, was so klingt, als hätte man es separat aufgenommen und den Balanceregler dann bis zum Anschlag nach links gedreht. Dieses Stereopanorama wirkt auf mich deswegen irritierend, und ich denke, 1974 hätte man das wesentlich besser hinbekommen können, wie etwa die 1969er Aufnahme unter Suitner beweist. Das macht es auch schwieriger, das Dirigat angemessen zu bewerten, denn ich weiß nicht, ob der Dirigent oder die Tontechnik dafür verantwortlich sind, dass man bestimmte Instrumente besonders deutlich hört, die eigentlich nicht SO zu hören sein sollten.

      Davon einmal abgesehen ist der Klang etwas hallig, nicht so extrem wie etwa bei Lehmann 1953, aber besonders in lauteren Passagen, in denen das ganze Orchester beteiligt ist, hört man hauptsächlich die Blechbläser und die Streicher, das Holz geht mit seinen Klangfarben öfter mal unter.

      Auch hier kann ich schlecht beurteilen, ob die Tontechnik daran schuld ist, oder ob Wallberg nicht darauf geachtet hat.

      Das Dirigat hat mich aber zu keiner Zeit vom Hocker gerissen, wie man so schön sagt. Die Partitur bietet viele Gelegenheiten, Gänsehaut, Spannung etc. zu verbreiten, aber Wallberg nutzt sie meist nicht. Der Hexenritt klingt nicht wirklich bedrohlich, der forte-Ausbruch zu harmlos (und die nachklingenden Hörner sind zu laut, auch hier vielleicht wieder wegen der Tontechnik?), das Potential der Echoszene wird nicht genutzt, sie wird schnell übergangen, wenngleich man auch hier schön die tiefe Bassclarinette hören kann.

      Auch die schöne Stelle ab RZ 125 – 126, als das Knusperhaus aus dem Nebel auftaucht klingt unspektakulär, die weichen Hörner ab 126 haben für mich keine Wirkung, weil es einfach zu schnell gespielt wird. Von der Verwunderung und dem Staunen über diese Erscheinung merke ich nicht viel.

      Ich selber höre diese Aufnahme nie ganz, weil ich sie für eine der schwächsten halte, und sie weder gesanglich noch musikalisch noch tontechnisch überzeugen kann.

      Momentan besitze ich zwei Versionen, zum einen die CD, die offenbar 1988 herauskam, sowie die Schallplattenbox. Zu den Schallplatten muss ich sagen, dass auf diesen fast durchgehend ein sehr hoher Pfeifton zu hören ist. Anfangs dachte ich, dass es an meinem Plattenspieler oder den Lautsprechern liegt, aber nachdem ich sie über verschiedene Spieler und Anlagen angehört habe, und das Pfeifen auch dort zu hören war, wird es wohl an der Platte liegen. Auf der CD fehlt dieses Pfeifen zum Glück.


      Die Schallplattenbox bietet ein zweiseitiges Booklet.

      Darin enthalten sind zwei kurze Aufsätze, mit den Titeln „Musikalisches Märchen zwischen Mythos und Idylle", sowie „Handlung und Musik“. Im ersten Aufsatz wird kurz auf die Entstehungsgeschichte und den Komponisten eingegangen, im zweiten gibt es eine Inhaltsangabe mit winzigen Infos zu Ton- und Taktarten sowieso Humperdincks Musik im Allgemeinen.

      Weiters gibt es jeweils ein Bild von Eugen Hug sowie Brigitte Lindner, dazu ein Bild von Heinz Wallberg beim Dirigieren.

      Die CD-Box bietet ebenfalls ein Booklet, in dem der erste Aufsatz aus der Plattenbox übernommen wurde, jedoch der zweite Aufsatz wurde durch eine neue Synopsis ergänzt, die sich weniger interessant liest.

      Ein Beispiel: über den „Hexenritt“, dem Vorspiel zum zweiten Akt, wird im Vinyl-Booklet geschrieben:

      „Als Zwischenaktmusik und Vorspiel zum zweiten Bild begibt sich eines der orchestralen Glanzstücke Humperdincks: der furiose Hexenritt, ein an Wagner und Liszt geschultes Tongemälde, das mit rhythmischem Elan und Bizarrerie den nächtlichen Ritt der Knusperhexe auf dem Besenstil schildert.“


      Im CD-Booklet steht nur:

      Track 10 Vorspiel – Der Hexenritt


      Ein bisschen ärgerlich ist es für mich auch immer, wenn die Verfasser solcher Zusammenfassungen irgendwelche Dinge hinzuerfinden. So steht im Vinyl-Booklet korrekterweise: „In wilder Hast eilen die Eltern in den Wald, um Hänsel und Gretel vor der Hexe zu retten.“

      Im CD-Booklet aber heißt es: „Der Vater stärkt sich noch mit einem Schluck Kümmel, dann stürzt er der Mutter nach.“ Laut Partitur nimmt er nur die Kümmelflasche vom Tisch und eilt ihr nach. Dass er noch einen Schluck trinkt ist höchstens eine Interpretation des Verfassers.

      Auch in solchen Sätzen wie „Sich selbst hat er ein Fläschchen seines Lieblingslikörs gegönnt, das bei seiner Heimkehr schon nicht mehr ganz voll ist“. Was soll das?

      Dann schon lieber musikalische Informationen, wie etwa diese hier aus dem Vinyl-Booklet: „Es wird düster und unheimlich (chromatische Färbungen und Tremoli im Orchester). Die Waldnatur belebt sich unheimlich (…)“

      Schade dass man diese Zusammenfassung aus der Plattenbox nicht übernommen hat. Dafür bietet das CD-Booklet ein vollständiges deutsches Libretto (keine Übersetzungen). Leider hat man hier bei Duetten oder mehreren Stimmen und unterschiedlichen Texten beide Stimmen nicht getrennt notiert, sondern zusammengefasst.

      Auch hier ein kurzes Beispiel: die Sopranstimmen im Kinderchor singen „Drum singt und springt, drum tanzt und singt, dass laut der Jubelruf durchdringt den Wald“, während die Altstimmen singen „Drum singt und springt, drum tanzt und singt, denn Kuchenheil uns Allen winkt“. Das mit dem Kuchenheil hört man auch sehr deutlich in der Aufnahme, aber im Booklet steht davon nichts. Zum Mitlesen also nur bedingt geeignet.

      Ein Fehler hat sich im ersten Aufsatz dennoch eingeschlichen: bei der Uraufführung am 23. Dezember 1893 sang NICHT Pauline de Ahna den Hänsel, da sie wegen einer Fußverletzung nicht spielen konnte. Die Gretel dieser Produktion musste den Hänsel übernehmen, und eine neue Gretel wurde engagiert. Erst ab der zweiten Aufführung war de Ahna dabei.




      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel (1978, Solti)



      Hänsel: Brigitte Fassbaender
      Gretel: Lucia Popp
      Vater: Walter Berry
      Mutter: Julia Hamari
      Knusperhexe: Anny Schlemm
      Sandmännchen: Norma Burrowes
      Taumännchen: Edita Gruberova

      Wiener Sängerknaben
      Wiener Philharmoniker
      Dirigent: Georg Solti



      Nun endlich komme ich zu dieser Aufnahme aus dem Jahr 1978, aufgenommen im Sofiensaal in Wien.

      Ich möchte gleich ohne große Umschweife zum Dirigat und der Tontechnik etwas sagen, denn das sind für mich die absoluten Stärken dieser Aufnahme.

      Die Tontechnik finde ich sehr ordentlich – ein schönes Stereopanorama, keine (für mich hörbaren) Verzerrungen in hohen Lautstärken, ein großer Dynamikumfang. Lediglich die Streicher hätte ich mir einen Tick lauter gewünscht, und auch das Holz gerät gerne mal ein bisschen zu sehr in den Hintergrund, wenn es lauter wird. Aber dennoch: eine absolut beachtliche Leistung!

      Nun aber zur Interpretation, zum Dirigat … das zu beschreiben ist bei dieser Einspielung ein harter Brocken, denn es gibt so viele verschiedene Stellen, die einfach großartig sind, und die man am liebsten alle einzeln in Hörproben mitsamt Noten zur Verfügung stellen würde. Überhaupt lohnt es sich besonders hier, die Partitur mitzulesen, um Soltis Dirigat noch besser nachvollziehen zu können und um einzelne Stellen überhaupt ganz neu zu entdecken.

      Ich habe mir während des Hörens massenweise Notizen gemacht über verschiedene Stellen, die ich für besonders gelungen halte, aber es wäre zu viel, auf jede einzeln einzugehen, und die Auswahl fiel mir nicht gerade leicht.

      Solti nimmt diese Oper absolut ernst, er macht daraus keine verspielte, heitere Oper, er hebt besonders die Dramatik in der Musik, das Symphonische, das Wagnereske hervor, was der Oper sehr gut steht.


      Die Ouvertüre: schon in Takt 8 deutet das crescendo der Streicher an, dass es dieser Aufnahme an Dramatik nicht fehlen wird. Bei vielen Aufnahmen klingt schon dieses kurze, unscheinbare crescendo belanglos, aber hier nicht.

      Auch solche Stellen wie das crescendo 7 Takte nach B, und das herrliche Cello mit dieser absteigenden kurzen Melodie ein Takt später, wie man es deutlich hört und es sich trotzdem mit den anderen Instrumenten mischt und sich nicht unangenehm in den Vordergrund drängt, wecken die Vorfreude auf das, was da kommen mag. Schon hier merkt man, wie präzise die Instrumentengruppen, besonders das Blech, aufeinander abgestimmt sind.

      13 Takte nach Buchstabe L wird es laut: ein mächtiges fortissimo nach einem weiteren crescendo sorgt für Gänsehaut (nicht das einzige Mal in dieser Aufnahme) und zeigt, was die Tontechnik drauf hat. Auch hier wieder kein Klangbrei, kein Matsch, sondern bei aller Lautstärke immer noch aufeinander abgestimmte Instrumentenstimmen.

      Eine weitere Stelle, bei der ich Gänsehaut bekam war 6 Takte nach RZ 55, wenn die Bässe, die Celli, die Fagotte und das tiefe Horn dieses böse Hexenmotiv spielen. Wie die Akzente so wuchtig genommen werden, wie böse das klingt … man meint die Hexe selbst schon herumgeistern zu sehen.

      Auch schön zu hören, wie Solti den hier schon so oft erwähnten Horneinsatz bei RZ 67 nimmt; endlich einmal eine Version, wo man sich an die Lautstärkeangabe des Komponisten hält. Wie die Hörner plötzlich in die ruhige Musik hinein noch einmal kurz das Hexenmotiv schmettern, sorgt ebenfalls für Gänsehaut.

      Wie gesagt, es gäbe noch unzählige andere Beispiele für diese herrliche Interpretation, für neue Details, die man entdecken kann, für dramatische Ausbrüche, die einen in ihrer Gewalt und Präzision gleichermaßen mitreißen, aber ich möchte es bei den o. g. Beispielen belassen.

      Meckern auf hohem Niveau, aber dennoch, ein paar Kleinigkeiten, die ich persönlich schon besser gehört habe: ich fand den Hexenritt ein klein wenig zu schnell gespielt, die Traumpantomime hingegen etwas zu verschleppt, und bei RZ 103, Takt 1-6, hätte ich mir die Steigerung bis zum Forteausbruch des Orchesters etwas dramatischer gewünscht.

      Für absolut fragwürdig halte ich jedoch das, was Solti mit den letzten Takten der Oper gemacht hat, die eigentlich schnell gespielt gehören. Solti spielt diese Takte extrem langsam, und sogar die Wiener Philharmoniker, die in dieser Einspielung perfekt harmonieren und eine wunderbare Leistung erbringen, haben hier Timingschwierigkeiten. Ich weiß nicht, was das sollte. Eigentlich ist das Tolle bei diesem Schluss ja, dass der Chor relativ langsam singt, das Orchester quasi längere Liegetöne spielt, und dann plötzlich spielt das Orchester das Abendsegen-Motiv, das eigentlich bis dahin immer weihevoll intoniert wurde, schnell und laut und wuchtig.

      Soviel sei vorweg genommen: in der Aufnahme von 1981 für den Film von August Everding spielt Solti diese Schlusstakte wiederum in einem schnelleren Tempo.
      Aber dennoch: diese Kleinigkeiten und diese paar Takte am Schluss ändern nichts daran, dass man hier eine absolut hochkarätige Aufnahme zu hören bekommt.


      Nun komme ich zum negativen Teil: die SängerInnen.

      Diese von mir besprochene neuere Aufnahme auf YouTube schaue ich mir nur an, weil ich den Hänsel und die Gretel so toll finde, weil es ein Genuss ist, diese Stimmen zu hören, einzeln und im Duett.
      Diese Solti-Aufnahme höre ich mir nur wegen der orchestralen Leistung an, aber NICHT wegen der Stimmen.

      Es wurde in einer Amazon-Rezension bemängelt, dass Lucia Popp und Brigitte Fassbaender, die die Titelpartien singen, ein zu ähnliches Timbre haben, und es Zuhörern, die die Oper nicht kennen und kein Libretto mitlesen, es schwer haben könnten, die beiden voneinander zu unterscheiden. Und das stimmt auch, die beiden klingen sehr ähnlich.

      Davon abgesehen finde ich beide stimmlich eindeutig zu alt, zu tief, zu viel Vibrato. Popps hohe Töne sind unangenehm, Fassbaenders Stimme mag ich sowieso überhaupt nicht, weil sie besonders in der Mittellage und der tieferen Lage sehr knödelig klingt … ich kann es schlecht beschreiben, aber es klingt einfach nicht schön. Wenn ich da an die betörende Mittellage, die helle, junge Stimme des anderen Hänsels oder die Gretel von Barbara Bonney denke ….

      Die Mutter, gesungen von Julia Hamari, ist enttäuschend. Wegen der Wortundeutlichkeit versteht man nichts, statt „Bis in die Nacht“ wird „Biiiidienaaacht“ gesungen. Als der Milchkrug zerbricht, zeigt die Aufnahme leider etwas, was ich absolut unnötig finde: Geräuscheffekte. Man hat hier ein mickriges, unrealistisches Scheppern eingespielt, und das auch noch zu spät. Später im dritten Akt, als der Ofen des Hexe explodiert, hat man diesen Unsinn erneut verwendet, und es klingt so, als hätte man ein Mikro an ein paar zusammenfallende Holzbausteine rangehalten. Diese beiden Geräusche wären nicht mal eines Hörspiels würdig gewesen; wieso man sie in einer Decca-Aufnahme unter Solti mit den Wr. Philharmonikern verwendet verstehe ich nicht.

      Der Vater von Walter Berry ist auch nicht so mein Ding, ich finde er übertreibt es mit seinem ständigen Wechsel zwischen laut und leise, und statt „fehlt AUCH im Topf die Zubehör“ singt er „fehlt EUCH im Topf die Zubehör“. Ok, aber mehr auch nicht.

      Im zweiten Akt gibt es gleich drei Stellen, an denen Popp und Fassbaender Timingprobleme haben.

      Einmal bei „Ein Männlein steht im Walde“, wenn Gretel singt „sagt, wer mag das Männlein sein“, und dabei wohl eine Spur zu langsam ist, später bei „was für ein wunderlich Gesicht“ singt sie zu schnell und eilt dem Orchester voraus.

      Bei Fassbaender ist es im Abendsegen, wo sie mit dem Wort „linken“ etwas zu früh einsetzt. Das mag pedantisch klingen, aber wenn man sich die Noten ansieht, wenn man sich ansieht, was die anderen Instrumente spielen, dann wird man sofort sehen, wie wichtig es ist, dass Hänsel exakt in diesem Takt anfängt zu singen, und nicht kurz davor, wo das Orchester sich gerade noch aufschwingt.

      Eine andere Stelle ist die, als Hänsel singt „Ich weiß den Weg nicht mehr“. Fassbaender singt die letzte Achtel 10 Takte nach RZ 77 zu früh, noch VOR den Pizzicato der Streicher, die deswegen noch schnell diesen gezupften Ton hinterherschieben müssen, was auch nicht so berauschend klingt.

      Das Sandmännchen von Norma Burrowes finde ich stimmlich in Ordnung. Ein bisschen weniger Vibrato wäre für mich schöner gewesen, aber sie interpretiert ihre Rolle, und singt nicht nur die Melodie nach. Störend finde ich hier aber, dass das „sst“, das ja mit dem Streuen des Sandes einhergeht, nicht einfach nur ein „zischendes“ Geräusch ist, sondern quasi gesungen wird. Schwer zu beschreiben, aber es klingt eher so, als würde sie im Spaß mit einer Spielzeug-Laserpistole imaginäre Schüsse abgeben, als Sand streuen.

      Und auch hier vermeine ich einen Fehler gefunden zu haben: bei den Worten „lieb ich“ sollte das Sandmännchen vom C auf das Fis hinaufgehen, das C auf „lieb“ und das Fis auf „ich“. Sie singt aber das „lieb“ auf C und geht noch während des selben Wortes auf das Fis hinauf. Humperdinck verbindet die beiden Noten mit einem Legatobogen, aber meiner Meinung nach sollte das Fis erst beim Wort „ich“ gesungen werden.

      Die Echoszene, die mir bei Karajan immer noch am besten gefällt, ist auch in Ordnung, aber leider hat die Tontechnik hier eindeutig NICHT in die Partitur geschaut; die Echos klingen zwar angenehm leise, werden aber nicht nach und nach leiser, und leider hat man Hänsels Echo auf den linken Kanal gelegt, Gretels Echo auf den rechten. Hänsel ruft aber in den Hintergrund, dort, wo auch der Ilsenstein steht, und da werden die Echos nach und nach leiser, erzeugen eine räumliche Tiefe. Auch das ist nicht gerade berauschend, weil hier ein schöner Effekt verlorengeht.

      Edita Gruberova gibt das Taumännchen, später singt sie die Gretel im Everding-Film.

      Die Knusperhexe wird von Anny Schlemm gesungen, mein Fall ist das nicht. Die tiefe Lage finde ich ebenfalls ein bisschen zu knödelig, die Darstellung wirkt auf mich zu gewollt-böse, mit Stimme verstellen und ähnlichen Dingen, die man leider so oft hört. Zumindest klingt sie stimmlich nicht wie eine junge Frau, sondern durchaus wie eine Hexe.
      In diesem dritten Akt gehen mir die Holzbläser, die sehr viel wichtige Dinge spielen, doch ein bisschen ab, was aber sicher an der Tontechnik liegt. Die Stelle mit den krachenden Scheiten hätte ich mir von Solti ein bisschen lauter gewünscht.

      Die Wiener Sängerknaben übernehmen den Kinderchor, und mir gefallen sie nicht. Zum einen deswegen, weil sie nicht wirklich „deutsch“ klingen, dann weil ich kaum ein Wort verstehe, und auch deswegen, weil mir hier die Mädchensoprane abgehen. Der Klang von reinen Bubenstimmen passt da für mich einfach nicht, es sollte ein Mischklang sein. Da gibt es viel schönere Beispiele für gute Kinderchöre und schöne Klänge – hier habe ich nur einen berühmten Namen auf dem Cover stehen, aber das war´s dann auch schon.

      Ich besitze diese Aufnahme in vier verschiedenen Versionen. Einmal in einer CD-Box, und dreimal auf verschiedenen Schallplattenboxen, sowie einmal eine englische Einzel-LP mit verschiedenen Szenen.

      Das Booklet der CD-Box enthält leider einen Druckfehler im Libretto, denn auf Seite 42 geht es nach „so schön wie heute ward´s noch nie!" Plötzlich weiter mit „Komm, wir wollen rasch neue suchen!“. Erst auf Seite 46 geht es korrekt weiter mit „Buben tragen doch sowas nicht“. Für Leute, die diese Aufnahme hören und das Libretto mitlesen, weil sie den Text nicht kennen, sehr verwirrend!
      Ansonsten bietet das Booklet nur eine Inhaltsangabe sowie das Libretto, keine Infos zu Entstehung etc.

      Die Booklets der beiden deutschen Vinyl-Boxen sind ident: beide bieten einen Aufsatz über die Musik und den Komponisten, sowie auf mehreren Seiten einen abgedruckten handschriftlichen Lebenslauf Humperdincks, daneben eine Abschrift, damit man es auch entziffern kann. Libretto gibt es allerdings keines.

      Das Booklet der englischen Vinyl-Box enthält das vollständige Libretto sowie mehrere historische Bilder von SängerInnen, die den Vater oder die Titelpartien zu Humperdincks Zeit gesungen haben, sowie einen ausschließlich in englischer Sprache verfassten Aufsatz, ebenfalls zur Entstehung etc.


      Hier noch eine Info zu den Schallplatten, die sicherlich interessant sein dürfte. Die originale Version der DECCA ist die englische Box, das merkt man an dem Logo auf dem Cover in schwarz/weiss, und daran, dass die Label auf den Platten selbst dunkellila sind.



      Von diesen Matritzen wurden Kopien für die deutsche Ausgabe gemacht, das DECCA Logo sieht bis auf die Hintergrundfarbe ident aus, und wenn man die Breite der Rillen auf den Platten vergleicht sieht man, dass sie ebenfalls ident sind.



      Und dann gibt es die DECCA Version mit dem blauen Label und dem Hinweis auf das DMM-Verfahren und dem silbernen Label – hier handelt es sich leider um schlechte Kopien, denn wenn man die Rillen des Originals mit diesen Platten vergleicht, stellt man fest, dass die Rillen der schlechten Pressung weniger Platz verbrauchen, die Musik somit also wesentlich leiser und dynamisch eingeschränkt ist.



      Möchte man sich diese Aufnahme, warum auch immer, auf Vinyl kaufen, und kommt nicht an die englische Box heran, so empfehle ich unbedingt, sich die Version OHNE dem blauen Label auf dem Cover zu besorgen!

      Mein Dank an Jürgen, der so lieb war mir eine weitere Edition zu fotografieren; es handelt sich um eine Gesamtaufnahme aus der Solti-Edition:






      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel (1978, Pritchard)



      Hänsel: Frederica von Stade
      Gretel: Ileana Cotrubas
      Vater: Siegmund Nimsgern
      Mutter: Christa Ludwig
      Knusperhexe: Elisabeth Söderström
      Sandmännchen: Kiri Te Kanawa
      Taumännchen: Ruth Welting

      Children´s Chorus of Cologne Opera
      Gürzenich Orchester
      Dirigent: John Pritchard



      Im selben Jahr der Solti-Einspielung entstand auch diese Aufnahme unter Pritchard, und sie fristet bei mir mehr oder weniger ein Schattendasein, was seine Gründe hat. Der Reihe nach:

      Die Tontechnik dieser Aufnahme ist besonders im Hinblick auf die erwähnte Solti-Aufnahme, aber auch auf Aufnahmen wie etwa unter Suitner 1969, ein schlechter Witz. Recht hallig, mit von mir zumindest subjektiv empfundenen geringem Dynamikumfang, der Klang ist irgendwie zugedeckt. Blechakkorde strahlen nicht, und wirklich durchhörbar ist da nichts. Viele Instrumente gehen unter, und die, die hörbar sind, klingen, wie schon gesagt, zugedeckt und verwaschen.

      Dazu kommen auch wieder diese Spielereien mit dem linken und rechten Stereokanal bei den Gesangsstimmen, die gerne öfter mal nur links oder nur rechts zu hören sind, teilweise auch bei Duetten.

      Ein besonders störendes Beispiel ist für mich die Echoszene; als Hänsel ruft „Wer da?“ hört man das „Wer“ in der Mitte, und das „da?“ auf dem linken Kanal. Das wirkt nicht nur völlig unnatürlich, es passt auch überhaupt nicht zu der Anweisung, dass Hänsel in den Hintergrund hineinruft, und vom Hintergrund (bzw. hinter der Szene) die Echos antworten.

      Nun ist diese Aufnahme der Solti-Version nicht nur tontechnisch, sondern auch interpretatorisch absolut unterlegen.
      Soltis Version war natürlich nicht „perfekt“, auch sie hatte ihre (für jeden natürlich anders empfundenen) Schwächen, aber es war eine Version, die gezeigt hat, was man alles aus dieser Partitur herausholen kann.
      Und das geht mir bei Pritchard völlig ab.

      Die Ouvertüre klingt schon langweilig und irgendwie unmotiviert vorüber, Spannung gibt es an keiner Stelle. Keine Dramatik, keine Freude, kein Grusel, nichts. Und so geht das leider die gesamte Oper hindurch. Alles klingt unmotiviert und belanglos, lustlos.

      Die Clarinetten gleich zu Beginn des ersten Bildes in der Einleitung spielen ihre Figur nicht wirklich legato, sondern spielen die punktierte Achtel und die Sechzehntel eher getrennt, was für mich irgendwie zu ruppig klingt, vor allem weil die Flöten und die Oboe es legato nehmen.
      Der Hexenritt ist ebenfalls völlig unspektakulär, dazu finde ich es klanglich ungewöhnlich, dass die Akzente des Hexenmotivs auf der 1 und der 3 quasi staccato genommen werden, was, wie ich finde, auch nicht so recht passt.

      Besonders eigenartig ist aber, dass in diesem Vorspiel 5 Takte nach RZ 65 ein Becken spielt, wo gar keines notiert ist!

      Die vielen Effekte der Oper bleiben ungenutzt, so etwa auch das von Humperdinck vorgeschriebene crescendo der Pauken beim Krachen der Scheite. Hier ist es kein Crescendo, die Pauke bleibt relativ leise und wird nicht lauter. Völlig monoton.
      Im vorletzten Takt der Oper, 10 Takte nach RZ 202, spielt die Piccoloflöte ihren Aufwärtslauf nicht legato, was nicht so wirklich zum restlichen Orchester passt.
      Wie gesagt, wo Solti viel aus der Partitur herausholt, wo es Dramatik und Gänsehaut gibt, fehlt das bei Pritchard völlig.


      Nun aber zum Gesang.

      Ileana Cotrubas als Gretel gefällt mir alles in allem sehr gut, sie hat eine klare, helle Stimme, setzt ihr Vibrato dezent ein, versucht aber nicht durch übertriebenes Schauspiel oder Stimme verstellen wie ein kleines Mädchen zu klingen. Was mich ein bisschen stört ist, dass sie in der Mittellage öfter einmal zu viel Kraft in die Stimme legt, forciert, wohl um hörbar zu bleiben, was aber m.E. nicht notwendig gewesen wäre.

      Manche Stellen gelingen ihr besonders schön, etwa der Anfang von „Griesgram hinaus, fort aus dem Haus“, manche aber ein wenig unsauber, etwa der Triller 1 Takt vor RZ6 auf „gram“, oder die kleine Koloratur 4 Takte nach RZ 8 auf dem Wort „Geheimnis“.
      Auch hört man ein bisschen, dass die Cotrubas nicht Deutsch als Muttersprache hat. Es fällt nicht wirklich stark auf, aber dennoch denke ich, dass es schwieriger ist, seine Rolle zu gestalten, wenn man gleichzeitig darauf achten muss, die Wörter korrekt auszusprechen.

      Frederica von Stade singt den Hänsel, leider hat sie mit der Sprache wesentlich stärker zu kämpfen als ihre Kollegin. Stimmlich finde ich sie schon etwas besser – zwar kommt auch sie nicht an meinen Referenz-Hänsel heran, doch hat auch sie eine vibratoarme, relativ helle Stimme in der Höhe und der Mittellage. Nur in der Tiefe erinnert sie mich stellenweise an die Fassbaender, aber diese Töne kommen eher selten vor. Ihr „Ein Geheimnis“ klingt sehr schön!
      Stimmlich für mich einer der besseren Hänsel, nur darstellerisch und vor allem sprachlich nicht das Wahre.

      Christa Ludwig, die 1971 noch die Hexe sang, darf hier als Mutter mit viel Vibrato und Gekreische auftreten. Für mich unerträglich. An zwei Stellen singt sie nicht den vorgegebenen Text, statt „kommt nur der vater nach haus“ singt sie „kommt erst der vater nach haus“, statt „ja wüsste man´s“ „tja wüsste man´s“.
      Am ärgsten ist aber, dass sie bei „Was soll denn der Besen?“ die Notenwerte verändert. Statt einer Achtel und zwei Sechzehntel singt sie quasi eine Achteltriole, die überhaupt nicht zur Musik passt. Ob das Absicht oder ein Versehen war kann ich nicht beurteilen, aber es klingt nicht gut.

      Den Vater von Siegmund Nimsgern wiederum finde ich gelungen, kein übertrieben polternder Suffkopf (Prey), aber auch kein kultivierter Herr (Dieskau), oder ein Wotan in klein (Adam).

      Die Echos klingen sehr schön, sind aber wohl zu laut abgemischt, Kuckuck sowieso, und das Sandmännchen von Kiri te Kanawa hat ebenfalls ein bisschen mit der Sprache zu kämpfen, etwa wenn sie singt „Himmelsfernaa“. Ihr Sandmännchen klingt mir auch zu damenhaft.

      Dann folgt aber auch schon der Abendsegen, und in wenigen Aufnahmen hört man diese zwar kurze, aber superschöne Stelle bei RZ 93, konkret bei den ersten beiden Vierteln.



      Von Stade singt ihr „Linken“ punktgenau und quasi ohne Vibrato, die Cotrubas nur mit einem ganz feinen Vibrato, schönem Legato und sehr beseelt klingendem Ausdruck – dieser plötzliche Mischklang auf der 2. Zählzeit ist so herrlich … und er entsteht auch nur dann, wenn die beiden Stimmen und das Timbre miteinander harmonieren, wenn beide ohne Vibrato, oder nur die Gretel ein ganz feines Vibrato singt. Wenn ich lese „Popp & Fassbaender“, wenn ich lese „Rothenberger & Seefried“ oder auch „Donath und Moffo“, dann weiß ich im Grunde schon im Vorhinein, dass diese Stelle nicht so klingen wird, wie sie es könnte.

      Ich glaube, die nächste Aufnahme, auf der ich die Stelle so schön gehört habe, kommt erst 1994 unter Runnicles. Mal schauen.

      Ruth Welting weckt die schlafenden Kinder als Taumännchen, und gefällt mir mit ihrer wesentlich helleren Stimme, jedoch hat der Dirigent leider ein ziemlich schnarchiges Tempo gewählt, das zu sehr an das Sandmännchen-Lied erinnert. Von Lebhaftigkeit keine Spur.

      Und dann kommt Elisabeth Söderström als Hexe, die ich großteils in Ordnung finde. Sie stellt die Hexe als alte Frau da, und klingt auch so; zusätzlich verändert sie ihre Aussprache, damit es wohl so klingt, als ob die Alte keine Zähne mehr hätte. Das „S“ klingt wie ein „Sch“. Das ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, leider ist dieser Kunstgriff unregelmäßig, denn manchmal spricht sie das „S“ sehr wohl deutlich aus.

      Es ist angenehm, mal keine kreischende, ständig kichernde Hexe zu hören, die wie Ende 30 – Anfang 40 klingt, nur manchmal finde ich sie zu leise, sie geht öfter mal ein bisschen unter in den lauteren Orchesterstellen. Bei „´s ist alles eu´r Eigen“ nimmt sie nicht den hohen, sondern den tiefen Ton, und die grellen „Hi hi hi hi hi!“-Lacher nach Hänsels „Ich mag dich nicht!“ geraten zu harmlos und zu leise. Wirklich bedrohlich finde ich diese Hexe nicht. Wie auch bei den Titelpartien finde ich die Stimmen besser als die Interpretation.

      Der Kinderchor singt ganz ordentlich, und leider ist auch hier das Dirigat langweilig. Nachdem die Lebkuchenkinder befreit sind schleppt sich die Musik immer weiter, ohne Höhepunkte, ohne Lebhaftigkeit oder Freude.

      Eine ebenfalls wichtige Stelle ist am Ende, wo sich – wie auch schon öfter erwähnt – die Stimmen von Hänsel und Gretel mit dem Kinderchor mischen sollten, ohne ihn zu übertönen. Hier finde ich das gut umgesetzt, weder Cotrubas noch von Stade trällern hier überlaut herum, und so darf der Chor auch angenehm volltönend klingen, dank der Stärkung durch die beiden Sängerinnen.

      Mein Fazit: ich würde diese Aufnahme nur empfehlen, wenn man ein Fan von Cotrubas, von Stade oder einer der anderen Mitwirkenden ist, keinesfalls aber wegen des Dirigats oder der Tontechnik, die ich für die Zeit und angesichts manch anderer früherer Aufnahmen enttäuschend finde.



      Ich besitze diese Aufnahme in zwei Versionen: einmal auf CD, und einmal in einer Vinyl-Box als Gesamtaufnahme.

      Das Cover der CD-Box ist sicher Geschmackssache, mir persönlich gefällt es überhaupt nicht. Wesentlich störender ist für mich aber, dass es sich um eine aufklappbare, nicht verschließbare Papp-Box handelt, deren Buchrücken auch, bedingt durch die Bauart, schief ist, und somit nicht wirklich schön aussieht im CD-Regal. Die CDs selber sind wenigstens schön bedruckt, in hell- und dunkelbraun. Im Deckel der Hülle ist ein Booklet versteckt, das man mit ein bisschen Frickelei herausholen muss. Was sich aber nicht lohnt, denn bietet lediglich eine komplett in Englisch gehaltene Inhaltsangabe sowie die Tracknummern der einzelnen Titel, die aber sowieso schon auf der Papp-Box stehen. Die zweite CD dient auch als CD-Rom, auf dem das Libretto enthalten ist. Naja.


      Die Vinylbox ist da um Längen voraus. Bis auf den, wie ich finde, hässlichen (und mich sehr stark an Powerpoint erinnernden) Schriftzug des Titels finde ich das Cover vorbildlich gestaltet. Das Bild in der Mitte ist farbenfroh und atmosphärisch, erinnert an alte Märchenbücher, die Namen der Mitwirkenden sind deutlich zu lesen.
      Öffnet man die Box, lacht einem ein dickes Booklet entgegen, das nicht nur das komplette Libretto enthält, sondern auch noch mehrere Bilder von den Aufnahmen im Erholungshaus in Leverkusen, den SängerInnen, sowie mehrere Illustrationen zum Thema „Hänsel und Gretel“, und ein paar längereAufsätze etwa über die Entstehung, manche davon auf Deutsch(!). Auch ein zur Oper geschriebener englischer Text von Bruno Bettelheim ist enthalten, und ein Foto von Humperdinck, das ich noch nirgendwo im Internet gefunden habe.

      Wieso eine in Deutschland erscheinende CD-Box nur eine englische Inhaltsangabe bietet, eine amerikanische Vinyl-Box aber ein Libretto in vier Sprachen sowie mehrere längere Aufsätze auf Deutsch und Englisch sowie viele Bilder, verstehe ich nicht. Diese CD Box ist ein schlechter Witz.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Lieber Hosenrolle1,

      wie Du weißt, bin ich jetzt nicht gerade der große Verehrer von E. Humperdinck und insb. Hänsel und Gretel. Ich habe auch lediglich zwei Aufnahmen in den Regalen stehen: Karajan 1953, Eichhorn 1971, aber Deine Besprechungen sind ganz vorzüglich und animieren mich, die Oper doch ein wenig genauer zu beschauen und zu hören.

      Bis dann.
    • wie Du weißt, bin ich jetzt nicht gerade der große Verehrer von E. Humperdinck und insb. Hänsel und Gretel. Ich habe auch lediglich zwei Aufnahmen in den Regalen stehen: Karajan 1953, Eichhorn 1971,


      Mit der Karajan-Aufnahme bist du auf jeden Fall gut dran - besonders seine Echoszene ist für mich bis jetzt die absolute Referenz.

      Wieso hast du diese beiden Aufnahmen? Wegen der Dirigenten oder wegen einem bestimmten Sänger? Oder nur Zufall?

      aber Deine Besprechungen sind ganz vorzüglich und animieren mich, die Oper doch ein wenig genauer zu beschauen und zu hören.


      Das freut mich, danke :)




      LG,
      Hosenrolle1
    • Lieber Hosenrolle1,

      die Aufnahme unter Eichhorn kaufte ich zuerst und wenn ich mich richtig entsinne, lediglich zum Repertoire-Abgleich, sprich: als Hauptwerk E. Humperdincks. Anna Moffo als Hänsel: fehlbesetzt; schlimmes Wort, aber hier zutreffend und die pastorale Ansprache Dietrich Fischer-Dieskaus (Polemik: Dass der Professor-Vater mit seiner Familie darben muss…unverständlich) sind nicht meine Sache. Dagegen ist Christa Ludwig (Hexe) außerordentlich gut: eine verführerische Hexe und nicht einfach nur böse. ‚Da geht man gerne knuspern‘ und verfängt sich; gesanglich ist C. Ludwig sehr gut; sie ist der Höhepunkt der Aufnahme.

      Die Karajan-Aufnahme war mit voller Absicht gekauft. Sie galt und gilt als sehr gut und dem kann ich mich nur anschließen. Das Orchester (Philharmonia Orchestra während der besten Jahre), die Interpretation und die Besetzung sind auf höchstem Niveau und ausgeglichen (dennoch möchte ich Grümmer, Schwarzkopf, Metternich herausheben). Eine sehr starke "Leistung" von H. v. Karajan.

      Für Details müsste ich aber beide Aufnahmen wieder einmal intensiver hören.

      Bis dann.

      Nachtrag: 16.04.2016 Uhr 13:30:
      Die Rollen ‚Hänsel‘ und ‚Gretel‘ sind nicht einfach zu besetzen:
      Geschlecht; Kinder oder Erwachsene; reife bzw. technisch ausgereifte Stimmen, aber ohne (zu) viel Vibrato oder doch junge, kindliche, dennoch nicht gekünstelt naive – dafür linear geführte - Stimmen; die Stimmen von Hänsel und Gretel sollten wie in der Karajan-Aufnahme sehr miteinander harmonieren, trotzdem sollten die Rollen hörbar differenzierbar sein.

      Dazu kommt selbstverständlich die adäquate Erscheinung der Rollen bei einer Aufführung (Erwachsene stellen Kinder dar).

      Nicht einfach.

      Dieser Beitrag wurde bereits 8 mal editiert, zuletzt von Keith M. C. ()

    • Original von Keith M. C.
      Anna Moffo als Hänsel (fehlbesetzt; schlimmes Wort, aber hier zutreffend)


      "Fehlbesetzt" klingt wirklich nicht schön, da gebe ich dir Recht. Wobei ich, das möchte ich auch noch einmal generell betonen, das Wort immer nur für eine bestimmte Rolle verwende. Ich halte die Moffo als HÄNSEL für fehlbesetzt, für andere Rollen ist sie sicher super geeignet.


      Dagegen ist Christa Ludwig (Hexe) außerordentlich gut: eine verführerische Hexe und nicht einfach nur böse. ‚Da geht man gerne knuspern‘ und verfängt sich; gesanglich ist C. Ludwig sehr gut; sie ist der Höhepunkt der Aufnahme.


      Da sind wir zwar unterschiedlicher Meinung, aber das ist ja völlig in Ordnung :)


      Die Karajan-Aufnahme war mit voller Absicht gekauft. Sie galt und gilt als sehr gut und dem kann ich mich nur anschließen. Das Orchester (Philharmonia Orchestra während der besten Jahre), die Interpretation und die Besetzung sind auf höchsten Niveau und ausgeglichen (dennoch möchte ich Grümmer, Schwarzkopf, Metternich herausheben).


      Da kann ich dir auch die Matzerath-Aufnahme empfehlen. Die ist zwar tontechnisch leider unterirdisch, und das Dirigat ist auch nicht das Wahre, aber Grümmer singt hier einen noch einen Tick jüngeren, burschikoseren Hänsel, und hat mit Erika Köth eine m.E. passendere Gretel zur Seite.



      Die Rollen ‚Hänsel‘ und ‚Gretel‘ sind nicht einfach zu besetzen:Geschlecht; Kinder oder Erwachsene; reife bzw. technisch ausgereifte Stimmen, aber ohne (zu) viel Vibrato oder doch junge, kindliche, dennoch nicht gekünstelt naive – linear geführte - Stimmen; die Stimmen von Hänsel und Gretel sollten wie in der Karajan-Aufnahme sehr miteinander harmonieren, trotzdem sollten die Rollen hörbar differenzierbar sein.


      Diese Oper ist tatsächlich schwer zu besetzen. Natürlich sind die Geschmäcker da auch wieder unterschiedlich.
      Viele möchten im Grunde eher damen- oder gar divenhafte Stimmen hören, und/oder stören sich nicht daran wenn die Stimmen älter klingen, ich persönlich mag eben diese hellen, klaren Stimmen, wenig Vibrato und diese kleine Unterscheidung im Timbre, wo Hänsel etwas dunkler klingt, aber nicht zu viel.
      Du kannst das wesentlich besser beschreiben als ich.

      Mir war und ist auch immer wichtig zu erwähnen, dass ich keineswegs "echte" Kinderstimmen von den Sängerinnen erwarte. Die in meiner letzten Rezension (1978, Pritchard) erwähnte Stelle im Abendsegen klingt überhaupt nicht nach Kindern, sondern nach zwei Frauen - aber weil beide keine "tiefen", schweren, älter klingenden Stimmen haben, die mit viel Vibrato angereichert werden, "wabbelt" diese Stelle nicht unschön herum, sondern klingt herrlich beseelt und sauber, da entsteht ein richtig schöner Klang, den echte Kinder SO nicht erzeugen könnten.


      EDIT: Neben den Stimmen ist mir besonders beim Abendsegen auch wichtig, dass speziell die Streicher nicht nur tontechnisch gesehen gut zu hören sind, sondern auch vom Dirigat her besonders schön klingen. Oft hört man da nur einen diffusen Klangteppich, wenig spektakulär und unbeteiligt. Wenn man sich aber diese Streicher einmal genauer anhört, ohne Gesang, z.B. in einem Notensatzprogramm, merkt man, wie toll das klingt. Ich muss mir dieses Stück einmal genauer ansehen, vielleicht schreibe ich noch was dazu.




      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel (1981, Solti)




      Hänsel: Brigitte Fassbaender
      Gretel: Edita Gruberova
      Vater: Hermann Prey
      Mutter: Helga Dernesch
      Knusperhexe: Sena Jurinac
      Sandmännchen: Norma Burrowes
      Taumännchen: Elfriede Höbarth

      Wiener Sängerknaben
      Wiener Philharmoniker
      Dirigent: Georg Solti




      Nun bespreche ich wieder einmal eine quasi-Verfilmung dieses Stoffes. Vor gut 10 Jahren (ist das schon wieder so lange her?) schrieb ich eine ziemlich begeisterte Rezension zu diesem Film, aber mittlerweile sehe ich die Dinge zum Glück etwas anders.

      Zuerst einmal Grundsätzliches: der Film wurde Anfang 1981 in Wien in einem Studio gedreht, es wird Playback gesungen; die Tonaufnahmen dafür entstanden Ende 1980 im Sofiensaal.
      Wo soll ich zuerst anfangen?

      Das Playback-Singen halte ich für besonders ungünstig, und hier merkt man auch warum. Hohe, laute Töne kommen scheinbar mühelos über die Lippen, man muss nicht einmal den Mund wirklich aufmachen dazu. Und oft genug passt der Ausdruck in der Stimme nicht zur Mimik und Gestik. Dass die Stimmen auch immer gleich laut klingen, obwohl die Charaktere einmal weiter entfernt sind, dann wieder näher, verstärkt den Eindruck noch, dass da nicht live gesungen wird.

      Schon das alleine finde ich störend und irritierend, aber dazu kommt auch noch diese Inszenierung.

      Ja, es gibt eine Holzhütte, es gibt einen Wald, und es gibt ein Lebkuchenhaus, und das wäre auch an sich in Ordnung. Das ist aber auch das Einzige, was an diese Oper erinnert, denn der Film steckt voller unnötiger Ideen und Effekte, schlechter Kameraführung und auch schlechtem Schauspiel, dass es auch schon egal ist, ob da Bäume stehen oder nicht.


      Ich erzähle im Schnelldurchlauf, was passiert:

      Der Film beginnt mit einer gemalten Berglandschaft, in die nach und nach Bäume, Engel und, richtig geraten, ein Opernhaus eingeblendet werden. Macht ja auch Sinn, ein Opernhaus, das mitten in der Landschaft herumsteht (Fitzcarraldo hätte seine Freude). Dann plötzlich kommen ein paar Nonnen, die einen Haufen Kinder in Zweierreihen in die Oper führt, die Kinder rennen im Opernhaus herum und auf ihre Plätze. Wir sehen kurz Georg Solti, der noch die Ouvertüre zu Ende bringt und Richtung Kinderpublikum lächeln darf (Mei wie lieb!), bevor es mit dem ersten Akt losgeht.

      Hänsel und Gretel quälen sich durch eine stinklangweilige Inszenierung, bevor sie für das Tanzduett vor ihr Haus gehen dürfen, wo sie sich Töpfe auf den Kopf setzen und auf einer Wippe schaukeln.

      Im Hexenritt sehen wir wieder Solti und die Philharmoniker, aber nur kurz, denn es gibt eine Zeichentricksequenz, in der ein paar Hexen in der Luft herumfliegen, parallel montiert zu den Eltern, die im Wald herumgehen und ein Stück Stoff finden, das offenbar zu Hänsel oder Gretel gehört.

      Die Waldszenen verbreiten kaum Stimmung, und es gibt auch kein Abendrot, im Gegenteil: zuerst ist das Set noch künstlich hell, dann wird auf das Kinderpublikum geschnitten, und als man wieder Hänsel und Gretel sieht ist es plötzlich dunkel. Ob man das für raffiniert gehalten hat weiß ich nicht, aber selbst in einer Live-Aufführung ist es technisch ohne weiteres möglich, Abendrot Schritt für Schritt in Dunkelheit übergehen zu lassen.

      Die Traumpantomime beginnt damit, dass plötzlich irgendwelche viel zu hellen und nicht mal besonders schöne Landschaftsbilder einblendet, bevor ein paar Darstellerinnen als Engel verkleidet hinter den Titelfiguren eingeblendet werden. Sehr engelhaft sieht die Szene nicht aus, die starke Hintergrundbeleuchtung, mit der die Engel beschienen werden, hat mich eher an das Ende aus „Close Encounters of the Third Kind“ erinnert.

      Nachdem ein Tautropfen in Großaufnahme, in dem das Gesicht der Sängerin zu sehen ist, die beiden Kinder weckt, taucht plötzlich aus dem Nichts das Knusperhaus auf, denn es wird ebenfalls einfach so eingeblendet.

      Die Hexe bringt die Kinder in ihr Haus, das von innen nicht nur viel zu riesig aussieht, sondern außerdem eher wie ein Luftschutzbunker wirkt, mit seinen Ziegelwänden. Deswegen wird ihr Text auch von „spring´ kreuz und quer ums Häuschen her“ in „spring´ kreuz und quer ich hin und her“, sowie die Zeile „decke drinnen hübsch den Tisch“ in „decke drüben hübsch den Tisch“ geändert.

      Nachdem die Hexe tot ist treffen Fassbaender und Gruberova die Lebkuchenkinder, die aber kleidungs- und frisurentechnisch übelst nach 1980 aussehen, und teilweise auch keine Kinder, sondern eher Jugendliche sind. Hier hat man sich, im Gegensatz zu allen anderen Rollen, sich nicht die Mühe gemacht, die Kinder ebenfalls passend auszustatten.

      Am Ende darf Prey als Vater das Schlusswort singen, bevor das ganze gestriegelte Kinderpublikum wie aufs Stichwort brav aufsteht und einstimmt in den Schlusschor „Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand euch reicht“. Fürchterlich.


      Brigitte Fassbaender singt hier erneut den Hänsel, wie auch schon 1978, und auch hier gefällt sie mir gesanglich überhaupt nicht. Optisch wirkt sie mit ihrer Perücke und den aufgemalten Sommersprossen zwar schon eher wie ein Lausbub, aber man sieht deutlich, dass sie nicht mehr die Jüngste war, und auch figürlich ist sie besonders mit der engen Hose nicht gerade „männlich“.

      Edita Gruberova singt hier die Gretel, und gesanglich gefällt sie mir zwar besser, sie hat eine hellere Stimme, aber man merkt den leichten Akzent teilweise, und es gibt einfach bessere Interpretationen. Schauspielerisch aber finde ich sie hier völlig fehlbesetzt. Schon figürlich passt es nicht so wirklich, und auch die Perücke macht ihr Gesicht nicht jünger. Teilweise ist das Schauspiel schon lächerlich, man sollte sich zum Beispiel anschauen, wie sie „Hänsel, sicher ist jemand nah“ singt, und dabei Hänsel so eine panische Grimasse schneidet, die höchstens als Parodie eines verängstigen Kindes durchgeht. Nein, ein Mädchen kann sie nicht spielen, auch da gibt es wesentlich besseres.

      Ein Totalreinfall ist aber Helga Dernesch als Mutter (die, nebenbei, so alt ist wie die Fassbaender, was man aber optisch nicht glauben mag!). Gesanglich durchschnittlich, läuft sie ständig mit einem Grinsen, einem unterdrücktem Lachen herum und kann einfach nicht Playback singen. Die meiste Zeit bewegt sie nicht einmal die Lippen. Leider hat sie (wie auch die anderen Figuren) manchmal auch wirklich hölzern wirkende Gesten zu spielen, etwa bei „Was nun zum Abend kochen?“, als sie in Großaufnahme die Hände an ihr Gesicht halten und in die Ferne schauen muss, was so extrem theatralisch wirkt.

      Hermann Prey als Vater … in erster Linie sehe ich hier Hermann Prey, der sich hier vergnügt austobt, aber für mich eher wie ein lustiger Figaro wirkt, ein Scherzbold, der herumtorkelt.

      Sena Jurinac spielt die Hexe, die ich gar nicht so schlecht finde, wenn man von der auch hier schlechten Regie und Kameraarbeit hinweg sieht. Zuerst sieht sie relativ normal aus, um dann in einer Verwandlungsszene immer hässlicher zu werden. Mit verfilzten Haaren, einem irgendwie zugewachsenen Auge, Warzen, schlechten Zähnen und hässlicher Haut erkennt man sie nicht wieder, speziell wenn man an sie als junge Sängerin denkt. Eine tolle Maske!


      Was mich besonders stört sind diese vielen kleinen unnötigen Einfälle. Etwa, wenn die Hexe Hänsel mit einem Fischnetz fängt und es ihm über den Kopf stülpt. Das ist Kindergartenhumor. Oder wenn der Vater aus dem Haus läuft, und lauter animierte Besen hinterher fliegen, einfach so. Oder wenn Hänsel und Gretel auf den gigantischen Backofen klettern, oben sitzen und den Knusperwalzer singen, während die Kamera(!) mitschunkelt, bevor auf das Publikum geschnitten wird, das ebenfalls übertrieben heftig mitschunkelt.

      Ein besonders schlimmes Beispiel ist „Hurr hopp hopp hopp“: gegen Ende der Nummer werden irgendwelche blubbernden Reagenzgläser wie aus einem Chemielabor gezeigt, und der Kopf der Hexe wird eingeblendet, während man hinein- und hinauszoomt. Das soll womöglich einen dramatischen Effekt bewirken, es ist aber nichts weiter als lächerlich und völlig deplatziert. Dann reitet die Hexe auf einer Plattform durch die Luft, auf die Kamera zu, und nachdem sie „Besen hü!“ gesungen hat, lässt man das Video ein paar Sekunden schnell rückwärtslaufen, so dass sie wieder rückwärts fliegt, um dann in einem Standbild eingefroren zu sein. Solche „Effekte“ mit sachlichen Adjektiven zu beschreiben ist schwer, deswegen lasse ich es lieber.

      Am Ende wird nicht die Hexe zu einem Lebkuchen, sondern statt dem Lebkuchenhaus steht auf einmal ein gigantischer Kuchen dort – einfach einen Kuchen fotografiert und das Bild dann reinkopiert in den Film. Klingt billig, sieht auch so aus.

      Das waren jetzt nur wenige Beispiele, aber es gibt noch viel mehr davon.
      August Everding weiß mit den Figuren irgendwie nicht viel anzufangen, und lässt sie entweder irgendwelche Albernheiten machen, oder sie langweilig herumgehen, oder aber theatralische Gesten machen, die unfreiwillig komisch wirken. Ich vermute fast, dass er diese ganzen Effekte einsetzt, um keine Langeweile aufkommen zu lassen.

      Ein Beispiel für schlampige Regiearbeit ist für mich, als die Mutter entsetzt aus dem Haus läuft, und man draußen deutlich sieht, wie sie plötzlich langsam weitergeht, wohl weil die Sängerin denkt, dass sie nicht mehr im Bild ist.

      Rührend soll vermutlich die Szene sein, in der Hänsel und Gretel einschlafen. Beide rangeln sich ein bisschen um die „Decke“, bis Gretel nachgibt und ohne Decke da liegt. Hänsel gibt ihr dann von selbst die Hälfte ab. Vielleicht finden manche diesen Anblick in Verbindung mit den Streicherklängen berührend, aber in der Partitur heißt es, dass sie Arm in Arm verschlungen einschlafen – Everding aber lässt die beiden Geschwister sogar an dieser Stelle der Oper noch weiter streiten. Hier fand ich die schon besprochene Version von 1957 wesentlich besser.

      Lediglich zwei kurze Stellen haben mir gefallen. Einmal als die Hexe den Ofen öffnet, und man durch die Flammen ihr hässliches Gesicht sieht, das wurde gut umgesetzt. Und zum anderen, als die Hexe gerade „mein Besengaul, hurr hopp nit faul!“ singt, dann ein Schnitt kommt und wir aus Hänsels Perspektive im Käfig sehen, wie die Hexe plötzlich auf ihn (also uns) zuspringt.

      Ich möchte die Musik jetzt nicht so ausführlich rezensieren wie sonst.
      Obwohl die Musik wie auch die 1978er Aufnahme im Sofiensaal aufgenommen wurde, ist die Tonqualität erheblich schlechter. Der Ton ist ziemlich leise und verrauschter, auch dynamisch mehr eingeschränkt, wie ich meine. Ich denke auch, dass Solti hier an manchen Stellen deutlich für den Film dirigiert, besonders bei der Echoszene ist mir das aufgefallen, für die er sich hier im Vergleich zur früheren Aufnahme mehr Zeit lässt (eine der wenigen halbwegs guten Szenen im Film, auch wenn die Kamera, warum auch immer, während der Echos auf eine Felswand zoomt).

      Der größte Unterschied ist aber sicher das Ende, diese letzten Takte, die Solti nun schneller nimmt, was auch viel besser klingt, als dieser holprig-verschleppte Schluss der 78er Einspielung.


      Ich besitze diesen Film in zwei Versionen, zum einen auf DVD, und einmal auf VHS.

      Die DVD (NTSC! Region Free) bietet ein Booklet und einen Werbe-Einleger für weitere Produkte der DG.

      Der Ton liegt in PCM Stereo sowie DTS 5.1 vor. Ich würde aber raten, sich das Ganze in Stereo anzuhören, denn diese Upmixes sind nichts. Direktionale Effekte gibt es keine. Untertitel in Deutsch, Englisch und anderen Sprachen sind auch dabei. Ansonsten nur mehrere längere Trailer für andere Opern aus der Reihe.

      Das Bild ist leider nicht gut, es gibt leichte Nachzieheffekte, generell wirkt das Bild unnatürlich soft und unscharf, auch in Nahaufnahmen von Gesichtern. Ich bezweifle auch, dass das Ganze auf Blu-ray erscheinen wird.

      Die VHS ist miserabel, der Ton extrem leise, über das Bild brauche ich gar nicht reden. (Gut, die VHS ist fast 30 Jahre alt, da darf man sich nicht viel erwarten :D). Bei der Kassette ist ebenfalls ein Booklet, in dem es allerdings nur eine Inhaltsangabe in mehreren Sprachen gibt, sonst nichts.


      Ein paar Worte noch zum Booklet, in dem es lediglich einen kurzen Aufsatz über den Film sowie eine Inhaltsangabe mit Tracklist gibt – die dafür gleich in mehreren Sprachen, deswegen ist das Booklet auch dicker.

      In diesem ziemlich unkritischen Aufsatz wird auf die Produktion eingegangen. Oder besser gesagt, jede Schwäche wird irgendwie pseudointellektuell zu erklären versucht. Ein paar Stellen möchte ich gerne kommentieren.

      Everding wollte das Interesse der Zuschauer wecken, indem er zu Anfang noch nicht alles zeigt.


      Genau, und deswegen zeigen wir die Hexen und fliegende Besen schon im Hexenritt und kurz davor, und die Engel sehen wir überhaupt schon in der ersten Minute!

      Nein, HUMPERDINCK und seine Schwester sind es, die das Interesse wecken, indem sie nichts zeigen. Während der Ouvertüre ist der Vorhang geschlossen, im 1. Akt gibt es nur eine Erzählung von der Hexe, im zweiten Akt Waldspukereien, und erst im dritten Akt taucht die Hexe persönlich auf. WAS soll Everding in seinem Film „zu Anfang noch nicht zeigen“?

      Diesen Gedanken greift die vorliegende Fassung der vertrauten Geschichte auf, indem scheinbar eine vierte Wand errichtet wird und die Studioaufnahmen suggerieren, dass das Geschehen in der Fantasie der jungen Zuschauer stattfindet.


      Nö, das tun sie nicht. Oder suggerieren die Aufnahmen auch, dass die Kinder sich einen Georg Solti als Dirigenten vorstellen?

      Everding betont die für die Epoche der Romantik typische Verbindung von christlichem Glauben und Natur.


      So kann man es auch nennen. Ich würde es eher als „Everding blendet ermüdend lange irgendwelche Landschaftsbilder ein, weil ihm nicht einfällt, wie man die Engelszene mehrere Minuten lang umsetzen kann“.

      Everding und sein Team hatten damals noch keine computergestützte Bildbearbeitung zur Verfügung und waren für die Spezialeffekte, die das Märchen verlangt, auf konventionellere Techniken und sogar auf den diskreten Einsatz von Animation angewiesen.


      What???
      „die Spezialeffekte, die das Märchen verlangt“? Welche Effekte verlangt das Märchen denn? Ja, im zweiten Akt verlangt es Nebel, eventuell noch ein Irrlicht, das hier aber gar nicht vorkommt. Im dritten Akt soll der Ofen explodieren, was jedes Opernhaus ohne Probleme gut umsetzen kann.
      Und „diskret“ ist der Einsatz von Animation hier sicher nicht. Und notwendig schon überhaupt nicht.

      Hier wird so getan, als würden diese Everdingschen Ideen alle in der Oper vorkommen – und als ob „konventionellere“ Techniken etwas Schlechteres seien als computergestützte Bildbearbeitung. Zumindest ist das mein Eindruck.

      Mein Fazit: ein mit massenweise schlechten und dümmlichen Ideen angereicherter Opernfilm, der das Werk nicht ernst nimmt.

      In diesem Zusammenhang freue ich mich auf jeden Fall schon auf die Besprechung, wenn ich im Jahr 1988 angekommen bin. :D





      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel (1982)




      Hänsel: Frederica von Stade
      Gretel: Judith Blegen
      Vater: Michael Devlin
      Mutter: Jean Kraft
      Knusperhexe: Rosalind Elias
      Sandmännchen: Diane Kesling
      Taumännchen: Betsy Norden

      Chor der Metropolitan Opera
      Orchester der Metropolitan Opera
      Dirigent: Thomas Fulton




      Nun kommen wir ins Jahr 1982, zu einem Mitschnitt einer HUG-Aufführung der Metropolitan Opera in New York, in englischer Sprache.
      Leider hat sie aus meiner Sicht ziemliche Schwächen, es ist eine veramerikanisierte Version der Oper.
      Aber auch hier der Reihe nach:

      Thomas Fulton betritt das Dirigentenpult und die Ouvertüre beginnt. Die Kamera zeigt schöne Großaufnahmen der Musiker, doch nach kurzer Zeit werden ständig die gezeichneten Entwürfe der Kostüme und Kulissen gezeigt, das Ganze auch noch in typischer 80er Jahre Manier, mit von neonfarbenen Rahmen umgebenen Thumbnails. Gut, der Film stammt von 1982; wäre das eine aktuelle Aufführung hätte ich gesagt, dass solche Bilder in die Extras, aber nicht in die eigentliche Aufführung hineingeschnitten gehören.

      Dann beginnt der erste Akt.

      Das Bühnenbild ist auf jeden Fall gut gemeint, es ist in keinster Weise modern, es gibt eine kärgliche Holzhütte, Stroh, Holzstühle, sogar einen brennenden Steinofen. Aber die schönste Kulisse hat keine Wirkung, wenn der Rest nicht passt, und der passt meiner Meinung nach absolut nicht. Es fängt schon mit „Suse, liebe Suse“ an, in der Gretel – aus welchem Grund auch immer – eine echte Katze auf ihrem Arm trägt, um sie dann nach dem Lied in einer Hinterkammer loszuwerden.

      Gretel wird von Judith Blegen gesungen, und für mich ist sie eine zweite Version der Rothenberger: das Gesicht stark geschminkt, mit rotem Lippenstift, passt es überhaupt nicht zur kaputten, geflickten Kleidung. Der Gesang ist – auch wenn man natürlich live eine andere Situation hat als im Studio und dementsprechend bewerten muss – für mich unschön. Mir kommt er sehr gepresst vor, ständiges Vibrato stört zusätzlich. Dazu immer wieder einmal kleine Unsauberheiten in der Intonation, was aber sicher zum Teil auch dem vielen Herumgerenne auf der Bühne geschuldet ist.

      Frederica von Stade singt hier erneut den Hänsel, diesmal auf Englisch und live. Sie ist zum Glück nicht so geschminkt wie ihre Kollegin, doch kann sie ihre gute Leistung aus der 1978er Studio-Aufnahme nicht halten; weg ist die schöne Mittellage, weg ist die schöne Höhe, stattdessen sehr viele dieser „quakigen“ Töne, die auch oft out of tune klingen. Gut, auch das hat sicher damit zu tun, dass sie hier live für ein Opernhaus singt, und nicht in ein Mikrofon, aber dennoch.

      Die Personenführung ist die ganze Oper hindurch für sämtliche Figuren ein Graus! Hänsel und Gretel müssen ständig infantil herumhopsen, laufen, sich fallen lassen, haben permanente Stimmungswechsel, usw. Wieder ein Regisseur, der meint, dass DAS kindlich sein soll.

      Vater und Mutter sind etwas erträglicher, obwohl auch hier ständig Action auf der Bühne ist, und man immer von einer Seite zur anderen geht.
      Während der Vorhang sich schließt und die Musik auf das Ende des 1. Aktes zusteuert, fängt das Publikum schon einmal lautstark zu applaudieren an – wen kümmert es schon, dass die im Graben Musik machen, ist eh nicht so wichtig. Das Publikum wird noch ein paar Mal negativ auffallen.

      Das zweite Bild hat ein paar schön ausgeleuchtete hohe Bäume zu bieten, aber das war es leider auch schon. Von Anfang an ist der Hintergrund dunkel, und die Beleuchtung ändert sich auch nicht. Ab der Echoszene fallen dem Regisseur dann lauter tolle Sachen ein: die Echos kommen von irgendwelchen Statisten in Tier- und Troll-Kostümen, die in der Szene herumwuseln. Überflüssig, peinlich, dumm, sonst nichts.

      Das Sandmännchen hat lange weiße Haare und einen weißen Bart, was bei dem Frauengesicht nicht wirklich gut aussieht.

      Die Traumpantomime ist nun etwas Besonderes, zumindest theoretisch. Man hat hier tatsächlich lauter erwachsene Frauen als Engel verkleidet, die aus einem romantischen Gemälde stammen könnten. Es gibt keine Kindereien, und das Schlussbild, während der Vorhang sich schließt, sieht tatsächlich „malerisch“ aus, wie es in Humperdincks Partitur steht.

      Aber leider ist auch hier die Optik alleine nicht alles. Die Engel schreiten und bewegen sich extrem theatralisch, dass es unfreiwillig komisch wirkt, ein unnötiger Effekt ist zudem, dass manche Engel in der Luft herumsausen.
      Vor allem aber fällt auf, dass die ganze Szene überhaupt keinen Bezug zur Musik hat. Wo das Orchester Spannung aufbaut, sich beruhigt, wild tobt etc. sieht man auf der Bühne eine Pantomime, die quasi für sich alleine abläuft. Wenn man sich schon die Mühe macht, die Bühne und die Engel so auszustatten, sollte man doch auch der Dramatik der Musik folgen, denke ich.

      Und auch hier klatscht das Publikum munter in die letzten Takte der Musik hinein, weil sich gerade der Vorhang schließt. Furchtbar, das.
      Im dritten Akt gibt es erneut Applaus, weil das Hexenhaus im Hintergrund auftaucht. Hier ändert sich das Bühnenbild nun schlagartig; von der noch halbwegs „altmodischen“ Kulisse kommt nun ein Hexenhaus, das eher an Wizard of Oz erinnert, eine amerikanische Version.

      Rosalind Elias spielt die Hexe, und die Maskenbildner haben ganze Arbeit geleistet: viele Falten, hässliche Zähne, hässliche Nase und eine grüne Zunge. Doch auch sie erinnert optisch eher an die Oz-Hexe, und die grüne Zunge, die demonstrativ öfter mal herausgestreckt wird, damit das Publikum es auch gut sieht, ist ein unnötiger Effekt, so wie auch die vielen Statisten in Kostümen, die hier herumstehen. Elias Hexe ist leider ebenfalls zu komisch angelegt, sie wuselt ständig herum, singt ins Publikum, schneidet Grimassen, etc. – auch hier wäre weniger mehr gewesen.

      Beim „Hurr hopp hopp hopp“ reitet die Hexe durch die Luft, und hier hat man sich zumindest Mühe gegeben, denn man sieht aus der Entfernung nicht so deutlich, dass es Puppen sind, und es sind auch mehrere in unterschiedlichen Positionen, und sie fliegen auch halbwegs „natürlich“.
      Dann landet die Hexe im Backofen (wieder Applaus vom Publikum, was sonst?), und die ganz offenbar politisch korrekt ausgesuchten Kuchenkinder (ebenfalls teilweise mit 80er Jahre Frisuren) erscheinen. Enttäuschend ist die Lebkuchenhexe – bei dieser verschwenderischen Ausstattung hätte ich mir mehr erwartet als nur eine dünne, ziemlich billig aussehende Papphexe..

      Nein, ich finde diese Inszenierung trotz der an sich nicht so schlechten Bühnenbilder in Akt 1 und 2 schwer erträglich.

      Fultons Dirigat ist routiniert, aber unspektakulär. Wirkliche Spannung kam für mich aber nie auf, dafür nimmt er auch viele Szenen zu schnell.

      Problematisch ist aber auch die Tonqualität: da klingen die Geigen erst laut, dann plötzlich extrem leise (etwa im Hexenritt), und wenn gesungen wird, hört man die Musik überhaupt nur mehr leise. Massenweise Klangfarben aus dem Graben gehen verloren. Das Blech klingt besonders in den lauteren Szenen (Forteausbruch Traumpantomime z.B.) durchaus druckvoll und kräftig, aber besonders die Streicher und hier besonders die Violinen klingen recht dünn. Insgesamt absolut keine „Jahrhundertaufnahme“.



      Ich besitze diese Aufführung lediglich auf DVD, die links oben abgebildet ist. Rechts daneben eine alte VHS.

      Auf dem großen Flatscreen mit Blu-ray Player betrachtet offenbaren sich die Schwächen der DVD sowie der Bildqualität des Ausgangsmaterials noch stärker: Treppchenbildung an den Kanten sowie Kantenflimmern, leichte Nachzieheffekte die in dunklen Szenen auffallen, eine generelle Unschärfe auch in größeren Einstellungen.

      Der Ton liegt in PCM Stereo sowie DTS 5.1 vor, wobei ich Stereo bevorzuge. Das NTSC Bild in 4:3 habe ich schon beschrieben, die DVD ist codefree.
      Es gibt Untertitel auf Englisch und auf Deutsch.

      Am Interessantesten für mich waren die Extras, bzw. das Extra, nämlich eine Fotogalerie „Hansel and Gretel at the Met“.
      Gezeigt werden historische Fotos aus vergangenen Vorstellungen, von 1905 – 2001. SängerInnen von 1905, 1927, den 40er Jahren, den 60er Jahren etc. werden da gezeigt, darunter auch Teresa Stratas als Gretel, Karl Dönch als Hexe, Rosalind Elias als Hänsel, Jennifer Larmore als Hänsel sowie Catherine Malfitano als Gretel. Dazu gibt es jeweils kurze Texte, die erläutern, wann welche SängerInnen an der Met in welcher Sprache gesungen haben.

      Sieht man sich diese alten Fotos an, so sieht man, dass das Argument, früher seien die Inszenierungen alle besser gewesen, falsch ist. Auch in den 20ern, den 30ern oder auch den 50ern hielt man sich nicht wirklich an die Regieanweisungen der Partitur, sondern hat sich alle möglichen Freiheiten genommen, verkitscht und verfremdet. Da stehen dann neben dem Lebkuchenhaus irgendwelche riesigen Zuckerstangen und ähnliches herum.

      Mein Fazit: eine stark amerikanisierte Fassung in englischer Sprache, was einfach nicht zu dieser Oper passt. Die sängerischen Leistungen sind eher enttäuschend (Ausnahme vielleicht der Vater), musikalisch hört man nichts Neues. Wer von Stade als Hänsel hören will, sollte zur Aufnahme unter Pritchard greifen, wo sie besser singt.





      LG,
      Hosenrolle1

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    • Hänsel und Gretel (Film, 1987)



      [Quelle für die Bilder: youtube.com]

      Am 7.4.1991 lief auf RTL diese Verfilmung, entweder aus dem Jahr 1986, 1987 oder 1988, ganz genau konnte ich das nie eruieren. Mir wurde er damals aufgenommen, und die VHS ist heute total abgenudelt und hat ein miserables Bild.

      Ich möchte für diesen Thread eine Ausnahme machen und einmal keine direkte Gesamtaufnahme besprechen, sondern eine Verfilmung der Oper, die hier besser passt als in einem eigenen Thread.
      Ich sage bewusst „Verfilmung der Oper“ und nicht „des Märchens“, denn tatsächlich hält sich die Handlung des Films so ziemlich an die Handlung der Oper, und schon im Vorspann steht „Music based on the opera ´Hansel and Gretel´ by Engelbert Humperdinck“. Man hat hierfür ausschließlich Humperdincks Musik verwendet, wenn auch oft in umarrangierten Versionen, aber dazu später mehr.

      In den 80er Jahren erschienen eine Reihe von Märchenfilmen, die „Cannon Movie Tales“, die ursprünglich für das Kino gedacht waren. Darin wirkten auch SchauspielerInnen wie Christopher Walken, Rebecca deMornay, Cloris Leachman, Isabella Rosselini u.a. mit.

      Eine Inhaltsangabe zu schreiben würde sich bei jeder gewöhnlichen Verfilmung erübrigen, aber in diesem Fall werde ich es trotzdem tun, damit man sieht, was man aus welcher Version (Grimms Märchen und Oper) verwendet hat.

      Handlung:

      Hänsel und Gretel leben als arme Kinder zusammen mit Vater und Mutter. Der Vater ist Holzfäller. Bei einem Besuch im Dorf bekommt Gretel von einem schmierigen Bäcker, für den ihr Vater Holz liefert, ein Säckchen Brotkrumen, und beide lernen bei einer Kasperlvorstellung ein Tanzlied. Wieder zu Hause bekommt die Mutter von einem Nachbarn einen großen Topf voller Milch, und während die Kinder ihre Arbeiten verrichten, sucht die Mutter draußen nach Beeren. Leider vergisst Hänsel den Stall des Esels zu schließen, und so tanzen die Kinder herum, während der Esel den Milchkrug umstößt. Die zornige Mutter schickt die beiden in den Wald zum Beerensuchen.
      Als der Vater nach Hause kommt und davon erfährt, ahnen beide, dass die Kinder in die verwunschenen nördlichen Wälder gegangen sind, um Beeren zu finden, und beide stürmen sie hinaus, um sie zu suchen.
      Hänsel und Gretel sind tatsächlich, trotz der Warnungen des Vaters, in die nördlichen Wälder gegangen, haben jedoch vorsorglich die Brotkrumen liegen lassen. Die Vögel fressen diese jedoch, und als es dämmert, belebt sich der Wald unheimlich, überall rufen Stimmen nach ihnen. Am nächsten Morgen wachen sie auf und erzählen sich von Engeln, von denen sie geträumt haben … sie gehen weiter, und kommen an das Lebkuchenhaus. Bald erscheint die Hexe in Gestalt von „Großmutter Griselda“, die beide in ihr Haus lockt und ihnen ordentlich auftischt. In der Nacht jedoch wacht Gretel auf und schleicht durch das dunkle Haus, um festzustellen, dass Griselda eine böse Hexe ist. Hänsel wird daraufhin in einen Käfig gesperrt, Gretel muss hart arbeiten. Doch am Ende gelingt es den beiden, Griselda in den Ofen zu verfrachten. Das ganze Haus explodiert, aus dem Lebkuchenzaun brechen die vielen Kinder aus, vormalige Opfer der Hexe. Auf dem Heimweg treffen die beiden auf ihre Eltern, und nachdem der Zauberstab der Hexe massenweise Geld ausspuckt, geht man guter Dinge nach Hause.
      _____


      Hier kann man schon gut sehen, wie man beide Teile zusammengefügt hat. Der Vater ist hier Holzfäller, die Brotkrumen kommen ebenfalls vor, und auch der Schatz der Hexe, den es nur bei Grimms Märchen gibt, ist Teil der Geschichte. Auch lockt die Hexe die Kinder in ihr Haus, sie laufen nicht noch vor dem Haus vor ihr weg.

      Zuallererst möchte ich sagen, dass dieser Film für mich die beste aller (bisher von mir gesehenen) Hänsel und Gretel-Verfilmungen ist, denn er nimmt das Märchen und in diesem Fall die Oper absolut ernst.
      Das Leben der Familie, das hier geschildert wird, ist alles andere als lustig, sondern ziemlich trostlos. Viele kleine Szenen verdeutlichen das, etwa wenn sich der Vater ärgert, dass er seiner Tochter nicht einmal ein billiges Haarband kaufen kann, oder die Mutter in ihrem Zorn den Kindern sagt, dass sie beten sollen, dass sie am Morgen nicht mehr aufwachen müssen.

      Das ist ziemlich hart für einen Märchenfilm, und das macht es auch verständlich, dass für die Kinder jeder kleine Spaß, wie etwa das Tanzduett, schon eine kurzweilige Abwechslung, eine kurze Flucht vor diesem Alltag ist.

      Sobald die Kinder im Wald sind wird es noch heftiger. Die Stimmen und Geräusche der Dämonen und Geister, die die Kinder erschrecken, sind ziemlich gruselig, und besonders schaurig ist die Szene, als beide zusammengerückt in der Dunkelheit des Waldes sitzen und man plötzlich eine tiefe Stimme, die ganz in der Nähe ist, nach ihnen rufen hört.

      Ein Unterschied zur Oper ist, dass man hier den Vater ab und zu kurz sieht, wie er im Wald nach den Kindern sucht, und dabei abwechselnd seine Kinder um Hilfe und dann die bösartigen Geisterstimmen diese Hilferufe nachmachen hört.



      Das Highlight des Films ist aber die Hexe, die übrigens erst nach über einer Dreiviertelstunde auftaucht. Hier haben wir es nicht mit einer lustigen Hexe zu tun, mit einer Slapstick-Hexe, oder einer alten Frau, die halt ein bisschen böse ist. Die Hexe von Cloris Leachman ist furchteinflößend und übel, und kennt keinen Spaß; als Hänsel sich an einer Stelle weigert, noch mehr zu essen, schleicht sie sich mit einem großen Messer zur schlafenden Gretel und droht damit, sie zu erstechen. „Ich werde sie mir kurzbraten, und sie hier vertilgen, hier direkt vor deinen Augen“. (Leachman werden sicher viele aus Filmen wie „Frankenstein Jr.“ kennen, wo sie die Frau Blücher gespielt hat).

      Die DVD Vision schreibt etwa in 4/2006: „Spannende Realverfilmung des Grimm Märchens. Für empfindliche Gemüter eingeschränkt empfehlenswert“. Und das Lexikon des internationalen Films lobt Leachmans Darstellung: „Ergötzlich (wenngleich für kleinere Kinder recht schreckhaft): Cloris Leachman als böse Hexe.“

      Man hat bei dieser Hexe zu keiner Zeit das Gefühl, dass sie eine alte, schrullige Frau ist, die man leicht austricksen kann. Wenn Gretel zu lange vor dem Haus Wasser holt, ruft die Hexe nach ihr, und als sie der schlafenden Hexe ihr Augenglas vorsichtig stehlen möchte, packt sie Gretel plötzlich am Arm und fragt, was sie da tut. (Netter kleiner Jumpscare für die Jüngeren).



      Und so wirkt es auch umso stärker, als die Hexe endlich tot ist und ihre Strafe bekommt, denn von dieser Hexe geht tatsächlich eine Bedrohung aus.

      Aber die Hauptpersonen sind Hänsel und Gretel, und ich wünschte mir, dass sich Regisseure, die die Oper inszenieren, diesen Film ansehen würden, denn die beiden Kinder spielen die Titelrollen völlig natürlich, ohne pseudo-kindliches Herumgehüpfe und auf dem Boden herumkugeln, ohne Slapstick, ohne übertriebene Gesten etc.
      Liebe Regisseure, liebe Sängerinnen: seht euch an, wie man diese Rollen darstellt!

      Als Vater tritt hier David Warner auf, der einen guten Job macht, und auch die Mutter wird super dargestellt. Gestresst, verzweifelt, wütend, aber nicht bösartig. Wie in der Oper macht sie sich Sorgen, als sie die Kinder in Gefahr wähnt, und stürmt hinaus, um sie zu suchen.

      Loben muss ich auch die gesamte Ausstattung des Films. Das Haus des Holzfällers sieht kärglich aus, und auch das Dorf schaut so herrlich „mittelalterlich“ aus. Altmodische Häuser, eine Bäckerei wie man sie sich um 1800 wohl vorstellt, verschiedene Kaufleute, usw.

      Und natürlich das Hexenhaus, das direkt aus einer Ludwig Richter-Illustration stammen könnte! Griselda sieht vor ihrer Verwandlung ebenfalls sehr altmodisch aus, mit ihrer Schürze und ihrer Haube, und auch das Haus sieht innen sehr rustikal aus, so wie das Schlafzimmer, in dem sogar ein Gemälde von Frans Hals aus dem 17. Jahrhundert hängt. (Nebenbei, wenn man sich manche Stücke aus der Oper ohne Gesang anhört, eventuell sogar in einer für wenige Instrumente arrangierten Version, hört man etwa beim Tanzduett und bei „Suse, liebe Suse“, dass die Musik etwas „mittelalterliches“ hat, die Melodien, die Harmonik etc.)

      Auch die Kostüme wirken allesamt realistisch und schön altmodisch, ohne dabei kitschig zu sein: einen Hänsel in Lederhosen und Hut mit Feder drin gibt es hier nicht, ebenso wenig wie in Tierkostümen steckende Darsteller, die man so oft in Märchenfilmen der 50er Jahre sieht.

      Und natürlich die Musik! Die passt zu diesen Kulissen, zu den Wäldern, zu dem Knusperhaus, zu dem Dorf einfach am besten!

      Ich habe ja eingangs erwähnt, dass die Musik großteils umarrangiert wurde, jedoch in den allermeisten Fällen nicht so dass es störend wäre. So hört man etwa, als man das altmodische Dorf sieht, „Suse, liebe Suse“, und es passt einfach so herrlich dazu. Besonders effektiv der Hexenritt, der die Szene begleitet, in der Hänsel und Gretel im dunkler werdenden Wald von den Geistern erschreckt werden.

      Eine Aufwertung ist für mich auch, dass die Geschwister hier auch mehr füreinander da sind, es wird nicht so gestritten wie in der Oper, sondern zusammengehalten.

      Gelungen finde ich den Anfang des Films, als der Vorspann losgeht; man sieht ein paar Scherenschnitte von Hänsel und Gretel im Wald und mit der Hexe, während zuerst „Brüderchen, komm tanz mit mir“ und dann „Ein Männlein steht im Walde“ angespielt wird. Für mich ist das ein schöner Kunstgriff, dass die Figuren in diesen Bildern, speziell die Hexe mit ihrem spitzen Hut, nicht so aussehen wie die im Film, und man trotzdem dadurch in diese Märchenstimmung gebracht wird.



      Normalerweise bin ich immer für den Originalton in Filmen, in diesem Fall aber ausnahmsweise einmal nicht. Das liegt zum einen daran, dass das Märchen und die Oper auf Deutsch sind, und die deutsche Sprache für mich daher auch besser passt, zum anderen aber vor allem daran, dass die deutsche Synchronisation den Film nochmal ernster nimmt als die englischen Dialoge, besonders was den Tonfall betrifft. Im Original haben Hänsel und Gretel einen ziemlich starken britischen Akzent, nur die Hexe ist mit Cloris Leachman mit einer Amerikanerin besetzt.
      Auch ist die Wortwahl in manchen Szenen auf Deutsch einfach „märchenhafter“ und „altertümlicher“.


      Minuspunkte gibt es für zwei Dinge, die mich etwas stören. Zum einen ist es die Idee mit dem Esel, der die Milch umstößt. Wieso man da einen Esel in die Geschichte einfügen muss, statt dass man etwa Hänsel und Gretel den Krug aus Versehen umstoßen lässt, weiß ich nicht. Und ich mag die allerletzte Szene des Films nicht, wo die Eltern, Hänsel und Gretel sowie die befreiten Kinder alle aus dem Bild gehen, und man noch kurz den nun leeren Weg sieht … es ist wohl so ähnlich wie bei Ben Hur von 1959, wo die Kamera plötzlich von den Hauptfiguren weg geht. In der Oper ist das nicht so, da sind die Figuren alle auf der Bühne, während der Vorhang zugeht.

      Das Lexikon des intern. Films hat ansonsten ein recht vernichtendes Urteil:

      Aufwendige Verfilmung des bekannten Volksmärchens der Gebrüder Grimm, die sich auf Handlungselemente der gleichnamigen Märchenoper von Humperdinck bezieht. Zwar werden Grausamkeiten vermieden, und der Film bietet durchaus einige optische Höhepunkte, zugleich aber knüpft er allzu hausbacken an technisch und pädagogisch überholte Märchenfilm-Produktionen der 30er Jahre an.


      Es ist schon lobenswert, dass das mit Humperdincks Oper erwähnt wird, aber eigentlich ist dieser Film eine Verfilmung der OPER, in die einige Elemente aus dem Grimmschen Märchenbuch eingebaut wurden.

      Den Schluss verstehe ich aber nicht: technisch und pädagogisch überholt.
      Technisch überholt ist m.E. unzutreffend. Es gibt hier keine Computereffekte, kein Effektgewitter, falls das gemeint ist. Das ist für mich aber kein Nachteil. Und pädagogisch?? Was soll das in diesem Zusammenhang bedeuten? Was hat sich der Autor dieser Zeilen erwartet?



      Ich besitze den Film in zwei Versionen (mein abgenudelter VHS-Mitschnitt nicht mitgerechnet).

      Zum einen auf VHS-Kaufkassette von 1990, die aber nicht empfehlenswert ist, denn leider wurde hier im Vorspann heftig geschnitten, warum auch immer, von der Bild- und Tonqualität eines so alten Bandes einmal abgesehen.
      Und auf DVD, die aber eigentlich ebenfalls nicht empfehlenswert ist. Die Bildqualität ist zwar vergleichsweise gut, aber leider hat man die Helligkeit viel zu hoch geschraubt, so dass Nachtszenen zu hell sind. Außerdem ist das Bildformat ein Witz, denn man hat oben und unten diese 16:9 Balken, die aber keine Funktion haben – sie verdecken das Bild bloß und rauben ihm Informationen. Andererseits bietet die DVD den Film ungeschnitten, der Vorspann ist vollständig (und auf Englisch) enthalten, und auch das Lied des heimkehrenden Vaters, das für den deutschen Verleih auf VHS und in Fernsehausstrahlungen immer herausgeschnitten wird, ist nun mit dabei.

      Ich würde mir daher nichts davon kaufen. Das eine ist geschnitten und hat ein schlechtes Bild, das andere ist ungeschnitten, und hat ein viel zu helles Bild, was auf Kosten der Stimmung und Atmosphäre geht. Selten spielt es ihn einmal im Pro7 Vormittagsprogramm (manchmal sogar komplett ohne Werbung, während RTL 1991 gleich 2 Werbungen drin hatte!), beim nächsten Mal werde ich darauf achten, ob der Vorspann ganz ist und die Helligkeit passt.

      Mein Fazit: eine Verfilmung, die die Oper und das Grimmsche Original absolut ernst nimmt. Keine lustig-bunte Märchenwelt, und glaubhafte Darsteller. An den beiden Kindern und an dieser Hexe sollten sich Regisseure und Sängerinnen ein Beispiel nehmen. Cloris Leachmans Darstellung muss man gesehen haben!




      LG,
      Hosenrolle1

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    • Ich möchte an dieser Stelle drei Bilder der samtgrünen Ausgabe der Suitner-Aufnahme nachreichen, die zeigen sollen, dass man sich mit der Gestaltung Mühe gegeben hat.








      Booklet mit Libretto, den Aufsätzen, Fotos von Humperdinck, etc., dazu schön bedruckte CDs.
      Nur der Samtschuber ist ein ziemlicher Staubfänger, der gerne fusselt.





      LG,
      Hosenrolle1
    • Hallo Hosenrolle,
      ich habe zwar von HuG keine Ahnung (ich habe das in meiner Jugend mal im TV gesehen, später nie wieder), aber hier muss ich doch den Zeigefinger erheben:


      zugleich aber knüpft er allzu hausbacken an technisch und pädagogisch überholte Märchenfilm-Produktionen der 30er Jahre an.


      Dieser Halbsatz besagt nicht, dass der besprochene Film technisch und pädagogisch überholt sei, sondern nur, dass er hausbacken ist und an technisch und pädagogisch überholte Filme anknüpft.

      Wenn ich zum Beispiel in einem getupften Kleid mit Schleife im Rücken ausgehe und jemand sagt: "Dein Outfit erinnert an alte Filme, in denen mäßig begabte Teenager zu Rock'n'Roll umherhüpften", heißt das nicht, dass ich mäßig begabt sei und umherhüpfte. Es heißt nur, dass meine Kleidung den Sprecher daran erinnert.

      Dass eine solche Aussage nicht gerade ein Kompliment ist, steht auf einem anderen Blatt, aber man darf auch nichts hineinlesen, was nicht expliizit gesagt wurde.

      Mit Grüßen,
      Zefira, Genauleserin

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Zefira ()

    • Vielleicht hast du Recht, aber ich finde auch nicht, dass er an diese Filme anknüpft.

      Im Gegenteil, wenn man sich diese alten Märchenschinken ansieht, findet man meist stark verniedlichte Versionen der Originale, eben mit besagten Darstellern in Tierkostümen etc.

      In den 50ern gab es z.B. einen Hänsel und Gretel-Film, wo die Hauptfiguren in den Wald gehen, um den Schat am Ende eines Regenbogens(!) zu finden, damit wieder Geld da ist.
      Und die Hexe war nicht gruselig, sondern einfach nur eine ungefährliche ältere Frau.

      Aber diese Filmversion hier ist völlig anders, sie ist düster, ernst, und die Hexe ist grausig.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Hänsel und Gretel (1989)


      [Quelle MC-Box: ebay.com]

      Hänsel: Anne Sofie von Otter
      Gretel: Barbara Bonney
      Vater: Andreas Schmidt
      Mutter: Hanna Schwarz
      Knusperhexe: Marjana Lipovšek
      Sandmännchen: Barbara Hendricks
      Taumännchen: Eva Lind

      Tölzer Knabenchor
      Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks
      Dirigent: Jeffrey Tate



      Nun sind wir im Jahr 1989, seit der 1. Aufnahme dieses Threads sind über 70 Jahre vergangen. Nachdem ich mir diese Aufnahme für diese Besprechung ein paar Mal angehört habe, komme ich leider zu dem Schluss, dass die Erinnerung oft trügen kann. Man hat Einspielungen oder einzelne Stimmen in guter Erinnerung, und wenn man sie dann wieder hört, stellt man fest, dass es den eigenen Ansprüchen nicht mehr genügt.
      Tontechnisch ist diese Aufnahmenatürlich noch einmal viel besser als die vorangegangenen, wobei es Einschränkungen gibt. Zum einen ist das der Hall, den ich zu stark finde, und auch lautere Stellen, in denen das ganze Orchester beteiligt ist: hier werden ganze Instrumentengruppen gerne verschluckt und nicht mehr deutlich herausgestellt. Aufgenommen wurde übrigens im Herkulessaal in München.
      In leiseren Passagen, und/oder bei Stellen, an denen wenige Instrumente spielen, offenbart der Ton seine Stärken. So gibt es manche Stellen (etwa die Cello-Triole 21 Takte nach Buchstabe B in der Ouvertüre), wo man nicht nur die Töne des Instrumentes hört, sondern auch die Klangcharakteristik desselben. Das ist sehr blöd in Worte zu fassen … man hört hier quasi auch das Holz, den Resonanzkörper des Instruments, nicht nur die schwingende Saite, wenn man so will. Das ist etwas, was mir eigentlich generell in Klassikaufnahmen, speziell in älteren, fehlt.

      Tates Dirigat ist leider nicht mein Fall. Insgesamt finde ich seine Interpretation zu weich, wenn es lauter wird, dann meist für kurze Akkorde, kurze Augenblicke, die schnell wieder gezügelt werden. Das zieht sich durch die ganze Aufnahme hindurch, und dadurch gewöhnt man sich schnell daran, es gibt keine wirkliche Abwechslung.
      Die Ouvertüre klingt schön, aber da war keine Stelle dabei, die mich besonders gefesselt hätte. Die druckvolle Pauke beim lauten Forteausbruch kam hier einmal schön zur Geltung.

      Der erste Akt geht los, und gleich in Takt 4-5 der Einleitung spielen die beiden Clarinetten ihr kurzes Motiv so schön wie ich es in noch keiner anderen Aufnahme gehört habe, sehr ausdrucksvoll betonen sie die Melancholie, die in dieser Melodie steckt.
      Leider hört man von den gezupften Streichern gleich überhaupt nichts, die gehen in den langen Liegetönen der Hörner unter.

      Und dann fängt Barbara Bonney als Gretel zu singen an … und das hier ist der Punkt, den ich eingangs angesprochen habe: ich hatte sie als Gretel viel besser in Erinnerung, was aber auch daran liegen könnte, dass sie vor 10 Jahren quasi meine allererste Gretel war, die ich in einer Aufnahme gehört habe. Mir gefällt ihre Susanna im „Figaro“ immer noch sehr, sehr gut, aber als Gretel höre ich nun doch einige „Schwächen“. Mich stört etwa die Aussprache. Sie singt die Wörter zwar sauber und ohne Schnitzer, aber man merkt, wie sie sich besonders bemüht, möglichst wortdeutlich zu klingen, was bei der Susanna nicht der Fall war – dort sang sie einfach so heraus, ohne jedes Wort überdeutlich auszusprechen.

      Was mich auch stört ist das ständige leichte Vibrato in ihrer Stimme. Sie hat zwar eine helle Stimme, und eiert nicht so herum wie etwa die Rothenberger seinerzeit, aber dieses Vibrato ist ständig da, und wenn die Töne höher werden, forciert sie etwas, was ich unangenehm finde. Das wäre m.E. nicht nötig gewesen, weil sie ohne Vibrato, ohne forcieren wirklich herrlich klingen kann. Ich hätte mir gedacht, dass die Stelle „Ein Geheimnis“ von ihr klangschön und präzise interpretiert wird, aber leider nicht; die Notenwerte werden nicht genau eingehalten, ein Ton wird überhaupt weggelassen. Auch später im Tanzduett, wenn sie Hänsel „Komm“ zuruft, singt sie nicht den vorgeschriebenen Haltebogen, sondern unterbricht, holt Luft und setzt neu an, was den Fluss dieser Stelle auch etwas bremst. (Apropos Tanzduett: leider haben es die Tontechniker auch hier übertrieben und gemeint, man müsse die Stimmen mit dem Balanceregler von einer Seite zur anderen bewegen. Leider klingt das – vor allem ohne dass man es sieht oder Schritte dazu hört - unnatürlich und irritierend, und keineswegs so, als würden sich die Figuren im Raum bewegen.

      Dieser Stereoeffekt funktioniert weder auf Kopfhörern noch auf Lautsprechern, weil man live eine Stimme immer auf beiden Ohren hört, auch wenn die Sängerin ganz links oder rechts steht, während bei solchen Effekten wie hier die Stimme nur aus einer Box ertönt).


      Anne Sofie von Otter ist für mich wiederum eine absolute Fehlbesetzung. Stimmlich wie darstellerisch. Sie klingt wie die Fassbaender, einschließlich dieser grausigen, quakigen Töne in der Mittel- und der tieferen Lage, viel zu tief und zu dunkel. Besonders zu Beginn stört ihr dauerndes Schluchzen und Glucksen, was dann aber zum Glück aufhört. Das ist kein Hänsel, das ist übertrieben und unnötig.
      Ich weiß nicht, wessen Idee es war, die Worte „klapp klapp klapp“ im Tanzduett synkopiert singen zu lassen, statt im vorgeschriebenen Rhythmus, aber es klingt ebenfalls unschön.

      Die Stimmen mischen sich auch leider nicht wirklich in all den Duetten, die es in dieser Oper gibt. Bonney vermeidet es zwar, überlaut herum zu trällern, wie das manche Gretel-Sängerinnen gerne tun, dennoch ist der Unterschied zwischen ihrer Stimme und der von von Otter zu groß; dazu kommt, dass Hänsels Stimme in diesen Duetten leider oft untergeht, was, wie ich glaube, daran liegt, dass von Otter sie sehr leise singt. Ein schönes Beispiel ist die Silbe "vier" im Abendsegen (5 Takte nach RZ 92), wo Hänsel und Gretel d1-d2 singen, wobei man Hänsels tiefes d1 überhaupt nicht hört. Klingt nach wenig, macht aber sehr viel aus.
      Wenn ich da wiederum an diese eine YouTube-Version denke, oder an die Duette Grümmer-Köth …


      Die Mutter kommt nach Hause und plärrt stimmstark herum, dann kommt auch der Vater. (Hier möchte ich 5 Takte nach RZ 38 erwähnen, wo die Pauke sehr schön herauskommt und beiträgt, diesen Moment sehr wuchtig werden zu lassen. Die Stelle habe ich für mich neu entdeckt, werde sie in den anderen Aufnahmen auch mal anhören.)

      Unschön ist dann die Panne bei RZ 44, als die Mutter sich versingt, und statt auf der 4 schon auf der 3 einsetzt. Hier wurde garantiert nachträglich geschnitten, denn von der musikalischen Begleitung der Klarinetten und Fagotte wurde ein Ton weggelassen.

      Hier sieht man (in der Klavierauszugsfassung) wie die Stelle korrekt geht:



      Und hier, wie es auf der Aufnahme klingt:



      So etwas darf in einer kommerziellen Aufnahme nicht passieren.


      Der Vater singt ganz ordentlich, was mir gefallen hat war die Stelle „Es reiten drauf … es reiten drauf die Hexen!“, wo er das erste „Es reiten drauf“ leise nimmt, um es beim zweiten Mal lauter und mit voller Stimme zu singen. Ein schöner Effekt.
      Nach der Hexenballade gibt Tate leider viel zu viel Gas, und hetzt das Orchester bis zu den Schlusstakten des 1. Aktes. Die Flatterzunge der Trompeten hört man zwar schön deutlich, aber die schreienden Triller der Streicher und des Holzes kommen überhaupt nicht zur Geltung – diese ganzen 10 Takte nach RZ 60 habe ich schon mit viel mehr Sinn für Spannung, Dramatik und Grusel gehört.

      Der Hexenritt war für mich enttäuschend. Gleich zu Beginn höre ich hier nichts von den gezupften Streichern, und auch die große Trommel kommt nicht mit der erwarteten wuchtigen Tiefe.
      Von RZ 62-63 höre ich vom Blech überhaupt nur die 1. Posaune, der Rest ist irgendwie ein lärmender Mischmasch. Hier hat Solti die Nase vorn, der noch im lautesten Getöse für eine Balance zwischen den Instrumenten sorgt. Auch der Hexenritt hat nichts Groteskes oder Gruseliges, er kommt weich und zahm daher.
      Das Bratschensolo in den letzten Takten des Hexenritts (2 Takte vor RZ 68 – 68) gefällt mir gar nicht. Man hört an einer Stelle deutlich das kurze Kratzen des Bogens an den Saiten, und auch die restlichen Töne kommen irgendwie unsicher und ungleichmäßig daher.

      Die Waldszenen liegen Tate sicherlich mehr, hier geht es eher ruhiger zu. Zumindest hier hätte ich erwartet, dass die Echoszene auch stimmungsvoll umgesetzt wird, aber leider nicht. Die Echos (und der Kuckuck) sind zu laut und erzeugen praktisch keine räumliche Tiefe, Gretels Echos sind überhaupt gleichlaut. Kurz darauf, bei RZ 86, sollte die Bassclarinette piano spielen, ein Takt später zwei Fagotte im pianissimo (also leiser) einsetzen. Der Ton spricht aber nicht direkt an, und als er kommt, ist er eindeutig zu laut, was unschön klingt.

      Dann kommt schon das Sandmännchen von Barbara Hendricks, mit teilweise eigenartiger Aussprache („in sanftööör Ruh“) und zu kräftiger Stimme.
      In der Traumpantomime höre ich das einzige Mal, dass der Dirigent die Zügel locker lässt, und zwar ab Takt 5 nach RZ 103, wo ein großer dramatischer, lauter Ausbruch kommt, und der Pauker seine Triolen immer lauter ins Fell schmettert, dass der Ton am Ende eher ein hohes kurzes „Peng“ als ein wummerndes „Bummmm“ ist. (Ähnliches habe ich einmal bei einem Freischütz in der Volksoper erlebt, als ich in der Loge über den Pauken saß. Direkt nach der Generalpause in der Ouvertüre drosch der Pauker ebenfalls so fest auf das Fell, dass es dieses besagte hohe „Peng“ war). Diese lauten Töne klingen in der Aufnahme dann doch gemäßigt, hier kommt die Technik an ihre Grenzen.

      Am Ende der Pantomime dann (9 Takte nach RZ 104) werden die Streicher in ihrer wiegenden Aufwärtsbewegung leider kurz zu schnell und offenbar vom Dirigenten rasch gezügelt.


      Der dritte Akt beginnt wieder mit dem Taumännchen. Durchschnitt, zu laut, zu kräftig, zu viel Vibrato.

      Die Hexe ist auch nichts für mich. Wieder höre ich hier dieses Verstellen der Stimme, dieses hin und her zwischen Brust- und Kopfstimme.
      Auch hier sorgt Tate nicht wirklich dafür, die Hexe musikalisch gruselig in Szene zu setzen. Das Scheitekrachen klingt harmlos, „Hurr hopp hopp hopp“ zieht schnell und unspektakulär vorüber.

      Nachdem die Hexe ihr Ende gefunden hat, explodiert der Ofen und bekommt von der Tontechnik eine ordentlich klingende Explosion spendiert, nicht dieses lächerliche Geklappere der Solti-Aufnahme. Alsdann befreit sich der Tölzer Knabenchor aus seinem Lebkuchengefängnis, doch leider fehlen die Mädchenstimmen. Ich kann diesen hohen Bubenstimmen, die Mädchenpartien übernehmen, nichts abgewinnen, andere mögen es vielleicht.




      Ich habe diese Aufnahme nur in dieser CD-Box von 1990, es gibt sie aber auch in dieser MC-Box, ebenfalls von 1990, die ich nicht besitze.. Es handelt sich bei der CD um einen Pappschuber, in dem die Doppeldecker-Hülle für die CDs sowie ein dickes Booklet enthalten sind.
      Das Booklet enthält das Libretto, sowie die übliche Synopsis und interessante Infos zur Entstehung und zum Komponisten.

      Dabei geht es schon in der Einleitung um die vorliegende Aufnahme, woraus ich zitieren möchte:

      Für die Schule der modernen Opernregisseure, die imstande zu sein scheinen, auch die harmloseste Opernhandlung zum Vorwand zu nehmen, um Konzentrationslager, Sturmtruppen und Kinderschänder auf die Bühne zu bringen, mag Hänsel und Gretel der geeignete Stoff sein. Es ist daher recht erstaunlich, dass eine Oper, die uns in der Tat – gehen wir zurück auf die wahren Intentionen der Gebrüder Grimm – mit sehr realen Schrecknissen konfrontiert, im allgemeinen als beliebte Familienunterhaltung und ideale Gelegenheit für einen Weihnachtsausflug angesehen wird, besonders in deutschen Familien. Selbst wenn die Geschichte ein glückliches Ende nimmt, so ist doch alles Vorangehende von Humperdinck auf äußerst geschickte Weise zu einem Test in Psychoterror gestaltet und darauf angelegt, selbst den abgebrühtesten Erwachsenen blass werden zu lassen.


      Bis hierhin bin ich einverstanden und stimme auch zu.


      Es ist eine Oper, die als echtes Musik-Drama zu gestalten ist. Es reicht nicht aus, sie nur mit schönen Stimmen zu besetzen, denn jede Rolle ist eine perfekt abgerundete Charakterstudie.


      Hier bin ich schon etwas anderer Ansicht. „Charakterstudie“ finde ich schon zu hoch gegriffen. Ich finde es ja schon bedauerlich, dass man aus den liebevollen Titelfiguren des Originals zwei ziemlich egoistische Kinder gemacht hat. Eine Charakterstudie wäre für mich sicher eher, wären Hänsel und Gretel in der Oper wie Gleichen geblieben wie im Märchen.


      Die Darsteller der beiden Kinder sollten die Falle falscher Kindlichkeit zu vermeiden suchen, in die Erwachsene oft geraten, wenn sie Kinder imitieren.


      Das stimmt wiederum.


      Trotz dieser kritischen Worte bleibt leider die übliche Lobhudelei über die eigene Besetzung nicht aus, wovon ich diesen Part hier nicht unkommentiert lassen kann:

      Für die glanzvollen Nebenrollen des Sandmännchens und des Taumännchens schienen uns Barbara Hendricks und Eva Lind das „Ätherische“ zu haben, das für diese beiden Rollen erforderlich ist.


      Der Konjunktiv passt hier sogar, denn „Ätherisch“ ist da nichts. Ich würde sagen, dass man die Besetzung nach ihrer Bekanntheit ausgesucht hat, um große Namen aufs Cover schreiben zu können.


      Mein Fazit: eine Aufnahme, die man nicht wirklich haben muss. Bonney ist ok, der Vater ebenfalls, der Kinderchor ist nicht korrekt besetzt und das Dirigat zu eintönig.





      LG,
      Hosenrolle1

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    • Auch diesen Thread habe ich (dank wieder an Satie!) generalüberholt, da ich festgestellt habe, dass mehrere Bilder verschwunden waren, vermutlich weil die Seite, auf der sie gespeichert wurden, gelöscht wurde.

      Mehrere Bilder habe ich neu aufgenommen, ich denke, sie sind nun ein bisschen besser gelungen.




      LG,
      Hosenrolle1
    • Hänsel und Gretel (1981)



      https://www.youtube.com/watch?v=xKXEVW4udvc


      Hänsel: Annelott Damm
      Gretel: Steffi Ullmann
      Vater Peter: Ekkehard Wlaschiha
      Mutter Gertrud: Ursula Brömme
      Knusperhexe: Hans-Peter Schwarzbach
      Sandmännchen: Anett Oschatz
      Taumännchen: Venceslava Hruba-Freiberger

      Gewandhauskinderchor
      Gewandhausorchester
      Dirigent: Horst Gurgel



      Ich springe wieder zurück in die frühen 80er Jahre, ins Jahr 1981. Vor kurzem hat jemand einen kompletten Mitschnitt einer Fernsehausstrahlung auf YouTube gestellt, den ich noch nicht kannte. Die Bild- und Tonqualität ist zwar weit entfernt von HD, aber dennoch absolut in Ordnung.

      Es handelt sich hier, laut Abspanntext, um eine Produktion des Opernhauses Leipzig, und wurde – so sieht es jedenfalls für mich aus – auch auf einer Opernbühne aufgenommen. Jedoch wurde die Audiospur schon vorher aufgenommen, die SängerInnen singen also Playback, und nicht live. Auch gibt es kein Publikum, es handelt sich also nicht um eine reguläre Aufführung, sondern um ein eigens für das Fernsehen abgedrehtes Special.
      Es fängt leider schon nicht sehr gut an, denn die Ouvertüre wird nicht ganz ausgespielt, konkret nur bis Buchstabe D.

      Dann geht es los: das Bühnenbild ist durchaus rustikal und naturalistisch, aber das alleine genügt nicht, wie man schnell feststellt.



      Die Gretel von Steffi Ullmann ist stimmlich guter Durchschnitt, klingt recht hell, aber schon optisch finde ich sie unpassend – lang und dünn, und vom Gesicht her wenig mädchenhaft.

      Der Hänsel von Annelott Damm sieht da schon etwas jünger aus, aber auch sie wirkt wenig jungenhaft – was auch für ihre viel zu tiefe, vibratoreiche Stimme gilt. Das Playback-Singen ist für die beiden, aber auch später für die Eltern sowie die Hexe, ein Problem, denn öfter einmal sieht man in unvorteilhaften Nahaufnahmen, dass die Lippenbewegungen überhaupt nicht zum Text passen.

      Am Schlimmsten aber finde ich die Regie von Uwe Wand, der die Kinder permanent Richtung Publikum singen lässt (ich hasse das!!), und Ihnen gesagt hat, sie sollen ständig wild herumrennen und –fuchteln, immer springen und hüpfen, und sich möglichst kindisch verhalten. Absolut daneben, es wirkt aufgesetzt und unnatürlich.

      Was also nützt einem eine halbwegs passende, schöne Kulisse, wenn die Personenführung dann so verhunzt wird? Wenn man von der Regie und dem ständigen Overacting von Hänsel und Gretel absieht, so fällt auch auf, dass die beiden Sängerinnen auch keine guten Darsteller sind. Man sehe sich nur an, wie der im Stall der Hexe eingesperrte Hänsel seiner Schwester warnend zuruft, sie solle aufpassen, was die Hexe macht und zum Schein alles tun, was diese möchte – Hänsel schaut hier fröhlich und unbekümmert und fast schon unbeteiligt drein. Von Angst keine Spur. Offenbar ein großer Spaß für die Sängerin, jetzt mal einen Jungen zu spielen, und – hihi, wie lustig – in einem Stall eingesperrt zu sein. So wirkt das auf mich.

      Was dieser erste Akt dabei auch schon zeigt ist, dass man auch vor 35 Jahren lauter neue Ideen hatte. So bindet Hänsel etwa gleich zu Beginn keine Besen, sondern repariert ein Loch im Dach.

      Die Darstellerin der Mutter hat ebenfalls Probleme mit dem lippensynchronen Singen, vor allem aber haut sie sowas von absichtlich den Milchtopf um …
      Der Vater erinnert mich stimmlich ein bisschen an Hermann Prey, darstellerisch muss er ebenfalls herumkaspern, aber wenigstens klingt er einmal gut. Die Regie hat offenbar den Text nicht gelesen, denn als die Mutter singt „Den Besen, den lass nur an seiner Stell“ hat der Vater gar keinen Besen in der Hand!

      Der Hexenritt wurde völlig gestrichen, und die Waldszenen sind von der Kulisse her schön, aber auch hier stört die Regie. Bei Gretels „Da kommen weisse Nebelfrauen“ wird von irgendwoher eine kleine Rauchwolke ausgestoßen – sehr lieblos gemacht. Als Hänsel „Wer da?“ ruft, ruft er (natürlich) wieder in Richtung Publikum, die Echos sind irgendwie viel zu leise, was aber auch an der Aufnahme liegen kann.

      Das Sandmännchen ist gesanglich eine positive Überraschung, eine sehr junge, helle Stimme, vielleicht schon fast zu jung. Negativ fällt aber ein deutliches Lispeln auf. Auch hat man die hübsche Sängerin leider in ein Sandmännchen-Kostüm gesteckt, das sehr an das Sandmännchen aus dem Fernsehen erinnert, inkl. aufgeklebtem Bart. Meiner Meinung nach passt eine Frauenstimme und ein Bart nicht zusammen, ich hätte das Sandmännchen lieber als eher androgyne Figur gesehen.

      Der Abendsegen gefällt mir überhaupt nicht, die Stimmen passen nicht zueinander, und da jeder (besonders der Hänsel) mit Vibrato singt, ist das eher ein Gewobbel.

      Die Traumpantomime ist enttäuschend: statt der 14 Engel sieht man Hänsel und Gretel in Großaufnahme im viel zu hellen Licht schlafen, während gleichzeitig ihr Traum eingeblendet wird, in dem die Familie Weihnachten feiert.
      Positiv ist dann aber das Taumännchen: statt einer trällernden, zu tiefen, zu damenhaften Stimme hört man hier eine frische, vibratoarme Interpretation, stimmlich sehr passend.



      Dann taucht auch schon das Lebkuchenhaus aus dem Boden auf (statt, wie vorgeschrieben, aus dem Hintergrund, indem der Nebelschleier zerreißt, und die Hexe von Hans-Peter Schwarzbach ist alles das, was ich so scheußlich finde: ständig herumlaufen, ständig hektisch agieren, ständig krampfhaft lustig sein wollen, und wieder dieses ständige ins Publikum singen! Gesanglich ist er einem Peter Schreier weit unterlegen, denn sein Vortrag ist sehr oberflächlich. Ein bisschen Schreien, ein bisschen Kreischen, ein bisschen sich mit der Stimme überschlagen.
      Unerträglich, das.

      Wenigstens beim „Hurr hopp hopp hopp“ hat sich die Regie weitgehend an die Partitur gehalten, und hier sieht man die wohl librettogetreueste Version dieser Nummer. Laut Regieanweisung soll es dunkel werden, Blitze und Donner durchzucken die Nacht, und die Hexe tanzt auf ihrem Besen herum.
      Tatsächlich ist es hier dunkel, es blitzt und, wenn ich mich nicht irre, donnert es auch. Leider hat man zusätzlich noch eine Windmaschine, oder eine Audiospur mit pfeifendem Wind über die Musik gelegt, was aber zu viel des Guten ist. Unfreiwillig komisch ist auch, dass die Hexe einen übergroßen Schatten auf das Plakat im Hintergrund wirft, das eigentlich den verdunkelten Himmel darstellen sollte. Dieser Fehler scheint aber nicht zu stören, im Gegenteil: die Kamera zeigt diesen Schatten sogar noch extra deutlich, wohl um die Szene gruseliger zu gestalten.


      Trotz dieser kleinen Mängel: hier bekommt man eine Ahnung davon, wie wirkungsvoll dieses Musikstück mit der passenden Bühnenhandlung sein kann – ohne dass die Hexe in einen Staubsaugerschlauch hineinsingt.

      Nach dem Tod der Hexe geht es weiter mit Kürzungen: direkt nach dem Knusperwalzer geht die Musik über in die Explosion des Ofens, das ganze instrumentale Zwischenspiel wurde gestrichen. Der Kinderchor singt ordentlich und deutlich, aber nicht weltbewegend schön, die Darstellung ist sehr hölzern und einstudiert.
      Auch beim Chor hat man wieder tüchtig geschnitten, der ganze Teil mit „Die Engel haben´s im Traum gesagt“ fehlt.
      Musikalisch gibt es nichts Nennenswertes zu berichten. Die Tonqualität ist nicht gut genug, um mehr darüber zu sagen, aber auch das was man hört ist nicht spektakulär. Manchmal ist mir das Dirigat von Horst Gurgel Manche Tempi sind mir eindeutig zu schnell.

      Mein Fazit: aus „historischer“ Sicht (darf man das über 1981 schon schreiben?) sicher interessant, leidet diese Produktion unter einer fürchterlichen Personenführung und überdrehtem Schauspiel. Wirklich hörenswert ist für mich nur das Taumännchen, das im Grunde meiner Vorstellung dieser Rolle entspricht. „Hurr hopp hopp hopp“ lohnt ebenfalls einen Blick, um eine ungefähre Ahnung von dem zu bekommen, was Humperdinck notiert hat.




      LG,
      Hosenrolle1

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Hosenrolle1 ()

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