Satie, Erik: Klavierwerke

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    • Hallo Marcie,

      ich hatte mit - Ciccolini spielt Satie - auch Probleme und war irritiert deshalb.
      bis ich neulich die CD "The Sound of Erik Satie" gehört habe, die ich auch im "Was höre ich gerade jetzt" Thread gepostet habe -
      Keine Ahnung, ob ich einfach in einer anderen Stimmung war - oder warum auf einmal Zugang zu seinem Spiel - bzw. mehr als Zugang -
      da war.

      Kenne die Box, die du dir gekauft hast nicht. Aber vielleicht einfach mal liegen lassen und in ein paar Wochen nochmal reinhören.
      Wäre jetzt meine Idee.

      Gruß, tapeesa
      „Wo Gefahr am größten, da Pedal am nächsten.“ - Ernst von Dohnányi

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      „Unter der Mannen-Brücke in Fukagawa“
      aus der Farbholzschnittserie „36 Ansichten des Berges Fuji“
      Katsushika Hokusai 1760 (~) - 1849
    • @tapeesa

      Ja, das mag sein. Ich hatte bloß die ganze Zeit gedacht: Schade, dass dieses oder jenes Stück nicht auch von Legrand oder Tharaud vertreten ist.
      Es gibt sicher Leute, welche den Ciccolini-Einspielungen jede Menge abgewinnen können, das hartnäckig gewollte "Entschönen" womöglich sogar als großes Plus ansehen, um Kitsch zu vermeiden oder Ähnliches. Ich weiss nicht recht, für mich müssen die Gymnopedien einfach "schön" und wehmütig gespielt sein, weil sie das doch eigentlich auch sind/sein sollen?! Und ein Thibaudet schafft das doch auch, ohne unnötigen Schmalz.
      Naja, ich kaufe mir sicher noch etwas zu dem Set dazu. (wie ja eigentlich bei solchen Zusammenstellungen...)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Marcie ()

    • Okay, verstehe -
      ich habe neulich Ciccolinis Spiel ganz anders wahrgenommen als du - vermutlich lag das nicht nur an der CD.

      Rein sachlich kann ich das nicht bewerten. Meine Irritation war, dass Ciccolini hier als besonders in der Satie-Interpretation erwähnt wurde, von Leuten, die deutlich mehr Wissen und Erfahrung in der klassischen Musik haben als ich - und ich hinterfrage da eher mich zunächst. In dem Fall finde ich zu Recht - weil das zweite Hören war wie "eine Perle" vom Erleben.

      Aber: das heißt natürlich nicht, dass das bei dir auch so sein muss.

      Vielleicht schreibt ja noch jemand was dazu.
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    • Ok, dann schreib ich "auch mal" was dazu...
      :)

      (Übe gerade No.1 für eine kleine Aufführung ein, bin bisher jedoch überhaupt kein "Satie-Spieler". Alles, was ich sage, ist rein subjektiv...)

      Ich habe mir mal die Ciccolini-Version live von ihm auf YT angehört:



      und verstehe einige Dinge überhaupt nicht. Z.B. warum er gleich zu Anfang in den Takten 13ff die Linie metrisch "unterbricht", d.h. nicht sauber im Takt mit der linken Hand synchronisiert. Da ist mir persönlich zu viel Rubato drin.

      Diese Melodie kann man sehr gut singen. Singt die mal nach. Würdet Ihr die so singen, wie Ciccolini sie spielt? Ich nicht. Mag sein, daß das bei Satie "so üblich" ist; aber ich kann den Sinn nicht recht einsehen.

      Des öfteren sind linke und rechte Hand nicht synchron. Muß das so sein?

      Bei der Wiederholung der Anfangsmelodie steht im Notentext "pp". C. spielt aber vergleichsweise "f" oder doch wenigstens "sf". Warum? Etc. etc...

      Mit gefällt diese Aufnahme da wesentlich besser:




      Hier kommt wunderbar das Gesangliche dieses Stückes heraus, auch die Dynamik ist abwechslungsreicher.


      (So, jetzt kann der Satie-Profi kommen und mich auseinandernehmen... ;) )
      --
      "Seine Arbeit ist genial! Nur hie und da... nur hie und da, so schien es mir..." - "Was meinen Eure Majestät?" - "Rosenberg, wie drückt man das aus?" - "Zu viele Noten, Majestät!" - "Exakt! Glänzend formuliert!"
      (Aus "Amadeus")
    • Ja, wenn man auf YT geht und dann den Text unter dem Video aufklappt, bekommt man die Info:




      Titel Trois Gymnopedies: Gymnopédie Nr. 1




      Künstler Anne Queffélec




      Album 100 Komponisten, die man gehört haben muss




      Writers Erik Satie




      --
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    • Meine Lieben,
      jetzt muss ich aber doch mal etwas zur Ehrenrettung Aldo Ciccolinis beitragen. Immerhin war er seit den 50er-Jahren ein (wenn nicht DER) Pionier in Sachen Wiederentdeckung Saties.
      Immer wenn es um Satie geht, ist von dieser elenden 1. Gymnopédie die Rede, so wie manche immer Cage in einem Atemzug mit 4' 33" nennen. Kommt mir ein wenig vor, als ob man bei Mozart immer nur bis zur "Finta giardiniera" oder so ähnlich betrachten würde...aber nun gut, das ist ja hier nicht das Thema.
      Die erste Gymnopédie aus dem Jahr 1888 (veröffentlicht) hat im Autograph kaum dynamische Angaben, da steht nur pp. Der Verlag hat dann bei dem lange klingenden fis' ein Forte eingefügt, wer weiß, ob Satie das wollte oder der Herausgeber das für nötig hielt. Jedenfalls ist die Stelle ein Problem:

      Das fis soll einerseits durchklingen, andererseits wird es dauernd wieder angeschlagen. Ciccolini macht es so, wie Robert Orledge, der die gesamten Klavierwerke nach dem Urtext kürzlich neu herausgegeben hat (Salabert, 2016): er schlägt das fis forte an, lässt das Pedal fast komplett liegen und macht dann ein Decrescendo, passend zum verklingenden Ton. Für mich ist das Zeugnis einer echten Auseinandersetzung mit dem Notentext, die ich sonst eher vermisse.
      Wie Ciccolini nun Rubato einsetzt ist sicher Geschmackssache, aber ich kann hier keine großen Vergehen entdecken. Ciccolini interpretiert die Stücke recht unterschiedlich: die Werke der humoristischen Phase spielt er teilweise in sehr raschen Tempi und ziemlich trocken. Dynamisch macht er manchmal das, was ihm gefällt, aber das kann man so einigen Pianisten nachsagen. Mir scheint, als habe sich Ciccolini tatsächlich an Ricardo Vines' Art des Spiels orientiert, der tatsächlich einen ähnlich knackigen Zugang auch zu Debussys Stücken hatte, die Tempi ebenfalls recht flott genommen hat. Leider gibt es offenbar keine erhaltenen Einspielungen, die zeigen wie Vines Satie gespielt hat, und er war ja immerhin der Pianist, den sich Satie wünschte. Eine gewisse Nüchternheit jedenfalls scheint mir bei den Werken spätestens ab den Rosenkreuzer-Stücken absolut angebracht. Ciccolini ist sicher kein Weichspül-Pianist, da würde ich dann einen Zugang wie den von Queffelec (ich nehme mal an, die Aufnahme im Video ist von ihr) oder Thibaudet empfehlen, die ich für genau so akzeptabel halte. Vielleicht würde ich tatsächlich Tharaud als goldene Mitte empfehlen, er macht das relativ neutral.


      Marcie schrieb:

      Seine erste Gymnopédie klingt wie ein Ataricomputer Ende 80er
      Die Ciccolini-Aufnahmen sind 80er-Jahre-Digitalaufnahmen, wenn ich nicht irre, und wenn nun noch remastert wurde, ist der Klang nicht vergleichbar mit den neueren Aufnahmen. Dafür kann aber Ciccolini nichts...
      Wie auch immer: die Box ist ein Gesamtwerk (beinahe immerhin, leider ist z.B. nicht der komplette Fils des Etoiles drauf, sondern nur die Préludes) und zusammengestückelt, wie das meistens so ist. Ich persönlich mag Ciccolini, aber man hat heute oft eine softere Vorstellung von Satie. Hier wird niemand genau sagen können, was nun richtig ist. Für den Preis würde ich die Box immer wieder empfehlen, soviel steht fest.

      Herzliche Grüße
      Satie (kommt mir echt komisch vor, in diesem Zusammenhang mit diesem Nick zu zeichnen...)
      “A gentleman is someone who can play the accordion, but doesn't.” Tom Waits
    • Na, dann will ich auch zur Ehrenrettung beitragen mit einer anderen Aufnahme von Cicollini:



      Finde ich viel angenehmer, wenn auch der Flügel tw. ein wenig hart oder schrill klingt.
      Hier spielt er so, wie ich das Stück erwarte. Die Aufnahme ist ein Remastering von 2009.
      --
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    • Satie schrieb:

      Für den Preis würde ich die Box immer wieder empfehlen, soviel steht fest.
      Ich bin auch sehr glücklich mit der Box, nur eben mit einigen Stücken nicht, und die spielt dann halt der Cicollini.
      Die Gymnopédie 1, also das Satisfaction der Stones bei Satie, habe ich nur als Beispiel genommen, gerade weil es so abgenudelt ist. Es handelt sich um diese:
      CLICK
      Deine "Ehrenrettung" ist sicher garnicht nötig, aber ändert auch nichts an meinem Geschmack: ich finde diese Version einfach schrecklich.


      @Guenther

      Oh Vielen Dank, das hatte ich übersehen. Dank Deinem Link habe ich mir heute diese Box von Anne Queffélec bestellt:


      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Marcie ()

    • Danke für diese Auseinandersetzung mit Ciccolini. Ich bin zur Zeit auch mit dem Ältesten der Modernen beschäftigt, allerdings nur mit der abgespeckten 2er-Box, auf welcher Anne Queffélec den Löwenanteil der Klaviermusik bestreitet. Und damit werde ich nicht sonderlich glücklich. Das weichgespült zu nennen, ist vielleicht zu hart - aber wer es etwas härter, pardon, trockener, nüchterner, weniger salonesque braucht, ist mit dem entschönten und detachierten Ansatz im glasigen 80er-Digitalsound möglicherweise gar nicht schlecht bedient. Es war eine ziemliche Detektivarbeit, die neue GA zu finden, da Ciccolini Satie mehrfach eingespielt hat. Heute treibt es jedes Label mit jedem, Neuauflagen werden einfach umgelabelt und die Netzanbieter nennen meist nur das Datum der Wiederveröffentlichung...



      (Aufnahmen von 1983-86)
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • @Marcie

      Prima! M.E. machst Du damit nichts falsch.


      @Alle

      Ich verstehe nicht ganz, was der Begriff "weichgespült" aussagen soll und warum er als Qualitätsmerkmal Verwendung findet.

      Falls mit "weich" der Klavierklang gemeint sein sollte, dann wäre das eine Geschmacksfrage. Falls der Anschlag gemeint sein sollte, dann könnte man bei dem Satie-Stück zurückfragen, wo denn etwas zum Anschlag notiert ist (das "forte" ist ja offenbar nicht von Satie).

      Falls damit gemeint ist, daß die Dynamik zu nivelliert erscheint bzw. zu wenig "portati" und/oder "dynamische Finessen" eingebaut sind, dann würde ich ebenfalls zurückfragen, worin genau der Sinn dieser Finessen im Einzelnen liegen soll.

      Wenn eine Einspielung vorliegt, in der linke und rechte Hand nicht dem Notentext entspechend synchron spielen (z.B. der Baßton eher erklingt als die Mitteltöne und der Diskant), dann würde ich zumindest einmal nachfragen, ob das bei Satie so sein MUSS...

      Insofern kann ich mit dem Begriff hier im Zusammenhang nichts anfangen. Was anderes ist das bei HIP-Aufführungen mit historischen Instrumenten, die ja gewollt einen anderen Klang hervorrufen als mit modenen Instrumenten.
      --
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      (Aus "Amadeus")
    • Bevor ich später auf den Weichspüler eingehe, möchte ich auf eine neue Gesamtaufnahme nach der Salabert-Edition von Robert Orledge hinweisen, die mir ganz wunderbar scheint, zumal hier auf Cosima Wagners Erard von 1881 gespielt wird:
      pizzicato.lu/interessanter-beg…ner-satie-gesamtaufnahme/
      Erik Satie: Complete Piano Works, Vol 1; Nicolas Horvath, Klavier
      Ich glaube, mittlerweile hat er alles eingespielt, und das habe ich doch tatsächlich erst heute gesehen!

      Bis später, Satie
      “A gentleman is someone who can play the accordion, but doesn't.” Tom Waits
    • Guenther schrieb:

      Ich verstehe nicht ganz, was der Begriff "weichgespült" aussagen soll und warum er als Qualitätsmerkmal Verwendung findet.
      Fur mich ist das ein Geschmacksmerkmal. Ich mag mehr die neutralen und nüchternen Lesearten mit wenig Legato und einen trockenen Klavierklang. "Durch hochdifferenzierte Anschlagskultur und feinst aufgelöste Klangfarbenschattierungen herausgearbeitete" Melodiebögen und Zusammenhänge will ich vom Interpreten gar nicht wissen, sondern mein Hirn selbst danach suchen lassen. Das hat sicher damit zu tun, dass ich romantische Klaviermusik nicht sonderlich, ach was, gar nicht mag und es am Klavier eher mit Scelsi, Feldman und Cage habe. Letzterer hat in bestimmten Lebensphasen absichtlich keine Zusammenhänge komponiert - und trotzdem ist unser Hirn in der Lage, solche herzustellen.
      Das bringt uns zu Horvath. Danke an Satie für diesen Monster-Tip. Das ist genau das, wonach ich gesucht habe. Ich habe mir die zweite CD des Zyklus -die mit den kompletten Fils des Etoiles- angehört und bin vom Werk ohne Sauerkraut und der wenig invasiven Darbietung schwerst infiziert.

      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Cetay ()

    • Lieber Cetay,
      der Fils des Étoiles ist der Hammer, nicht? Ich staune immer noch über die Messiaen wie Schönberg gleichermaßen vorausnehmenden Klanggebilde. Ich habe bei den Horvath-Aufnahmen zwar mittlerweile einige Fehler entdeckt (falsche Töne), aber es gibt auch Druckfehler in der Orledge-Ausgabe, bei der heutigen Schnellebigkeit spart man gerne am gründlichen Lektorat. Aber das sind Korinthen, die ich da gerade k....

      Was die Weichspülerei betrifft schließe ich mich Cetay an: auch ich bevorzuge einen anderen Zugriff. Saties Ästhetik ist nicht einmal bei den frühen Stücken impressionistisch (am ehesten vielleicht noch die Sarabandes). Ich habe mittlerweile alle verfügbaren "Primärquellen" der Satie-Interpretation gehört. Es gibt in Saties Schriften keine eindeutigen Angaben zur Interpretation, vor allem weiß man ja nie, was er ernst meint und was nicht. Im "Fils des Étoiles" gibt es am Anfang die Anweisung "En blanc et immobile" also weiß und regungslos. Auch wegen des stilistischen Wandels würde ich eben spätestens die Rosenkreuzer-Kompositionen also solche sehen, die eine eher nüchterne Interpretation erfordern.
      Die "Primärquellen" allerdings, die ich meine, sind die Aufnahmen jener Leute, die Satie kannten und mit ihm gearbeitet haben. Und da gibt es eigentlich nur drei: Ricardo Viñes (Saties "Komplize" wie es in den Briefen heißt), der v.a. sehr viele der Stücke ab 1912 uraufgeführt hat, dann Jean Wiéner (bekannter als Jazzpianist, es gibt aber einige wundervolle Satie-Aufnahmen z.B. zusammen mit Jean Joel Barbier) und nicht zuletzt Francis Poulenc, der immerhin ein enger Freund und im Geiste mehr als verbundener Zeitgenosse war.
      Leider gibt es von Viñes überhaupt keine Aufnahmen mit Satie-Werken (sie hatten sich später separiert, weil Satie kein gutes Wort mehr über Ravel verlor, den Viñes aber nach wie vor verehrte). Man kann sich aber anhand seines Debussy schon ganz gut vorstellen, wie sein Zugang war (da klingt auch Debussy überhaupt nicht verzärtelt).
      Wiéner gibt es solo nur wenig (lediglich eine bereits sehr erhellende Aufnahme von "Je te veux" konnte ich finden), dafür eben jene Aufnahmen, die er mit Jean Joel Barbier gemacht hat. Man darf annehmen, dass Wiéner diverse Anregungen für Barbier hatte.


      Zusätzlich zu Horvath würde ich unbedingt auch Poulenc empfehlen, die Aufnahmen sind hier enthalten:

      Erik Satie and friends

      Vielleicht ein kleiner Nachtrag zum "Weichspüler". Heutzutage sind wir extrem an Aufnahmen gewöhnt, die aufnahmetechnisch so gemacht sind, dass sie eine breite Masse ansprechen. Sehr nahe abgenommener Klavierklang (oder aber ganz diffus entfernt), diverse Nachbearbeitungen undsoweiter kommen einem vermeintlichen Massengeschmack entgegen. Moderne Interpreten - das ist jetzt meine These - haben sich dem mittlerweile angepasst in ihrer Interpretation. Dazu kommen Leute wie beispielsweise Andras Schiff, die dann noch Dinge behaupten, etwa dass man Bartok eben weich und zart spielen solle (keine Ahnung, woher dieser Quatsch kommt), das erzeugt wieder Anhänger (ECM-Sound!) etc. etc. Mir fiel ähnliches bei der Cage-Interpretation auf. Man muss mal die alten Aufnahmen der Sonatas and Interludes mit den ganz neuen vergleichen. Natürlich ist das jetzt von mir pauschal, sehr pauschal formuliert! Aber ich sehe da einen Wandel im Klangideal. Die alten Aufnahmen - Aufnahmetechnik hin oder her) zeigen zum Großteil einen kernigeren Zugang als die neuen. Dass es letztendlich Geschmackssache ist, ist klar, darüber brauchen wir so wenig zu diskutieren, wie man darüber streiten kann.

      Herzliche Grüße
      Satie
      “A gentleman is someone who can play the accordion, but doesn't.” Tom Waits
    • Ich denke schon, daß "weichgespült" eine Qualitäts-Konnotation ist. So wie "mainstreamtauglich".

      Schaut z.B. mal hier rein:

      fr.de/kultur/musik/radiotaugli…ichgespuelt-11295066.html

      Diese Begriffe werden auch für Popmusik verwendet.

      Die m.E. dahinterstehende Implikation ist: "Massengeschmack" steht im Range niedriger als "Expertenrezeption". Warum gerade "Weichspüler"? Ein Weichspüler sorgt dafür, daß die Wäsche nach dem Waschgang nicht als "hart" oder "steif" oder gar "kratzig" empfunden wird, sondern sich bequem an die Haut anschmiegt und das Tragegefühl verbessert.

      Wenn man dies (sozusagen metaphorisch) auf Musikinterpretation anwendet, würde das bedeuten, daß das Stück an sich ("eigentlich") erst mal "unbequem" zu rezipieren ist und erst vom Interpreten bzw. Tonmeister "angenehm" zu hören gemacht wird. Die "rauhe" Musik wird durch den Weichspülvorgang erst "leicht zu (er)tragen", zu genießen.

      Damit jedoch würde womöglich der Intention des Komponisten entgegengewirkt. Aus dem einst hochwertigen Original wird durch den Weichspülvorgang eine "(billige) Massenware", könnte man auch sagen "Ramsch"?

      Ich habe dies immer so verstanden und konnte so auch etwas mit dieser Begriffsverwendung anfangen. Ich folge ihr nur nicht.
      :)
      --
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      (Aus "Amadeus")
    • Ich verstehe jetzt noch nicht ganz, was Deine Meinung dazu ist, Guenther.
      Ist es Dir einfach egal, ob etwas weichegspült ist? Oder siehst Du es als legitimen Aspekt der Interpretation und achtest den anderen Zugang genauso?

      Guenther schrieb:

      Ich verstehe nicht ganz, was der Begriff "weichgespült" aussagen soll und warum er als Qualitätsmerkmal Verwendung findet.
      Scheinbar verstehst Du es doch schon, auch hast Du geschrieben, warum er in dieser Form Verwendung findet. Für mich ist das Problem, dass ein nur VERMEINTLICHER Massengeschmack bedient wird. Dieser wird so erst geschaffen, und das ist für mich das Problem. Wir alle hätten Ohren, um differenziert zu hören, aber sie werden permanent zugeschmalzt auf diese Weise. Rihm hat es einmal so formuliert: "die Leute hören keine Musik, sie hören Sound." und zwar nur eine Sorte davon, im schlimmsten Fall.

      Die ursprüngliche Frage, ob man Satie so spielen MUSS wie Ciccolini das tut, ist ja sowieso offenbar eine rhetorische gewesen, oder? Die Noten bieten genauso viel Freiraum wie bei jedem anderen Komponisten. Spielanweisungen in Textform gibt es bei den Gymnopedies noch nicht, daher gibt es diesbezüglich nichts zu beachten. Pedal ist wie bei den meisten Franzosen der Zeit notiert: nämlich gar nicht, bzw. richtet sich nach der Länge der Bassnoten.
      Es ist natürlich so, dass man eine französische Schule der Interpretation beobachten kann, aber die richtet sich eben auch nach dem Repertoire, und zu dem gehört(e) Satie ja nicht: er war ein Avantgardist (im Grunde DER erste Avantgardist der Musik), der sich von alledem distanziert hat. Die Gymnopedies wurden erstmals im Cabaret "Le Chat Noir" öffentlich gespielt, einem Ort, an dem Satie als "Tapeur à Gages", als "Lohnklimperer" angestellt war und mehr in Alkohol als mit Geld bezahlt wurde. Das passt nicht so recht zum superkultivierten Anschlag, der in täglich mehrstündiger Arbeit am Steinway-Flügel herausgebildet wurde, das zumindest ist meine Meinung. Was ist adäquat, das sollte die Frage sein.
      “A gentleman is someone who can play the accordion, but doesn't.” Tom Waits
    • Hallo Satie,

      ja, sorry, da habe ich im letzten Beitrag schon mein Vorurteil ggü. dem Begriff "weichgespült" vorweggenommen. Während ich in meiner ersten Replik auf Deinen "Ehrenrettungs"-Beitrag mit dem Begriff "Weichspül-Pianist" noch eine gewisse Sachlichkeit verbunden hatte. Da fragte ich noch nach Dingen, die mit dem Begriff der Weichheit in Verbindung gebracht werden könnten.-

      Aber es ist schon richtig: Im Prinzip verbinde ich mit diesem Begriff eine negative Bewertung von Interpretationen. Und letztlich meinst Du es ja auch so, wenn Du schreibst:

      Vielleicht ein kleiner Nachtrag zum "Weichspüler". Heutzutage sind wir extrem an Aufnahmen gewöhnt, die aufnahmetechnisch so gemacht sind, dass sie eine breite Masse ansprechen. Sehr nahe abgenommener Klavierklang (oder aber ganz diffus entfernt), diverse Nachbearbeitungen undsoweiter kommen einem vermeintlichen Massengeschmack entgegen. Moderne Interpreten - das ist jetzt meine These - haben sich dem mittlerweile angepasst in ihrer Interpretation. Dazu kommen Leute wie beispielsweise Andras Schiff, die dann noch Dinge behaupten, etwa dass man Bartok eben weich und zart spielen solle (keine Ahnung, woher dieser Quatsch kommt), das erzeugt wieder Anhänger (ECM-Sound!) etc. etc. Mir fiel ähnliches bei der Cage-Interpretation auf. Man muss mal die alten Aufnahmen der Sonatas and Interludes mit den ganz neuen vergleichen. Natürlich ist das jetzt von mir pauschal, sehr pauschal formuliert! Aber ich sehe da einen Wandel im Klangideal. Die alten Aufnahmen - Aufnahmetechnik hin oder her) zeigen zum Großteil einen kernigeren Zugang als die neuen. Dass es letztendlich Geschmackssache ist, ist klar, darüber brauchen wir so wenig zu diskutieren, wie man darüber streiten kann.


      Ich habe mir diesen Absatz mehrfach durchgelesen, komme aber nach wie vor nicht dahinter, was nun genau diese aufnahmetechnischen "Tricks" sein sollen, die die Weichspülung ergeben. "Nahe abgenommen" oder "diffus entfernt" sind Gegensätze, was wäre denn der Effekt dabei? Ich habe mich ebenfalls mit Aufnahmetechnik bechäftigt und weiß, daß es hier ganz verschiedene Ansätze und Ansichten gibt. Ob es da einen "Massenmarkt" gibt, wage ich zu bezweifeln.

      Was vielleicht noch am ehesten passen könnte (bin mir da nicht sicher): Die Dynamik könnte nivelliert werden, so daß nicht allzu große Unterschiede zwischen lautestem und leisestem Ton auftreten. Aber selbst hier bin ich nicht sicher, ob nicht der Klassikliebhaber eben doch genau diese Unterschiede haben will...

      Daher bleibt bei mir die Frage nach der Sachbezogenheit des (von mir so empfundenen) Werturteils "Weichspülung". Welche sachlichen Kriterien führen zu dieser Einschätzung?

      Wäre dies allgemeingültig beantwortet, könnte man sagen, diese und jene Interpretation, die diese oder jene Kriterien aufweist, erscheint eher vor dem Hintergrund der kaufmännischen Verwertbarkeit entstanden zu sein als auf einer Analyse des Notentextes und den Intentionen des Komponisten.

      Und dann ergeben sich auch von selbst die von mir genannten Fragen: Wie würde denn eine intendierte Interpretation aussehen müssen ("MUSS man den Satie so spielen"?).

      Jetzt klarer?

      Und dann noch: Ich selbst bevorzuge singbare Musik und erwarte singbare Phrasen auch so gespielt. Ich akzeptiere jedoch alle Interpretationen, wenn sie sinnvoll erscheinen.
      --
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      (Aus "Amadeus")