Schumann: Humoreske Op. 20

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    • Schumann: Humoreske Op. 20

      Der Begriff der Humoreske entstand im 1. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und zeigt sich verwandtschaftlich mit den Begriffen 'Groteske, Burleske und Arabeske'. Die Humoreske war anfangs eine kurze und heitere bis liebenswürdige Geschichte aus dem bürgerlichen und etablierten Alltag. Seit den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden auch humoristische und zunehmend satirische Romane als Humoresken bezeichnet. Der Titel 'Humoreske' taucht mit Robert Schumanns Komposition erstmalig in der Musik auf. Er benutzte ihn in Anlehnung an die Ästhetik E.T.A. Hoffmanns und Jean Pauls auch, um sich unter diesem Titel bestimmte kompositorische Freiheiten gestatten zu können.

      Schumann komponierte seine Humoreske B-Dur Op. 20 wohl überwiegend um den Jahreswechsel 1838/39 während seines Aufenthaltes in Wien. Das Werk erschien dann gleichzeitig mit der Arabeske Op. 18 und dem Blumenstück Op. 19 im August 1839. Ein vollständiges Autograph ist heute nicht mehr nachweisbar. Einzige Hauptquelle ist Schumanns Handexemplar der Erstausgabe.

      Robert Schumann widmete dieses Werk Julie von Webenau, geb. Baroni-Cavalcabo. (Beide Familien gehören dem niederen österreichischen Adel an). In Lemberg war sie Schülerin von Mozarts Sohn Franz Xaver Wolfgang Mozart. Sie wurde eine anerkannte Pianistin und Komponistin. Schumann hatte sie bereits 1835 in Leipzig kennen gelernt und in Wien die Bekanntschaft erneuert. Ursprünglich hatte er ihr die 'Arabeske' widmen wollen. Am 13. März 1839 schrieb er darüber an seine Frau Clara: "Die Arabeske hat die Webenau, das Blumenstück die Serre bekommen, die Humoreske – Niemand; sonderbar, ich denke mir auch bei meinen Dedicationen etwas, die doch immer mit der Entstehung einen Zusammenhang haben soll, und konnte Niemanden dazu finden, ...die Welt versteht aber die Feinheit schwerlich.“ Julie von Webenau widmete Schumann ihrerseits die bei Kistner erschienenen 'Morceaux de fantaisie'.

      Da ich kein Bild der Komponistin finden konnte, hier ihr Wappen:



      Häufig wird das Werk in vier Hauptabschnitte unterteilt, obgleich die Episoden nicht als Sätze zu verstehen sind:

      Einfach - Sehr rasch und leicht - Noch rascher - Erstes Tempo - Wie am Anfang

      Hastig - Nach und nach immer lebhafter und stärker - Wie vorher - Adagio

      Einfach und zart - Intermezzo - Adagio - Innig

      Sehr lebhaft - Immer lebhafter - Mit einigem Pomp - Zum Beschluß - Adagio - Allegro


      Schon mit dem einleitenden Stück (Einfach) wird mit der zärtlich-innigen Melodie der thematische Grundstein des ganzen Werkes gesetzt.



      In dieser großen Fantasie präsentiert sich ein geheimnisvolles Spiel von weichen Übergängen und unvermittelten Kontrasten, das sich unter der Überschrift Humor nicht mehr an überkommene Formregeln gebunden fühlt ! Und dazu bedient sich Schumann wie so oft neo-barocken Techniken, wie Invention, Verdichtung bzw. Engführung. Pianistisch bedeutet es dadurch eine große Herausforderung. Auch hier wartet der Komponist mit Tricks auf. Interessant zu Beginn des zweiten Großabschnittes, 'Hastig', die Notation einer zusätzlichen 'inneren Stimme' im ergänzenden Bassschlüssel !



      Das erstaunlichste spielt sich für mich auf den letzten beiden Seiten der Komposition ab: der Kontrast des im pianissimo sich bietenden Adagios und des an eine bestimmte symphonische Etüde erinnernden Allegros, einer Pseudo-Französischen Ouvertüre (IMO), ist umwerfend. Sollte Schumann hier mit dem Verwenden des Ouvertürenstils das Werk beendet haben, um noch einmal dem Titel des Werkes zu genügen ? Ich weiß es nicht. :down





      Und hier bleibt mir nichts anderes übrig, als auf den Interpreten hinzuweisen, der dieses Werk in einzigartiger Weise 'durchlebte'. Niemand formuliert das Innige so behutsam und introvertiert, niemand die Aufschwünge so brilliant und kraftstrotzend, niemand sonst bringt die 'innere Stimme' so zum singen. :down Es ist die Rede von Sviatoslav Richter in seiner Melodiya-Einspielung aus 1956 !



      gruß an alle Schumann-Freunde, siamak :engel

      Dieser Beitrag wurde bereits 8 mal editiert, zuletzt von AcomA ()

    • RE: Schumann: Humoreske Op. 20

      Original von AcomA
      Und hier bleibt mir nichts anderes übrig, als auf den Interpreten hinzuweisen, der dieses Werk in einziartiger Weise 'durchlebte'. Niemand formuliert das Innige so behutsam und introvertiert, niemand die Aufschwünge so brilliant und kraftstrotzend, niemand sonst bringt die 'innere Stimme' so zum singen. Es ist die Rede von Sviatoslav Richter in seiner Melodiya-Einspielung aus 1956 !


      Ja, so ist es.

      Danke für den schönen Thread, Siamak. Mehr als Sviatoslav Richter mit lobpreisenden Worten anzuführen, fiele mir gerade leider nicht dazu ein. (Vielleicht später mehr dazu.) Richter ist göttlich, man möchte vor ihm niederknien. Seine Interpretationen der 2. Schumann-Klaviersonate und auch der Humoreske sind so ergreifend und großartig, dass hier Worte nicht mehr genügen können.

      Gruß, Cosima (< ---- Schwester von Eusebius)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cosima ()

    • RE: Schumann: Humoreske Op. 20

      Ich möchte dann noch die Herren Kempff (1974, DG) und Horowitz (1979, RCA) für Plätze im Humoresken-Pantheon nominieren. Horowitz für teils wahnwitzig schnelles, wendiges und leichtes Spiel, Kempff für sein transparentes, auf die Durchleuchtung der Gesamtstruktur bedachtes Spiel, auch wenn er da, wo es eigentlich verlangt ist, nicht so recht zupacken kann (oder will).

      Gruß,

      Zelenka
    • @Siamak,

      schöne Einleitung zu diesem, von mir eher weniger gehörtem Werk Schumanns.

      Die Humoreske gehört zu den von mir weniger gehörten Werken Schumanns.
      Die von Dir genannte Aufnahme Richter's besitze ich auch und noch die Aufnahme von Demidenko.

      Werde zu beiden noch berichten :hello
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      Administrator: Das Klassikforum
    • Hallo,

      ich habe mir im Vergleich zu der Melodiya-Einspielung aus 1956 die Aufnahme aus Juni 1955 (auch Moskau) angehört.



      Sie kann jedoch in Sachen Ausdrucksreichtum nicht mit der jüngeren Aufnahme mithalten. Ich meine, J. Kaiser hatte Recht als er schrieb, dass die Humoreske zu Richters großartigsten Schumann-Aufnahmen gehört. Es ist also unbedingt die von Siamak aufgezeigte Einspielung vorzuziehen.

      Gruß, Cosima
    • gestern abend habe ich mir Schumann's Humoreske op.20 in der Aufnahme mit Radu Lupu angehört.



      Ob es an der interpretation von Lupu liegt oder am Werk selber ist mir noch nicht klar, aber diesen natürlichen intuitiven Zugang wie z.B. zu Kreisleriana oder den Kinderszenen habe ich bei diesem werk nicht spontan beim hören.

      In den kommenden tagen werde ich mir noch die aufnahmen mit Richter, Demidenko und Yves Nat anhören. :hello
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • RE: Schumann: Humoreske Op. 20



      Häufig wird das Werk in vier Hauptabschnitte unterteilt, obgleich die Episoden nicht als Sätze zu verstehen sind:

      Einfach - Sehr rasch und leicht - Noch rascher - Erstes Tempo - Wie am Anfang

      Hastig - Nach und nach immer lebhafter und stärker - Wie vorher - Adagio

      Einfach und zart - Intermezzo - Adagio - Innig

      Sehr lebhaft - Immer lebhafter - Mit einigem Pomp - Zum Beschluß - Adagio - Allegro

      l


      In der Aufnahme der Humoresko op.20 gelingt die o.g. Wechsle der Tempi N. Demidenko nahezu ideal.



      Hie rkann er seine gesamte Klasse, die ihn auszeichnet, ausspielen.

      Feingefühl bei der Tempowahl, kraftvoller Anschlag wo gefordert und lyrisches träumerisches Klavierspiel.
      Ein wunderschön klingendes Instrument unterstützt ihn dabei.

      :times10
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Original von Rachmaninov
      In den kommenden tagen werde ich mir noch die aufnahmen mit Richter, Demidenko und Yves Nat anhören.


      Hast Du Yves Nat denn inzwischen intensiver hören können (und Richter?)? Als Schumann-Interpret gefällt er mir sehr (vor allem die Humoreske), sein Beethoven erscheint mir als zu leichtgewichtig.

      Sind überhaupt noch Schumann-Threads geplant? Oder besteht kein Interesse mehr?

      Gruß, Cosima
    • RE: Schumann: Humoreske Op. 20

      Original von AcomA
      Allegros, einer Pseudo-Französischen Ouvertüre (IMO), ist umwerfend. Sollte Schumann hier mit dem Verwenden des Ouvertürenstils das Werk beendet haben, um noch einmal dem Titel des Werkes zu genügen ? Ich weiß es nicht. :down


      Man könnte zwar aufgrund der punktierten Noten und nachfolgenden 32tel vom Notenbild auf etwas schließen, das in der Tat nach französischer Ouvertüre aussieht, doch ist das hier nicht der Fall. Typisch für die französische Ouvertüre wäre ein von punktierten und vor allem doopelt punktierten Notenwerten geprägter Satz, in dem quasi die Zwischen räume zwischen einer punktierten und der Anschlussnote mit verzierenden Skalen gefüllt werden (hier kann etwa die Fuge in D-Dur aus dem WTK I als Vergleich genommen werden).
      Hier jedoch haben wir als Topos überhaupt nicht die Ouvertüre (vor allem nicht melodisch-rhythmisch) sondern einfach nur ein Strukturelles Prinzip, nämlich die Quintfallsequenz in chromatisierter Form (Oberstimme). Die Unterstimme zeigt als Ecktöne die Quintfallsequenz, und der Raum zwischen den Quinten wird ausgefüllt mit einem schnellen Skalengang. Das Grundprinzip dieser Stelle ist, dass mit der Oberstimme zusammen immer im Wechsel Terz und Sexte (das Komplementärintervall) erklingt, dadurch wird die Quintfallsequenz wegen der chromatisierten Form aufwärts zwingend abgewandelt mit einem Terz-Sprung statt einer üblichen Quarte. Die Stelle ist also nur ein recht gängiger satztechnischer Topos, der nach der Setzung dieses Zusammenklangs-Ideals genau so ausgeführt werden muss. Weniger Französische Ouvertüre, sondern eher so etwas wie bei Liszts A-Dur-Konzert, wo die Dreiklangsbewegung durch Vorschlagsketten verbunden wird (ich weiss die Taktzahl nichtz, aber das ist die Stelle, wo zuerst das Klavier in der ganz tiefen Lage dieses Bassmotiv spielt, das dann von den Kontrabässen übernommen wird).
      Bei der Einleitung ist interessant, dass das Stück mit einem übermäßigen Dreiklang beginnt. Beim bloßen Erklingen dieses Dreiklangs, der sich zu dieser Zeit zwingend noch auflösen musste, kann man nicht wissen, wie er sich auflösen wird. Möglich wären bei einem solchen Klang (d-fis-b) Auflösungen nach g-moll oder Dur, Es-Dur (auch moll), wie in diesem Fall, denkbar auch H-Dur oder Des-Dur. Der Akkord ist neben dem verminderten der vieldeutigste der traitionellen Harmonielehre. Die Auflösung nach Es hat hier zudem eher die Wirkung eines Trugschlusses in g-moll, was einigermaßen verwirrt, da hier eindeutig B-Dur die Tonart ist und das Stück also mit einem doppelten Vorhalt (d nach es und fis nach g) zur Subdominante beginnt.
      Nachdem zweimal das Grundthema in identischer Harmonik gezeigt wird, folgt ein Sprung ins terzverwandte Ges-Dur (dritte Zeile), das hier als tiefe sechste Stufe von B-Dur betrachtet wird. Der Wechselklang f-a-des ist wieder ein übermäßiger Dreiklang, der nun die Doppelfunktion eine Dominante in B (mit einem alterierten Quintton) und eines Klangs mit zwei Wechselnoten (f und a, die sich in ges und b auflösen) in Ges hat. Diese Klänge fallen vor allem deshalb auf, weil die eigentliche Harmonik in den jeweiligen Grundstufen sehr einfach ist.
      Ich muss zugeben, dass ich Schumanns Humor oft nicht verstehe, bzw. ihn nicht finde. Eher noch den subtilen, wie er hier vielleicht auch in der ja eigentlich konservativ abschließenden kontrapunktischen Übung dargestellt ist. Einen extrovertierten hingegen kann ich gerade in den Stücken nicht finden, die Schumann selbst als humorvoll zu spielen verlangt, wie die Grillen aus den Fantasiestücken oder das eine der Cellostücke (Vanitas vanitatis). Dagegen ist mir z.B. bei Schubert in den Scherzi sofort klar, was die Witze sind, und sie sind lustig, bei Haydn ebenso. Viellicht liegt es daran, dass für Schumann der Humor eher im gefundenen Thema lag, bei den anderen eher gekoppelt an formale und harmonische Aspekte ist. Vielleicht wird es sich mir auch noch eines Tages erschließen.

      Es grüßt
      S A T I E
      Die Musik ist der vollkommenste Typus der Kunst: Sie verrät nie ihr letztes Geheimnis. - Oscar Wilde