Hammerklavier/moderner Konzertflügel

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    • Hammerklavier/moderner Konzertflügel

      Liebe Forumisten,
      eine Bemerkung Saties in einem anderen Faden veranlaßt mich dazu, diesen einzufädeln. Da ich so wenig über das Hammerklavier weiß und es auch noch nicht sehr häufig gehört habe, würde es mich interessieren, was für oder gegen die Aufführung bestimmter Werke auf dem Hammerklavier gegenüber dem modernen Flügel spricht bzw. was die Unterschiede ausmacht. (Offenbar gibt es hier teilweise auch ideologisch geprägte Meinungen.)
      Z.B. sah ich gestern im Fernsehen einen Film über die Entwicklung des Klaviers (auf den Carola hingewiesen hatte), in dem der Pianist Robert Levin erklärte, auf dem modernen Instrument gehe die Kontrapunktik und damit das Polyphone verloren, da man sich entscheiden müsse, ob man der rechten oder der linken Hand Priorität einräumt. Allerdings gibt es meiner Beobachtung nach durchaus Pianisten, die auch auf dem modernen Flügel beide Hände und alle Register zu ihrem Recht kommen lassen (statt im Bass nur eine Art Hintergrund-Continuo zu erzeugen), und gerade die schätze ich besonders.
      Leider habe ich, wie gesagt, nur sehr wenige Vergleichsmöglichkeiten, und sicher gibt es auch unter den Hammerklavierspielern bessere und schlechtere und unter den Instrumenten möglicherweise viel größere Unterschiede in Qualität und Charakter als unter den modernen, in Serie hergestellten Flügeln.
      Das wenige, was ich bisher gehört habe, neigt mich dahin zu vermuten, daß es auch aus der Periode der Hammerklaviere Musik gibt, die auf einem modernen Flügel besser klingt als auf einem Hammerklavier. So scheint es ja mehr oder weniger ein Allgemeinplatz zu sein, Beethoven habe zukunftsschauend für ein Instrument komponiert, das es zu seiner Zeit noch nicht gab.
      Ich habe einige Aufnahmen von Andreas Staier, darunter die der drei letzten Sonaten von Schubert. Ich muß zugeben, daß meiner Meinung nach diese Musik nach dem modernen Flügel ruft. Andererseits habe ich eine Platte von Jörg Demus mit Werken von Schumann, die sehr gut klingen; insbesondere die Arabeske kann ich mir auf einem modernen Instrument gespielt schon kaum noch vorstellen. Kürzlich hörte ich eine Aufnahme eines Konzertes, in dem dem Pianisten drei Instrumente zur Verfügung standen: ein Pleyel aus den 1840ern (ohne Repetitionsmechanik), ein Erard von 1853 oder so (mit), und ein Bechstein von 1908. Auf dem ersten spielte er u.a. einige Nocturnes von Chopin, die für mich seitdem auf dem modernen Instrument schrill (im wörtlichen Sinn) klingen.
      Andererseits sind dem Hammerflügel ja wohl allein durch sein Klangvolumen gewisse Grenzen gesetzt, und er ist somit für die großen Konzertsäle eher ungeeignet, insbesondere, wenn er in einem Klavierkonzert gegen ein Orchester antreten soll.
      Sicher habe ich eine Menge nicht oder unzureichend verstanden, bitte also die Experten zu Wort.
      Wissensdurstig,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • RE: Hammerklavier/moderner Konzertflügel

      Hallo Gamaheh,
      da dieser Thread sozusagen durch mich angeregt wurde, will ich denn auch als erster hier etwas beitragen. Ganz abgesehen von den selbstverständlich sehr verschiedenen Geschmäckern gibt es meiner Ansicht nach eben Werke, die schon sehr eindeutig für das Hammerklavier geschrieben wurden. Eines der prominentesten Beispiele ist wohl Beethovens Hammerklaviersonate. In diesem Werk gibt es einige Stellen, die auf dem modernen Flügel nicht adäquat zu spielen sind. Am Anfang zum Beispiel schreibt Beethoven Pedal bis zur Fermate im dritten Takt, mit fortissimo-Akkorden (B-Dur-Akkorde). Beim modernen Flügel hat man da eine enorme Wucht und einen ziemlichen Brei, während das Hammerklavier viel schlanker klingt und also eine solche starke Verwendung des Pedals viel eher erlaubt. Nun gut, da kann man nun sagen, der gute Pianist spielt eben weniger laut und wechselt das Pedal oder nutzt eine Halbpedalisierung.
      Aber die vielen una-corda-Stellen sind auf dem modernen Flügel nur ungenügend darstellbar, weil man einen so enormen klanglichen Unterschied mit dem linken Pedal einfach nicht mehr hat. Dann gibt es in diesem Werk noch eine strittige Sache: in einem Prestissimo-Teil (wie eine kleine Kadenz) sind im Grunde Glissandi ausnotiert. Man kann die natürlich auch ausspielen, aber es ist immerhin nützlich zu wissen, dass man auf dem Hammerklavier, aufgrund des geringeren Tastenganges, auch Sachen wie Oktavglissandi (solche wären es bei der Hammerklaviersonate) bequem mit einer Hand spielen kann. Aber wie gesagt: diese Stelle bei Beethoven ist umstritten.
      Ein anderes Beispiel: die Fantasia C-Dur von Haydn. Dort gibt es nach diversen virtuosen Läufen zweimal eine Stelle, an der Haydn schrieb, man solle eine tiefe Bassnote so lange halten, bis sie vollkommen verklungen ist. Nun dauert das bei einem forte gespielten tiefen Ton auf dem modernen Flügel sehr viel länger als beim Hammerflügel, daher wird auf dem modernen Flügel die Struktur quasi zerstört, wenn man das wörtlich nimmt, auf dem Hammerflügel hingegen ist es einfach nur eine lange Fermate, die zwar unterbricht, aber nicht so lange, dass es absurd wird. Das sind Dinge, die Pianisten einfach wissen müssten, um dann entsprechend ihr Spiel zu hinterfragen. Auf dem modernen Flügel müsste man die Stele so lösen, dass man das Pedal langsam hebt.
      Ich persönlich neige dazu, erst ab der Romantik den modernen Flügel zu mögen. Schumann und Chopin hab ich schon auf Instrumenten aus der Zeit gehört und war begeistert, bei späteren Komponisten scheint es mir zunehmend keine so entscheidende Rolle mehr zu spielen. Chopin auf einem originalen Broadwood klingt fantastisch, Schumann auf dem Hammerflügel ebenfalls. Dennoch bin ich da der Meinung, dass die Stücke auch auf dem modernen Instrument darstellbar sind.
      Was das Visionäre betrifft, ist es durchaus möglich, dass es sich etwa bei Scarlatti oder Beethoven
      finden lässt, doch sind das meiner Ansich nach eher Ausnahmen. Einzelne Werke. Aber dazu hatte ich mich ja schon geäussert. Es ist streitbar und spekulativ. Aber warum nicht.

      Herzliche Grüße
      Satie
      Die Musik ist der vollkommenste Typus der Kunst: Sie verrät nie ihr letztes Geheimnis. - Oscar Wilde

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Satie ()

    • @Gamaheh,

      danke für den schönen Beitrag.

      Was mit auffällt ist jedenfalls die signifikanten unterschiede bei den unterschiedlichen Hammerklavieren. IMO gibt es doch einige sehr schön klingende Instrument und manche klingen für mein Ohr nur "grausig".

      Tendenziell bevorzuge ich allerdings das "moderne" Klavier und es gibt ja glücklicherweise nicht nur Modelle dewr deutschen Auswanderer "Steinweg"

      @Satie,

      was aber die Hammerklaviersonate anging so schrieb Beethoven an seinen Schüler Czerny:

      "Jetzt schreibe ich eine Sonate, welche meinegrößte seyn soll"
      und äußerte sich außerdem:
      "Da haben Sie eine Sonate, die den Pianisten zu schaffen machen wird"

      Außerdem wurde die Sonate erst 1836 durch Franz List erstmalig als Gesamtaufführung gespielt.

      So völlig "geeignet" für das Hammerklavier schien sie nicht gewesen zu sein.

      Wenn ich mich recht erinnere hatte Beethoven selbst gewisse Zweifel.

      Es ist natürlich fraglich und eine reine Hypothese ob Beethoven die Sonate eher für das Hammerklavier komponiert hätte oder dann doch für den modernen Flügel.

      Bei Scarlatti ist es doch so, korrigiere mich falls ich mich irre, das es Sonaten gibt, die überhaupt erst aufgrund der Anzahl Oktaven auf dem modernen Klavier gespielt werden "können"!
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Original von Rachmaninov
      @Satie,

      was aber die Hammerklaviersonate anging so schrieb Beethoven an seinen Schüler Czerny:

      "Jetzt schreibe ich eine Sonate, welche meinegrößte seyn soll"
      und äußerte sich außerdem:
      "Da haben Sie eine Sonate, die den Pianisten zu schaffen machen wird"

      Außerdem wurde die Sonate erst 1836 durch Franz List erstmalig als Gesamtaufführung gespielt.

      So völlig "geeignet" für das Hammerklavier schien sie nicht gewesen zu sein.

      Wenn ich mich recht erinnere hatte Beethoven selbst gewisse Zweifel.

      Es ist natürlich fraglich und eine reine Hypothese ob Beethoven die Sonate eher für das Hammerklavier komponiert hätte oder dann doch für den modernen Flügel.

      Bei Scarlatti ist es doch so, korrigiere mich falls ich mich irre, das es Sonaten gibt, die überhaupt erst aufgrund der Anzahl Oktaven auf dem modernen Klavier gespielt werden "können"!


      Lieber Rachmaninov,
      bei der Hammerklaviersonate ist vielleicht fraglich, ob sie nicht lediglich in ihren Dimensionen Beethovens größte Sonate ist. Oft gespielt wird sie im Vergleich zu den anderen nicht. Auf die Hypothese gehe ich nicht ein, das hatte ich bereits im Diskurs mit Siamak getan. Es ist mir dies schlicht überflüssig. Welche Sonaten von Scarlatti sind denn die, welche man nicht spielen kann auf dem Cembalo? Das würde mich jetzt interessieren. Ich bin kein Spezialist, jedoch wäre es denkbar, dass es vielleicht spezielle Cembali mit großem Ambitus gab. Für die in späteren Jahren gar zu fettleibige Prinzessin wurde dann ja sogar ein Cembalo mit gebogener (!) Tastatur gebaut. Die italienischen Cembali hatten aber sicher 5 Oktaven Umfang. Da der Bau noch nicht so einheitlich war, könnte ich mir vorstellen, dass es schon noch größere gab, aber wie gesagt: ich bin kein Spezialist und habe nun auch keine brauchbaren Quellen zur Hand. Allerdings gebe ich zu, dass es Stücke von Scarlatti gibt, die schon diese visionäre Seite haben. Aber ich würde dafür nicht die Hand ins Feuer legen.

      Gruß
      Satie
      Die Musik ist der vollkommenste Typus der Kunst: Sie verrät nie ihr letztes Geheimnis. - Oscar Wilde
    • Lieber Satie, lieber Rachmaninov,

      jetzt habe ich neulich Paul Badura-Skoda an einem exquisiten Hammerklavier aus Mozarts Zeit gehört, das man extra aus Wien herangeschafft hatte.
      Der Pianist gab auch diverse Erklärungen zu dem Instrument, u. a. zu den Kniehebeln.

      Während der ersten Hälfte des Konzerts konnte ich leider nichts sehen, aber nachdem man in der Pause ein Grabkapellengesteck und ein Rednerpult aus dem Weg geräumt hatte, konnte ich sehen, daß meine Vermutung richtig war: Immer, wenn der Pianist den Hebel, den er "Moderator" nannte, betätigte, gab es einen schönen, warmen Klavierklang, in den anderen Zeiten klang das Instrument eher wie ein Cembalo (ein Klang, den ich nicht favorisiere). Die Übergänge waren ziemlich abrupt, etwa wie wenn ein Sänger ohne die nötige Raffinesse von einem Register ins andere wechselt.

      Meine Frage an die Experten: Muß das sein? Oder liegt es am Pianisten, diesen "Registerwechsel" zu verdecken?

      In der Hoffnung, gehörig belehrt zu werden, grüßt Euch
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Lieber Gamaheh

      ich melde mich hier mal zu Wort, obwoh ich gar nicht angesprochen und ganz und gar kein ausgewiesener Klavier- und/oder Hammerklavier-Experte bin....

      Das, was Du da von Deinem Konzerterlebnis beschreibst, muss - denke ich - nicht zwingend sein.

      Ich habe diesen Sommer den Eingangs von Dir erwähnten Robert Levin (der hier im Forum erstaunlicherweise ansonsten kaum Erwähnung findet) mehrfach in Konzerten - sowohl auf modernen, als auch auf historischen Instrumenten - gehört und war auch in einem seiner Meisterkurse als Gasthörer, wo er immer wieder auch, um einen Interpretationsansatz zu illustrieren, auf den Hammerflügel zurückgegriffen hat. Dabei konnte ich das Phänomen, das Du beschreibst, nicht beobachten.

      Ob das bei Deinem Konzertabend eher am Instrument oder eher am Interpreten lag, das vermag ich nicht zu beurteilen. Ich denke aber, dass der Hammerflügel, eine sehr andere Spielweise braucht. Levin hatte seine Studenten während des Kurses ermutigt, sich mal am Hammerflügel zu versuchen, und dabei war das sehr deutlich zu beobachten.

      Das war, würde ich vermuten, wohl eher ein (Hammer-)Klavierabend, den Du da gehört hast, oder? Weil das ist ja noch ein Thema für sich: Hammerklavier und zeitgenössische oder moderne Instrumente...

      Grüße

      Cellodil
      ... the rest is silence
      William Shakespeare, The Tragedy of Hamlet Prince of Denmark, Vii

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von cellodil ()

    • Hallo Cellodil,

      natürlich ist jeder angesprochen! Ich bin dankbar für jede Antwort.
      Es mag am Alter des Instruments gelegen haben - ich habe das bisher auch noch nie bei Hammerklavieren bemerken können, aber meine Erfahrung damit hält sich in Grenzen.

      Peinlicherweis haben wir hier in Hamburg im Museum für Kunst und Gewerbe eine Sammlung historischer Tasteninstrumente, die einmal im Monat (zu einer für mich ungünstigen Zeit) vorgeführt wird, d.h. das Peinliche ist, daß ich da noch nie war, obwohl ich es mir seit Jahren immer wieder vornehme. Jetzt nehme ich es mir aber fest vor und werde versuchen, eine Antwort auf diese Frage zu bekommen.

      Viele Grüße,
      Gamaheh
      (ich bin übrigens eine Frau)
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Gestern hörte ich die Aufnahmen der Schubert Sonate D960 in der Aufnahme von N- Lahusen.

      Er spielt auf einen Hammerklavier. Sein spiel und der Klang des Instruments hatten gemeinsam einen besonderen Reiz.

      Dennoch ziehe ich aus klanglicher Sicht den Modernen Flügel vor.
      Wobei es ja auch dort emense Unterschiede gibt :D
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Dieser Faden erinnert mich an einen Radiobericht, den ich vor Jahren einmal gehört hatte. Dort ging es um Haydn-Sonaten. Es wurde berichtet, dass sich einzelne Werkgruppen unterscheiden lassen, je nachdem, ob sie Haydn für das englische Pianoforte oder aber für Wiener Instumente geschrieben hat, Wenn ich mich recht entsinne, dann wurde berichtet, dass die englischen Instrumente durch die andere Mechanik mehr scheppern als die Wiener. Dies habe Haydn berücksichtigt.

      Wenn dies richtig ist, dann glaube ich kaum, dasss derartige Klangeffekte auf dem modernen Flügel simuliert werden können. Aber: Warum auch. Letztlich geht es darum, aus Notenklecksen, Musik zu machen...
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)
    • Ich selber bin kein Freund von Interpretationen auf dem Hammerflügel (oder sogar Cembalo). Hätten Bach, Beethoven, Haydn usw. den modernen Konzertflügel gekannt, so hätten sie ihn ja auch wohl genutzt.... interessant finde ich jedoch die Einspielungen und Live-Darbietungen von Andreas Staier! Er ist irgendwie der einzige, der mich für solche Interpretationen begeistern kann!
    • Original von Jeremias
      Ich selber bin kein Freund von Interpretationen auf dem Hammerflügel (oder sogar Cembalo). Hätten Bach, Beethoven, Haydn usw. den modernen Konzertflügel gekannt, so hätten sie ihn ja auch wohl genutzt.... interessant finde ich jedoch die Einspielungen und Live-Darbietungen von Andreas Staier! Er ist irgendwie der einzige, der mich für solche Interpretationen begeistern kann!


      Lieber Jeremias,
      dieses Argument hört man sehr oft. Es ist dieses Argument aber wieder ein Beispiel dafür, wie krude Gedanken sein können. Sie kannten den modernen Flügel nun einmal nicht. Die Erscheinungen einer Epoche gehören zusammen, und so ist eben die Ästhetik einer Zeit auch ganz entschieden durch das existente Instrumentarium geprägt.
      Warum nun ist so ein Gedanke überflüssig und falsch? Weil uns die Aussage gar nichts bringt. Genauso könnten wir sagen: hätte Wagner den Synthesizer gekannt, er hätte ihn genutzt.
      Hätten die Frauen zur Zeit der Wiener Klassik den Staubsauger gekannt, sie hätten ihn für die Hausarbeit genutzt. Hätte Mozart die E-Gitarre gekannt, er hätte sie genutzt. Hätte, hätte. Hat aber nicht.

      Da wir heute den modernen Konzertflügel haben, und das Hammerklavier erst aus der Versenkung holen mussten, ist es logisch, dass wir grundsätzlich mit diesem Klang nicht viel anfangen können. Das ist meiner Ansicht nach die richtige Aussage. Der Versuch, jetzt aber zu behaupten, Mozart und co. hätten das Instrument damals eigentlich auch nicht gemocht, sondern in Ermangelung eines besseren halt dafür schreiben müssen ist grotesk. Hätte Rembrandt den Airbrush gekannt - hätte er ihn genutzt? Hätte Giotto einen PC besessen, er hätte damit gemalt?

      Hm.


      Gruß

      S A T I E
      Die Musik ist der vollkommenste Typus der Kunst: Sie verrät nie ihr letztes Geheimnis. - Oscar Wilde
    • Original von Rachmaninov
      @Satie,

      sind wir in dem Punkt einer Meinung, daß gerade bei den versch. Hammerklavieren sehr unterschiedliche Klangeigenschaften vorliegen und es sehr wichtig ist welches Instrument für eine Aufnahme verwendet wird?

      R


      Da sind wir sicher einer Meinung! Allerdings würde ich das ausweiten: wer Chopin mal auf einem Broadwood aus der damaligen Zeit gehört hat, wird auch beim "modernen" Flügel wählerisch. Oft genug scheint aber Flügel Flügel zu sein oder eben der genommen zu werden, der im Studio steht. Aber ein Bösendorfer ist doch was anderes als ein Steinway.
      Bis in die sogenannte Neue Musik geht das. Ein sehr prominentes Beispiel sind die "Sonatas and Interludes" von John Cage, die für präpariertes Klavier geschrieben sind. Da das nicht jeder kennen wird: ein präpariertes Klavier wird klanglich manipuliert, indem Schrauben und anderes zwischen die Saiten gesteckt werden. Das mag zunächst nach Scherz klingen, ist aber durchaus seriös und auch sehr schön: Gongklänge und trommelartige lassen sich erzeugen, und die Sonatas and Interludes wurden schon bei der Uraufführung begeistert aufgenommen. Cage hat akribisch notiert, wo man die Schrauben etc. anbringen muss, mit genauen Abmessungen in Inch. Man müsste meinen, dass dann der Klang exakt eingefangen ist und genau reproduzierbar. Aber Cage bemerkte sehr bald, dass jeder Flügel anders klingt. Immer wurde das Werk auf großen Flügeln gespielt, bis irgendwann jemand herausfand, dass Cage einen kleinen Steinway Stutzflügel (Baby Grand) besaß. Da verändern sich die Verhältnisse total und dadurch auch der Klang. Es gibt bisher meines Wissens nur eine Aufnahme mit dem tatsächlich von Cage benutzten Instrument. Als ich die hörte, hat es mich fast umgehauen. Ich dachte, das Werk gut zu kennen. Falsch gedacht...

      Herzlich,
      S A T I E
      Die Musik ist der vollkommenste Typus der Kunst: Sie verrät nie ihr letztes Geheimnis. - Oscar Wilde
    • Original von Satie
      Original von Rachmaninov
      @Satie,

      sind wir in dem Punkt einer Meinung, daß gerade bei den versch. Hammerklavieren sehr unterschiedliche Klangeigenschaften vorliegen und es sehr wichtig ist welches Instrument für eine Aufnahme verwendet wird?

      R


      Da sind wir sicher einer Meinung! Allerdings würde ich das ausweiten: wer Chopin mal auf einem Broadwood aus der damaligen Zeit gehört hat, wird auch beim "modernen" Flügel wählerisch. Oft genug scheint aber Flügel Flügel zu sein oder eben der genommen zu werden, der im Studio steht.


      A.B. Michelangeli lies seinen Flügel immer transportieren und der von G.Gould wurde auch immer in die CBS Studios in NY gefahren. Sein geliebter Steinway ging dabei einst kaputt. Für ihn ein dramatisches Erlebnis.
      In einem Interview mit Sokolov las ich einst, daß er sich nach über einem Jahr noch an den Klang eines Instruments erinnern konnte und sich beschwerte was man mit dem Instrument in der Zeit angestellt habe.


      Aber ein Bösendorfer ist doch was anderes als ein Steinway.


      Oja, und erst ein Fazoli :down

      Jedenfalls überzeugt mich Brautigham's Beethoven auf dem verwendetetn Hammerklavier und ich werde mich ganz sicher die "Hammerklaviersonate" von ihm kaufen und weitere Beethovensonaten mit ihm.
      _____

      Administrator: Das Klassikforum
    • Original von Satie
      wer Chopin mal auf einem Broadwood aus der damaligen Zeit gehört hat,

      Und ich dachte, Chopin hätte immer nur Pleyels und höchstens mal einen Erard gespielt!
      Original von RachmaninovA.B. Michelangeli lies seinen Flügel immer transportieren

      Das taten und tun - glaube ich - viele, die es sich leisten können. Zimerman soll mit seiner Mechanik herumreisen und sie vor Ort von einem Klavierbauer seines Vertrauens in ein dort vorhandenes Chassis einbauen lassen.
      und der von G.Gould wurde auch immer in die CBS Studios in NY gefahren. Sein geliebter Steinway ging dabei einst kaputt. Für ihn ein dramatisches Erlebnis.

      Ich meine, er hätte sich mit Steinway überworfen und danach nur noch einen Yamaha gespielt.

      Ich habe mal ein Buch von Charles Rosen gelesen, in dem viele interessante Sachen über Instrumente und ihre Eigenschaften, und wie man diese beeinflussen kann, stehen; ich glaube, es trägt den Titel Piano Notes (aber ich kann mich auch irren).
      Oja, und erst ein Fazoli :down

      Ich glaube, ich habe noch nie einen Fazioli gehört.
      Jedenfalls überzeugt mich Brautigham's Beethoven auf dem verwendetetn Hammerklavier und ich werde mich ganz sicher die "Hammerklaviersonate" von ihm kaufen und weitere Beethovensonaten mit ihm.

      Er spielt hier - soviel ich weiß - auf einem Reproduktionsinstrument. Hier kann man ihn, und auch Ph. Bianconi, auf Instrumenten aus der ersten Hälfte des 19. Jh. hören - wirklich Instrumente mit einem überwältigenden Klang!

      Und dann noch eine Frage - Satie?: Ich habe den Eindruck gewonnen, daß es auch bis zu einem gewissen Punkt am Pianisten liegt, dem vorhandenen Instrument im vorhandenen Raum zu seinem bestmöglichen Klang zu verhelfen. Ist das richtig? Wenn ja, wie?

      Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Original von Gamaheh
      Und dann noch eine Frage - Satie?: Ich habe den Eindruck gewonnen, daß es auch bis zu einem gewissen Punkt am Pianisten liegt, dem vorhandenen Instrument im vorhandenen Raum zu seinem bestmöglichen Klang zu verhelfen. Ist das richtig? Wenn ja, wie?

      Grüße,
      Gamaheh


      Liebe Gamaheh,
      selbstverständlich ist das so. Das ist natürlich sogar der wichtigste Punkt. Es zu erklären ist sehr schwierig. Das betrifft alle Aspekte der Technik der Klanggestaltung. Manche Pianisten haben einen herben Anschlag, andere einen weichen. Manche pedalisieren sehr raffiniert und mehr, andere praktisch nicht. Es gibt grundsätzlich klanglich orientierte Pianisten und solche, denen anderes wichtiger ist (wenn das jetzt auch etwas pauschal daherkomen mag). Das Geheimnis des Anschlags ist übrigens etwas, das teilweise ein Mysterium bleibt. Zwar gab es immer extreme Standpunkte, gerade im ausgehenden 19. Jahrhundert: es sei alles physikalisch messbar und erklärbar. Ich selber besitze noch ein Buch von Czeslaw Marek (oder auch umgekehrt), in dem man tatsächlich physikalische Formeln und komplizierte Diagramme findet. Jedes Gewicht wird genau gemessen, das man einsetzt, um einen ganz spezifischen Anschlag zu erreichen. Ich halte das für Schwachsinn.
      Es gibt zum Thema Anschlag viele Mythen, etwa jenen, dass dicke Finger den weicheren Anschlag erzeugen (das erzählte z.B. Horowitz). Manche sind der Meinung, die ökonomischste Bewegung sei immer die beste, andere sind für die große Geste. Leimer-Gieseking sprechen von Relaxation als größtem Geheimnis.
      Letztlich ist es eine Mischung aus all dem und natürlich entwickelt auch jeder gute Pianist eine eigene Technik. Und die bleibt immer auch mysteriös.

      Herzlich
      S A T I E
      Die Musik ist der vollkommenste Typus der Kunst: Sie verrät nie ihr letztes Geheimnis. - Oscar Wilde
    • Lieber Satie,

      herzlichen Dank für die prompte Antwort, die wie immer andere aufwirft, wenn sie auch nicht meine Frage, wie ich sie meinte, beantwortet. Es ist mir schon klar, daß jeder gewissermaßen eine eigene Handschrift hat und daß das natürlich wichtig ist; und das, was Du pauschal sagst, würde ich gerne vertieft wissen.

      Was ich allerdings meinte, war: Sind sie in der Lage (sicher manche besser als andere), ihren eigenen Stil (das, was Du beschreibst) den jeweils vorhandenen Gegebenheiten bis zu einem gewissen Punkt bewußt oder unbewußt anzupassen, d.h. das beste aus den jeweils vorhandenen Möglichkeiten zu machen, auch wenn diese überall anders sind und wahrscheinlich nie optimal?

      Beste Grüße,
      Gamaheh
      In girum imus nocte et consumimur igni.
    • Original von Satie

      bis irgendwann jemand herausfand, dass Cage einen kleinen Steinway Stutzflügel (Baby Grand) besaß. Da verändern sich die Verhältnisse total und dadurch auch der Klang. Es gibt bisher meines Wissens nur eine Aufnahme mit dem tatsächlich von Cage benutzten Instrument. Als ich die hörte, hat es mich fast umgehauen. Ich dachte, das Werk gut zu kennen. Falsch gedacht...


      Lieber Satie,

      Von welcher Aufnahme sprichst Du hier? (Ich kenne nur die bei Naxos Vol. I., die ich sehr mag.)
      Gruß, ab

      Wissen ist Beschreiben können.
      (Rudolf Arnheim)
    • Lieber ab,
      ich habe nochmal nachgesehen: es ist Philip Vandre, die Aufnahme ist bei Mode Records erschienen. Den Hinweis hatte er von Yvar Mikhashoff erhalten, welcher Cage persönlich danach befragt hatte. Die Naxos Aufnahme ist dann wohl die mit Berman? Die ist leider ziemlich brutal gespielt. Ich empfehle wirklich den Vandre ganz besonders!

      Herzlich
      S A T I E
      Die Musik ist der vollkommenste Typus der Kunst: Sie verrät nie ihr letztes Geheimnis. - Oscar Wilde