Mahler und die „schöne“ Aufführungstradition

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    • Mahler und die „schöne“ Aufführungstradition

      Nikolaus Harnoncourt berichtet gerne, dass der Grund für ihn, die Wiener Symphoniker zu verlassen und den Concentus zu gründen, es war, dass er es einfach nicht mehr ertragen konnte, bei Mozarts düstester g-moll Sinfonie dieses „seelige Lächeln“ auf den Zügen der Zuhörer sehen zu müssen. (Brecht hätte wohl ein Plakat im Goldenen Musikvereinssaal aufgehängt: „Horcht nicht so romantisch!“)

      Mir geht es nun bei Mahler ähnlich: meist bloß seeliges, glättendes Musizieren, dem der Zahn der Doppelbödigkeit und Grausamkeit, Unerbittlichkeit und Erbarmungslosigkeit gezogen ist.

      Wem von euch geht es noch so?

      Anders kenne ich bloß Horensteins 7. Sinfonie (BBC-Legends), wo endlich einmal die Nachtstücke auch solche erschreckende sind – sowie Mengelbergs 4 von 1939 (derzeit etwa bei Centurion, Archipel, Artone 4 CDs, History 10 CDs, Documents 10 CDs; jede davon unter 10 EUR), wo endlich einmal wahrlich kein „englisches Leben“ herrscht. Kennt ihr noch andere Beispiele, in diesem Sinne authentischer Aufführungen?
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ab ()

    • Interessant wäre hier wirklich einmal Dirigenten zu besprechen, die durch den direkten Kontakt mit Mahler von ihm noch beeinflusst wurden und deren Schaffen wir heute noch durch Aufnahmen kennen. Mengelberg, Walter und Klemperer sind klar. Aber wo liegen die großen Unterschiede bei den dreien. Und fallen euch vielleicht noch andere ein.

      Als jemand, der mit Mahler in Kontakt stand und seine 6. und 7. Sinfonie sowie das 'Lied von der Erde' als Berliner Erstaufführung dirigierte und 1924 für die erste Schallplattenaufnahme der 2. verantwortlich zeichnete, fällt mir spontan Oskar Fried ein.



      Ich weiß nicht, ob bei ihm die von 'ab' gewünschte 'Doppelbödigkeit und Grausamkeit, Unerbittlichkeit und Erbarmungslosigkeit' auftaucht. Aber er ist mit seiner Interpretation halt nahe an Mahler selber.

      :hello Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Als jemand, der mit Mahler in Kontakt stand und seine 6. und 7. Sinfonie sowie das 'Lied von der Erde' als Berliner Erstaufführung dirigierte und 1924 für die erste Schallplattenaufnahme der 2. verantwortlich zeichnete, fällt mir spontan Oskar Fried ein.

      Ich weiß nicht, ob bei ihm die von 'ab' gewünschte 'Doppelbödigkeit und Grausamkeit, Unerbittlichkeit und Erbarmungslosigkeit' auftaucht. Aber er ist mit seiner Interpretation halt nahe an Mahler selber.


      :hello Falstaff
      Hallo Falstaff,

      diese Aufnahme habe ich -> hier mal besprochen und kam zu dem Schluss: [Man] kommt an dieser Aufnahme (...) kaum vorbei. Immerhin hat Fried die 2. uraufgeführt und dafür (...) die allergrößte Bewunderung von Mahler bekommen (...) Fried wusste also, wie es "richtig" geht und das ist, wenn man sich die Auffassungen vergegenwärtigt, um die heute gestritten wird, doch recht aufschlussreich. Sehr zügige Tempi, antiromantische Expressivität und strukturelle Klarheit, nicht zuletzt durch exzessives -heute so verpöntes- Verschärfen des Tempos vor formalen Angelpunkten und durch das klare Herausmodellieren der Hauptstimmen (wobei heute nicht mehr nachvollziehbar ist, inwieweit dies durch die technischen Begrenzungen erzwungen war).
      Von der Waschschüssel der Hebamme bis zur Waschschüssel des Bestatters: alles Gewäsch (Ikkyu Sojun)
    • Cetay schrieb:

      Fried wusste also, wie es "richtig" geht
      Lieber Cetay, das ist sicherlich richtig. Andererseits wusste Mengelberg das auch, hat ja auch mit Mahler noch alle Sinfonien durchgearbeitet, klingt aber im Ergebnis ganz anders. Wobei man natürlich anmerken muss, dass Fried 13 Jahre, Mengelberg sogar 28 Jahre nach Mahlers Tod ihre Aufnahmen gemacht haben. In der Zeit können sich beide in ihren Anschauungen schon sehr verändert haben, wollten vielleicht weg von Mahlers Vorgaben, sich absetzen, fanden eine andere, eigene Sicht. etc.

      Aber vorbei kommt man mit Sicherheit an beiden Aufnahmen nicht.

      LG Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Cetay schrieb:

      Fried wusste also, wie es "richtig" geht
      Lieber Cetay, das ist sicherlich richtig. Andererseits wusste Mengelberg das auch, hat ja auch mit Mahler noch alle Sinfonien durchgearbeitet, klingt aber im Ergebnis ganz anders. Wobei man natürlich anmerken muss, dass Fried 13 Jahre, Mengelberg sogar 28 Jahre nach Mahlers Tod ihre Aufnahmen gemacht haben. In der Zeit können sich beide in ihren Anschauungen schon sehr verändert haben, wollten vielleicht weg von Mahlers Vorgaben, sich absetzen, fanden eine andere, eigene Sicht. etc.
      Aber vorbei kommt man mit Sicherheit an beiden Aufnahmen nicht.

      LG Falstaff
      Deshalb die Anführungszeichen. Es kann auch sein, dass Mahler selbst mehrere Deutungen zuließ oder sich seine eigene Auffassung geändert hat. Ein notorisches Beispiel ist Sibelius, dem man nachsagt, zu Lebzeiten praktisch jede Interpretation, die auf Schallplatte erschien, abgefeiert zu haben - von Kajanus bis Karajan, die bis auf ein paar Buchstaben im Namen wenig miteinander gemein hatten. Nichtsdestotrotz, wer diese Aufnahmen als Bezugsrahmen nicht kennt und von einer neueren Interpretation behauptet, so müsse Mahler klingen, ohne auszudrücken, dass das Geschmack und Meinung ist, ist unseriös.
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