Schumann: Concert sans Orchestre f-moll op.14 - zu viele Noten ?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Schumann: Concert sans Orchestre f-moll op.14 - zu viele Noten ?

      Liebe Schumann-Freunde,

      Robert Schumann notierte auf dem Vorsatzblatt des Erstdruckes seiner 3. Klaviersonate f-moll op.14:’Componirt 1835, als zweite Sonate in vier Sätzen.’ Der Titel lautete ‚Concert sans Orchestre pour le Piano-Forte.’ Die eigentlich dritte Sonate entstand demnach zeitgleich mit den Revisionen der fis-moll als auch der g-moll-Sonaten. Auf Wunsch des Verlegers Haslinger verzichtet Schumann auf den zweiten Satz, einem Scherzo, so dass das Konzert ohne Orchester dreisätzig ist.

      Schumann hebt diese dritte Sonate besonders hervor, zumal er sie auch noch seinem ursprünglichen pianistischen Vorbild Ignaz Moscheles widmete. Moscheles hatte sich im Vorfeld kritisch zur fis-moll sonate geäußert. Dennoch wagte Schumann es, sich erneut an den renommierten Pianisten und Komponisten zu wenden ! ‚Auch habe ich die Erlaubniß, Ihnen eine Sonate widmen zu dürfen, lieber auf ein Concert für Klavier ausgedehnt, von dem ich soeben die Revision nach Wien geschickt, wo es Haslinger verlegt. In vier Wochen ungefähr wird es in Ihren Händen sein und dann mögen Sie sich wundern, was man für tolle Einfälle haben kann.’ Moscheles’ Antwort vom 20.12.1836: ‚Vor einigen Tagen erhielt ich Ihr Konzert Sans Orchestre…Ich habe es sorgfältig einstudiert…Das erste Stück spricht mich am meisten an, der großen Leidenschaftlichkeit stehen die zärtlichsten, ins Innere dringenden Perioden zur Seite. In manchen Ihrer Harmonieführungen gebrauchen Sie Dissonanzen, deren folgende Auflösung nur einem erfahrenen Ohre die Härte des Eindrucks mildern. Ihre Vorbehalte, deren Entwicklung sich zuweilen erst im zweiten und dritten Zakte erklären, sind oft herbe, obschon gerechtfertigt. Ich konnte mich…im letzten Stück noch nicht befreunden mit den Harmoniefortschreitungen und durchgehenden Noten…’ Hier kommen also die Grenzen des Zeitverstandes zum Ausdruck !



      Ignaz Moscheles (1794-1870)

      Durch Robert Schumann autorisiert, erscheint 1853 eine spätere Fassung (Verlag Schuberth), welche die Viersätzigkeit wiederherstellt und bei einigen Details vor allem im Kopfsatz eine Anpassung an den intimeren Sonatenstil im Gegensatz zum ursprünglich konzertanten Stil vornimmt. Der Titel lautet : ‚Grande Sonate pour le Pianoforte’. Die Widmung an Moscheles blieb.

      Dem Hörer ist die Bedeutung des einleitenden Taktes des ersten Satzes mit den abwärts bewegenden Oktaven im Bass zunächst verborgen. Evident wird dieses Material im Zentrum des Werkes, dem dritten Satz. Es entspricht denau dem ersten Abschnitt des Themas ‚Andantino de Clara Wieck’. Über das von Clara stammende Thema werden vier Variationen entwickelt. Es handelt sich um sog. Figurationsvariationen. Der Grundcharakter des Materials wird nicht verändert, sondern im Gegenteil, er wird bestätigt und verdichtet. Großartig ist die lleidenschaftlich-drängende Funktion des Basses ! Wieder einmal fordert die Kontrapunktik eine Unabhängigkeit der linken Hand, sie muss völlig losgelöst agieren !




      Sowohl der Kopfsatz (Allegro) als auch das Finale (Prestissimo possibile) sind manualtechnisch ‚giftig’. Vielleicht ein Grund, warum diese Sonate keinen größeren Zugang in den Konzertsaal fand. Man sollte jedoch auch berücksichtigen, dass bis heute die Vertrautheit des hörenden Publikums und des Interpreten gleichermaßen mit einzelnen Schumannschen Werken in gewisser Korrelation zur damaligen Werkauswahl Clara Schumanns stehen. So spielte sie den Variationssatz über ihr Thema erstmalig 1871 ! Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass Schumann hier durchgehend Bezug nimmt auf das oben beschriebene Anfangsmotiv der Sonate, aber diese Bezüge in den Ecksätzen aufgrund der ‚virtuosen Überladung’, also vor lauter Noten, kaum zu bemerken sind. Erst im Variationssatz ergibt sich die ‚Auflösung’.


      Klaviersonate Nr.3 f-moll op.14

      Allegro
      Scherzo. Molto commodo
      Quasi variazioni. Andantino de Clara Wieck
      Prestissimo possibile. Passionato

      Auf geht's in den Schumannschen Kosmos, lassen wir uns vom Sog erfassen,

      siamak :engel

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von AcomA ()

    • RE: Concert sans Orchestre f-moll op.14 - zu viele Noten ?

      Original von AcomA
      Auf geht's in den Schumannschen Kosmos, lassen wir uns vom Sog erfassen,


      Lieber Siamak, liebe Schumann-Freunde!

      Zu „Sog“ und „Schumannscher Kosmos“ fällt mir derzeit nur eines ein: Richter und die 2. Klaviersonate. Ich weiß nicht, wie oft ich inzwischen allein die Eröffnung des 1. Satzes gehört habe. Das ist ein wahrer Sog! :down

      Ich reiße mich aber nun vorübergehend davon los und freue mich, dass es weiter geht mit Schumann! Danke für den schönen Einführungsbeitrag, Siamak!

      Meine vorhandenen zwei Einspielungen sind schnell noch einmal gehört:

      Maurizio Pollini (EMI, 2000): Pollini spielt die Erstfassung, also ohne das Scherzo. Die Aufnahme klingt zwar sehr leidenschaftlich und brillant, mir aber insgesamt etwas zu wuchtig. Ich würde sie mir auch feiner differenziert bzw. klarer wünschen.

      Volker Banfield (cpo, 1992): Banfield gefällt mir als Schumann-Interpret immer besser, so auch in dieser Sonate. Er spielt die viersätzige Fassung und die erste Version des ersten Satzes (Allegro). Es ist wirklich schwierig mit dieser Sonate, sie soll ja zwischenzeitlich sogar aus fünf Sätzen bestanden haben.

      Übrigens habe ich mir jetzt einmal den Harenberg-Klaviermusikführer ausgeliehen. Als Tipp für diese Sonate wird die Aufnahme von Abdel Rahman El Bacha (1993) genannt, von dessen Existenz ich erst hier im Forum erfuhr. Kennt jemand diese Aufnahme?

      Gruß, Cosima
    • liebe Cosima,

      ich kenne die aufnahme mit abdel rachman el bacha nicht (sorry), ich hätte sie aber gerne ! el bacha ist top of the top ! pollinis interpretation hörte ich schon mehrfach. die ecksätze kommen wie du sagst sehr wuchtig. das andantino 'singt' bei ihm nicht sonderlich.

      gruß, siamak :)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von AcomA ()

    • Original von AcomA
      ich kenne die aufnahme mit abdel rachman el bacha, ich hätte sie aber gerne !




      Über den Krokodil-Händler wäre sie für rund 24,00 Euro erhältlich. :(

      Ein interessanter Typ Mann ...

      Gruß, Cosima

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Cosima ()

    • hallo,

      nach Cosima werde ich meine erfahrungen mit den interpretationen schildern.

      zunächst mal aus dem ersten satz eine passage, wo die unterschiede zwischen den fassungen herausgestellt wird:



      für mich am beeindruckendsten ist die darstellung boris blochs von 1984 (milano), herausgegeben vom label Agora. er spielt alle vier sätze, benutzt aber die frühfassung des ersten satzes, also wie banfield. jeder akzent, wie im urtext angegeben sitzt, trotz des notenwaldes macht dieser großartige künstler den thematischen bezug so hörbar ! das funktioniert vor allem deshalb, weil bloch ein 'sänger' ist, das 'wiecksche' thema wird jederzeit 'herauspräpariert'. der höhepunkt ist natürlich das andantino. mehr noch als vladimir horowitz, der den satz ausgekoppelt zweimal aufnahm, betont er das drängende der bässe. eine intensität entsteht, die dem hörer den atem nimmt, man ist fassungslos. horowitz nimmt den satz recht zügig, womit er der bezeichnung des 'andantino' absolut entspricht, aber natürlich etwas opfern muss. gerade im letzten satz zeigt dann boris bloch seine virtuosenklasse, trotz der manualtechnischen schwierigkeiten und dem hohen tempo formuliert er jede dynamische und phrasierungsvorschrift. da hat der andere baschkirov-schüler n. demidenko keine chance. bei demidenko ist es einfach nur schnell, aber ziemlich undifferenziert und 'kalt'.



      boris bloch mit maria tipo und dimitri bashkirov

      gruß, siamak :engel

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von AcomA ()

    • @Siamak,

      die letzte Sonate Schumann's höre ich bis heute eher relativ wenig!

      Wie soll ich es sagen, ich finde sie nicht so zugänglich wie die beiden anderen Sonaten ?(

      Die einzige Aufnahme dich ich besitze ist die von Dir angesprochende Aufnahme des Bashkirov Schüler's Demidenko, die ich nicht so schlecht finde wie sie bei Dir weg kommt.

      Aber vielleicht sollte ich mir einmal die von Dir so schön beschriebene Aufnahme von B. Bloch kaufen :engel
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Ich hörte die Sonate erstmals im Rahmen des Ruhr-Festivals 99 mit Andras Schiff. Ein gleicher Mitschnitt ist ja bei ECM erschienen:



      Ich selbst höre die Pollini-Aufnahme wahnsinnig gerne, höre aber auch Schiff gerne als ebenbürtige Vergleichsaufnahme. Schiff spielt die ganze Sonate etwas feiner. Wer ihn einmal live erlebt hat wird wissen, was ich meine. Gerade die Melodieführung im 3. Satz, welche wahnsinnig schwer zu meistern ist, kommt bei ihm besser heraus. Dafür finde ich Pollini wiederum ein wenig leidenschaftlicher. Es sind kleine Feinheiten, die beide der Aufnahmen zu jeweils einer ganz besonderen eigenen machen
    • Concert sans Orchestre f-Moll op. 14 - zu viele Noten ?

      Lieber Siamak ,

      besten dank für deinen Beitrag zu dieser leider viel zu selten gespielten Sonate Schumanns . :down

      Du hattest ja früher schon auf Boris Bloch hingewiesen ; inzwischen sind seine Einspielungen , anders als dies 1994 noch der Fall war , auch in Frankreich nicht mehr erhältlich . Wenn ein Künstler gar nicht per LP / MC , CD "präsent" ist , dann verschiebt sich auch unser Erinnerungsvermögen - leider .

      Da Du mit Herrn bloch ja befreudnet bist : Kann er sagen , ob und wo seine Aufnahmen noch bzw. wieder erhältlich sind ? Er müsste es doch am besten wissen .

      1994 sagte er mir in Düsseldorf während des damals sehr guten Schumann - Feste s, dass er "entsetzt" sei , dass k e i n e seiner Einspielungen in Deutschland ( damals ) erällich sei .

      Clara Schumann , da hast Du ohne Einschränkung Recht , hat nicht nur durch die Ausgabe der werke ihres Mannes entscheidend zur Rezeption seiner Werke beigetragen . Wir wissen von ihr selbst , ihren Schülerinnen , wie Fanny Davies , und J. Brahms und anderen Zeitzeugen , dass sie selbst !!! keineswegs konsequent bei ihren Interpretationen war ( Tempi , Vorgaben von Robert etc. 9 . es kam natürlich etwas hinzu : Sie wurde älter und war manuell nicht mehr so sicher wie in ihren jüngeren Jahren . Auf der anderen Seite , die Angst , die Werke Roberts könnten in Vergessenheit geraten . Die einzigen namhaften Interpretn seiner Werke waren Johannes Brahms und Franz Liszt -beide aber selbst hochbetagt bzw. physisch nicht merh auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit .

      Ihre Schülerinnen , es gibt ja einige wenige Aufnahmen von ihnen , waren sicherlich n i c h t die Idealinterpretinnen seiner Werke , wa besonders bei Fanny Davis hörbar ist ( etwa die Temposchwankungen in den "Kinderszenen" ) .

      Bei dieserKlaviersonate bleibt für mich Vladmir Horowitz das Mass für alle anderen Interpretationen .

      Ich kenne bis heute keine auch nur annähernd vergleichbare Einspielung .

      Viele Grüsse , Frank
    • RE: Concert sans Orchestre f-Moll op. 14 - zu viele Noten ?

      Auch von mir einen herzlichen Dank an Siamak! Eine vorbildliche, wohlillustrierte Einführung! Für mich muß einstweilen auch Horowitz das Maß aller Dinge bleiben, er hat meine einzige Aufnahme eingespielt. Kempff scheint die Sonate gemieden zu haben - wie auf der anderen Seite des Spektrums Richter.

      Gruß,

      Zelenka
    • RE: Concert sans Orchestre f-Moll op. 14 - zu viele Noten ?

      Lieber Zelenka ,

      Claudio Arrau hat bekanntlich sehr viel Schumann gespielt und eingespielt . Er hat einmal gesagt , dass er die Werke Schumanns , die er n i c h t spiele ( im Konzert ) und nicht aufgenommen habe , nicht sosehr liebe . das müssen wir in den "Fällen" Kempff und arrau eben akzeptieren .

      Dies ist aber durchgängig bei allen Schumann - Interpreten festzustellen .

      Viele Grüsse , Frank