Lebens-Abenddämmerung - Gustav Mahler: Das Lied von der Erde

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    • Original von Nordolf
      Grundlage der Texte sind die freien Übertragungen chinesischer Lyrik durch Hans Bethge. Diese stellen mehr als Übersetzungen dar – vielmehr sind es selbst eigene Kunstwerke.

      Der Sachverhalt ist noch etwas komplizierter. Bethges Texte sind Paraphrasen über Hans Hellmanns Sammlung Chinesische Lyrik (1905) und diese basieren wiederum auf zwei verschiedenen Übersetzungen der Originaltexte ins Französische von dem Sinologen Marquis d’Hervey-Saint-Denys und der Amateurin Judith Gautier, die sehr frei (und fehlerhaft) mit den Originalen umging. Als Resultat dieses langen Weges erforderte es akribische Arbeit der Musikwissenschaftlerin Fusako Hamao, um beim Text von Der Einsame im Herbst überhaupt herauszufinden, welches das Originalgedicht ist.

      Interessant wurde die Frage nach dem Original dadurch, dass sich der Hongkonger Unternehmer Daniel Ng in den Kopf gesetzt hatte, die deutsche Übertragung der Gedichte durch die eigentlichen, aus der Tang-Dynastie (618-907) stammenden chinesischen Texte zu ersetzen, damit die "geborgten Errungenschaften", die die westliche Kultur bereichert haben, wieder zurückfließen. Das halte ich für einen sehr bemerkenswerten Ansatz, welcher der bei manchen Kulturwächtern reflexartig auftretenden Ablehnung einer solchen Verfälschung den Boden entzieht. Wenn sich das Abendland der Kunst des Orients bedient, und sei sie auch noch so verfälscht, dann wird das als bereichernd angesehen, ohne dass danach gefragt wird, ob man damit der anderen Kultur etwas wegnimmt. Daniel Ng bedient sich nun im Gegenzug bei der Kunst des Abendlands, indem er Mahlers Vertonung zurückborgt, um so die originale chinesische Dichtkunst zu bereichern.
      Die Dichter der Tang-Dynastie benutzeten einen Dialekt, der mit dem heute in China weitverbreiteten Mandarin nicht verwandt ist. Es finden sich jedoch Spuren davon in Südchina, so dass das dort gesprochene Kantonesisch als Dialekt für die Transkription gewählt wurde. Um die Texte mit den Melodien in Übereinstimmung zu bringen, musste reichlich getrickst werden, mit Wortverdoppelungen, Satzwiederholungen und dem Hinzufügen von kompletten Teilen aus Gedichten, die in Mahlers Version gar nicht vorkommen. Freilich hat Mahler auch nichts anderes gemacht. Der Abschied wurde seinerzeit aus vier verschiedenen Gedichten zusammengesetzt und die letzten Zeilen hat Mahler selbst hinzugetextet.

      Unabhängig davon ist die wohl meist interessierende Frage: "Wie klingt es?". Ich bin hier etwas voreingenommen, da ich eine große Affinität zur Chinesischen Kultur besitze und den Klang der Sprache sehr liebe, seit ich mich durch regelmäßige Aufenthalte vor Ort und das Erlernen von Grundkenntnissen "eingehört" habe. Mein Eindruck ist, dass die völlig anders geartete Phonetik zu einem Gesangsstil führt, der nicht ganz so sehr dem Kunstlied-Duktus verhaftet ist, der mich bei den allermeisten Einspielungen, speziell bei den männlichen Protagonisten sehr stört. Dazu kommt, dass der fremdartige Klang der Stimmen hervorragend mit dem fremdartigen Kolorit der von Mahler viel verwendeten Pentatonischen Skala, die das vorherrschende Tonsystem Chinas ist, harmoniert. Mit der Textverständlichkeit ist es natürlich so eine Sache. Da hilft nur, es wie beim Anhören einer italienischen Oper zu machen: Text samt Übersetzung (leider nur in Englisch verfügbar) in die Hand nehmen und versuchen, mitzulesen. Und das ist ein satter Gewinn gegenüber dem Mahlerschen "Original", was uns wieder zu der eigentlichen Intention dieser Aufnahme zurück bringt: die Aufmerksamkeit auf die ursprünglichen Quellen des Lieds in ihrer Original-Dichtkunst zu richten.

      Dass nicht nur in Berlin, Wien und London, sondern auch in Seoul, Sao Paulo und Novosibirsk anständig musiziert wird, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, deshalb sollte sich niemand per se von dem Orchester abschrecken lassen. Hier ist alles im grünen Bereich, es ist eher der Interpretationsansatz, der mancherlei Kopfzerbrechen bereiten könnte. Denn die Flut an atemberaubend differenzierten Klangfarben, die hier -wie auf keiner mir bekannten Aufnahme sonst- auf den Hörer einströmt, ist zwar überwältigend, wird aber mit einer gewissen Grellheit, die hier und da auch mal in Schärfe umschlagen kann, erkauft.


      Gustav Mahler; Das Lied von der Erde (Kantonesisch, Transkription Daniel Ng)
      Ning Liang, Warren Mok, Singapore Symphony Orchestra, Lan Shui
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)

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