Sergej Tanejew, der Eigenbrödler

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    • Sergej Tanejew, der Eigenbrödler

      Hallo allerseits,
      Holger brachte mich eben auf die Idee, als er den Namen im Borodin-Thread nannte … :beer

      Hier geht es also um Sergej Tanejew (1856-1915) – nicht zu verwechseln mit Alexander Sergejewitsch Tanejew, beide waren nur weitläufig miteinander verwandt.

      Russischer Komponist, Schüler und späterer Nachfolger Tschaikowskijs am Moskauer Konservatorium. Skrjabin und Rachmaninov gehörten zu seinen Schülern, Tolstois Frau verliebte sich heimlich in ihn, und er wird gelegentlich ein wenig mit Brahms verglichen.
      Tanejew zeigte sich offen gegenüber den Einflüssen europäischer Musik, schuf mit seinem Oeuvre eine Verbindung zwischen den Prinzipien des Westens und denen seiner eigenen russischen Musik. Er hinterließ Werke unterschiedlichster musikalischer Gattungen: Die Oper „Oresteja“, Sinfonien, Suiten, Chorwerke etc. – seine Vorliebe galt allerdings der Kammermusik. Seine Kammermusikwerke sind geprägt durch die für ihn charakteristische Zurückhaltung und philosophische Tiefe – Tanejew war ein Eigenbrödler, der sehr sorgfältig und langsam komponierte.

      Entweder ist Tanejew heute etwas in Vergessenheit geraten (es sind so wenige Aufnahmen auf dem Markt) oder er war nie populär. Was mich wundern würde, da ich alles, was ich bislang von ihm hörte, als sehr melodisch und wunderbar eingängig bezeichnen würde.

      Ein Muss ist die großartige Kammermusik-Aufnahme mit Pletnev, Repin & Co., die im letzten Jahr auf den Markt kam. Sehr gut gefällt mir auch die 4. Symphonie unter Neeme Järvi. Tanejew komponierte sogar drei weitere Sinfonien, außerdem eine „Sinfonie für Kinderinstrumente“ (1895), die ich allesamt noch nicht kenne.

      und


      Sein „Johannes von Damaskus“ berührt und beeindruckt mich sehr: :down

      „I travel along a path that is unknown to me,
      I travel between fear and hope;
      my sight is weak, my breast is chilled,
      my hearing is dim, my eyelids droop….“ (Tolstoi)

      Wunderschöne Melodien und herrliche Interpretation, aber nichts für depressive Menschen in einsamen Stunden. Die Aufnahme unter Pletnev kann ich sehr empfehlen, auch wegen des enthaltenen Rachmaninow-Werkes „Die Glocken“ – nach einem Gedicht von E.A. Poe:



      Tanejews Streichtrios lernte ich mit den Belcanto Strings kennen. Eine schöne Aufnahme, die dem Charakter des Komponisten mehr als gerecht wird: Unaufdringlich, aber doch emotional - filigran, aber doch stark und kraftvoll.



      Trio op. 31; Trio (1913); Trio (1879 / 1880)

      Wer die Oistrakh-Box (Les Introuvables) besitzt, findet dort ein wunderschönes Werk dieses Komponisten: Suite de concert Op. 28. Unbedingt mal reinhören!

      Wie steht Ihr zu Tanejew? Was könnt Ihr empfehlen?

      Gruß, Cosima

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Cosima ()

    • Hallo Cosima!

      Schön, dass du hier ein Thema über diesen in der Tat etwas vernachlässigten Komponisten eröffnet hast. Tanejew ist ein Komponist, den ich sehr schätze. Vielleicht erklärt sich seine mangelnde Popularität dadurch, dass er in der russischen Musikszene eine Art "Außenseiter" oder, wie du es nennst, "Eigenbrötler" war: seine Musik ist nicht in erster Linie national geprägt, sondern nimmt, wie du gesagt hast, auch westlich-europäische Einflüsse auf. Tanejew interessierte sich ja sehr für ältere Musik, studierte Werke aus Barock und Renaissance. Besonders die Kontrapunktik war für ihn von essentieller Bedeutung. Sein Schüler Anatoli Alexandrow, seinerseits ein exzellenter Komponist v.a. von Klaviermusik, überliefert Tanejews Ausspruch: "Was schreibt ihr immer Präludien und Präludien? Wann werdet ihr endlich Fugen schreiben?" Das charakterisiert Tanejews kompositorische Einstellung bereits sehr gut, für ihn kam das Handwerkliche an erster Stelle, nicht so sehr das Schwelgerische, Farbige. Manche seiner Werke, gerade die Kammermusik, muten fast klassizistisch an (wobei sich Tanejew gerne lang fasst).

      Ich besitze auch noch längst nicht alles von Tanejew, die Streichtrio-CD sowie die mit Pletnew stehen noch auf meinem "Merkzettel". In meiner Sammlung finden sich zunächst die Sinfonien Nr.2 b-moll (1877/78), Nr.3 d-moll (1884) und Nr.4 c-moll (1898). Die erste sowie die Kindersinfonie sind meines Wissens bisher noch nicht aufgenommen worden. Was die Dritte betrifft: auch diese ist auf CD nie erschienen, jemand hat mir freundlicherweise eine Schallplattenübertragung zur Verfügung gestellt. Sicher ist die Vierte Sinfonie diejenige, die am meisten überzeugt - ein tolles Stück! Tanejew hat sie ja auch als einzige veröffentlicht. Die beiden anderen Sinfonien sind aber auch nicht schlecht. Ein weniger selbstkritischer Komponist hätte sie wohl nicht zurückgehalten. Die Zweite gibt es in einer Poljanski-Einspielung bei Chandos zu kaufen. Ich habe sie in einer Marco Polo-Fassung, die wohl vergriffen ist.

      Die Konzertsuite hast du ja schon erwähnt. Bei der Oistrach-Edition sind, soweit ich mich entsinne, die Tracks falsch angeordnet. Die Suite gibt es auch noch bei Ondine mit dem jungen Pekka Kuusisto als Solisten. Diese Aufnahme ist ebenfalls nicht schlecht. Werner Thomas-Mifune hat die Suite für Cello bearbeitet und eingespielt, auch diese Aufnahme ist in meinen Beständen. Wenn sich jemand mit Tanejew beschäftigen will, ist dieses Werk vielleicht für den Einstieg sehr gut geeignet. Obwohl Tanejew auch hier sehr "gewissenhaft" komponiert, zeigt er sich eher von seiner leichten Seite, mit eingängigen, manchmal tänzerischen Melodien.

      Natürlich habe ich auch Kammermusik von Tanejew. Von seinen 9 Streichquartetten habe ich vier (Nr.1, 2, 8, 9). Mittlerweile sind alle Quartette bei Northern Flowers im Handel erhältlich, die CDs muss ich mir auch kaufen. Die Quartette Nr.7-9 entstanden vor den restlichen Quartetten und sind noch eher an klassischen Vorbildern orientiert. Das zweite Streichquartett hat eine Fuge als Schlusssatz. Ich habe wie in Zusammenhang mit Borodin erwähnt auch ein Streichquintett von Tanejew, das erste in G-Dur op.14. Dieses Werk gefällt mir ausgezeichnet, besonders hervorzuheben ist das Finale, eine Folge von Variationen, die gut 20 Minuten dauert. Hier ist Tanejews Personalstil voll ausgeprägt. Aus dieser Musik spricht kompositorische Reife und Souveränität bei noblem, gezügeltem Ausdruck. Leider ist das Werk nach meinem Wissen derzeit nicht auf CD erhältlich.

      Insgesamt ist Tanejew ein wirklich vorzüglicher Komponist. Ich kenne kein "schlechtes" Werk von ihm, alles ist durchdacht und wohlgeformt. Es lohnt sich, Tanejews Musik näher kennen zu lernen. - Am Schluss noch der Hinweis, dass Tanejews Tod unmittelbar mit dem seines Schülers Skrjabin zusammenhing: auf dessen Beerdigung holte sich Tanejew eine schwere Erkältung, an der er kurze Zeit später starb. Hingewiesen sei auf den Wikipedia-Artikel zu Tanejew.

      Viele Grüße
      Holger

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Holger S. ()

    • Hallo Holger,

      ich wusste zunächst gar nicht, was Du mit „Northern Flowers“ meinst, weil mir das Label unbekannt ist. Eben sah ich dann, dass die Reihe (Vol. 1-5) mit dem Taneyev Quartet gemeint ist. Welches der Streichquartette, die Du kennst, gefällt Dir denn am besten? Ich überlege, mir eine CD erst einmal probehalber zuzulegen. Alternativen scheint es ja keine zu geben.

      Welche CD mit dem Streichquintett genau meinst Du, die da mit Borodin gekoppelt ist? Du schriebst im anderen Thread, sie sei vom Borodin-Quartett, aber meine Suche blieb erfolglos.

      Gruß, Cosima
    • Hallo Cosima,

      was das Quintett betrifft: auf dieser CD ist das zweite Streichquartett von Borodin, gespielt vom Borodin-Quartett, und das 1. Streichquintett von Tanejew, lustigerweise gespielt vom Tanejew-Quartett und Benjamin Morosow als "Ergänzung". Das ist eine alte Olympia-CD, glaube kaum, dass du diese ohne weiteres noch irgendwo finden wirst. Erstens gibt es das Label Olympia bekanntlich ohnehin nicht mehr, zweitens ist das eine der ersten Olymipia-CDs, daher auch als es Olympia noch gab zuletzt nicht mehr im Handel.

      Was die Northern Flower-Edition betrifft, würde ich dir tatsächlich raten, mit Vol. 1 (Quartette Nr.1 und 4) zu beginnen. Die Quartette Nr.8 und 9 sind noch keine ganz "reifen" Stücke, Tanejew hat sie eigentlich gar nicht gezählt. Für den Einstieg vielleicht nicht so repräsentativ. Ob du das erste oder zweite Quartett zuerst nimmst, ist letztlich egal, beide sind empfehlenswert. Da das zweite allein auf einer CD ist und das erste mit dem vierten gekoppelt ist, bietet es sich an, letztere CD zuerst zu kaufen, um etwas "mehr" Musik für den Einstieg zu bekommen. Ich habe noch keine CD dieser Serie, die beiden CDs, die ich habe, sind ältere Veröffentlichungen (Nr.1 und 2 mit dem jungen Krasni-Quartett). Im übrigen müsste ich mir die beiden ersten Quartette auch mal wieder anhören, morgen früh vielleicht. Schreibe dann gerne näheres!

      Viele Grüße
      Holger
    • Hallo Holger,

      danke für die Infos. Ich werde dennoch die Augen offen halten nach der Olympia-CD, manchmal hat man ja Glück.

      Ich warte bzgl. der Quartette ab, was Du noch über Deine Eindrücke schreiben wirst. Vielen Dank schon mal! Eine der beiden CDs des Tanejew-Quartetts werde ich mir aber in jedem Falle zulegen.

      Gruß, Cosima
    • Hallo Cosima,

      die CD habe ich mir heute morgen mal wieder angehört. Auch eine Olympia-Veröffentlichung übrigens, Olympia plante, die Quartette Nr.1-6 mit dem sehr jungen Krasni-Quartett zu veröffentlichen, es ist aber nur eine CD (Quartette Nr.1&2 eben) zu Stande gekommen.

      Das Streichquartett Nr.1 b-moll op.4 entstand 1890. Es hat fünf Sätze, sein Charakter ist eher elegisch. Der erste Satz beginnt mit einer langsamen Einleitung, die am Ende des Satzes zurückkehrt. Sie klingt ein wenig unsicher, tastend. Der Hauptsatz ist energischer. An zweiter Stelle steht ein lyrischer langsamer Satz mit strömender Melodik. Es folgt ein kurzes, unruhiges Presto, ein wenig nervös und gedrängt. An vierter Stelle steht ein Intermezzo (Andantino), der düsterste Satz des Quartetts. Die Melodik ist hier stockend, kadenzartige Einschübe unterbrechen das Geschehen. Ein sehr zurückgenommener Satz. Im Finale lockert sich die Atmosphäre auf, der Satz steht in Dur. Seine spielerische Leichtigkeit erinnert manchmal an Mozart.

      Das 2. Streichquartett C-Dur op.5 entstand 1894/95. Formal konventioneller als sein Vorgänger, ist seine Grundstimmung (vor allem in den Ecksätzen) positiver. Der erste Satz ist ein groß angelegter Sonatensatz, manchmal ein wenig versonnen. Das folgende Scherzo erinnert an das Scherzo vom ersten Quartett, hat aber im Gegensatz zu diesem ein Trio, das die aufgewühlte Atmosphäre etwas beruhigt. Der langsame Satz ist ernst und ausdrucksvoll. Das Finale kehrt zur frohen Stimmung des ersten Satzes zurück. Gegen Ende mündet es in eine Fuge. Wie das erste Quartett endet das Werk leise im Pizzicato.

      Beide Quartette sind ohne Zweifel ambitionierte, groß angelegte Werke. Mir erscheint das zweite ein wenig inspirierter; das erste wirkt hin und wieder etwas spröde. Beide Werke sind aber sicherlich lohnenswert. Nachteil bei der CD mit dem Quartett Nr.2 ist, wie ich gestern schon angedeutet habe, dass es allein auf der CD ist, d.h. die CD dauert wohl keine 40 Minuten. Beim ersten ist dagegen noch das vierte mit eingespielt (welches ist noch nicht kenne). Ich werde mir die CDs demnächst auch nach und nach zulegen.

      Viele Grüße
      Holger
    • Hallo Cosima,

      was die Aufnahme der Kammermusikwerke Tanjev's angeht besitze ich ebenfalls die von Dir aufgeführte Aufnahme mit Repin, Gringolts, Pletnev u.A.

      Einfach spannend von ersten bis zum letzten Ton :down


      Die von Dir angesprochene Suite de concert Op. 28 besitze ich ebenfalls in einer Aufnahme mit D. Oistrach



      Sehr schöne und spannende Musik :D
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Hallo Holger,

      vielen Dank für Deine Mühe! Aufgrund Deiner Eindrücke habe ich mich nun für die CD mit den Quartetten 1 und 4 (also Vol. 1) entschieden. Ich werde sie bei meinem nächsten Besuch im jpc-Laden bestellen und dann später berichten.

      Viele Grüße,
      Cosima

      P.S.: Ich finde übrigens sehr schön, wie Du Musik beschreibst.
    • Sergej Tanejev

      Hallo Cosima, Hallo Holger,

      ich sehe die Stellung Tanejews in der russischen Musikgeschichte ein bisschen anders. Auf keinen Fall betrachte ich ihn als Außenseiter.

      Tanejew war der Antipode des "Mächtigen Häufleins" , welches sich einigelte, um eine nationalrussische Musik zu schaffen. Im Gegensatz hat Tanejew das Fenster zum Westen weit augestoßen. Ich betrachte ihn als Nachfolger, der das Erbe Tschaikowskys verwaltete. In seinem Kielwasser segelten vor allem Arensky, dann Kallinninov und Glasunov,
      sie schloss ab mit Rachmaninov als wichtigstem Verteter. Als Außenseiter und Exzentriker sehe ich eher Scrjabin.

      Richtig ist, dass sehr wenig Werke von ihm auf Tonträger zu haben sind.
      Das ist vor allen seine fünfsätzige Konzert-Suite für Violine und Orchester, op. 28. Die Melodia-Einspielung mit der Philharmonie von Novosibirsk mit Igor Oistrach als Geiger ist wahrscheinlich nicht mehr greifbar.

      Das Hauptwerk ist natürlich die ORESTEIA, eine Triologie von gewaltigen Ausmaßen, die sich an Aischylos Tragödie anlehnt. Sie beginnt mit der Heimkehr Agamemnons - Kassandra als Kriegsbeute -und endet mit der Entsühnung Orests im Apllo-Tempel zu Delphi.

      Auch hier gab es in den 70er Jahren eine Super-Einspielung der Belorussischen Oper von Minsk in deren Hausbesetzung - Bebildertes Textbuch der DGG und Inhaltsangabe in deutscher Sprache!

      Gruß
      Engelbert
      :engel
    • RE: Sergej Tanejev

      Hallo Engelbert,

      bloß als Nachfolger oder "Nachlassverwalter" von Tschaikowski würde ich Tanejew auf keinen Fall betrachten wollen. Seine Beschäftigung mit alter Musik, Barock und Renaissance, sowie seine intensive Beschäftigung mit der Kontrapunktik (er hat ja sogar Abhandlungen über diese Thematik verfasst) sind schon eher ein Ausnahmefall im Russland dieser Zeit. Ich habe mal gelesen, dass Tanejew Tschaikowskis Nähe zur Ballettmusik (v.a. Walzer in Sinfonien) sehr reserviert gegenüberstand. Nein, Tanejew ist schon als Musikerpersönlichkeit deutlich von Tschaikowski abzugrenzen.

      Die Komponisten, die du nennst, kenne ich alle. Ich habe einiges von Arenski, die gesamte Orchestermusik von Kalinnikow sowie über 20 CDs mit Werken von Glasunow. Ich würde bei diesen Komponisten eher sagen, dass sie eine Synthese aus Tschaikowskis "westlichen" Ansichten und der Ästhetik des Mächtigen Häufleins darstellen. Gerade Kalinnikows Werke sind doch getränkt von volkstümlichen Melodien! Er wird ja auch immer wieder mit Borodin verglichen. Glasunows Musik ist zweifelsohne akademisch, lebt vom souveränen Kompositionshandwerk des Komponisten. Er steht aber sicher auch dem mächtigen Häuflein nahe, viele Werke verwenden folkloristisches Material, wenngleich auf einem hohen kompositionstechnischen Niveau verarbeitet. Wie erwähnt, eher eine Synthese aus Westlichem und Nationalem.

      Tanejew war insofern kein Außenseiter, als dass er als Lehrer zahlreiche namhafte Komponisten ausbildete. Anatoli Alexandrow, Reinhold Glière, Alexander Gretschaninow, Nikolai Medtner, Nikolai Mjaskowski, Sergei Rachmaninow, Alexander Skrjabin, Sergei Wassilenko - sie alle erhielten Kompositionsunterricht bei Tanejew.

      Skrjabin ist sicher Außenseiter und Exzentriker, einen russischen Komponisten seiner Generation, der ähnliche Zielsetzungen verfolgte, kenne ich nicht. Später kam dann Roslawez, auch Samuil Feinberg ließ sich von Skrjabin inspirieren. Aber um zu Tanejew zurückzukommen, seine sehr theoretische, "gelehrte" Herangehensweise ans Komponieren scheint mir in der russischen Musikszene von damals schon eine Sonderstellung einzunehmen. Klar gab es Komponisten, die ihm nahe standen oder ebenfalls für westliche Einflüsse offen waren. Doch Tanejew betonte das Gelehrte, gerade die immer wieder erwähnte polyphone Schreibweise, schon in besonderem Maße. Ich würde dir allerdings Recht geben dahingehend, dass Tanejews Schaffen keineswegs total isoliert von allen anderen russischen Komponisten steht. Es gibt schon Anknüpfungspunkte zu anderen Meistern.

      Im übrigen bin ich der Meinung, dass Tanejews Schaffensschwerpunkt auf dem Gebiet der Kammermusik zu finden ist. Diesem Gebiet widmete er sich besonders intensiv. Und hier ist er derzeit auch ganz gut auf CD dokumentiert: alle Streichquartette und Streichtrios, das Klaviertrio, Klavierquartett und -quintett, eine Violinsonate... immerhin! Seine Vokalmusik (Kantaten) soll auch bedeutend sein, da kenne ich mich aber nicht aus.

      Viele Grüße
      Holger

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Holger S. ()

    • Nicht nur sehr schön, sondern auch sehr schön interpretiert ist die Aufnahme seiner Violinsonate a-moll, die der Geiger Grigory Feyghin mit dem Pianisten Victor Poltorasky 1975 gemacht hat, und die in der Reihe "Russia Violin School" veröffentlich ist.



      Diese CD kann ich uneingeschränkt empfehlen, auch wegen des anderen enthaltenen Programms.
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)
    • Die angesprochene Aufnahme des Klavierquintetts mit Pletnev, Repin, Gringolts, Imai, Harrell kenne ich leider nich, aber ich höre es gerade in einer Aufnahme vom Progetto Martha Argerich 2006 höre. Es spielen Lilya Zilberstein, Dora Schwarzberg, Lucy Hall, Nora Romanoff-Schwarzberg, Jorge Bosso.

      Wie mir scheint, auch eine gelungene Aufnahme, jedenfalls kommt viel Atmosphäre "rüber".

      Und es ist wirklich ein tolles Werk!!

      Gruß, Nikolaus.
    • Heute hörte ich eine Aufnahme bzw. ein Werk, die / das ich schon sehr lange in meinem Bestand habe.
      Eigentlich fast so lange wie es diesen Thread gibt. Glaube ich wenigstens ?(

      Tanejew Sinfonie #2



      Es ist einfach erstaulich welche grandiose Musik eigentlich fast im Verborgenen bleibt. Tanejew's Lehrer am Konservatorium war kein geringerer als P. Tchaikowsky. Er steht als in direkter Linie der großen russischen symphonischen Tradition.

      Die Sinfonie #2 op.2 entstand bevor Tanejew 1878 die Meister des strengen Kontrapunktes für sich entdeckte (Pres, Lassus u.A.)
      Natürlich komponiert Tanejew nicht wie Tchaikowsky, jedoch erinnert die 2. Sinfonie noch an seinen Lehrer. Was sogar mir auffällt, der sich eher weniger mit dem sinfonischen Schaffen Tchaikovsky's beschäftigt.

      Mir gefällt schon die Einleitung der Sinfonie mit den Fagotten und Klarinetten sehr gut. Es Insgesamt ist der erste Satz von einer "weitreichenden" sehr melodischen Grundstimmung. Sehr getragen, sanft wirkt die Musik, ohne kraftlos zu wirken. Der Musik fehlt es nicht an Kraft und Schwung, aber aus einer gewissen "Ruhe" heraus. Die Sinfonie nimmt dann jedoch im ersten Satz deutlich an Spannung zu wandelt sich. Teilweise fühlt man sich durchaus an eine Tonsprache von Dvorak erinnert.
      Mir gefällt auch wie das Anfangsthema zum Schluß des ersten Satzes wieder aufgegriffen wird. :D

      Auffällig ist eigentlich, daß sich der 2. Satz im Tempo nicht sonderlich unterscheidet vom ersten. Das typische Wechselspiel scheint hier nicht zur Anwendung zu kommen.

      Der eher kurze dritte Satz erinnert an Jagdrufe.

      Insgesamt keine Sinfonie für die Ewnigkeit, aber interessant und es tut immer gut hin und wieder eine Alternative zu hören, oder mal weg von "Standardprogramm" eine Entdeckung zu machen :hello
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Holger S. schrieb:

      Hallo Engelbert,

      bloß als Nachfolger oder "Nachlassverwalter" von Tschaikowski würde ich Tanejew auf keinen Fall betrachten wollen. Seine Beschäftigung mit alter Musik, Barock und Renaissance, sowie seine intensive Beschäftigung mit der Kontrapunktik (er hat ja sogar Abhandlungen über diese Thematik verfasst) sind schon eher ein Ausnahmefall im Russland dieser Zeit. Ich habe mal gelesen, dass Tanejew Tschaikowskis Nähe zur Ballettmusik (v.a. Walzer in Sinfonien) sehr reserviert gegenüberstand. Nein, Tanejew ist schon als Musikerpersönlichkeit deutlich von Tschaikowski abzugrenzen.

      Die Komponisten, die du nennst, kenne ich alle. Ich habe einiges von Arenski, die gesamte Orchestermusik von Kalinnikow sowie über 20 CDs mit Werken von Glasunow. Ich würde bei diesen Komponisten eher sagen, dass sie eine Synthese aus Tschaikowskis "westlichen" Ansichten und der Ästhetik des Mächtigen Häufleins darstellen. Gerade Kalinnikows Werke sind doch getränkt von volkstümlichen Melodien! Er wird ja auch immer wieder mit Borodin verglichen. Glasunows Musik ist zweifelsohne akademisch, lebt vom souveränen Kompositionshandwerk des Komponisten. Er steht aber sicher auch dem mächtigen Häuflein nahe, viele Werke verwenden folkloristisches Material, wenngleich auf einem hohen kompositionstechnischen Niveau verarbeitet. Wie erwähnt, eher eine Synthese aus Westlichem und Nationalem.

      Tanejew war insofern kein Außenseiter, als dass er als Lehrer zahlreiche namhafte Komponisten ausbildete. Anatoli Alexandrow, Reinhold Glière, Alexander Gretschaninow, Nikolai Medtner, Nikolai Mjaskowski, Sergei Rachmaninow, Alexander Skrjabin, Sergei Wassilenko - sie alle erhielten Kompositionsunterricht bei Tanejew.

      Skrjabin ist sicher Außenseiter und Exzentriker, einen russischen Komponisten seiner Generation, der ähnliche Zielsetzungen verfolgte, kenne ich nicht. Später kam dann Roslawez, auch Samuil Feinberg ließ sich von Skrjabin inspirieren. Aber um zu Tanejew zurückzukommen, seine sehr theoretische, "gelehrte" Herangehensweise ans Komponieren scheint mir in der russischen Musikszene von damals schon eine Sonderstellung einzunehmen. Klar gab es Komponisten, die ihm nahe standen oder ebenfalls für westliche Einflüsse offen waren. Doch Tanejew betonte das Gelehrte, gerade die immer wieder erwähnte polyphone Schreibweise, schon in besonderem Maße. Ich würde dir allerdings Recht geben dahingehend, dass Tanejews Schaffen keineswegs total isoliert von allen anderen russischen Komponisten steht. Es gibt schon Anknüpfungspunkte zu anderen Meistern.

      Im übrigen bin ich der Meinung, dass Tanejews Schaffensschwerpunkt auf dem Gebiet der Kammermusik zu finden ist. Diesem Gebiet widmete er sich besonders intensiv. Und hier ist er derzeit auch ganz gut auf CD dokumentiert: alle Streichquartette und Streichtrios, das Klaviertrio, Klavierquartett und -quintett, eine Violinsonate... immerhin! Seine Vokalmusik (Kantaten) soll auch bedeutend sein, da kenne ich mich aber nicht aus.

      Viele Grüße
      Holger
      Ein wunderbar ausgewogener Beitrag, den man weiterverfolgen sollte.
    • Hallo Johann Sebastian Bach, bei der Umstellung auf die neue Forensoftware gab es beim Import der Datenbank kleinere Probleme, daher erscheinen in manchen alten Threads die Beiträge doppelt. Wir können das leider nur manuell korrigieren und sind daher auf die Mitarbeit aller angewiesen, uns entsprechende Threads zu melden, damit wir die Doppelposts löschen können. :) Insofern schonmal vielen Dank für diesen Thread hier :D
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)
    • Ach und übrigens danke fürs Ausgraben dieses Threads. Von Tanejew kenne ich nur die nur die Konzertsuite Op. 28 in der schon erwähnten Aufnahme mit D. Oistrach - eine gute Gelegenheit, diese mal wieder zu hören.
      "Wir können genauso gut unsere Geigen nehmen und sie mit unseren Knien zerbrechen." (Fritz Kreisler über Jascha Heifetz)